Skip to main content

Full text of "Semmelweis' gesammelte Werke"

See other formats


This  is  a  digital  copy  of  a  book  that  was  preserved  for  generations  on  library  shelves  before  it  was  carefully  scanned  by  Google  as  part  of  a  project 
to  make  the  world's  books  discoverable  online. 

It  has  survived  long  enough  for  the  Copyright  to  expire  and  the  book  to  enter  the  public  domain.  A  public  domain  book  is  one  that  was  never  subject 
to  Copyright  or  whose  legal  Copyright  term  has  expired.  Whether  a  book  is  in  the  public  domain  may  vary  country  to  country.  Public  domain  books 
are  our  gateways  to  the  past,  representing  a  wealth  of  history,  culture  and  knowledge  that's  often  difficult  to  discover. 

Marks,  notations  and  other  marginalia  present  in  the  original  volume  will  appear  in  this  file  -  a  reminder  of  this  book's  long  journey  from  the 
publisher  to  a  library  and  finally  to  you. 

Usage  guidelines 

Google  is  proud  to  partner  with  libraries  to  digitize  public  domain  materials  and  make  them  widely  accessible.  Public  domain  books  belong  to  the 
public  and  we  are  merely  their  custodians.  Nevertheless,  this  work  is  expensive,  so  in  order  to  keep  providing  this  resource,  we  have  taken  Steps  to 
prevent  abuse  by  commercial  parties,  including  placing  technical  restrictions  on  automated  querying. 

We  also  ask  that  you: 

+  Make  non-commercial  use  of  the  files  We  designed  Google  Book  Search  for  use  by  individuals,  and  we  request  that  you  use  these  files  for 
personal,  non-commercial  purposes. 

+  Refrain  from  automated  querying  Do  not  send  automated  queries  of  any  sort  to  Google's  System:  If  you  are  conducting  research  on  machine 
translation,  optical  character  recognition  or  other  areas  where  access  to  a  large  amount  oftext  is  helpful,  please  contact  us.  We  encourage  the 
use  of  public  domain  materials  for  these  purposes  and  may  be  able  to  help. 

+  Maintain  attribution  The  Google  "watermark"  you  see  on  each  file  is  essential  for  informing  people  about  this  project  and  helping  them  find 
additional  materials  through  Google  Book  Search.  Please  do  not  remove  it. 

+  Keep  it  legal  Whatever  your  use,  remember  that  you  are  responsible  for  ensuring  that  what  you  are  doing  is  legal.  Do  not  assume  that  just 
because  we  believe  a  book  is  in  the  public  domain  for  users  in  the  United  States,  that  the  work  is  also  in  the  public  domain  for  users  in  other 
countries.  Whether  a  book  is  still  in  Copyright  varies  from  country  to  country,  and  we  can't  offer  guidance  on  whether  any  specific  use  of 
any  specific  book  is  allowed.  Please  do  not  assume  that  a  book's  appearance  in  Google  Book  Search  means  it  can  be  used  in  any  manner 
anywhere  in  the  world.  Copyright  infringement  liability  can  be  quite  severe. 

About  Google  Book  Search 

Google's  mission  is  to  organize  the  world's  Information  and  to  make  it  universally  accessible  and  useful.  Google  Book  Search  helps  readers 
discover  the  world's  books  while  helping  authors  and  publishers  reach  new  audiences.  You  can  search  through  the  füll  text  of  this  book  on  the  web 


at  http  :  //books  .  qooqle  .  com/ 


Über  dieses  Buch 

Dies  ist  ein  digitales  Exemplar  eines  Buches,  das  seit  Generationen  in  den  Regalen  der  Bibliotheken  aufbewahrt  wurde,  bevor  es  von  Google  im 
Rahmen  eines  Projekts,  mit  dem  die  Bücher  dieser  Welt  online  verfügbar  gemacht  werden  sollen,  sorgfältig  gescannt  wurde. 

Das  Buch  hat  das  Urheberrecht  überdauert  und  kann  nun  öffentlich  zugänglich  gemacht  werden.  Ein  öffentlich  zugängliches  Buch  ist  ein  Buch, 
das  niemals  Urheberrechten  unterlag  oder  bei  dem  die  Schutzfrist  des  Urheberrechts  abgelaufen  ist.  Ob  ein  Buch  öffentlich  zugänglich  ist,  kann 
von  Land  zu  Land  unterschiedlich  sein.  Öffentlich  zugängliche  Bücher  sind  unser  Tor  zur  Vergangenheit  und  stellen  ein  geschichtliches,  kulturelles 
und  wissenschaftliches  Vermögen  dar,  das  häufig  nur  schwierig  zu  entdecken  ist. 

Gebrauchsspuren,  Anmerkungen  und  andere  Randbemerkungen,  die  im  Originalband  enthalten  sind,  finden  sich  auch  in  dieser  Datei  -  eine  Erin- 
nerung an  die  lange  Reise,  die  das  Buch  vom  Verleger  zu  einer  Bibliothek  und  weiter  zu  Ihnen  hinter  sich  gebracht  hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google  ist  stolz,  mit  Bibliotheken  in  partnerschaftlicher  Zusammenarbeit  öffentlich  zugängliches  Material  zu  digitalisieren  und  einer  breiten  Masse 
zugänglich  zu  machen.  Öffentlich  zugängliche  Bücher  gehören  der  Öffentlichkeit,  und  wir  sind  nur  ihre  Hüter.  Nichtsdestotrotz  ist  diese 
Arbeit  kostspielig.  Um  diese  Ressource  weiterhin  zur  Verfügung  stellen  zu  können,  haben  wir  Schritte  unternommen,  um  den  Missbrauch  durch 
kommerzielle  Parteien  zu  verhindern.  Dazu  gehören  technische  Einschränkungen  für  automatisierte  Abfragen. 

Wir  bitten  Sie  um  Einhaltung  folgender  Richtlinien: 

+  Nutzung  der  Dateien  zu  nichtkommerziellen  Zwecken  Wir  haben  Google  Buchsuche  für  Endanwender  konzipiert  und  möchten,  dass  Sie  diese 
Dateien  nur  für  persönliche,  nichtkommerzielle  Zwecke  verwenden. 

+  Keine  automatisierten  Abfragen  Senden  Sie  keine  automatisierten  Abfragen  irgendwelcher  Art  an  das  Google-System.  Wenn  Sie  Recherchen 
über  maschinelle  Übersetzung,  optische  Zeichenerkennung  oder  andere  Bereiche  durchführen,  in  denen  der  Zugang  zu  Text  in  großen  Mengen 
nützlich  ist,  wenden  Sie  sich  bitte  an  uns.  Wir  fördern  die  Nutzung  des  öffentlich  zugänglichen  Materials  für  diese  Zwecke  und  können  Ihnen 
unter  Umständen  helfen. 

+  Beibehaltung  von  Google-Markenelementen  Das  "Wasserzeichen"  von  Google,  das  Sie  in  jeder  Datei  finden,  ist  wichtig  zur  Information  über 
dieses  Projekt  und  hilft  den  Anwendern  weiteres  Material  über  Google  Buchsuche  zu  finden.  Bitte  entfernen  Sie  das  Wasserzeichen  nicht. 

+  Bewegen  Sie  sich  innerhalb  der  Legalität  Unabhängig  von  Ihrem  Verwendungszweck  müssen  Sie  sich  Ihrer  Verantwortung  bewusst  sein, 
sicherzustellen,  dass  Ihre  Nutzung  legal  ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  ein  Buch,  das  nach  unserem  Dafürhalten  für  Nutzer  in  den  USA 
öffentlich  zugänglich  ist,  auch  für  Nutzer  in  anderen  Ländern  öffentlich  zugänglich  ist.  Ob  ein  Buch  noch  dem  Urheberrecht  unterliegt,  ist 
von  Land  zu  Land  verschieden.  Wir  können  keine  Beratung  leisten,  ob  eine  bestimmte  Nutzung  eines  bestimmten  Buches  gesetzlich  zulässig 
ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  das  Erscheinen  eines  Buchs  in  Google  Buchsuche  bedeutet,  dass  es  in  jeder  Form  und  überall  auf  der 
Welt  verwendet  werden  kann.   Eine  Urheberrechtsverletzung  kann  schwerwiegende  Folgen  haben. 

Über  Google  Buchsuche 

Das  Ziel  von  Google  besteht  darin,  die  weltweiten  Informationen  zu  organisieren  und  allgemein  nutzbar  und  zugänglich  zu  machen.  Google 
Buchsuche  hilft  Lesern  dabei,  die  Bücher  dieser  Welt  zu  entdecken,  und  unterstützt  Autoren  und  Verleger  dabei,  neue  Zielgruppen  zu  erreichen. 


Den  gesamten  Buchtext  können  Sie  im  Internet  unter  http  :  //books  .  google  .  com  durchsuchen. 


SEMMELWEIS' 

GESAMMELTE  WERKE 


HERAUSGEGEBEN 
UND  ZUM  THEIL  AUS  DEM  UNGARISCHEN  ÜBERSETZT 


VON 


Dr.  TIBERIUS  von  GYORY 

PRIVATDOZENT  AN  DER  UNIVERSITÄT  ZU  BUDAPEST 


MIT  MERSTÜTZUM  DER  UMARISCHEN  AKADEMIE  DER  WISSEHSCHAFTEH 


MIT  DEM  PORTRAIT  VON  SEMMELWEIS 
UND  EINER  ABBILDUNG  SEINES  GRABMALS 


JENA 

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER 

71905 


Alle  Rechte  vorbehalten. 


.-V-  >l:::f!  !  "jl/IA 


\°\tä 


Vorwort. 


Die  Herausgabe  der  gesammelten  Werke  von  Ignaz  Philipp 
Semmelweifl  bedarf  wohl  keiner  näheren  Motivirung.    Seine  grund- 

nde  grosse  Arbeit:  „Die  Aetinlogie,  der  Begritt"  und  die  Prophylaxis 

Kindheufiehers"  ist  eines  der  seltensten,  schwer  erhält  liebsten 
Bftcher  geworden,  und  eine  Reihe  seiner  Abhandlungen  war  bis  heute 
der  Allgemeinheit  überhaupt  unzugänglich,  und  nur  in  dem  Lande 
bekannt,  dessen  treuer  Sohn  Semmelweis  war  und  in  dessen  Sprache 
st  B&f  verfasste. 

Diese  beiden  Umstände  würden  allein  schon  genügen,  eine  Heraus- 
gabe seiner  säninitliehen  Werke  zu  rechtfertigen.  Und  doch  —  wie 
im  Leben  so  oft  —  waren  es  auch  diesmal  Impulse  seeundärer 
Natur,  die  mir  zu  meinem  Unternehmen  den  Austoss  gaben.  Ich  will 
sie  hier  offen  darlegen.  Es  sind  das  die  zahlreichen,  von  Zeit  zu 
Zeit  auftauchenden  Prioritätsansprüche  gegen  Semmelweis.  Ich  habe 
so  ziemlich  von  allen  Keuntniss  genommen  und  aus  s&mmtlicban 
etwas  geradezu  Verstimmendes  herausgefühlt  Denn  kein  Einziger 
viii  Allen,  ilie  ihm  die  Priorität  absprechen  wollten,  dürfte  behaupten 
können,  die  Schriften  von  Semmelweis,  ja  auch  nur  das  obenerwähnte 
grosse  Werk  wirklich  zu  kennen.  Ueberali  blieb  ein  Kest  übrig, 
den  man  nicht  bemerkte  oder  nicht  berücksichtigte,  ohne  den  sich 
aber  die  in  den  Vordergrund  gedrängten  Lehren  überhaupt  nicht 
als  identisch  mit  der  SemmelwtiB'scnen  Theorie  erweisen,  wess- 
wegen  es  sich  auch  bei  den  -Prioritätsansprüchen"  überhaupt  um 
keine  Priorität  handeln  konnte.  Die  meisten  dieser  Ansprüche 
leiden  an  der  Unkenntnis*  selbst  des  einfachen  Satzes,  der  ja 
.loch  den  Kernpunkt  der  Semmelweis'schen  Lehre  bildet,  wonach 
das  Kindbettfieber  und  die  Pyaemie  (im  weitesten  Sinne  des  Wortes) 

und  dieselbe  Krankheit  ist.  Auch  heutzutage  sind  noch  nicht 
alle  Schichten  der  Aerztewelt  davon  durchdrungen,  dass  dies 
das  punctum  saliens  seiner  Lehre  ist;  bei  so  Manchen  lebt  diese 
noch  immer  nur  als  die  „Theorie  der  cadaverösen  Iniection'",  trotz- 
dem Semmelweis  selber  in  seinen  Schriften  dagegen  „feierlichst 
protestirta".  Dass  sich  die  meisten  Prioritätsansprüche  gerade  in 
diesem  Satze  erschöpfen,  bezeugt  nur  —  und  dies  ist  das  ver- 
stimmende Moment  dabei«—  mit  welch'  unhistorischem  Leichtsinn, 
mit    welch'    unwissenschaftlicher  Uewissrnlnsiirkeil    man   dem   Haupte 


48197 


IV  Vorwort. 

Semmel  weis'  den  Lorbeer  zu  entreissen  beflissen  war.  Selbst  Zw  ei  fei 's 
im  Jahre  1897  gesprochenes  Wort:  „Prioritätsansprüche  gegen  Semmel- 
weis werden  kein  Glück  mehr  haben  und  ihren  Verfechtern  nicht 
zum  Ruhme  dienen,"  —  selbst  dieses  Wort  ist  seither  nicht  gehörig 
beherzigt  worden  und  hat  nicht  zur  nöthigen  Vorsicht  betreffs  der 
Prioritätsfragen  geführt.  Auch  seither  kam  es  wiederholt  zum  Streite ; 
der  letzte  wurde  1904  —  selbstverständlich  zu  Gunsten  von  Semmel- 
weis —  ausgetragen. 

Ich  hoffe  es  zuversichtlich,  dass  mit  der  vorliegenden  Ausgabe 
seiner  Schriften  den  unbegründeten  Prioritätsansprüchen  endgiltig 
ein  Ende  bereitet  werden  wird.  Sie  alle  werden  an  der  nun- 
mehr ermöglichten  Totaleinsicht  in  seine  Werke  von  nun  an  scheitern. 
Denn  die  Schriften  von  Semmelweis  sind  so  deutlich  und  durchsichtig 
concipirt  seine  Lehre  selbst  steht  so  felsenfest  da,  dass  selbst  die 
oberflächliche  Bekanntschaft  mit  ihr  zu  der  Ueberzeugung  führen 
muss.  sie  sei  nicht  umzustossen  und  alle  gegen  sie  gerichteten  An- 
griffe müssten  wirkungslos  an  ihrer  unurastösslichen  Wahrheit  ab- 
prallen. 

Tn  der  vorliegenden  Ausgabe  der  Semmelweis'schen  Schriften 
ttndet  der  geneigte  Leser  auch  Abhandlungen  aus  der  Feder  von 
Hebra.  Routh.  Haller  und  Skoda.  Es  entsteht  dabei  die  Frage,  wieso 
diese  liier  herein  gehören?  —  Semmelweis  hatte,  wie  er  selbst  sagt, 
„eine  angeborne  Abneigung  gegen  Alles,  was  Schreiben  heisst*.  Diese 
Abneigung  bezwang  er  erst  spät.  Erst  1858  publicirte  er  seine  1847 
gemachte  Entdeckung  in  ungarischer.  1860  in  deutscher  Sprache,  als 
er  sich  schon  Vorwürfe  über  sein  langes  Schweigen  zu  machen  an- 
fing. Die  ersten  Publicationen  seiner  Entdeckung  wurden  von  den 
oben  Genannten  besorgt;  sie  waren  die  ersten  Stimmen  die  sich  für 
seine  Ideen  einsetzten,  seine  Lehren  zu  verbreiten  trachteten.  Ihre 
Schriften  bleiben  aber  nichtsdestoweniger  immer  das  geistige  Product 
von  Semmelweis.  Dies  der  Grund,  wesshalb  sie  in  seine  gesammelten 
Werke  unumgänglich  hineingehören. 

Auch  die  Vorträge,  die  Semmelweis  in  der  k.  k.  Gesellschaft  der 
Aerzte  zu  Wien  im  «lahre  1850  hielte  hatte  er  nicht  zu  Papier  ge- 
bracht. Glucklicher  Weise  sind  sie  jedoch  in  den  Sitzungsprotoeollen 
der  Gesellschaft  erhalten  geblieben. 

Vom  Jahre  1858  an  entwickelte  Semmelweis  hingegen  eine  umso 
grössere  litterarische  Thätigkeit.  Er  fühlt  es  nun  als  «unabweisbare 
Pflicht,  für  die  Wahrheiten,  zu  deren  Vertreter  ihn  das  Schicksal  er- 
koren", auch  schriftlich  einzustehen.  -Es  kommen  nicht  mehr  meine 
Neigungen,  sondern  das  Leben  derjenigen  in  Betracht,  die  an  dem 
Streite,  ob  ich  oder  meine  Gegner  Recht  haben,  keinen  Antheil 
nehmeu"  —  sagt  unser  Autor  in  dem  Vorworte  seines  grossen.  IStiO 
publicirten  Werkes. 

Als  jedoch  die  Wahrheit  selbst  nach  dessen  Erscheinen  nicht 
durchdrang,  da  erschienen  die  berühmten  —  oder  wie  man  sich  öfters 
ausdrückte:  berüchtigten  —  .Offenen  Briefe-.  Es  ist  viel  über  sie 
geschrieben  worden:  sie  wurden  unter  verschiedenerlei  Beurtheilung 
besprochen,  namentlich  ihr  scharfer  Ton  getadelt.  Ich  möchte  hier 
einmal  die  Sache  nicht  nach  den  conventieüen  Formen,  sondern  von 
ihrer  psychologischen  Seite  aus  beleuchten.  Da  wird  dann  selbst  der 
TVm  dieser  Briefe  verständlich,  wenn  man  'bedenkt,  dass  Semmelweis 
dreizehn  volle  Jahre  hindurch  mit  der  tiefsten,  ja  feierlichen  Ueber- 


Vorwort. 

zeugung  eine  Wahrheit  predigte,  von  der  das  Leben  zahlloser  Frauen 
im  Momente  der  Erfüllung  ihres  hehrsten  Lebensberufes  abhängt,  — 
und  dass  trotzdem  diese  dreizehn  Jahre  nicht  genügten,  seinen  Lehren 
überall  zum  Siege  zu  verhelfen.  Selbst  nach  dem  Erscheinen  seines 
grossen  Werkes  findet  er  mehr  Gegner  als  Yertheidiger.  Dies  sollt« 
sich  baldT  im  Jahre  1861,  auf  der  36.  Versammlung  deutscher  Natur- 
forscher und  Aerzte  in  Speyer  —  noch  drastischer  offenbaren.  Pro- 
fessor Lange  aus  Heidelberg  war  hier  der  einzige,  der  für  seine 
I .einen  eintrat,  während  sich  die  übrigen  Redner  —  Hecker,  Spiegel- 
berg. Virchow,  Roser,  Betschier  und  Arnoldi  —  dagegen  ablehnend 
aussprachen. 

hie  Geringschätzung,  ja  selbst  Verhöhnung,  der  nun  Semmelweis 
ausgesetzt  war,  steigerten  in  ihm  die  Verbitterung,  das  Leben  so 
Vieler  gefährdet  sehen  zu  müssen,  die  durch  seine  Massregeln  zu 
retten  gewesen  wären.  Kann  es  da  Wunder  nehmen,  dass  die  Gut- 
miithigkeit  dieses  Mannes  —  denn  als  gutmüthig  schildert  ihn  ein 

i,  der  ihn  persönlich  kannte  —  endlich  ein  Ende  nahm  und  er 
in  scharfem  Tone  auf  Jene  losschlug,  die  sich  seiner  lebenrettenden 
Lehre  entgegenstellen?  —  Wenn  wir  noch  hinzunehmen,  dass  es  ihm 
dabei  nicht  um  sich  selbst  zu  tluin  war  —  denn  Eitelkeit  war  ihm 
fremd  — ,  sondern  immer  wieder  nur  um  das  Leben  der  gebärenden 
Mütter,  dann  werden  wir  auch  seine  „Offenen  Briefe"  in  ihrem 
scharfen  Ton  als  das  Eingen  um  die  Wahrheit,  als  die  Bethätigung 
seiner  überaus  grossen  Nächstenliebe  ansehen  und  beurtheilen  müssen, 
wobei  es  sich  nicht  um  den  Ton,  sondern  um  das  Leben  Tausender, 
ja  Millionen  handelte.  — 

Semmelweis'  Werke  gestatten  einen  klaren  Einblick  nicht  nur  in 
seine  objectiven  Lehren,  sondern  auch  in  das  Subjective  seines  edleu 
Wesens.  Sein  tragisches  Lebensschicksal  spiegelt  sich  wieder  in 
seinen  Schriften,  vor  Allem  in  seinem  grossen  Werke  und  in  den 
„Offenen  Briefen".  Sie  werden  durch  die  zahlreichen  Biographien  und 
Vorträge,  zu  denen  sich  die  Besten  unserer  Wissenschaft  so  oft  an- 

igt  fühlten,  aufs  Schönste  ergänzt;  es  sei  in  dieser  Hinsicht  vor 
Allem,  unter  vielen   andern   werthvollen  Schriften,   auf  die  Vorti 
nnd  Reden  Hegar's,  Brück'*,  Zweifel's  und  G  rosse's  hingewiesen.*) 

Die  Begründung  seiner  Lehre  war  der  Ausgangspunkt  seiner 
Forschung,  ihre  praktische  Durchführung  das  höchste  Ziel  seiner 
Thfttigkett;  sie  war  der  Inhalt  seines  Daseins,  und  ward  zur  Tragik 
seines  Lebens.  Denn  es  war  ihm  nicht  gegönnt  jene  ungetheilte  An- 
erkennung seiner  Lehre,  die  ihr  heutzutage  gezollt  wird,  zu  erleben. 
Das  einzige  Land,  wo  seine  Lehren  ohne  Widerstand,  ja  mit  offenen 
Armen  aufgenommen  wurden,  war  sein  Vaterland  Ungarn,  wohin  aar 
1850  zurückkehrte  und  wo  er  bis  zu  seinem  Lebensende  wirkte. 
Auch  hier  bereitete  ihm  allerdings  administrative  Kurzsichtigkeit 
manche  Schwierigkeiten;  von  wissenschaftlicher  Seite  aber  wurden 
Beine  Worte  hier  nie  bekämpft.  — 

l '  r  Kampf,  den  er  sein  lebelang  für  seine  Lehre  zu  führen  hatte, 
spannte  ihn  gewissennassen  ab,  und  wie  zu  einer  Oase,  flüchtete  er 


*)  Während  der  Drucklegung  des  vorliegenden  Bandes  erschien  von  Dr.  Fritz 
m  Waldheim  unter  dem  Titel:    rIgnaz  Philipp  Semmelweis"  eine  insofern 
werthvolle  Arbeit,  als  sie  die  Urtheüe  der  Mit-  und  Nucliwelt  ilher  die  SemmehYeis'aclie 
■  lückenlos  mittheilt. 


VI 


Vorwort. 


sich  in  den  letzten  Jahren  seines  Daseins  in  das  weniger  aufregend«* 
1 1  Gynaeeologie.  Der  geneigte  Leser  findet  im  vorliegenden 
Bande  auch  seine  hiehergehörigen  Aufsätze.  Er  befasste  sich  auch 
mit  der  Absicht,  ein  Lehrbuch  der  Gynaeeologie  zu  sehreiben  (die 
hiezu  gehörenden  Textabbildungen  hatte  er  sehon  ausfuhren  Imasen); 
indess  verhinderte  ihn  sein  tragisch  jäher  Tod  sowohl  an  der  Verwirk- 
lichung dieses  Plans,  wie  auch  an  der  Bedeutung  einer  bereits  be- 
gonnenen kürzeren  Publication  aus  demselben  Fach.  Er  starb  nach 
film-  zweiwöchentliehen  Internirung  in  der  niederoesterreichischen 
Landes-Irrenanstalt  zu  Wien.  Seine  physischen  Kräfte  hatten  sich 
an  den  Folgen  jener  Krankheit  aufgezehrt,  deren  Bekämpfung  er 
zeitlebens  seine  ganze  psychische  Kraft  opferte:  er  erlag  einer  Pyaemie. 

►Seine  Yai-Tstadt  Budapest  widmete  ihm  ein  Ehrengrab.  und  zu 
Pfingsten  1906  wirrt  Bein  Standbild  enthüllt  werden.  Aere  peren- 
nial aber  wird  das  selbsterrichtete  Denkmal  Semmelweis'  in  alle  Zu- 
kunft fortbestehen :  sein  Lebenswerk,  das  in  den  vorliegenden  Schriften 
niedergelegt  ist.  Er  und  Jenner  —  das  sind  die  beiden  Grössen, 
deren  wissenschaftliche  Thätigkeit  unmittelbar  in  die  Menschenliebe 
hinübergreift. 

Die  Wissenschaft  kommt  einer  Ehrenpflicht  nach,  indem  sie  die 
gesammelten  Werke  von  Semmelweis  der  Nachwelt  bietet,  die  ihm 
so  viel  Dank  schuldet.  Der  Ungarischen  Akademie  der  Wissen- 
schaften gebührt  dafür  vor  Allem  Anerkennung:  sie  ist  auf  meinen 
dahin  zielenden  Vorschlag  bereitwilligst  eingegangen  und  hat  das 
Erscheinen  der  vorliegenden  Ausgabe  durch  Gewährung  einer  be- 
trächtlichen materiellen  Unterstützung  ermöglicht. 

1  iid  nun  sei  dem  geneigten  Leser  das  ges&mmte  Lehen swerk 
des  ,,beim  Baue  verunglückten  Arbeiters"  freundlichst  empfohlen:  eine 
ewig  bestehende  Leistung  der  Wissenschaft  und  der  aufopfernden 
Menschenliebe. 

Budapest,  4.  August  1905. 


T.  von  Györy. 


Inhaltsverzeichniss. 


Seite 

Vorwort HI 

Tractatus  de  vita  plantaram.    (Dissertatio  inauguralis) 1 

Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Seramelweis'schen  Lehre 21 

Ferdinand  Hebra:  Höchst  wichtige  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der 

in  Gebäranstalten  epidemischen  Puerperalfieber 23 

Derselbe :  Fortsetzung  der  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  in  Gebär- 
anstalten epidemischen  Puerperalfieber 24 

C.  H.  F.  Routh:  Ueber  die  Ursachen  des  endemischen  Puerperalfiebers 

in  Wien 25 

Carl  Haller:  Aerztlicher  Bericht  über  das  k.  k.  allgemeine  Krankenhaus 

in  Wien  u.  s.  w 34 

Joseph  Skoda:  Ueber  die  von  Dr.  Semmelweis  entdeckte  wahre  Ursache 
der  in  der  Wiener  Gebäranstalt  ungewöhnlich  häufig  vorkommenden 
Erkrankungen  der  Wöchnerinen  und  des  Mittels  zur  Verminderung 

dieser  Erkrankungen  bis  auf  die  gewöhnliche  Zahl 36 

Semmel  weis'  Vortrag  über  die  Genesis  des  Puerperalfiebers 47 

Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber 59 

Die  Aetiologie  des  Kindbettfiebers 61 

Der  Meinungsunterschied  zwischen  mir  und  den  englischen  Aerzten  über 

das  Kindbettfieber 83 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers 

[HauptwerkJ 95 

Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe 427 

Zwei  offene  Briefe  an  Dr.  J.  Spaeth  und  an  Dr.  F.  W.  Scanzoni  .    .  429 

Zwei  offene  Briefe  an  Dr.  E.  C.  J.  v.  Siebold  und  an  Dr.  F.  W.  Scanzoni  441 

Offener  Brief  an  sämmtlicbe  Professoren  der  Geburtshilfe 463 

Der  Verein  St.  Petersburger  Aerzte  über  die  Aetiologie  und  die  prophy- 

laetische  Behandlung  des  Kindbettfiebers 512 

Semmelweis'  gynaecologische  Aufsätze 639 

Ueber  einen  seltenen  Fall  von  sackartiger  Ausbuchtung  des  schwangeren 

Gebärmutterhalses 541 

Exstirpation  und  Neubildung  eines  Uterusfibroids ;  Schwangerschaft  mit 

normalem  Verlauf 543 

Sieben-Monatsgeburt  nebst  Polypus  uteri  fibrosus  von  enormer  Grösse     .  544 

Aeltere  und  neuere  Theorien  über  die  Menstrualblutung 545 

Die  Menstruation  und  ihre  Anomalien 552 

Die  operative  Behandlung  der  Ovariencysteu 583 


Anmerkungen  des  Herausgebers 598 


TRACTATUS 

DE 

TITA  PLANTARUM 


Dissertatio  inauguralis 

auctore 

Ignatio  Phil.  Semmel  weis 

Medicinae  Doctore 


VINDOBONA 

Typis  Caroli  Ueberreuter 

1844. 


De  vita  plantarum  in  genere. 

Qui  oeulis  tarn  grate  arridet  amoenus  foliorntn  viror,  floram 
splendor  et  mira  varietas;  qui  nares  feriimt  suavissimi  odores,  qui 
gustum  demulcent  dulcissimi  sncci,  quae  corpus  nostrunt  restaurant, 
naorbos  profligant,  sanitatem  reducunt  —  snbstantiae  plantarum.  e 
quibns  animum  poctarum  inspirat  suavissimus  Apollo;  quam  in  iis 
sapiens  uiiratur :  summa  formarum  diversitas,  ordinis  uniformitas,  arti- 
ficiosa  fabrica,  miscela  et  motus  mnltiplices,  nee  non  cum  macrocosmo 
commercium  omnia  haec  sunt  effectus  unius  vis,  ejusdem  vis.  quae 
miueralia  in  crystallos  cogit  et  dissolvit,  quae  aquarum  moles  in 
maribus  volvit,  quae  terram  coneutit,  hujus  aheneam  disrumpit  ernstam, 
fances  ejus  ignivomas  distendit  a£res  fulgure  convellit.  soles  placide 
in  orbita  ducit,  quae  tandem  hominem  ipsum  producit,  innuineris, 
splendidissimisqne  facultatibus  exornatum,  et  quam  vim  naturae  — 
vitam  —  dieimus. 

Hujus  tarnen  causam  quaerentes  ultimam,  frustra  desudamus» 
des  ndabimusque. 

Mens  humana  tarnen  non  acquiescit,  donec  phaenomenorum  omnium 
rationem  reddat  sufficientero.  laeti  ideo  sequimur  ideam,  quam  naturae 
philosophi  hoc  modo  exponunt.  Omne  quod  existit  ex  divino  omni- 
potentiae  spiritu  emanat  —  ex  vi  naturae,  quae  semet  solvendo  ac 
uniendo,  qua  attractio  et  repulsio,  contractio  et  expansio  manifestat, 
continuo  operatur,  iniinitam  materierum  diversitatem  producit,  quas 
iteruni  destruit,  ut  nusum  nova  entia  iude  generet,  quae  tandem 
-mus  aut  ocyus  ad  supremam  omnium  scaturiginem  reducit.  Vis  et 
nwiTtiia  BOdan  gamlent  fönte,  una  ab  alia  separari  nequit.  -  Materia 
ex  conflictu  virium  adtractivarum  et  repulsivarum  resultat,  quatenus 
in  spatio  eomp&rent;  omnis  igitur  materia  proportioni  virium  produc- 
ta varuni  adaeqaata  sit,  sicut  ex  universo  vis  qualitati  materiae  res- 
pondeat  oportet.  Quod  ergo  in  plantarum  organismo  vim  vitalem 
dieimus.  nil  aliud  est,  ac  pecnliaris  modiiieatio  vis  naturae;  haec  vis 
Titalts  in  vaiiis  organis  seenndum  variam  eorum  proprietatem  vario 
modo  manifestatur  —  pecnliaris  ergo  vis  non  est.  sed  qualitas  ma- 
teriae  organicae.  nee  est  proprie  vis  vitalis.  quia  [»er  semet  äpsam 
inen  est  et  potentiis  extentis  indiget,  quibns  ad  reactiunein  provo- 
catur,  Sunt  vero  potentiae  haec:  Calor,  Lux,  A#r,  Electricitas  et 
Soium.  —  Calorem  vitam  plantarum  excitare  et  fovere  ex  seqnen- 
tibns  patet:  seraen  in  frigore  non  germinat,  gemma  non  evotvitnr, 
plantae  ejus  influxui  expositae  cito  moriuntur.  E  contrario  cum  calore 

l» 


4  T."V.t*tiW  i*  "itt  pjtarar-.r. 

iriTeacente  ir^T^oi*  pi^nramrri  in-  et  «•.«■.«•1* .  a*i  ?.'■■  '.-7rr*ativ 
s«;b  rrofiia  c".*re  'irrr^n.^ra.r.  •' f-ry-rTim  srrafofl  eakri*.  --i^rr.  planta« 
*xi*mnt.:  3fj.'.r.ri-!rim  variam  eurnm  r{^ri*rfi  variat:  .*-*r.\  iua*  r/.nni-i 
*nb  »yrio  f*rvMi.*-.irr.'j  pr',ver;iant..  'Jörn  ajae  regKr.e  itisdii'.n  Lae- 
•ar.rur  er  »ob  ip*a  niv*.  florent.  frco  div*r:-*e  plantarurr,  {«:*.*>.  «ii- 
v*r^arfi  vrapeTaTrirarri  *xp**cunt.;  sie  >cimu«>  gemmas  et  ü-re»  tri- 
g.r.baa  v^rriaiibr.i  non  raro  adnri.  dorn  radic**  et  trunci  j»r.renc>>imae 
fA^ ".r.*  hrxrr.a*.  —  Marita.-  aut*m  vario  caloris  gradui  ad.»uescere. 
*.t  wAltia  n-i-Tro  v#e!o  acc;imati»atis  novrimus:  imm'.-dicus  tarnen 
«*»>./  »'imiüo  nimio  vitam  earnm  ita  pe*«urndat.  »icut  omni*  ejus  de- 
iW.»sr  —  Vegetabilia  etiam  proprium  calorem  internum  extricant. 
quo  ^eroet  '-',n*ra  potent  ja«  noeivas  immunes  taentur.  ita  hyeme  alti- 
op-m.  aentate  inferiorem,  in  penetralibus  ostendunt  temperaturam  ac 
a»r  atmosphaericus.  —  Plurimum  caloris  evolvunt  floris  tempore  et 
in  hocce  ipno,  qui  non  raro  pluribus  gradibns  illam  atmosphaerae 
fi.nperat.  Latin  magnum  in  vegetabilia  influxnoi  quotidie  obser- 
vare  pos*umu.H:  cvigiJante  sole  evigilat  plantamm  regnum  in  novain 
quasi  vir  am.  aperiuntiir  flores,  folia  elevantur,  vires  eriguntur.  quae 
post  t-juH  occasum  relabuntur;  multas  plantas.  flore,  foliis  et  conno 
motum  koü.h  prosequi  videmus:  arbores  in  medio  sylvarum  situati 
frondibus  semet  versus  lucern  elevant.  dum  in  margine  consistentes 
ramos  in  latus  liberum  protendunt;  plantae  in  obscuro  vegetantes 
«'■iiiper  in  partim  inclinantur  e  qua  lucis  radii  ineidunt:  C.  Blumen - 
bacli  observavit,  germen  solani  tuberosi  in  cellario  20  pedes  versus 
lencstriilam,  paucis  radiis  introitum  concedentem,  repisse.  Ceterum 
iiiterisitas  Iwis,  quam  variae  plantae  requirunt,  tarn  diversa  est,  sicut 
caloris  gradus.  ejusque  influxus  immodicus  eosdem  producit  efl'ectus 
dH«terios  supersti  mutantes,  uti  calor.  —  Aerem  vegetabilibus  vitae 
pnbiilnm  esse,  inde  patet:  quod  vegetabilia  respirent.  ideo  semen  ejus 
orbatum  influxu  germinare  non  potest,  et  plantae  in  vacuo  exstin- 
triiuntiir.  Ai'-r  in  hoc  sibi  etiam  inagnam  dignitatem  vindicat,  quod  sit 
ronduetor  caloris  et  liumorum,  e  quibus  planta  nutritur.  —  Est  verc 
oxygenium.  quod  in  aere  summum  exposcit  respectum,  quod  proprie 
stimuln  vitnli  gaudet;  ideo  semina  in  aere  aut  aqua  oxygenio  abun- 
dante  eil  ihm  ad  germinationem  provocantur,  ideo  crebra  terrae  circa 
radicpK  perfossio  Vegetationen!  promovet.  et  iterato  aratu  agros  illam 
fcriililatem  coiisequi,  ac  dum  fimantur.  notum  est;  sed  e  contraric 
HCtin  ejus  immodira  siiperstiinulando  exhaurit  vires.  —  Electrica 
tat  cm  multum  in  vitam  plantarum  operari  nulluni  est  dubium.  cujus 
influxus  moderat  us  lianc,  ut  animalium  vitam,  exstimulat,  plus  quam 
modicus  enervat.  Kx  hoc  tonte  explicatur  salubritas  pluviae  tempes- 
tatis  tempore  v  caelo  labentis;  sub  electricitatis  influxu  semiua  fa- 
cilius  germinare.  ramulos  eitius  gemmas  evolvere,  experimenta  com- 
proli.-mt.  —  Solum.  quamvis  maxime,  ut  plantae  basin  largiatur 
«lest  inat um  videatur.  tarnen  non  parvum  inliuxum  in  illius  habet  vege 
t.'itiuuein.  partim  quia  ceteras  potentias  vitales  taquam,  aerem,  calorem 
in  se  emitinet;  partim,  quia  materiis  alibilibus  gaudet,  quas  plantü 
sibi  adsimilat;  absipie  dubio  electro-galvanicam  tensionem  cum  radi 
ribus  fiivendu.  etiam  dynamico  agit  modo.  —  Certas  soli  substantia: 
plantas  revera  assimilare.  jam  diversus  earum  sapor  et  odor,  seeundun 
soli,  in  quo  creseunt.  diversitatem  prodit.  et  chemica  analysis  evincit 
Quaedam  plantae  omni  contentantur  solo,  quaedam  peculiari  ejus  sort 
adligantur,  quaedam  in  diversis  ejus  speciebus  vegetant,  una  aliav< 


Tractatns  de  vitn  plantarum.  5 

ien  magis  laetantur.  —  Sic  plantae  ex  classe  Diarlel]>)iiae  humum 
calcarea  sulfurea  mixtain  amant  Boraginae  solo  Kali  nitrico  prae- 
smante  delectantur  etc.  —  Summi  momenti  est  hnmus  in  solo,  quae 
maximam  quantitatem  materierum  alibilium  contimt,  —  Fertilissiiniim 
censetur  soluni,  quod  ex  adaequata  pTOftortioue  huiiii.  argillae  et.  ral- 
careae  emergit,  quae  postremae  humores  ex  aere  adtrahunt  et  reservant. 


Geiieratio  seu  Propagatio. 


Plantae  —  animalinm  in  modum  —  vel  per  generationem  hete- 

■neam  vel  homogenea.ni  oriuntur.  —  I'riorem  magna  natur&e 
coriosorum  turma  contra  Ehren berg  prine.ipem  oppugnantem,  de- 
lendit.    quam  et    quilibet    attentus   observator    quotidie   comprobandi 

Tonern  reperiet,  dum  sub  solo  potentiarum  generalium:  aquae, 
aeris  et  caloris  confiictu,  materiaui  dictum  Pristleyanam,  Confervas 

s  Lychenum,  Mus  cor  um  et  Fangor  nm  species  oriri  eon- 
gpicit.  Neque  rationi  contradicit,  imo  ad  illam  confugere,  jubemur, 
quomodo  enim  quarundam  eryptogamaiimi  e.  g.  Unygenae  equinae, 
quae  utiice  inter  soleam  et  ungulam  equorum  reperitur.  vel  Splachni 
sphaerici.  tenuis,  angustati  nmioides,  quae  excrementa 
certorum  aniroaliura  obducunt.  —  S p h a e r i a e  pnrpureae  et  m  i  1  i  - 
tat  is  quae  cadavera  quorundam  insectorum  tegunt  —  imo  nonnul- 
larum  phaneroganiarum,  quae  in  locis  et  sub  circurastantiis  proerevere 
dum  nulluni  Bernau  illuc  devehi  potnit  —  ortura  alias  nobis  expli- 
cabimns?! 

Longe  frequentius  tarnen  plantae  e  individuis  ejusdem  speciei 
oriuntur,  per  ge  u  e  r  a  t  i  o  n  e  m  h o in o g e n e a ra  seu  propa-gatione in 
dictam.  quam  iternm  in  monogeneam  et  digeneam  distinguimus. 
Oeueratione  monogene ft,  quin  foecundatione  opus  sit,  pars 
qnaedam  individui  materni  in  sobolein  evolvitur.  —  Huc  spectat 
pagatio  per  gemmas,  tubera,  bulbos.  —  Generatio  digenea  me- 
diante  concursu  sexus  duplicis,  polaris,  perficitur,  quo  vera  gignuntur 
seniina  —  quaedam  utroque  modo  propagantuT,  ut  id  in  arboribua 

ris  videmus.  Semen,  plantam  in  nodum  contractam  eiaibet; 
perfectum  integumento  ex  nucleo  coiistat  -  Integumentum  membrana 
componitnr  duplici,  quarum  exterior  clmrion  s.  teste,  interior  endo- 
pleura  s.  nuclearium  nominatur.  Testa  nunquam  deest.  forniat.ur  e 
cellulis,  qiiibus  subinde  et  vasa  spiralia  accedunt  estque  poniuiu 
expers;  Kudopleura  crebro  deficit,  alias  texturae  est  mere  cellu- 
losae. Ambae  semini  utiles  evadunt,  illud  obvolvendo,  partes  interiores 
eoutinendo  ac  muniendo.  Nueleus  embryone  et  albnmine  completnr. 
Embryo  rudimentum  novae  plantae  repraesentat,  est  ideo  maxime 

iti.ilis  semini  pars,  qui  textu  celluloso  componitnr,  ac  germinando 
prinio  vasa  Bpirialia  adquirit:  distinguitur  in  corpus  cotvledonuni  <  1 
Diastema.  Blastem a  duas  offert  particulas,  quae  gemmula  et  radinila 
dicuntur,  ambae  nodulo  vitali  seu  indüFerentiae  junguntur.  qui  etiem 
um  cotyledonibus  per  vascula  in  nexu  versatur  organico.  Corpus 
retyledoneum  in  praeparatdonem  nutrimenti  pro  blastemate  germi- 
iiint«-  destinatum.  mos  una,  mox  plnribus  constat  partibus,  liinc  Bo- 
tanicis   momentum    praebet    vegetabilia    in    mono-    et    dicotyledonea 


r. 


Tractatus  de  vita  p]antarura. 


dispeseendi.  Alb  amen  pars  seminis  accideutalis,  mos  majori  mox 
ininori  adest  copin.  mox  pene  defii-it,  et  in  relatione  in  versa  ad  em- 
bryonis  versatur  magiiitudinem,  ut  hoc  (in  Cucurbitaceis,  Oueiatis 
maxitne  evoluto  penitus  exteriuinatiir;  alias  (in  Graiuineis,  8citamineisf 
Urabellatis,  Liliaceisi  supra  illum  fange  dorainetur.  —  Albamen  in 
cellulis  amylon.  muctim.  subinde  et  oleum  pingue  continens,  embryoni 
nntrimentum  Boppeditare  videtur. 


Processus  ^erininationis. 


Ut  seinen  in  plantam  evolvi  possit,  primo  ipsum  vitabilitato 
gaudeat  —  semina  effoeta  nunquam  germinare,  experientia  compro- 
bat  — :  dein,  potrntiis  exeitantibus  (lud,  aeri,  electrico,  humori)  pateat. 
Quamdiu  hoc  vitalitas  in  seminibus  conservetur?  variat;  sunt,  quae 
hac  facultate  mox  post  maturationem  exumitur,  dum  in  aliis  multos 
tuetnr  per  annoa  Priorem  experimur  in  Ümbellatis,  Saxifragis, 
Geutianeis  —  posteriorem  in  seminibus  amylosis  —  frumentis  quorum 
grana  post  saecula  progerminasse  feruntur.  —  Processus  ipse  germi- 
nationis  seqiienti  absolvitur  modo:  Kmbryo  per  hylum  seminis  aquam 
adtrahit,  quae  liujus  integumenta  emollit,  et  in  albumine  contentas 
substantias  resolvit  ac  diluit;  carbonium  et  azotum  aeris  atmosphaerici, 
per  aquam  absorpti,  in  penetralia  seminis  vehuntur,  oxygenium  vero 
illius  pro  parte  carbonium  anivlo  exigit,  cum  eo  acidi  carbonici  sub 
specie  avolandu,  dum  alia  hujus  oxygenii  pars  cum  reliquo  albuminis 
jungitur,  illudque  in  materiam  sanlmraceam  transmutat;  praeterea 
gas  hoc  cum  ceteris  potentiis  stimulantibus  dynamico  agit  modo, 
seminis  vitalitatem  excitando,  Processus  dictos  fovendo  et  urgendo. 
Kadern  vero  ratione,  qua  cotyledones  aqua  praegnantur,  et  nisus  evo- 
lutionis  in  embryone  excitatur,  turgescunt  semina.  rumpuntur  tandem 
ejus  integumenta.  quae  officium  snum  completentia  decidunt  et  ex* 
Biccantur,  cotyledones  vero  nunc  ab  invicem  discedunt,  extricatur 
blastema,  cujus  radicula,  quamcumque  antea  regionem  respexit,  ad 
lnlicem  in  terrae  sinu  vertitur  (sive  vi  centripeta,  sive  proprio  in 
ejus  vita  fundato  nisu),  in  quam  plures  demissit  tibrillas,  quae  rudi- 
nientum  constituunt  novae  radicisT  geramula  vero  per  uisum  lucem 
quacii-mli,  aut  vim  centrifugum  determinata,  minus  rapide  quidem, 
versus  solem  elevatur.  huicque  unum,  duove  expandit  foliola.  Cotyle- 
dones vel  cum  gemmula  super  terram  extolluntur,  vel  infra  ejus 
supernciem  relicti  manent,  eamque  habent  momentosam  destinationem, 
ut  pro  planta  infante  succos  crudos.  quos  tenera  adsugit  radicula 
digerant  et  assimilent,  imo  propriam  ei  substantiam  in  nutrimentum 
subministrent;  illa  vero  adolescente,  perfectis  atque  roburatis  huic 
functioni  dicatis  organis  cotyledones  munere  suo  exuuntur,  marcescunt 
—  moriuntur.  —  Temporis  spatium.  quod  semina  in  germinationem 
'•••iisuiiiuiit  varium  invenitur.  secundum  plantas  unde  rcpetuntur;  sunt, 
quae,  cito  germinant,  uti  Leguminosae,  (Tramina,  Cruciatae,  imo  quae- 
dam  in  ipso  adhuc  l'ructu  hunc  processiun  inchoant,  de  quo  Ehizo- 
phora,  Mangle,  et  Bulbine  asiatica  mira  nobis  exempla  per- 
liibent.  dum  alia  per  longius  tempus  se  ad  illum  praeparant,  quemad- 
modum  Umbellatae,  Eosaceae,  Proteae,  quae  ad  duos  subinde   annos 


Tractataa  de  vita  plaotnrain. 


hoc  opus  extendunt.     Ceterum   hie  lucis,  caloris,   electrici  varius   iu- 
fltixus  nimiani  modifieationem  exserit. 

liemmae  basi.  intfgumento  et  rinlini  i-  n  |  a  rann  ron- 
stant.  —  Differunt  a  semine  raaxitne  eo,  qnod  hoc  vitain  iiulividui 
cum  notis  essentialibus  etiam  propagent.  Kvulutio  gemmartim  sequenti 
fit  modo:  luxuriante  maxime  vegetabili  vita  sub  laeta  aestati*  regno 
vascula  et  cellulae,  iu  foliorum  axillis  ut  plurimum.  deponuntur, 
sab  pai \ oruni  uodulomm  speeie  comparent.  e\  bis  nidiiueiituni  ramuli 
exsurgit,  axin  gemmae  constituens,  circa  quam  foliola  (si  gemma 
foiüfera)  ant  petala  (in  gemma  florifera)  formaiitur,  quae  vario  com- 
poaita  cernuntur,  in  determinatis  tarnen  plantarnm  generibtis  certum 

i-viint  typum  (phylloploeiuni  Bot.).  Notabiliter  adnltas  illas 
Im ■irniiasi  reperifit  avanis  autiimnus,  et  squamoso,  ac  resiuoso  mnnitos 
iht'jcrumt  utii  frigida  hyems,  snb  cujus  duritie  qtüescunt,  dum  blamlus 
vir  e&s  ad  novam  vitam  provocat;  increscente  suecorum  circulantium 
eopia,  placenta  gemma  intumescit,  squamae,  quae  hiiic  inseruntur  ab 
inviceiu  discedant  opportet.  quae  cum  nulluni  amplius  scopuni  habeaut 

«atis  eorum  vasis  nutriraento  privantur,  et  tandem  deeidunt;  dura 
interea  ranmlus  cum  flosculis  aut  foliolis  libenmu.  BUCCiß  largius 
pent-tratur  expanditurque  soll. 

Bulbus  Mnnocotyledoneis  proprius,  gi-mmae  ad  normain  placenta. 
iuvolucro  et  rudimenti»  BOftfti  componitur,  cui  multum  analogus, 
banc  tarnen  perfertione  antecedit,  semini  jam  proprius  accedens. 
Oiffert  boibua  a  uemma  maxime  integtimentis  suecosis,  e  quibus  planta 
evolvenda  nutritur.  quod  gemmae,  cum  ab  organismo  materno  non 
Separator,  hicee  subministrat.  Basin  bulbi  s.  placentam  candex  ni- 
mium  contractus  sistit,  qui  inferne  in  radices,  snperne  in  scopuni  et 
fuiia  exereseit;  dum  vero  haec  bulbo  aseendunt  in  angulis  squamarum 
novi  generantur  bulbilli,  proles  dicti.  formationi  gemmarum  in  foliorum 
axillis  multum  analogo  modo,  qui  anno  sequente  in  totidem  nova  evol- 
vuntur  individua.  Bulbi  communiter  in  terrae  siuu  ortum  dueunt. 
verum  et  in  axillis  foliorum  in  quibusdam  generantur  planti*.  quae 
inde  viviparae  dieuntnr,  ubi  inx  Dentaria  bulbifera,  saxi- 
fraga,  Polygono  viviparo,  Poa  bulbosa  vivipara;  hi 
bulbilli.  qui  florum  et  seminum  locum  in  bis  plantis  tenent,  perlec- 
tionem  debitam  assecuti,  locum  nativitatis  sponte  deserunt,  ac  in  solum 
delati,  metemorpbosin  plant  ae  inchoant  cui  originem  debent. 

Tubera,  rhizocarpea  seminibus  proxime  accedunt;  constant 
basi  et  gemma.  Basis  corpus  tuberis  sistit  texu  celluloso  com- 
positum, qui  in  gemmarum  ambitu  vasis  spiralibus  subregitur;  amylo 
refortum  cotyledonum  adinstar  gemmulam  exerescentem  nutrit.  Gemm a 
UHU  unira.  mox  majori  UUinarO  basi  LUfiidat,  <|iiar.  ur  blast«-riia  stjminis 
cum  radicula  et  plumula  in  plautam  evolvitur.  Tubera  quoque  quem- 
admodum  bulbi  sub  terra  oriuutur,  sed  non  minus  in  foliorum  axilli* 
generantur. 

</uantunilibet  plantae  mirain  mnltiplicitatcm   ac   diversitatem   in 

forma  et  structnra  exhibeant,  tarnen  in  elementa  anatomica  persecutae 

ntatori  nisi  duo  relinquunt  organa  primaria,  e  quorum  compositione 


Organologin. 


8 


Tracratns  de  vita  plantarurn. 


omnes  exsnrgunt  plantae  partes  et  omnis  planta.  Sunt:  textus 
cellulosus  et  vasa  spiralia;  posterior»  tarnen  nonnisi  in  plant is 
altioris  vegetationis  conspiciiintur,  in  his  autem  aut  regulari  online 
•scuntur,  aut  absque  Lege  sparguntur.  —  Hunc  constantem  firma- 
tionis  typum  respicientes  Phytologi  vastum  plantarurn  regnum  in  cel- 
lulares  et  vasculosas  dividunt,  posteriores  vero  (secnndum  regulärem 
aut  irregulärem  vasurnm  spiralium  adgregationem)  nirsum  in  evogenas 
et  endogenas.  —  Textus  cellulosus  e  vesiculis,  tenerrima,  dia- 
|ihana,  de  colore  meinbrana  formatis,  perfecte  in  semet  i laitsis,  ae 
nullo  pro  distinctis  copaponitur,  quarum  forma  —  generalis  —  sphae- 
roidea  est,  quae  tarnen  perdiversam  adgregationem,  partium  vicinaram 
pressionem  in  angularem,  —  cellularem  —  mutatur.  Textus  cellulosus 
materiae  protozoae  analogus  omnes  plantarurn  constituit  partes,  di- 
versam  tarnen  in  his  exliibet  specieui,  regularis  dodocaedri  formae  in 
cortice  medulla  et  foliis  reperitur;  cellulis  elongatis  perpendi- 
culariter  sibi  insistentibus  in  libro,  alburno  et  tigno  componitur, 
his  paralelle  ad  horizontem  jacentibus  constrnctus  in  exogenis  inter 
i  orticem  et  medullam  situatur;  tandem  omni  regularitate  desti- 
tutüs,  e  cellulis  imperfectis,  dispersis  consurgenx  in  vegetabilibns  in- 
fimi  ordinis  occurrit.  —  Functio  textus  cellulosi  est:  humores  condu- 
•  eiuli;  quam  vero  parietes  cellulanim  perfecte  clausi  sunt,  snccmuni 
motus  nonnisi  endosmoseos  et  exosmoseos  ope  locum  habere  poteet, 
quo  vesicularum  pernieabÜitas  et  contractilitas  suain  symbolam  con- 
fert ;  sed  textus  cellulosus  etiam  adsimilat,  secernit.  et  secreta  adservat. 
est  ergo  universim  organon  reproductionis.  Hu  jus  loci  sunt  i  rellulae 
aereae  et  vasa  iKtucaofpoQa,  quae  arrein  atmosphaericum  conti- 
nent,  et  in  variis  plantia  et  variis  rursum  harum  partibus  inveniuntur, 
uti  in  Cinbfllis.  Cicuta  in  specie  insigne  exemplum  exhibeute, 

V a snriun  spiralium  nomine  canaliculi  veniunt  fibris  argenteis 
spiraliter  contortis  corapositi.  —  Vasa  spiralia,  quin  dividantur  aut 
iuosculentnr  a  radice  ad  apicetn  tendunt,  ceterum  non  omnes  hnnc 
adsequuntur  Jlnem.  verum  in  plantae  partes  laterales  excurrentes 
häoce  iutereunt  —  Vasa  spiralia  vegetabilibus  alterioris  ordinis 
propria  sunt,  qiimiini  mnnes  subingrediuntur  partes,  corticem  et  me- 
dulläre si  excipias.  Per  aetatem  aut  pathologicam  mutationera  varias 
adquinint  formas,  vasorum  moriliformium,  annularium,  sca- 
larium  nomine  a  nonnullis  Phytologis  distinctas.  —  Vasa  spiralia 
in  plantis  nervorum  locum  tenere,  organaque  irritabilitatis  esse  — 
ac  fors  Sensibilität  is  etiam  —  credimns,  quorum  influxu  humoium 
circulns  promovetur  et  processus  vitalis  urgetur;  cujus  opinionis  veri- 
similitudinem  lila  evincunt:  quod  memorata  Organa  nisi  in  vegetabilibus 
majoris  perfectionis  observentur,  aut  si  in  iis  minorum  ordinum  occur- 
rant.  altioris  dignitatis  Organa  (fructifica tionis  seilicet)  provideant, 
nervorum  aniinalinm  in  modum  decurrant,  ac  distribuantur. 

Per  cellularum  et  vasculorum  diversam  congregationem  varia 
formantur  Organa,  inde  composita;  qualia  sunt:  Epidermis  hae 
meinbranae  textu  celluloso  ex  sncco  constans  omnes  plantarurn  partes 
obducit  —  stigmate  fors  excepto,  et  isolatorem  organici  abanorgani oo 
'inistituit  —  In  ejus  externa  superficie  e  poria,  pilis,  glandulis 
insignitur.  —  Fori  cellularum  terminationes  sunt,  quae  sub  parvorum 
foramellorum,  regulariter  ordinatorum,  aut  inegulariter  dispersorum, 
specie  manifestautur:  subinde  annulis  contractilibns  cmguntnr,  qnorum 
virtute  diu  et  coelu  sicco  aperti,  hoc  vero  pluvio,   ant  noctis  tempore 


Tractntus  de  vitu  [ilantarnm.  9 

clansi  observantur.  —  Pori  ceterum  non  omnibns  plantis  sunt  proprii, 
caDnlatiboa  conturao  dcsunt,  in  vascnlaribus  etiam  in  radice  frusn.i. 

i  iiiitur.  non  secus  in  arborum  truncis  et  ramls,  «loiilfrantur  in 
partibus,  quae  aqua  aut  terra  cinguntur;  vel  pilis  obdncuntnr,  carent 
panier  iis  foliorum  nervi,  seminis  testa,  et  cuticula  frnctunm  sueco- 
roram;   in   Liehenibus  et  Fungis  aliisqne  nonniillis  nondom  detecti 

.  largissime  lis  providentnr  plantae  succosae  et  folia,  harnm  com- 
primis  pagina  inferior.  Usus  eorum  est :  ut  aeri  in  penetralia  plantae 
mi.'Tt'SMLiii  Indeqne  Bgressom  cuncedant,  humores  adtrahant  et  exsudent, 
ut  pofttaHora  luculenter  in  (rassnlaceis  observamus,  — 

Pili  propagationifi  textus  rellulosi  filiformes  sunt,  quae  in  vaiiis 
plantis.  ii  vaiiis  haruni  partibus  occurrunt,  caeterum  sub  diversis 
circumstantiis  in  his  jara  comparent,  jam  evanescunt,  ideo  essentiakm 
functionem  habere  nequeunt;  quoniam  cnm  poria  semper  in  relatione 
rersentur  inversa,  et  snb  omnibns  adjunctis  raagis  evolvantur.  sub 
quibus   plantae   plus   humorum  adtralumt  ant  exhalant.  huic  operl 

destinati  oportet;  praeterea  partes  tetieras  obvolventes,  hos  ab 
injnriis  externis  defendnnt,  seniina  providentest  eorum  dispersioni 
frtserviant 

Glandulär  um  titulo  phytologi  cellnlas  insigniunt  oleosis  aut 
resinosis  refertaa  aabßtantüs,  quae  in  qiiaruindatn  plantamm  partibus 
oeulo  jam  inermi  sub  punetnlornm  sphndentiutii  Bpecie  distingunntur. 
et  peculiaria  secretionis  Organa  esse  videntur.  Epidermis  tandeni 
vario  in  tat  in-  colore,  vel  variis  obtegitur  substantiis:  pruina,  glutine, 
vis.  n  —  quae  omnia  producta  sunt  textus  cellulosi  infra  positi,  ar,  altius 

niisati. 

Organa  elementaria  iu  miiltis  exogenarum  (arboribus)  regulär i 
qaodam  ordine  in  plura  distincta  componuntiu-   st  rata,  quae  in  cor- 

em,  librum,  alburnum,  lignum  et  medullam  distingni- 
raus.  —  Horum  fnnctio  non  alia,  quam  hnmores  nutritios  conducendi, 

imilandi,  ex  his  varias  substantias  secernetidi  et  adservandi. 


Sul)stantiae  secretae. 


In  enarratis  organis  varias  n-periuntur  substantiae.  quae,  qiiainvfs 
nte  cbemica,  analysi  ex  quatuor  simplicissimis  elementis:  oxygenio 
nempe,  hydrogeuio  et  carbonio,  quibus  quandoque  et  nitrogenimn  ac- 
•  filit.  coroponantur,  iniram  tarnen  diversitatem  et  multiplicituti  in 
Operunt  Sunt  vero  hae  substantiae  mox  nuidae,  ant  malles,  v«\l 
etiam  semidurae;  inter  eas  quaedam  omnibus  aut  saltem  plurimis 
I -oiiveninnt planus,  quales  sunt:  miicus,  gumini.  atnylon,  sac- 
charum,  alburaen:  aliae  peeuliaribus  tantum  sunt  propriae  gene- 
ribas,  nun  speciebus.  altius  romplicatae,  atque  e  prioribus  footem 
repetentea,  uti:  olea  pinguia.  aetherea.  resinae,  gumi- 
resinae,  balsama,  pigmenta  varia,  principinm  amarum, 
» a  n  ii  i  n  ii  in .  acida,  alcaloidea.  —  Substantiae  aaotgani 
quaedam  metalla:  Silicium,  AI  um  in  in,  Maines  in  in.  Calci  um. 
Perrom,  Cuprum  in  statu  oxydato  aut  salito;  Alcalia:  Kali, 
Natron:   dein   substantiae  ametallicae:   Sulfui\  Jodum,  Phos- 


10 


Tractatus  de  Tita  plantarum. 


phorns,  quae  in  multis  plantis  reperiuntur.  his  minus  genuinae  snnl 
UDO  R  multis  pnytologfa  ceii  inquinamenta  habentur.  quae  per  pfO- 
cqbbddi  vegetationia  in  penetralia  rapiuntur.  ibidem  excernendae. 


Nutritio  et  Rcproductio. 

A.  Organa  reproductionis 

Nutritionis  priucipale  organon  radix  est,  quae  ex  terrae  sinu 
nutrimentam  haurit:  inde  planta  omnium  primo  in  perficienda  radice 
occopatnr.  —  Bad  ix  in  plurimis  adest  vegetabilibus.  sed  sunt  quae- 
duui,  quae  illla  tenerrima  fraudem  (Sempervivum,  ('actus),  imo  in  qui- 
busdain  penitus  desideratur.  uti  in  Acotyledonum  iufiniis  fAlgis. 
(Onfervis,  Lichenibus),  in  quibus  ergo  aliae  partes  radicis  manera 
exsequuntur.  —  In  minus  organisatis  i monocotyledoneis)  simplex  ob- 
servatur,  dum  in  dicotyledoneis  in  trimcum.  ramos,  fibras,  flbrillas 
excr» 

Radix  ex  cellulis  et  vasculis  conflatur,  quae  in  exogenis  arbores- 
centibus  in  corticem  (librum,  alburnum)  lignum  et  nun  raro  medullam 
rediguntur.  Radix,  cujus  etiam  sit  speciei,  fibrillis  tenerrimis,  radi- 
cnlis  dictis.  uunquam  caret,  qnae  extremas  iltius  diramationes  sistunt. 
hae  pilis  iterum  tenuissitnis,  aut  spongiolis  iin  monoc.  Xajadibusi 
obsidentur.  qnomin  essentiam  textus  cellulosus  subtilissimus  constituit; 
horum  ope  planta  aquam  (acido  earbonio  saturatam)  ex  terra  sugit. 
quae  jam  hie  primara  adsimilationem  experitur.  81  dum  porro  per 
cellulam  in  cellulam  transudat,  ac  ubique  earum  renisum  vitalem  ex- 
periatur,  notabiliter  plastica  evaserit  oportet,  dum  rhizoma  ipsuin 
subiugreditur. 

Verum  non  tantum  absumtionis  et  primae  adsimilationis  organon 
radix  est,  sed  secernit  etiam.  ac  secreta  adservat,  tandem  plantam 
solo  figit:  et  sicut  ipsa  truneum  et  folia  nutrit.  ab  his  nutritur  reciprocß. 

r  n  n  l  pars  centrifuga  plantae.  respectu  strueturae  et  fimction 
cum  radice  congruit:  ad  normam  hnjus  TOfidfl  et  cellulis  in  monocutv- 
ledi-neis  sparsis,  in  dicotyledoneis  in  memorata  strata  dispositis   con- 
struitiif. 

udex  in  roonocotyledonibns  simplex  in  altuin  tendit,  dum 
radix  in  eadem  directione  terram  perfodit:  in  dicotyledoneis  trauern 
in  ramos  multos  expanditur.  nunc  nisnm  radix  quoque  manifestat; 
diraniatione«  amborum  in  directione  et  extensiune  parallele  progre- 
diiintur  —  qua  iuris  et  hie  natura  variabilis  nullam  agnoscat  legem. 
di-  1 1 11. .  ii  ]  ycirrhira,  Rlieum.  aut  .Mandragora.  Quae  indi- 
gentibus   suis    radteibns    diniensiones    cormorum    lon<re    superant.    et 

-sulaceae  in  quibus  contrariam  obtinet,  nos  edocent.  Sed  in 
liiri' tione  quoque  concordant,  arabae  hae  plantarum  partes:  radix 
cormum  nutrit.  et  radix  cormo  nutritur;  plantas  plures  radice  carere, 
aut  hac-  tenerrima  pnräau  noseimu?:  in  desertis  Africae  ferridissimis 
snreulentissinii  crestunt  C actus,  debilissima  donati  radice.  qua  rix 
in  sabuK  <-ui  atomus  aqua  exaruit.  servari  valent.  —  Omnes  hos 
corraus  nntrimento  providet.  quod  ex  aeris  vaporibus  haurit.  Tandem 
experimenta  Cel.    Harles  et  Agricola  nos  docent:  arborum  frondes 


Traotatus  de  vita  plauturum. 


11 


: 


in  terram  defossas  in  radices,  sieut  radices  in  aerem  levatus  in 
fremdes  abiie. 

Folio  organa  elementaria  in  superficiem  expansa,  atque  aöri  et 
luci  exposita  offenint;  cellulae  reguläres  diaehyma  foliornm  con- 
stituunt.  vasa  spiralia  vero  diversimode  diramata,  reguläres  formaal 
plexus,   sub   costarum,   venarum   et   nervorum   nomine    a 

i  in  ratütis  plantis  desiderantur,  vel  ea  gaudent  speeie,  ut  a  conno 

dignosci  nequeant  (cactus);  vel  subinde  immediate  ex  radice  exsurgunt. 

liquet:  omnes   plantae   partes  snb  certis  circumstantiis  invicem 

posse,  cujus  rationem  simplicior  ac  unifonnis  eanun  struetura 

ntinet. 

Foliorum  snmnia  funetio  est  respiratio,  seu  gasoruni  et  vaporum 
baorptio,  horiimqiiH  exlialatio.  sed  folia  non  minus  liumores  alimen- 
täres insuguut,  adsimilant,  secernunt,  et  secreta  adservant,  —  Quod 
folia  lias  funetiones  nonnisi  in  aere  oxygenio  carbomo  mixto.  optime 
atmospbaerico,  peragere  valeant,  experiraenta  Gel  Pristley,  Senne- 
bier  et  aliuruin  coniprobarunt.  Folia,  caeterum  vegeta.  solis  radiis 
illu^trata  oxygenium  exhalant,  aeidum  vero  carbonicum  absorbent; 
hac  ratione  Baoci  plantarum  crudiores  superfluo  liberantur  oxygenio, 
carbogenium  autem  et  hydrogenium  adsimilantur,  et  sie  humores  magis 
evadunt  plastici.  —  fontrarium  processum  folia  in  urabra  fovent:  ad- 
trahuiU  videlicet  oxygenium  et  carbonium  aeidum  reddunt,  hoc  ratLOH€ 

rflnum  e  penetraübus  eüminatur  carbogenium.  et  cum  gas  illud 
vitale  Stimuli  in  modum  agat,  vitalitas  plantae  excitatur.  Processus 
chimici  urgentnr.  —  Plantae  aegrae  Liehen  es  et  Fungi.  omnibus 
sub  adjunetis  oxygenium  absorbent  et  aeidum  carbonicum  exspirant: 
caeterum  buic  funetioni  omnes  illae  favent  circumstantiae,  qnae  priori 
oppoountur.  —  Multum  ex  hac  funetione  in  Universum  etiam  redundat 
3m  um:  Oxygenium.  quod  plantae  sub  sole  exhalant  magnos  illos 
m  reriim  natura  processus  excitat,  quos  nemo  non  noscit  quod  quara- 
vis  a  plautis  ipsis  in  umbra  iterum  adtrahatur,  tarnen  exhibente  saga- 
n.-Mino  Schulze  hanc  consumptionem  magna  superat  copia.  —  Aliud, 
nun  minus  grave  foliorum  nl'fir.imn  est:  in-  et  exlialatio  va|ioriim 
aqnosoram,  hoc  igitar  miniere  cum  radieibus  conspirant ;  hnmores  oar* 
bonisatos  adtraheodo,  fontem  nutritionis  hac  quoque  via  plautis  suppe- 
ditant;  folia  imo  sub  certis  adjunetis  radicem  supplere  possunt,  quin, 
hanc  ipsam  nutriunt,  nti  sub  syrio  ardente  —  sitiente  ipsa  Tellure  — 
:ssima  vegetatio,  aut  plantae  tenuissima  provisae  radicula  (•  Yassula- 
ceae».  aut  hac  plane  orbatae,  uti  mirabUe  Acrides  odoratum. 
nobilia  nobis  speciniina  exhibent,  qnae  unice  ex  rore  vel  aeris  vaporibus 
per  folia  nutiimeiituni  dueunt.  Folia  perspirant  etiam  aquam;  nebulae 
*■  sylvis  ads urgentes ,   et   ]>lures  aliae  observationes  nos  de  eo  certos 

on1 ;  exandatur  autem  per  Uaec  Organa  maxima  quantitas  aquae.  ouae 

«s  insugitur;  in  illa  vero  ratione.  qua  aqua  dissipatur,  hnmores 

plastici  carbonio  ditiores  fiunt  magisque  concentrantur,  et  in  peculiaria 

abeunt  producta,  quae  sub  secretorum  nomine  jam  ex  parte  noseimus. 

in  in  sequentibus  cognoscemns. —  In  nltimis  duabus  functianilui- 
ii  iiuram  vereamur  oportet,  quibus  summum  beneficiorum  in  aeeeptia 
debemus:  pluvias  et  föntest!  Quae  foliorum  superficies  inspirationi,  quae 
inspirationi  inserviat?  observationes  a  Bonnet.  Duhamel,  (ruet- 
tardi  evincere  conantur.  priorein  inferiori,  posteriorem  superioii  ad- 
trtbuendam  faciei,  —  quae  si  etiam  anbinde  puris  destituannir.  tarnen 
lemoratam  funetionem,  endosmoseos  et  exosmoseos  ope  tenerrima  for- 


12 


tun*  de  rita  plantarnin. 


mentnr  membrana.  Tandem  folia  varias  substantias.  oleosas,  aetöereast 
i  etc.  secernnnt  et  adservant.  inter  has  notari  meretur:  pig- 
meutum  viride.  chlorophyllnm  dictum,  qnod  folia  amoeno  eoruni 
rirore  exornat.  et  fons  evadit  splendidissimornm  colornm,  quos  in 
corollis  admiremnr. 


B.  Processus  adsimilationis. 

A'iua.  acidu  carbonico  impraegnoti  nmplititttiMiifl  plantarum  aatri- 
mentum  est.  qua  ibtiliBSmoi  radiculorum  tubulos  aut  papülas 

iusugitur.  ubi  jam  primam   adsimilationem  organicam  experitur;  sie 

ullulam  celliüae  cummunicata,  oranes  plantae  partes  transudando 
permigrat.  ubique   renisum   illarum  vitalem  experitur.  sieque   m 
magisque   adsimilatur,   donec   tandem   in    foliis  sunimam    illam  inuta- 
tionem  patiatur,   qua  in  cambium,   humorera   alibilem   plasticum  — 

ünem  plantae.  si  velis  —  trariMnutatur.  qui  per  eosdem  canaliculus 
vaiiis  tarnen  probabüiter  temporibus  descendit:  ex  hoc  dein  di\ 
Organa  proprium  sibi  nutrimentum  seliirunt,  semet  restaurant  et  cres- 
ennt.  —  Gasiformes  priueipium  odores  constituunt,  in  vapores  olea 
aetherea  extendttntur.  vel  aqua  fqnemadmodum  sub  perspiratinnis  pfO- 
&SBBB  resolvitur;  fluidae,  molles  et  semidurae  wen  in  penetralibus 
Agentur,  ubi  mox  di>Tinc-i ae  in  proguiii  adservantnr  raacolia  futi  e 
atibOfl  QOtam  .  BOX  absqae  lege  commixtae  ubiqae  reperiuntur 
lo<uiuni.  ► 

Substantias  has  sub  secretis  cognoviraus;  usus  earum  ille  videtur, 
nt  plantae  alimentn  ab  extus  denciente  fsenio  provectaei  in  nutri- 
mentum inserviant  (qm-inaiimodum  anünalibus  adeps),  eaeterum  abs- 
que  dubio  et  alins  macrocosmi  fines  habent. 

tfemorabilem  naturae  observatores  feeere  detectionem :  perfectionem 
recensitarum  substantiarum  cum  organisatione  plantarnm  pari  ingredi 
passu.  ut  qnae  inferiorum  ordinum  producta  simpliciora  ferant.  quo 
magis  vero  ad  altioris  vegetationis  dignitatem  elevantur,  viribus  majori* 
bas  instriiniitnr,  materias  ciuoque  multum  compositas.  differeutes,  ge- 
nuinas,  propignent;  sie  Lichenes.  Algae,  Musri  rt  F u u ^r i  nun 
ultra  mueum  produeuut,  Gramineae  sub  ipsis  etiam  tropis  vix 
amylum  et  sacchariim  elaborant,  quae  jam  in  Palmis  oleoMs  lmu- 
pletantur,  dum  dicotyledoneae  plurimis  materiis  speeiheis,  oleis  a.ilu- 
reis.  balsamis  resinis.  alcaloidibus  etc.  superbimir.  —  I  aeterum  pro- 
te  chimicovitalis  in  plantis  nun  quam  non  mutatur.  sie  seeundum 
variam  earum  aetatem  variis  scatent  siibstantüs.  tenellae  aliis.  aliis 
dum  flore  ornantur,  aliis  dum  semina  fernst ;  sie  anni  periodic»,  sie 
liei  tempus,  calor,  lux.  elertrieitas  in  eurum  miscelam  altera n du  in- 
fluunt,  de  quo  plures  loquuntur  obseryationeaj  itaCel  Haync  tradit 
Bryophvllum  calycinum  in  India  vegetans,  mane  aeido.  vespere 
budsto  postum  adficere.  dum  sub  meridie  sapore  careat:  idem  probat 
eolorum  in  certis  plantis  mntatio:  Hibiscus  mutabilis  flores  mane 
eandidos  exhibet.  die  ndulescente  carneos  ottert,  et  Ulo  senesceate 
POBei  dt  —  florofi  <>ludioli  versif-olnris  >ni>  oarora  bruneo 

tineti,  intus  i1:uo  picti.  per  diem  ita  altera  nt.ur  ut  ad  venerum  nobili 
azureo  resplendeant.  —  Non  aliud  odoris  niutabilitas  in  plurimis  plantis 
patet.nit;  l'elar?onium  triste.  Hesperis  tristis.  mirabilis 


Tractatns  de  vita  jilantariiiji. 


13 


Jalappa  et  longinora  tantum  noctu  redolent;  in  aliis  odor  per  spatia 
adest  itemm  evanescit,  sicLotusJacobaeus  sob- collnstratas  septies 
de  die  odorem  spargit  tempore  interealari  omni  destitutus. 

Incrementnm  plantarum,  cum  earum  organisitio  simples 
t a tili us  absolvitur,  sunt,  quae  rapide  increscunt,  uti  hoe  in  anuuis 
nruprimis  intueri  posyiinms,  quae  pHticaruni  intra  hebdomadum  spatium 
ad  plur.-s  extenduntur  pedes,  Verbasco  et  (  icuta  testibus;  aliac  minus 
quidem  festinant.  seü  in  multos  progrediendo  annos,  notabilem  altitu- 
dinem  et  erassitiem  adsequuntur ;  in priorem  endogen ae  semet  elevare 
aniant.  ut  qnaedam  Oalamorum  species  mirabili  nobis  exemplo  com- 
probant,  quae  subinde  ad  600  pedes  versus  coelum  adsurgunt.  Ins 
accedunt  Firns  pyriferus  cum  370',  Araucaria  excelsa  cum  220', 
Ceroxylon  uinlicola  180',  Areca  oloracea  170\  dimensione  in 
altam  —  exogenae  se  in  latum  pandere  proferunt.  Adansoniarum 

itatartim  ad  flumen  Senegal  crescentium  truncus  34'  in  diametro, 
107'  in  peripberia  emetitur,  frondes  hujus  arboris  circulum  160'  for- 
innnt.  in  altum  tarnen  non  ultra  70'  adseendunt;  Aloe  dichotoma 
ad  400'  ambitum  ramos  extendit.  Ceterum  et  in  nostra  zona  stupenda 
hujus  generis  inveniemus  exempla:  Keith  qnercuui  vidit  78'  in 
peripheria,  26'  in  diaraetro  exhibentem,  Ray  aliam  describit  ad  130' 
altam, 30'  crassam.  Memorabile  bujns  loci  phaenomenon nobis  i'o ry  p h a 
umbraculifera  oftert,  quae  quatuor  ante  florem  ferendum  mensibns. 
45  vicibns  plus  increscit,  quam  sab  pari  temboribus  spatio  in  praetor* 
lapsis  35  annis. 

Keprodnetio  in  planus  ad  summum  ßvolvitur  gradum,  cujus 
rationem  simplicior  earum  forma tionis  typus  includit,  linde  reprodiutio 
plantarum  suprema  functio.  in  cujus  gratiam  et  vegetabüia  noininautur. 
Adtente  observantibus  multa  obveninnt  exempla,  quomodo  una  plantae 
B«rs  u ansi'ormetur  in  aliam,  sie  calyees  metamorphosin  corollarum 
indunnt,  parapetala  stamina  et  pistilla  in  petala  abeunt, 
sicut  baec  in  illa  mutantur,  sie  et  gemma,  ex  ramulo  hortulani 
inii'uriain  educant  plan  tarn,  imo  ex  uno  simplici  foliolo  omnes  plantae 

•  iiniiii  partes;  rnirandum  sane  nobis  hie  exemplum  largitur  Verea 
piunata,  cujus  folium  in  terrae  superficiem  depositum  multam  copiam 
nervorum  individuorum  progenerat  Ceterum  non  omnia  vegetalilia 
pari  ratione  hac  donantur  proprietate,  ut  quoaltius  organisata  farbores] 
racilius  reproducantur  ac  inferiora  (cujus  euntrarium  in  animalibus 
experimm  . 


Fiiictiftctitlo. 


A.  Organa  fruetificationis. 

Plantae,  plasticae  formationis  curriculum  emensae  tandem  in  altioris 
vitae  speciem  caput  extollunt,  dum  florem  generant.  Flos  provocatur 
praeponderantia  dynamis  potentiarum  fonnantium,  praeeipue  lueis, 
super  materiale  tum   formationis,  ideo   sab  ov&tat  plasticitas 

recedit,  dum  vita  plantae  ad  altiorem  gradum  evehitur.  Flos  est 
summus  evolutionis  gradusT  cum  eo  plantae  vita  peripherica  exhauriatm 
et  ad  primam  contraetam  suam  originem  (ad  semen)  reducitur.  Et 
r^vera  quanti  flos  sit  operis  adtenti  in  plantis  observabimus,  qnae 
quo  perfectiori  gaudent  organismo,  eo  majore  indigent  tempore  ut  ex 


14 


Trucuttts  de  Tita  jil&uUrum. 


tenerrimo  fine  sublimem  producant  generationis  adparatum ;  sie  plures 
arbores  in  hoc  opus  mulros  stimm  ennsumere  annos.  Borossua 
fla  belli  form  is  post  35  annoram  spatium  florem  generar,  ged  cum 
60  Mipremnm  simul  attigrit  diem.  —  Plantae  inferiores  —  cellulosae  — 
flore  nunqnam  indareseunt,  agamae  hinc  compeUatae. 

Flos  comi^nitur  caljee,  corolla,  reeeptaculo  et  adparatu 
fruetificationis;  posteriores  partes  ad  fruetificationem  absolute 
necessariae  sunt,  quare  et  essentiales  nominantur;  priores  jam  adsunt, 
jam  desiderantnr,  ideo  aecidentales  dieuntur,  idem  de  neetariis  et 
parapetalis  volet.  —  f'alyx.  Structura  et  fanetione  a  folio  nun  diftert, 
forma  multiplici  ludit,  colore  communiter  viridi  indutus,  subinde  et 
alio  superbit,  nonnunquam  corollae  vices  tenet,  Oalyx  tiorem  aesti- 
vantem  obvolvit  et  defendit,  buic  nutrimentum  largitur.  —  Corolla 
»ubtilissimam  strueturam  vegetabilem  exhibet;  a  calyce  hac  ipsa,  sicut 
variabili  et  frequenter  splendidissimo  suo  calore  ac  odore  distin- 
guitur,  quibns  insignibus  altiorem  suam  vitam  et  destinationeni  simul 
manifestat;  color,  quo  Corolla  insignitur  jam  ad  omnes  generationes 
transit  non  alterandus;  jam  in  progenie  variat,  ut  nobis  flores  nostri 
hortenses.  in  specie  autera  Georgia  variabilis  multa  speciniina 
mutatur.  uti  supra  alio  loco  de  Oenothera  mollissima  et  grandi- 
flora,  Hibisco  mutabili,  Gladiolo  versicolore,  notavimus. 

Odor  florum  iisdem  substantiis  debetur,  e  quibus  alias  resinae  et 
olea  aetherea  componuntur,  et  quae  (ex  Hydrogenio,  Carbonio,  et 
Azoto,  varia  propoiliune  mistis)  in  gas  extensae  extricantur,  vel  ipsis 
olei  aetherei  vaporibus  in  gratiam  referuntur.  —  Ceterum  non  omnes 
floris  partes  aequali  pruportione  hac  proprietate  distinguuntur,  jam 
peripheriam  tenentes  iliosa),  jam  centrum  oecupantes  (C actus 
grandiflorus)  de  illa  magis  partieipant.  Flores  nonnulli  tantnm 
sub  die  redolent,  alii  tantum  noctu  odores  spar^runt  (ad  hos  pertinent: 
Pelargonium  triste,  Hesperis  tristis);  alii  odorem  per  certa 
diei  spatla  manifestant,  uti  hoc  de  Loto  Jacobaeo  alio  loco  no- 
tavimus. —  Quae  odores  attinent.  rationem  sufficientem  in  chemismo 
Titali  reperiunt,  cooperante  cumprimis  calore,  uti  hoc  plantae  sub 
trqpJs  provenientes,  aromatibus  scatentes,  comprobant:  minore  lucis 
inflnxu,  nani  plantae  in  alpibns  crescentes,  quamvis  intensae  expositae 
luci,  sicut  illae  Zonarum  frigidarum  omni  fere  destituuntur  odore, 
dum  contra  flores  in  umbra  adservati  tarn  bene  oleant,  quam  qui  sole 
cdllustrantur  (Narcissus).  —  Speetato  odorum  prineipio  chimico  facile 
innotescit.  cur  flores,  in  cubiculis  adservati,  asthma,  vertiginem  apo- 
plexiam  provocare  voleant.  Idem  pro  fönte  agnosennt:  atmospbaera 
inflammabilis  (Dictamni  albi)  et  phosphorescentia  nonnullarum  plan- 
taium,  uti  in  Tropaeolo  majori,  Lilio  bulbifero  et  cale- 
donico.  Tagete  patula  et  ereeta  observatur,  et  quae  in 
Olavaria  phosphorea  Sowerby  (Eizomorpha  subcorti- 
cali  Pers.)  tarn  est  insignis,  ut  in  fodinarum  loeis.  in  quibns  repe- 
ritiir,  lampadem  superfluam  reddat  «'orolla  ad  plantam  id  utilitatis 
habet,  ut  partes  nobilissimas.  fruetificationi  proprie  dicatas  ante  et 
sub  foeeundatione  defendat;  colore  et  odore  suo  fors  inseeta  caprili- 
cantia  adlicit,  praeterea  staminibus  subinde  basin  largitur,  nee  non 
pei ispermium  componit.  —  Parapetala  et  Xectaria  foliola 
sunt  inter  corollam  et  stamina  situata;  diversi  coloris  et  formae. 
Secundum  eorum  praesentiae  inconstantiam  et  non  cognoscenda  func- 
tione,   speetata   insuper  frequenti   eorum  et  petalis,   staminibus   aut 


Traetatus  de  vita  plantarem. 


15 


pisüllis  metamorplmsi  pro  mero  plastioitatis  Insu  habenda.  Glan- 
dulae strietius  nectariferae  ceilulis  compoBitae  ml:  in  penetraübus 
lloria  residentes  mueum  oxyriatum  —  mel  s.  nectar  secernunt,  qni 
in  Musa  paradisiaca,  Hoya  carnosa  (Asclepias  carnosa, 
L.  .  Agave  lurida  et  americana  tanta  copia  deponitm,  ui  in 
terra m  destillet,  caeterum  in  diversis  plantis  varii  reperitur  odoris  ac 
saporis,  imo  et  venenatae  indolis  ut  hoc  de  Bromo  terrestri. 
Aconito.  Napello  et  Paulinia  australi  nobis  refertu.  Glan- 
dulae nect.  perfectioni  snccorum  foecundantium  inserviunt,  dum  se- 
cretifl  magis  oxydatis,  phlogiston  liberius  reddunt.  C.  Sprengel  et 
Wildenow  nectare  insecta  caprificantia  adlici  existimant,  veroque 
cnm  enthusiasmo  hie  loci  divinam  sapientiam  depredicant,  quae  tali 
rationi  foeeundationem  in  quibusdam  plantis  absoivat.  Absque  dubio 
in  alios  quoque  naturae  fines  contribuunt.  —  Receptaculuni  s. 
thorus.  seu  thalamus  nil  aliud  est,  quam  incrassatus  et  in  latum 
diduetus  peduncnli  terminns,  qui  florem  et  fruetum  gestat. 

Organa  fi  uetificationis   in  masculina —  st  am  Ina  —  et 

foeminina  —  pistilla  —  discedunt    Stamina  filamento  et  anthera 

<  onstant,  vasculisque  spiralibus,  textu  celhüoso  obvolutis  construuntur. 

—   Füamenta    antheram   gerunt,    communiter    filiformia,    diversa 

tarnen   notantnr  figura  et  forma,   subinde  et  desiderantur ;  frequen- 

tissime  pistillam  circumdant.    Antherae  e  regula  de  duobus  folliculis 

locnlaribus  sibi  adjacentibus  junguntur  pollinis  adservationi  destinati, 

et  jam  in  flore  aeativante  perfecta   formati  sunt     In  externa  super- 

ficie  sutura  notantnr,   raox  ad  apicem,   mox  ad   basin,  mux  in  latere 

folliculi   sjtuata.   quae   ceterum   in    quibusdam    plantarnm   speeiebus 

semper  in  eodem  loco  oecurrit,  in  his  antherae  pollen  editurae  rum- 

pnntitr,   alias   valvula    aut   ealypti    elastica    aperiendae.    —   Pollen 

pulvis  foeeundans   est;  prima  suo  origine  materiam  semifluidam  ex- 

hibet,    quae  serius   densatur  ac  in   sphaerulas    concrescit,    quae  jam 

majores,  jam  visu  armato  vix  distinguendae,  coloris  communiter  flavi, 

raro  violacei  (in  Epilolioi  aut  rubri  (Tulipa),  jam   perfecte  ro- 

tnudae.  jam  angulosae,  jam  distietae,  jam  confertae,  sub   microscopio 

membranula  tenni  —  utriculo  —  constare  videntur,  et  in  hac  contenta 

substantia  nnguinosa  —  fovilla  in  aqttis  nun.   in  olela  vero  solubili 

in    qua    infinitae    moventur  molleculae  —  granula    spermatica,    aliis 

animalcula  seminalia.  —  Pistill  um  organon  coneeptioni  ac  seminum 

evolutioni  destinatum,  centrum  floris  tenet,   ac  in  ovarium,  styl  um    et 

stiirma  distinguitur.  —  Ovarium  seu  earpellum  est  infima  pistilli 

pars,  peduneulo  insidens.  cavum  in  interno  exhibens.  subinde  iu  plures 

loculos  per  dissepimenta  divisum.    Construitur  tela  cellulosa,    quam 

rasa  spiralia  ex  pedimenlo  adsurgentia  permeant,  qnae  in  dissepimmtis 

aut  ovarü  parietibus  concentrantur,  suturas  form  an  do,  vel  in  axi  hnjiis 

organi  in  columelinn   nmereseunt.    Ovarium  ovula  continet,   quorum 

fonnationi  ac  evolutioni  destinatum  est;  hinc  animalium  ovarium  et 

nterum  repraesentat.    Ovula  rudimenta  seminum  sistunt,  quae  tene- 

utium,  hnmore  limpido  repletarum   vesicularum  sub  spene    manife- 

statitur,  et  ope  contextus  vasculosi,  quem  in  semine  funiculnm  nm- 

hilicalem  dieimus,  cum  suturis  in  ovarü  parietibus  et  dissepimentis, 

aut  i'olumella  —  quae   spatia  in  fruetu   placentae  nominantur  — 

itraguntur,   per  nunc   Ipsum   nutrimentum   ex  ovario  haurientes.     Tn 

vulis.  adtente  examinantes.  rudimenta  omnium   partium   detegeinus* 

luibus  semen  gaudet,  et  quae  ante  florura  expansionem  jam  formatae 


IG 


Traotatus  de  vita  plantarum. 


sunt.    —    Stylus   stigma    L-estat:  (Htm   dlanientis  pluriinuin   eongruif. 

in  gaudrt  text  111,1.  similibus  quuque  cetera  curporeis  qualitatibus 
[flgura,  forma  aubetantia)  notatur;  cetetum  ßrebro  deficit,  unde  orgauou 
aecidentale.  Stylus  frequentissime  cylindrum  soliduui  sistit.  anbinde 
et  cavura,  ad  ovarium  tarnen  semper  praeclusum.  vasa  ejus  spiralia 
in  plaoentas  usque  propagantur.  hinc  in  immediata  cum  ovuli.*.  w- 
aantor  commonitate,  quibus  pollen  eondacoDt  Stigma  stylo,  hoc 
auiciii  delieiente  germini  immediate.  hisidet.  nunquam  non  adest  quam- 
vis  insolita  larvata  forma  visum  eftiigere  possit;  in  Lobeliis  in- 
dnaio  ante  pubertatem  velata  eonspicitur.  in  ceteris  nuda  creditm, 
supertit  jh.s  ejus  spongiolis.  liquorem  glutinosuin  —  gynizum  — 
cernentibus    instruihii.    qiiiljits    fovillam    ])ollinarem    insugit.     Forma 

est  varia.  nuniero  semper  cum  ovarii  localis  correspondent.  — 
Quae  descripsinuis  fruetiticationis  Organa,  complurimum  in  eodem 
Iure  Dopalantni  —  monoclineH  —  nonnunqnam  tarnen  du 
a  femellis  separati  distinctis  includantur  corollis  —  diclines  — 
qni  niox  sibi  vicini  in  uno  resident  plantarum  individuo  —  monoe- 
> 'i  1  — jam  in  duo  distribuuntur,  ejusdem  speciei,  —  dioecia,  — 
jan  nun  hermaphroditis  in  eadem  inisceutur  planta.  « 'eterum  herma- 
phroditismum.  ttta  typnm  in  regno  plantarum  statuisse  naturam  ar- 
bitramnr:  nam:  snb  Bertis  tempestatis  influxlbus.  scilicet:  extremis 
Uuis  .  t  lmmiditntis.  unnm  genns  ab  alio  separari.  masculinura  in  foe- 
mininum  oenverti  et  contraria  immutari  posse  observamus;  sie 
Myristiea  m ose h ata  quam  Cel.  Mauz  observarit.  uno  anno 
meros  maseiilos,  altero  mens  lbemineos  prodnxit  itoris  sie  Du  Petit, 
Thouars  et  Tel.  I»e  1  and  olle,  antheraa  certo  oaao,  ovülis  et 
ROUioe  relertas  OMiispexerunt.  Rüper  metamorphosin  pistilli  in  stamen 
wavit.  —  Hoc  ex  ineidenti  ejus  aftDMts  opinionis:  quemlibet  floreni 
rudimenta  anhören  orgnnorun  continere.  infiuentibus  vero  meraoratis 
circumstantiis  unnm  evolvi  aut  aliud. 


B.    Processus  foecimdationis. 

OSqee  generatinnis  organa  perfecta  formata  non  sunt,  gemma 
inatre  continentur,  in  cujus  sinn  ratio  modo  (in  determinatis  tarnen 
familiis  plantanim  constante)  complectuntur.  dum  autem  illum  for- 
mationis  et  Vitalität is  gradum.  qui  eos  i'unetionibus  eorum  exsequendis 
hahikfi  reddit  —  polaritatem  inter  se  —  ad  secuti.  in  florem 
abenut.  snb  nijus  exsplicatione  (anbot)  sequentem  observamus  ordinem: 
Pepala  calycis.  quae  sibi  coutigua  jacebant,  ab  invicem  discedunt  et 
redeetautur:  petala.  qnae  sibi  ineumbebant,  in  corollaui  abitura 
separantur.  et  partes  fraedfleantes  libertati  adserunt;  erignntnr  stamina 
ac  regulari  ordine  circa  pistilla  seiuet  ooDocut  ad  haec  conniventia. 
quae  omnia  oteui  et  oalorä  altioris  evolutione  comitautur.  Haec 
phaenomena  rapide  cum  summa  virium  intensione  inseqni  in  Cacto 
grandifloro  admiramur.  qui  tarnen  exbausto  post  horam  fiora  suo 
suavi  tributum  idoo  persolTit.  —  Post  breviorein  aut  longiorem  moram 
eutherae,  turgore  vitali  ad  sunmuni  leusae  in  sutoiis  rumpuntur.  et 
regulari  quodam  online  pollen  in  Stigma  prol'undunt.  cujus  granula 
nax  fovillam  extricant.  quae  a  spongiolis  pistillaribus  —  uti  humores 
terrae  per  spongiolas  radicales  aride  iusugitur.  ac  per  raseuiorum 


tatus  de  vita  plantarem. 


17 


Styli  contextum  ovulo  comnmnicatur,  quod  inde  fuecundatum  firadii 
Alii  processum  galvanicum  per  contactum  pollinis  cum  stigmatis  papillis 
.in  siriunt.  BiC  per  vasa  spiralia  velutl  conductoree  ad  ovnla  pro- 
pagari,  alii  nee  bis  indigent.  snl  j;uti  aina  pullinari  content!  sunt, 
quam  a  stigmate  ut  gas  larbonienns  a.  ioliis  absorberi  credturt  sioque 
cum  gyniro  commixtani  ovwla  enm  in  modum  foeeundare,  ut  hoc  in 
,  salamandris  et  piseibus  noseimus.  —  Processus  foeeundationis 
juratar  circurustautiis  exteruis.  quae  OMverahn  Vegetationen)  exaltant, 
praeeipue  caloris  et  h  umiditatis  moderatu  gradu.  nee  non  aöria 
libero  accessu.  quae  omnia  pollinis  extricationi  favent  —  Quod  hie  de 
mmioclinis  protuli  etiam  de  declinis  valet,  quoruni  tVinellae  per  herma- 
phroditos,  quibus  nun  raro  inter  se  gaudent,  provideiitur  polline,  aut 
hoc  per  rentos  condonantur.  —  Tempus  quo  et  per  quod  foeeun- 
datio  absolvitnr.  variat:  ("actus  grandiflorus,  una  fere  hora, 
:  volvulaceae  una  die.  —  Nyetaginea«-  et  Silenei  una 
norte.  qnantum  hoc  ex  marcescentia  stigmatis  e1  Btylj  dijudicari  potest. 
istum  actum  consumunt,  dum  in  Juglande,  Betula  et  Fago  ad 
plures  extcntlitur  hebdomades. 

Absoluta  foecu  ndatione,  qua  vigente  manifestam  vi  rifun 
isionem  vidimus,  earum  lauguorem  intuebimur;  Organa  generantia 
morceseunt,  regit  viridis  tioram  colorT  corollae  corrugantur  et  sicce- 
seunt,  tabeseunt  stamina,  marcescit  Stylus,  donec  omnia  Im 
adtaeta  e  planta  deeidant.  —  Sed  in  eadem  proportione  augetur  ritalitas 
in  germine;  succi,  qui  partibns  peripherieis  prodigebantur,  in  illo  con- 
centrantur,  quo  ejus  intumescentia  efficitur.  oviila  per  humores  mueoso- 
dulces,  qui  in  ovario  secernuntur,  nutriantur,  increseunt.  omnes  eorum 
partes,  quorum  jam  memiuimus  perficiuntur,  sieque  in  semina  mutantur 
ei  Tutum  germen  in  carpum  s.  fr  actum  evolvitui.  <  arjnis  adhuc 
erndus,  ac  viridi  gignatns  euticula.  foliorum  in  modum  aeres  in-  et 
exspirare  observatur,  maturitati  adproximans.  sub  omnibus  circum- 
itiia  oxygenium  absorbet,  et  carbonicum  aeidum  exhalat,  quo  con- 
tribueiite  ex  substantiis  phlogisticisquae  in  erudis  fructibus  acerbo 
aut  aiuaro  gustum  offendunt  —  saccharum  evolvitur  et  aeida  generantur, 
Memoratu  dignum  est:  eadem  ratione,  qua  oxygenium  in  parencuymate 
fruetus  praevalet,  carbonium  et  hydrogenium  in  ejus  peripkeiia  ex- 
rare, quod  araarus  et  unguinosus  perispermiorum  sapor  probat. — 
Tempus  maturationis  variuni  et  fructibus,  cetfimm  experientia  teste 
rtul Ins  ultra  duos  annos  ad  perfectionem  indiget.  —  Fructus  maturan> 
teguinento  indiget,  quod  eum  muniat ;  hoc  pariter  a  planta  matre 
providetur,  quae  eum  mos  organo,  in  quo  formabatur.  condonat.  mox 
üversis  floris  partibns  vel  foliis  varia  integumenta  tbrinat,  ut  id 
in  capsulis,  leguminibus,  siliquis  manifeste  intnemur,  quae 
omnia  perispermiorum  veniunt ;  in  quolibet  horum  epidermidem 
>  epicarpinm,  et  cuticulam  inferiorem ,  loeulos,  quibus  semina 
continentur,  investientem  —  endocarpinm  —  distinguimus,  quae 
Ende  cartilagineara,  imo  osseam  adquirit  duritiem,  tum  pyrena 
audiens;  pars  parenehywatura  inter  epi-  et  endocarpium  situata  meso- 
carpium  dicitur,  quae  jam  majoris.  jam  minoris  craasitiei,  excussa, 
fibrosa,  carnea  aut  sueculenta.  Bpectata  perispermiorum  substantia: 
membranacea,  lignea,  carnosa  et  sueculenta  distinguuntur. 
quae  in  innumeras  rediguntur  formas.  —  Maturato  fruetu.  vasa  materna, 
quibus  nutriebatur,  sensim  praecluduntur,  sieque  extra  nexum  cum 
planta  matre  positus.  deeidit.  ut  metamorphosin.  cui  originem  debuit, 

Swnnielweis'  cesaram^Uc  Werke.  2 


18  Tractatus  de  Tita  plantarem. 

ipse  nunc  snscipiat;  sed  et  planta  mater  naturae  pro  fructificatione 
exantlata  sacrificat,  mortem  partialem  subiens,  floribns,  foliis  et  fructu 
mnlctanda,  aut  vita  penitus  exuenda,  uti  hoc  in  annuis,  imo  multos 
per  annos  Yegetantibus,  semel  vero  tantum  florentibus  (Musis  et 
Palmis)  observandum.  dum  aliae  teste  Cel.  Humboldt  in  perpetua 
qnasi  juventute  flores  et  frnctns  ferunt.  —  Fructuum  qnoqne  dissemi- 
nationi  miro  providit  natura,  dnm  eos  pecnliaribus  hnnc  in  finem  in- 
struxit  organis;  Tel  opus  hoc  aliis  macrocosmi  entibns  concredidit: 
sie  in  nonnnllis  plantis  semina  in  perispermiornm  elastica  dispicinntnr 
iuti  in  Impatiente  noli  tangere,  Balsamina  hortensi, 
Enphorbiaceis  et  Oxalydibns);  in  aliis  alarnm  ope  propagantnr, 
nti  pterides  Amentacearam ;  ant  pappis  plumiformibus,  uti  in  Valeri- 
aneis.  Synantheris.  Dipsaceis.  Cyperaceis.  Semina  leviora 
venti  snbinde  per  notabile  spatinm  fernnt  graviora  aqua  per  longnm 
iter  vehit.  alia  volatilia  coeli  dissipant,  mammalia  didnennt  v.  g.  mnres; 
qnae  tandem  homo  hac  in  re  faciat  qnis  non  noscit! 


These»  defendendae. 


i. 

Botanicae  Studium  pro  Medico  practico  summi  momenti. 

n. 

Non  dantur  morbi  intermittentes. 

III. 

Causam  hydropis  melius  principiis  mechanicis,  quam  dynamicis   ex- 

plicabis. 

IV. 

Sine  Opio  et  Mercurio  nollem  esse  medicus. 

V. 
Oranis  Medicus  sit  psychologus. 

VL 

Föns  floritionis  medicinae  modernae  in  Anatomia  pathologica  quae- 

rendus  est. 

VII. 
Viget  in  omnibus  corporibus  nisus  conservationis. 

VIII. 
Prognosis  non  de  aegri,  verum  de  Medici  sorte  decernit. 

IX. 
Nulluni  datur  Signum  morbi  pathognomonicum. 

X. 

Nullum  venenum  in  manu  medici. 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der 
Semmelweis'sehen  Lehre. 


Ferdinand  Hebra : 

Höchst  wichtige  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  in  Gebär- 
anstalten epidemischen  Puerperalfieber. 

(1847—48.) 


Die  Redaction  dieser  Zeitschrift  fühlt  sich  verpflichtet,  die 
folgenden,  von  Henri  Dr.  Ig.  Semmel  weis,  Assistentin  an  der  ersten 
geburtshill  liehen  Klinik  des  hiesigen  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses 
gemachten  Beobachtungen  in  Hinsicht  der  Aetiologie  der,  beinah^ 
in  allen  Gebäranstalten  herrschenden  Puerperalfieber  hiermit  dem 
ärztlichen  Publicum  mitzutheili-n. 

Herr  Dr.  Semmel  weis,  der  sich  bereits  über  fünf  Jahre  im 
hiesigen  k.  k.  Kraukenhause  befindet,  sowohl  am  Secirtische  als  auch 
am  Krankenbette  in  den  verschiedenen  Zweigen  der  Heilkunde  Bfcfa 
gründlich  unterrichtete,  und  endlich  während  der  letzten  zwei  Ja  luv 
seine  specielle  Thätigkeit  dem  Fache  der  Geburtshilfe  anwendete, 
machte  es  sich  zur  Aufgabe,  nach  der  Ursache  zu 
forschen,  weiche  dem  so  verheerenden,  epidemisch 
»ei  laufenden  l'uerperalprocesse  zu  Grunde  liege.  Auf 
diesem  Gebiete  winde  nun  nichts  ungeprüft  gelassen,  und  Alles,  was 
nur  irgend  einen  schädlichen  Einfluss  hätte  ausüben  könnenf  wurde 
sorgfältig  entfernt. 

Durch  den  tätlichen  Besuch  der  hiesigen  pathologisch-anatomischen 
Anstalt  hatte  nun  Dr.  Semmel  weis  den  schädlichen  Hinflugs  kennen 
gelernt,  welcher  durch  jauchige  und  faulige  Flüssigkeiten  auf  selbst 
unverletzte  Körpertheile  der  mit  Leichensectionen  sich  beschäftigenden 
Individuen  ausgeübt  wird.  Diese  Beobachtung  erweckte  in  ihm  den 
Gedanken,  dass  vielleicht  in  Gebäranstalten  von  den  Öe- 
1)  ui  tshelfem  selbst  den  Schwangeren  und  Kreissenden 
der  furchtbare  Puerpera lprocess  eingeimpft  werde, 
und  dass  er  in  den  meisten  Fällen  nichts  anderes.  ;ils 
eine  Leicheninfection  sei. 

Im  diese  Ansicht  zu  erproben,  wurde  auf  dem  Kreisszimmer  der 
ersten  geburtshilflichen  Klinik  die  Anordnung  getroffen,  dass  Jeder. 
der  »ine  Schwangere  untersuchen  wollte,  zuvor  seine 
Hände    in     einer    wässerigen    Chlorkalk- Lösung    (ükfor. 

■    nur.  ].     iqnat    (in, tonne  lihnt*   dum)    waschen    musste.      I  >  e  l  ■ 


24 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmelweis'achen  Lehre. 


Erfolg  war  eiu  überraschend  günstiger;  denn  währen  iL 
in  den  Monaten  April  und  Mai,  wo  diese  Massregel  noch 
nichl  gehandhabt  wurde,  auf  100  Geburten  noch  aber 
18  Todte  kamen,  verhielt  sich  in  den  folgenden  Mo- 
naten bis  inclusive  26.  November  die  Anzahl  der 
Todten  zu  den  Geburten  wie  47  zu  1547,  d.  h.  Bl 
starben  von  100  —  2,45.  .  .  . 

Durch  diese  Thatsache  wäre,  vielleicht  auch  das  Problem  gelöst, 
warum  in  Hebammen-Schulen  ein  so  günstiges  Mortalitäts- Verhältnis* 
im  Vergleiche  zu  den  Bildungsanstaiten  für  Geburtshelfer  herrscht, 
mit  Ausnahme  der  Matemiti  in  Paris,  wo  —  wie  bekannt  —  die 
Sei  Honen  von  Hebammen  vorgenommen  werden. 

Drei  besondere  Erfahrungen  durften  vielleicht  diese  gfi  eben  ans- 
gesprncheiie  Ueberzoiigung  noch  weiter  bestätigen,  ja  sogar  den  Um- 
fang derselben  noch  erweitern.  Dr.  Semmel  weis  glaubt  nämlich 
nachweisen  zu  können,  dass: 

1.  durch  vernachlässigtes  Waschen  einiger  mit  Ana- 
tomie sich  beschäftigender  Schüler  im  Monate  Sep- 
tember mehrere  Opfer  gefallen  sind:  dass 

2.  im  Monate  October  durch  häufige  Untersuchung 
einer,  an  verj auchendem  Medullarsarcom  des  Uterus 
leidenden  Kreissenden,  —  wonach  die  Waschungen 
nicht  b  e  o  b  acht  ei  wurden;  sowie  e  n  d  1  i  C  h 

3.  durch  ein,  am  Unterschenkel  einer  Wöchnerin 
vorhandenes,  ein  jauchiges  Secr et  lieferndes  Geschwür 
—  mehrere  von  dem  mit  dieser  gleichzeitig  Entbun- 
denen inficirt  wurden. 

Also  auch  die  lieber  tragung  jauchiger  Exsudate 
aus  lebenden  Organismen  kann  die  veranlassende  Ur- 
sache zum  T'uerperalprocesse  abgeben. 

Indem  wir  diese  Erfahrungen  der  Oeffentlirlikeit  übergeben, 
stehen  wir  an  die  Vorsteher  sämmtlicher  GebäranstaltenT  von  denen 
schon  einige  durch  Herrn  Dr.  Semmel  weil  selbst  mit  diesen  höchst 
wichtigen  Beobachtungen  bekannt  gemacht  wurden,  das  Ansuchen, 
das  Ihrige  zur  Bestätigung  oder  Widerlegung  derselben  beizutragen. 


Fortsetzung   der  Erfahrung   über   die  Aetiologie  der  in  Gebär- 
anstalten epidemischen  Puerperalfieber. 

Im  Decemberhefte  1847  dieses  Journals  wurde  von  Seite  der 
Redaction  desselben  die  höchst  wichtige  Erfahrung  veröffentlicht,  die 
Herr  Dr.  Semmel  weis.  Assistent  an  der  ersten  geburtshilflichen 
Klinik,  in  Hinsicht  auf  die  Aetiologie  des  in  Gebarhäusern  epidemischen 
Puerperalfiebers  gemacht  hat. 

Diese  Erfahrung  besteht  nämlich  (wie  es  den  Lesern  unserer 
Zeitschrift  noch  erinnerlich  sein  wird}  darin,  dass  Wöchnerinnen 
hauptsächlich  dann  erkrankten,  wenn  sie  von  Aerzten,  die  ihre  Hände 
durch  Untersuchungen  an  Leichen  verunreinigt  und  nur  auf  gewöhn- 
liche Weise  gewaschen  hatten,  uutersucht  (touchirt)  wurden ;  wahrend 
entweder  keine  oder  nur  sehr  geringe  Erkrankungsfälle  Statt  fanden, 


Die  ersten  Bekuntmiflhungai!  «kr  >  mmelweis'sclien  Lehre. 


25 


wenn  der  Untersuchende  seine  Hände  früher  in  einer  wässerigen 
l  Ihloi  kalk-Lösuug  gewaschen  hatte. 

I'iese  so  höchst  wichtige,  der  Jenner'schen  Kuhpockenimiifung 
an  die  Seite  zn  stellende  Entdeckung  hat  nicht  nur  seither  im  hie- 
sigen Gebärhause  ihre  vollständige  Bestätigung  erhalten.'  sondern 
l sa  haben  sich  auch  aus  dem  fernen  Auslande  beifällige  Stimmen  er- 
hoben, welche  die  Richtigkeit  der  Semmel  weis' sehen  Theorie  be- 
gkmbigen.  Hingelangte  Briefe,  und  zwar  aus  Kiel  von  Michaelis» 
und  aus  Amsterdam  von  Tilanus  sind  es,  weichen  ich  diese  be- 
dingenden Miitheilungen  entnehme. 

I'in  jedoch  dieser  Entdeckung  ihre  volle  Gültigkeit  zu  gewinnen, 
werden  hiermit  alle  Vorsteher  geburtshilflicher  Anstalten  freundlichst 
ersucht,  Versuche  anzustellen,  und  die  bestätigenden  oder  widerlegen- 
den Resultate  an  die  Kedaction  dieser  Zeitschrift  einzusenden. 


C.  H.  F.  Routh: 

Ueber  die  Ursachen  des  endemischen  Puerperalfiebers  in  Wien. 

(1848.) 

Eingelangt  am  29.  Mai  -  gelesen  am  28.  Nov.  1848. 


Nachdem  der  Verfasser  der  folgenden  Zeilen  wiederholt  Gelegen- 
heit gehabt  hatte,  bei  seinem  Besuch  auf  dem  Continent  unglücklich 
verlaufene  Fälle  des  Puerperalfiebers  mit  besonderer  Aufmerksamkeit 
zu  studiren,  war  er  in  der  Lage  gelegentlich  der  Besichtigung  der 
Pariser  und  Wiener  Krankenhäuser  eine  gründlichere  Einsicht  in 
die  Ursachen  der  genannten  Krankheit  zu  gewinnen.  Die  folgenden 
Bemerkungen  beziehen  sich  hauptsächlich  auf  Wiener 
Verhältnisse,  obwohl  es  anzunehmen  ist,  dass  ähnliche  Fälle  auch 
anderswo  vorkommen  und  erfolgreich  bekämpft  werden. 

Zum  richtigen  Verständnis*  der  Suche  ist  es  angezeigt,  einige 
Winke  über  die  Art  und  Weise  des  Betriebes  im  Wiener  allgemeinen 
Krankenhaus  vorauszuschicken. 

Ks  gibt  dort  drei  Abtheilungen  für  Wöchnerinnen.  Die  erste 
ist  für  Fremde  nicht  zugänglich,  also  hier  nicht  zu  besprechen.  Die 
übrigen  zwei  stehen  für  ärztliche  Untersuchungen  frei. 


')  Indem  im  Monate  Deceinber  1847  auf  273  Geburten  8.  im  Jänner  1848  Ntf 
283  Geburten  10,  im  Monate  Februar  auf  2!M  Geburten  2  Tode« fülle  kamen,  und 
im  Monate  März  keine  \\M<  Imeriu  starb,  so  wie  sich  auch  gegenwärtig  keine  ein- 
zige Pturperal'&ranke  im  Gebärhanse  befindet      Wlbsend  der  10  Mannte,  wo  das 

ben  mii  Chlorkalk  vor  jeder  Untersuchung  rorgettommea  wird,  sind  •letnnarh 
von  2670  Entbundenen  blos  67  gestorben,  eine  Zahl,  die  früher  Uteri  in  einem 
Monate  überstiegen  wurde. 


2H  Hie  ernten  Bekanntmacbungen  der  Semmelweis'schen  Lehre. 

Der  Einfachheit  halber  werden  wir  diese  beiden  als  erste  Ab- 
t  hc  ihm  ff  und  zweite  Abtheilung  bezeichnen.  Die  erste  Ab- 
thniluiiff  «teilt  den  studirenden  Aerzten  und  Hebammen  zur  Ver- 
fügung, die  zweite  aber  ausschliesslich  nur  Hebammen.  In 
der  erat eren  verkehren  etwa  20—30  Aerzte  und  acht  Hebammen, 
wnlc.li  letztere  auch  die  notwendigen  Hilfsarbeiten  verrichten.  Ausser- 
dem ffibt  es  gegen  sechszehn  Hebammen,  die  in  den  einzelnen  Kranken- 
Kinnnern  den  Pflegedienst  versehen.  Die  letzteren  sind  acht  an  der 
Zahl:  sie  sind  geräumig  und  luftig. 

In  der  zweiten,  nur  für  Hebammen  bestimmten  Ab- 
theilung gibt  es  etwa  28  Krankenzimmer,  die  bis  auf  ihre  be- 
scheideneren Ansprüche  betreffs  Geräumigkeit  und  Luft,  ganz  mit 
denen  der  ersten  Abtheilung  übereinstimmen.  Folgende  Tabelle  ver- 
anschaulicht die  Durchschnittszahl  der  Entbindungen  und  der  Sterb- 
lichkeit für  einen  Monat: 


/«hl  il#r  Rat« 


Erst*  Abt  heilang     -  Mortalität 


Normal 


Durch  Zufall 


Sterbe- 

falb« 


Vor- 

Kmbiii-  |   falle 


Ver- 

hkltniss 
iu  den 

Rotbiu- 
dati^en 


Zweite  Abtheilung  —  Mortalität 


Normal 


Durch  Zufall 


Sterbe- 
falle 


Ver- 
hältnis 
zu  den 
Entbin- 

d  untren 


Sterbe- 
fälle 


Ver- 
hältnis» 
in  den 
Entbin- 
dungen 


idurchschuittl 


«,  PO     1:9.1«  ,  ca.  70     1:&9S 


ca.  7— 9  1:34.37 
durch- 
schnitt- 
lich 8 


ca.  3      1:91.66 


In  eiueu»  einzelnen  Jahre  starben  in  der  ersten  Abtheilnng  500 
y*\u  5000  Kntbuudenen.  während  iu  der  zweiten  auf  dieselbe  Zahl 
kaum  40  Sterbel'alle  kamen.  Wohl  bemerkt,  diese  Daten  sind  nur 
anuaherud  seuau»  da  die  Statistik  aus  einleuchtenden  Gründen  geheim 
gehalteu  wird. 

IHe  Fehandlunv:  iu  der  ersten  Abtheilnng  erfolgt  folgender- 
»asseu:  vier  Hebammen  siud  tur  den  Nachtdienst  reservirt.  und  vier 
Ar  den  Tag.  Jede  hat  der  Reihe  nach  eine  Frau  zu  entbinden:  eine 
ist  jedoch  ttwh  obendrein  herangezogen  als  „Tagebuchführerin-. 
der  es  oNkjc  die  an  diesem  Tag*  vorkommenden  Fälle  zn  über- 
fratett.  Zu  diesem  Kehati'e  sind  ihr  iwei  Herren  manchmal  nnr 
eüter  ittr  Kti:e  zugewiesen.  Fei  der  Verrichtung  dieses  Dienstes 
is*  es  den  letzteren  u.ttbenonuneDL  die  rntersachaagen.  sc-  oft  es  Omen 
*nt  iiakt»  srt  wiederholen.  Man  seht  aber  noch  weiter:  aas  oia 
das  rfa:Ļtt  der  Kili&ts  vaanreavmmeOs  so  werden  die  Hebammen 
nnd.  ectec  der  Aerste  -es  waren  vvrotals  zwei .  d-en  Vorschriften  ge- 
mäss, lur  KzKbisd&üg  äerbesg-iruien.  md  ä  ist  es  jenen  Gruppen. 
«ssia'.rec  ihre  lacersuciiitagett  z*i  machen.  Gibc  es  -eiaen  interessanten 
Fall.  >»•  erlabe  .'der  vj»r»:-ri!wc  der  bei  TsLieszei:  inspiciremi*  Pro- 
tfessor.  .»der  ier  n  ier  Nach:  i:e  Aufsicht  rlir^ade  Assiscent,  den 
aa^esendeu  K?rr*«i.  _"i~^  ?ecöaca.ta3gea  an  marhtii.  sc  <iass  jede 
Faveucin  m;n>.est-:9i>  v-'ii  rin:'  >r-viiiir«ea«ien.     nxmils  -;a  i — 3  rmil  si> 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmel weiä'sehen  Lehre. 


27 


vielen,   untersucht   wird.     Der   praktische   Unterricht   wird   auch  in 
einem  privaten  Curs  ertheilt,  wo  Operationen  au   weibliche p 

Leichen  vorgenommen  werden. 

Der  klinische  Unterricht  wird  in  der  zweiten  Abtheilung  nach 

-elben  Plan  geführt,  die  ruiersnehimgeu  weiden  gerade  so  häufig 

genommen;  allein   die  practischen   Demonstrationen    und 

die  Operationen  werden  nicht  an  Leichen,  sondern  an  Lederphan- 

tomen  vollzogen.    Diese  Thatsaehe  ist  besonders  zu   betonen.     Die 

Einzelheiten  mögen  etwas  geringfügig  erscheinen,  doch   sind   sie  von 

SB  wichtigen  Folgen,  um  VOB  ihnen  absehen  zu  können. 

Die  furchtbare  Sterblichkeit  der  ersten  Abtheilung  im  Veidialtniss 
zu  der  zweiten  wurde  endlich  so  berüchtigt,  dass  viele  Frauen  sich 
sträubten,  wenn  man  sie  in  jener  als  Patientinnen  zuwies,  und  dass 
die  öffentliche  Stimme  endlich  die  Behörde  bewug  eine  Untersuchung 
in  der  Angelegenheit  einzuleiten.    Die  zu  solchem  Behufe  ausgesandte 

rnission  kam  zu  dem  Schhiss,  dass  das  Umsichgreifen  des  Fiebers 
der  überaus  grossen  Anzahl  der  assistirenden  Studenten  zuzuschreiben 
ist.  Demzufolge  wurde  deren  Zahl  von  vierzig  auf  dreissig  herab- 
gesetzt Allein  das  Sterblichkeitsverhältniss  zwischen  den  beiden  Ab- 
gingen bestand  unverändert  fort,  so  dass  es  augenscheinlich  war. 
die  wirkliche  Ursache  noch  nicht  gefunden  war. 

Dieser  auffallende  Unterschied  zwischen  den  zwei  Abteilungen 
erregte  allerdings  die  Aufmerksamkeit  der  Fachleute;  man  führte 
sogar  analoge  Falle-  in  anderweitigen  Spitälern  an.  So  behauptete 
man  z.  B.,  dass  in  Prag,  wo  auch  diese  geschilderte  Zweitheihmg  be- 
steht, die  Sterblichkeit  in  der  Abtheilung  der  Aerzte  eine  noch 
größere  sei  als  in  Wien,  während  diese  in  der  Section.  wo  nur  Heb- 
ammen beschäftigt  sind,  eine  sehr  geringe,  ist.  Audi  in  Strassburg 
gibt  es  —  wie  Verfasser  von  Dr.  Wrieger,  einem  practischen  Arzte 
übst  erfuhr  —  zwei  Abtheilungen,  mit  dem  gleichen  Unterschied 
an  Sterblichkeitszahl,  so  dass  es  manchmal  sich  als  nothwendig  er- 
wies, die  Abtheilung  der  Aerzte  behufs  Desinficirung  der  Kranken* 
zimmer  zu  schliessen:  bei  den  Hebammen  hingegen  waren  Puerperal- 
Beber-Falle  selten.  Die  sprichwörtliche  Sterblichkeit  in  dem  Pariser 
„Höpital  Gliniqne",  wo  ausschliesslich  männliche  Aerzte  und  Studenten 
diat'tigt  sind,  wurde  als  trauriger  Beleg  dafür  angeführt,  um  die 
verderblichen  Ergebnisse  der  männlichen  Geburtshilfe  zu  beweisen. 
Die  erste  und  begreiflichste  Annahme  war.  dass  das  Fieber  in  erster 
Beine  von  der  rohen  Behandlung  der  männlichen  Geburtshelfer  her- 
rühre, denn  sie  verursache  in  den  Genitalien  Entzündungen,  welche 
durch  Verbreitung  nach  aufwärts  die  Entstehung  des  Puerperalfiebers 
zu  Folge  hätten,  während  die  Manipulation  der  Hebammen  eine  viel 
Sattere  und  deshalb  auch  viel  verlässlichere  wäre.  I'ine  kleine  Ueber- 
legnng  und  einige  positive  Beispiele  genügten  aber  gerade  das  Gegen- 
theil  zn  beweisen. 

1.  Wäre  —  wie  Dr.  Semmelweis  (auf  den  wir  noch  zurückkommen 
werden]  bemerkt  —  diese  Annahme  richtig,  so  würde  ein  jeder 
schwierigere  Fall,  wo  eine  Operation  benöthigt  wird,  i du  Puerperal- 
fieber zu  Folge   haben,  was  jedoch  den  Thatsachen  nicht   entspricht. 

■_!.  Männliche  Geburtshelfer  sind  an  anatomischen  und  physio- 
logischen Kenntnissen  den  Hebammen  weit  überlegen,  sie  vermögen 

die  Diagnose  viel  leichter  und  schneller,  mit  weniger  Maaipti- 
liren   und   Herumtasten   festzustellen,  so  dass  hierdurch  der 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Seramelweis'schen  Lehre. 

Hanptursache  einer  Entzündung  und  einem  derselben  folgenden  Puer- 
peralfieber vorgebeugt  ist. 

:;  Das  Puerperalfieber  ist  in  der  Privatpraxis  der  Accou- 
cheurs  verhalt  nissmässig  selten. 

4.  Endlich  wird  durch  das  Pariser  Höpital  de  la  Maternite  der 
Beweis  für  die  l'nhaltbarkeit  der  erwähnten  Annahme  geliefert,  in- 
1 -in  daselbst  die  Entbindung  ausschliesslich  den  Hebammen  obliegt 
und  die  Sterbefälle  dennoch  ebenso  häufig  sind. 

Es  ist  also  als  eine  erwiesene  Thatsache  anzusehen,  dass  das 
Puerperalfieber  nicht  der  rohen  Behandlung  männlicher  Geburtshelfer 
zuzuschreiben  ist. 

Ansteckung.  —  Da  die  Erscheinung  der  Ansteckung  als  die 
iche  so  vieler  Krankheiten  betrachtet  wird,  wollen  wir  ins  Auge 
fassen,  in  wieferne  dieselbe  fähig  ist,  Puerperalfieber  zu  verursachen. 
Dasa  die  directe  Berührung  mit  dem  Contagium,  der  mittelbare 
oder  unmittelbare  Verkehr  mit  den  von  Puerperalfieber  befallenen 
Personen,  dass  ferner  das  Verschleppen  von  ansteckenden  Krank- 
heiten, wie  Typhus.  Erysipelas  und  andere  Fieberkrankheiten  in 
vielen  Fällen  Puerperalfieber  unter  den  Patientinnen  hervorgerufen 
hat,  unterliegt  keinem  Zweifel  Die  Aerzte  Copland.  Collius,  liigby, 
Lee,  Gooch,  Ferguson.  Blackmore,  Piddie,  Storr  und  viele  andere  be- 
richten über  solche  Fälle.  Dr.  E,  Murphy  in  London  machte  die 
Fachleute  schon  gelegentlich  der  Dubliner  Epidemie  darauf  aufmerk- 
sam, wobei  na< .-bewiesen  wurde,  dass  Aerzte.  welche  einen  Puerperal- 
fieber-Fall  behandelten  und  dann  andere  entbindende  Frauen  be- 
suchten, ohne  vorher  die  Kleider  zu  wechseln,  fast  immer  die  Keime 
der  Krankheit  fortgepflanzt  haben.  IhesWIie  Thatsache  wird  durch 
das  Beispiel  eines  deutschen  Studenten  bekräftigt,  der  die  gynäkolo- 
ie  Praxis  ausser-  und  innerhalb  des  Spitals  ausübte,  und  die 
wendigen  Massregeln  der  Reinlichkeit  bezüglich  des  Kleider- 
wechselns  etc.  nicht  beobachtete  und  eben  deshalb  in  jedem  Falle 
seiner  Praxis  den  Patientinnen  das  Puerperalfieber  beigebracht  hat, 
währenddem  andere,  welche  minder  nachlässig  waren,  ein  erfreu- 
licheres Resultat  aufzuweisen  hatten. 

I asser  war  mit  dieser  Thatsache  im  Klaren  und  machte  dies- 
bezüglich  besondere  Forschungen  in  Wien,  allein  die  gewonnenen 
Ergebnisse  waren  von  geringem  Werthe.  Erstens  erschien  es  nicht 
als  wahrscheinlich,  dass  das  Fieber  z.  B.  durch  Ansteckung  mit 
Typhus,  welche  Krankheit  bekanntlich  zu  den  ^ewnlmlichsten  und 
verhängnissvullsten  in  Wien  irehörte.  verursacht  sein  könne.  Es  war 
nicht  nachzuweisen,  dass  auch  nur  einer  der  Fieberfälle  von  solcher 
Ansteckung  herrühre,  noch  hatte  eine  Typhusei  krankung  der  Ammen 
und  Wärterinnen  u.  s.  w.  Pnerperalfieber-Fälle  zur  I-'<>Il!>. 

Was  zweitens  die  Verbreitung  der  Krankheit  durch  die  Kleider 
der  Pfloger  anbelangt,  so  wird  diese  Annahme  durch  das  Wiener 
Krankenpflege  S\si ein  selbst  widerlegt  Die  Aerzte  und  Hebammen 
sind  beständig  bei  den  Betten  der  Puerperalfieber-Kranken.  und  zwar 

ähnlich  in  derselben  Kleidung.  Verfasser  selbst  hatte  fortwährend 
dasselbe  Kleid,  das  07  für  Üe  Dienstverrichtoilg  im  Spital  reservirt 
hatte,  anbehalten:  er  hielt  sieh  oft  sehr  lange  an  dem  Bette  einer 
Sehwerkranken  auf  und  behandelte  sie  auch,  ohne  dass  er  dabei  die 
Krankheit  in   die  übrigen  Krankenabtheiluntreti   fortgeschleppt   hätte. 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  SemmelweisVhei)  Lehre. 


Gleicherweise   wurde    beobachtet,    dass   Patientinnen,   die   zwischen 
solchen  Puerperalfieber-  Kranken  Lagen,   trotzdem  dem  Puerperalneht-r 
entgingen.    Obwohl  die  erwähnten  Fälle  noch  nicht  als  positive  Be- 
za betrachten   sind,   bieten  sie   dennoch   mindestens   negative 
Anhaltspunkte,  da  sie  in  Folge  ihrer  Häufigkeit  eine  gewisse  Folge- 
:  zulassen.     Mit  der  zweiten  Abtheilung  hat  es  dieselbe  Bewandt- 
Es   werden    da  dieselben  Massregelu   beobachtet    und   also   der 
angeblichen  Ansteckung  dasselbe  günstige  Terrain  geboten,   mit  dem 
Unterschiede,   dass  hier   die  Hebammen  sich   noch   länger  an   einem 
Bett  aufhalten.    Ware  also  Ansteckung  die  Ursache  des  Fiebers,  so 
is  in  der  zweiten  Abtheilimg  noch  häufiger  vorkommen  als  in 
der  ersten,  wahrend  bekanntlich  gerade  das  Gegentheil  stattfindet 

Drittens.     Das   Strassburger  Spital    scheint   ebenfalls  die   conta- 

Natur   der  Krankheit   zu    widerlegen.     Hier   kommt   es   vor  — 

und  /war  gewöhnlich  jedes  zweite  Jähr  —  dass  das  Fieber  so  epi- 

demiscn  wird,   ilass  die  Schliessung  der  Anstalt  behufs  Desinhcii  ung 

nothwendig  wird.    Die  Patientinnen,  die  zu  jener  Zeit  vom  Puerperal 

er  befallen  sind,   werden  in  die  Abtheilung  für  Hebammen  über- 

tijlirt.    Die  Erfahrung  lehrt  nun.   dass  dadurch   die  Krankheit  nicht 

i  eitrt  wird.    I  >iese  Thatsache  wird  mit  Bezugnahme  auf  Dr.  Wrieger 

als  Autorität  angeführt. 

Viertens.  Es  wurde  schon  oben  der  acht  Hebammen  und  sechs- 
zehn Ammen  Erwähnung  gethan.  die  in  Wien  in  der  ersten  Ab- 
theilung beschäftigt  sind.  Nun  müssen  Erstere  laut  Vorschrift  ver- 
h'irathete  Frauen  sein  und  wahrscheinlich  besteht  dieselbe  Ver- 
pflichtung auch  für  die  Letzteren.  Sie  alle  sind  in  fast  beständiger 
Berührung  mit  Puerperalfieber-Kranken.  Die  meisten,  wenn  nicht 
alle,  entbinden  gleichfalls  im  Spital,  wobei  ihnen  ohne  Assist  irung 
eines  Arztes  in  einer  tten  Abtheilung  eine  der  Ammen 

die  Geburtshilfe  leistet.  Hier  haben  wir  also  den  Fall,  wo  die  Mög- 
lichkeit der  Ansteckung  in  hohem  Masse  obwaltet,  dennoch  aber  hat 
Verfasser  kein  einziges  Beispiel  verzeichnen  können,  wo  die  Nieder- 
kunft einer  Hebamme  oder  Amme  mit  einem  Puerperalfieber  com- 
plicirt  gewesen  wäre. 

Fünftens  und  schliesslich:  Die  einzige  Thatsache,  welche  die 
Vermuthung  einer  Ansteckung  zuliesse,   wäre  folgende:  Es  ist  öfters 

•kommen,  dass  das  Kind  einer  Puerperalfieber-Kranken  beim  Be- 
ginn der  Krankheit  der  Mutter  starb  und  dass  die  Untersuchung 
post  mortem  des  Kindes  stets  Peritonitis  als  Todesursache  ergab. 
Die  Thatsache  ist  wichtig,  da  Peritonitisfälle  auch  bei  Männern. 
deren  Frauen  an  Puerperalfieber  erkrankt  waren,  nach  den  Beob- 
achtungen des  Dr.  Storr  vorgekommen  sind.     Nichts  de.smweniger  ist 

>  Argument  nicht  genügend  kräftig  um  die  Ansteckung  zweifellos 
zu  machen.  Da  wir  allen  Grund  haben  anzunehmen,  dass  in  Fällen 
des  Puerperalfiebers  die  Lochien  ebenso  giftig  sind,  wie  puerperale 
Ab8cesse  u.  dergl.,  dass  sogar  das  ganze  Blut  inficirt  und  deshalb 
auch  das  Kind  durch  die  schädlichen  Bestandteile  der  Muttermilch 
at'tieirt  werden  kann,  so  liegt  es  auf  der  Hand,  dass  die  Auffassung 
sehr  zulässig  ist,  es  wäre  die  giftige  Muttermilch  (welche  von  allen 
Beereten  am  leichtesten  von  dem  Zustande  der  Mutter  beeinflusst 
wird',  welche  die  Peritonitis  verursacht  (wie  denn  auch  die  C'antha- 
riden  Kntziindungen  in  der  Urethra  hervorrufen  können).     Nach  allem 


30 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmelweis 'sehen  Lehre. 


diesen  ist  es  evident,  dass  die  Oontagiosität  des  Puerperalfiebers  in 
Wien  weder  von  Berührung,  noch  von  anderer  directer  oder  indirecter 
Ansteckung  herrührt 

Infection.  —  Infection  —  ein  „besonderer  krankhafter  Einthiss 
durch  die  Athmosphäre,  der  ausserhalb  des  Bereiches  der  persönlichen 

ihrung  vielleicht  durch  die  Respiration  wirksam  ist",  und  der 
sowohl  von  epidemischer  Ansteckung  als  von  dem  Üontagium 
im  eigentlichen  Sinne  wohl  zu  unterscheiden  ist  —  wäre  nach  meiner 
Auffassung  im  Falle  des  Wiener  Krankenhauses  gar  nicht  in  Com- 
liiiialimi  zu  nehmen.  Viele  Thatsachen,  die  im  Zusammenhange  mit 
der  Frage  der  Ansteckung  angefühlt  wurden,  eignen  sich  dazu,  die 
Annahme  der  Infection  zu  widerlegen;  unter  andern  z.  B.  auch  das 
Fehlen  der  Fieberfalle  unter  den  Ammen.  Ausserdem  ist  hier  kein 
Umstand  aufzuünden,  der  die  Infection  begünstigen  würde,  wie 
Mangel  an  Lüftnng,  Reinigung  u.  s.  w.  in  den  Krankenzimmern. 
Leintücher  werden  beständig  gewechselt,  die  Krankenzimmer  jeden 
Tag  theihveise,  jeden  dritten  bis  vierten  Tag  aber  gründlich  gereinigt, 
wobei  selbst  die  Matratzen  gewechselt  werden.  Es  herrscht  also  in 
jeder  Abtheilung  die  vollkommenste  Reinlichkeit  Ist  eine  Patientin 
an  Puerperalfieber  erkrankt,  so  wird  sie  unverzüglich  in  eine  abge- 
sonderte Abtheilung  geschafft.  Ferner  haben  wir  noch  ein  triftiges 
Argument  gegen  die  Annahme  der  Infection  in  der  Thatsaehe, 
dass  gerade  in  den  Zimmern  der  Hebammen,  die  doch  minder  ge- 
räumig und  luftig  sind,  als  die  Zimmer  der  ersten  Abtheilung,  die 
Fieberfälle  seltener  vorkommen.  Diese  Betrachtungen  berechtigen 
also  zu  der  Folgerung,  dass  die  Infection  nicht  als  eigentliche  Ur- 
sache des  Puerperalfiebers  in  Wien  zu  betrachten  ist. 

Directes  Beibringen  von  giftigen  Stoffen  oder  In- 
oeulation.  —  Dr.  Blackman  in  Edinburgh  war  der  erste,  der  die 
Möglichkeit  erkannte,  dass  der  behandelnde  Arzt  selbst  die  Krankheit 
beibringen  könnte,  indem  er  giftige  Stoffe  subter  ungues  bei  einer 
Untersuchung  per  vaginam  einführt.1)  Obwohl  dieser  Umstand 
auch  von  Anderen  geahnt  wurde,  hat  ihn  meiner  Meinung  nach  zu- 
erst deutlich  Dr.  Semmelweis,  der  ausgezeichnete  Assistent  an  der 
Wiener  geburtshilflichen  Abtheilung  erkannt.  Angesichts  einiger 
Thatsachen  kam  Dr.  Semmelweis  auf  die  Folgerung,  dass  die  eigent- 
liche Ursache  der  Infection  die  Hände  der  Aerzte  seien,  die 
mit  Leichengift  inficirt  waren.  Die  Herren  haben,  indem 
sie  den  Demonstrationen  in  der  Todtenkammer  beiwohnten,  die  ein- 
zelnen Krankentheile  oft  mit  den  Händen  berührt  Nun  hat  Dr.  Semmel« 
weis  festgestellt,  dass  die  Hände,  selbst  wenn  sie  gewaschen  werden, 
einen  e igen thiim liehen  Leichengeruch  beibehalten,  der  einige 
stunden,  oft  sogar  bis  zum  nächsten  Tag  andauert.  Das  Vorhanden- 
sein des  Geruches  lässt  auf  eine,  wenn  auch  geringe,  Menge  von 
Leichengift  —  auf  der  Oberfläche,  oder  in  die  Epidermis  eingesogen 
—  schliessen.  Wenn  man  ausserdem  bedenkt,  dass  in  der  Todten- 
kammer oft  wegen  Mangel  an  Handbürsten,  Seifen,  warmem 
W  a  s  s  e  r  die  Hände  garnicht  genügend  zu  reinigen  sind,  so  ist  es 
mehr  als  wahrscheinlich,  dass  das  Leichengift  unter  den  Nägeln 
stecken  bleibt,  und  folglich  bei  Untersuchungen  per  vaginam  un- 


ProT.  Med.  and  Sarg.  Journal  No.  XXV,  1845. 


Die  ersten  Bekauntma<.Lnngeu  der  Seinraelwcij'scli. n  Lehre. 


31 


mittelbar  beigebracht  werden  kann.  Wie  wäre  sonst  der  Umstand 
erklärlich.  den  in  der  ersten  Abtheilung  die  Krankheit  so  oft  ent- 
standen ist?  Andrerseits  aber  erklären  sich  die  günstigeren  Uesund- 
lifitsveihaltnisse  der  zweiten  Abtheilung  dadurch,  duss  lk  Hebammen 
keine  anatomische  Seetion  mitmachen,  sondern  an  Phantomen  arbeiten, 
also  auch  die  Hände  nicht  mit  Leichengift  inficiren  können. 

Dr.  Semmelweis  ging  aber  noch  weiter.  Er  handelte,  auch  seiner 
Annahme  gemäss.  Er  empfahl  den  Studenten  die  Leieheotheik  nicht 
zu  berühren;  thaten  sie  es  aber,  so  durften  sie  bis  zum  nächsten  Tag 
an  keine  Patientin  Hand  anlegen.  Bei  der  Praxis  in  den  Abtheilungen 
ertheilte  er  den  Studirenden  die  Mahnung  vor  und  nach  jeder 
Untersuchung  die  Hände  in  C hlorlösung  zu  waschen. 
Der  Krtolg  dieser  Vorsieh tsmassregeln  war,  dass  die  Zahl  der 
St  er  In-  falle  plötzlich  auf  sieben  pro  Monat  herabsank, 
also  auf  die  Durchschnittszahl  der  zweiten  Abtheilung.  Das  ist  eine 
bttedte  Thatsache!  -Sie  erklärt  auch  den  Unterschied  an  Sterblich- 
keit in  den  zwei  Abtheilungen  zn  Strassburg,  wo  die  Aerzte  ebenfalls 

ationen  und  Sectionen  an  Leichen  vornehmen,  die  Hebammen 
aber  nicht.  Das  Sterblichkeitsverhältniss  in  Prag  findet  ebenfalls 
hierin  seine  Erklärung  und  der  vormals  als  Ausnahme  geltende  Fall 
der  Maternite  in  Paris  ist  jetzt  auch  einleuchtend,  wenn  man  erfährt, 

dort  die  Hebammen  ebenfalls  die  Secirungen  ausüben.  Was  end- 
lich das  Höpital  Clinique  anbelangt,  so  macht  der  bekannte  Eifer 
der  Pariser  Studenten  in  anatomischen  Untersuchungen  und  ihre 
ziemliche  Gleichgültigkeit  in  der  Auswahl  der  Leichen,  die  furcht- 
bare Häufigkeit  der  Puerperalfieber-Fälle  leicht  verständlich. 

Auch  die  Falle  in  Gross-Britannien,  die  man  der  Typhus-  und 
Ei ysipHlas-Infection  zuschrieb,  durften  in  Wirklichkeit  von  direrter 
lüoculation  von  giftigen  Stoffen  durch  die  inficirte  Hand  des  Arztes, 
der  vorher  eine  brandige  Wunde  behandelt  hat.  herrühren. ')  Be- 
kräftigt wird  diese  Vermuthung  durch  die  Aehnlichkeit  dieser  Fälle 
■Sä  dem  durch  Leichengift  verursachten  Puerperalfieber. 

Der  giftige  Stoff  geht  auf  verschiedene  Weise  in  den  Organismus 
über.  Theils  durch  die  Resorption  vermittelst  der  Vaginalschleimhaut., 
tbeils  noch  unmittelbarer  durch  unbedeutende  Veränderungen  der 
Genitalien.  Risse  an  der  cervix  oris  uteri,  oder  auch  durch  die  ihrer 
Placenta  beraubte  Oberfläche  des  Uterus,  da  alle  diese  Stellen   für 

il'tionen  in  möglichst  empfänglichem  Zustande  sind. 

Die  fieberischen  Symptome  stellen  sich  gewöhnlich  am  zweiten 
oder  dritten  'lag  nach  der  Entbindung  ein;  jedoch  sind  auch  Pälle 
bekannt  geworden,  wo  die  Krankheit  erst  nach  acht,  sogar  vierzehn 
Tagen  eintrat.  Der  verhängnissvolle  Ausgang  erfolgte  in  der  Regel 
nicht  vor  dem  vierten  oder  fünften  Tage  nach  dem  Krankheitsanfall, 
einigemal  jedoch  trat  das  Ende  schon  in  vierundzwanzig  Stunden  ein. 
Dem  Anfall  isl  gewöhnlich  ein  Durchfall  vorangegangen,  nur  selten 
hatte  die  Patientin  eine  Verstopfung.  Darauf  folgte  eine  allgemeine 
Mattigkeit,  Schwächezustand  und  Starrheit;  der  Fnlsschlag  war  120 
bis  130  in  der  Minute,  manchmal  sehr  schwach,  selbst  in  der  Höhe 
von  160.     Das  subjeetive   Befinden   der  Patientin   ergab    eine   eigen- 


'i  Dr.  Peddie's  ease.  Pro?.  Med.  and  Surg,  Journal.  Nu.  XX.  lS4t'.:   Mr.  Storr'l 
caie,  ibid.  No.  (XVI,  1843. 


m 


Die  erst™  Üekaimtiiiarhrni^ii  der  Sera  inelwei  «'sehen  Lehre. 


thümliche  Aeitcstlichkeifc;  ein  allgemeines  Schmerzgefühl  wurde  im 
Dtcrna  empfunden,  das  entweder  vom  Organe  selbst,  oder  vom  Peri- 
toneum herrührte.  So  wie  der  Zustand  an  Intensität  zunahm,  ti n  t 
Hitze  ein,  Trockenheit  der  Zunge,  Appetitlosigkeit,  Durst  u.s.w.  Die 
Lochien  waren  selten  afficirt,  weder  an  Qualität  noch  an 
Quantität  Die  Mllchßecretion  ging  unverändert  und  uuverringert  v or 
sich.  War  die  Haut  ain  Anfang  der  Krankheit  trockener  als  gewöhn- 
lich, so  war  dieser  Zustand  nicht  andauernd,  da  die  Respiration  eine 
immer  frequentere  wurde  und  die  Frequenz  bis  zur  Auflösung  fort- 
während zunahm,  Grosse  violettfarbige  Flecken  kamen  manehma 
den  Extremitäten  vor.  In  einigen  sehr  seltenen  Fällen  waivn  vuen 
ilii  Sinne  afficirt;  sie  klärten  sich  indess  meistens  allmälig  bis  wenige 
Minuten  vor  dem  Tode.  Die  wichtigsten  localen  Symptome  waren 
jene  der  Peritonitis;  sie  nahmen  an  Intensität  stufenweise  zu. 

Die  Schmerzen  hörten  gewöhnlich  eine  Stunde  vor  dem  Tode  auf: 
indem  das  Gesicht  allmälig  einen  bleichen,  gelblichen,  leichen ahn  liehen 
Ausdni«  k  annahm.  Die  pusi  mortem  gemachten  Beobachtungen  liefer- 
ten folgende  Ergebnisse:  Arachnitis  in  geringem  Masse.  Manch- 
mal Endocarditis,  sehr  oft  Pericarditis.  Beinahe  immer  etwas  Pleu- 
ritis oder  Pneumonie.  Leber  und  Milz  gesund.  Diffuse  Peri- 
tonitis mit  plastischen  Verwachsungen  und  sero-purulenter  Flüssigkeit 
in  der  Abdominalhöhle.  Die  Gebärmutter  war  sehr  aufgelockert,  sehr 
weich  und  leicht  zerreissbar,  mit  Eiter  in  den  Adern,  hanp&sächHen 
in  der  Gegend  der  Fallopschen  Tuben.  Die  innere  Oberfläche  war 
von  gelblich-weisser  Färbung,  mit  stellenweisen  plastischen  Exsudaten. 
Trat  der  Tod  früh  ein,  so  war  nur  eine  kothähnliche  Flüssigkeit  in 
der  Abdominalhöhle  vorzufinden,  mit  Endometritis  und  Eiter  in  den 
Adern  des  Uterus.  Oft  war  der  Fall  eine  blosse  Peritonitis,  wobei 
die  Gebärmutter  kaum  angegriffen  war.  Der  Körper  war  sehr  geneigt 
zur  Auflösung;  die  äusst-re.  Oberfläche  Heckig,  hauptsächlich  an  den 
Extremitäten;  die  oberflächlichen  Adern  sehr  sichtbar  von  matter, 
bläulich  rother  Farbe.  Das  Blut  gewöhnlich  flussig  und  sehr  dunkel, 
an  der  Luft  nicht  gerinnend. 

Das  Fieber  war  nicht  in  allen  Fällen  gleich  heftig.  Dieser  l'm- 
stand  mag  seine  Erklärung  entweder  in  der  Idiosynkrasie  der  Frauen 
oder  in  der  Verschiedenheit  des  Giftes  finden. 

Nach  allen  diesen  glaubt  Verfasser  (indem  er  allerdings  geneigt 
ist  anzuerkennen,  dass  das  Puerperalfieber,  so  wie  andere  Fieber, 
durch  epidemische  Einflüsse  modificirt  werden  kann)  sich  zu  nach- 
stehenden Folgerungen  berechtigt : 

1.  Dass  das  Puerperalfieber  in  Wien  als  ein  endemisches  Fieber 
zu  betrachten  ist. 

2.  Dass  das  Fieber  durch  directes  Beibringen  von  Leickenstoffen 
entsteht,  die  durch  die  Hand  des  behandelnden  Arztes  eingeführt 
werden. 

:s  Dass  die  Leichenstoffe,  die  von  Körpern  an  Typhus,  Erysi- 
pels, Puerperal-  und  anderen  Fiebern  Gestorbener  herrühren,  be- 
sonders gefährlich  sind;  indessen  ist  die  Möglichkeit  nicht  ausge- 
schlossen, dass  gewöhnliche  Leichenstoffe  ebenfalls  verhängnissvoll 
seien. 

4.  Dass  das  Fieber  weder  als  contagiös  noch  als  infectiös  zu 
betrachten  ist. 


Die  ersten  Bekautitniachiiiigen  der  ScinmelwoisVheu 


:;:: 


Die  durch  Dr.  Seiumelweis  getroffenen  VorsichtemaBsregeln  aber 

hatten  einen  solch'  günstigen  Erfolg  in  Folge  davon,  da» 

1.  den  Geburtshelfern  Autopsien  aller  Art  uiirl  die  Berührung 
von  Leichen  überhanpl  untersagt  wurde; 

2.  dual  ihnen  /.ur  Pflicht  gemacht  wurde,  nie  eine  entbindende 
Frau  in  solchen  Kleidern  zu  behandeln,  die  möglicherweise  innvirt 
sein  könnten.  Für  den  Fall,  dasa  sie  trotzdem  genothigt  sein  sollten 
mit  Leichen  in  Berührung  zu  kommen,  so  wurde  ihnen  ans  Herz  ge- 
tagt, MCh  bei  einer  darauffolgenden  Untersuchung  per  vaginnm  nicht 
damit  zu  begnügen  die  Hände  noch  so  sorgfältig  zu  waschen,  sondern 
behufs  gründlichster  Reinigung  von  der  Chloriösung  Gebrauch  zu 
machen,  um  die  Hände  vor  dem  Betreten  des  Krankenzimmers  von 
den  giftigen  Stoffen  vollständig  zu  desinticiren. 


Nachschrift :    29.   April    1849.    —    Mittheilungen,    die    mir   sechs 
Monate  nach  meiner  Abreise  ans  Wien  seitens  der  Herrn  Dr.  Tumanhof 
zugekommen  sind,  bekräftigen  in  jeder  Beziehung  die  günstigen  Kr- 
gebnisse  der  Befolgung   der    .Semmelweis'schen   7ordclitsmasaregeln, 
In   einem  Briefe   des  Dr.  Golling,  Secundarius  am  Wiener  Kranken- 
de  wird   mitgetheilt:    ,.l)r.  Semmelweis   und    alle    übrigen   Aerzic 
Krankenhauses    .sind    entzuckt    von    dem    bewundernswert  heu  Kr- 
seines  Systems."     Die  Ursache   des  Wiener  Puerperalfiebers  ist 
iit  endgiltig  ergründet. 
21,  Mai   1841».   —   Tu   einem   Biiefe    des    Dr.   Semmelweis   vom 
4.  Harz  1*49  werden  folgende  statistische  Daten  mitgetheilt: 
In  der  ersten  Abtheilung  winden 

im    fahre  lK4»i:  3354  Frauen  aufgenommen.     Gestorben  sind  459 
„         n       1847:3375         ,.  „  „  „176 

..      1S4S:  :'»:;r><i        ,.  „  „  ,.       46 

Das  Beinigen  der  Hände  mittelst  Chlor  wurde  im   Kai  184-7  ein- 
ihrt:  die  Abnahme  der  Sterblichkeit  ist  augenfällig. 
Professor  Michaelis  in   Kiel  (Schleswig-Holstein)  sehreibt  mir.  er 
it  der  Zeit,  da  er  die  <'hlorwasehimgen  angeordnet.  —   also 
mem  Zeitraum  von  einigen  Monaten  —  nur  einen  Sterbefall  ge- 
habt,  wahrend   vorher   die   Mortalität  so   gross   war.   dass   er   sich 
wiederholt  bewogen  fühlte,  das  Spital   iranz  zu  sohliessen. 


:w*lweis*  genraineUe  Werke. 


84 


l'it  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmelweis'schen  Lehre. 


Dr.  Carl  Haller 

Primararzt  uri-l  pKWiMdMlME  DirertJons-AdjuiKl. 

Aerztlicher  Bericht  über  das  k.  k.  allgemeine  Krankenhaus  in 

Wien  und  die  damit  vereinigten  Anstalten:  die  k.  k.  Gebär-, 

Irren-  und  Findel-Anstalt  im  Solar-Jahre  1848. 


Das  Sterblichkeits- Verhältniss  auf  den  beiden  grossen 
Gratisabth«  ihmgvii  der  Gebäranstalt  ist  fast  ein  gleiches,  und  muss 
in  jeder  Beziehung  ein  Befriedigendes  genannt  werden. 

Seit  .Jahren  bestand  jedoch  eine  bedenkliche  Verschiedenheit. 

Die  unter  Leitung  des  Prof.  Klein  befindliche  I.  Gebärklinik, 
welcher  ausschliesslich  alle  männlichen  Schüler  zugewiesen 
sind,  hatte  eine  auffallend  grosse  Sterblichkeit  gegen  Professor 
Bartsch's  Schule,  an  der  sämmtliche  Hebammen  den  Unter- 
richt erhalten. 

Die  Gründe  dieser  höchst  beunruhigenden  Erscheinung  konnten 
nie  mit  Sicherheit  ermittelt  werden.  —  Das  grosse  Verdienst  ihrer 
Eh  it  «leckung  gebührt  dem  emeritirten  Assistenten  der  I.  Gebärklinik, 
Dr.  Semmelweis.  Von  der  Vermut.hung  geleitet,  dass  die  zahl- 
reichen Erkrankungen  und  Todesfälle  unter  den  Wochnerinen  der 
I  Gebärklinik  vielleicht  zum  grossen  Theile  in  einer  Einbringung 
von  Leichengift  durch  das  Touehiren  der  gleichzeitig  in  der 
>vrktionskanimer  beschäftigten  Studirenden  und  Geburtsärzte  bedingt 
sein  könnte,  und  dieses  durch  die  bisher  übliche  Reinigung  mit 
Seifen wasser  nicht  mit  vollkommener  Sicherheit  hint angehalten 
werde.  Hess  er  im  Mai  d.  J.  1847  mit  Zustimmung  Professor  K 1  e  i  n  s 
jeden  die  Gebäranstalt  betretenden  Arzt  und  Schüler  vor  jeder  Braten 
Untersuchung  einer  Schärenden  oder  Wöchnerin  die  Hände  sorgfältig 
mit  Chibrkaik -Lösung  reinigen  und  diese  Reinigung  nach 
jeder  Untersuchung  einer  nur  am  geringsten  Grade  kranken  Wöchnerin 
wiederholen.  Die  consequente  Durchführung  dieser  Massregel  hatte 
schon  in  den  ersten  Monaten  überraschende  Erfolge. 

Die  Z:\h\  der  Todesfälle  verminderte  sich  bereits  im  Jahre 
1847  bei  fast  gleicher  Anzahl  der  Geburten  um  2  83,  und 
sank  von  11.4  %  auf  5.04  %l  im  Verlauf  vom  Jahre  184  8  aber, 
wo  diese  Reinigung  durch  alle  Monate  beharrlich  und  methodisch 
fortgesetzt  wurde,  stellte  sich  das  Sterblichkeits-Verhalt  niss  dem  auf 

II.  Gebarklinik  gleich,  ja  zufällig  noch  um  0.1  %  günstiger. 

Mit  der  rerminderten  Erkrankung  und  Sterblichkeit  der  Mütter 
konnte  auch  für  die  Lebenserhaltung  der  Neugebornen  ent- 
sprechender gesorgt  werden,  und  auch  hier  nahm  die  Sterblichkeit. 
im  merkbaren  Grade  ab. 

Die  Fi liti /.rügenden  Beweise  für  die  Dichtigkeit,  dieser  Schluss- 
folge  kann  der  Leser  aus  einem  vergleichenden  Blicke  der  nach- 
folgenden Tabelle  schöpfen,   in   welcher  Geburt*-  und   Todes- 


Die  ersten  Bekanntmachungeii  der  Smnnelweis  gehen  Lehre. 


falle    der    drei    Abtheilnngen   des   Gebärhauses    in    den    letzten 
10   Jahren    neben    ein  «stellt   sind,    und    überdies    bemerkt, 

werden  inuss,  dass  die  Sterblichkeit  nur  eine  approximativ'  richtige 
Ist,  indem  bei  überhand  nehmenden  Puerperal-E]>icli  inien  aus  Sani 
und  Humanität*- 1,'u.ksj.  li teil  eine  nicht  unbedeutende  Anzahl  er- 
krankter Wöchnerinen  aus  dem  Gebärhause  auf  einzelne  Abtheilungen 
des  Krankenhauses  transferirt  wurden,  und  als  dort  verstorben  aus 
der  Rechnung  entfielen. 


Kahl« 

«bar-Abtheil. 

1.  GebUrkliuik 

II. 

Seb&rklinik 

(Prof.  Bartsch,  Prim. 

Auf- 

iPr 

«L  Klein) 

(Prof.  Bartsch) 

Mihschik,  gegenw. 
Hipp.  Prof.  Chiari) 

_o 

_2 

-2 

Jn.hr 

ii  l  lim  e 

m 

-2 

-   B 

i ' 

- 

0) 

■ 
o 

B 

Ig 

o 

fi 

_t3 

3 

|g  = 

9 

—    o> 

ii 

2  § 

s  — 

TS   9> 

1 
i 

ii 

ü  "~ 

H 

-5  "" 

■— 

ii 

3 

Eh 

-  — 

S  s 

^ 

N 

tfi    * 

8 

"5 

Weiber    .     . 

2781 

lol 

5.4 

«II 

4.5 

803 

6 

SJ 

Kiiuli-r     .     . 

LT,);, 

164 

6.2 

1922 

95 

4.9 

186 

1 

0.06 

mal 

Weiber  .    . 

2889 

267 

9.5 

8073 

55 

2.6 

2t  14 

f. 

8.8 

Kinder     .     . 

2720 

186 

7  1 

1956 

63 

as 

l>s 

2 

1.06 

1841  [ 

Weite  i 

9  86 

237 

7,7 

24  42 

86 

:;:. 

7 

2.S 

Kinder   -    , 

2813 

177 

6.2 

91 

4.04 

217 

1 

04 

[SIS  | 

Weiber  .    . 

518 

26oy 

202 

7  5 

10 

8.7 

Kinder    .    . 

3037 

878 

9.1 

2414 

113 

4.6 

840 

7 

2.05 

Pr.   Miknehik 

l&IS  [ 

Weiter   .     . 

3060 

274 

Bj 

8789 

164 

6.9 

367 

1!» 

5.2 

i     .     . 

282g 

195 

C...S 

2670 

L30 

...m;, 

332 

3 

0.9 

1*44  [ 

Weiber  .    . 

3157 

BSQ 

S2 

2966 

68 

2,5 

362 

8 

8.2 

Kinder    .    . 

2:  M7 

25 1 

8.6 

2739 

100 

3.6 

327 

B 

0,9 

Weiber  . 

3492 

241 

l.s 

3241 

66 

2.03 

311 

6        1.9 

Kinder    .    . 

3201 

3017 

97 

4         14 

r    .     . 

4010 

I.V.» 

11.4 

3754 

105 

2.7 

3    |   B.8 

Kinder    .    . 

835 

6.5 

K6 

2.5 

—    1    — 

l'r.  Chiari 

Wefter  .    - 

m 

5.04 

9808 

32 

0.8 

3 

1.1 

i-    ,    . 

3322 

167 

6.02 

3138 

90 

2.s 

24:; 

2 

0.K 

Weiber  .    . 

3780 

45 

l.l 

3219 

43 

].:; 

818 

4 

IS 

t    .    . 

3496 

147 

42 

3089 

100 

;v2 

192 

2 

1  Ol 

Und  was  dem  unbefangenen  Prüfer  dieser  Zahlen  unabweisbar 
sich  aufdringt,  das  haben  directe  Versuche  an  T liieren  (Ein- 
spritzungen   von   Eiter   und   Jauche   in   die   Beneide    ftn  eben  ent- 

lenen  Kaninehen),  welche  von  den  Iioktoren  Semmel  weis  und 
Lau  Hier  vor  kurzem  angestellt  wurden  und  nach  vollem  Abschlüsse 
veröffentlicht  werden  .sollen,  ausser  allen  Zweifel  gestellt 


3» 


36 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmelweüs'sriheu  Lehre. 


Joseph  Skoda: 

Üeber  die  von  Dr.  Semmelweis  entdeckte  wahre  Ursache  der 
in  der  Wiener  Gebäranstalt  ungewöhnlich  häufig  vorkommenden 
Erkrankungen  der  Wöchnerinen  und  des  Mittels  zur  Ver- 
minderung dieser  Erkrankungen  bis  auf  die  gewöhnliche  Zahl. 

(1848.) 

Vortrag',   gehalten   in    Aal    sitzmiir    WM    1K.   Octoher    1K4'.»  der  kais.    Akademie  der 
Wissenschaften  duroh  das  wirkliche  Mitglied  Prof. 


Ich  glaube  im  Folgcndrn  eine  der  wichtigsten  Entdeckungen  im 
Gebiete  der  Medicin  zur  KenntnhiS  der  verehrten  ('lasse  zu  bringen, 
nämlich  die  vom  Dr.  Semmel  weis,  gewesenen  Assistenten  an  der 
hiesigen  Gebaranstalt,  gemachte  Entdeckung  der  Ursache  der  in 
dieser  Öebäranstalt  ungewöhnlich  häufig  vorgekommenen  Erkrankungen 
der  Wöchnerinen,  und  des  Mittels  zur  Verminderung  dieser  Erkran- 
kungen bis  auf  die  gewöhnliche  Zahl. 

Ich  werde  vorerst  die   Thatsaehen    and  Schlüsse  erörtern,    aus 

D  I  'omliiimtion  die  Entdeckung  hervorgegangen  Ist,  und  dann 
über  die  Massnahmen  berichten,  welche  H0thjg  schienen,  um  die 
Entdeckung  ausser  Zweifel  zu  setzen. 

J.  Die  Thatsaehen  und  .Schlüsse,  ans  deren  I  Dmbination  die 
Entdeckung  hervorgegangen  ist,  lassen  sich  in  folgenden  Punkten 
zusammenstellen : 

1.  Seit  vielen  Pecennien  erkrankten  und  stallten  in  der  hiesigen 
Grebäranstalt  die  Wöchnerinen  häufiger,  als  die  Wöchnerinen  ausser- 
halb der  öebäranstalt,  obgleich  die  Pflege  in  der  Öebäranstalt  be 
war.  als  sie  bei  I  .andienten  und  den  weniger  wohlhabenden  Bürgern 
möglich  ist.  Während  des  stärksten  Wüthens  der  Puerperalkrank- 
helten  im  hiesigen  Gebärhause  beobachtete  man  weder  in  Wien  noch 
am  Lande  ein  häufigeres  Erkranken  der  Wöchnerinen.  Diese  That- 
sähe  musste  jeden  Gedanken  an  eine  bei  der  Erzeugung  der  Puer- 
peralkrankheiten  direct  thätige  epidemische  Ursache  beseitigen.  Die 
häufigen  Erkrankungen  in  der  hiesigen  Gebäranstalt  konnten  unge- 
achtet der  stereotyp  gewordenen  iregeutheiligen  Behauptung  nicht 
als  Puerperalepidemien  angesehen  werden. 

2.  Seit  in  der  hiesigen  Öebäranstalt  eiue  Abtheilung  zum  Unter- 
richte der  Aerzte  und  eine  Abtheilung  zum  Unterrichte  der  Hebammen 
bestellt,  war  die  Zahl  der  Todesfälle  auf  der  für  die  Aerzte  be- 
stimmten Abtheilung  bis  Juni  1847  constant  —  im  Jahre  1846  sogar 
um  das  Vierfache  —  grösser,  als  aut  der  Abtheilung  für  Hebammen, 
wie  die  folgende  Tabelle1)  zeigt; 


•)  Diese  nnch  amtlichen  Ausweisen  entworfene  Tabelle  gibt  die  Zahl  der  auf 
der  Ahtheiluuu  fttf  Ntudireiide  Yer-itnrlieneii  kleiner  an,  als  sie  wirklieh  war.  weil 
zuweilen  die  erkrankten  \\ rft  lim -riiieit  TOB  der  (ir-liäranstalt  in  das  Krankenhan« 
transferirt  wurden,  daselbst  «tarben  und  dann  in  die  Ausweise  de«  Krankenhauses, 
nielit  aber  in  jene  der  in-liiimrjstult  als  verstorben  eingetragen  wurden. 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmel  w 


37 


Juhr 

Abtbeil n ng  für  A e r z 1 1 

A  btheil  n  n  g  ffl  r  Hebt  m  rnen 

Anzuhl 
der  Ent- 
I»  un  denen 

Anzahl 
der  Ver- 
storbenen 

Die  Anz.ilil 
der  Ent- 
banden en 

verhalt  sich 

xnr  Anzahl 

der  Ver- 

•-ti.rli<:iiL'ii 

«de  l""  zu 

Anzahl 
«In    l"nt- 

bandenen 

<I'T    V«T- 

etorl" 

Die  Anz;0il 
der  Ent- 
bundenen 

verhall  si  b 

zur  Anzahl 
der  Ver- 
storbenen 

wie  ioo  zu 

1H40 
1S41 
1342 
IMS 

2781 
9886 
9086 

3060 
3157 
B498 
4010 

151 

274 

■24] 

459 

5.4 

••;, 

7.7 

15.S 

8.9 

&8 

11.4 

201U 

2078 

2)42 
2659 
273G 
2956 
:l'41 
9764 

91 

55 
Bfl 

202 
UM 

10', 

4.5 

8.6 
5.5 
7,8 

5.9 
23 
2.03 
2.7 

Es  ist  begreiflich,  dass  eine  so  enorme  Differenz  in  der  Sterb- 
lichkeit auf  zu i-t  AMheilungen  derselben  Anstalt  die  allgemeine  Auf- 
merksamkeit auf  sieb  zog,  und  dass  man  deren  Ursache  zu  ermitteln 
Buchte  Die  darüber  vom  nichtärztlichen  Publikum,  von  Aerzten  und 
in  den  amtlichen  Verhandlung  n  vorgebrachten  Ansichten  waren  von 
der  Art.  dass  es  bei  Kenntniss  der  Sachlage  keines  besondern  Scharf- 
sinnes bedurfte,  um  sie  siinimtlieh  für  irrig  zu  erkennen. 

Am  allgemeinsten  war  die  Ansicht  verbreitet,  dass  au  den  vielen 
Todestalien  die  ärztliche  Behandlung  schuld  sei.  Man  übersah  dabei 
nur  den  I  instand,  dass  die  ärztliche  Behandlung-  auf  den  beiden  Ab- 
teilungen nicht  verschieden  war. 

Eine  zweite  Meinung  war,  dass  das  durch  die  Anwesenheit  junger 
nier  bei  der  Entbindung  verletzte  weibliche  Schamgefühl  die  Er- 
krankungen im  Wochenbette  bedinge,  eine  Meinung,  die  nur  ein  ganz 
Unerfahrener  haben  kann.  Eine  weiter  gehende  Spekulation  erkannte 
in  dem  üblen  Rufe  der  Anstalt,  in  welche  sich  die  Schwängern  nur 
höchst  un  gerne  begeben,  und  in  welcher  sie  in  beständiger  Angst 
vor  der  Erkrankung  verweilen,  die  Quelle  der  häufigeren  Erkran- 
kungen. Es  ist  kaum  uüthig  zu  bemerken,  dass  der  üble  Ruf  der 
Anstalt  erst  durch  die  vielen  Todesfalle  bedingt  wurde,  dass  somit 
diese  Ansicht  den  Anfang  der  häufigen  Erkrankungen  unberück- 
Bichtigt  liess.  Zudem  hätten  die  Vertreter  dieser  Ansicht,  wenn  sie 
die  Erfahrung  zu  Rathe  gezogen  hätten,  sich  sehr  bald  überzeugen 
fcfinnen,  dass  die  Erkrankungen  mit  der  Furchtsamkeit  oder  A  engst - 
lichkeit  der  Wöchnerinen  in  keiuem  Zusammenhange  stellen. 

In  den  comniissionellen  Verhandlungen  wurde  bald  die  Wäsche, 
bald  der  beschränkte  Raum,  bald  die  unvorteilhafte  Lage  der  An- 
stalt beschuldigt,  obgleich  in   allen  diesen  Punkten  die  beiden  Ab- 

1  Dia  «■"H-iiindige  Trennung  erfolgte  am  J9.  April  1839;  früher  waren  8tO« 
dirende  tuid  Hebammen  auf  beiden  Abtneunngen  gfineinsrhuftltch. 


38 


Die  ersten  Bekanntmac  hu  ng-en  der  SeinmelvreiiMchen  Lehre. 


theilungen  gleich  waren.  Die  diesen  Annahmen  entsprechen  dm 
Massregeln  blieben  begreifliche]-  Weise  stets  ohne  Resultat.  Gegen 
Ende  des  Jahres  1846  gewann  bei  einer  com mission eilen  Verhandlung 
die  Ansicht  die  Oberhand,  dass  die  Erkrankungen  der  Wöchnerinen 
durch  Beleidigung  der  GeburtstheiJe  bei  den  zum  Behufe  des  Unter- 
richtes stattfindenden  Untersuchungen  bedingt  sind.  Weil  aber  solche 
Untersuchungen  der  Hebammen  gleichfalls  vorgenommen  werden,  so 
nahm  man.  um  die  häutigeren  Erkrankungen  auf  der  Abtheilung  für 
Aerzte  begreiflich  zu  finden,  keinen  Anstand,  die  Studirendeu  und 
namentlich  die  Ausländer  zu  beschuldigen,  dass  sie  bei  den  Unter- 
suchungen roher  zu  Werke  gehen,  als  die  Hebammen.  Auf  diese 
Voraussetzung  hin  wurde  die  Zahl  der  Schüler  von  42  auf  20  ver- 
mindert, die  Ausländer  wurden  fast  ganz  ausgeschlossen,  und  die 
Untersuchungen  selbst  auf  das  Minimum  reducirt. 

Die  Sterblichkeit  vermindert*  sich  hierauf  in  den  Monaten  De- 
zember 1846,  Jänner,  Februar  und  März  1847  auffallend;  allein  im 
April  starben  trotz  der  erwähnten  Massregeln  57,  im  Mai  36  Wieh- 
nerinen.  Daxaas  konnte  die  Grundlosigkeit  der  obigen  Beschuldigung 
Jedermann  einleuchten. 

3.  Die  Wiener  pathologisch-anatomisi -he  Schule  hatte  in  Betreff 
der  Puerperalkrankheit  Folgendes  festgestellt: 

Bei  Erkrankung  der  Puerperen  zeigt  sich  als  erste  organische 
Abnormität  entweder  —  und  zwar  am  häufigsten  —  eine  Exsudation 
auf  der  Innenfläche  des  an  der  Placentarinsert  ionssteile  eine  Wund- 
fläche darbietenden  Uterus;  oder  —  weniger  häufig  —  eine  theilweise 
oder  totale  Umwandlung  des  Inhaltes  einzelner  oder  sämmtlkher 
Venen  des  Uterus  zu  Eiter  mit  vorangehender  oder  nachfolgender  Ex- 
sudation aus  den  Venenwänden;  oder  endlich  seltener  eine  Exsudation 
am  Bauchfelle. 

Zu  den  eben  genannten  organischen  Veränderungen  gesellt  sich 
nach  einiger  Zeit  —  zuweilen  sehr  rasch  —  Ablagerung  von  Eiter, 
oder  eines  Faserstotfes.  der  bald  zu  Eiter  oder  Jauche  zerfällt  an 
verschiedenen  Stellen  des  Körpers,  und  eine  gebliche,  zuweilen  Völlig 
icterische  Färbung  der  Haut,  wodurch  sich  der  Krankheitszustand 
als  Eiterbildung  im  Blute         Pyaemie  —  darstellt. 

Aus  diesen  Thatsachen  Hess  sich  dei  Schluss  ziehen,  dass  die 
Pyaeznie  der  Puerperen  -sich  in  der  Regel  aus  der  Endometritis  und 
Phlebitis  uterina  entwickle,  Es  handelte  sich  somit  zunächst  um  die 
Ursachen  der  Endometritis  und  Phlebitis  uterina. 

Durch  die  bei  der  Entbindung  stattfindende  Zerreissung  der 
Venen,  Entblössung  einer  grossen  Fläche  der  Höhle  des  Uterus,  Zer- 
rung und  sonstige  Verletzung  der  Geburtstheile  schien  die  Entstehung 
der  Endometritis  und  Phlebitis  uterina  ganz  ungezwungen  erklärt 
werden  zu  können.  Einer  solchen  Erklärung  widersprach  jedoch  die 
höchst  ungleiche  Zahl  der  Erkrankungen  auf  beiden  Abtheilungen 
der  Gebäranstalt.  Bei  den  ohne  operatives  Verfahren  stattfindenden 
Geburten  mussten  nämlich  die  Folgen  auf  beiden  Abtheilungen  die- 
selben sein.  Da  nun  die  meisten  Entbindungen  ohne  operatives  Ein- 
greifen vor  sich  gehen,  so  konnte  eine  geringere  Geschicklichkeit  im 
operativen  Verfahren  zwar  eine  geringe,  nicht  aber  die  angegebene 
enorme  Differenz  in  der  Zahl  der  Erkrankungen  bedingen. 

4.  Nicht  selten  tritt  bei  den  Wöchnerinen  als  das  erste  krank- 
hafte Phänomen  ein  heftiges  Fieber  auf,  und  erst  nach  einiger  Dauer 


l)ie  K  lnutniacbuDgeu  .ler  fannd*  eisVhen  Lehre. 


se 


des  fieberhaften  Zustandes   kommen  die  Symptome   der  Endometritis, 
Phlebitis  uterina,  Peritonaeitis  u.s.  w.  zum  Vorschein.    In  solchen  Fällen 
sind  die  Exsudate  zuweilen   gleich  ursprünglich  eitrig  oder  jauchig, 
die   exsudirendeo   Gewebe   erweicht,  so  dass  der  Krankheiten« 
slßb  gleich  vom  Anfang  an  als  Pyaemie  darstellt. 

Man  ist  gewohut,  ein«?  eigenthümliche  Beschaffenheit  der  Safte 
der  Wöchnerinen  als  die  prädisponirende,  und  eine  der  gewöhnlichen 
Schädlichkeiten,  z.  B.  Erkältung,  Gemüthsbewegung  etc.  als  die  ex- 
snde  Drsache  solcher  Erkrankungen  anzusehen.  Einer  solchen 
Annahm»-  Widersprach  abermals  die  höchst  ungleiche  Zahl  der  Er- 
krankungen auf  beiden  Abtheilungen. 

5.  Die  Pyaemie  ohne  vorhergehende  Eiterung  oder  eine  Sei 
Eiterung  analoge  Metamorphose  in  einem  Organe  entsteht  der  Er- 
fahrung gemäss  durch  Einwirkung  von  faulenden  thierischen  Sub- 
stanzen auf  das  Blut.  —  Ob  sie  noch  durch  andere  Ursachen  hervor- 
gebracht werde,  ist  unbekannt.  Die  faulende  Substanz  wirkt  auf  das 
in  der  Regel  nur  durch  von  der  Oberhaut  eutblösste,  also  wunde 
stellen  ein.  Nach  der  Entbindung  bietet  die  Höhle  des  Uterus  eine 
se  Wund  Hache  dar.  am  Muttermunde,  in  der  Vagina  sind  Risse 
nu-i  Abschürfungen.  Fäuluiss  in  dem  Secrete  des  Uterus  müsste 
somit  nicht  selten  die  Einwirkung  der  faulenden  Substanz  auf  das 
Blut  und  daher  Pyaemie  zur  Folge  haben. 

Die  Entstehung  der  Faulniss  des  Uterina!-  oder  Vaginalsecretes 
als  durch  die  gewöhnlichen  Einflüsse,  oder  durch  eine  besondere  Be- 
kffenheit  der  Safte  der  Wöchnerinen  bedingt  anzunehmen,  und 
us  die  Erkrankungen  der  Wöchnerinen  abzuleiten.  Hess  die  schon 
oft  erwähnte  ungleiche  Zahl  der  Erkrankungen  auf  den  beiden  Ab- 
teilungen nicht  zu.  Ueberdies  stellte  sich  das  heftige  Fieber  und 
dann  die  Phlebitis  uterina,  Endometritis  etc.  zuweilen  ein,  ohne  dass 
der  Lochialfluss  einen  üblen  Geruch  bekam. 

Es  musste  somit  die  Frage    aufgeworfen  werden,   ob   auf   ii  _ 
Art  faulende,  oder  F'äulniss  erregende  Substanzen   mit    den  Ge- 
bimst heilen  der  Wöchnerinen  in  Berührung  kommen  konnten.    Nach- 
dem Dr.  Semmel  weis  als  Assistent   an  der  für  Aeizte  bestimmten 
Abtheüung  der  Gebüianstalt   durch   einige  Monate  alle  Verhaltnisse 
in  Erwägung  zog,  erkannte  er  in  dem  Umstände,  dass  sowohl  er  als 
öden  sich  häufig  mit  Leichenuntersuchungen  beschäftigen, 
dass    der    cadaveriVse    Geruch    von    den    Händen    trotz    mehrmaligen 
Wasehens  erst  nach  langer  Zeit   verschwindet,   und    dass    er   und  die 
Schüler  nicht  selten  unmittelbar  vmi  der  Untersuchung  des  Cadaverx 
zur  Untersuchung  der  Gebärenden  übergingen,   den   einzig  möglichen 
Weg  der  Uebertragung  einer  faulenden  thierischen  Substanz  auf  die 
Gebuitstheile  der  Wöchnerinen.     Es   war   dies  zugleich   die  einzige 
unter  den  möglichen  Ursachen  der  Puerperalkrankheiten,  welche  auf 
der   Abtheilung  für  Hebammen  entweder  gar  nicht  oder  in    hö<  shsl 
hränktem  Masse  wirksam  war,  so  dass  sich  unter  Voraussetzung 
dieser  Ursache  die  höchst  ungleiche  Zahl  der  Erkrankungen  auf  den 
beiden  Abtheilungen  sehr  wohl   begreifen   Hess.     Die  Hebammen   he- 
ftigen  sich   nämlich  nicht  mit    Leichenuntersuchungen.   und   die 
Stenten  der  Abtheilung  für  Hebammen  fanden  sieh,  weil  sie  bloss 
Hebammen   zu   unterrichten    hatten,   selten   veranlasst,    die    Leichen- 
untersuchungen   selbst    vorzunehmen.      Auch    die    in    den    Monaten 
einher   184*5,   Jänner.    Februar    und    März    1H47   beobachtete   Ab- 


40 


Die.  ersten  Bekauutmaihmig'etj  der  Seminelweis'sohen  Lehre, 


nähme  der  Erkrankungen,  so  wie  die  im  April  und  Mai  eingetretene 
je  Sterblichkeit  stammte  vollkommen  zu  der  Voraussetzung,  dass 
die  krankmachende  Potenz  aus  der  Se«tionskammer  stamme.  Der 
Assistenl  der  Gebärklinik  hatte  nämlich  in  den  Monaten  Dezember 
1846,  Jänner,  Februar  und  März  1847  aus  Gründen,  die  hier  nicht 
in  I irr nulit  kommen,  die  Sectionsfcammer  selten  besucht,  die  ein- 
liti in ischt  ii  StOfUreiideu,  deren  Zahl  überdies*  von  42  auf  20  redncili 
war.  scheinen  sich  nach  dem  Assistenten  gerichtet  zu  haben.  Die 
Ausländer  waren  von  der  Gebaranstalt  fest  ausgeschlossen.  Ende 
Mar/,  ls  17  wurde  Dr.  Semmel  weis  Assistent  und  nahm  theils  zum 
Selbstunterrichte,  hauptsächlich  jedoch  zum  Behufe  der  Unterweisung 
In   siiidiienden  Untersuchungen  und  ITebungen  an  Leichen   mit   un- 

gewMudicnem  Eifer  fot. 

Aurii  ohne  '-id  Bolches  Zusammentreffen  von  Umständen,  welche 
pothese   bekräftigen,   musste    Dr.   Semmel  weis   auf   Mittel 
denken,  die  mögliche  Ursache  der  Erkrankungen  der  Wochnerinen 
zu  beseitigen. 

Diese  wann  nicht  schwer  zu  finden.  Indem  Lebungen  und 
Untersuchungen  an  Leichen  in  der  Medicin  unerliisslicli  sind,  somit 
von  dein  Assisi niten  und  den  Schülern  fortgesetzt  weiden  mussten, 
sn  Im  stand  die  Aufgabe  darin,  vor  jeder  Untersuchung  der  Gebärenden 
jedes  cadaveröse  Atom  von  den  Händen  wegzuschaffen.  Zu  diesem 
Zwecke  traf  Dr.  Semmel  weis  gegen  Ende  Mai  1847  die  Verfügung, 
dass    Jedermann    vor  jeder   Untersuchung   einer   Schwangeren,   Öe* 

Im  oder  Wöchnerin  die  Hände  mft  Chlor wasser  waschen  um 
Auf  diese  Ati'idiiung  erkrankten  die  Wochnerinen  auf  der  für  die 
Studirenden  bestimmten  Abtheilung  plötzlich  nicht  zahlreicher,  als 
auf  der  Abtheilung  für  Hebammen.  Es  starben  von  da  an  im  Juni  6, 
im  Juli  3.  im  August  5.  im  September  12,  im  Oktober  11.  im  No- 
iremher  IL  im  December  1847  8  Wochnerinen.  Das  Jahr  1848  bot 
ein  noch  günstigeres  Verhältnis*.  Es  starben  nämlich  von  3780  Ent- 
bundenen nur  45:  also  im  Verhältnisse  wie  10O  an  L19;  während 
auf  der  Abtheilung  für  Hebammen  von  321^  Entbundenen  43  starben; 
somit  im  Verhältnisse  wie  100  ra  L33. 

Im  Jahre  184i>  starben  bis  Anfang  September  auf  der  Abtheilung 
für  Studirende  60,  auf  der  Abtheilung  für  Hebammen  76  Wochnerinen. 
Bonäl  » -iirt  sieh  vom  Juni  1847  bis  gegenwärtig,  also  bereits  durch 
einen  Zeitraum  von  mehr  als  zwei  Jahren,  innerhalb  dessen  die  Chlor- 
wasohnngen  in  Gebrauch  sind,  fast  keine  Differenz  in  der  Sterblich- 
keit auf  den  beiden  Abteilungen  der  Gebäranstalt,  während  früher 
durch  eiuen  Zeitraum  vou  7  Jahren  die  Sterblichkeit  auf  der  Ab- 
theilung für  Studirende  dreimal  so  gross  war.  als  auf  der  Abtheilung 
für  Hebammen. 

R  (Jeher  die  Massnahmen,  welche  nüthig  schienen  und  die  zum 
Theil  jetzt  noch  nöthig  sind,  um  die  Entdeckung  des  Dr.  Semmel- 
weis  ausser  Zweifel  zu  set/eu.  finde  ich  Folgendes  zu  berichten: 

S     nmelweis  hatte,  nachdem  durch  einige  Zeit  die  Cblor- 

lungea    mit    augenscheinlich   günstigem   Erfolge  in   Anwendung 

rden  waren,  dem  Professor  Rokitansky,  mir  und  noch 

ehiL  -    Kraukenhauses    seine    Idee    mitgetheilt.      Wir 

zweifelten  keinen  Augenblick,  dass  die  Ansicht   sich  als  richtig  er- 

*»n  werde  und  i«  h  -äunite  nicht,  den  Direktor  der  medizinischen 

Am  zu  machen,  in  der  Erwartung, 


Die  ersten  Bäkfcnntraaeliaiigea  (taf  Semmelweu'scfcen  Lehre. 


41 


über  einen  so  wichtigen  Gegenstand  eine  comraissionelle  Ver- 
ullung  nicht  ausbleiben  könne.  Heise  Anzeige  scheint  aber  blos 
KOT  Kenntniss  genommen  werden  zu  sein.  Eioe  gegründete  Aussicht, 
die  Sache  recht  bald  ins  Klare  zu  bringen,  lag  in  dem  l'mstande. 
in  der  Prager  Gebäranstalt  die  Erkrankungen  von  Zeit,  zu  Zeit 
gleichfalls  sehr  zahlreich  waren  and  allem  Anscheine  nach  dieselbe 
Ursache  hatten  als  in  Wien,  ich  forderte  also  zur  Einführung  der 
(  bim  Waschungen  in  der  Prager  Gebäranstalt  auf. 

Bei  den  in  Folge  dieser  Aufforderung  an  der  Prager  Lehranstalt 

gepflogenen    Verhandlungen    belm-lr   jedoch    die    Ansicht,   dass    die 

Puerperal-Erkrankungen   dun üb    epidemische   Einflüsse   bedingt    sind, 

die  Oberhand  und  man  scheint  die  CMorwaachnngan  bisher  entweder 

nicht,  oder  nicht  mit  Einst  in  Anwendung  gebracht  zu  haben. 

Dr.  Semmel  weis  wandte  sich  brieflieh  an  mehrere  Professoren 
der  Geburtshilfe  des  Auslandes  mit  dem  Ersuchen,  die.  von  ihm  aus- 
gesprochene Ansicht  über  die  l'rsache  der  Pnerperalkrankheiten  einer 
Prüfling  zu  unterziehen. 

Nur  vnji  der  kleinen  GeMr&nstalt  in  Kiel  kam  eine  bestimmte 
Antwort.  Der  Vorstand  derselben,  Di.  Michaelis,  berichtete  vom 
ls.  März  1848,  daSE  seine  Anstalt  wegen  der  zahlreichen  Kr  krau  kungen 
am  t.  Juli  1847  geschlossen  wurde  und  bis  November  geschlossen  blieb. 

Als  sie  im  November  geüffnet  wurde,  begannen  die  Erkrankungen 
von  Neuem  und  er  war  im  Begriff,  die  Anstalt  wieder  zu  sc  hliessen, 
als  er  am  21.  Dezember  über  die  Entdeckung  des  Dr.  Semmel  weis 
Nachricht  erhielt.  Die  ChlorwaschangeD  wurden  sogleich  eingeführt 
und  seitdem  kam  nur  eine  Erkrankung  vor,  und  diese,  wie  Dr. 
Michaelis  glaubt,  in  Folge  des  Gebrauches  eines  nicht  gut  ge- 
reinigten <  atheters. 

ii  behauptete  Prof  Ki wisch  in  Würzburg,  nicht  selten 
unmittelbar  nach  vorgenommenen  Sektionen  Schwangere  und  Ge- 
barende  untersucht  und  keinen  Nachtheil  davon  beobachtet  zu  haben. 

Nachdem  gegen  Ende  des  Jahres  1848  die  Leitung  der  Stadien 
den  Professorencollegien  übertragen  wurde,  hielt  ich  dafür,  dass  es 
die  Pflicht  des  Wiener  medizinischen  Prozessoren  col  legi  ums  sei,  eine 
in  Wien  gemachte  Entdeckung  von  so  grosser  wissenschaftlicher  und 
praktischer  Wichtigkeit  einer  entscheidenden  Prüfung  zu  unterziehen, 
nnd  derselben,  falls  sie  sich  bewähren  würde.  Anerkennung  zu  ver- 
schaffen.  Ich  stellte  darum  den  Antrat,  dass  das  Professorencolleginni 
zu  diesem  Behüte  eine  Commissioil  ernennen  solle.  Nach  meiner  An- 
sicht  hatte  die  Commission  folgende  Aufgaben  zu  lösen 

a)  Es  war  eine  Tabelle,  auf  der,  so  weit  die  Daten  reichen,  tue 
Zahl  der  Entbundenen  und  Gestorbenen  von  Monat  zu  Monat  ange- 
geben war,  und  ein  Verzeichnis  der  Assistenten  und  Studirenden  in 
der  Reihenfolge,  in  welcher  dieselben  an  der  Gebäranstalt  gedient 
und  practicirt  haben,  anzufertigen.  Indem  Prof.  Rokitansky  seit 
L828  an  der  pathologisch-anatomischen  Anstalt  fnngirt,  bo  konnten 
theils   ans   seiner  Erinnerung,  theils  aus  den   Sektionsprotoknllen   so 

durch  Einvernehmen  anderer  Aerzte.  denjenigen  Assistenten  und 
Stmlirenden  hervorgesucht  werden,  die  sich  mit  Leichenuntersuchuniren 
befassl  haben,  und  es  hätte  sich  ergehen,  ob  die  Zahl  der  Erkrankungen 
in  der  Gebäranstalt  mit  der  Verwendung  der  Assistenten  undStudirenden 
in  der  Beklionskammer  im  Znsammenhange  stand. 


42  l'i'    Bütten   l'ekaimtiuachungcii  der  8emmehveis'?chen  Lehre. 

b)  Es  waren  die  sogenannten  Gassengeburten  auszuheben. 

Erfolgt  die  Entbindung  auf  der  Gasse  und  kommt  die  Entbundene 
zur  weiteren  Fliege  in  die  Geb&ranstalt.  so  wird  sie  nicht  weiter 
untersucht,  ausser  in  den  Fällen,  wo  die  Nachgeburt  zu  lösen,  oder 
sonst  ein  krankhafter  Zustand  der  Geburtstheile  zu  behandeln  ist 
Est  die  Ansicht  des  Dr.  Semmel  weis  richtig,  so  müssen  nach 
Gassengeburten  weniger  Erkrankungen  vorkommen. 

Man  musste  sich  von  den  säninitlicheii  Gebäraiist alten  der 
I i.-d erreich ischen  Monarchie,  und  soweit  es  möglich,  auch  von  den  aus- 
ländischen, genaue  Ausweise  über  die  Zahl  der  Geburten  und  Todes- 
fälle verschalten,  um  zu  constatiren,  ob  an  allen  Anstalten,  wo  eine 
Infection  durch  Leichengift  nicht  angenommen  werden  kann,  die 
Sterblichkeit  geringer  ist. 

&)  Bndlich  waren  Versuche  an  Thieren  vorzunehmen. 

Der  Antrag  wurde  von  dein  Professorencollegium  mit  sein*  großer 
Majorität  angenommen,  und  die  Commission  sogleich  ernannt;  allein 
das  Ministerium  entschied  über  einen  Protest  des  Professor*  der 
Geburtshilfe,  dass  die  commissionelle  Verhandlung  nicht  statt  finden 
dürfe.  In  Folge  dieser  Entscheidung  forderte  ich  den  Dr.  Semmel - 
weis  auf,  die  Versuche  an  Thieren  selbst  vorzunehmen.  Wenn 
diese  gelangen,  war  die  Lösung  der  übrigen  Aufgaben  von  geri 
Wichtigkeit 

Zu  den  Versuchen  wurden  aus  mehrfachen  Grüuden  vorerst 
Kani liehen  verwendet. 

Erster  Versuch.  Am  22.  März  d.  J.  wurde  einem  Weibchen 
1 .,  stunde,  nachdem  es  geworfen  hatte,  ein  mii  missfarbigem  Exsudate 
nach  Endometritis  beleuchtete!' Pinsel  in  die  Scheide  und  [JterushÖnle 
eingeführt.  Das  Thier  befand  sich  darauf  zum  24,  April  scheinbar 
ganz  wohl.     Am  2-i.  April  wurde  es  Unit  geilluden. 

Section:  Die  gefaltete  Schleimhaut  der  Homer  des  Uterus  mit 
flüssigem  schmutzig  grauröthliehen  Exsudate  überzogen,  in  der  linken 
Brusthohle  etwas  Flüssigkeit,  der  untere  Lungenlappen  mit  einer 
membranös  geronnenen  blassgelblichen  Exsudatsehiehte  überzogen, 
sein  Parenchym,  BQ  wie  jenes  des  hinteren  unteren  Drittheiles  des 
oberen  Lungenlappens  grau  hepatisirt,  der  übrige  Antheil  dieser 
Lunge  sn  wie  die  rechte  Lunge  lufthaltig:,  zinnoberroth.  Das  Herz 
in  eine  blassgelbliche  zart  villöse  Exsudatschichte  eingehüllt  und  von 
einigen  Tropfen  flüssigen  Exsudates  umspült. 

/weiter  Versuch.  Am  12.  April  wurde  ein  Weibchen  etwa 
12  Stunden  nach  deta  Wurfe  von  6  Jungen  wie  im  1.  Versuche  be- 
handelt. Well  das  Thier  des  1.  Versuches  sich  noch  ganz  wohl  zu 
befinden  schien,  so  glaubte  man  bei  dem  2,  Versuche  den  Pinsel  mehrere 
Tage  nach  einander  einführen  zu  sollen.  Am  14.  April  äusserte  das 
Thier  beim  Einführen  des  Pinsels  Schmerz,  der  l'terus  zog  sich  heftig 
zusammen ,  und  presste  gelblich  weisses  dickflüssiges  Exsudat  aus. 
Am  17.  April  zeigte  sich  das  Thier  bedeutend  krank,  am  22.  trat 
Dhirrlhie  ein  und  am  2&  April  fand  man  das  Thier  todt.  Die  Ein- 
führung des  Pinsels  geschah  täglich  einmal  bis  zum  Tode. 

Sectios:  In  der  Bauchhöhle  etwas  membranös  geronnenes,  ein- 
zelne Darm  Windungen  unter  einander  Verklebendes  Exsudat;  auf  der 
Vaginal-  und  rterinalschleimheimhaut  und  in  deren  Gewebe  ein  gelbes 
starres  Exsudat;   die  Dteruahörner  massig  ausgedehnt  mit  schmutzig- 


Die  ereteü  Bekanntmachungen  der  SemiuelweisscUen  Lehre. 


43 


grau-röthlichem  Exsudate  gefüllt,  im  Dickdarm  mehrere  Gruppen  ver- 
eiternder Follikel,  die  Schleimhaut  an  linsnigrnsseu  stellen  theils 
vereitert,  tlieils  mit  gelbem  Exsudate  infiltrirt,  und  jede  dieser  Stellen 
mit  einem  injicirten  <Tefässhofe  umgeben. 

Die  Lungen  hell  zinnoberroth ;  im  linken  obern  Lappen  eine 
bohnengrosse  blutig  infiltrirte  dichte  Stelle  mit  einem  Eiterpunkte  in 
der  Mitte. 

Dritter  Versuch:  Am  15.  April  wurde  einem  Weibr.hen  etwa 
10  Stunden  nach  dem  Wurfe  von  4  Jungen  der  Pinsel  zum  eisten 
Haie,  und  dann  täglich  einmal  bis  zum  Tode,  der  am  21.  April  er- 
folgte, eingeführt.  Am  17.  äusserte  das  Thier  beim  Einfühlen  des 
Schmerz  und  presste  eitriges  Exsudat  aus  dem  Uterus.  Am 
26.  kam  Diarrhöe. 

Sectio n:  Jn  der  Bauchhöhle  einige  massige  Menge  flüssigen 
und  membranartig  geronnenen,  einzelne  Darnnvindungen  verklebenden 
Exsudates.  Die  Schleimhaut  der  »Scheide  und  des  Uterus  mit  einem 
gelben  innig  haftenden  Exsudate  Bberkieidet  und  infiltrirt,  die  Uterinal- 
hOrner  im  hohen  Qrade  ausgedehnt,  mit  graurötliclieiii  sdnimtzigeii 
Exsudate  gefüllt.  In  der  Leber  mehrere  bis  linsengroße,  mit  eitrigem 
Exsudate  infiltrirte  stellen,  auf  der  Schleimhaut  des  Dickdarms,  nahe 
Irin  Endstücke  des  Processus  vermiformis  —  eine  mehr  als  linsen- 
«e,  von  einem  injicirten  Gefässliofe  umgebene,  ulcerirte,  mit  Mass« 
gelblichem  Exsudate  überkleidete  Stelle. 

V  i  Q 1 1  e  r  V  er su  eh :  Am  24.  Mai  wurde  einem  starken  Weibchen 
etwa  1  Stunde  nach  dem  Wurfe  von  5  Jungen  der  Pinsel,  welchen 
diesmal  in  mit  Wasser  verdünntes  Blut  aus  der  Leiche  eines 
vor  3H  Stunden  an  Marasmus  verstorbenen  Mannes  tauchte,  einge- 
führt Am  25.  wurde  der  Pinsel  vor  der  Einführung  mit  pleuritischem 
Exsudate  benetzt.  Am  26.  mit  dem  Peritouäalexsudate  eines  Tuber- 
en; eben  so  am  27.  Von  da  an  wurde  der  Pinsel  nicht  mehr 
eingeführt.  Das  Thier  blieb  anscheinend  völlig  gesund,  und  warf  am 
M.  Juni  zum  zweiten  Male. 

Fünfter  Versuch:  Am  2.  Juni  wurde  einem  Weibchen  etwa 
12  Stunden  nach  dem  Wurfe  der  mit  Peritonäalexsudat,  das  schon 
beim  4.  Versuche  verwendet  wurde,  befeuchtete  Pinsel  eingeführt. 
Am  37  4.,  5.  Juni  wurde  die  Einführung  wiederholt,  und  von  an  das 
Thier  unberührt  gelassen.  Es  blieb  scheinbar  gesund,  und  warf  am 
28.  Juni  wieder.  Am  29.  Juni  wurde  der  Pinsel  mit  einem  pleuril  iselit-n 
Exsudate  befeuchtet  neuerdings  eingeführt,  eben  so  am  30.  Das 
Thier  blieb  gesund  und  wurde  am  17.  Juli  behufs  eines  anderen 
Experimentes  getodtet.  Die  Section  zeigte  keine  auf  Prämie  hin- 
weisende Veränderung. 

hster  Versuch:  Am  10.  Juni  wurde  einem  Weibchen 
einige  Stnnden  nach  dem  Wurfe  der  mit  eitrigem  pleuritischen  Exsu- 
date aus  einer  männlichen  Leiche  benetzte  Pinsel  eingeführt. 

ii  11.  bis  30.  Juni  wurde  zur  Befeuchtung  des  Pinsels  d;is 
Peritonäalexsudat  eines  am  Typhus  verstorbenen  Mannes  verwendet. 
Das  Thier  blieb  gesund,  und  warf  am  13.  Juli  zum  zweiten  Male. 

An  diesem  Tage  wurde  der  Pinsel  neuerdings  eingeführt ,  und 
von  da  an  täglich  bis  zum  24.  Juli.  Das  Thier  magerte  ab,  bekam 
Diarrhoe,  und  wurde  am  30,  Juli  todt  gefunden. 


44 


I'i.   ersten  Bekanntmachungen  der  Senimelweis'schen  Leare. 


9eetion:  Im  Herzbeutel  einig«  Tropfen  flockigen  Serums.  In 
die  Tricuspidalklappe  eine  erbsengrosse,  in  den  Omus  aortei 
hineingedrängte,  und  eine  hanfknrn  grosse,  auf  dem  freien  Rande  des 
Klappenzipfels  aufsitzende,  mit  dem  Endocardiui  des  Pnpillarinuskels 
innig  zusammenhängende,  sehr  uoJ  zig  weisse,  uneben  höckerige  Vegetation 
eingetilzt;  die  innere  Fläche  des  rechten  Ventrikels  mit  einzelnen, 
gelblichweissen,  knötchenförmigen  Gerinnungen  besetzt.  In  der  Bauch- 
höhle membranai  tig  geronnenes  und  flüssiges  Exsudat.  In  der  Peripherie 
der  Leber  und  zwar  nahe  der  untern  Fläche  eine  erbsengrosse,  mit 
starrem  gelblichen  Exsudate  infiltrirte  Stelle. 

Der  Uterus  wie  in  Nr.  4  beschaffen ,  nur  Ist  die  Infiltration  und 
Neerose  noch  beträchtlicher.  Mehrere  Venen  von  beträchtlicher  Dicke 
zwischen  dem  Utemskürper  und  dem  rechten  Hörn  mit  starrem  gelben 
Exsudate  vollgepfropft. 

Siebenter  Versuch.  Am  16.  Juni,  einige  Stunden  nach  dem 
Wurfe.  Der  Pinsel  wurde  mit  dem  Eiter  aus  einem  Abscesse  zwischen 
den  Rippen,  der  sich  in  der  Leiche  eines  an  Cholera  verstorbenen 
Irren  vorfand,  benetzt. 

Die  Einpinselunir  wurde  bis  zum  3.  Juli  taglieh  vorgenommen. 
Das  Thier  blieb  gesund  und  warf  am  18.  Juli  zum  zweiten  Male. 

Das  Experiment  wird  nun  in  der  Art  modificirt,  daß  man  sich 
nicht  eines  Pinsels  bedient,  um  eine  mechanische  Verletzung  zu  ver- 
meiden. Die  Flüssigkeit  wird  mittelst  einer  Tripperspritze  mit  einem 
3  Zoll  langen  Rohre  in  die  Geschlechtstheile  gebracht.  Gleich  nach 
dem  Einspritzen  prent  das  Thier  die  Flüssigkeit  wieder  aus.  Die 
Einspritzung  wird  täglich  einmal  bis  zum  24.  Juli  vorgenommen.  Das 
Thier  magerte  ab  und  wurde  am  29.  Juli  todt  gefunden.  Sectien: 
In  beiden  Brusthöhlen  etwas  gelbes  dickflüssiges  Exsudat;  in  der 
Bauchhöhle  an  2  Unzen  zum  Theit  membranos  geronnenes  Exsudat, 
der  Uterus  normal,  blass,  kein  Exsudat  auf  seiner  Schleimhaut. 

A.liti-r  Versuch.  Am  24.  Juni.  Dasselbe  Thier,  «reiches  zum 
4.  Versuche  benutzt  wurde.  Die  Einpinselung  geschah  täglich  vom 
24.  Juni  bis  8.  Juli.  Das  Thier  magerte  sehr  stark  ab.  bekam  Diarrhöe 
und  wurde  am  25.  Juli  todt  gefunden. 

Section:  In  der  Bauchhöhle  etwas  gelbliches  Exsudat;  auf  der 
hinteren  Uteruswand  eine  dünne  Schichte  schmutzig  gelben,  innig 
haftenden  Exsudates,  in  den  Hörnern  desselben  etwas  flüssiges, 
schmutzig  grauröthliches  Exsudat,  an  der  Grenze  zwischen  Seheide 
und  Uterus,  der  Einmündung  der  Urethra  entsprechend,  eine  bohiien- 
grosse,  mit  eitrigem  Exsudate  infiltrirte,  oberflächlich  necrosirte  Stelle; 
das  dadurch  gebildete  Geschwür  mit  zackigen  nnterminirteii  Rand. -i  n, 
die  Hasis  mit  einer  Schicht  Exsudates  überkleidet  und  die  Substanz 
der  Vagina  in  der  Länge  eines  Zolls  liniendick  mit  Exsudat  infiltrirt. 

Neunter  Versuch.  Am  8.  August,  einige  Stunden  nach  dem 
Wurfe  wird  Pei  itonäalexsudat  von  einem  Manne  eingespritzt.  Das 
Thier  stößt  das  Eingespritzte  gleich  wieder  aus.  Die  Einspritzung 
wird  bis  zum  15.  täglich  gemacht  Das  Thier  sieht  am  IB.  krank 
aus,  magert  ab.    Am  20.  wird  es  todt  gefunden, 

Section:  Etwas  flockiges  Exsudat  in  der  Bauchhöhle;  in  der 
Peripherie  der  Leber  zahlreiche,  meisl  hanfkomgrosse,  gelbe  Ent- 
zündungsherde. Die  Uterusschleiinhaiti  an  der  hintern  Wand  im  Um- 
fange einer  Linse  excuriirt;  die  Substanz   mit  gelbem  Exsudate  bis 


Die  ersten  Bekanntmachungen  der  Semmelweis'schen  Lehre.  45 

ans  Peritonaeum  infiltrirt,  die  Excoriation  liegt  um  1  Zoll  höher  als 
bei  Nr.  6  und  8.  Das  rechte  Uterinalhorn  in  so  hohem  Grade  mit 
Exsudat  infiltrirt,  dass  es  das  doppelte  Volumen  erreichte,  auf  seiner 
Schleimhaut  freies  Exsudat,  die  Venen  in  beiden  Ligamentis  latis  mit 
Exsudat  vollgepfropft. 

Es  ist  kaum  nöthig,  zu  erwähnen,  dass  die  in  den  Leichen  der 
Kaninchen  vorgefundenen  Veränderungen  dieselben  sind,  wie  sie  sich 
in  menschlichen  Leichen  in  Folge  von  Puerperalkrankheiten  und  im 
Allgemeinen  in  Folge  von  Pyämie  einstellen.  Man  könnte  gegen  die 
eben  angeführten  Versuche  den  Einwurf  machen,  dass  dabei  eine 
grössere  Quantität  von  faulenden  Stoffen  einwirkte,  und  dass  die 
faulende  Substanz  in  8  Fällen  viele  Tage  nach  einander  und  nur  in 
Einem  Falle  blos  einmal  mit  den  Geburtstheilen  des  Thieres  in  Be- 
rührung gebracht  wurde,  wogegen  die  Quantität  des  an  den  Händen 
klebenden  faulenden  Stoffes,  wenn  die  Hände  —  was  immer  geschehen 
ist  —  nach  der  Leichenuntersuchung  mit  Wasser  abgewaschen  wurden, 
nur  sehr  klein  gedacht  werden  kann. 

Diese  Einwendung  scheint  mir  jedoch  von  keinem  besonderen 
Gewichte  zu  sein,  indem  die  Einwirkung  des  faulenden  Stoffes  auf 
das  Blut  nach  den  Erfahrungen,  welche  über  die  Folgen  der  Ver- 
wundungen bei  Sectionen  vorliegen,  von  der  Quantität  des  faulenden 
Stoffes  nicht  abhängen  kann,  da  die  Infection  nicht  selten  durch 
wunde  Stellen  erfolgt,  die  wegen  ihrer  Kleinheit  kaum  sichtbar  sind. 
Es  scheint  übrigens  zur  Beseitigung  jeden  Zweifels  zweckmäßig,  dass 
noch  weitere  und  vielfältig  abgeänderte  Versuche  an  Thieren  gemacht 
werden.  Ich  stelle  darum  den  Antrag,  dass  dem  Dr.  Semmel  weis 
eine  Geldunterstützung  zur  Vornahme  weiterer  Versuche  bewilligt 
werde,  und  in  Anbetracht,  dass  es  zur  Beseitigung  allenfallsiger 
Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Versuche  nöthig  ist,  dass  diese  Ver- 
suche auch  durch  ein  Mitglied  der  Akademie  vorgenommen  werden, 
ersuche  ich  den  Herrn  Professor  Brücke,  diese  Aufgabe  zu  über- 
nehmen. *) 


')  Die  Classe  beschloss  vorläufig  dem  Herrn  Dr.  Semmel  weis  100  Gulden 
anzuweisen,  und  demselben  zugleich  ihre  Geneigtheit  auszusprechen.  Das  wirkliche 
Mitglied,  Professor  Brücke,  wurde  ersucht  gleichzeitig  die  beantragten  Versuche 
vorzunehmen,  welcher  sich  auch  dazu  bereit  erklärte. 


Semmelweis'  Vortrag  über  die  Genesis 
des  Puerperalfiebers. 


[Aus  dem] 


Protokoll 


der  allgemeinen  Versammlung  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte 
zu  Wien,  vom  15.  Mai  1850. 


Herr  Dr.  Semmel  weis  3  emerii  Assistent  an  der  ersten  geburts- 
hilflichen Klinik,  entwickelt  seine  Ansichten  über  die  Genesis  des 
Puerperalfiebers;  er  weist  aus  den  Protokollen  numerisch  nach,  dass 
Jahre  L839,  seit  welchem  eine  besondere  Klinik  zum  Unter- 
richte für  Geburtshelfer,  und  eine  andere  für  Hebammen  erflehtet 
worden  ist.  auf  der  ersten  zusammengenommen  über  viermal  mehr 
von  den  Wöchnerinnen  grüsstentheils  an  Puerperalfieber  gestorben  sind. 
als  auf  der  zweiten,  unbeachtet  die  Aufnahme  der  Schwangreren  von 
24  zu  •>•!  Stunden  zwischen  beiden  gewechselt  hat,  woraus  er  den 
einfachen  Schluss  zieht,  dass  das  zeitweise  starken'  Auftreten  des 
Wi-M-henbctthVbers  auf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  nicht  durch 
allgemeinere  epidemische  Einflüsse,  sondern  einzig-  und  allein  lokale. 
Miiiiit  endemische  Verhältnisse  derselben  hedingt  gewesen  sein  könne. 
Dr.  Semmel  weis  geht  nun  die  gewöhnlichen  endemischen  Ursachen, 
wie  sie  Yen  anderen  angefahrt  worden  sind,  wie  die  tVberfüllung  der 

ikeuzitniiier,  die  langjährige  Schwängerung  der  Lokalitäten  mit 

peralmiasma,  das  öftere  und  vermeintlich  rohere  Untersuchen 
der  angehenden  Geburtshelfer,  die  bereits  bestehende  Furcht  der 
Sehwangeren,  so  sie  auf  diese  Abtheilung  zur  Entbindung  gebracht 
wurden  it.  B.  w.,  der  Reihe  nach  durch,  und  weisl  Dach,  dafiG  keine 
derselben  die  oftmals  grossen  Verheerungen  des  Puerperalfiebers  auf 
der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  erklärlich  machen  und  dass  viel- 
manche  dieser  vermeintlichen  Ursachen  bei  der  zweiten  geburts- 
hiillicberj  Klinik  in  erhöh terem  Grade  sich  vorfindet.  Dieses  und  der 
pathologisch-anatomische  Befund  bei  Kindbettfieber,  welcher  die  grösste 
Aeliulichkeit  zeigt  mit  jener  Pyäinie. ,  die  sieh  hei  Anatomen  und 
Chirurgen    Dach    Verwundungen    an   Leichen    und   Imnräirnirung    der 

li  verletzten  Stellen  mit  in  Faulniss  begriffenen  organischen  Stoffen 
auszubilden  pflegt  führte  Herrn   Dr.  Semmel  weis  zu  der  Ueber- 

1I112.  dasa  das  Puerperalfieber  gleichfalls  ein  durch  Aufnahme 
faulender  organischer  Stoffe  von  Seiten  der  inneren  ümkleidimg  des 
Uterus  in  das  Blut  der  Mutter  erzeugter  pyäiuischei  Procesa  sei, 
und  daß   die  fortwährende   neue  Einschle|>pung  solcher  Stoffe  gerade 

SenmalwetB'  gaiimmelt«  Werke.  •  4 


50 


Semmelweis'  Vortrag  über  die  Genesis  des  Puerperalfiebers. 


aiil  die  erste  geburtshilfliche  Schule  in  dem  heut  zu  Tage  häuft  gen 
Seciren  der  Leichen  von  Seiten  der  Assistenten  und  Schiller  dieser 
Klinik  vorzugsweise  begründet  sei.  ohne  dass  aber  eine  andere  Ueber- 
tragnngs weise  fanlender  organischer  Bestandteile  auf  den  mütter- 
lichen Organismus  ausgeschlossen  bleibe,  wie  eine  solche  bei  in  /i- 
setznng  übergegangenen  Resten  des  Mutterkuchens,  beim  ununter- 
brochenen Touchiren  von  kranken  und  gesunden  Seh  wangeren  und 
Wöchnerinen.  sodann  bei  anderen  Patientinnen,  die  an  einer  Auflösung 
der  Säfte  darniederliegen,  angenommen  werden  müsse.  Dieser  Idee 
nun  folgend,  führte  Herr  Dr.  Semmel  weis  ein,  dass  jedweder 
der  Schüler  oder  sonst  Untersuchenden  von  jeder  Exploration  einer 
Schwangeren,  Kreissenden  oder  Wöchnerin  seine  Hunde  in  einer  Chlor- 
kalkliMitiir  sinnfällig  wasche,  um  so  jedes  möglicher  Weise  an  den 
Fingern  haftende,  faulende  organische  Atom,  selbst,  bis  auf  den  Geruch 
desselben  vollends  zu  tilgen,  und  siehe  da,  der  glänzendste  Erfolg 
kraute  dies  Verfahren,  und  zwar  durch  nun  schon  volle  drei  Jahre; 
die  Sterblichkeit  nämlich,  die  sonst  8,3  *7„  der  Wöchnerinen  auf  der 
Braten  geburtshilflichen  Klinik  betrug,  ist  nun  die  auch  in  der  Privat- 
praxis und  auf  anderen  Gebärkliniken  beobachtete,  nämlich  van  i' 
geworden.  —  Anderweitig  wird  die  Sache  noch  dadurch  unterstützt, 
dass,  so  oft  an  der  Klinik  für  Hebammen  Assistenten  waren,  die  viele 
Untersuchungen  an  Leichen  machten,  auch  hier  dann  diese  Krankheit 
zahlreichere  Opfer  begehrte,  dass  ferner  vor  der  Errichtung  des  un- 
gemeinen Krankenhauses  {1784)  bis  zur  Creirung  einer  selbststiiiidiyvn 
Lehrkanzel  für  pathologische  Anatomie  keine  sogenannte  Pnerper&l- 
fieber-Epidemie  geherrscht  habe,  und  das  Sterbliehkeitsverhältniss  der 
Wöchnerinnen  nicht  einmal  1  %  betrug;  von  der  letztgenannten  Zeil 
aber  bis  zum  1.  Mai  1841  nämlich,  bis  zum  Beginne  der  Cblor- 
luingen,  als  dem  Zeiträume  der  Blüthe  der  pathologischen  Ana- 
tomie, sind  auf  beiden  Kliniken  zusammengenommen  5.7  "<„.  von  daher 
an  bis  letzten  April  des  heurigen  Jahres  aber  nur  2.2",,  gestorben. 
—  Weitere  Gründe  für  den  endemischen  Charakter  des  Kindbett- 
fiebers sind,  dass  dasselbe  ausserhalb  der  Gebärhäuser  nicht  so  um 
sich  greife.  <li<-  Jahreszeiten  keinen  Eintluss  üben,  dasselbe  auch  nach 
traumatischer  Verletzung  wie  sonst  keine  epidemische  Krankheit  ent- 
stehe, und  auch  bei  Thieren,  aber  nur  sporadisch,  sich  zeige,  so  wie 
es  selbst  künstlich  bei  letzteren  erzeugt  werden  könne. 

Das  Puerperalfieber  nach  dem  oben  angegebenen  Wesen  des- 
selben sei  daher  eben  so  wenig  eine  contagiöse  als  für  sich 
specilische  Krankheit,  sondern  entwickle  sich  dadurch,  dass  ein  in 
Fanlniss  übergegangener  thierisch- organischer  »Stoff,  gleichviel  von 
welchem  Kranken  immer,  und  gleichviel,  ob  vom  lebenden  Organisnais 
oder  vom  Cadaver  stammend,  aufgenommen  in  die  Blutmasse  der 
Wöchnerin  die  puerperale  (pyämische)  Rlutentmischung  erzeuge,  hier- 
auf die  bekannte  Exsudation  und  als  drittes  die  Metastasen  bilde. 
Beigebracht  aber  werden  diese  Stoffe  dem  weiblichen  Organismus 
mittelst  des  untersuchenden  Fingers,  oder  durch  den  Gebrauch  damit 
imprägnirter  Gerätn  schatten,  oder  auch  durch  die  nach  der  Geburt 
in  die  Uterushöhle  dringende,  mit  faulenden  .Stoffen  geschwängerte 
Luft,  für  welche  letztere  Mittheilungsweise  zwei  eklatante  Beispiele 
aufgeführt  weiden.  Daher  eine  Verhütung  dieser  Krankheit  möglich 
ist  durch  Reinigung  Aar  Flngw,  der  Utensilien  und  der  Luft,  worauf 
sich   nur   mehr   einzelne  Fälle   vom  Puerperalfieber  ergeben    werden. 


IIS*  Vortrag  über  die  Au  Puerperalfiebers. 


51 


jene  nach  zurückgebliebenen  faulenden  Deeidua-,  oder  Placenta- 

Resten,  sodann  durch  Rasse  und  Quetschungen  am  Muttermunde  u.  s  \.v. 

Als  die  Stelle,  wo  die  Kesorption  geschieht,  bezeichnet  der  Vortragende 

inii   dem  mit  ersuchenden  langer  erreichbare  Partie  unmittelbar 

dein  inneren  Qeb&rmnttermftind,  die  während  «1er  Seh wangvivschaft 
von  den  Kihäuten  bedeckt,  ihrer  .Schleimhaut  verlustig  und  so  zur 
geeignet  ist,  die  Scheide  aber  sei  mit  allzudickem  Kpi- 
thelium  und  Schleime  überzogen,  als  dass  sie  resorptionsfahig  wäre. 
Am  zugänglichsten  sei  die  rterushöhle  während  der  ersten  und  zweiten 
Geburtsperiode,  und  in  dieser  Zeit  werde  auch  am  häufigsten  die 
Untersuchung  vorgenommen;  daher  sei  es  auch  zu  erklären,  dass  Dicht 
allein  die  Mutter,  sondern  meist  auch  das  Kind  durch  denselben  grossen 

ndations-Process  beim  Zustandekommen  der  Krankheit  zu  Grunde 
gehen,  und  warum  Wöchnerinnen,  welche  wegen   verzögerter   erster 

zweiter  Geburtszeit  2 — 3  Tage  auf  dem  Kreisszimmer  verweilten, 
meist  dem  bösartigsten  Puerperaltieher  erlagen. 

Zu  Ende  dieses  Vortrags  kündigt  Dr.  Semmel  weis  an,  da&S 
er  in  einer  der  künftigen  allgemeinen  Versammlungen  jene  Einwen- 
dung beleuchten  wolle,  welche  die  Doktoren  Scanzoni  und  Seyfert 
gegen  seine  von  Prof,  .Skoda  in  der  kais.  Akademie  der  Wissen- 
den zur  Sprache  gebrachten  Ansichten  über  das  Puerperalfieber 
der  Prager  Vierteljahrschrift  zu  Tage  gebracht  haben  und  Herr 
Präses  Prof.  Rokitansky  befragt  in  Folge  dessen  die  Gesellschaft, 
ob  sie  nicht   im  Allgemeinen  geneigt  wäre,   über  diesen  Gegenstand. 

der  hohen  Wichtigkeit  desselben,  für  das  nächste  Mal  auf  eine 
Diskussion  einzugehen,  welches  auch  angenommen  wurde. 


[Ans  deraj 


Protokoll 


der  allgemeinen  Versammlung  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte 
zu  Wien,  vom  18.  Juni  1850. 


Ergänzung  zu  seinem  Vortrage  in   der  letzten   allgemeinen 

Sitzung  der  Gesellschaft  (15.  Mai)  beleuchtet  nun  Herr  Dr.  Semmel- 

weis  die  gegen  seine  Ansicht  über  die  Genesis  des  Puerperalfiebers 

Herren  Doktoren  Scanzoni  und  Seyfert  (siehe  den  2.  Band 

Prager  Vierteljahrsschrift   von    1850)   gemachten  Einwürfe,   und 

zwar  führt  er  an.  dass,  trenn  Scanzoni  eine  Tabelle  der  Entbundenen 

und  vom  Puerperalfieber  in  Prag  Dahingerafften  entwirft,  welche  ein 

Sterblichkeits- Verhältnis  herausstellt,  als   dieses   mit  den 

■'■  Waschungen  in  Wien  erzielt  werden  konnte,  und  sich   zugleich 

dahin  äußert,  daß  die  Veranlassung  zu  einer  Imprägniruug  der  Assi- 

ten   und  Schüler  der  Gebärklinik  mit  von  Leichen  stammenden 

faulenden  organischen  Stoffen  durch  andere  Lokalverhältnisse  in  Prag 

•  ine  nur  höchst  seltene  sei,  so  finde  er  hierin  keineswegs  einen  Beweis 

wider  den  Nutzen  Chlorwaschnngen  an  sich,  sondern  einzig  und  allein 

4* 


59 


ycmuielwets'  Vortrag  über  die  Geüedi  des  Puerperalfieber», 


«Ich  Scnloi  logisch  gerechtfertigt,  dass  die  (hlorwaschungen  daselbst 
und  Aw.xr  für  die  Falle  der  möglichen  Einschleppnng  fauler  Stoffe  vom 
I  ladaver  her  überflüssig  seien,  keil  aber  für  jene  Erkrankungen, 

die  durch  Uebertragung  solcher  Stoffe  TOB  anderen  Kranken  oder  von 
einer  (etwa)  mit  jauchenden  Geschwüren  behafteten  Kreissenden  auf 
eine  gesunde  Gebärende  sieb  ausbilden  können:  eaa  iet  ja  für  den  Arzt 
die  Veranlassung  zur  Imprüguiruug  seiner  Hände  mit  faulenden  Stoffen 
nicht  blos  der  Oadaver.  —  EflckeichtHoh  der  Trausferirungen  der  er- 
krankten  Wöchnerinnen  aber  und  des  jetzt  günstigeren  Sterbliehkeits- 
Vprhültnisses  allhier  gibt  Herr  Dr.  Semmel  weis  die  Aufklärung,  dass 
diese  gerade  in  der  Zeit  vor  den  (.'hlorwaschungen  häufig  vorgenommen 
wurden,  dass  jedoch  dermalen  eben  seit  Juni  1847  keine  Wöchnerinnen 
mehr  (ausgenommen  einzelne  Fälle  wegen  Syphilis.  Blattern  etc. 
etc.,  wie  dies  die  Vorschrift  erheischt)  auf  andere  Abtheilungen  des 
allgemeinen  Krankenhauses  übersetzt  werden,  dass  somit  das  min  an- 
gegebene Mortalitäts- Verhältnis!)  ein  wahres  und  richtiges  sei. 

Ferner  wenn  Dr.  Scanzoni  Zweifel  erhebt  gegen  die  Beweis- 
kraft der  an  Kaninchen  EU  diesem  Zwecke  angestellten  Versuche, 
wegen  der  grösseren  QoaatitiM  von  faulen  Stoffen,  welche  erforderlich 
war,  um  bei  denselben  Prämie  zu  erzeugen,  so  hat  er  wohl  nicht  den 
ennz  verschiedenen  Bau  des  fieschlechts-Apparat.es  dieser  T liiere,  und 
die  durch  denselben  bedingte  geringere  Resorption  in  geherigen  Augen- 
merk genommen,  eben  so  wenig  als  den  Umstand,  dass  bei  diesen 
Thieren  die  injicirte  Flüssigkeit  zum  grössteu  Theile  durch  die  Bauch- 
presse  allsogieich  Wieder  ausgedruckt  wird:  übrigens  scheine  es  Herrn 
nzoni  nicht  sehr  Ernst  zu  sein  mit  seiner  Opposition  gegen 
die  Versuche  an  Tliiereu.  da  er  selbst  solche  anstellen  zu  lassen,  der 
Regierung  den  Vorschlag  macht 

Heim  Dr.  Seyfert,  der  die  Frage  stellt,  welches  wohl  die  ge- 
wöhnliche Zahl  der  Puerperal -Erki anklingen  sei,  bis  zu  welcher 
die  Chlorwaschungen  ihre  Wirksamkeit  bewähren,  antwortet  Herr 
Dr.  Semmelweis,  dass  dies  jene  Zahl  von  Wöchnerinnen  sei.  bei 
welchen  die  faulenden  Stoffe  nicht  von  Außen  her.  sondern  aus  dem 
erkrankten  Individuum  selbst  aufgenommen  werden,  und  deren  Re- 
i  jene  Potenz  bildet,  von  der  Herr  Dr.  Seyfert  meint, 
sie  erst  erfunden  weiden  müsse".  Wenn  aber  von  eben  dem- 
selben Autor  angegeben  wird,  dass  im  Monate  Februar  1849  wohl  in 
der  Stadt  Prag-  eine  Puerperalfieber-Epidemie  geherrscht  habe,  ohne 
dass  eine  solche  in  dem  Qebftriianse  daselbst  zu  beobachten  war.  so 
ist  dies  fast  unerklärlich,  da  das  Gebäude  dieser  Anstalt  innerhalb 
der  S  legen  ist,  und  gewiss  Bewohnerinnen  eben   der  letzteren 

als  Schwangere  und  Kreissende  daselbst  Hilfe  gesucht  haben.  Nimmt 
nach  dem  Vorausgeschickten  Dr.  Seyfert  einen  Einflnss  der 
Witterungs Verhältnisse  auf  Erzeugung-  des  YW.ehenbettliebers  an,  so 
kann  derselbe  nur  auf  den  von  Dr.  Semmel  weis  unterm  15.  Mai 
d.  J.  gehaltenen  Vortrag  hingewiesen  werden,  der  vielfältig  das  Gegen- 
tbeil  beweist,  und  eben  so  alT  dessen  andere  Bedenken  in  Betreff  der 
wunden  Stel  Dl  übertragenden  Stoffes,   der  Destnfektionaktaft 

des  »'hlor's  und  des  Vorlings  bei  der  Entstehung  des  Pnerperal- 
arocesses  beseitigen  wird:  dal  aber  endlieh  das  Puerperalfieber  wirk- 
lich ein  pjamischer  P»  durfte  sich  in  allen  pathoiogisch- 
anat  Werken  der  Neuzeit  zur  tienüge  dargestellt  vorfinden, 
eben  so  wie  Herr  Dr,  Semmelweia  mit  Anderen   in   der  That  der 


fartrag  ober  die  <  »unesis  des  Puerperalfiebers, 


53 


An Nii -hi  ist,  iass  du  gynäkologischen  Abteilungen  bei  vorhandenen 
Excoriatioiien  der  TheUe  Pyaraie  in  der  bezeichneten  Weise  veranlasst 
werden  könne,  weshalb  auch  hierorts  auf  denselben  die  Chlorwascliungen 
eingeführt  worden  sind. 

Die  Aensserong  des  Herrn  Dr.  Semmel  weis,  dass  auch  auf  der 
zweiten  geburtshilflichen  Klinik  zur  Zeit,  solcher  Assistenten,  welche 
sich  viel  mit  Leichenöffnungen  befasst  haben,  die  Puerperalfieber  sieb 
häufig  gestellt  haben,  wobei  namentlich  Dr.  Zipfel1  s  Dienstzeit 

angeführt  wurde,  veranlasste  Letzteren  über  diesen  Gegenstand  zu 
näheren  Untersuchungen,  deren  Ergebnisse  er  der  Gesellschaft  im 
Folgenden  mittheilt:  Er  höh  1  aus  den  Akten  alle  Sektionsprotokolle 
aus,  die  wahrend  des  ersten  Jahres  seiner  Assistenz  (1842)  unter 
seinem  Namen  sich  verzeichnet  vorfanden,  es  sind  deren  41;   zog  B) 

den  Aufnahmsbögen  und  täglichen  Geburtszetteln  die  an  jedem 
Sektionstage  Entbundenen  und  die  von  den  letzteren  später  am 
Puerperalfieber  Verstorbenen  aus,  und  tlieilt  selbe  3i  nach  der  Zeit 
ihrer  Aufnahme  in  5  Reihen,  je  nachdem  sie  vor  der  gewöhnlichen 
für  Sektionen  bestimmten  Munde  oder  unmittelbar  nach  derselben, 
oder  erst  Tags  darauf  entbunden  waren:  diese  Zusammenstellung  nun 
macht  in  einer  Tabelle  ersichtlich,  dass  gerade  von  den  vor  der 
Sektionsstunde  und  den  am  spätesten  nach  derselben  (24—32 
stunden)  Entbundenen,  die  somit  durch  die  Untersuchung  der  I  na  - 
prägnirung   mit   Cadaver-Stotun   gar  nicht  oder  am    wenigsten 

tzt  waren,  die  allermeisten  gestorben  sind,  nämlich  tO1/,  biß  12"',,, 
indes*  von  jenen,  welche  in  den  Tagszeiten,  unmittelbar  nach  den 
Leichenöffnungen  entbunden  waren,  gerade  weniger  und  zwar 
nur  5%  dahingerafft  wurden.  Es  ist.  dies  gewiss  nur  Zufall,  wie 
Dr,  Zipfel  meint,  hätte  sich  aber  eben  so  zufällig  das  entgegen- 
Verliältniss  vorgefunden,  so  würde  Jedermann  nies  als  eine 
Bestätigung  der  von  Dr.  Semmelweis  aufgestelHei]  Ansicht  mit 
betrachtet  haben,  ein  Beweis,  wie  vorsichtig  man  sein  müsse,  will 
man  aus  statistischen  Fakten  Schlüsse  ziehen.  Ein  gleiches  Resultat 
ergab  sieh,  indem  Dr.  Zipfel  die  einzelnen  Monate  des  Jahres  unter 
einander   verglich;   es  starben   nämlich  gnade  viele  Wöchnerinnen  in 

•  u  Monaten,  in  denen  kaum  einige  Leichenöffnungen  vorgenommen 
wurden,  indess  bei  einer  grösseren  Anzahl  von  Sektionen  im  Monate 
nur  wenige  Todtenfälle  unter  den  Entbundenen  sien  ereigneten;  im 
gemeinen  ergaben  sich  blos  an  13  von  den  41  Sektionstagen  bei 
den  binnen  32  Stunden  nach  der  Sektion  Entbundenen,  und  im  Ganzen 
unter  311  Entbundenen  nur  20  Sterbefalle;  wahrend  von  114  binnen 
unden  vor  der  Sektionszeit  Entbundenen  12  mit  Tod  abgingen. 
Eben  so  wichtig  sei  es,  dass  von  147  sogenannten  Gtassengeburten  5 

rben  sind,  was  somit  bei  Wöchnerinnen,  die  gar  niclM  unter- 
sucht werden  konnten,  in  diesem  Jahre  gleichfalls  ein  ungünstiges 
VeilwilTniss  herausstellt.  Dr,  Zipfel  kann  somit  aus  dem  thatsäch- 
lieh  Angeführten  nicht  der  Meinung  beipflichten,  dass  vorzugsweise 
die  Untersuchung  der  lleharenden  mit  von  ( 'ndaver-StoftVu  imprii- 
gnirten  Kingern  die  Ursache  der  häufigen  Kindbetttieber  auf  der 
zweiten  öebärklinik  während  seiner  Assistentenjahre  abgegeben 
haben.  Die  Erwiderung  des  Herrn  Dr.  Semmel  weis,  so  wie  Herrn 
Dr.  Lumpe' s  Mittheilungen  über  denselben  Gegenstand,  mussten 
wegen  vorgerückter  Zeit  auf  die  nächste  Sitzung  belassen  werden. 


54 


Semtnelweb'  Vortrag  über  die  Geuesis  des  Puerperalfieber!. 


(Aus  dem| 


Protokoll 


der  allgemeinen  Sitzung  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien, 

vom  15.  Juli  1850. 


.  .  .  ,  worauf  ziii-  Fortsetzung  der  für  diese  Sitzung  auf  die 
Tagesordnung  gebrachten  Diskussion  über  die  durch  Dr.  Semmel- 
weis  zur  Verhandlung  gekommene  Henesis  des  Puerperal- 
fiebers geschritten  wird. 

Vorerst  sieht  sieh  Herr  Dr.  Semmel  weis  veranlasst,  auf  jene 
Kin wiii rufe  zu  antworten,  die  in  einem  Vortrage  (siehe  das  Protokoll 
der  Sitzung  vom  17.  Juni)1 )  gegen  seine  Ansichten  von  Herrn  Dr.  Z  i  p  fe  1 
vorgebracht,  worden  sind. 

Letzterer  hat  nämlich  die  von  ihm  im  Jahre  1842  gemachten 
und  protokollirten  41  Sektionen  von  verstorbenen  Wöchnerinnen  mit 
den  neu  zur  Entbindung  angekommenen  Schwangeren  nach  den  ver- 
schiedenen Tageszeiten  in  mehrere  Reihen  gebracht,  und  wies  aus  der 
tabellarischen  Vergleichung  derselben  nach,  dflss  vmi  den  Ki  wissenden, 
welche  zum  wenigsten  der  Inquination  mit  Leichengift  ausgesetzt 
waren,  die  meisten  gestorben  sind,  und  vice  versa,  und  entnimmt 
daraus  einen  Grund  gegen  die  Ansichten  des  Doctor  Semmel  weis; 
allein  so  richtig  auch  die  Zusammenstellung  und  die  daraus  gezogenen 
Schlüsse  sein  mögen,  so  ist  nach  Dr.  Semmel  weis  die  Anzahl 
p  r  o  t  o k o  1 1  i  j  t  e  n  Sektionen  keineswegs  die  der  im  Ganzen 
machten  Leichenöffnungen  von  Wöchnerinnen,  indem  von  letzteren  die 
größere  Anzahl  wegen  des  fast  immer  gleichbleibenden  wissenschaft- 
lichen Befundes  gar  nicht  protokollirt  worden  sind,  somit  der  ganzen 
Zusammenstellung  die  richtige  Basis  der  Zahl  nämlich  fehlt.  Was 
aber  die  von  Dr.  Zipfel  angeführte  grössere  Sterblichkeit  bei  den 
sogenanntes  burten  betrifft,  so  sind  bei  letzteren  wohl  andere 

äussere  Schädlichkeiten  meist  genügend,  sie  zu  erklai-en.  wozu  noch 
kommt,  dass  so  Entbundene  oftmals  doch  untersucht  werden,  um  sich 
zu  überzeugen,  ob  der  Mutterkuchen  bereits  abgegangen  ist  oder 
nicht;  endlich  sei  die  Uebertragung  fauler  Stoffe  auf  Gebärende  nicht 
blos  vom  Cad;ivr.  sondern  eben  so  gut  von  kranken  Wöchnerinen 
nnd  Kreissenden  her  möglich,  auffallend  sei  es  aber  immer,  dass  ge- 
tade  in  den  zwei  Jakren.  in  welchen  Dr.  Zipfel  Assistent  war,  und 
zu  wamst  Ehre  sich  häufig  mir  Sektionen  befasst  hat.  die  Sterblich- 
keil auf  der  zweiten  Gebärklinik  eine  grössere  war  als  sonst,  I 
zwar,  dass  sie  im  Jahre  1842  an  7.5 °0,  und  im  Jahre  1843  an  5 
betrug,  indess  sie  im  Jahre  zuvor  nur  2.o"„.  und  im  Jahre  darnach 
3.5 u„  ausmachte:  noch  seltsamer  sei  es.  wenn  Dr.  Zipfel  trotz  seiner 
Einrede  doch  die  Priorität  der  Ansichten  über  den  Ursprung  des 
Puerperalfiebers  für  sich  und  Fergnsson  in  Anspruch  nimmt,  da 
bi>  auf  die  jetzige  Zeit  i  in ksi< -liilich  des  Wiichenbetttiebers  meist  nur 
von  der  Aumangvng  eiteriger  oder  fauler  innerhalb  des  Uterus 


ia  Juni.    (FVr  Hmuf.) 


Semmel  weis'  Vortrag  über  die  Qeiraafa  Au  Puerperalfiebers. 


DO 


i-jH't  Stoffe  oder  der  Aufnahme  einer  mit  den  letzteren  Lmprä- 
uiiirten  Lnft  als  Erzeugungs-Ursache  die  Rede  war,  niemals  aber  mit 

iinmtheit  auf  die  materielle  t'ebertraguug  cadavei<i>tr  Theile 
durch  die  l'ntei  '^ik*1j  mi<ur  hingewiesen  wurde,  wie  Dr.  Semmel  weis 
68  t  hat.  — 

Hierauf  spricht  Prof  Hayne  seine  Verwunderung'  aus,  dass  sogar 
über  die  Priorität  der  ausgesprochenen  Ansichten  ein  Streit  entstehen 
kann,  indem  die  nun  für  die  Genesis  des  \\  •-« -hrnbettfiebers  beim 
Mensehen  als  neu  aufgestellte  ErklarungMveise  von  ihm  bereits  im 
Jahre  1830  in  seinen  tierärztlichen  Schriften  für  das  dem  Wesen 
b  gleiche  Fieber  der  Rinder  veröffentlicht  worden  ist.1) 

Dem  folgt  nun  ein  Vortrag  des  Herrn  Dr.  Lumpe,  ehemaligen 
Assistenten  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik.  Die  Hauptgründe, 
die  derselbe  gegen  die  von  Dr.  Semmel  weis  ausgesprochenen  Ansichten 
geltend  macht,  lassen  sich  in  nachfolgende  Sätze  zusammenstellen:  Efl 
findet  sich  in  den  Ausweisen  des  Gebärhauses  eine  solche  Zu-  und  Ab- 
nahme und  ein  so  grosser  Unterschied  in  der  Sterblichkeit  der  Wöchne- 
rinnen in  den  verschiedenen  Monaten  eines  und  desselben  Jahres  (z.  B. 
im  Jahr  1841  der  Zeit  der  Assistenz  des  Dr.  Lumpe),  dass  man  dieselbe 
BOB  einer  sich  gleich  bleibenden  Ursache,  wie  diess  die  Imprägnirung 
mit  foulen  orgauischen  Stoffen  von  der  Leiche  her  bei  einer  das 
ganze  Jahr  sich  gleich  bleibenden  Anzahl  von  Candidaten  nothwendig 
sein  mnsfi,  unmöglich  erklären  könnte,  eben  so  wenig,  wie  diess,  dass 

anf  einander  folgenden  Monaten  (zwei  ausgenommen)  die  Sterb- 
lichkeit der  Wöchnerinnen  sieh  unter  jenem  Verhältnisse  stellte, 
welches  sich  zeitweise  auch  jetzt  bei  den  eingeführten  Chlorkalk- 
waschungen ergibt.  —  Eben  so  unerklärt  bleibe,  dass  in  solchen 
Monaten,  in  denen  für  die  Candidaten  eine  grössere  Möglichkeit 
bst-Imprägnirnng  mit  faulen  Stoffen  durch  zahlreiche  geburts- 
hilfliche Uebungen  an  Leichen  gegeben  war.  dann  dass  in  jenen 
Entbindnngsiallen  seltener  Art.  in  welchen  des  Unterrichtes  willen 
die  Untersuchungen  Mutig  unternommen  worden  sind,  somit  für  die 
Wöchnerinnen  die  Wahrscheinlichkeit  der  Inquination  eine  größere 
war.  dass  gerade  in  diesen  Monaten  und  Fällen  sieh  die  Sterblichkeit 
der  Betreffenden  als  eine  geringere  herausstellte. 

Dr.  Sem  in  e  1  weis  habe  somit  gefehlt,  die  Resultate  von  ganzen 
Jahren  und  nicht,  die  der  einzelnen  Monate  und  Fälle  mit  einander 
verglichen  zu  haben.  Es  könne  die  Epidemie,  wie  sie  in  fast  8  Monaten 
eines  und  desselben  Jahres  bei  gleichen  Einflüssen  schwieg,  nun  aus 
gleich  unbekannten  Ursachen  durch  3  Jahre,  der  Zeit  seit  der  Ein« 
rahrnng  der  Uhlorkalkwaschnngen,  gleichfalls  schweigen.  Die  weit 
Sterblichkeit   aber   auf  der  ersten   geburtshilflichen    Klinik 

t  Dr.  Lumpe  daher,  dass  auf  derselben  durch  4  Tage  der  Woche 

vangere  aufgenommen  werden,  daher  die  Lüftung  der  Zimmer  nie 
eine  so  vollkommene  sein  konnte,  als  auf  der  /.weiten  Klinik,  an 
welcher   die  Aufnahme   nur  auf  3  Tage   der  Woche   beschränkt  ist; 


tu  der  Thai,  äussert  sich  Prof.  Hayne  bei  Gelegenheit  des  Fallenfiebera 
!  hiere.  dass  dasselbe  nicht  so  hantig  epidemisch  s»  i  als  beim  Menscher 
in  dun  h  die  Untersuchung  das  i'ontagiuni  von  einer  kranken  Mtf  eine  ge- 
sunde Wöchnerin  laicht  Überträgen  werde-  er  hält  somit  das  Kindbettfieber  selber, 
für  com  Lii"'-  im  Gegensätze  zu  Dr.  Seunn  el  weis,  der  dasselbe  für  einen  Dyftmiseheo 
Process  erklärt,  erzeoal  durch  die  Einbringung  fanler  Stoffe,  von  welch  immer 
für  einer  Krankheit  oder  Leiche  her. 


Sfiuni'hveis"  Vortrag  über  die  Geneais  des  Puerperalfiebers. 


eben  so  glaubt  Dr.  Lumpe,  dass  bei  genauerer  Beobachtung  auch 
in  der  Privatpraxis  sich  bei  der  Frequenz  der  Wochentieber  ein 
epidemischer  EinHnss  bei  ausstellen  dürfte,  und  hier  überall  nur  die 
Resorption  als  Ursache  an  nehmen  zu  wollen,  sei  viel  zu  gezwungen ; 
jedenfalls  sei  somit  in  dieser  .Sache  das  Endurtheil  nur  von  der  Zeit 
abzuwarten,  in  der  man  aber  fortfahren  solle,  zu  waschen. 

Dagegen  erwiedert  Dr.  Semmel  weis,  dass  die  Zahl  der 
Sektionen,  die  vorgenommen  werden,  und  der  Besuch  der  Leichen- 
kammer so  sehr  wechseln,  dass  bei  einer  auch  das  ganze  Jahr  hin- 
durch gleich  bleibenden  Anzahl  von  Kandidaten  doch  die  Eiuschleppung 
fauler  organischer  Stoffs  vom  Sektionstische  her,  so  sie  überhi 
zugegeben  wird,  —  bald  als  eine  stärkere,  bald  ah-  eine  mindere  au- 
genommen  werden  muss,  und  wirklich  hat  sich  auch  in  den  Winter« 
monaten,  in  welchen  bekannter  Massen  die  Hänfigkeit  der  Leichen- 
öffnungen und  des  Besuches  derselben  von  Seiten  der  Schüler  immer 
der  grösste  ist,  das  Wochenbetttieber  viele  Jahre  hindurch  am  ver- 
heerendsten behauptet;  eben  so  fallen  jene  von  Dr.  Lumpe  angeführten 
s  Bfouate  mit  geringerer  Mortalität  in  das  wärmere  Zweidrittheil  des 
Jahres.  Wenn  aber  Dr.  Lumpe  den  von  ihm  gegebenen  gebttrte- 
iiilt liehen  Cursen  eine  so  grosse  Wichtigkeit  beilegt,  so  könne  Dr. 
S e nun el weis  dieser  nicht  beipflichten,  indem  derlei  Curse  meist 
aus  blos  mündlichen  Vorträgen  sonst  bestanden  haben,  bei  deren  Be- 
endigung eini^-  gt 'liurlshilfliche  Uebnngen  vorgenommen  wurden,  eben 
BO  wie  seine  Erfahrungen  und  die  anderer  Geburtshelfer  rücksichtlich 
der  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  nach  künstlichen  Entbindungen 
besonderen  Kindeslagen  geradezu  im  Widerspruche  stehen  mit 
dem,  was  Dr.  Lumpe  bei  denselben  beobachtet  haben  will.  Bezüglich 
nun  der  Aufnahme  von  Schwangeren  auf  der  ersten  Gebärklinik  durch 
4  Tage  der  Woche,  und  der  dadurch  mehr  gehinderten  Lüftung  der 
Zimmer  als  sein  sollende  Ursache  der  immer  grosseren  Anzahl  von 
Puerpi -ral-Erkranknngen  auf  derselben  im  Vergleich  mit  der  zweiten 
Klinik,  so  hat  offenbar  Dr.  Lumpe  ganz  übersehen,  dass  die  Lokali t 
der  ersten  Klinik  weit  geräumiger  sind,  somit  niemals  so  überfüllt 
waren,  als  die  der  zweiten  Klinik,  trotz  der  nur  auf  3  Tage  der 
Woche  beschränkten  Aut'iuilime.  Betreff  des  epidemischen  Einflusses 
Aber,  den  Dr.  Lumpe  selbst,  in  der  Privatpraxis  in  Erzeugung  von 
Wochenbettfieber  beobachtet  haben  will,  so  spricht  bisher  wenigstens 
die  allgemeine  Erfahrung  der  Aerzte  dagegen.  — 

Der  erste  Sekretär  liest  nun  Namens  des  abwesenden  Herrn 
Primar-Geburtsarztes  Dr.  Chiari  einen  Beitrag  vor,  den  dieser  zur 
LStnng  derselben  Frage  liefern  zu  können  glaubt. 

Dr.  <  hiari  hat  nämlich  aus  den  Protokollen  beider  Geburts- 
kliniken von  12  Jahren  her  die  Anzahl  der  Entbindungen  und  die 
der  Todesfälle  in  jedem  einzelnen  Monate  zusammengestellt  und  daraus 
ersichtlich  gemacht,  dass  in  den  Sterblichkeits-Proeenten  nach  den 
verschiedenen  Jahreszeiten  kein  auffallender  Unterschied  ist,  und 
dass  die  größte  Mortalität  an  der  eisten  Klinik  auf  die  Monate 
Jänner,  Oktober,  November  und  December  entfallt,  indess  an  der 
zweiten  Klinik  gerade  im  Jänner  die  geringste,  im  März.  Juni  und 
Juli  aber  die  größte  Sterblichkeit  sich  zeigte;  woraus  hervorgeht, 
dass  das  Puerperalfieber  aHhier  in  seiner  Häufigkeit  weder  von  einer 
durch  die  Jahreszeiten  bedingten  epidemischen  Constitution,  noch  von 
einer  anf  das  ganze  Krankenhaus  sich  erstreckenden  endemischen 


n.-lweis'  Vortrag  üb<?r  « ) i -  ta  Paerperalflelier». 


57 


Beschaffenbeil  desselben  sbh&ngig*  sondern  von  lokalen  anderen  Ver- 
hältnissen liedingt  gewesen  sei.  wir  Belebe  von  Dr.  Semmelweis 
n&her  bezeichnet  worden  sind. 

Einen  Vortrag  in  gleichem  sinne  hält  der  prov.  Direktor  des 
allgemeinen  Krankenhauses.  Herr  Dr.  Helm,  der  frühere  Jahre 
Assistent  an  der  ersten  gehurt shilf liehen  Klinik  gewesen  ist 

Er  tritt  vorerst  gegen  jene  auf,  welche  Herrn  Dr.  Semmel  weis 
die  Priorität  der  Entdeckung  streitig  machen  wollen  und  weist  nach, 
wenn  üii'-h  früher  andere  Beobachter,  insbesondere  englische  Geburts- 
helfer darauf  hingewiesen  haben,  dass  Puerperaltieber-Erkrankungen 
dadurch  herbeigeführt,  werden  können,  dass  der  Geburtshelfer  kurz  vor 
seiner  Hilfeleistung  bei  <ler  Entbindung  mit  gangränösen  Kranken  oder 
solchen  mit  Erysipel  oder  mit  einer  Sektion  sich  tiefaast  hat.  BO  hat 
doch  keiner  bis  auf  Dr.  Semmel  weis  die  Sache  so  bestimmt  hin- 
gestellt und.  was  die  Hauptsache  ist,  die  nöthigen  Vorsichtsmassregeln 
an  die  Hand  gegeben.  Andere  Gegner  -  i  n « I  es  aber,  denen  der  Ans* 
spindi  des  hl,  Semmel  weis  zn  allgemein  erscheint,  allein  weder 
Dr.  Semmelweis  selbst  noch  Professor  Skoda  in  seinem  Vortrag« 
bei  der  Akademie  der  Wissenschaften  haben  andere  Ursachen  der 
Wöchenbettfieber,  Wie  schwere  Entbindungen.«  ieinüths-Erschiitterungen, 
Blutfltteee  He.  etc.  aoageschloBsen,  vielmehr  letztere  als  diejenigen  be- 
lltet, welche  die  gewöhnliche  Zahl  von  Erkrankungen  aller  Orten 
hervorzubringen  vermögen,  indess  Imprägnirung  mit  faulen  organischen 
Stoffen  von  der  Leiche  her  zn  den  atisserirewnlmlichen  Ursachen  zn 
wühlen  sei.  Einer  dritten  f-Jruppe  von  Gegnern  aber,  welcher  die 
anstellten  des  Dr.  Semmelweis  als  ganz  und  gar  unbegründet  er- 
scheinen, stellt  Dr.  Helm  blos  die  Frage:  woher  wohl  seit  3  Jahren, 
seit  der  Einführung  der  < 'hlorwaschungen  nämlich,  die  sonst  unge« 
wohnliche  Häufigkeit  der  Puerperalfieber  —  die  sogenannten  Epi- 
demien derselben  —  aufgebort  haben  mögen  nnd  erklärt  in  so  lange, 
ihre  Zweifel  für  unwichtig,  in  so  lange  sie  auf  diese  Frage  die  Ant- 
wort schuldig  bleiben. 

Zn  Ende  stellt  Dr.  Helm  alle  Folgerungen  in  wenig  .Sätzen  zu- 
sammen und  erklärt  jeden  einzelnen  Arzt,  sei  wie  jede  ärztliche  Oor- 
poration  Herrn  Dr.  Semmelweis  für  seine  Entdeckung  zu  grossem 
Danke  verpflichtet 

I  »er  dermalige  Assistent  an  der  /.weiten  geburtshilflichen  Klinik, 
Herr  l'i.  Arn  etil,  endlich  spricht  sich  in  einem  Aufsatze  mit  Be- 
stimmtheit dahin  aus,  dass  der  Contakt  mit  Leichenteilen  das  ein- 

Mimient  sei,  welches  eine  grössere  Gefährlichkeit  der  Schüler 
der  ersten  Klinik  vor  den  Schülerinnen  der  zweiten  Klinik  begründen 
kann,  indem  die  meisten  übrigen  Bediugnisse,  besonders  die  der 
Räumlichkeiten,  bei  einem  Vergleiche  zum  V  ortheile  der  ersten  Ab- 
theilung  ausschlagen.  Rücksichtlich  des  Beweises  einer  direkten 
Uebertragung  des  Leichengiftes  auf  eine  Kreissende,  durch  die  Unter- 
suchung in  einem  speziellem  Falle,  den  nach  Einigen  Dr.  Semmel- 
weis bisher  noch  nicht  gegeben  hat.  ngl  Dr.  Arneth,  dass  dieser 
nicht  zu  geben  ist,  indem  vor  der  Einführung  der  fhlorkalkwasckungeu 
Niemand    darauf   seine   Aufmerksamkeit    richtete    und   nun    eben  so 

_r  .Jemand  die  Verantwortung  einer  Unterlassung  der  Waschungen 
über  sich  nehmen  werde,  doch  könne  nachfolgendes  Faktum  gewiss 
als  entscheidend  gelten:  gleich  zu  Anfang  nämlich,  als  Dr.  Semmel- 
weis  ,-uii  die  mögliche  Uebertragung  von  Leichentheileu   seine  Am- 


58 


Mimülweia'  Vortrag  über  die  Genesis  dea  Puerperalfiebers, 


merksamkiii  richtete,  lag  eine  Mutier  mit  verfluchendem  Krebse  auf 
der  Klinik  und  wurde  von  vielen  Candidaten  untersucht,  ohne  dass 
■ ' « iiiüTitl  daran  gedacht  hätte,  auch  hier  Waschungen  mit  Chlorkalk 
vorzunehmen  und  siehe  d.i.  es  erkrankten  sechzehn  von  den  Schwan- 
geren, die  sich  ZU  derselben  Zeit  auf  dem  Kreissziminer  befunden 
hatten,  l'ebrigeus  aber  will  Dr.  Arneth  bei  den  noch  bedeutenden 
Schwankungen  der  Sterblichkeits- Verhältnisse  auch  unter  dem  Ge- 
brauche der  Chlorkalkwaschungen  den  epidemischen  Einflüssen  doch 
einige  Geltung  einräumen,  keineswegs  aber  will  er  zugeben,  dass 
wich  in  der  Privatpraxis  Puerperalfieber-Kpidemien  auftreten,  und 
fuhrt  dafür  Dr.  Clark e  als  eine  englische  Autorität  in  diesem  Fache 
au.  indem  letzterer  angibt,  in  der  Privatpraxis  von  3878  Müttern 
nur  3  verloren  zu  haben 

Als  Beleg,  dass  selbst  in  der  neuesten  Zeit  von  den  Engländern 
wohl  an  ein  t  «»ntaginin  bei  der  oft  geuannteu  Krankheit  und  au  die 
Möglichkeit  ihrer  Krzeugung  durch  andere  Krankheitsstoife,  wie  z.  B. 
dem  des  Erysipel«  geglaubt  wird,  liest  Dr.  Arneth  einen  Brief  von 
Dr.  Simpson  vor,  in  welchem  darauf  hingewiesen  wird,  dass  die 
engtischen  Aerzte  seit  lange  schon  in  diesen  Ideen  von  einem  fli'n-li- 
\ listet 'kungsstotfe  nach  Besuchen  bei  Puerperalfiebern  oder 
Erysipel  etc.  Btc  sich  nicht  allein  die  Hände  mit  Chlor  waschen, 
sondern  anno  sieh  nun  und  gar  umkleiden,  wobei  aber  Dr.  Simpi 
der  ihm  niitgetheihen  Ansicht  des  Dr.  Semmel  weis  von  einer 
durchwegs  materiellen  Uebertragung  vom  Cadaver  her  keine  Auf- 
merksamkeit zuwendet. 

Zum  Schlosse  erklärt  sieh  Dr.  Arneth  gleichfalls  dahin,  dass 
man  wir  bei  anderen  Entdeckungen,  so  auch  hier  dem  Dr.  Semmel- 
iveis  allein  Dank  schulden  könne,  da  er  nicht  nur  eine  neue  Idee 
zu  Tage,  sondern  eben  so  dieselbe,  was  die  Hauptsache  ist.  zur 
folgenreichen  Anwendung  und  Geltung  gebracht  hat. 

Präses  Professor  Rokitansky  fasst  nnn  die  Hauptmomente  der 
Diskussion  zusammen,  weist  auf  den  unbestreitbaren  Nutzen  der  Chlor- 
kalk  Waschungen  hin.  der  selbst  von  den  Gegnern  der  Semmel  wa- 
schen Ansichten  zugegeben  wird 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk 
über  das  Kindbettfieber. 


Die  Actiolotrie  (lew  Kindbettfiebers. 

(1858.) 


I  »ie  Geburtshilfe  ist  jener  Zweig  der  Median,  der  die  höchste 

Aufgrabe  derselben,  nämlich  Rettung  des  bedrohten  menschlichen 
Lebens  in  zahlreichen  Fällen  am  im  n  heinliensten  inst.  Unter 
(Ursen  will  ich  nur  die  Querlage  anführen.  Mutter  und  Kind  sind 
dem  sicheren  Tode  verfallen,  wenn  die  Geburt  der  Natur  überlassen 
bleibt,  während  die  geübte  Hand  des  GeburtflhelferB  durch  fast 
schmerzlose,  kaum  einige  Minuten  in  Anspruch  nehmende  Handgriffe 
beide  rettet. 

Diesen  Vorzug  der  Geburtshilfe,  womit  ich  schon  in  den  theo- 
retigchen  Vorlesungen  bekannt  gemacht  wurde,  fand  ich  zwar  aller- 
dings vollkommen  bestätigt,  als  lel  Gelegenheit  hatte  im  grossen 
Wiener  Gebärhause  sie  von  ihrer  praktischen  Seite  kennen  zu  lernen; 
aber  leider  sah  ich,  dass  der  Fälle,  iu  denen  der  Geburtshelfer      ■ 

asreich  wirken  kann,  relativ  verschwindend  wenig  sind  im  Ver- 
gleiche mit  der  grossen  Anzahl  von  Opfern,  denen  er  nur  eine  er- 
folglose Hilfe  zu  bringen  vermag:  den  Opfern  des  Puerperalfiebers 
Schattenseite  der  Geburtshilfe. 

Dreierlei  Ursachen  gibt  es,  Jenen  die  Entstehung  des  Puerperal- 
fiebers zugeschrieben  werden  kann:  die  sporadische,  die  endemische 
und  die  epidemische.  Pureh  meine  Erfahrungen,  welche  ich  im 
Wiener  Gebärhanse  machte,  kam  ich  zur  Ueberzeugung,  dass  das 
Puerperalfieber  durch  keinerlei  epidemische  Ursachen  erzeugt  wird, 
sondern  dass  es  eine  bisher  unbekannte  endemische  Ursache  war,  der 
dir  sahllosen  Wöchnerinnen  zum  Opfer  fielen. 

leli  will  es  geschichtlich  darlegen,  wie  ich  in  der  Lehre  von 
epidemischen  Kindbettfieber  zum  Skeptiker  ward,  auf  welche  Weise 
ich  den  wahren  Grund  der  entsetzlichen  Sterblichkeit  entdeckte,  mit 
dessen  Beseitigung  dann  auch  glücklich  gelang,  der  letzteren  wirksam 
entgegenzutreten. 

In  Wien  gibt  es  zwei  geburtshilfliche  Abtheilungen,  die  beide 
durch  ein  gemeinschaftliches  Vorzimmer  mit  einander  in  ortlichem 
Zusammenhang  stehen.  Die  Aufnahme  der  Wöchnerinnen  geschieht, 
von  24  zu  24  Stunden  abwechselnd,  einmal  an  der  I..  das  andere  Mal 
an  der  II.  Abtheilung.  —  Der  Unterschied  in  der  Aufnahme  zwischen 
den  beiden  besteht  darin,  dass  dieselbe   an  jener,  die   zugleich  dem 


62  Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  da*  Kindbettfieber. 

Unterricht«  der  Geburtshelfer  dient,  an  vier  Tagren  der  Woche,  an 
dieser  hingegen,  wo  die  Hebammen  ausgebildet  werden,  nur  an 
wöchentlich  drei  Tagen  stattfindet.  Es  kumtnen  somit  auf  die  Ab- 
theiluug  der  Geburtshelfer  jährlich  52  Anfnahmetage  mehr,  als  auf 
die  der  Hebammen. 

Beide  Abtheilungen  hatten  ungefähr  die  gleiche  jährliche  Anzahl 
von  Geburten  aufzuweisen,  nämlich  je  dreitausend  und  einige  hundert. 
Dennoch  war  das  Sterblichkeitsverhältniss  während  einer  langen 
Keine  von  Jahren  an  den  beiden  Abtheilungen  ein  so  verschiedenes, 
daaa  während  auf  derjenigen,  wo  die  Hebammen  herangebildet  wurden, 

Sterblichkeit  nach  der  oben  angegebenen  Zahl  von  dreitausend 
und  einigen  hundert  Geburten  durchschnittlich  die  Zahl  60  nicht 
überschritt,  an  der  Abtheilung  für  Geburtshelfer  bei  der  gleichen 
Geburtszahl  zwischen  600—800  schwankte. 

Ware  die  Dnaehe  des  Puerperalfiebers  in  epidemischen  Einflüssen 
zu  suchen,  dann  hätte  die  Morbiditäts-  und  Mortalitätszahl  not- 
wendiger Weise  an  beiden  Abtheilungen  ein  und  dieselbe  sein  müssen, 
oder  min  wäre  genöthigt  zur  Erklärung  der  obigen  Thatsache  und 
zur  Enträthsluug  des  Unterschiedes,  anzunehmen.  dass  der  epidemische 
EinflUiS  bloss  SM  Stunden  währte  und  zwar  immer  nur  während  jenen 
"24  Stundin.  in  welchen  die  Aufnahme  auf  die  ärztliche  Abtheilung 
erfolgte.  Dann  aber  wäre  ja  doch  auch  das  ganze  Gebärhaus,  ohne 
1'nterschied  der  Abtheilungen,  diesem  Einflüsse  unterworfen  gewesen, 
da  sich  eine  Epidemie  nicht  nur  auf  einen  so  beschränkten  Ort, 
sondern  erfanrnngsgemäss  auf  einen  viel  grosseren  Raum  erstreckt, 
falls  sie  auch  wirklich  da  ist. 

Der  zweite  Grund  meines  Zweifels  war  der,  dass  zur  selben  Zeit, 
wo  das  Kindbettfieber  in  der  Klinik  am  stärksten  wiithete,  in  der 
Stadt  sieh  gar  keine  derartige  Epidemie  zeigte. 

Ein  dritter  Grund  war:  dass  die  Jahreszeiten  absolut  keinen 
Eiiifluss  weder  auf  die  Entstehung,  noch  auf  das  Aufhören  der  Epi- 
demie übten,  da  diese  durch  das  ganze  Jahr  gleich  stark  wiithete 
und  zwar  schon  seit  einer  langen  Reihe  von  Jahren.  Andere  Epidemien 
werden,  wenn  sie  die  Hitze  begünstigt,  doch  sicher  durch  die  Kälte 
gemässigt  u.  s.  w.  Hier  aber  zeigte  die  Sterblichkeit  ganz  unverändert 
immer  das  gleiche  Mass. 

Nicht  minder  wichtig  ist  ein  vierter  Grnnd:  dass  nämlich  das 
Puerperalfieber  in  Folge  einer  faranmataschen  Einwirkung  entstehen 
kann,  was  bei  keiner  andern  epidemischen  Krankheit  beobachtet  wird. 

Das  Ausschlaggebendste  endlich  ist,  dass  die  beliebteste  und  mit 
bestem  Erfolg  geübte  Massregel,  an  einer  IbennfisBigen  Sterblichkeit 
Einhalt  zu  thun,  das  Schliessen  der  Gebärabtheilungen  war;  denn  die 
Erfahrung  hatte  ra  der  Ueberzeugung  geführt,  die  Wöchnerinnen 
winden  von  der  Krankheit  verschont  bleiben,  wenn  sie  ausserhalb 
der  geburtshilflichen  Klinik  entbänden.  Das  Schliessen  des  Gebär- 
hiius.  s  machte  in  jedem  Falle  und  sofort  der  Epidemie  ein  Ende, 
während  diese  Massregel  bei  anderen  Epidemien  im  Gegentheil  ihrer 
Weitervebreitung  und  der  Mortalität  noch  Vorschub  leistet,  sicherlich 
aber  der  Epidemie  kein  Ende  m;i 

So  hat  z.  B.  das  Einstellen  der  Aufnahme  in  die  Spitäler  bei 
der  Cholera  noch  nie  dem  Wiithen   dieser  Epidemie  Einhalt  gethan. 

1  huch  die  angeführten  wesentlichen  Grunde  wurde  ich  zur  Ueber- 
zeugung gebi  i    häufigen  Auftreten  des  Kindbettfiebers 


D  rhv.'is'   Atihainllnji^pn  nml   WVik   Star  du   Knirlticttfietier. 


63 


keine  Epidemie  zum  Grunde  liegen  kann,  dass  es  vielmehr  eine 
endemische  Krankheit  ist.  d.  h.  dass  sie  lediglich  eine  solche  Ur- 
sache hat.  die  sich  auf  die  Localitäten  der  I.  Abtheilnng  der  Gebär- 
anstalt bescbi  änkt. 

Wenn  ich  weiteis  die  angenommene  endemische  Ursache  in  ihrem 
Verhältnis*  zu  den  beiden  Abtheilungen  prüfe,  so  zeig!  sich,  dass  die 
Krankheit  gerade  auf  der  II.  Abteilung  starker  hätte  wüthen,  und 
die  Sterblichkeit  an  der  J.  Al.theilung  eine  geringere  hätte  sein 
müssen.    Thatsächlich  war  aber  gerade  das  Gegentheil  der  Füll. 

erste  endemische  Ursache  galt  die  Ueberfüllung.  Wenn 
diese  die  Ursache  der  Endemie  gewesen  wäre,  so  hätte  die  Sterblich- 
keit an  der  IL  Abtheilung  noch  grösser  sein  mitssen,  da  sich  der 
grössere  Theil  der  Wöchnerinnen  aus  Angst  W»r  der  I.  Abtheilung 
zur  Aufnahme  in  die  IL  Abtheilung  meldete,  wodurch  diese  so  über- 
fällt wurde,  dass  man  die  sich  zur  Aufnahme  Mehlenden  sehr  oft 
nicht   übernehmen   konnte,  oder  wenn  man  sie  auch  übernahm,   nach 

nit  von  wenigen  Stunden  wieder  an  die  erste  zurückgeben  musste. 
Hieraus  ist  es  erklärlich,  warum  auf  der  ärztlichen  (Li  Ahtheilung 
die  regleinentTiiässiL'' jährlich  um  52.  doch  in  Folge  des  Gesagten  liiat- 
Säehlich  Doch  erheblich  mehr  Anfnahmstage  hatte,  die  Zahl  der  Ge- 
i'Uifen  um  unverhältnissmässig  wenig  die  der  in  ihren  Localitäten 
beschränkteren  11.  Abtheilung  überstieg. 

\ls  zweite  Ursache  wurde  dahingestellt,  dass  die  Wände  und 
Möbel  dieser  Klinik,  so  wie  such  di«-  Betten,  Stahle,  Wäsche,  mit 
einem  Worte  das  ganze  Loeaä  im  Verlaufe  der  Zeiten  durch  die  Aus- 
dünstungen gesunder  und  kranker  Kreissenden  angeblich  inficirt 
worden  waren,  in  Folge  dessen  auch  die  gesund  ankommenden 
bärenden  dort  erkranken  mussten. 

Wäre  das  die  Ursache  des  Puerperalfiebers  gewesen,  so  hätte  die 
Sterblichkeit  gerade  unter  diesen  Umständen  an  der  Hebammen- 
Abtheilung  (IL)  eine  grössere  sein  müssen,  weil  deren  Localitäten 
schon    zu   Prof.   Boers  Zeiten   als    geburtshilfliche   Klinik  gebraucht 

Leu  und  dort  dazumal  eine  so  grosse  Sterblich keit  herrschte,  dass 
der  genannte  vorzügliche  Lehrer  deshalb  in  Pension  gesetzt  warte; 
während,  im  Gegentheil,  die  Abtheilung  der  Geburtshelfer  damals 
neu  erbaut  war. 

Auch  die  öftere  und,  wie  man  behauptete,  rotiere  Untersuehungs- 
WfBSfi  ist  in  der  Keine  der  in  Verdacht  genommenen  Krankheitsursachen 
nicht  vergessen  worden,  da  sie  auf  der  Abtheilung  der  Hebammen 
ii  der  geringeren  Zahl  der  Elevinen  und  ihres  geringeren 
ner  ausgeübt  werden  kennte  Wenn  nun  aber  die  selbst 
mehrmalige  Einführung  eines  Fingers  in  die  bis  zum  Muttermund 
erweitert  de  das  Puerperalfieber  und   zwar  so  häufig  hervor- 

zurufen im  Stande  wäre,  da  müsste  ja  das  übermässige  Dehnen  und 
Verletzen  dieser  Theile  durch  den  Kindeskopf  eine  derartige  patho- 
gne Wirkung  haben,  dass  keine  Gebärende  frei  von  dieser 
Erkrankung  bliebe.  Hietnr  sorgte  aber  die  Natur,  Die  Erfahrung 
lehrt  ganz  im  Gegentheil,  dass  sich  die  Wöchnerinnen  oft  nach  den 
schwersten    Geburten  und   nach   Anlegung   der   Zange  —  falls   die 

tauen  keine  Quetschung  erleiden  —  der  besten"  Gesundheit  er- 
freuen; hinwieder  sind  es  die  leichtesten  I "leburten,  nach  denen  nicht, 
selten   ein  tiWltlh  lies  Puerperalfieber  auftritt. 

Auch    behauptete  man:  die  Sterblichkeit   wäre   deshalb   grösser, 


64 


Si'miiH'luri-'  AbLandlnngen  und  Werk  über  das  KiivUierttieber. 


weil  nur  unverheirathete  Mädchen  aufgenommen  werden,  bei  denen 
wohl  die  Sorge  um  ihre  verlorne  Unschuld,  um  ihre  Sobsistenz,  oder 
der  Gebrauch  von  Abortivmittel,  betrogene  Liebe,  oder  Eifersacht, 
Kummer  über  die  Untreue  ihrer  Geliebten.  Schuld  an  ihrem  Krank- 
werden trügen.  Allein  dies  konnte  keinen  Unterschied  zu  Gunsten 
der  einen  Abtheilung  statuiren.  da  ja  auf  beide  gleichartige  Individuen 
aufgenommen  wurden. 

18  die  niedicinische  und  geburtshilfliche  Behandlung  nicht  die 
Schuld  an  dem  Uebel  trug,  ist  für  jeden  Sachverständigen  leicht 
einzusehen,  da  sie  ja  an  beiden  Abtbeilungen  gleich  war  und  nur  erst 
bei  Beginn  des  Fiebers  applicirt  wurde. 

Der  Sterblichkeitsuntei-schied  zwischen  der  1.  und  II.  Abtheilung 
wurzelte  in  der  häufigeren  Erkrankung  an  der  erste reu.  Die  Puer- 
perallieberkranken  genasen  oder  starben  an  beiden  Abtheilungen  in 
gleichem  Masse. 

Endlich  behaupteten  Viele,  dass  die  Furcht  und  der  .Sehmken. 
welchen  die  massenhaften  Todesfälle  erzeugten,  ebenfalls  eine  Quelle 
der  häufigen  Erkrankung  der  Gebärenden  sein  kennen.  Wäre  dies 
auch  wirklich  der  Fall,  dann  bliebe  dach  immer  der  Beginn  der 
grossen  Sterblichkeit  unerklärt;  denn  notwendiger  "Weise  musste  ja 
eine  grössere  .Sterblichkeit  vorausgegangen  sein,  ehe  sich  die  Furcht 
davor  entwickelte.  Noch  weniger  lässt  sich  aus  dieser  Ursache,  das 
Aufhören  der  Sterblichkeit  erklären,  welche  trotz  vieljähriger  Furcht 
plötzlich  aufhörte. 

Die  ungeheure  Zahl  der  Opfer  des  Puerperalfiebers  musste  dem 
Forschnngsdrange  wissenschaftlicher  und  humaner  Bestrebungen  als 
ernste  Aufforderung  dazu  vorschweben,  dessen  verderbenbringende 
unbekannte  Ursache  zu  enthüllen  und  damit  Tausende  von  Menschen- 
leben vor  dem  Untergange  zu  bewahren,  der  sie  gerade  im  Momente 
der  Erfüllung  ihrer  Bestimmung  bedrohte.  Da  geschah  es,  dass  der 
von  mir  hochi  erehrte  Professor  der  gerichtlichen  Medicin  Dr.  Kolletschka 
bei  einer  geric h t sä rzt liehen  Section  von  einem  unvorsichtigen  Schüler 
durch  ein  mit  Cadavertheilen  iirftcirtes  Messer  verletzt  wurde,  und 
in  Folge  dieser  Verletzung  an  Pyaeniie.  die  in  Gestalt  von  Lymph- 
angioms. Phlebitis,  Pleuritis  uud  einer  Metastase  im  linken  Au_e 
auftrat,  starb. 

In  meinen  ganzen  Wesen  erschüttert,  sann  ich  mit  ungewohnter 
Intensität  meines  aufgeregten  Gemiitlies  über  den  Fall  nach,  als 
plötzlich  vor  meinem  Geiste  der  Gedanke  auftauchte,  und  es  mir  auf 
einmal  klar  ward,  dass  das  Puerperalfieber  uud  die  Krankheit  Professors 
Kolletschka's  identisch  seien,  da  das  Puerperalfieber  anatomisch  aus 
denselben  Prodacten  wie  - i  >  ■  bestelle)  nämlich  Lymphangioms,  Phlebitis, 
Pyaenrie,  Metastasen  u.  s.  w.  Wenn  nun  —  so  schloss  ich  weiter  — 
die  Pyaeniie  bei  Professor  Kolletschka  in  Folge  der  Einimpfung  von 
< .'adavertheilen  entstanden  ist,  so  muss  auch  »las  Puerperalfieber  aus 
der  nämlichen  Quelle  herrühren.  Es  war  nur  noch  zu  entscheiden: 
woher?  und  wie?  die  zersetzten  Cadavertheile  deu  Wöchnerinnen 
eingeimpft  werden.  Die  Uebertragungsquello  dieser  i'adavertlieile 
nun  war  in  den  Händen  der  behandelnden  Aerzte  und  ihrer  Schüler 
zu  suchen  und  aufzufinden. 

Die  hauptsächlich  anatomische  Richtung  der  Wiener  Schule  ver- 
anlaßt die  Lehrer  sowohl  wie  die  Schüler  sich  täglich  mit  vielen 
Leichen  zu  beschäftigen.    Hierbei  inflciren  sie  ihre  Hände,  die  dann 


Semm  erweis'  Abhandlungen  und  Werk  aber  ihn  KiinllietH" 


05 


tr<<tz  allen  \\  aschens  mit  Seife  das  Ungenügende  ihrer  Reinigung 
durch  einen  üblen  Geruch  verrathen.  Der  durch  unsichtbare,  nur 
durch  den  Geruch  wahrnehmbarer  Cadavertheile  verunreinigte  Finger 
wird  zu  geburtshilflichen  Untersuchungen  benützt  und  bis  zum  Mut 
mund  hinaufgeführt,  also  bis  zu  jenem  Theile  der  Gebärmutter,  der 
Monate  hindurch  mit  der  Eierhaut  bedeckt  war,   in  Folge  dessen  Me 

Schleimhaut  entblösst,  eine  grosse  resorptiousfuhige  Fläche  bietet. 

Wenn  dieses  Raisonnement  richtig  war,  so  musste  durch  die  Be- 
seitigung der  Ursache  nothweudigerweise  auch  die  Folge,  d.  h.  die 
Sterblichkeit  beseitigt  werden.  Aus  diesem  Grund,  um  die  an  der 
Hand  klebenden  Cadavertheile  zu  zerstören,  wurde  das  Waschen  der 
Hände  mit  Chlor  verordnet. 

Am  20.  März  1847  wurde  ich  Assistenzarzt  an  der  I.  Geburts- 
hilflichen Klinik.  Im  Monate  April  starben  57  Wöchnerinnen.  Mitte 
Mjü  (ich  erinnere  mich  nicht  mehr  genau  des  Tages)  wurden  die 
Cblorwaschungen  vorgeschrieben.  In  diesem  Monat  kamen  36  Todes- 
fälle vor.  —  Von  da  angefangen  im  Juni  0.  Juli  3,  August  5.  September  2, 
•her  IL  Xovnnber  11,  December  3. 

Das  Jahr  1848  gab  noch  günstigere  Resultate,  Von  37so  Ent- 
bundenen starben  nur  45,  auf  der  Hebammen- Abtheil  iing  von  3291 
nur  43. 

Im  September  1849  starben  an  der  Abtheilung  der  Höret  60.  an 
der  Hebammen-Abtheilung  7fi.  Während  zwei  Jahren  zeigte  s n •  1 1 
also  absolut  kein  Unterschied  zwischen  den  beiden  Abteilungen,  wo 
doch  zuvor  die  Sterblichkeit  an  der  Abtheilung  der  Hörer  ungeheuer 
gross  im  Vergleich  zu  der  Sterblichkeit  der  Hebammen-Abtheilung 
gewesen  war. 

Dieser  glänzende  Erfolg  beweist,  dass  die  Vorausgesetze  Ursache 
des  Sterblichkeits-.mterschiedes  zwischen  den  beiden  Abtheilungen, 
nämlich  die  durch  die  verunreinigten  Finger  stattgehabte  Resorption 
wirklich  die  wahre  Ursache  war,  da  mit  ihrer  Beseitigung  auch  die 
Folgen    abgewendet    wurden,    wählend    vorher   die    Eliminiruug   aller 

nirbaren  und  verdachterregenden  Ursachen  dieses  Resultat  nicht 
ergeben  hatte. 

Wenn   wir   die  seit   dem  Jahre  1792   existirendeu  Au*- weise  des 

i .-hauses  durchblättern,  so  stellt  sich  heraus,  dass  in  dem  Masse 

die  anatomische  Richtung  der  Wiener  Schule  von  Jahr  zu  Jahr 
immer  stärkere  Geltung  erlangte,  auch  die  Sterblichkeit  mit  ihr 
Schritt  haltend  von  Jahr  zu  Jahr  grösser  wurde;  ja  es  ist  sogar 
der  geringere  oder  (stärkere  Hang  der  in  dem  Gebärhause  ange- 
stellten Aerzte  zur  anatomischen  Schule  in  der  :  i^m  j en  oder  kleinereu 
rblichkeit  erkennbar. 

Gleich  zu  Beginn  der  Trennung  des  grossen  Gebärhauses  in  zwei 
Abtheilungen  wurde  die  Veranstaltung  getroffen,  dass  die  eine  Haltte 
der  Schüler  und  der  Hebammen  an  der  I.  Abtheilung,  die  andere 
Hälfte  ihren  Unterricht  au  der  II.  Abtheilung  erhalte.  Solange  die 
Schüler  an  beiden  Abtheilungen  im  gleichen  Masse  vertheilt  waren, 
war  die  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen  eine  gl  «'ich  förmig  grosse; 
nur  vom  19.  April  1839  angefangen,  als  sämmtliche  Schüler  auf  die 
I.  Gebärklinik  und  sämmtliche  Hebammen  auf  die  IL  gewiesen  wurden, 
entstand    der  erschreckende    Unterschied    /wischen    der   Sterblichkeit 

r  Abtheilungen. 

Nur  in  den  Jahren  1842  und  1843,  als  ein  Assistenzarzt  auf  der 

SemcueLwei»'  gesammelte  Werke.  ö 


Semrndweis1  AlrUandlnncreii  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


II.  Gebärklinik  wirkte,  der  sich  vielseitig  mit  der  pathol 
Anatomie  beschäftigte,  stieg1  die  an  dieser  Abtheilung  bis  dahin  so 
geringe  sierhlirlikeit  auf  203  beziehungsweise  auf  164.  Nachdem  es 
klargelegt  war,  dass  die  Ursache  des  Puerperale  bi  rs  die  Einführung 
von  faulen  thierisch-organischen  Stoffen  mittelst  der  untersuchenden 
Finger  ist.  fanden  viele  Erscheinungen,  die  täglich  vorkamen  und 
uiclit  /.n  e.ntr»ths»dn  waren,  ihre  Erklärung.  Hieher  gßbört  die  Be- 
obachtung, dass  tad  s:inimtlieheu  Individuen,  bei  denen  die  zweite 
Periode  der  Geburt  zögernd  verlief,  weswegen  sie  auch  einige  Tage 
im  Kreissziinmer  zuh  ringen  mussten,  das  Puerperalfieber  noch  während 
des  Geburtsaktes,  oder  in  den  ersten  24  .Stunden  nachher  auftrat,  in 
Folge  dessen  Kind  und  Mutter  plötzlichen  Todes  endeten-  in  den 
Leichen  beider  zeigte  die  Section  einen  identischen  pathologisch-ana- 
tomischen Befund.  Zögeruugen  der  zweiten ,  d.  h.  der  EroÜhUBgS- 
periode,  kamen  auch  an  der  II.  Gebärklinik  vor,  ohne  dass  jedoch  der. 
Qeburtsakt  einen  tödtlichen  Ausgang  för  Mutter  oder  Kind  genommen 
hätte.  Dies  erklärt  sich  dadurch,  dass,  wenn  die  Wöchnerin  we 
zögernden  Verlaufes  der  Eröffnungsperiode  längere  Zeit  im  Kreiss- 
zimmer  der  I.  Abtheilung  verblieb,  sie  sicher  öftere  Male  mittelst 
verunreinigten  Fingern  untersucht  und  ihr  dabei  um  so  sicherer  der 
faule,  thierisch-organiselie  Stoff  eingeimpft  wurde;  da  aber  das  Kind 
mit  der  Mutter  in  Verbindung  blieb,  wurde  dieser  Stoff  durch  den 
Blutkreislauf  auch  ihm  niitgetheilt,  was  bei  beiden  den  Tod  durch 
Pjaemie  nach  sich  zog.  Nachdem  die  CMorwaschungen  streng  durch* 
geführt  wui  den  und  auf  diese  Weise  die  Untersuchung  mit  gereinigten 
Händen  geschehen  konnte,  fiel  die  Gefahr  eines  tödtlichen  Ausgangs 
in  Folge  Zögerim«:  der  Erötfnungspenude  weg. 

Eine  zweite  Erscheinung  war,  dass  das  Kindbettfieber  an  der 
I.  Abtheilung  nicht  selten  schon  während  der  Schwangerschaft  aus- 
brach. Dies  erklärt  sich  nunmehr  daraus,  dass  die  Schwangeren  in 
das  Wiener  Gebärhaus  in  den  verschiedensten  Monaten  ihrer  Schwanger- 
schaft aufgenommen  werden,  damit  die  Schüler  Gelegenheit  hätten, 
sich  mit  dem  Verlauf  der  Schwange» schall  in  ihren  auf  einander 
folgenden  Monaten  experimentell  bekannt  zu  machen.  Durch  die 
Untersuchungen  der  Schüler  wurde  bei  diesen  Schwangeren  die  Re- 
sorption des  faulen  thierisch-organischen  Körpers  gerade  so  mihi  sacht. 
wie  bei  den  Gebärenden,  demzufolge  das  Kindbettfieber  sich  noch 
während  der  Schwangerschaft  einwickelte.  Dass  es  seltener  bei 
Schwangeren  als  bei  Wöchnerinnen  auftrat,  dies  ist  leicht  darau- 
erklären,  dass  die  Resorptions-Bedingungen  bei  den  Wöchnerinnen 
viel  günstiger  waren,  als  bei  den  Schwangeren.  An  der  Hebammen- 
Abtheilung  kam  das  Kindbettfieber  bei  Schwangeren  überhaupt  nicht 
vor  und  nachdem  die  Chlorwaschungen  eingeführt,  waren,  blieb  es 
auch  an  der  Aer/te-Abtheilung  aus. 

Eine  dritte  Erscheinung  war  das  reihenweise  Erkranken  der 
Wöchnerinnen  (ganze  Reihen  erkrankten).  Dies  erklärt  sich  daraus, 
dass  bei  der  ärztlichen  Visite  sämmtliche  Kreissende  der  Reihe  nach 
ontersncht  wurden,  wie  sie  in  den  nebeneinanderstehenden  Betten 
dalagen;   sie  mussten   dann  auch  in  der  nämlichen  Reihe  erkrauken. 

Eine  vierte  auffallende  Erscheinung  war  die,  dass  bei  den  bo- 
genannten  <  Tassengeburten,  d.  h.  bei  solchen  Individuen,  die  in  das 
Gehürhaus  eilend  unterwegs  von  der  Geburt  überrascht  wurden  und 
auf   diese    Weise    auf   der   Gasse,    den    verschiedenen    Unbillen    der 


njelweia'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kin*lbetttiel>er. 


67 


Witterung  ausgesetzt,  ohne  jeder  Hilfe  entbanden,   und  die,   um  das 
iihans    eu    erreichen,    sofort    nach    der   Geburt    einen    nicht   un- 
beträchtlicheii   Weg  zurücklegen  mussten.  —  dass    bei    diesen   Ge- 
bärenden,  deren  Zahl  alljährlich  auf  lausende  ging]   trotz   der  er* 

verenden  Umstände  dennoch  günstiger  waren,  wie  bei  jenen,  die 
im  Krankenhause  gebaren. 

Die  Erklärung  dafür  ist,  dass  jene,  da  sie  schon  geboren  hatten, 
nicht  mehr  untersucht  wurden  nnd  ihnen  somit  der  gefährliche  faule, 
isi'h-organische  Stoff  nicht  eingeimpft  werden  konnte. 
Ich  habe  Gelegenheit  gehabt  in  der  Gesellschaft  der  Aerzte  in 
w  ien,  die  von  den  Aerzten  der  ganzen  civilis!  rten  Welt  besucht  wird, 
Hinblicke  in  die  Verhältnis»»  fr jr  übrigen  Gebärhäuser  ZU  bekommen, 
wobei  Bfi  sich  herausstellte,  dass  in  all  jenen  Anstalten,  in  denen  das 
Puerperalfieber  epidemisch  auftritt,  die  von  mir  behauptete.  Ursache, 
d.  b.  die  iebertragung  der  faulen  tbierisch-organischen  Stoffe)  nach' 
weisbar  ist.  dass  hingegen  in  all  jenen  Anstalten,  wo  das  epidemische 
Puerperalfieber  nicht  auftritt,  auch  die  obengenannte  Ursache  nicht 
besteht.  Das  Puerperalfieber  kommt  als<»  epidemisch  nicht  vor  in 
jenen  Gebäiliäiisern.  welche  nicht  gleichzeitig  Unterrichtsaustalten 
sind  (mit  Ausnahme  des  Pester  St.  Rochus-Spitals,  in  der  das  Puer- 
peralfieber epidemisch  herrschte,  obwohl  dieses  Spital  keine  Unter- 
richtsanstalt  ist;  doch  war  hier  der  Primararzt  Chef  der  chirurgischen 
Abtheilung  und  gerichtsärztlicher  Anatom  zugleich,  wodurch  Gelegen- 
heit für  die  Uebertragung  der  faulen  thierisch-organischen  Stoffe  ge- 
boten war),  oder  welche  nur  als  Bildungsinstitut  für  Hebammen 
dienen.  Eine  alleinige  Ausnahme  davon  macht  wieder  die  Pariser 
Maternite.  wo  das  Puerperalfieber  epidemisch  auftritt;  doch,  wie  be- 
kannt, erhalten  die  französischen  Hebammen,  die  zumeist  aus  guten 
Häusern  stammende  Jungfrauen  sind,  in  der  Maternite  einen  ausführ- 
lichen geburtshilflichen  Unterricht,  sie  erlernen  die  Anatomie  im 
praktischen  »Studium  und  werden  namentlich  in  der  Leichenoperation 

ndlicb  ausgebildet.  An  der  Abtbeiluug.  wo  die  Geburtshelfer  unter- 
richtet werden  (Professor  Dubois),  in  der  jährlich  125  Geburten  vor- 
kommen, wüthet  das  Puerperalfieber  sozusagen  ununterbrochen. 

Das  ist  leicht  zu  erklären.  Die  genannte  Abtheilung  befindet 
sieb  im  ersten  Stock  der  Ecole  de  Medecine,  ebenerdig  aber  werden 
die   anatomischen  Vorlesungen  und  Uebungen   abgehalten.     Die  hier 

häftigten  Schüler  werden,  des  Zeitgewinns  halber,  von  jeder  neu 

getretenen  Phase  der  Gehurt  mittelst  eines  Zeichens  verständigt, 
das  bei  Tage  mit  einer  Fahne,  bei  Nacht  mit  einer  ausgehängten 
Lampe,  gegeben  wird ,  worauf  sie.  sich  eiligst  von  ihrer  anatomischen 
Beschäftigung  auf  die  Abtheilung  der  Gebärenden  begeben  und  dort 
unmittelbar  die  Untersuchungen  vornehmen. 

Im  Breslauer  Gebät  das  nur  für  die  Ausbildung  von  Heb- 

ammen eingerichtet  ist,  zeigt,  sich  bei  jährlich  3000  Geburten  kein 
epidemisches  Kindbettfieber.  —  In  C'assel  giebt  es  ein  liebärhaus,  das 
an!  keiner  Unterrichtsanstalt  verbunden  ist  und  auch  dieses  blieb  stete 
Kindbettfieber  frei,  während  dasselbe  im  Marbuiger  Gebärhause, 
das  zugleich  eine  geburtshilfliche  Bildungsanstalt  ist,  epidemisch  i-t 
In  Strasaburg,  so  wie  auch  in  Wien,  gab  es  unter  zwei  ver- 
ichiedenen  Leitern  zwei  Gebarhäuser:   das    eine    war  für  den  Unter- 

i  der  Hebammen,  das  andere  für  den  der  Geburtshelfer  bestimmt 
und  beide  hatten  ein  gemeinsames  Vorzimmer.     Während  nun  an  der 

6* 


68 


Semmelweis'  Abhandlungen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Hebammeuabtheilung  das  Kindbettfieber  durchaus  niclit  epidemisch 
vorkam,  wüthete  es  zur  nämlichen  Zeit  in  der  Abtheilung  für  Geburts- 
helfer epidemieartig.  Nachdem  dann  die  beiden  Abtheilungen  unter 
einem  Chef  vereinigt  worden  waren,  hörte  der  Sterblichkeitsunter- 
schied  wohl  auf,  aber  von  da  ab  wies  auch  die  AbtheiJung  für  Heb- 
ammen eine  Sterblichkeit  auf. 

Meine  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  gehegte  Ansicht 
habe  ich  theils  schriftlich  den  Vorständen  zahlreicher  Gebärhäuser 
mitgetheilt,  theils  durch  ihre  vorübergehend  in  Wien  weilenden  Schüler 
brieflich  mittheilen  lassen.    Ich  erhielt  hierauf  folgende  Antworten: 

Professor  Simpson  in  Edinburgh,  der  berühmteste  Geburtshelfer 
unserer  Zeit,  erwiderte,  ich  könne  in  der  englischen  geburtshilflichen 
Literatur  kaum  bewandert  sein,  da  ich,  wie  es  scheint,  nicht  wisse, 
dass  die  englischen  Geburtshelfer  das  Kindbettfieber  für  eine  contagiöse 
Krankheit  halten.  —  Er  hat  also  die  Frage,  beziehungsweise  meine 
Behauptung,  nicht  nach  ihrem  Sinne  aufgefasst. 

Die  Meinung  des  Professors  Tilanus  in  Amsterdam  ging  dahin 
(9.  März  1848),  dass  die  Verbreitung  und  das  Andauern  des  Kind- 
bettfiebers ohne  Zweifel  einer  Contagiosität  zuzuschreiben  sei,  wenn 
es  bereits  durch  epidemische  atmosphärische  Verhältnisse  entstand, 
wohin  er  besonders  die  Constitutio  annua  im  Winter  und  im  Frühjahr 
rechnet.  —  „Denn  —  so  setzt  er  hinzu  —  auffallend  ist  doch  die 
Analogie  des  puerperalen  Contagiums  mit  dem  Eiterungsfieber  und 
der  Eiteratmosphäre,  die  in  mit  chirurgischen  Kranken  belegten  Sälen 
entsteht  und  die  frischen  Wunden  mit  Gefahr  bedroht.  Und  eine 
Neuentbundene  sei  doch  gewiss,  selbst  in  physiologischem  Betracht, 
als  eine  Frischverwundete  zu  betrachten."  Er  sei  überzeugt,  dass 
das  Kindbettfieber  häufig  durch  Leicheninfection  entstehe,  er  habe 
diesen  Ursprung  in  mehreren  Fällen  klar  erkannt  und  nicht  nur  sorg- 
fältige Waschungen  verordnet,  sondern  seinen  Schülern  auch  verboten, 
anatomische  Uebungen  während  ihrer  geburtshilflichen  Studien  vorzu- 
nehmen. Ob  durch  die  Chlorwaschungen  das  Contagium  gänzlich 
zerstört  wird,  das  könne  er  nicht  wissen,  da  Beräucherungen  mit 
('lilordämpfen  zur  Tilgung  von  Eiterungsfieber  oder  Spitalbrand- 
Effluvien  sich  als  ungenügend  erwiesen,  und  zur  Erreichung  dieses 
Ziels  noch  die  Einwirkung  eines  langaudauernden  Luftstroraes  nöthig 

Tilanus  betrachtet  also  die  Epidemie  als  erste  Ursache  des  Kind- 
bettfiebers und  in  seiner  Meinung  über  die  Contagiosität  begegnen 
wir  der  Anschauung  der  englischen  Aerzte  und  der  unbestimmten 
Idee  des  Contagiums. 

Der  Brief  des  Kieler  Professors  Dr.  Michaelis  (18.  März  1848), 
den  er  an  seinen  in  Wien  weilenden  Schüler.  Dr.  Schwarz,  richtete, 
hat  mich  in  meinen  Untersuchungen  ermuthigt.  „Unsere  Anstalt  — 
schreibt  er  —  war  in  Folge  des  Puerperalfiebers  vom  1.  Juli  bis 
1.  November  geschlossen.  Die  dann  zueist  wieder  Aufgenommenen 
erkrankten.  . . .  wir  wollten  also  die  Anstalt  schon  wieder  schliessen, 
als  gerade  Ihre  werthen  Mittheilungen  ankamen.  ...  Sie  gaben  mir 
wieder  einigen  Muth;  der  Beweis  der  Wirksamkeit  der  Chlor- 
Waschungen,  so  weit  er  in  Wien  geführt  ist.  ist  schon  wegen  der 
grossen  Anzahl  der  Fälle  von  Bedeutung.  Und  wahrlich,  seit  der 
Einführung  und  genauen  Anwendung  dieser  Waschungen  verminderten 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett fieber.  69 

sich  die  Krankheitsfälle  sowohl  auf  der  Klinik,  wie  in  meiner  Privat- 
praxis erheblich.'*     Weiters: 

..Seit  vorigem  Sommer,  wo  meine  Cousine  am  Puerperalfieber  starb, 
die  ich  nach  ihrer  Niederkunft  untersucht  hatte,  zu  einer  Zeit,  wo 
ich  mit  Puerperalkranken  zu  thun  hatte,  war  ich  überzeugt  von  der 
Uebertragung  der  Contagion.  Es  fiel  mir  dann  noch  ein.  dass  schon 
einige  Monate  früher  eine  Frau  in  der  Stadt,  zu  der  ich  gerufen 
wurde,  ebenfalls  am  Puerperalfieber  gestorben  war.  Ich  verweigerte 
daher  meinen  Beistand  durch  vier  Wochen ;  eine  Gebarende,  der  ich 
helfen  sollte,  musste  deshalb  einen  anderen  Arzt  rufen;  es  war  Pro- 
lapsns  turiKtili  umbilicalis;  er  reponirte;  der  Arzt  seeirte  viel,  täglich. 
Die  Entbundene  erkrankte  am  Puerperalfieber,  wurde  zwar  gerettet, 
hat  aber  eine  Exsudatmasse  am  Uterus.  Die  Hebamme,  welche  hier 
Beistand  leistete,  hat  wenigstens  noch  zwei  bis  drei  solcher  Fälle  in 
der  Stadt  gehabt.  —  Ich  danke  Ihnen  für  Ihre  Mittheilung;  sie  hat 
vielleicht  schon  unsere  Anstalt  vom  Untergange  gerettet.  —  Ich  bitte 
Sie,  mich  dem  Dr.  S.  zu  empfehlen  und  auch  in  diesem  Sinne  zn 
danken:  er  hat  vielleicht  einen  grossen  Fund  gethan." 

Nicht  weniger  interessant  ist  der  vom  28.  August  1850  datirte 
Brief  Professor  Schmidt's  in  Berlin  an  Professor  Brücke,  der  ihm 
über  die  Angelegenheit.  Mitteilung  gemacht  hatte:  „Ich  halte  die  über- 
raschende Beobachtung  von  S.  für  um  so  beachtenswerter,  da  auch 
Sie  dieselbe  bestätigen,  der  Sie  nicht  nur  Physiologe,  sondern  im 
Punkte  des  „post  hoc  ergo  propter  hoc"  mehr  Skeptiker  als  Gläubiger 
sind."  —  Dass  die  Gebärenden  in  der  Charite  selbst  nach  den  leich- 
tern, kaum  einige  Minuten  lang  dauernden  Operationen  viel  leichter 
an  Kindbettfieber  erkrankten  und  starben,  wie  nach  den  schwersten 
Operationen  und  unter  den  misslichsten  Verhältnissen  in  seiner  bis- 
herigen Landpraxis,  diese  Erfahrung  war  S.  geneigt  äer  X>>xocomial- 
Atmosphäre  zuzuschreiben.  —  „Aber  —  setzte  er  hinzu  —  die  Klinik 
des  Dr.  Busch  ist  ausserhalb  des  Spitals  und  die  Wöchnerinnen  er- 
kranken und  sterben  bei  ihm  gerade  so  wie  bei  mir;  und  die  Schüler 
beider  Kliniken  beschäftigen  sich  fleissig  mit  Leichensectionen.  Sollte 
nicht  eine  Uebertragung  des  Leichenmiasmas  und  in  ihrem  Verfolg 
zunächst  Metritis  septica  (aber  auch  ähnliche  Zustände)  möglich  sein?" 
—  Er  aber  —  so  weit  er  sich  besinnen  könne  —  habe  diese  in  Berlin 
häufigere  Erkrankung  nur  bei  Operirten  beobachtet. 

Er  hörte  von  Dr.  E  verken,  dem  Director  des  Paderborner 
Hebammeninstitutes,  dass  dieser  kürzlich  mehrere  Puerperal  fieberkranke 
hatte,  und  dass  er  sich  klar  erinnere,  zu  jener  Zeit  fleissig  Leichen 
terfrt  zu  haben  und  da  er  von  den  Wiener  Erfahrungen  keine  Kennt- 
nis <o  habe  er  persönlich  die  Touchirnbungen  der  Hebammen 
geleitet. 

Dr.  Hüter.  Professor  in  Marburg  {28.  December  1850),  erkennt 
zwar  als  eine  der  Ursachen  des  Kindbettfiebers  die  Leicheninfection 
an.  doch  leitet  ei  sie  ausserdem  von  äusserlichen  (miasmatischen)  und 
inneren  (individuellen)  Ursachen  ab.  —  Er  glaubt,  die  Uhlorwaschungen 
böten  nicht  für  jeden  Fall  ein  hinreichendes  Schutzmittel,  da  trotz 
der  vorherigen  wie  nachträglichen  Waschungen  bei  einer  Wöchnerin, 
nachdem  sie  öfters  untersucht  und  bei  ihr  die  Zange  angelegt  worden 
war.  an  der  Hand  eine  earbnnculüse  Entzündung  aufgetreten  sei. 

Dr.  Arneth.  emer.  Assistenzarzt  in  Wien  (Paris,  12.  Januar  18Ö1), 
hörte   nn  in  München,  dass  die  Sterblichkeit  im  dortigen  ge- 


70 


SeTnmfhvei^   Abhandlungen  uud   Werk  über  das   Kiiidtitttlieln-r. 


Inutshil  fliehen  Inst it in  eine  Zeit  lang  sehr  gross  war:  die  Ursache 
keimte  nicht  erforscht  werden,  bis  es  sich  endlich  herausstellte,  dass 
die  Nachgeburten  von  den  Hebammen  in  die  Aborte  geworfen  wurden; 
als  dies  eingestellt  wurde,  hörte  auch  die  Sterblichkeit  auf.  —  Auch 
die  angeführten  Stiassburger  Daten  verdanke  ich  Beiner  Liebens- 
würdigkeit. 

-t  ritzt  auf  die  im  Vorigen  angeführtni  Tlia isachen  würde  ich 
iJa<  Eündbettfleber  folgender  Weise  denniren:  Das  Kindbettfieber 
ist  ein  He sorptionsfieber ,  bedingt  durch  die  Resorption 
eines  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes.  Die 
erste  Folge  der  Resorption  ist  die  Blutenttnischiing, 
dann  stellen  sich,  als  die  localen  Producte  der  Ent- 
mischung des  Bl  Utes  d  ie  Übrigen  Folgen  des  Kindbett- 
fiebera  ein,  und  zwar  Metritia,  Peritonitis,  Pleuritis 
u.  s.  w. 

Die  häutigste  Quelle  des  resorbirten  zersetzten  Stoffes  war  in 
Wien  die  Leiche.  Doch  i>i  sie  nicht  die  alleinige  Quelle,  denn  ein 
jeder  th  i  er isch- organische  Stoff,  der  sich  dem  vitalen  Pro- 
« Mir  zogen  uud  den  chemischen  Gesetzen  —  namentlich  der  Zi  -i  - 
setzung  —  unterworfen  wurde,  ist  im  Stande  das  Kindbettfieber  hervor- 
zurufen. 80  Bind  z.  B.  Seerete  jauchiger  Carcinoma,  gaugraenöser 
Geschwüre  Quellen  des  Kindbett  Hebers,  falls  sie  mit  den  zur  Resorption 
fälligen  Uteruspartien  in  Berührung  kommen. 

Das  Kindbettfieber  kann  aber  nicht  nur  ausschliesslich  durch  die 
von  aussen  her  eingedrungenen  zersetzten  thierisch-organischen 
Stoffe  hervorgerufen  weilen:  —  das  sind  die.  Fälle,  die  in  den  Ge- 
barhäusern Ursachen  des  angeblich  epidemischen  Puerperalfiebers  sind 
und  denen  man  vorbeugen  kann.  —  Die  faulen  Stoffe  können  auch 
innerhab  des  Organismus  der  Wöchnerin  entstehen,  wenn 
z.  B.  die  Eihäute  oder  die  Placenta  daraus  nicht  entfernt  werden, 
oder  ihre  Residuen  in  Fäulniss  oder  Verjauchung  geraten  und  auf 
diese  Weise  mit  der  entblössteu  Fläche  des  Uterus  in  Berührung 
kommen,  resorbirt  werden  und  Pyaemie,  d.  h.  das  Puerperalfieber  her- 
vorbringen. 

hdem  in  Wien  durch  Einführung  der  Chlonvaschungen  der 
auf  der  ersten  Abtheilung  seit  Boer's  Zeiten  wütheuden  Kindbett- 
hebeiepidemie  Einhalt  gethan  worden  war,  (kann  eine  Epidemie  so 
lange  dauern?)  erkrankten  wiederum  plötzlich  und  zugleich  12  Wöch- 
nerinnen am  Kindbettfieber:  die  Ursache  dessen  war  ausschliesslich 
eine  an  verjauchendem  Uterus-rar  einem  leidende  Frau,  vou  der  der 
faule  Stoff  auf  die  übrigen  Wöchnerinnen,  und  zwar  der  Reihe  nach, 
wie  sie  neben  einander  lagen  und  untersucht  wurden,  übertragen 
wurde,  da  man  die  1  hloi  Waschungen  gewöhnlich  nur  einmal  uud 
unmittelbar  vor  dem  Beginn  der  Untersuchungen  anwendete  und  über- 
haupt für  nothwendig  hielt.  Eine  ähnliche  lufection  traurigen  Aus- 
ganges erwähnte  mir  Professor  Jak  seh  in  Prag,  wo  bei  einer  vor- 
nehmen Familie  die  vor  ihrer  Niederkunft  stehende  Frau  des  Hauses 
dieselbe  Hebamme  zur  Hilfe  nahm,  die  vorher  die  krebsigen  Geschwüre 
ihrer  Schwiegermutter  verbunden  hatte.  Umsonst  war  die  Warnung 
des  Prot  lie  kräftige  junge  Frau  wurde  in  einigen  Tagen  das 

Opfer  des  Puerperalfiebers. 

Der  Träger  d  zten  Stort'es  ist  der  untersuchende  Finger, 

die  operirende   Hand.  Inßtramenl  ramme,   Bettwäsche   u.  s.  w., 


Semmelweia'  Abhandlungen  und  Werk  über  da«  Kindbettfieber. 


71 


u.  s.  w.  oder  die  atmosphaerische  Luft,   die  den  suspendirten  Stoff  in 
sich  enthält. 

Die   Stelle  der  Resorption   ist  die   innere  Fläche  des  Uterus, 

;he   in  Folge  der  Monate  lang  dauernden  Schwangerschaft  du 
die  Eihäute  bedeckt,  ihrer  Schleimhaut  beraubt,  eine  grosse  resorptiona- 
lahige  Räche  darbietet.    Da  die  Schleimhaut  —  in  ihrem  unverletzten 

ande  —  durch  eine  dicke  Schichte  des  Epitheliuma  gedeckt  ist, 
verringert  sich  hierdurch,  so  wie  durch  das  fortwährende  Fliessen  des 
Schleims  und  der  dadurch  bedingten  Ausspülung:  die  Resorptions- 
fähigkeit  in  erheblichem  Masse, 

Die  Zeit  der  Resorption  ist  die  Schwangerschalt,  doch  nur  in 
seltenen  Fällen,  da  wegen  Geschlossenseins  des  Süsseren  und  inneren 
Muttermundes  die  eigentliche  Resorptionsfläche   unzugänglich  ist.    in 

>  dessen  die  eingedrungenen  zersetzten  thierisch  -  organischen 
Stulle  nicht  aufgesogen  werden  können. 

In  einzelnen  {fallen  —  wie  es  bei  Mehnnalgebärenden  zu  geschehen 

gt  —  kann  der  Muttermund  geöffnet  sein   und  der  untersuchende 

Finger   dringt  in  die  Uterushöhle  ein.    Der  erste  Kaiserschnitt,  den 

ich  zur  Kettung  des  Kindes  ausführte,  war  an  einer  an  Kindbettfieber 

itorbenen;  doch  pflegt  der  während  der  Schwangerschalt  erfolgten 

lion  der  Abortus  zu  folgen. 

Häufiger  geschieht  die  Resorption  in  der  ersten,  am  häufigsten 
aber  in  der  zweiten  Periode  der  Geburt,  weil  zu  dieser  Zeil  die  kv- 
sorptionsnache  des  Uterus  nicht  nur  zugänglich  ist.  sondern  weil  diese 
Periode  auch  eine  nothweudiger  Weise  sich  darbietende  Gelegenheit 
und  Grund  zur  öfteren  Einführung  des  untersuchenden  Fingers  zum 
Zweck    der  Ermittlung  der  Kindeslage,  und  der  Ueberwachung  des 

rtsverlaules  und  seiner  Perioden  ist. 

Wenn  die  Einführung  und  die  Resorption  des  zersetzten  Stoffes 
in  der  zweiten  Periode  der  Geburt  geschieht,  so  wird  auch  die  Fracht) 
welche  eine  Zeit  lang  noch  durch  den  Blutkreislauf  in  Verbindung 
mit   dem   mütterlichen   Organismus  bleibt,   inficirt    und   sie   geht  an 

in  zu  Grunde. 

Seltener  geschieht  die  Uebertragung  in  der  dritten  oder  vier' hu 
Periode,  in  der  der  Uterus  nicht  mehr  zugängig  ist,  da  der  Mutter- 
mund durch  den  vorrückenden  Kindeskörper  verschlossen  wird,  auch 
die  Notwendigkeit  einer  Einführung  des  Fingers  seltener  ist.  —  In 
der  fünften  Geburtsperiode  giebt  die  nothwendige  Berührung  bei  der 
Entfernung  der  Nachgeburt  oder  bei  den  Nachblutungen  der  Uterus- 
nrande  häufige  Gelegenheit  zur  Resorption.  —  Im  Wochenbette  vermag 
auch  die  in  die  Uterushöhle  eindringende  Luft,  wenn  selbe  mit  Zei- 
ten thierisch-organischen  Stoffen  geschwängert  ist.  das  Kindbett* 
ftebei  durch  Resorption  hervorzubringen. 

Se  kam  es,  dass  während  meiner  Thätigkeit  im  Wiener  Gebärhause, 
ii  vernachlässigten,  stark  übelriechenden,  cariösen  und  gangrae- 

d  Geschwüren  leidende  Frau,  mit  mehreren  anderen  zusammen 
längere  Zeit   hindurch   im  Gebärzimmer  kreissen,   zur  EntWickelung 

Kindliettfiebers  Gelegenheit  gab  und  den  Tod  von  sieben  oder 
acht  Wöchnerinnen  verursachte. 

Demnach  ist  das  Kindbettfieber  keine  Krankheitsspecies.  sondern 
es  ist  mit  der  Pyaemie  identisch,  das  ist  eine  Krankheit,  die  nicht 
nur  bei  Wöchnerinnen  vorkommen  kann  und  vorkommt,  sondern  die 
neb  auch  Männer:  Chirurgen,  Anatomen  u.  s.  w.,  z.  B.  bei  Leichen- 


SeniinMhvt-is   Ahlianilhiiigen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


sectionen  oder  -Verletzungen  zuziehen  tind  woran  auch  sie  sterben 
können.  —  Das  Kindbettfieber  ist  zwar  übertragbar, 
aber  es  ist  keine  contagiöse  Krankheit;  denn  unter 
einer  contagiösen  Krankheit  versteht  man  eine  solche, 
die  den  Stoff,  wodurch  sie  fortgepflanzt  wird,  selbst 
erzeugt  und  die  immer  wieder  nur  durch  denselben 
hervorgebracht  werden  kann.  Das  Kindbettfieber  aber  ist 
von  einer  Wöchnerin  auf  die  andere  nur  dann  übertragbar,  wenn  ein 
zersetzter  Stoff  von  der  einen  auf  die  andere  übertragen  werden 
kann.  E>ie  Mehrzahl  der  Kindbettfieberlälle  spielt  sich  ohne  Er- 
zeugung eines  solchen  Stoffes  ab,  nämlich  wenn  die  Kranken  nur  an 
I  i»  li.trinutter-  mler  Bauchfellentzündung  erkranken  und  das  Leiden 
sich  nicht  mit  eitrigen  Exsudaten  und  septischer  Endometritis  ver- 
bündet. Aus  diesem  Grunde  ist  es  mich  während  Lebzeiten  der 
Patientin  nicht  fähig,  die  gleiche  Krankheit  bei  einer  anderen  Wöch- 
nerin zn  erzeugen,  während  wenn  jene  gestorben  und  ihr  Körper 
in  Fäuliiiss  übergegangen  ist,  dessen  zersetzte  Theile  gerade  so  und 
nicht  auf  andere  weiss  Kindbettfieber  hervorrufen,  wie  die  zersetzten 
Theile  eines  an  jeder  beliebigen  anderen  Krankheit  verstorbenen  In- 
dividuums, mag  Ofl  ein  HflUQll  oder  ein  Weib  gewesen  sein. 

Wenn  ferner  das  Kiudbettfieber.  oantagitiG  wäre,  dann  hätte  auch 
die  kleinere  Zahl  von  Fällen,  in  denen  es  auf  der  zweiten  Abtheilung 
der  Wiener  Gebärklinik  auftrat,  zu  seiner  allgemeinen  Verbreitung 
genügt  —  Dafür  Bpricht  auch  der  Umstand,  dass  man  die  Chlor- 
Waschungen  nicht  nach  jeder  Untersuchung  wiederholen  mnsste:  es  ge- 
nügte dies  einmal  zu  thun,  als  man  eben  zur  Untersuchung  schritt;  aus- 
genommen den  Fall,  dass  inzwischen  der  untersuchende  Finger  wieder 
mit  einem  zersetzten  thierisch-organisehen  Stoffe  in  Berührung  kommt, 
wie  solches  bei  der  erwähnten,  an  Krebs  leidenden  Wöchnerin  geschah. 

Nach  meiner  Uebersiedelnng  nach  Pest  wurde  leb  Vorstand  TOB 
zwei  inbai anstalten,  in  denen  das  Kindbettfieber  ununterbrochen 
herrschte,  nämlich  von  der  Gebäranstalt  des  St.  Rochusspitals,  sowie 
der  Konigl.  Universität  —  Einiges  inuss  hier  über  die  Verhältnisse 
der  Gebäranstalt  im  9t  Rochusspital  erwähnt  werden.  Die  Zahl 
der  Geburten  beläuft  sich  im  .lahre  auf  200.  Diese  Geburten  kamen 
nicht  ebenmässig  auf  das  Jahr  vertheilt  vor.  sondern  concentrii  ten 
sich  auf  die  Daner  der  Ferien:  denn  während  der  Dauer  des  Schul- 
jahres durften  keine  Schwangeren  von  aussen  her  aufge- 
nommen werden,  damit  der  Königl.  Universität  das  Unterrichts- 
material nicht  <niyi.--.-n  werde.  Su  wurden  während  des  Studienjahres 
nur  die  im  Spj&ale  wegen  anderen  Krankheiten  behandelten  Schwangeren, 
wenn  sich  während  ihrer  Behandlung  die  Geburt  einstellte,  auf  «He 
Gebärabtheilung  hinttbergebracht,  wo  sie  dann  niederkamen.  —  Diese 
Abtheiluug  war  keine  Lehranstalt,  Trotzdem  litten,  als  ich  sie  zum 
erstenmal  im  November  1850  betrat,  wo  sie  nur  6  Wöchnerinnen 
enthielt,  diese  sfimmtlich  an  hochgradigem  Kindbettfieber.  —  Im  Mai 
1851  übernahm  ich  die  ärztliche  Leitung  dieser  Abtheilung  und  be- 
hielt sie  bis  zum  Juni  1867.  Während  dieser  Zeit  kamen  1000  Ge- 
burten vor:  am  Kimlltetttieber  starben  8  der  Wöchnerinnen.  Die 
epidemieartiire  Sterblichkeit  ha  November  1850  veranlasste  viele 
hiesige  Aerzte  zu  der  Meinungsäusserung,  dass  die  unreinen  Unter- 
suchungsnnger  der  Schiller  In  Wien  kaum  die  Ursache  der  Kindbett* 
neberepidemien  sein  können,  da  ja  das  St,  Rochusspital  keine  Unterrichts- 


Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


73 


anstalt  sei.  demgemäß  hier  keine  Schüler  mit  unreinen  Fingern  Unter- 
suchungen vernahmen,  und  trotzdem  wiithe  rar  Zeit  eine  furchtbare 
Epidemie  in  aar  Gebärabtheilung  des  Spitals.  —  Bei  meinem  Besuch 
bat  sich  der  Thatbestand.  das.s  nämlich  sämmtliche  Wöchnerinnen 
i  krank  waren,  als  wahr  erwiesen;  aber  ich  kam  gar 
bald  dahinter,   dass   auch    hier   keine    epidemische,  sondern    dieselbe 

sehe  wie  in  Wien  die  verheerende  Wirkung  hervorrief.  Ich  ge- 
langte nämlich  zur  Kenntniss,  dass  der  geburtshilfliche  Primarius  da- 
mals gleichzeitig  auch  chirurgischer  Primarius  und  ausserdem  noch 
Gerichts-Anatom  war.  —  Die  geburtshilfliche  Abtheilung  war  nicht 
Belbstfttandift  Hindern   HUT  ein  Anhang  der  chirurgischen;   es  wurde 

im  bei  dieser,  als  der  für  wichtiger  geltenden,  die  Visite  begonnen 
und  nur  erst,  als  der  Primarius  und  das  sämratliche  angestellt.- 
liehe  Personal  seine  Hände  mit  thierisch-organischem  faulen  Stoffe 
v>M -nnivinigi  hatte,  —  wofür  die  chirurgische  Abtheilung  als  iiiivei 
bare  Quelle  diente,  —  wurde  die  Visite  an  der  geburtshilflichen 
Abtheilung  fortgesetzt.  Das  Resultat  war.  dass  oft  die  sämmtlichen 
Wöchnerinnen  krank  darniederlagen,,  gerade  so«   wie  dazumal  als  ich 

Ä.btheüung  zuerst  besichtigte. 

Dnter  meiner  Leitung  durfte  nur  mit  reinen  Fingern  untersucht 
werden  und  die  Abtheilung,  die  ehedem  fortwährend  mit  Puerperal- 
fieber behaftet  war,  ist  hievon  durch  6  Jahre  verschont  geblieben. 
—  Von  alledem,  d.  h.  von  der  Wahrheit  des  Gesagten  kann  sich 
.ledermann  leicht  bei  den  Betreffenden  überzeugen. 

Seit  October  des  Schuljahres  1855 1856  funre  ich  nie  öebfir- 
klinik  der  medieinischen  Facultät  an  der  Universität  und  damals 
wurden  öl 4  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  sind  gestorben  5,  und  zwar 
2  am  Kindbettfieber  und  3  an  anderen  Krankheiten. 

Im  Schuljahre  1856/1857  starben  aach  558  Geburten  31,  darunter 
16  an  Kindbettfieber  und  15  an  anderen  Krankheiten. 

Bis  zum  L.Mai  des  Schuljahres  1857/1868  sind  von  457  Wöchnerinnen 
23  gestorben;   18  an  Kindbettheber  und  5  an  anderen  Krankheiten. 

Wie  der  geehrte  Leser  sehen  kann,  ist  das  Ergebniss  der  beiden 
letzten  Jahre  nicht  so  günstig;  man  könnte  es  als  Gegenbeweis 
gegen  meine  Ansicht  anfahren.  Wenn  wir  indess  die  Sache  ins  ge- 
hörige Licht  stellen,  so  dient  es  sogar  —  leider!  —  als  stützendes 
Z<  iiirniss  für  die  Richtigkeit  und  Berechtigung  meiner  Meinung. 

Im   November  1856/1857    wurde   die  geburtshilfliche    Klinik   aus 

•  den,  die  man  nicht  rückhaltslos  mittheilen  kann,  mit  Bolen 
M  liniutziger  Bettwäsche  versehen,  dass  das  Puerperalfieber  noth- 
»rendigerweise  ausbrechen  musste;  in  dem  Moment,  wo  wir  reine 
Wische  bekamen,  hörten  die  Erkrankungen  auf. 

18571858  war  es  wieder  die  Wäsche,  welche  die  Erkrankung  der 
Wöchnerinnen  hervorbrachte.  Die  Wäsche  wurde  zwar  rein  eingeliefert, 
aber  die  nachlässige  Wärterin  verabsäumte  das  regelmässige  Wechseln 
derselben:  nachdem  diesem  Missstami  liurch  Entlassung  der  Wärterin 
Lbgeholfen  worden  war.  hörten  auch  die  Erkrankungen  sofort  auf. 

Diejenigen,  die  diese  Erklärung  der  Erkrankungen  für  schwer- 
fällig und  gezwungen  halten,  und  dieselben  lieber  einer  Epidemie 
zuzuschreiben  gewillt  sind,  mögen  bedenken,  dass  man  das  Erlöschen 
einer  Epidemie  nur  mit  Eintritt  der  müderen  Temperatur  erwarten 
kann,  während  selbe  in  beiden  Fällen  nach  3—4  wöchentlicher  Dauer 
in  Folge  der  Verabreichung  von  reiner  Wäsche  sofort  aufhörte. 


74 


-Vuimeiweia*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett  fieber. 


Ich  erlaub»*  mir  das  ärztliche  Publicum  noch  darauf  aufmerksam 
zu  machen,  dass  ich  in  Wien  durch  22  Monate,  im  St  Rochus  durch 
6  Jahre  und  auf  der  Universitätsklinik  einige  Jahre  lang  gar  keine 
Kpidemie  beobachtete,  —  also  in  drei  Anstalten,  wo  selbe  zuvor  ohne 
Unterlass  gewüthet  hatte.  Auch  will  ich  es  von  nunan  für  meine 
Pflicht  .nullten,  diesen  Gegenstand  mit  der  gehörigen  Aufmerksamkeit 
zu  verfolgen  und.  meine  Resultate  in  alljährlichen  Ausweisen  mitzu- 
theilen. 

Ehe  noch  die  Untersuchung  constatirte,  dass  die  schmutzige 
Wasche  der  Wochenbette  die  lufeetion  erzeugt  hatte  und  nicht  etwa 
die  FOD  den  Schillern  versäumten  \\  aschungen,  hatte  mir  der  voll- 
kommen «resunde  Zustand  der  Säuglinge  trotz  des  Todes  ihrer  Mütter 

beeter  Beweis  dat  ient,  dass  hier  nicht  die  letztere  Ursache 

die  Schuld  trage.  Wenn  ich  also  meine  Thätigkeit  als  Vorstand 
dreier  Gebäranstalten  vom  .Standpunkte  meiner  Ansicht  über  die 
Kntstehung  des  Kindbettfiebers  beurtheile,  dann  muss  ich  das  offene 
GestÄndniaa  ablegen,  dass  ich  nicht  immer  die  möglichst  kleinste 
Sterblichkeit  erreichte,  d.  h.  dass  bei  mir  auch  derartige  Erkrankungen 
vorkamen,  die  man  hätte  verhüten  können. 

Wenn  wir  schliesslich  noch  die  Jahresausweise  der  grösseren 
Gebarhäuser  aus  dieser  Zeit  betrachten,  wo  die   Median  mehr  auf 

(physischem  als  auf  realem  Boden  stand,  wo  also  die  Gelegenheit 
zur  Intieirung  wegen  Vernachlässigung  des  Anatomiestudiuras  nicht 
in  so  hohem  Grade  vorhanden  war,  so  werden  wir  finden,  dass  unter 
100  Wöchnerinnen  keine  einzige  starb  (die.  welche  an  anderen  Krauk- 
heitsprocessen  zu  Grunde  gingen,  nicht  gerechnet);  dieses  Ideal  der 
möglichst  kleinsten  Sterblichkeit  habe  ich  insgesammt  durch  »i  Jahre 
im  Rochusspitale,  und  während  eines  Jahres  an  der  Universitäts- 
klinik in  Pest  erreicht,  da  hier  nicht  einmal  1  Todesfall  nach  100 
Kranken  vorkam. 

Dies  erreichte  ich  in  Wien  nicht,  da  dort  um  etwas  mehr  als 
1  °/0  der  Kranken  starben;  an  der  Pester  Universität  im  zweiten 
Jahre  etwas  mehr  als  8%;  im  dritten  Jahre  nahezu 

Die  Möglichkeit  der  Ansteckung  hängt,  von  so  viel  Zufällen  ab, 
es  für  den  Leiter  eines  grösseren  Gebärhauses  eine  sozusagen 
unlösbare  Aufgabe  wäre,  einen  jeden  Infectionsfall  zu  verhüten. 
Wenn  Jemand,  so  bin  ich  es.  der  mit  ganzer  Energie  die  Schüler, 
die  Schülerinnen  und  überhaupt  das  ganze  dieustthueiide  Personal 
davon  zu  überzeugen  trachtet,  dass  die  Unredlichkeit  die  Quelle  des 
Kindbettfiebers  ist  und  sie  darum  die  grösste  Reinlichkeit  zu  be- 
obachten haben.  Nichtsdestoweniger  ist  es  vorgekommen,  dass  ich 
eine  verfaulte  Matratze  und  einen  solchen  strohsack  und  von  Lochien 
sehr  übelriechende  Leintücher  fand,  dass  der  Wäscher  unreine  Wäsche 
liefern  konnte,  ohne  dass  es  mir  gemeldet  wurde.  —  Im  vorigen 
Winter  trat  an  den  äusseren  Genitalien  einer  Kranken  Gaugraen  auf 
und  eine  Elevin,  die  behufs  der  uöthigen  Einspritzungen  zu  ihr  beordert 
«rar,  selbstverständlich  mit  dem  Auftrag,  dass  sie  mit  keiner  anderen 

hnerin  in  Berührung  kommen  dürfe,  wurde  im  Momente  ertappt, 
als  sie   sich   gerade  zur  Untersuchung  einer  soeben   angekommenen 

hnerin  anschickte,  dieselbe  auch  bereits  begonnen  hatte.  Diese 
Kreissende  erkrankte  auch,  ist  aber  wieder  genesen.  Eine  halbe 
Stunde  nach  ihrem  Später  aus  anderer  Ursache  erfolgten  Tode  traf 
ich  ihr  Bett  von  einer  anderen  Wöchnerin  besetzt,  die  ich  sofort  dai- 


Iwi-i,    Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettri 


75 


aus  entfernen   Hess;  —  auch   diese  erkrankte,  doch  wurde  sie  eben- 
falls gesund. 

Jeder  unbefangene  Leser  kann  sich  hieraus  die  I'ebcrzeugung 
verschaffen,  wie  Bahr  ein  jedes  Bestreben  des  Leiteis  einer  Gfob&r- 
anstalt  von  der  Gewissenhaftigkeit  oder  Nachlässigkeit  des  an  seiner 
Ainln'iluij  beschäftigten  Dienstpersonals  abhängt. 

Gegen  meine  Ansicht  betreffs  der  Entstehung  des  Kindbettfiebera 
wurden  mehrere  Einwände  gemacht,  namentlich,  daß  das  Kind- 
bettfieber auch  ausserhalb  der  Spitäler  vorkomme.  Ob- 
wohl  die   Thatsache.    dass   das   Kindbeltfieber   auch    ausserhalb    der 

iler  in  zahlreichen  Fällen  auftritt,  nicht  zu  leugnen  ist,  so  liegt 
doch  in  dem  Unistande,  dass  es  dort  nie  so  oft  und  in  solcher  Aus- 
dehnung vorkommt,  der  Beweis,  dass  es  keine  Epidemie  ist.  Die 
zahlreichen  Erkrankungen  können  zwanglos  aus  dem  Eingreifen  des 
ärztlichen  und  dos  weiblichen  Hilfspersonals  erklärt  werden. 

Die  Aerzte  und  Hebammen  beschäftigen  sich  nicht  nur  mit 
W  Sennerinnen  und  Kreissenden,  sondern  mit  den  verschiedensten  niänn- 

n  und  weiblichen  Kranken,  also  auch  mit  solchen,  die  zur  IJeber- 
tragung  zersetzter  thierisch-organischer  Stoffe  Gelegenheit  geben. 
Jeder  prakticirende  Arzt  beschenkt  die  eine  oder  die  andere  Hebamme 
mit  seinem  Vertrauen,  die  er  dann  seinen  Kranken,  wo  z.  B.  Ein- 
spritzungen nöthig  sind,  empfiehlt.  Sogar  der  Arzt  .selbst  übern 
den  Infectionsstoff,  indem  er  auf  den  Besuch  einer  an  Gebärmutter- 
krebs, gangracnOsem  Erysipel  n.  s.  w.  leidenden  Kranken  unmittelbar 
den  einer  Anderen  folgen  lässt. 

Das  ist  der  Weg,  auf  dem  Kindbettfieber  ausserhalb  des  Spitales 
um  sich  greift. 

Man  sagt  ferner:  die  Geschichte  der  Medicin.  sogar 
Hippokrates  selbst  erwähnte  schon  das  Kindbett  fie  be  i 
a I js  Epidemie.  Dies  beweist  aber  nur  soviel,  dass  es  zu  Zeiten  auf 
einmal  bei  mehreren  Individuen  auftrat,  und  dass  die  damaligen  Aerzte 
das  gleichzeitige  Auftreten  desselben  bei  zahlreichen  Individuen  durch 
epidemische  Einflüsse  zu  erklären  suchten,  gerade  so  wie  mau  es  in 
unseren  Zeiten  in  Wien  und  anderswo  that.  Doch  liegt  hierin  noch 
kein  genügender  Beweis  dafür,  dass  es  wirklich  eine  Epidemie  wüte. 
wie  ich  dies  durch  ineine  Thätigkeit  in  drei  Anstalten  bewiesen  habe. 
—  Ich  habe  oben  gezeigt,  auf  welche  Weise  das  Kindbettfieber  ausser- 
halb des  Spitales  sich  verbreiten  kann ;  und  ich  bin  überzimgt ,  dass 
die    aus    dem    Alterthum    überlieferten    derartigen    Epidemien    sicher 

i  solchen  Ursprung  hatten.  Gerade  so  wie  heutzutage  gab  es  zu 
jeder  Zeit  männliche  und  weibliche  ärztliche  Hilfspersonen,  die  das 

iauen  des  Publicnms  in  grosserem  Masse  besassen,  mithin  auch 
häufiger  zu  den  Kranken  geholt  wurden  und  dadurch  konnten  sie 
Verbreiter  des  Kindbettfiebers  werden.  Besonders  von  Hippokrates 
ffeisa  man,  dass  er  Leichensectionen  machte  und  Boer  sagt  in  seiner 
das  Kindbettfieber  behandelnden  Abhandluug  von  ihm,  er  habe  die 
Symptome  dieser  Krankheit  so  meisterhaft  aufgezeichnet,  wie  man 
sie  heute  nicht  besser  und  richtiger  am  Krankenbette  uud  Secirtiscli 
präcisiren  könnte. 

Scanzoni    und    Seyfert    äussern    sich    darum    gegen    die    Chlor- 

' 'Illingen,  weil  sie  trotz  diesen  eine  grosse  Sterblichkeit  sahen.  — 

Dass  trotz  der  Waschung  der  Hände  mit  Chlorkalklösung  eine  durch 

Infection   bedingte  grössere  Sterblichkeit  sich  zeigen  kann,  das  be- 


76 


Semmelweis"  Abhandlungen  «ml  Wert  ffbci  dag  Kindbettfieber, 


weisen  an  meiner  eigenen  Klinik  die  zwei  letzten  Jahre.  Die  unreine 
Band  ist  eben  nicht  die  einzige  Quelle  der  Infection.  Wir  berufen 
uns  hierin-  auf  jenen  Theil  unserer  Abhandlung,  in  der  wir  von  den 
Quellen  der  Infection  sprachen.  Scanzoni  und  Seyfert  schrieben  gegen 
die  (  hlnrwaschungen;  ohne  Zweifel  haben  sie  gegen  seihe  aueh  ge- 
•.|iMir|i.n,  und  dadurch  ihren  Seh  fiten  sirher  nicht,  die  dabei  erforder- 
liche  Gewissenhaftigkeit  eingeimpft,  die  zum  Femhalten  der  Infection 
nothwendig  ist.  Der  Schüler,  der  noch  keine  selbstständige  Ueber- 
zengung  hat  und  sie  auch  noch  nicht  haben  kann,  glaubt  um  so  üebei 
dein  Lehrer,  wenn  dessen  Anweisungen  überdies  noch  seiner  Beqnem- 
lichkeil  entgegenkommen  und  dienen,  geschweige  denn,  dass  er  durch 
flefssigei  Waschen  das  Gegentheil  der  Ansicht  seines  Lehrer  darlegen 
wiii  de.  aus  Furcht,  defa  vielleicht  bei  ihm  missliebig  zu  machen.  — 
1  >.i  -     vnrgek  ist.  dass  an  meiner  Klinik,  in  der  es  an  Mahnungen 

nicht  fehlte,  eine  Schülerin  ertappt  wurde,  als  sie  gerade  eine  Kreissende 
untersuchen  wollte,  nachdem  sie  kurz  vorher  gangraenöse  Genitalien 
berührt  hatte,  80  fühle  ich  mich  zu  der  Selilussfolgerung  berechtigt, 
dass  di.'  Chlorwaschnngen  bei  Scanzoni  und  Seyfert.  meist  in  jenem 
Strengen  tfaese  durchgeführt  worden  sind,  in  dem  es  zu  wünschen 
war.  und  darum  missen  wir  trotz  alledem  die  Sterblichkeit  in  der 
Klinik  der  Genannten  auf  Rechnung  der  Infection  setzen. 

Die  \kadnnie  der  Mediän  in  Paris  spricht  sich  aus  dem  Grunde 
gegen  ineine  Theorie  der  liilertum  aus.  weil  in  der  Pariser  Maternite. 
Hebammen  gebildet  werden  —  und  auf  der  Klinik  Professors 
Dnbois  —  die  für  die  Ausbildung  der  Aerzte  bestimmt  ist  —  genau 
dieselben  Verhältnisse  sieh  finden  wie  in  Wien  an  der  I.  Abtheilung, 
wo  Aerzte  —  und  an  der  IL.  wo  Hebammen  unterrichtet  werden.  — 
und  doch  herrsche  in  beiden  Pariser  Abtheilungen  das  Kindbettfieber 
epidemisch.     Der  geehrte  Leser  wird  sich  erinnert),  dass  wir  im  Laufe 

vi  Abhandlung  den  Umstand  hervorhoben,  dass  die  Hebamnien- 
insiinue  gewöhnlich  frei  von»  epidemieartigen  Kindbettfieber  bleiben, 
wfthrend  jene  Institute,  wo  Aerzte  gebildet  werden,  von  der  Epidemie 
des   Kindbett  hebeis   heimgesucht  werden.     Die  Grundursache  dieser 

•  hiedenheit  glaubten  wir  im  Unterriehtssystem  aufzufinden,  nament- 
lich darin,  dass  sich  die  Srhüler  l>ei  der  hauptsächlich  anatomischen 
Richtung  des  uiedii  'inischeu  Studiums  viel  mit  Leichen  beschäftigen 
und  den  Benoteten  thieriseh-onranischen  Stoff  mit  ihren  untersuchenden 
Fingern  auf  die  Wöchnerinnen  übertragen,  der  dann  an  den  ihres 
Epithels  beraubten  Stellen  resorbirt.  Kindbettfieber  hervomvfT. 

Die  Hebammen  erhalten  für  gewöhnlich  einen  derartigen  Unter- 
richt, der  gar  keine  Qelogflnheil  zur  Verunreinigung  der  Hände  mit 
letzten  thieriseh-onranischen  Stoffen  bietet.    An  netreffender  Stelle 

Imteu    wir,   das-  Intemcbtssystem    der  Pariser   Maternite 

Vusnnhme  macht;  denn  dort  erhalten  die  Hebammen  einen 

so  eindringenden   Unterricht,  d,  gut,  wie  in  anderen 

itnten  die  Aerzte.  ihre  Hände  mit  zersetztem  thierisch-organischen 
Stoff  ul  von  kranken  Wöchnerinnen  oder  von  Leichen,  ver- 

nnreinigen    und   in  Folge  davon  das  Kindbettfieber  in  solchem  H 
pro|Nftgiren.  dass  sie  es  sodann  eine  Epidemie  nennen.     Darnm   ist   es 
unwahr,  was  die  Akademie  der  Medicin  in  Paris  behauptet,  dass  die 
Verhältnisse  der  Pariser   HebamraenschnJe  identisch   mit  jenen   der 
Wien  le  seien,  und  dass  trotzdem  in  der  Maternite  das  Kind- 

rieber  herrschte,  während  dies  in  Wien  nicht  der  Fall  war. 


Sein  mel  weis'  Abhandlungen  and  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


77 


Per  Wesentliche  Unterschied  /.wischen  den  Verhältnissen  von 
Wien  und  Paris  liegt  darin,  dass  während  in  Paris  die  Hebammen 
ihre  Hände  infolge  des  Unterrichtssystems  mit  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoßen   verunreinigen,  in  Wien  dies  gerade  wegen   des 

:iii  litssystems  nicht  geschehen  kann. 

Als  Zeugniss  dafür,  dass  das  Unterrichtesystem  in  Paris  auch 
wirklich  so  beschallen  ist,  wie  oben  erwähnt  wurde,  diene  das  Werk 
J.  F,  Osianders:  „Bemerkungren  über  die  französische  Geburtshilfe, 
iii. st  einer  ausführlichen  Beschreibung  der  Maternite  in  Paris. 
Hannover  1813." 

Der  Verfasser,  ein  Freund  Baudelocques .  Professors  an  «ler 
Maternitc.  besuchte  ein  Jahr  lang  diese  den  Aerzten  sonst  unzugäng- 
liche Anstalt  und  giebt  folgende  Mittheilung  über  das  Unterrii  hts- 
sY>tem:  ..Der  Unterricht  dauert  ein  Jahr  lang  und  während  dieser 
Frist  wohnen  die  Hebammenschülerin  nen  drinnen  in  der  Anstalt" 
Seite  31  sagt  er:  „Der  Saal  der  Wöchnerinnen  befindet  sich  im  oberen 
Theile  des  linken  Traktes;  der  Eingang  aber  mündet  am  Ende  des 
Stiegenganges,  welcher  durch  den  ganzen  ersten  Stock  des  Haupt- 
gebäudes führt.  Dieser  Saal  ist  hoch  gewölbt,  mit  hohen  gegenüber- 
liegenden Fenstern  und  enthält  24  Betten,  welche  zum  grössten  Theile 
zwischen  den  Fenstern  genügend  weit  von  einander  liegen  und  einen 
rech!  grossen  Raum  in  der  Mitte  des  Zimmers  frei  lassen.  In  diesem 
Saal  1&881  Reinlichkeit  und  Ordnung  nichts  zu  wünschen  übrig,  aber 
die  24  Wöchnerinnen,  die  für  gewöhnlich  den  Saal  bewohnen,  müssen 
notwendigerweise  die  Luft  verderben  und  ein  gefährliches  Miasma 
ent wickeln.  Der  Entwicklung  dieses  Miasmas,  welche  oft  von  einem 
einzigen  Bett  ausgeht,  glaubt  man  dadurch  vorzubeugen,  dass  man 
die  Kranken  öfters  sammt  ihren  Betten  die  Plätze  wechseln  lässt  und 
ihnen  neue  Bettunterlagen  giebt. 

Seite  33  steht  Folgendes:  „Den  täglichen  Visiten,  die  der  Arzt 
in  der  Intiimerie  der  Wöchnerinnen  macht,  wohnt  die  Hebamme  des 
Hauses  und  ein  Theil  der  Hebammen-Schülerinnen  bei.  Jede  Schülerin 
bekommt  eine  Kranke  zur  besonderen  Beobachtung  und  sie  wird  an- 
gehalten, eine  kurze  Krankengeschichte,  den  Hergang  der  Geburt 
und    die     Verordnungen    des    Arztes    aufzusetzen.      Diese    Kranken- 

lirliieii  werden  ..Bulletins  cliniques"  genannt  und  Professor 
Chausaier  (Primarius  der  Maternite)  gibt  sich  viel  Mühe,  die  Schüle- 
rinnen im  Aufsetzen  derselben  zu  unterrichten.  Bei  jeder  Kranken 
er  das  Bulletin  genau  durch,  indem  er  demselben  ein  Zutrauen 
schenkt  dessen  ich  es  selten  würdig  gefunden  habe.  Unter  den 
Schülerinnen  sind  nämlich  nur  einzelne,  welche  Talent  und  Ernst- 
haftigkeit genug  besitzen,  um  Krankheiten  zu  beobachten  und  Kranken- 
geschichten aufzusetzen.  Diese  Wenige  geben  allen  andern  die  Muster 
zu  ihren  Berichten  und  ich  habe  daher  oft  gefunden,  dass  in  mehreren 
Bulletins  bei  den  verschiedensten  Krankheiten  dieselben  Symptome 
mit  denselben  Worten  angegeben  waren.  I'eberhaupt  ist  es  auffallend 
genug,  junge  M.ul.  h.n  zu  sehen,  die  mit  wichtiger  Miene  den  Puls 
fühlen  und  Kiankeubeobachtungen  aufschreiben.  Sie  ahmen  aber 
darin  ihre  Lehrerin,  die  erste  Hebamme  nach,  deren  Ansehen,  welches 
am  Krankenbette  zu  geben  weiss,  noch  dadurch  erhöht  wird. 

der  Arzt  immer  ihrer  Meinung  ist." 

Die  Hebamiuensehülerinnen  haben  Gelegenheit  das  Kindbetttiela  i 
u  u  Kranken  auf  Gesunde  zu  übertragen,  was  in  Wien  nicht  geschehen 


78 


Semmdwefa'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


k:um.   weil    in  Wien    die   Hebannnenschiilerinneu    bei   der   Visite   des 
Professors  in  den  Krankenzimmern  nicht  zugegen  Kein  dürfen; 

Seite  46  ist  zn  lesen:  ,.Den  Leichenöffnungen,  die  in  einem  Tun 
dem  Gebftrbanse  etwas  entfernten  Gartenhause  vorgenommen  werden, 
wohnen  die  Schülerinnen  gewöhnlich  bei.  Ich  habe  da  oft  mit 
Btannen  gesolim.  welchen  lebhaften  Antheil  einige  junge  Mädchen  an 
dem  Zerfleischen  der  Leichen  nahmen,  wie  sie  mit  entbl&ssten  und 
blutigen  Armen,  grosse  Messer  in  der  Hand  haltend,  unter  Zank  und 
Gelächter,  sich  Becken  herausschnitten,  nachdem  Bie  von  dem  Arzte 
die  Erlaubniss  erhalten  hatten,  dieselben  für  sich  zu  praepariren.0 

Dann  auf  Seite  51:  ..Unter  den  Beobachtungen  bei  den  Leichen- 
imtersnchnngen,  an  die  Haudelocque  seine  Zuhörer  erinnerte,  ist  be- 
sonders die  Zerreissung  eines  Psoasmuskels  in  der  Anstrengung  zur 
Geburl  wichtig.44 

Folgende  Tabelle  wurde  von  den  vorgefallenen  Geburten  ge- 
geben: Befo  dem  9.  December  1797  bis  zum  31.  Mai  1809  sind  17W8 
Frauen  entbunden,  diese  haben  gegeben  17499  Kinder.  189  Frauen 
gebaren  Zwillinge,  also  1  von  91 ;  nur  zwei  hatten  Drillinge,  2000 
Entbundene,  zum  wenigsten,  sind  schwer  erkrankt,  und  700  gestorben 
und  secirt.  Von  den  Schülerinnen  konnten  diejenigen,  welche 
2  Jahre  lang  in  der  Anstalt  waren,  etwa  3600  Geburten  und 
450  Kranke  beobachten,  von  denen  über  100  starben. 

Hieraus  folgt,  dass  die  Hebammen  in  der  Maternite  in  Folge  des 
Unterrichtssysteins  Gelegenheit  hatten,  einen  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoff  von  den  Leichen  auf  Gesunde  zu  übertragen  und 
hierdurch  Kindbettfieber  hervorzubringen. 

Kiwi  seh  äussert  sich  gegen  die  Theorie  der  Infectiou.  indem 
er  einzelne  engliche  Aerzte  anführt,  denen  in  ihrer  Praxis  an  gan- 
graenösem  Erysipel  leidende  Männer  mit  vielen  mit  Kindbettfieber 
behafteten  Wöchnerinnen  zu  gleicher  Zeit  starben.  —  Das  ist  aller- 
dings wahr,  dass  diese  Beobachtung,  hätte  man  selbe  gehörig  an 
belltet  zur  Entdeckung  der  wahren  Ursache  des  Kindbettfiebers  ge- 
führt hätte.  Alier  jene  Aerzte  blieben  bei  der  vereinzelten  TltMtsacfi«- 
stehen,  dass  das  Kindbettfieber  auch  durch  Uebertragung  der  Jauche 
eines,  gangraeni'isen  Erysipels  eines  Mannes  entstehen  könne.  Neben 
dieser  Thalsache  Hessen  sie  auch  die  volle  Gültigkeit  der  epidemischen 
Einflüsse  bestellen,  kurzum,  sie  kamen  nicht  auf  die  Schlussfolgerung, 
dass  ein  jedes  Kindbettfieber  durch  die  Resorption  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoffe  entstehe  und  dass  es  überhaupt  keine  epidemische 
Einflüsse  gibt,  die  im  Stande  wären  ein  Kindbettfieber  hervorzu- 
bringen. 

Kiwiseh  selbst,  in  seinem  Werke:  ..Klinische  Vorträge 
ulni  specielle  Pathologie  und  Therapie  der  Krankheiten 
des  weiblichen  «Tt  schlechtes."  das  auch  eine  Abhandlung  über 
das  Kindbettfieber  enthält,  beschreibt  dessen  Aetiologie  ganz  im  Sinne 
der  Epidemiker .  In  seinem  Aufsatze  in  der  Zeitschrift  der  Gesellschaft 
der  Aerzte  zu  "Wien  vom  Jahre  1860,  wo  er  meine  Ansicht  über  das 
Kindbettfieber  kritisirt.  stellte  er  sogar  die  Behauptung  auf,  dass  er 
nullt  selten  unmittelbar  nach  der  Leichenöffnung  Schwangere  und 
Wöchnerinnen  untersuchte,  und  hiernach  gar  keine  bösen  Folgen  be- 
merkte. Er  beruft  sieh  weiten  aof  die  Geschichte  des  Kindbettfiebers 
und  auf  die  alltägliche  Erfahrung,  der  zu  Folge  im  Gebiete  ganzer 
Länder  unzählige   Fälle  von  Kindbettfieberepidemien  und  von  söge- 


BemuMlwflifl1  Abhandinngen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


71' 


minntem  sponnlischen  Kindbettfieber  verzeichnet  worden  sind,  wo  man 
auf  eine  Infection  mit  zersetzten,   ÜueriBCh-orgluriBchen  »Stoffen   über- 

'  nicht  denken  könne  und  liebt  den  Umstand  hervor,  dass  zu  ge- 
u  Seiten  sämmtliche  gegen  die  Infection  empfohlenen  Mittel  ver- 
n gewendet  wurden,  während  im  (-regentheil  zu  anderen  Zeiten 
ihre  Vernachlässigung  ohne  alle  bemerkbaren  bösen  Folgen  blieb. 

Wir  bitten  den  geehrten  Leser  sich  die  einschlägigen  Stellen 
unserer  Abhandlung;  in  das  Gted&Chtniss  zuriickzurulrii  und  darnadi 
EQ  beurteilen,  ob  die  Lehre  dieser  Autoren  mit  der  meinigen  iden- 
tisch Ist? 

Lumpe  führt  Folgendes  gegen  mich  an:  „Wenn  man  bedenkt, 
wie  seit  dem  ernten  Auftreten  r»n  Puerperalfieber-Epidemi<-n  die 
Beobachter  aller  Zeiten  sich  die  Köpfe  zerbrochen,  um  die  Ursache 
derselben  aufzufinden  und  ihre  Entstehung  zu  verhüten,  so  muss  uns 
die  Semmelweis'sche  Theorie  geradezu  wie  das  Ei  des  Oolumbus  .1- 

inen.  Ich  gestehe,  dass  ich  selbst  anfangs  hochei freut  war,  als 
ich  von  den  glücklichen  Resultaten  der  Chlorwaschungen  hörte,  und 
es  mit  mir  gewiss  Jeder  gewesen,  der  das  Unglück  hatte  Zeuge 
ED  Bein,  Wie  so  viele  in  Jugendlicher  Frische  erblühende,  kräftige 
Individuen  der  verheerenden  .Seuche  eben  so  schnell  zum  Opfer  fielen. 
Bis  manche  entnervte,  gebrechliche  Jammergestalt.  —  Die  Logik  aber 
hat  seine  Freude  hiei  «'trübt,   da  während  seiner  Dienstzeit  im 

Wiener  Gebärhause  zwischen  dem  Maximum  und  Minimum  der  Sterb- 
lichkeit in  einzelnen  Monaten  eine  derartige  Schwankung  eintrat, 
er  gezwungen  war  anzunehmen:  dem  die  Infection  in  einzelnen 
Monaten  wohl  die  Ursache  der  Sterblichkeit  sei,  in  anderen  Monaten 
aber  ist  sie  es  nicht.    Da  aber  das  logisch  unmöglich  ist,  so  ist  auch 

Lehre  von  der  Infection  eine  Irrlehre." 

Wenn  Lumpe  meine  Lehre  über  das  Kindbettfieber  mit   dem  Ei 

Oolnmbus  vergleicht,  so  spricht  er  aus  meiner  Seele,  denn  mir 
erscheint  sie  auch  ganz  so;  ich  selbst  habe  oft  meine  Verwunderung 
nieht  darüber  ausgesprochen!  dass  die  überzeugenden  Thatsachen  des 
Wiener  Gebiiihauses  diese  Lehre  mir  aufdrängen,  sondern  darüber, 
wie  es  geschehen  kounte,  dass  sie  nicht  schon  lange  vor  mir  von 
einen  der  vielen  talentirten  Aerzte,  die  im  Wiener  Gebärhause  an- 
gestellt waren,  entdeckt  worden  Bei 

Während  der  2  jährigen  Dienstzeit  Lumpe's  war  die  Sterblichkeit 

■  nde. 


Im 

Jahre  1840. 

Im  Jahre   1841. 

Geln: 

Todte 

Monat 

Geburten 

Todte 

Juli 

212 

12 

J  finner 

254 

:;7 

,-! 

22 

Februar 

239 

18 

nber 

Miliz 

12 

er 

816 

BS 

April 

265 

4 

216 

42 

Mai 

2:«ö 

2 

nber 

232 

4K 

Juni 

200 

10 

Im 

Jahre  1841. 

Im  Jahre  1842. 

M'-naT 

Qebrjrten 

Todte 

Monat 

Gebarten 

Todte 

Jnli 

18 

Jänner 

901 

64 

AflglUl 

222 

B 

Fthrnar 

311 

(S 

213 

-t 

H&rs 

2fU 

27 

26 

A|Hil 

242  . 

26 

Nl.'VM, 

235 

68 

Mai 

10 

I'.thuImt 

fehlt 

Juni 

18 

SO  SeInmelwei3,  Abhandhingeu  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Lumpe  folgert  nun  so:  „So  lange  die  Ohlorwaschungen  im  Ge- 
brauch waren,  so  lange  waren  trotz  ihnen  20  St  erbe  lalle  die  monat- 
liche Maximalzahl,  die  vorgekommen  ist.  Wir  müssen  also  folgerecht 
zugeben,  dass  nur,  was  über  dieses  Maximum  hinausgehe,.  Int'ectinii 
Bat,  was  darunter  bleibt,  ist  keine  Infectiou,  da  Chlorwaschuugen  sre- 
braucht  wurden. u  Dazu  macht  er  noch  folgende  Bemerkung:  „SemiiiH- 
waifl  erklärt  zwar,  dass  zur  Zeit  dieser  grossen  Sterblichkeit  die 
rlilonvaschungen  nachlässig  gemacht  wurden,  ob  und  wiefern  dies 
richtig  sei?  darüber  muss  Dr.  Braun,  in  dessen  Assisteuzzeit  dieser 
Monat  ßlüt,  zur  eigenen  Rechtfertigung  genauere  Auskunft  geben, 
i<  h  kann  auf  ein  blosses  „on  dit**  keine  Rücksicht  uehnien." 

Er  sagt  weiters,  dass  während  der  Zeit  von  24  Monaten  durch 
11  Monate  weniger  als  20  gestorben  sind,  also  war  folgerichtig 
während  11  Monaten  die  lnfection  keine  Ui-sache  des  Kiudbettfieheis: 
wahrend  den  übrigen  13  Monaten  aber,  wo  mehr  wie  20  gestorben 
sind,  war  die  lnfection  das  aetiologische  Moment  des  Kindbettfiebers. 
Das  zu  behaupten  ist  ein  Unsinn. 

I  »i  r  geneigte  Leser  erinnert  sich  noch,  dass  wir  folgende 
Lehre  aufstellten:  ein  jedes  Kindbetttieber  entsteht  durch  die 
Resorption  eines  zersetzten  thierisch-orgauischen  Stoffes:  dieser  Stoff 
wird  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  von  aussen  eingeführt  und  das  sind 
jene  Fälle,  die  verhtitbar  sind;  in  einzelnen  seltenen  Fällen  entsteht 
dieser  Stoff  innerhalb  des  Organismus  und  da  ist  die  Krankheit  nicht 
zu  verhüten:  derartige  Fälle  weiden  immer  vorkommen,  doch  ge- 
schieht dies  bei  100  Wöchnerinnen  kaum  einmal:  also  nicht  bei  20 
unter  200,  sondern   schon  bei  2  unter  200  ist  lnfection  die  Ursache. 

Dr.  Lumpe  darf  daher  nicht  behaupten,  dass  durch  11  Monate 
Hiebt  lnfection  die  Ursache  des  Kindbettfiebers  war.  da  stets  mehr 
gestorben  sind  wie  1  von  100.  Die  Behauptung  aufzustellen,  wenn 
die  Theorie  der  lnfection  wahr  wäre,  so  müsste  die  Sterblichkeit 
durch  säunntliche  Monate  die  gleiche  sein,  —  ist  ein  wahrer  Unsinn, 
da  doch  die  [nfection  von  vielen  Zufällen  abhängig  ist.  so  z.  B.  von 
der  Zahl  der  Schüler,  von  ihrem  Fleiss.  von  der  Art  ihrer  Be- 
schäftigung während  des  Aufenthaltes  auf  der  Gebäranstalt,  von  dem 
Faulnissgrade  der  Leiche,  von  der  Jahreszeit  im  Sommer  ist  es  für 
die  Schüler  angenehmer  in  der  reizenden  Umgebung  Wiens  sich  auf- 
zuhalten als  in  der  Leichenkammer  i  von  der  Zeit  der  Beschäftigung 
mit  der  Leiche,  ob  vor  oder  nach  der  Visite  u.  s.  w..  u.  8.  w..  —  all 
das  sind  Umstände,  wodurch  die  Schwankungen  der  Sterblichkeit 
BOgteWUngU  erklärt  werden. 

Mfnde  zweifelt   an  der   Richtigkeit  d  heninfection.    Er 

sucht  in  der  schlechten  Ventilation  den  Grund  des  häufigen  Kindbett- 
fiebers in  Wien,  ferner  in  dem  Zusammeugedrängtsein  der  Wöchnerinnen 
in  den  beengten  Räumen  des  allgemeinen  Krankenhauses,  und  meint 
denselben  gerade  in  Folge  dieser  fördernden  Verhältnisse  in  der  Ent- 
stehumr  eines  Miasmas  aufzufinden.  Hätte  er  Recht,  so  würden  die 
(  hlorwaschuugen  nutzlos  gewesen  sein,  denn  die  Localitätsverhält- 
nifise  wurden  durch  dl  -seilten  überhaupt  nicht  geändert,  davon  zu 
schweigen,  dass  —  wie  wir  im  Laufe  unserer  Abhandlung  dargelegt 
haben  —  diese  uniriinsiiiren  Verhältnisse  in  der  Hebammen- Abtheilung 
in  höherem  M  rhauden  waren  und  sie  trotzdem  ein  günstigeres 

Sterbliehkeitsverhät?  die  Aerzteabtheiluug  aulzuweisen  hatte. 


Seoimelwei?'  Abhandlungen  Bftd  W<ik  ibtt  dlfl  KiiMlIiHiru-l-i 


ßj 


Hammernik  leugnet  die  Bestandsfähigkeit  der  Leicheninfeci i 
Theorie,  indem  er  die  Ursache  des  Kindbettfiebers  aus  der  nämlichen 
Quelle  herleitet,  woher  die  Cholera  entspringt.  —  Wäre  dies  wahr, 
nämlich  dass  die  Cholera  und  das  Kindbettfieber  aus  derselben  epi- 
demischen Ursache  hervorgehen,  dann  niüsste  zu  den  Zeiten.  WO  unter 
den  Wöchnerinnen  das  Kindbettfieber  herrscht,  bei  einem  anderen  Theil 
der  Bevölkerung  die  Cholera  herrschen.  Dies  ist  aber  nicht  zu  beob- 
achten, vielmehr  das  Gegentheil,  nämlich,  dass  wenn  wirklich  die 
Cholera  herrscht,  die  epidemischen  Einflüsse  auch  bei  Wöchnerinnen 
nicht  das  Kindbettfieber,  sondern  die  »holera  erzeugen. 

Bamberger  sagt:  „Die  Theorie  der  Infection  ist  aus  dem 
Grunde  weniger  wahr,  da  wir  in  den  meisten  Fällen  an  der  Leiche 
der  an  Kindbettfieber  Verstorbenen  gar  kein  locales  Leiden  an  der 
Resorptionsstelle  nachweisen  können,  während  meiner  Meinung1  nach 
an  der  Innenfläche  des  Uterus  in  Folge  der  Uebertragung  zersetzter 
thi»  risch  organischer  Stoffe  zuerst  ein  circumscripte  Endometritis, 
Phlebitis  und  Lymphangioms  auftritt;  der  hierdurch  entstandene  Eiter 
wird  dann  rcsorbirt  und  bringt  das  Kindbettfieber  hervor." 

Nie  habe  ich  diese  Behauptung  aufgestellt;  meine  Lehre  über 
die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  ist  vielmehr  die,  dass  der  zersetzte 
thierisch-organische  Stoff  ohne  jedes  locale  Leiden  resorbirt  wird,  dass 
die  erste  F<dge  der  Resorption  die  Entmischung  des  Blutes  ist,  aus 
diest  m  entmischten  Blut  lagern  sich  die  verschiedensten  Exsudate  ab, 
diu  Exsudat  selbst  kann  sich  an  die  Kesorptionsstelle  ablagern  oder 
auch  nicht;  das  auf  der  Resorptionsstelle  gefundene  Exsudat  hat  die- 
selbe Bedeutung,  wie  in  beliebigen  anderen  Organen,  und  nicht  das 
i.-i  die  Ursache  des  Kindbettfiebers,  sondern  die  Ausscheidung  des 
durch   die  zersetzten   thierisch-organischen  Stoffe  entmischten  Blutes. 

Prof.  Braun  ist  ebenfalls  gegen  meine  Theorie  über  die  Ent- 
stehung des  Kindbettfiebers.  indem  er  sich  auf  jene  Epidemien  beruft, 
che  während  seiner  Assistenzzeit  trotz  den  Chlurwaschungen 
aufgetreten  sind.  Diesbezüglich  weisen  wir  auf  das  hin,  was  wir 
über  die  trotz  den  Chlorwaschungeu  auftretenden  Epidemien  bei 
Scanzoni  und  Seyfert  gesagt  haben.  Als  noch  wichtigeren  Beleg 
bringt  Professor  Braun  eine  an  der  (II.)  Abtheilung  der  Hebammen 
aufgetretene  Epidemie  vor,  an  welcher  Abtheiluug  also  eine  Leichen- 
infection  nicht  denkbar  ist.  Das  Geheimniss  dieser  Epidemie  deckt 
Professor  Chiari  in  seinem  Aufsatze:  ,,  Winke  zur  Vorbeugung  der 
puerperalen  Epidemie"  im  Wochenblatt  der  Zeitschrift   der  k.  k.  Ge- 

hatt    der  Aerzte  zu  Wien.     L  Jahrgang,   19.  Februar  1855   auf. 

In  diesem  Aufsatze  beschreibt  Chiari  zwei  an  der  Prager 
Klinik  beobachtete  Epidemien.  Er  sagt:  „Vom  28.-27.  Jänner  1853 
wurde  bei  einer  Erstgebärenden  eine  den  eben  be- 
stimmten Zeitraum  anhaltende  Verzögerung  der  Geburt 
durch  Verdickung  des  Muttermundes  und  nachträg- 
liche Gaugraenescenz  noch  während  der  Geburt  beob- 
achtet. Nachdem  vergebens  Bäder,  Einspritzungen, 
Antiphlogose,  Incisionen  des  knorpelharten  und  finger- 
dick ge wulste ten  Muttermundes  angewendet  worden 
waren,  schritt  man  zur  Verkleinerung  des  bereits  durch 
den    längeren  Geburtsact  gestorbenen    Kindes,    um    die 

int  nach  viertägiger  Dauer  zu  vollenden.  Die  Ab- 
sonderung   aus    der    Scheide   war   in    den    zwei    letzten 


Serainelwei»'  gesammelte  Werke. 


6 


Semtiithvei-'   Alili;tmlliui'.;en  nml   Werk   über  daa  Kiii<ibtttfieber. 


I  .1  gen  bräunlich  misxfarbig,  höchst  übelriechend.  Diese 
\\  öchnerin  erkrankte  an  heftiger  Endometritis  septica, 
und  erlair  den  1.  Feber  dieser  Krankheit.  —  Von  dem 
Tage  an.  wo  diese  Gebärende  auf  dem  Geburtszimmer 
war,  erkrankten  9  andere  Gebärende,  die-  zugleich  mit 
ihr  auf  dem  Gebär /immer  lagen;  mir  Ausnahme  einer 
einzigen  starben  sie  alle.  Von  den  letzten  Tagen  J&nnei  e 
schleppten  sich  die  häufigen  Erkrankungen  bis  in  deu 
Monat  Mai  hin,  worauf  wieder  bis  Oc  tob  er  der  günstigste 
Gesundheitszustand  herrschte." 

Prof.  Chiari  erklärt  diese  Erkrankung»-  und  Sterbefälle  mit  der 
Uebertragung  der  Producte  einer  Metritis  septica  auf  gesunde  Ge- 
bärende und  Wöchnerinnen  und  fährt  fort:  ..Ich  hatte  (leider!)  die 
Gelegenheit,  mir  einen  mich  noch  mehr  in  meiner  Meinung  bestärkenden 
Beweis  in  einer  zweiten  traurigen  Erfahrung  zu  verschaffen.  Im 
October  18ÖH.  einige  Tage  vor  meiner  liückkelir  von  einer  mein  - 
wöchentlichen  Reise  nach  Prag,  wurde  die  Perforation  wegen  engen 
Beckens  bei  einer  durch  mehrere  Tage  kreissenden  Frau  nothwendig. 
Diese  Wöchnerin  starb  an  Endometritis  septica  mit  Verjauchung  der 
Gelenksknorpel  des  Beckens.  Von  dieser  Zeit  an  traten  wieder  zahl- 
reiche bösartige  Erkrankungsfälle  auf,  welche  nur  Mitte  November 
wieder  aufhörten." 

„Uebrigens  hat  auf  diese  Entstehungsweise  (nämlich  des  Puer- 
peralfieber:? durch  Uebertragung  schadhafter  Stoffe)  schon  Semmelweis 
die  Aufmerksamkeit  gelenkt  und  im  Herbst  wurde  auch  an  der  hie- 
sigen Hebaminenabtheilung  Aehnliches  beobachtet,  wie  mir  dies  mein 
Freund  Dr.  Spaeth  vertraulich  mittheilte. 

Im.  Spaeth.  Assistenzarzt  an  der  Hebammenschule,  gesteht  zur 
Zeit  der  herrschenden  und  durch  Professor  Braun  erwähnten  Epidemie 
ein,  dass  diese  durch  Uebertragung  gefährlicher  Stoffe  zu  Stande 
kam ;  das  ist  ja  keine  Widerlegung,  sondern  im  Gegentheil  eine  Be- 
stätigung meiner  Meinung. 

Prof.  Braun  führt  alle  diejenigen  ungünstigen  Umstände  an, 
welche  in  Wien  in  den  Verhältnissen  der  ärztlichen  Geburtsklinik 
wurzeln  und  meint,  dass  hierin  die  Ursache  der  im  Verhältnisse 
zur  Hebammenabtheilung  grösseren  Sterblichkeit  liege,  nicht  aber  in 
■  l<i  Lei clicninfeeiion.  Er  bedenkt  dabei  nicht,  dass  diese  Umstände 
an  der  Hehnmmenabtheiliing  noch  viel  ungünstiger  sind  (wie  wir  dies 
in  unserer  Abhandlung,  wo  von  den  endemischen  Einflössen  die  Rede 
war,  erwiesen  haben  i:  bedenkt  ferner  nicht,  dass  dieselben  auch  da- 
mals vorhanden  waren,  als  die  <  'hlorwaschungen  ein  su  giinst 
Resultat  lieferten.  Endlich  kommt  er  zum  Schlüsse,  dass  mein. 
Meinung  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  eine  durch  Nichts 
beweisbare  Hypothese  sei.  Nichtsdestoweniger  widerspricht  er  sich 
selbst,  als  er  die  Prophylaxe  des  Kindbetthebers  behandelnd,  sagt  : 
„Da  das  Puerperalfieber  oder  Pyämie  durch  Einimpfung  von  Leichen- 
gift weiden  und  durch  Uebertragung  von  septischen  Exsu- 
daten, sowie  durch  das  Znsammenwohnen  mit  Andern  an  einer  der 
verschiedenen  zymotischen  Krankheiten,  wie:  Typhus,  Cholera,  Schar- 
lach, Masern  u.  s.  w.  Leidenden  verbreitet  werden  könne,  so  ist  es 
die  strenge  Pflicht  der  Aerzte,  auf  die  Absonderung  der  gesunden 
Wöchnerinnen  von  zyniotise.h-erkrankteB  Individuen,  sowohl  in  Privat- 
wohnungen,   als    in  Gebiirh.-'iusern    genau    zu  sehen,    und  niemals  eine 


Semmelweil'  Abhandlm!*;?"  taA  Wart  EklMr  «las  Kimlbettfieber. 


83 


Untersuchung  oder  eine  Operation  bei  einer  Schwangeren,  Gebärenden, 
Wöchnerinnen  zu  gestatten,  wenn  kurze  Zeit  zuvor  ein  hilfeleistende* 
Individuum  mit  Leichentheilen  oder  septischen  Exsudaten  zu  tlnm 
In  einer  Anmerkung  setzt,  er  hinzu:  „Eb  ist  daher  die 
löblichste  Vorsicht  eines  jeden  Klinikers  die  klini- 
schen Explorationen  in  den  frühesten  Morgenstunden 
nehmen  zu  lassen,  bevor  noch  die  Beschäftigungen 
am  tadaver  vorgenommen  wurden." 


Drr  Meiiimigpiiiiterftcliied  zwischen  mir  und  den 
englischen  Aerzten  über  das  Kindbettfleber, 

(1860.) 


hdem   mich   das  Ergebnis  der  Chlonvaschungen  davon  über- 
zeugt hat,  h'hs  die  wahre  Ursache  des  Kindbettfiebers  sei,  theilt. 

■  ■  Meinung  den  Leitern  mehrerer  Gebäranstalten  mit,  damit  ich 
die  Menschheit  und  deren  möglichst  grfissten  Theil  von  dieser  Geissei 
je  eher  befreie. 

Die  erste  \ntwort  auf  meine  Mittheilung  kam  mit  erstaunlich*! 
Schnelligkeit  von  Professor  Simpson  aus  Edinburg, 

Er   erwiderte   in   seinem  in  recht  erregten  Ton  gehaltenen  Brief 

unter  Anderen,  mein  Schreiben  diene  ihm  als  Beweis,  dass  mir  die 

englis«'he  Litteratur  ganz  unbekannt  sei.  denn  sonst  würde  ich  wissen, 

die    l-.ngländer  das  Kindbettfieber  längst   für   eine   contagütee 

Krankheit  halten,  und  zu  deren  Verhütung  Chlorwaschungen  anwenden. 

Dass  die  englischen  Aerzte  das  Kindbettfieber  Im  eine  conta^K-- 
Krankheit  halten  und  dagegen  Chlorwaschungen  anwenden,  war  aller- 

-  auch  mir  bekannt,  aber  ich  halte  das  Kindbettfieber  für  keine 

contagiöse   Krankheit.    Prof.  Simpson   konnte  nur  in  Folge   einer 

ereilung  meine  Ansicht   über  das  Kindbettfieber  mit  der  Änsichl 

englischer  Aerzte  für   identisch  halten;   dies  geht  aus  einer  Cprre- 

spo&denz  zwischen  mir  und  dem  Arzt  F.  H.  R  o  u  t h  in  London  hervor. 

Dr.  Kouth  besuchte  die  I.  Gebärklinik  zu  Wien  während  meiner 

izzeit ;  das  was  er  gesehen,  überzeugte  ihn  von  der  Richtigkeit 

meiner  Lehre.    Er  reiste  mit  dem  Vorsätze  in  sein  Vaterland  zurück. 

meine  Lehre  dort  zu  verbreiten;   ich  erhielt  seinen  eisten  Briet  ans 

London  vom  23.  Jänner  ls49,  folgenden  Inhalts: 

..i ■'••mitiis  in  tiltimis  septimanis  Novembris  (1848)  eonvucatis,  illic 

Draus,  in  «juo  tuam  inventionem  enunciavi  reddsns  tibi,  ut  rolnit 

tia.  maximam  gloriam,  praelectus  tüit.     "Enim  vero  possum  dicere, 

Tritiim   diseursum   optime   exceptuni    tuisse,   et  niulti    inter  soeios  doc- 

tissimofi    attestaverunt    argumentum   convincens    Ansse.     intet    hos 

e 


84 


äearaelireil9   Aliliaii.linii^-ii   und   Werk  über  das  Kindlwtlieber. 


praecipue  Webster  Copelaud  et  Mr.  Murphy,  viri  et  doctores  clarissimi, 
optima  locuti  sunt. 

In  Lancetto  Xovembris  1848  possis  omnia  de  hac  controversia 
contiogentia  legere. 

Oredis  ne  novos  casus,  qui  in  hospitio  ex  tempore  mei  abitus 
admissi  sunt,  opinionem  tuam  coniirmant? 

Febris  ne  puerperalis  rarior  est  quam  antea?  Si  morbus  sie 
periculosus  in  cubilibus  obstetrieiis  non  adsit  ut  ante,  certe  effectus 
magni  moraenti  denuo  firmatus.  In  Fraga  quoque,  ubi  febris  puerperal i^ 
tarn  frequenter  obvenire  solebat,  eisdem  causis  conseeuta  fuit  ingeneravi!~ 

„Dorset-Square,  London  21.  May  1849. 
Meas  annotationes  de  tua  inventione  in  libellulo  publica  vi." 

„Dorset-Square,  London  3.  December  1849. 
Jam   inventionis   tuae   fama  ac   veritas  in   existimatione  publica 
accresc.it r   et   inter  omnes  medicorum  societates  quam  res  est  maxime 
utilis,   pereipiunt   et  agnoseunt,  nee   vero  etiam  temere*   nani  magna 
est  veritas,  et  praevalebit." 

Murphy,  Professor  der  Geburtshilfe  früher  zu  Dublin,  jetzt  zu 
London,  hat  in  der  Zeitschrift:  „The  Dublin  Quarterly  Journal  of 
Medical  Science"  —  August  1857  —  einen  längeren  Artikel  ver- 
öffentlicht in  welchen  er  den  oben  erwähnten  Vortrag  Dr.  Routh's 
bespricht,  und  sich  den  in  demselben  ausgesprochenen  Ansichten  an- 
schliesst3) 

Selbst  Simpson  hat  die  Ansicht,  dass  das  Kindbettfieber  eine 
eoiitagiöse  Krankheit  sei,  aufgegeben;  er  hält  dasselbe  identisch  mit 
dem  chirurgischen  Fieber  und  sagt:  „Beim  Kindbettfieber  und  beim 
chirurgischen  Fieber  ist  das  Fieber  nicht  die  Ursache  der  begleitenden 
Entzündungen ,  noch  sind  die  Entzündungen  die  Ursache  des  be- 
gleitenden Fiebers,  sondern  das  Fieber  sowohl  als  die  Entzündungen 
sind  die  Folgen  einer  gemeinschaftlichen  Ursache,  nämlich  des 
ursprünglichen  Blutverderbnisses.  Was  aber  das  Blut  verderbe,  dies 
genügend  zu  beantworten,  bleibt  der  späteren  Zeit  einer  mehr  ausge- 
bildeten pathologischen  Anatomie,  Histologie  und  Chemie  vorbehalten."3) 

Diese  Aufgabe  ist  schon  gelöst,  denn  das  was  die  Blutverderbnis 
als  gemeinschaftliche  Ursache  des  begleitenden  Fiebers  und  der  be- 
gleitenden Entzündungen  beim  Kindbett  lieber  und  beim  chirurgischen 
Fieber  hervorbringt,  das  ist  bereits  als  resorbirte  zersetzte  thierisch- 
organischer  Stoff  entdeckt. 

Aus  dem  Briefwechsel  mit  dem  erwähnten  Dr.  Routh  erhellt 
der  Irrthum  Prof.  Simpson 's.  indem  er  meine  Lehren  über  das 
Kindbettfieber  identisch  mit  der  der  englischen  Aerzte  hält.  Zuge- 
geben, dass  die  englischen  Aerzte  wahrgenommen  haben ,  dass  di« 
Uebertragung  zersetzter  thierisch-organiseher  Stoffe  auf  gesunde 
Wöchnerinnen  das  Kindbett  lieber  hervorbringt,  so  haben  sie  doch 
hieraus  gauz  andere  Folgerungen  gezogen,  wie  ich,  was  wir  auch  aus 
den  folgenden  englischen  Beobachtungen  erweisen  wollen. 

')  On  the  eauses  of  the  Endemie  Puerperal  Fever  oj  ViemHU  By.  (.'.  H.  F. 
Routh  M.  D.  London,  1849.    Medico-Chirurgical-Transactions  Vol.  XXXII. 

-)  What  is  Puerperal  Fc?*tJ  A  quettion  propoMd  to  the  epidemiological  Society 
of  London.    By  Eduard  William  Murphy.     A.  M.  M.  P.  Dublin  1857. 

•)  Edinb.  Monthly  Journal  1850. 


Sosroelweit'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindtettfobtt, 


85 


In  dem  auf  diese  englischen  Beobachtungen  Bezug-  nehmenden 
Werke1)  Dr.  Arneth's  lesen  wir  Folgendes: 

Eine  lange  Reihe  der  englischen  Beobachtungen  beweist,  dass 
die  Uebertragung  fauler  Stoffe  im  Allgemeinen,  besonders  aber  der 
Leichenteile  auf  Gebärende  Kindbettlieber  hervorbringen.  Doch  er- 
klaren sie  diese  Fälle,  wie  wir  später  sehen  werden,  ganz  anders. 

Unter  den  über  den  Gegenstand  erschienenen  Fachschriften  machte 
in  England  nichts  mehr  Aufsehen,  als  ein  Journalartikel  von  Robert 
storrs.  Storrs  befragte  schriftlich  mehrere  Collagen  um  Ihre  Er- 
fah  Hingen  und  Ansichten.  Das  Resultat  dieser  Umfrage  war  unge- 
fähr Folgendes: 

„Reedal  in  Sheffield  behandelte  einen  jungen  Mann,  der  an 
einer  bösartigen  Leistengeschwulst  und  einer  erysipelatOsen  Ent- 
zündung des  Hodensackes  und  der  Hinterbacken  litt,  die  täglich  Ver- 
den werden  mussten  und  endlich  einen  tätlichen  Ausgang  nahmen. 
Seine  Schwester,  die  ihn  pflegte,  bekam  gleichfalls  Rothlauf  im  Ge- 
siebte   und  am  Kopfe,   zu   dem   sicli   Fieber  mit   typhösem  Ohara«  ni 

Ate,  and  sie  binnen  zwei  Tagen  wegraffte.  —  Während  Reedal 
nun  den  Patienten  behandelte,  bekamen  fünf  Krauen,  bei  deren  Ent- 
bindung er  vom  26.  October  bis  3.  November  1843  zugegen  war,  das 
Puerperalfieber  und  starben.  Zu  den  genannten  Unglücklichen  war 
er  fast  unmittelbar  nach  der  Reinigung  jener  Wunden  gegangen, 
während  zwei  Frauen,  die  gleichfalls  während  des  (iebnitsgeschiilii  > 
seine  Hilfe  in  Ansprach  genommen  hatten,  zu  denen  er  aber  erst 
einige  Standen  nach  jenem  gefahrbringenden  Krankenbesuche  ge- 
ii  war.  ohne  bedeutendere  Erk  ran  klingen  davonkamen.  Nach 
dem  Tode  jener  Frauen  gab  Reedal  seine  Besuche  bei  dem  jungen 
Manne  auf,  weil  er  sich  für  den  Verbreiter  der  Krankheit  ansehen 
musste  und  seidem  hatte  er  eben  so  wenig  mehr  einen  Fall  von  Puer- 
peralfieber in  seiner  Praxis,  als  ihm  dergleichen  W»  der  Behandlung 
jenes  Erysipels  vorgekommen  waren." 

„Sieig hl  in  Hüll  berichtet,  dass  er  einen  Kranken  am  gangraene- 
»cirenden  Erysipelas  behandelte  lutd  während  seines  Besuches  bei 
demselben  zu  einem  Geburtsfalle  gerufen  wurde;  obwohl  die  Geburt 
sehr  leicht  und  regelmässig  verlief,  wurde  die  Frau  20  Stunden  dar- 
nach vom  Puerperalfieber  ergriffen  und  starb  nach  18  Stunden 
wahrender  Krankheit  • 

„Hardey,  gleichfalls  in  Hüll  wohnend,  behandelte  einen  Abscess 
in  der  Lendengegend  und  einen  erysipelatösen  Abscess  an  den  Brost; 
zur  selben  Zeit  starben  sehr  viele  Schafe,  Kühe  und  Tauben  nach 
der   Geburt.     Hardey    behandelte   in    Monatsfrist   20   Geburtsfälle, 

denen   sieben  Frauen   starben;   alle  diese  Geborten  hatten  einen 

I massigen  Verlauf  gehabt,  auch  war  sonst  keine  Ursache  des 
nngliick liehen  Ausganges  aufzufinden;  Niemand  aus  der  Umgebung 
der  Unglückliehen  wurde  von  einer  ähnlichen  Krankheit  befallen. 
Hantige  Chlorwaschnngen  und  ein  ganz,  neun  Anzug  hoben  endlich 
die  Weiterverpflanzung  der  Krankheit  mu!" 

„Drei  Aeizle  von  Hüll  trafen  bei  der  Section  eines  Mannes  zu- 
sammen,  der  an    Gangrän   nach   einer   Operation    von  Hernia   incar- 

ta   gestorben  war.    Alle  berührten  die  Leichentheüe.    Einer  von 


1     l'eber   Geburtshilfe    und    Gynäkologie    in    FraukreMi .    Großbritannien    und 
Jrl*it<1.     Wien   IfvrV   hei    Wilhelm    Rrauiiiftller. 


86 


Semmelweis'  Abhandiung-eu  und  Werk  über  das  Kindtietttieber. 


ihnen  wurde  von  dem  Leichname  weg  zu  einer  Geburt  gerufen;  diese 
und  noch  einige  rasch  auf  einander  von  ihm  entbundene  Frauen 
starben  am  Puerperalfieber.  Nicht  besser  erging:  es  seinen  beiden 
i  ollcgen,  die  in  kürzester  Frist  nach  jener  Leichenbesichtigimg  auch 
Fälle  von  Kindbettlieber  in  ihrer  Praxis  beobachteten.  Der  Zufall 
führte  sie  nach  einiger  Zeit  wieder  zusammen,  sie  klagten  sich  gegen- 
seitig ihre  Unglücksfalle.  Sie  gaben  ihre  geburtshilfliche  Praxis  für 
einige  Zeit  auf.  und  hatten  nach  dem  Wiederantritte  derselben  keine 
Kränkln  it stalle  mehr  zu  beklagen. 

.,s.  Allen  in  York  verlor  eine  Reihe  Patientinnen  am  Kindbett  - 
lieber,  ÄOCb  nur  im  ersten  dieser  Fälle  war  er  im  «Stande  irgend  eine 
Verbindung  mit  Firy.sipelas  herauszufinden.  —  Zwei  Monate  hindurch 
war  in  seiner  Praxis  kein  Fall  von  Puerperalfieber  mehr  vorgekommen, 
als  plötzlich  wieder  eim-  von  seinem  Assistenten  gepflegte  Frau  von 
dieser  Krankheit  befallen  wurde ;  derselbe  war  damals  mit  einer  Jacke 
bekleidet  gewesen,  die  er  zuletzt  zur  Zeit  der  Nachtwache  bei  einer 
kindbettfieberkranken  Frau  getragen  hatte.  —  Der  Mann  der  oben- 
erwähnten Frau  wurde  gleichfalls  von  Bauchfellentzündung  befallen, 
die  alle  Merkmale  des  Puerperalfiebers  an  sich  trug  und  tödtlich 
endete.  Uebrigens  war  dies,  so  viel  Allen  weiss,  der  einzige  Fall 
von  Uebertragung  der  Krankheit  auf  die  Umgebung  der  Kranken, 
der  sich  in  seiner  Praxis  ereignete." 

So  weit  reichen  die  schriftlichen  Antworten  jener  Collegen,  die 
Storrs  befragt  hatte. 

Storrs  fuhrt  nun  in  Folgendem  seine  eigene  Erfahrungen  au,  die 
nach  seiner  Meinung  durchgehends  beweisen,  dass  die  Kränkln  ii 
contagiös  sei,  die  nach  ihrer  überwiegenden  Mehrheit  zeigen,  dass 
ihr  Ursprung  in  einem  animalischen  Gifte  zu  suchen  sei,  die  nicht 
selten  bösartige  Krankheiten  bei  Anderen  hervorbrachten,  und  die 
alle  die  Fruchtlosigkeit  der  ärztlichen  Behandlung  und  gerade  des- 
halb die  äusserste  Notwendigkeit  von  Vorbauungsmitteln  nachweisen. 

I.  „Am  8.  Jänner  1841  leistete  Storrs  Frau  D.  bei  einer  Geburt 
Beistand;  am  selben  Tage  war  er  auch  bei  Frau  Richardson  be- 
schäftigt, die  an  gangraencscimidem  Rothlauf  litt;  beide  Frauen  be- 
dienten sich  derselben  Wärterin.  Frau  D.  starb  am  Puerperalfieber 
und  ihre  Schwester  bekam  Typhus,  nachdem  sie  selbe  gepflegt  hatte." 

II.  „Am  13.  Jänner  war  .Storrs  bei  der  Geburt  der  Frau  B. 
anwesend,  auch  sie  starb;  einige  Tage  hieraufbekam  ihre  Schwieger- 
mutter Typhus,  an  dem  auch  sie  starb.  Die  Wärterin,  die  beide  ge- 
pflegt hatte,  bekam,  wie  ihr  Sohn,  gleichfalls  den  Typhus,  von  dem 
sie  sich  jedoch  erholten," 

III.  „Gleichfalls  am  13.  Jänner  war  Storrs  bei  dem  GeburUs- 
geschäfte  der  Frau  Par.  zugegen,  die  gleichfalls  starb;  ihr  Gatte  war 
zur  selben  Zeit  am  Erysipel  mit  typhösem  Fieber  erkrankt,  von  dem 
er  sich  jedoch  erholte  Eine  benachbarte  Freundin  der  Verstorbenen 
hatte  Erysipelas,  Pleuritis  und  Abscess,  doch  genas  sie;  nicht  so 
glücklich  war  ihre  Wärterin,  die  am  Typhus  starb/' 

„Eine  IV.  und  V.  Kranke  erholten  sich  und  verursachten  auch  bei 
Niemand  ähnliche  Krankheiten." 

VI.  -Am  12.  Februar  eröffnete  Storrs  an  der  obengenannten 
Frau  Richardson  einen  Abscess  und  ward  hierauf  bei  der  drei  englische 
Meilen  entfernt  wohnenden  Frau  P.  beschäftigt,  die   ebenfalls  starb. 


Setnmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


87 


Ihre  Schwester   hatte   Erysipelas  mit   tj-phüsen   Krs<ii.-inuiigen    und 
Herpes,  worauf  ein  ungeheurer  .Abscess  in  der  Brust  folgte." 

VII.  ..Frau  P.  wurde  nicht  von  Storrs  entbunden,  sondern  nur 
vini  ihm  besucht;  Frau  P.  hatte  das  Kind  der  Frau  Bt  auf  der 
Bahre  gebettet,  das  einige  Tage  früher  an  Gangrän  des  Xaln-1-  _•<  - 
Stürben  war.  —  Storrs  hatte  der  Frau  Bt.  zur  Zeit  dieser  Krank- 
heitsfälle Beistand  geleistet,  Frau  Bt.  starb  und  es  folgte  ihr  bald 
ihr  Kind,  das  am  Brande  des  Nabels  und  der  Geschlechtstheile  zu 
(Gründe  ging." 

\  Hl.  „Frau  W..  diu  unter  Storrs'  Leitung  entbunden  wnrde, 
nachdem  er  am  vorhergehenden  Morgen  bei  Frau  Ricliardsou  einen 
Abs<e>s  eröffnet  hatte,  starb/4 

orrs  machte  nun  eine  14tägige  Reise,   und    hoffte   sieh   auf 
diese  Art  iränzlich  zu  reinigen.-' 

IX.  „Am  21.  März  Nachts  war  er  bei  der  Geburt  der  Frau  W. 
thätig,  nachdem  er  Morgens  bei  Frau  Richardson  abermals  einen 
Abscess  geöffnet  hatte;  Frau  W.  starb  gleichfalls,'* 

X.  ..Ein  gleiches  Schicksal  hatte  Frau  Dk..  die  am  22.  geboren 
hatte." 

„Einige  Monate  darauf,  als  das  Gift  schon  etwas  erschöpft  war, 
legte  Storrs'  Assistent  an  das  Bein  der  Frau  Ricliardsou  eine  Binde 
an  und  entband  am  Tage  darauf  eine  junge  Frau;  sie  wurde  von 
heftiger  Bauchfellentzündung  befallen,  man  liess  ihr  zweimal  zur  Ader. 
—  sie  erholte  sich.  —  Bei  ihr  hatte  die  Krankheit  einen  mehr 
stheuischen  Chai-akter." 

Storrs  hofft  durch  seinen  Aufsatz  (aus  dem  wir  darum  so  reich- 
liche Auszüge  geliefert  haben,  weil  er  den  an  den  englischen  An- 
sichten über  die  Weitervei  breitung  des  Puerperalfiebers  Zweifelnden 
überall  entgegengehalten  wird)  bewiesen  zu  haben: 

1.   Dass  das  Puerperalfieber  durch  Berührung  mittheilbar  sei. 
_'.   l>as^  dasselbe  von  einem  thierischen  Gifte,  und  zwar  besondere 
dem  Kothlaufe  und  seinen  Folgen,  aber   auch  zuweilen   vom 
Typhus  herstamme.1) 

3.  Dass  das  Kindbett  lieber  ohne  Unterschied  an  der  Umgebung 
der  Erkrankten,  Rothlauf,  Typhus,  und  beim  männlichen  Ge- 
schlecht ein  Fieber,  das  bisweilen  ungemein  dem  Puerperal- 
fieber gleicht,  hervorbringe. 

4.  Dass  im  Ganzen  die  vernünftigste  und  sorgfaltigste  Behand- 
lung ohne  Erfolg  Meibt. 

Im  Gefühle  dieser  letzten  traurigen  Erfahrung  schlägt  Storrs 
vor,  dass  Geburtshelfer,  um  ähnliches  Missgeschick  zu  verhüten,  nie 
in  demselben  Kleide  Kreissende  besuchen  sollen,  worin  sie  schon  bei 


'  Nuch  viel  weiter  geht  Nunneley  („A  treatiso  ou  tue  Natur. ■.  CtlMI 
and  Treattnent  of  Erysipel*«,"  London  1849),  wie  aus  folgenden  Aeusserongen 
hervorgehen  wird : 

Pag.  87:  „Ich  werde  die  vorzüglichsten  Gründe  und  Thatsacben,  die  man  zum 
Beweise  der  Identität  fidenty]  dei  l'uerperal lieber»  und  des  Ruthlaufes  anführen 
kann,  unter  bestimmte  Punkte  bringen." 

Pag.  89:  ,.Ich  bin  davon  überzeugt,  daas  viele  Fragen,  die  in  der  Medicin 
durch  allgemeine  l'ebereiustiinmuiig  als  abgemacht  angesehen  werden,  keineswegs 
auf  festeren  Gründen  rnhen.  ;il«  die  aind,  die  wir  so  eben  xam  Beweise  der  Identität 
des  Puerperal  riebers  und  des  Bothlaufes  angeführt  haben. "  —  Bemerkt  muss  übrigens 
werden,   dass  in  her  Todtenliste  für  London  vom  Jahre  1842  251  Personen   als  am 

ladt  verstorben  aufgeführt  werden. 


88 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk   ii>»er  das   Kindbetthebi-r. 


anderen  Patienten  waren  diese  Vorsicht  bezieht  sich  zunächst  auf 
das  Oberkleid,  das  meistens  zur  Uebertragung  der  krankheitseraengenden 
Stoffe  «trägt.  Sobald  abei  Rothlauf  oder  Typhus  herrschen,  so  wäre 
dieselbe  Vorsicht  aueh  im  Wochenbette  zu  befolgen. 

„Nach  was  immer  für  einer  Leichenöffnung,  oder  nach  einer  Operation 
an  einem  an  Erysipel  oder  am  Typhus  erkrankten  Individuum  soll 
der  Chirurg  so  sorgfältig  als  nur  möglich  seine  Hände  waschen  und 
seinen  Anzog  gänzlich  indem,  bevor  er  eine  Kreissende  berührt;  auch 
die  Handschuhe  sind  nicht  ausser  Acht  zu  lassen,  da  j:i  Hände  und 
Arme  die  das  Gift  zunächst  übertragenden  Theile  des  Körpers  sind." 

..Sobald  aber  die  Krankheit  in  eines  Arztes  Praxis  sich  festgei 
hat,   so  sollte   er  sich  2 — 3  Wochen   gänzlich   von  seinem  Wohnorte 
entfernen,  vollends  seine  Kleidung  Kadern,  die  sorgfältigsten  Waschungen 
cm  io  limtn   und  jedweden  Krankheitsfall  vermeiden,  der  die  Quelle 
thierischen  Giftes  sein  könnte." 

..Eine  ähnliche  Mittheilung,  die  Rober  ton  macht,  erregte  un- 
gemeines Aufsehen  in  England.  Eine  Hebamme,  die  im  Kreise  der 
VÖH  der  WohlthätigkeitsgeseJlsrhaff  verpflegten  Gebärenden  und 
Wöchnerinnen  eine  sehr  ausgebreitete  Praxis  hatte,  pflegte  eine 
Wöchnerin,  die  am  Puerperalfieber  starb.  In  dem  darauffolgenden 
Monate  (December  1830  W9X  sie  in  weit  auseinander  gelegenen  Stadt- 
theilen  bei  30  Geburten  thätig.  16  von  diesen  Wöchnerinnen  wurden 
vom  Puerperalfieber  befallen  und  starben.  —  Dieser  Umstand  war 
um  so  auffallender,  als  beiläufig  380  Geburtsfälle  vorfielen,  die  von 
derselben  Gesellschaft  nur  durch  Hebammen  besorgt  wurden,  und  die, 
mit  alleiniger  Ausnahme  der  früher  erwähnten,  ohne  all»-  Störungen 
genesen  sind.  Die  Aerzte  der  Anstalt  drangen  ernst  darauf,  daas  die 
Hebamme  sich  aufs  Land  begebe  und  ihre  Praxis  für  einige  Zeit 
aussetze." 

.Kurze  Zeit  na«  h  diesem  Beschlüsse  zeigte  sich  das  Puerperal- 
fieber an  vielen  Punkten  der  Stadt  und  in  der  Praxis  von  anderen 
Hebammen  und  Aerzten;  bis  Juli  wüt.hete  es  mit  einer  Heftigkeit  und 
in  einer  Ausdehnung,  die  in  Manchester  kaum  je  vorgekommen  wai  ■' 

„Roberten  nimmt  es  nicht  auf  sich,  zu  erklären,  auf  welche  Art 
die  Üebertragung  der  Krankheit  in  dem  Falle  der  Hebamme  statt- 
gefunden habe,  will  aber  hierbei  noch  zweier  Fälle  erwähnen,  die 
nach  seiner  Ansicht  beweisen,  dass  die  Krankheit  von  einer  Kranken 
auf  die  Andere  übertragen  wurde.  —  Ein  Arzt  nämlich  führte  bei 
einem  armen,  am  Puerperalfieber  leidenden  Weibe  den  Catheter  ein, 
und  wurde  noch  in  derselben  Nacht  zu  einer  Frau  gerufen,  um  ihr 
Beistand  bei  ihrer  Geburt  zu  leisten;  am  Morgen  des  zweiten  Tages 
darauf  bekam  die  Frau  Schüttelfrost  und  die  übrigen  Zeichen  der 
beginnenden  Kiankheit.  —  Ein  anderer  Arzt  wurde  während  einer 
Leichenöffnung  an  einer  am  Kindbetttieber  Verstorbenen  zu  einer 
Geburt  geholt;  4s  Stunden  darauf  ergriff  dieselbe  Krankheit  auch 
diese  Fraa." 

„Churchill1)  berichtet  ans,  dass  Campbell  in  Edinborg  an- 
fangs nielit  an  die  Oontagioaft&t  der  Krankheit  geglaubt,  später  aber 
seine  Ansicht  geändert,  und  in  einem  Briefe  an  L.  Lee  die  nach- 
folgenden Beispiele  erzählt  habe 

..Ei  seeirte  im  October  1821  die  Leiche  einer  nach  Abortus  am 


the  diseases  of  Women  bei  Fleet  wwd  rhurrhiU,  3.  edit.  Imbun  IftO 


Semmelffeis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


BS 


Puerperalfieber  verstorbenen  Frau;  er  stickte  hierauf  die  Geschlechts- 
t heile  in  «Im  Sack  und  nahm  sie  zu  einer  Vorlesung  mit.  An  dem- 
selben Abende  war  er  in  denselben  Kleidern  bei  der  Geburt  einer 
Frau  zugegen,  die  bald  darauf  starb." 

.Am  nächsten  Morgen  hatte  Cb,  eine  Zangenoperation  vorzu- 
nehmen, ohne  dass  er  seine  Kleidung  geändert  hätte.  Es  erkrankten 
diese  und  überdies  noch  viele  der  vm  ihm  gepflegten  Wöchnerinnen, 
drei  derselben  starben.  —  Im  .limi  L8S3  half  er  mehreren  seiner 
Schüler  bei  der  Section  einer  Frau,  die  am  Puerperalfieber  gestorben 

:  in  der  von  Allein  entblössten  ärmlichen  Wohnung  konnte  er 
>eine  Hände  nicht  mit  der  nöthigen  Sorgfalt  waschen  und  ging 
darum  oach  Hause.  Daselbst  angelangt,  fand  er  die  Nachricht,  dass 
zwei  Gebarende  Beine  Hilfe  begehrten;  ohne  weitere  Waschungen 
vorzunehmen  und  ohne  die  Kleider  zu  wechseln,  eilte  er  diese  Frauen 
anfzusueheiL  beide  wurden  von  der  Krankheit  ergriffen  und  starben. 
Dergleichen  Falle  —  sagt  der  Berichterstatter  —  liessen  sich  noch 
in  viel  bedeutenderer  Anzahl  anhäufen." 

..Es  wird  aber  schon  aus  dem  Angeführten  und  namentlich  ans 
dem  der  Praxis  des  Dr.  Campbell  Entnommenen  klar  hervorgehen. 
dass  die  Engländer  diese  l'ebertragungen  nicht  in  dem  Sinne  nehmen, 
wie  S e  m  m  e  1  w e  i s  und  Skoda  sie  verstanden  wissen  wollen ;  — 
nämlich    nicht  durch   eine  Uebertragung  von   zersetzten   thieri- 

en  81  offe  n  auf  die  Geachlechtstb  eile  der  Frau,  sondern 
durch  die  Uebertragung  der  Krankheit  (qua  talis)  von  einer  Frau 
auf  die  andere." 

Dass  dies  die  Auslegung  sei,  geht  sehen  aus  den  gemachten 
tfittheilnngen  hervor,  wird  aber  besonders  durch  folgenden  Ausspruch 
ChurcbiU's    klar    dargetban:    ,Nach    aufmerksamer   Beobachtuno-    und 

nng   der  Thatsachen  kann  ich  nicht   länget    zweitein.   dass  die 

Krankheit  durch  Ansteckung  und  Berührung   weiter  verbreitet  wird. 

d.  h.  dass  sie  von  einer  am  Puerperalfieber  Leidenden  einer  anderen 

Person  mitgetheilt  werden  kann,  die  mit  derselben  in  Berührung  ist, 

i    selbst  um   in  enger  Nachbarschaft  sich  befindet.'" 

-Die  Entscheidung  der  Frage,  welche  von  beiden  Auslegungen 
sie  ous  wahre  und  richtige  sich  herausstellt,  ist  begreiflicherweise 
reu  grosser  praktischer  Bedeutung;  denn  wenn  die  in  England  ge- 
wöhnliche Ansieht  Geltung  erlangt,  so  folgt,  daraus  keineswegs  das 
Verbot,  sich  mit  Leichen  von  Personen  zu  beschäftigen,  die  an  an- 
deren als  Puerperalkrankheiten  gestorben  sind,  während  wir  hin- 
wieder keinen  Anstand  nehmen,  von  einer  kranken  Wöchnerin  zu 
anderen  zu  gehen,  ohne  Kleider  gewechselt  zu  haben,  wie  man  dies 
in  England  zu  tliuii  vorschreibt,  weil  man  die  Lehre  von  der  Ueber- 
riae/barkeit  so  weit  ausdehnt,  dass  man  annimmt,  ein  gesunder  Mensch 
also  auch  der  Arzt),  der  von  einer  am  Wochenbette  Erkrankten  her- 
komme, könne  dieselbe  Krankheit,  ohne  dsss  Berührung  stattgefunden 
habe,    auf   eine    bis    dahin    gesunde    Wöchnerin    übertragen.     Diese 

-k.it  der  uebertragung  scheint  nach  der  dort  üblichen  Annahme 
für  längere  Zeit  möglich  gedacht  zu  weiden,  weil  nach  den  häufig 
von  englischen  Schriftstellern  aufgestellten  Anordnungen  ein  Arzt, 
(in  in  seiner  Praxis  mehrere  puerperalkranke  Frauen  hat,  längere 
Zeit  hindurch  aufholen  soll,  bei  Geburten  Beistand  zu  leisten,  und 
ihm  Wechsel  seiner  Kleidungsstücke  zur  Pflicht  gemacht  wird.  —  Als 
is  dafür  wird  besonders  angeführt,   dass  so  häutig  einzelne  Ge- 


90 


Senn.  \bhaudlungen  und  Werk  über  das  KindbeirrieU-r 


burtsltelfer    *uier    Hebammen    viele    Fallt-    von    Puerperalfieber    um« 
ihren    Pflegebefohlenen    zählen,    während   die   übrigen    Aerzte    nicht« 
von  dergleichen  Vorkommnissen  zu  erzählen  haben. 

Man  wird  aber  wohl  zugeben  müssen,  dass  diese  Umstände  Biet 
viel  ungezwungener  erklären  hissen,  wenn  man  annimmt  (was  sieh 
in  den  oben  raitgetheilten  Fällen  nachweisen  lAsst  .  dass  diese  Prak- 
tiker sich  mit  Leichenöffnungen,  oder  was  gleichviel  gilt,  mit  anderen 
putrescirenden  Stoften,  Eröffnung  von  Ahscessen,  Reinigen  und  Ver- 
binden von  Wunden.  Reinigen  oder  Untersuchungen  von  Puerperal- 
kranken  beschäftigt  haben.1)  —  Mehrere  der  oben  genannten  Aei/.i- 
haben  durch  die  in  England  gang  uud  gäbe  gewordenen  Ansichten 
ihre  geburtshilfliche  Praxis  für  einige  Zeit  aufgegeben,  nachdem  sie 
das  Unglück  hatten,  mehrere  Frauen  durch  das  Puerperalfieber  zu 
verlieren.  —  Der  Umstand,  dass  sie  beim  Wiederaufnehmen  derselben. 
oft  nach  monatelanger  Frist,  nicht  riül  klicher  waren,  scheint  RUBSer 
Zweifel  zu  setzen,  dass  die  von  ihnen  beschuldigte  Ursache  nicht 
mehr  im  Spiele  sein  konnte,  und  rüttelte  stark  an  ihrer  Ueberzengung. 
dass  sie  es  früher  war. 

Es  ist  auch  meine  Ueberzeiiguuir.  dass  die  oben  angeführten  Be- 
schäftigungen   der  Aerzte   das    ursächliche  tfomenf    des   nach   di< 
Beschäftigungen  beobachteten  Puerperalfiebers  gewesen  sind. 

Aber  ich  ziehe  aus  diesen  I inten  andere  Schlüsse  als  die  eng- 
lischen Aerzte 

Ich  halte  das  Kindhettfieber  für  keine  contagiöse  Krankheit, 
weil  dasselbe  nicht  von  einem  jeden  am  Kindbettfieber  erkrankten 
Individuum  auf  ein  gesundes  übertragen  werden  kann,  und  weil  ein 
gesundes  Individuum  das  Kindbettfieber  von  Kranken  her  bekommen 
kann,  welche  selbst  nicht  am  Kindbettfieber  leiden.  —  Ein  jeder 
Blatternkranke  ist  geeignet,  bei  einem  gesunden  Individuum  Blattern 
hervorzubringen,  und  ein  gesundes  Individuuni  kann  Blattern  nur 
von  einem  Blattemkianken  bekommen,  von  einem  Gebämmtterkrebs 
hat  noch  Niemand  Blattern  bekommen. 

Nicht  80  verhalt  sich  die  Sache  beim  Kindbettheber.  —  Wenn 
das  Kindbettfieber  unter  Formen  verlauft,  welche  keine  zersetzten 
Stoffe  erzeugen,  so  ist  es  von  solchen  Individuen  auf  ein  gesundes 
nicht  übertragbar:  erzeugt  aber  das  Kindbettfieber  zersetzte  Stoffe, 
wie  z.  B.  bei  Endometritis  septica,  so  ist  das  Kindbettfieber  auf  Ge- 
sunde allerdings  übertragbar.  —  Nach  dem  Tode  ist  von  jeder  Puer- 
peralleiche  das  Kindbettfieber  auf  Gesunde  übertragbar,  bei  der  Leiche 
kommt  nur  der  FäuMssgrad  in  Betracht.  Aber  das  Kindbettfieber 
kommt  auch  von  Krankheiten,  welche  selbst  nicht  Kindbettfieber  sind : 
so  z.  B.  von  gaugraenösem  Erysipel,  Carcinoma  uteri  etc. 

Eine  jede  Leiche,  mag  welch  eine  Krankheit  immer  den  Tod 
veranlasst  haben,  ist  geeignet,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen, 
(VCM  die  Leiche  den  nöthigen  Fäulnissgrad  erreicht  hat. 

Eine    contagiöse   Krankheit    wird  durch   einen  Stoff  fortgepflanzt. 


l)  Dr.  A.  Martin,  der  Director  du  Eefa*jnni6n*c)iule  in  München,  hatte  die 
Güte  mir  mündli-  li  mlträthailea,  dass  in  den  ?r*ten  Jahren  seiner  Wirksamkeit  dai 
Puerperalfieber  häutige  Opfer  forderte,  ohne  iaa  M  möglich  gewesen  wäre  in  der 
ireettml    gel  iistalt  die  Veranlassung  M   entdeOKea.     Erst    später    wurde  er 

davon  benachrichtigt,   dass   die    Hebammen   die  Placenten  in  deu  Abtritt  warfen : 
nach  Abstellung  dieser  Holen  Gewohnheit  w  d  e^undheitsznatand  der  Anstalt 

ein  bleibend  günstiger. 


Semmel  weis"  Milmmlluiigen   11ml   'Werk   iilier  Au  Kiinllm  tlti.lni 


91 


welchen  nur  die  betreffende  Krankheit  erzeugt.  —  Gutes  hat  noch 
nie  ein  Blatterncontagium  hervorgebracht.  Das  Puerperalfieber  wird 
durch  einen  Stoff  fortgepflanzt,  welcher  das  Prodnct  nicht  des  Puer- 
peralfiebers allein,  sondern  auch  das  Prodnct  der  heterogensten  Krank- 
heiten bildet. 

Jede  Leiche,  mag  welch  eine  Krankheit  immer  den  Tod  veran- 
lasst haben,  erzeugt  den  Stoff,  welcher  das  Kindbettfieber  hervorbringt. 

Daraus  folgt  das  Verbot  des  Beschäftigens  mit  Leichen  und  mit 
Kranken,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten  Stoff  erzeugen,  ohne 
Rücksicht  auf  den  Puerperalzustand. 

Für  mich  ist  es  eine  unumstössliche  Wahrheit,  dass  der  Thierarzt, 
welcher  zugleich  Geburtshelfer  wäre,  durch  die  von  gefallenen  Thieren 
hergenommenen  zersetzten  Stoffe  bei  einer  Wöchnerin  das  Kindbett- 
tieber  hervorbringen  würde. 

Las  Kindbettfieber  ist  demnach  keine  contagiöse  Krankheit,  aber 
es  ist  eine  auf  ein  gesundes  Individuum  übertragbare  Krankheit  ver- 
mittelst eines  zersetzten  Stoffes.  —  Das  Kindbettfieber  stellt  zum 
Rothlauf  und  seinen  Folgen  in  keiner  andern  Beziehung,  wie  zu  jeder 
anderen  Krankheit,  welche  einen  zersetzten  Stoff  erzeugt.  Das  Kind- 
bettfieber  steht  zum  Rothlauf  in  derselben  Beziehung,  wie  zu  jeder 
faulen  Leiche. 

Wenn  die  englischen  Aerzte  ausser  dein  Puerperalfieber  selbst 
nur  noch  den  Rothlauf  und  seine  Folgen  als  Quellen  des,  zersetzten 
Stoffes,  welcher  das  Kindbettlieber  hervorbringt,  anerkennen,  so  ziehen 
sie  die  Grenzen  vit-1  zu  enge,  wie  ja  schon  die  oben  angeführten 
Daten  beweisen;  es  war  ja  nicht  alles  Rothlauf,  woher  der  Stoff  ge- 
nommen wurde,  für  die  oben  aufgezählten  Fälle  von  Kindbettfieber. 

Das  Kindbettfieber  ist  demnach  dieselbe  Krankheit,  welche  bei 
Chirurgen,  bei  Anatomen,  welche  nach  chirurgischen  Operationen 
entsteht.  Das  Kindbettfieber  ist  demnach  dieselbe  Krankheit,  wenn 
männlichen  oder  weiblichen  Individuen  ein  zersetzter  Stoff  in  den 
Kreislauf  gebracht  wird. 

Durch  die  Epidermis  oder  durch  eine  dicke  Schichte  des  Epitheliums 
hindurch  ist  dieser  zersetzte  Stoff  nicht  resorbirbar,  bei  Chirurgen, 
bei  Anatomen  muss  eine  Verletzung  vorausgehen. 

Kolletschka  hat  als  tüchtiger  pathologischer  Anatom  unzählige 
Male  seine  Hände  mit  zersetzten  Störten  verunreinigt  und  blieb  ge- 
sund: durch  einen  Stich  wurde  einmal  die  Resorption  ermöglicht,  und 
wir  wissen  welche  Krankheit  die  Folge  davon  war. 

I'ii  Resorptionsstelle  kann  jeder  Punkt  des  Körpers  sein,  welcher 
von  der  Epidermis,  vom  Epitheliom  entblosst  wird. 

Bei  Schwangeren.  Kreissenden,  Wöchnerinnen  haben  wir  an  Stelle 
des  Körpers,  welche  keine  Epidermis,  welche  kein  Epithelium  besitzt, 
und  das  ist  die  innere  Fläche  des  Uterus  vom  innern  Muttermunde 
angefangen   nach   aufwärts,  und  das  ist  die  ResorptionsstelU'  liir  den 

taten  Stoff,  welcher  das  Kindbettfieber  hervorbringt.  —  Wurden 
durch  die  Geburt  Verletzungen  verursacht,  so  kann  jede  Stelle  des 
ganzen  Kürpei>.  welche  wund  ist,  zur  Resorptionsstelle  werden. 

Im  Schuljahre   1857/58  an  der  geburtshilflichen   Klinik   zu  Pest 

wurden  die  äusseren  Genitalien  zweier  Wöchnerinnen  grangraenös;  eine 

dieser   Wöchnerin  zur   Pflege  zugetheilte   Schülerin  verletzte    ihren 

mil   einer  Nahnadel,  sie  bekam  Lymphaugioitis  mit  Vereite- 


H2 


iMmmehveis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


rung  der  Axillardriisen  und  machte  eine  mehrere  Monat«  dauernde 
schwere  Kr;i  nkhe.it  durch. 

Da  nun  die  Individuen  in  den  Gebärhäusern  in  der  Regel  ausser- 
halb der  Genitalspbäre  keine  zur  Resorption  geeignete  Stelle  dar- 
bieten, so  mnss  notwendiger  Weise  der  zersetzte  Stoff,  welcher  die 
Eigenschaft  besitzt,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen,  den  Individuen 
in  die  Genitalien  eingebracht  werden;  da  nun  aber  die  Kleider  des 
Geburtshelfers  nicht  in  die  Genitalien  der  Individuen  eingebracht 
werden,  so  ist  die  Sitte  der  Engländer,  die  Kleider  zu  wechseln,  um 
das  Kindbettfieber  nicht  durch  die  Kleider  zu  verschleppen,  eine  zwar 
unschädliche,  aber  überflüssige  Vorsicht. 

Ick  und  die  iSchüler  haben  im  Jahre  1848  zu  Wien  unsere  Kleider 
nach  Beschäftigungen  mit  solchen  Dingen,  welche  die  Eigenschaft  be- 
sitzen, das  Kindbettfieber  hervorzubringen,  nicht  gewechselt,  wir  haben 
mir  unsere  Hände  der  Einwirkung  des  Chlors  ausgesetzt,  und  haben 
im  Jahre  1^48  von  3556  Wöchnerinnen  nur  45.  d.  i.  1  27  Pereent  am 
Kindbettfieber  verloren. 

In  den  oben  angeführten  Fallen,  wo  der  Geburtshelfer,  ohne  die 
Kleider  gewechselt  zu  haben,  gesunde  Kreissende  besuchte,  welche 
dann  am  Kindbettfieber  gestorben  sind,  waren  gewiss  nicht  die  Kleider, 
sondern  seine  Hände  die  Träger  des  zersetzten  Stoffes,  welche,  weil 
sie  nicht  gewechselt  werden  konnten,  desinficirt  hätten  werden  sollen. 
Wenn  durch  die  angeführten  Beschäftigungen  die  Kleider  mit  zer- 
setzten Stoffen  so  sehr  verunreinigt  wurden,  so  wurden  es  die  Hände 
gewiss  noch  mehr,  und  mit  diesen  Händen  winde  innerlich  untersucht. 

Damit,  das  Kindbettfieber  entstehe,  ist  es  Conditio  sine  qua 
non,  dass  der  zusetzte  Stoff  in  die  Genitalien  eingebracht  werde. 
Mit  von  zersetzten  Stoffen  verunreinigten  Händen  können  die  Individuen 
in-  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  aUen  möglichen  inedicinischen 
Untersuchungen  mit  Ausnahme  der  Ex  j)l  oratio  obstet ricia 
im  er  na  unterworfen  werden,  ohne  dadurch  der  Gefahr  eines  Puer- 
peralfiebers ausgesetzt  zu  sein. 

Dass  die  Epidermis  die  Resorption  des  zersetzten  Stoffes  verhindere, 
beweist  ja  der  Umstand,  dass  •  I •  i  Geburtshelfer,  unbeschadet  seiner 
Gesundheit,  den  zersetzten  Stoff  Stunden  und  Tage  lang  an  seiner 
Hand  herumträgt,  weh  her  Stoff  durch  die  innere  Untersuchung  mit 
der  inneren  Fläche  des  Uterus  für  Augenblicke  in  Berührung  ge- 
l'iai  ht.    resorhirt   wird    und  dadurch   das  Kindbetttieber  hervorbringt. 

I  üe  Hände  der  Anatomen  sind  ja  oft  stundenlang  in  Berührung 
mit  faulen  Leichen  und  sie  bleiben  Gesund;  wird  aber  die  Epidermis 
durch  Verletzung  entfernt,  so  entsteht  die  Krankheit,  welche  wir  hei 
Kolletschka,  und  welche  wir  bei  unserer  Schülerin  gesehen. 

Vermöge  der  Lage  der  Zimmer  der  ersten  Gebärklinik  wurde  die 
allgemeine  Visite  zweimal  täglich  in  folgender  Ordnung  gehalten: 
zuerst  war  Visite  :iu\'  dein  Kreisseziinmer,  dann  wurde  die  Hälfte  der 
nifen  Wöchnerinnen  besucht,  dann  wurde  Visite  in  den  Kranken- 
zimmern gemacht,  und  nun  wurde  die  Visite  mit  der  Besichtigung 
der  zweiten  Hälfte  der  gesunden  Wöchnerinnen  geschlossen. 

Wenn  wir  uns  auch  auf  dem  Krankenzimmer  die  Hände  von 
Seite  der  kranken  Wöchnerinnen  vei  unreinigten,  so  fühlten  wir  den 
gesunden  Wöchnerinnen  der  zweiten  Hälfte,  ohne  uns  früher  in  Chlor 
gewaschen    zu   haben,   den  Puls,    wir  hefiihlten  äusserlkh  den  Bauch. 


dem  nie  I  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett  fit- In  r 


93 


mit  einem  Worte,  wir  machten  alle  nöthigen  medii  mischen  unter- 
Mn-hungen.  mit  Ausnahme  der  Exploratio  obstetricia  interna,  und  wir 
haben  dadurch  das  Kindbetttieber  nicht  vervielfältigt,  denn  wir  ver- 
loren im  Jahre  1848  von  3556  Wöchnerinnen  nur  45,  d.  i.  1.27  Percent 
Das  Kindbettfieber  kann  daher  durch  die  äussere  unverletzte 
i  Itarflftche  des  Körpers  nicht  aufgenommen  werden,  es  wird  demnach 
nicht  nach  Art  der  Blattern  dadurch  fortgepflanzt,  daß  die  äussere 
Überfläche  eines  gesunden  Individuums  in  den  Dunstkreis  eines  kranken 
Individuums  kommt. 

Wenn  aber  die  Ausdünstungen  kranker  Individuen  mit  der  atmo- 
sphärischen Luft  in  die  Uterushöhle  eindringen,  dann  entsteht  aller- 
dings das  Kindbetttieber. 

Wir  haben  uns  früher  dahin  ausgesprochen,  dass  der  Gebrauch 
der  Engländer,  nach  dem  Besuche  einer  kranken  Wöchnerin  die 
Kleider  vor  dem  Besuche  einer  gesunden  Wöchnerin  zu  wechseln,  eine 
zwar  unschädliche,  aber  überflüssige  Vorsicht  sei,  weil  die  Kleider, 
welche  mit  einem  zersetzten  Stoffe  verunreinigt  sind,  nicht  dorthin 
kommen,  wo  die  Resorption  im  normalen  Zustande  geschieht,  nämlich 
in  die,  l'terushöhle.  Die  Kleider  könnten  nur  dadurch  das  Kindbett- 
fieber hervorbringen,  dass  deren  Exhalationen  mit  der  atmosphärischen 
I  litt  in  die  Gebärmutterhöhle  dringen.  In  dem  Grade  dürften  aber 
die  Kleider  kaum  je  verunreinigt  sein.  Wir  haben  in  Wien  nie  die 
Kleider  gewechselt,  und  ich  thue  es  auch  jetzt  nicht.  Die  Kleider 
könnten  auch  dadurch  zur  Entstehung  des  Kindbetttiebers  Veranlassung 
geben,  dass  z,  B.  der  Aermel  des  Rockes,  wenn  er  mit  zersetzten 
Stoffen  verunreinigt  ist,  bei  der  inneren  Untersuchung  einer  Wöchnerin 
mit  den  durch  die  Geburt  verletzten  Genitalien  in  Berührung  kommt ; 
ein  Ereigniss,  welches  gewiss  nicht  täglich  geschieht. 

In  diesem  Sinne  können  allerdings  auch  die  Kleider  schädlich 
werden,  aber  gewiss  nicht  in  dem  Sinne  der  Engländer,  welche 
erlauben,  das  Puerperal-Contagium  könne,  so  wie  das  Blattern-Con- 
tagiuro,  mit  den  Kleidern  zu  gesunden  Wöchnerinnen  getragen  werden, 
welche  es  dann,  wie  das  Bl&ttern-Contagiuni,  durch  die  äussere  Ober- 
fläche ihres  Körpers  in  sich  aufnehmen,  und  dadurch  ebenfalls  vom 
Kindbetttieber  befallen  werden. 

Im  normalen  Zustande  kann  nur  die  innere  Fläche  des  Uterus, 
durch  Wundwerden  kann  jede  Stelle  des  Körpers  zum  Atrium  für 
die  Resorption  weiden. 

\\  enn  englische  Aerzte  das  Unglück  haben  mehrere  Wöchnerinnen 
»m  Kindbetttieber  zu  verlieren,  so  begnügeu  sich  selbe  mit  den  Chlor- 
vaschungen  nicht,  sondern  sie  setzen  ihre  geburtshilfliche  Praxis  für 
einige  Wochen  aus.  oder  unternehmen  eine  mehrwöchentliche  Reise, 
um  vom  Puerperal-Contagium  gänzlich  gereinigt  zu  werden.  Wir 
zerstören  den  zersetzten  Stoff  durch  Chlorwaschungen  und  halten  diese 
Deeinfection  für  hinreichend. 

Wir  hatten  in  Wien  im  Monat  April  1847  57  Wöchnerinnen  von 
312,  also  18.27  Percent  am  Kindbetttieber  verloren,  im  Mai  1847  36 
Wöchnerinnen  von  294,  also  12.24  Percent.  —  Wir  haben  Mitte  Mai 
die  Chlorwaschungen  eingeführt,  mit  welchem  Erfolge  ist  dem  Leser 
bekannt,  ohne  unsere  oder  der  Schüler  Verwendung  im  Gebärhause 
unterbrochen  zu  haben. 

[ch  glaube  hiemit  den  Unterschied  zwischen  meiner  Ansicht  über 
die  Entstehung'   und  Weiterverbreitung  des  Kindbetthebers   und   der 


94  Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Ansicht  der  englischen  Aerzte  —  die  annehmen,  die  Krankheit  ent- 
stehe durch  faule  Stoffe  —  hinreichend  deutlich  gemacht  zu  haben. 
Der  wesentliche  Unterschied  zwischen  meiner  Ansicht  und  der 
Ansicht  der  englischen  Aerzte  besteht  darin:  dass  ich  in  jedem  Fall, 
nicht  einen  einzigen  ausgenommen,  nur  eine  Ursache,  nämlich: 
den  zersetzten  Stoff  annehme  und  hievon  überzeugt  bin, 
während  die  englischen  Aerzte,  wiewohl  sie  das  Kindbettfieber  auch 
durch  zersetzte  Stoffe  entstanden  glauben,  ausserdem  noch  alle  alten 
epidemischen  und  endemischen  Ursachen,  die  in  der  Entstehung  des 
Kindbettfiebers  eine  Rolle  spielten,  als  bestehend  anerkennen. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff 

und 

die  Prophylaxis 

des 

Kindbett  fiebers. 


Von 


Ignaz  Philipp  Semmelweis, 

Dt.  «1er  Medicin   und  Chirurgie,   Magister   der   Geburtshilfe,  o.  o.   Professor  der  theoretischen 

und  practiseben  Geburtshilfe  an  der  kön.  ung.  Universität  zu  Pest 

et--,  etc. 


**»$»«**-■ 


Pest,  Wien  und  Leipzig. 

0.  A.  Hartleben's  Verlags-Expedit.ion. 
1861. 


Vorwort. 


Nach  zweimal  beendetem  Curse  der  praktischen  Geburtshilfe  an 
der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien  meldete  ich  mich  unterm  1.  Juli  1844 
beim  Voi-stande  dieser  Klinik,  weiland  Professor  Dr.  Klein,  als 
Aspiranten  für  die  einstens  zu  besetzende  Stelle  eines  Assistenzarztes 
besagter  Klinik,  und  wurde  als  solcher  mittelst  Beeret  ddo.  27.  Februar 
1846  provisorisch  anut  stellt.  Am  1,  Juli  1846  übernahm  ich  die 
Stelle  eines  Assistenten  der  ersten  Gebärklinik  definitiv,  mnsste  aber 
selbe  am  20.  October  desselben  Jahres  wieder  an  meinen  Vorgänger 
Dr.  Breit  abtreten,  da  Dr.  Breit  inzwischen  eine  zweijährig- 
Dienstesverlängerung  erhielt.  Wir  wollen  im  Verlaufe  dieser  Schrift 
diese  vier  Monate,  nämlich :  den  Juli,  August,  September,  October  des 
Jahres  1846,  zum  besseren  Verständnisse,  meine  erste  Dienstzeit 
nennen. 

Die  Dienstzeit  eines  Assistenten,  bei  welch'  immer  Lehrkanzel, 
war  in  Wien  auf  zwei  Jahre  fixirt,  bei  allen  übrigen  Lehrkanzeln 
war  es  aber  Sitte,  nach  Ablauf  von  zwei  Jahren  die  Dienstzeit  des- 
selben Assistenten  abermals  für  zwei  Jahre  zu  verlängern,  nur  bei 
den  geburtshilflichen  Lehrkanzeln  war  diese  .Sitte  nicht  im  Gebrauche, 
und  die  Assistenten  wechselten  regelmässig  alle  zwei  Jahre.  Dr.  Breit 
war  der  erste,  dem  eine  solche  Begünstigung  zu  Theil  wurde. 

Inzwischen  wurde  Dr.  Breit  zum  Professor  der  Geburtshilfe  an 
vier  Hochschule  zu  Tübingen  ernannt,  und  ich  übernahm  zum  zweiten 
Male  definitiv  die  Stelle  eines  Assistenten  den  20.  März  1847,  und 
fnngirte  als  solcher  durch  zwei  Jahre,  nämlich  bis  zum  20.  März  1849. 
Diese  zwei  Jahre  wollen  wir  meine  zweite  Dienstzeit  nennen. 

Die  Aufgabe  dieser  Schrift  ist:  dem  Leser  geschichtlich  die 
Beobachtungen  vorzuführen,  welche  ich  an  dieser  Klinik  in  diesem 
Zeiträume  gemacht,  ihm  zu  zeigen,  wie  ich  zum  Zweifler  an  der  bis- 
herigen Lehre  über  die  Entstehung  und  den  Begriff  des  Kindbett- 
tiebers  geworden,  wie  sich  mir  meine  gegenwärtige  Ueberzeugung 
unwiderstehlich  aufgedrungen,  damit  auch  er  zum  Heile  der  Mensch- 
heit, dieselbe  Ueberzeugung  daraus  schöpfe. 

Vermöge  meines  Natureis  jeder  Polemik  abgeneigt,  Beweis  dessen 
ich  auf  so  zahlreiche  Angriffe  nicht  geantwortet,  glaubte  ich  es  der 
Zeit  überlassen  zu  können,  der  Wahrheit  eine  Bahn  zu  brechen,  allein 

Semmel  weil'  gesammelte  Werke.  ™ 


98  Semmelweis'  Abhandlangen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

meine  Erwartung  ging  in  einem  Zeiträume  von  13  Jahren  nicht  in 
dem  Grade  in  Erfüllung,  wie  es  für  das  Wohl  der  Menschheit 
nöthig  ist. 

Das  Unglück  wollte  noch,  dass  in  den  Schuljahren  1856/7  und 
1857/8  auf  meiner  eigenen  geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  die 
Wöchnerinnen  in  solcher  Anzahl  starben,  dass  meine  Gegner  diese 
Sterblichkeit  als  Beweis  gegen  mich  benützen  könnten :  es  drängt  zu 
zeigen,  dass  diese  zwei  Unglücksjahre  gerade  so  viele  traurige,  unab- 
sichtliche, directe  Beweise  für  mich  seien. 

Zu  dieser  Abneigung  gegen  jede  Polemik  kömmt  noch  hinzu  eine 
mir  angeborne  Abneigung  gegen  alles,  was  schreiben  heisst. 

Das  Schicksal  hat  mich  zum  Vertreter  der  Wahrheiten,  welche 
in  dieser  Schrift  niedergelegt  sind,  erkoren.  Es  ist  meine  unabweis- 
bare Pflicht  für  dieselben  einzustehen.  Die  Hoffnung,  dass  die  Wichtig- 
keit und  die  Wahrheit  der  Sache  jeden  Kampf  unnöthig  mache,  habe 
ich  aufgegeben.  Es  kommen  nicht  mehr  meine  Neigungen,  sondern 
das  Leben  derjenigen  in  Betracht,  welche  an  dem  Streite,  ob  ich  oder 
meine  Gegner  Recht  haben,  keinen  Antheil  nehmen.  Ich  muss  meinen 
Neigungen  Zwang  anthun,  und  nochmals  vor  die  Oeffentlichkeit  treten, 
nachdem  sich  das  Schweigen  so  schlecht  bewährt,  ungewarnt  durch 
die  vielen  bitteren  Stunden,  die  ich  desshalb  schon  erduldet,  die  über- 
standenen  habe  ich  verschmerzt,  für  die  mir  noch  bestehenden  finde 
ich  Trost  in  dem  Bewußtsein,  nur  in  meiner  Ueberzeugung  Gegründetes 
aufgestellt  zu  haben. 

Pest,  den  30.  August  1860. 

Der  Verfasser. 


Die  Geburtshilfe  ist  derjenige  Zweig  der  Mediän,  welcher  die 
!i<>  h?te  Aufgabe  derselben,  nämlich  Rettung  des  bedrohten  mensch- 
lichen Lebens,  in  zahlreichen  Fällen  am  augenscheinlichsten  löst 
Unter  vielen  Fällen  wollen  wir  nur  die  Querlage  des  reifen  Kindes 
anführen.  Mutter  und  Kind  sind  einem  sicheren  Tode  verfallen, 
wenn  die  Geburt  der  Natur  überlassen  bleibt,  während  die  rechtzeitig 
hilfeleistende  Hand  des  Geburtshelfers  durch  beinahe  schmerzlose, 
kaum  einige  Minuten  in  Anspruch  nehmende  Handgriffe  beide  rettet. 

Diesen  Vorzug  der  Geburtshilfe,  mit  welchem  ich  schon  in  den 
theoretischen  Vorlesungen  dieses  Faches  bekannt  gemacht  wurde, 
fand  ich  zwar  allenliiiü>  vullkommen  bestätiget,  als  ich  Gelegenheit 
hatte,  im  grossen  Wiener  Gebärhaiise  die  Geburtshilfe  auch  von  ihrer 
praktischen  Seite  kennen  zu  lernen.  Aber  leider  sah  ich,  dass  die 
Anzahl  von  Fällen,  in  welchen  der  Geburtshelfer  so  segensreich 
wirken  kann,  verschwindend  klein  sei  im  Vergleiche  mit  der  grossen 
Anzahl  von  Opfern,  denen  er  nur  eine  erfolglose  Hilfe  bringen  kann. 
Diese  Schattenseite  der  Geburtshilfe  ist  das  Kindbettfieber.  Zehn, 
fünfzehn  Wendungen  sah  ich  im  Jahre  mit  Rettung  der  Mutter  und 
des  Kindes  vollführen»  aber  viele  hundert  von  Wöchnerinnen  sah  ich 
erfolglos  am  Kindbettfieber  behandeln.  Aber  nicht  allein  die  Therapie 
fand  ich  erfolglos,  auch  die  Aetiologie  zeigte  sich  mir  mangelhaft, 
indem  ich  das  aetiologische  Moment  für  das  Kindbettlieber,  an  weichem 
ich  so  viele  hundert  Wöchnerinnen  erfolglos  behandeln  sah.  in  der 
bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  nicht  finden  konnte. 

!>;<>  Lri  usse  Wiener  Gratis-Gebärhaus  ist  in  zwei  Abtheilungen 
getrennt,  wovon  die  eine  die  erste  heisst,  die  andere  heisst  die  zweite. 
Durch  eine  allerhöchste  Erschliessung  vom  10.  October  1840,  Studien- 
Hofcommissionsdecret  vom   17.  October  1840,  Z.  65666,  Regierungs- 

rdnnng  vom  27.  October  1*40.  Z.  61015.  wurden  sämintliche 
Schüler  der  ersten  Abtheilung  und  sämmtliche  Schülerinnen  der 
zweiten  Abtheilnng  behufs  des  geburtshilflichen  Unterrichtes  zuge- 
wiesen. Vor  dieser  Zeit  wurden  Geburtshelfer  nnd  Hebammen  an 
beiden  Abtheilungen  in  gleicher  Anzahl  unterrichtet.  Die  Aufnahme 
der  ankommenden  Schwangern,  Kreissenden  und  Wöchnerinnen  ist 
folgender  Weise  geregelt:  Montag  Nachmittags  vier  Uhr  beginnt  die 
Aufnahme  auf  der  ersten  Abtheilung  und  dauert  bis  Dinstag  Nach- 
mittags vier  Uhr;  Dinstag  Nachmittags  vier  Uhr  beginnt  die  Auf- 
nahme auf  der  zweiten  Abtheilung  und  dauert  bis  Mittwoch  Nach- 
mittags vier  Ihr.  Mittwoch  Nachmittags  vier  Uhr  geht  die  Auf- 
nahme wieder  auf  die  erste  Abtheilung  über  und  dauert  bis  Donnerstag 


100 


Semmel  weis'  Abhandlungen  uud  Werk  über  das  Kiu<lbettitel>or. 


Nachmittags  vier  Uhr.  Donnerstag  Nachmittags  vier  Uhr  übernimmt 
wieder  die  zweite  Abtheilung  die  Aufnahme  und  behält  sie  bis  Freitag 
Nachmittags  vier  Uhr.  Freitag  Nachmittags  vier  Uhr  übergeht  sie 
wieder  an  die  erste  Abtheiluug  und  bleibt  durch  48  Stunden  l>i* 
Sonntag;  Nachmittags  vier  Uhr.  Sonntag  Nachmittags  vier  Uhr  über- 
geht, die  Aufnahme  auf  die  zweite  Abtheilung  und  bleibt  an  derselben 
bis  Montag  Nachmittags  vier  Uhr;  es  wechselt  mithin  die  Aufnahme 
zwischen  beiden  Abtheilungen  von  24  zu  24  Stunden;  nur  einmal  in 
der  Woche  dauert  die  Aufnahme  auf  der  ersten  geburtshilflichen 
Klinik  durch  48  Stunden,  es  hat  mithin  die  erste  Abtheilnng  wöchent- 
lich vier  Aufnahmstage,  die  zweite  Abtheiluug  wöchentlich  drei  Auf- 
nahmstage, mithin  hat  die  erste  Abtheilung  jährlich  52  Aufnahms- 
tage mehr. 

Die  Sterblichkeit  war  an  der  ersten  Abtheiluug.  seit  selbe  aus- 
schliesslich dem  Unterrichte  für  Geburtshelfer  bestimmt  ist.  bis  Juni 
1847  constant  im  Jahre  1846  sogar  um  das  Fünffache  grösser,  und 
innerhalb  sechs  Jahren  durchschnittlich  dreimal  so  gross  als  an  der 
zweiten  Abtlieilung,  an  welcher  nur  Hebammen  gebildet  werden,  wie 
nachfolgende  Tabelle  zeigt. 

Tabelle  Nr.  t. 


Abtheiluug  für  Aerste. 

Abtheilung;  flir  Hebammen. 

i  -B    i    s 

43  *-  S 

ija   ■    a 

i 

i 

S'S  aj 

i 

L 

1-.-  i,  » 

ja 

0) 

»/8 

= 

«~>S 

»g 

>a 

t-  x5   —  — 

3  - 

>  a 

•^  -^  ^    4J 

-  ■- 

*1 

-S-S-ö.2 

£  a 

fcS 

Jahr 

■S| 

«| 

SPS* 

Jj 

•=i 

^£S* 

et 
< 

31 

et 
< 

Slli 

«IM« 

v  a  ~  g 

—  B 

—  a 

S 
< 

a 
*1 

i  g  3g 

a  S  a  ~ 

JIM  5 

1841 

9086 

237 

7.7 

2442 

M 

3.5 

1842 

8287 

518 

15.8 

8659 

202 

7.5 

1843 

3060 

274 

8.9 

27: '.9 

im 

5.9 

1844 

3157 

260 

8.2 

2956 

w 

2.3 

1845 

•U'.iJ 

241 

6.8 

3241 

68 

2.03 

184G 

4010 

459 

11.4 

8754 

105 

27 

Suiiiin.i 

20042 

1989 

9  92 

17791 

691 

3.38 

Der  Unterschied  der  Sterblichkeit  au  beiden  Abtheilungen,  so 
gross  ihn  auch  diese  Tabelle  zeigt,  war  in  der  Wirklichkeit  noch 
weit  grösser,  weil  zuweilen  ans  l'rsachen.  die  wir  später  erörtern 
werden,  bei  überhandnehmender  .Sterblichkeit  sämmtliche  erkrankte 
Wöchnerinnen  aus  der  ersten  Abtheiluug  in  das  allgemeine  Kranken- 
haus transferirt  wurden,  daselbst  starben,  and  dann  in  die  Ausweise 
des  Krankenhauses,  nicht  aber  in  jene  des  (iebai  hauses  als  verstorben 
eingetragen  wurden.  Die  Rapporte  der  ersten  Gebärabtheilung  zeigten 
daher  dann,  wann  Translerirungen  vorgenommen  wurden,  geringe  Mor- 
talitätspercente,  weil  nur  diejenigen,  welche  wegen  zu  raschem  Ver- 
lauf der  Krankheit  nicht  trausferirt  werden  konnten,  daselbst  starben. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        101 


irend  in  Wirklichkeit  eine  grosse  Anzahl  von  Wöchnerinnen  unter- 
Aji  der  zweiten  Abtheilung  wurden  Transferirungen  in  solcher 
Ausdehnung;  nie  vorgenommen,  es  wurden  nur  einzelne  Wöchnerinnen, 
welche  sich  wegen  ihres  Zustandes  für  die  Uebrigen  als  zu  gefährlich 
erwiesen,  transferirt. 

Dieses  Plus  der  Sterblichkeit,  an  der  ersten  Abtheilung  im  Ver- 
gleiche zur  zweiten  sind  die  vielen  hundert  Wöchnerinnen,  welche 
ich  zum  Theile  selbst  an  Puerperal- Processen  sterben  sah,  ohne  für 
dieselben  das  aetiologische  Moment  in  der  bisher  giltigen  Aetiologie 
finden  zu  können. 

Um  dem  Leser  ebenfalls  die  Ueberzeugnng  beizubringen,  dass 
dieses  Plus  der  Sterblichkeit  aus  der  bisher  giltigen  Aetiologie  nicht 
erklärt  werden  könne,  wollen  wir  nun  die  bisher  giltigen  aetiologi- 
schen  Momente  des  Kindbettfiebers  in  ihrer  Anwendung  zur  Erklärung 
dieses  Pins  der  Sterblichkeit  einer  näheren  Prüfung  unterziehen. 

Man  zweifelte  nicht  und  sprach  es  tausendmal  aus,  dass  die 
furchtbaren  Verheerungen,  welche  das  Kindbettfieber  an  der  ersten 
geburtshilflichen  Abtheilnng  anrichtet,  epidemischen  Einflüssen  zuzu- 
schreiben seien.  Man  versteht  unter  epidemischen  Einflüssen  bisher 
noch  nicht  genau  zu  definirende  atmosphärische,  cosmische,  tellurische 
Veränderungen,  welche  sich  manchmal  über  ganze  Länderstrecken 
ausbreiten,  und  bei  durch  das  Puerperium  dazu  disponirten  Individuen 
das  Kindbettlieber  hervorbringen.  Wenn  nun  die  atmosphärisch- 
oosmisch-tellurischen  Verhältnisse  der  Stadt  Wien  derart  beschaffen 
sind,  dass  sie  bei  durch  das  Puerperium  disponirten  Individuen  das 
Puerperalfieber  hervorzubringen  im  Stande  sind,  wie  kommt  es  denn, 
dass  diese  atmosphärisch-cosmisch-tellurischen  Einflüsse  durch  eine 
so  lange  Reihe  von  Jahren  vorzüglich  die  durch  das  Puerperium 
disponirten,  auf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  befindlichen  Indi- 
viduen dahinraffte,  während  es  die  ebenfalls  in  Wien,  im  selben  Hause 
ebenfalls  durch  das  Puerperium  disponirten,  auf  der  zweiten  Abtheilnng 
befindlichen  Individuen  so  auffallend  verschonte.  Mir  scheint  es 
keinem  Zweifel  zu  unterliegen,  dass,  wenn  die  Verheerungen  des 
Kindbettfiebers  an  der  ersten  geburtshilflichen  Abtheilung  epidemischen 
Einflüssen  zuzuschreiben  seien,  sich  dieselben  an  der  zweiten  geburts- 
hilflichen Abtheilung  mit  geringeren  Schwankungen  wiederholen  müssten, 
widrigenfalls  wird  man  zu  der  ungereimten  Annahme  gedrängt,  dass 
die  epidemischen  Einflüsse  24 stündige  Remissionen  und  Exacerbationen 
ihrer  verderblichen  Thätigkeit  erleiden,  und  dass  gerade  die  Remis- 
sionen durch  eine  Reihe  von  Jahren  mit  der  Aufnahmszeit  auf  der 
zweiten   geburtshilflichen  Klinik  zusammenfallen,  während  die  Exa- 

ationen  durch  eine  Reihe  von  Jahren  gerade  zur  Zeit  als  die 
aufnähme  auf  der  ersten  Abtheilung  stattfindet,  eintreten.  Aber 
selbst  dann,  wenn  man  so  etwas  Ungereimtes  gelten  lassen  würde, 
wäre  der  Unterschied  der  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen  durch 
epidemische  Einflüsse  nicht  erklärt.  Die  epidemischen  Einflüsse  wirken 
während  der  Exacerbation  auf  die  Individuen  entweder  vor  ihrer 
Aufnahme  ins  Gebärhaus,  oder  sie  wirken  auf  die  Individuen  während 

-  Aufenthaltes  im  Gebärhause.  Wirken  sie  ausserhalb  des  Qebftr- 
liauses  auf  die  Individuen,  so  sind  gewiss  sowohl  diejenigen,  welche 
auf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  aufgenommen  werden,  als  die- 
jenigen, welche  sieh  auf  der  zweite«  Klinik  zur  Aufnahme  melden, 
der  verderblichen    Wirkung   der   epidemischen   Einflüsse   ausserhalb 


102 


Setmnelwets'  Alihaßdlungeu  and  Werk  über  das  Kindbett lieber. 


des  Gebärhauses  während  der  Exacerbation  ausgesetzt  gewesen,  und 
dann  konnte  keine  so  grosse  Verschiedenheit  in  den  Mortalitätsver- 
hAltnissen  zweier  Abtheilungen  sich  vorfinden,  welche  beide  schon 
von  epidemischen  Einflüssen  betroffene  Individuen  aufnehmen:  wirken 
aber  die.  epidemischen  Einflösse  auf  die  Individuen  während  des  Auf- 
enthaltes im  Gebärhause,  so  könnte  wieder  kein  Unterschied  in  der 
Grösse  der  Sterblichkeit  sein,  weil  zwei  Abtheilungen,  welche  so  nahe 
an  einander  liegen,  dass  sie  ein  gemeinschaftliches  Vorzimmer  haben, 
notwendiger  Weise  denselben  atmosphät "iach-i  osmisch-tellurischen  Ein- 
flössen unterworfen  sein  müssen.  Diese  Betrachtungen  allein  waren 
es,  welche  mir  die  unerschütterliche  Ueberzeugnng  aufdrängten,  dass 
es  keine  epidemischen  Einflüsse  seien,  welche  die  schreckenerregenden 
Verheerungen  unter  den  Wöchnerinnen  der  ersten  Gebärklinik  her- 
vorrufen, 

Nachdem  einmal  diese  unerschütterliche  antiepidemische  Ueber- 
zeugung  sich  meiner  bemächtige*  hatte,  fanden  sich  bald  manche 
Gründe,  welche  mich  in  meiner  leberzeugung  immer  mehr  und  mehr 
bestärkten.    Wir  wollen  sie  in  Folgendem  anführen: 

Wenn  die  atmosphärischen  Einflüsse  der  Stadt  Wien  eine  Kind- 
bettfieber-Epidemie  im  Gebärhause  hervorrufen,  so  miisste  ja  not- 
wendiger Weise  —  da  die  Bevölkerung  der  Stadt  Wien  denselben 
Einflüssen  unterworfen  ist  —  auch  in  der  Stadt  das  Kindbettfleber 
unter  den  Wöchnerinnen  epidemisch  herrschen,  in  der  Wirklichkeit 
aber  beobachtete  man  während  des  stärksten  Wüthens  der  Puerperal- 
krankheit  im  Gehiirhause  weder  in  Wien,  noch  auf  dem  Lande  ein 
häufiges  Erkranken  der  Wöchnerinnen. 

Wenn  die  Cholera  epidemisch  herrscht,  erkrankt  ja  bekannter- 
maßen nicht  nur  die  Bevölkerung  eines  Spitals,  sondern  auch  die 
Bevölkerung  selbst. 

Eine  sehr  häufig,  und  zwar  mit  Erfolg  geübte  Massregel,  um 
einer  herrschenden  Kindbett  neber-Epidemie  Einhalt  zu  thun.  ist  das 
Schliessen  der  Gebärhäuser.  Man  sc.hliesst  die  Gebärhäuser  nicht  in 
der  Absicht,  dass  die  Wöchnerinnen  nicht  im  Gebärhause,  sondern 
wo  anders  sterben  sollen,  sondern  man  schliesst  selbe  in  der  Ueber- 
zeugung:  dass,  wenn  sie  im  Gebärhause  gebären  würden,  würden  sie 
den  epidemischen  Einflüssen  unterliegen,  wenn  sie  aber  ausserhalb 
des  Gebärhauses  entbinden,  werden  sie  gesund  bleiben.  Dadurch  ist 
aber  der  Beweis  gegeben,  dass  man  es  mit  keiner  Epidemie  zu  thun 
hatte,  d.  h.  mit  keiner  Krankheit,  welche  durch  atmosphärische  Ein- 
flüsse bedingt  ist,  weil  die  atmosphärischen  Einflüsse  über  die  Grenzen 
des  Gebärhanses  hinaus,  in  welchem  Winkel  immer  der  Stadt  die 
Kreissenden  und  Wöchnerinnen  treffen  würden:  dadurch  ist  der  Be- 
weis geliefert,  dass  das  Endemien  sind,  d.  h.  Erkrankungen  in  Folge 
von  Ursachen,  welche  in  die  Grenzen  des  Gebärhauses  eingeengt  sind. 

R  is  würden  die  Vertheidiger  der  Epidemien  sagen,  wenn  Jemand 
den  Vorschlag  machen  würde,  um  der  Cholera-Epidemie  Herr  zu 
werden,  sei  es  das  Beste,  die  Choleraspitäler  zu  schliessen? 

Das  Puerperalfieber,  welches  in  Folge  einer  traumatischen  Ein- 
wirkung entsteht,  z.  B.  nach  forcirten  Zangenoperatiouen,  ist  ganz 
in  seinem  Verlaufe  und  anatomischen  Befunde  dasselbe,  wie  es  sich 
bei  sogenannten  Epidemien  vorfindet.  Kann  auch  eine  andere  epide- 
mische Krankheit  auf  traumatischem  Wege  erzeugt  werden? 


h. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetlfiebers.        103 


Die  Epidemien  machen  jahrelange  Intermissionen,  das  Kindbett- 
fieber herrschte  aber  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  durch 
eine  lange  Reihe  von  Jahren  mit  geringen  Intermissionen  ununter- 
brochen fort.    Herrscht  die  Cholera  alljährlich  epidemisch? 

Wenn  die  sogenannten  Kindbettfieber-Epidemien  wirklich  durch 
atmosphärische  Einflüsse  bedingt  wären,  so  konnten  sie  nicht  in  den 
entgegengesetzten  Jahreszeiten  und  Klimaten  vorkommen;  in  der 
Wirklichkeit  aber  werden  zu  allen  Jahreszeiten,  in  den  verschiedensten 
Klimaten,  unter  allen  Arten  der  Witterungsverhaltnisse  Kindbettüeber- 
Epidemien  beobachtet. 

Wir  wollen,  um  dem  Leser  durch  Zahlen  zu  beweisen,  dass  die 
Jahreszeiten  wirklich  keinen  Einfluss  auf  die  Hervorbringung  des 
Kindhettfiebers  haben,  den  durch  die  Tabelle  Nr,  I  repräsentirten 
Zeitraum  abermals  benutzen,  mit  Hinzugäbe  der  ersten  fünf  Monate 
des  Jahres  1847.  Es  wird  dadurch  mittelst  Zahlen  bewiesen,  dass 
jeder  Monat  im  Jahre  einen  günstigen  und  jeder  Monat  im  Jahre 
einen  ungünstigen  Gesundheitsznstand  der  Wöchnerinnen  an  der  ersten 
Klinik  dargeboten  hat.  Nur  der  Monat  December  des  Jahres  1841 
konnte  nicht  benützt  werden,  weil  mir  die  Notiz,  wie  viele  Geburten 
sich  in  diesem  Monate  ereigneten,  und  wie  viele  Wöchnerinnen  ge- 
storben seien,  verloren  ging.  Dieser  Monat  dürfte  aber  zu  denjenigen 
gehören,  in  welchen  viele  Wöchnerinnen  gestorben  sind,  weil  er  sich 
zwischen  zwei  Monaten  befindet,  in  welchen  der  Gesundheitszustand 
der  Wöchnerinnen  ein  schlechter  war.  November  1841  starben 
53  Wöchnerinnen  von  235  Wöchnerinnen,  also  22,5a  °/o*  ^m  Jänner 
1842  starben  64  Wöchnerinnen  von  307  Wöchnerinnen,  mitbin  20.84  %. 

Der  Leser  sieht,  dass  die  epidemischen  Einflüsse  so  mächtig  sind, 
dass  ihre  verderbliche  Thätigkeit  durch  keine  Jahreszeit  gebändiget 
werden  kann,  sie  wüthen  in  der  strengen  Kälte  des  Winters  und  in 
der  drückenden  Hitze  des  Sommers  mit  gleicher  Heftigkeit;  aber  die 
epidemischen  Einflüsse  sind  parteiisch,  indem  sie  nicht  über  alle  Ge- 
bärhäuser gleichmässig  ihre  Geissei  schwingen,  sondern  einzelne  ver- 
schonen, um  dafür  in  anderen  um  so  erbarmungsloser  zu  wüthen,  ja 
sie  gehen  in  ihrer  Parteilichkeit  so  weit,  dass  sie  selbst  verschiedene 
Abtheilungen  einer  und  derselben  Anstalt  in  verschiedenem  Grade 
mit  ihrer  nicht  ersehnten  Thätigkeit  heimsuchen. 

Es  ist  Thatsache,  dass  Gebärhäuser,  welche  keine  Unterrichts- 
anstalten sind,  oder  welche  blos  dem  Unterrichte  für  Hebammen  ge- 
widmet sind,  mit  wenigen  Ausnahmen  ein  günstigeres  Verhältnis»  im 
Vergleiche  zu  den  Büdungsanstaiten  für  den  Geburtshelfer  dar- 
bieten. 

Tabelle  1  zeigt,  wie  verschieden  sich  die  Mortalitätsverhältnisse 
zweier  Abtheilungen  einer  nnd  derselben  Anstalt  verhielten;  ein 
Gleiches  fand  in  Strassburg  auf  zwei  Abtheilungen  ein  und  derselben 
Anstalt  statt. 

Wir  weiden  auf  diese  Umstände  später  noch  ausführlicher  zu 
sprechen  kommen. 

Diese  Gründe  haben  mich,  wie  schon  gesagt,  in  meiner  Ueber- 
zeugung  immer  mehr  und  mehr  bestärkt,  dass  die  grosse  Sterblichkeit 
an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  nicht  durch  epidemische  Ein- 
flüsse bedingt  sei.  sondern  dass  es  endemische  Schädlichkeiten  seien, 
d.  h.   solche  Schädlichkeiten,    welche  ihre   Thätigkeit  nur  innerhalb 


104  Semmelweü'  Abbandinngen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


ö 

n 

B 


B 

er 


ce 

;> 

«-H 

«H 

T> 

Ö 

ff 

B 

B 

S 

g 


3. 


33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     3 


5 


ST* 

»er; 

M 

S?  3      £?  a 

SB        co  B 

IfB- 

g=3. 

s-s 

*a 

S*B 

ff*     5<5 

ff 

(D 

» 

ff       ff 

ss  ss  M  ^1  M  3*8 

2"  3       2"  3        S?  9        S*  3       9"  3       ©*  3 

Ell    ►*■  OB    ^-"  CD     *-"  tc     -J'  OD     *-3'  DD     h** 

co   B  co   B  SB  SB         SB         SB 

»S    ffS    ff|    ss    ff|    »'S 

9  ft)  O  (b  CP  9 

CO 

I 


33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     3 


33     33     33     33     33     33     3=     33     33     33     33     3 


er 

1 


SS 

CO  Ol 

£  SB 

»—03 

CO*»> 

CO  CO 

22 

OS»-» 

£SS 

OS»— 

IS 

os~j 

os-j 

S2£ 
to-o 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3    3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3  1. 

-Ot-» 
COS 

SS 

2oo 

i-»OS 

8?e» 

00I-» 

to 

►—to 

00*» 

fict 

OSO) 

So 
1-3 

•-i 

3      3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3     3 

3      3 

3     3 

o 

3       O- 

9« 

33  33  33  33  33  33 


33  33  33  33  33  3      B 

ff 


SS! 


CO  CO 


S8K 


>-»tO        OSCß 


COl 


>tO        OSOS        CO  OS 

>&      h-5«      osto 


O 

33     33     33     33     33     33     3-     33     33     33     33     30 


3  3     33     33     33     33     33     32     33     33     33     33     3 


ff 


3  3     33     33     33     33     33     3^     33     33     33     33     3»* 


33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     33 


s. 

B 


33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     33     3   9* 


.  |  .  1  ■  I  .  |  ■  1  ■  &  * 1  "8  ■  n .  -  *     '-    ' 

B  R  $                  p  od 

s*  §■  "*      i.  «*■ 

2  «  5T 


•o     3    »*         2.        rr 
=•        3     3   3     3   § 


OS  CO  CO  ►—  CO  tO  ►—  ►—  ►—  h*  ►-  CO 

»-»  ©•  CO  ~J        «COS  00t-»  P"»-'  ÖO  OtO  OSO  OOf—        P"OS  OD"-»        P  • 

mm  p»    —  w    ti  mm  £    •»  -j    ö"  »-    »  £    ^  •    C"  £    ö>  6    «  im 

»     »J  C"     *  M     K  er      »c  OkCa  •     M  C"      -J  »     »  -J      -*  MO  «M  •>      - 

33  33  33  33  33  33  33  33  33  33  33  3; 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylariß  des  Kindbettfiebers,        105 

der  Grenzen   der  ersten  Gebärklinik   auf  eine  so   entsetzliche  Weise 
äussern. 

Wenn  wir  aber  die  bisher  giltigen  endemischen  Ursachen  in  ihrer 
Anwendung  auf  die  Mortalitätsverhältnisse  der  beiden  grossen  Wienei  - 
Gratis-Abtheilungen  prüfen,  so  wird  sich  Beigen,  dass  entweder  kein 
Unterschied  in  der  Grösse  der  Sterblichkeit  hätte  sein  können,  oder 
wenn  ja  ein  Unterschied  möglich  war.  hätte  eine  grössere  Sterblich- 
keit an  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  herrschen  müssen,  wo 
doch  in  der  Wirklichkeit  eine  geringere  Sterblichkeit  herrschte. 

Wenn  die  Ueberfüllung  die  Ursache  der  Sterblichkeit  an  der 
ersten  geburtshilflichen  Klinik  gewesen  wäre,  so  hätte  die  Sterblich- 
keit an  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  noch  grösser  sein  müssen, 
weil  die  zweite  geburtshilfliche  Klinik  mehr  überfüllt  war  als  die 
erste.  Der  üble  Ruf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  hat  es  ge- 
macht, dass  sich  Alles  zur  Aufnahme  auf  die  zweite  geburtshilfliche 
Abtheilung  drängte,  und  dadurch  ist  es  oft  geschehen,  dass  die  zweite 
geburtshilfliche  Abtheilung  die  Aufnahme,  wenn  die  gesetzliche  Zeit 
heranrückte,  nicht  übernehmen  konnte,  weil  sie  keine  neuangekommenen 
Individuen  unterzubringen  vermochte,  oder  wenn  sie  auch  die  Aufnahme 
übernahm,  so  musste  sie  selbe  nach  Verlauf  von  wenigen  Stunden, 
vor  Ablauf  der  gesetzlichen  Zeit,  wieder  an  die  erste  geburtshilflich«- 
Abtheilung  zurückgeben,  weil  am  Gange  eine  so  große  Anzahl  Indi- 
viduen den  Zeitpunkt  der  Uebergabe  der  Aufnahme  von  der  ersten 
geburtshilflichen  Klinik  an  die  zweite  erwartete,  dass  nach  Verlauf 
kurzer  Zeit  sämmtliche  disponible  Plätze  besetzt  waren.  Innerhalb 
fünf  Jahren,  weiche  ich  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  zuge- 
bracht habe,  ist  es  aber  auch  nicht  einmal  geschehen,  daß  man  ge- 
zwungen gewesen  wäre,  wegen  Ueberfüllung  die  Aufnahme  vor  der 
gesetzlichen  an  die  zweite  geburtshilfliche  Klinik  abzugeben,  obwohl 
an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  wöchentlich  einmal  durch 
48  Stunden  die  Aufnahme  ununterbrochen  dauerte;  und  trotz  dieser 
Ueberfüllung  war  die  Sterblichkeit  der  zweiten  geburtshilflichen 
Klinik  auffallend  geringer. 

Die  erste  geburtshilfliche  Klinik  weist  zwar  alljährlich  mehrere 
hundert  Geburten  mehr  aus,  als  die  zweite  Abtheilung,  es  war  ihr 
aber,  da  sie  wöchentlich  einen  Aufnahmstag  mehr  hatte,  ein  grösseres 
Locale  zugewiesen,  als  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik.  Die 
zweite  geburtshilfliche  Klinik  war  demnach  trotz  der  geringeren  An- 
zahl der  Geburten  im  Verhältnisse  zu  ihrer  Fassungsfähigkeit  mehr 
überfüllt.  Beweis  dessen:  konnte  sie  öfters  die  Aufnahme  entweder 
gar  nicht  übernehmen,  oder  musste  sie  dieselbe  vor  der  Zeit  abgeben, 

sich  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik,  wie  schon  gesagt, 
durch  fünf  Jahre ,  obwohl  wöchentlich  einmal  durch  48  stunden  die 
Aufnahme  ununterbrochen  fortdauerte,  nicht  ereignete;  hätte  die.  zweite 
Abtheilung  die  nöthigen  Localitäten  gehabt,  um  alle,  die  dort  Auf- 
nahme suchten,  auch  aufnehmen  zu  können,  so  hätte  sie  trotz  dem, 
dass  sie  um  52  Aufnahmstage  jährlich  gesetzlich  weniger  hatte,  eine 
bei  weitem  grössere  Anzahl  Geburten  ausgewiesen  als  die  erste  ge- 
burtshilfliche Abtheilung, 


106 


Semmelweis'  Abhandinngen  tmd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Klinik  für  Aerzte. 


Tabelle  Mr.  III. 


Klinik  für  Aerzte. 


Jahr, 

Monat 


1841 

Jänner  . 
Februar 
Harz  .  . 
April  .  . 
Mai .  .  . 
Jnni   .  . 
Juli .  .  . 
August . 
September 
October.  . 
November 
December 


1842 

Jänner  . 
Februar 
März  . 
April  . 
Mai  .  . 
Juni   . 
Juli.  . 
August 
September 
October.  . 
November 
December 


1848 

Jänner  . 
Februar 
März  .  . 
April  .  . 
Mai  .  .  . 
Juni   .  . 
Juli .  .  . 
August . 
September 
October.  . 
November 
December 


a 

J3 


1 


33 

SÄ 


1844 

Jänner  .  . 
Februar  . 


254 
239 
277 
255 
255 
200 
190 
222 
213 
236 
235 
fehlt 


307 
311 
264 
242 
310 
273 
231 
216 
223 
242 
209 
239 


272 
263 
266 
285 
246 
196 
191 
193 
221 
250 
252 
236 


244 
257 


37 

18 

12 

4 

2 

10 

16 

3 

4 

26 

53 


64 
38 
27 
26 
10 
18 
48 
55 
41 
71 
48 


52 
42 
33 

34 

15 

8 

1 

8 

5 

44 

18 

19 


37 
29 


W.86 

7-53 

4.33 

1-57 

o.„ 

5-oo 

8.4, 

1-88 

1-S7 

H.00 

22.55 


20.84 
12.« 

10.« 

10.,« 

3-, 

6-o 

20.79 

25.M 

18.38 

29.» 
22.M 
31-, 


19.ii 

15.90 

12-40 

11.« 

6.,. 
4.M 

0.». 
1.8S 

2.,„ 
17-w 

'•14 
8.Q5 


15|« 


Jahr, 
Monat 


März  .  .  . 
April .  .  . 
Mai ...  . 
Juni  .  .  . 
Juli.  .  .  . 
August.  . 
September 
October.  . 
November 
December 


1845 

Jänner  . 
Februar 
März  .  . 
April  .  . 
Mai .  .  . 
Juni    .  . 
Juli .  .  . 
August . 
September 
October    . 
November 
December 


1846 

Jänner  . 

Februar 

März 

April 

Mai  . 

Juni 

Juli. 

August 

September 

October.  . 

November 

December 


1847 

Jänner  . 
Februar 
März  .  . 
April  .  . 
Mai  .  .  . 


a 

o  * 

v 

CD 


N 


276 
208 
240 
224 
206 
269 
245 
248 
246 
256 


303 
274 
292 
260 
296 
280 
245 
251 
237 
383 
265 
267 


336 
293 
311 
253 
305 
266 
252 
216 
271 
254 
297 
298 


311 
312 
305 
312 
294 


Im 

8 

03 


47 

36 

14 

6 

9 

17 

3 

8 

27 

27 


23 
13 
13 
11 
13 
20 
15 
9 
25 
42 
29 
28 


45 
53 
48 
48 
41 
27 
33 
39 
39 
38 
32 
16 


10 
6 
11 
57 
36 


U 


17-3, 

17*o 

5.« 

2-7 
4-37 

6.,, 

!•„ 

3.« 

H-oo 

10.55 


7.5» 
5.U 
4-45 

4.,, 

4-30 
7-14 

6.,, 

3.5, 
10.55 
14.«4 
10*4 

10.« 


13.« 

18-, 
15« 

18-7 
13-44 
10..5 

13.10 

18-5 

U.« 
14-, 

10.,, 

5.„ 


3-, 

1-2 

3« 
18-, 

12,4 


Die  Acfiofogie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindliettriebers.        107 

Wenn  war  aber  von  einem  Vergleiche  der  ersten  Abtheilung  zur 
zweiten  in  Bezug  auf  Ueberfiillung  gänzlich  absehen,  und  nur  die 
verschiedenen  Grade  der  Ueberfiillung,  wie  sie  an  der  ersten  Gebär- 
klinik vorgekommen  sind,  je  nachdem  eine  grössere  oder  geringere  An- 
zahl von  Wöchnerinnen  in  den  verschiedenen  Monaten  verpflegt  wurde, 
berücksichtigen,  bo  zeigt  sich,  dass  der  günstigere  oder  ungünstigere 
li<'HnnllitMtszust:iml  der  Wöchnerinnen  nicht  von  einer  grösseren  oder 
geringeren  Ueberfiillung  der  ersten  Abtheilung  abhing.  Wir  wollen 
wieder  den  durch  die  Tabelle  I,  repräsentirten  Zeitraum  benützen, 
mit  Hinzugabe  der  ersten  fünf  ttonate  des  Jahres  1847,  jedoch  mit 
Ausschluss  des  Deeembers  vom  Jahre  1841T  weil  uns  über  diesen  Monat 
die  Xotate  verloren  gingen. 

Innerhalb  dieser  7b"  Monate  verhielt  sich  die  Anzahl  der  Ver- 
storbenen zu  der  der  Entbundenen  wie  Tabelle  Nr.  III  auf  Seite  106 
zeigt. 

Innerhalb  dieser  76  Monate  war  die  grosste  Anzahl  der  ver- 
pflegten Wöchnerinnen  während  eines  Monates  336,  also  die  grösste 
Uebertüllung  im  Jänner  1846,  davon  sind  gestorben  45,  mithin  13.3B'70. 
In  13  Monaten  innerhalb  dieser  76  Monate  war  die  absolute  Sterb- 
lichkeit bei  einer  geringeren  Anzahl  Geburten,  also  bei  einer  geringeren 
Ueberfültnng  ei  n-,  wie  Tabelle  IV.  zeigt. 


Tabelle  Sr.  17. 


Monat 


Jahr 


Geburten 


T...dte 


rerceut 


Geburten 

waren 

weniger 


Tudte 
mehr 


Jänner  . 
April 

Murz.  . 
Jänner  . 
Februar . 
März  .  . 
Jänner  . 
April.  . 
Octohf-r 
December 
luber 

Juli 

August  . 
November 


1846 
1847 

1846 

1842 
1846 
1844 
1843 
1846 
1842 
184-i 
1841 
1843 

i84a 

1X4-.' 


Wenn  wir  aber  die  relative  Sterblichkeit  berücksichtigen,  so  war 
mit  Herzuziehung  der  Tabelle  IV  die  relative  Sterblichkeit  bei  einer 
geringeren  Anzahl  Geburten,  also  bei  einer  geringeren  Ueberfülluug 
innerhalb  24  Monaten  grösser,  als  bei  der  grössten  Anzahl  Geburten, 
also  bei  der  grössten  Ueberfiillung  im  Monate  Jänner  1846,  wie  die 
Tabellen  IV  und  V  zeigen. 


108  Semmelweis   Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kradbettfieber. 

Tabelle  Hr.  7. 

Die    gross te    UeberfiWlnng   war    im  Jänner   1846    mit    336   Geburten,   wovou 
45  starben,  mitbin  13.J0  %. 


Monat 


Jahr 


Mai  .  .  . 
October.  . 
September. 
Fclipi 

Jänner  .  . 
October.  . 
October ,  . 
Jänner  ,  . 
September . 
August 
April     .    . 


1846 
1845 
1846 
1843 
1841 
1846 
1843 
1844 
1842 
1846 
1844 


Geburten 


305 

271 
263 
254 
264 
250 
244 
223 
216 
208 


Todte 


Percent- 
Antheil 


Bei  um 
Geburten 
weniger 


Wenn  wir  aber  nicht  blos  die  absolute  Sterblichkeit,  sondern 
gleichzeitig  die  Jahreszeit  berücksichtigen,  so  zeigt  sich,  dass  nnr  in 
den  Monaten  März  und  April  bei  der  grössten  Anzahl  Wöchnerinnen, 
also  bei  der  grössten  I'eberfüllung  auch  die  grösste  absolute  Sterb- 
lichkeit sich  ereignete,  wie  Tabelle  Nr.  VI  zeigt: 


Tabelle  Kr.  Tl. 

Jänner. 

1846  Geburten  336,  Todte  45, 

Prct.-Antb.  13.1u,  Geborten  weniger  —  Todte  mehr  — 

1842 

307,       „       64, 

n        1» 

1843          .. 

H8,       „       52, 

-         n        19|i,         „                  .        64       „ 
Februar 

n         7 

1847  Geburten  312,  Todte    6, 

Prct.-Antb.    l.9i,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  - 

1842 

311,       „       38, 

1846 

293,       -       53, 

■            n           18u.,             a                       „           19 

-      47 

1845 

274,       „       13, 

■       7 

1843 

888.      „      42, 

■         v        U5 n                         49       „ 

H      36 

1844 

-'''■         „         29, 

■      22 

1841          , 

239.       ..       18. 

v         n         7.8|,          „                n       73       „ 

■      12 

Mit!  z 

1846  Geburten  311,  Todte  48,  Prct.-Anth.  15«,  Geburten  weniger—  Todte  mehr — 


April.') 
1847  Geburten  312,  Todte  57,  Prct.-Antb.  18„,  Geburten  weniger 


Todte  mehr  — 


Mai, 


1842  Geburten  310,  Todte  10,  Prct.-Antb. 
1846        ,         305,      „      41,     „        „ 
1845         ,         296.      n      13.     „        , 

1843  ,         294,      „      86     „ 

1843  246.       n       15.      w         , 

1844  ,  240,       _       14,      „         „ 


3». 
13..*, 

4.ioi 

6.i», 
5.11, 


Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 

n             Ö         „  „31 

„            14          „  3 

»                         16       „  „      26 

n       64       „  ,         5 

„        70       „  „4 


')  In  den   übrigen  gleichnamigen  Monaten  war  bei  einer  geringeren  Anzahl 
Geburten  eine  geringere  absolute  Sterblichkeit. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        109 

Juni. 

1845  Geburten  280,  Todte  20,  Prct.-Anth.    7.14,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 

1846  „         266,      „       27,     „        „       10.,,,         „  „       14      „         „       7 

Juli. 

1846  Geburten  252,  Todte  33,  Prct.-Anth.  13.,  0,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 
1842         „         231,      „      48,     ,        ,       20.„,         „  „       21      „         „      15 

August. 

1844  Geburten  269,  Todte  17,  Prct.-Anth.  6.<>j,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 
1842  „  216,  „  55,  „  „  25.„,  „  „  53  „  „  38 
1846         „         216,      „      39,     „        „       18^5,         „  „       53      „         ,      22 

September. 

1846  Geburten  271,  Todte  39,  Prct.-Anth.  14.,e,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 

1842  „         223,      „      41,     „        „       18.„,         „  „       48      „         „       2 

October. 

1845  Geburten  283,  Todte  42,  Prct-Anth.  14.S4,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 

1843  „  250,  „  44,  „  „  17.a„,  „  „  33  .  „  2 
1842         „         242,      „      71,     „        „       29.„,         „  „       41      „         n     29 

November. 

1846  Geburten  297,  Todte  32,  Prct.-Anth.  10.„,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 

1841  „         235,      „      53,     „        „       22.,,,         „  „       62      „         „     21 

1842  „         209,      „      48,      „        „       22.98,         ,  „       88      n         „      16 

December. 

1846  Geburten  298,  Todte  16,  Prct-Anth.  5.S7,  Geburten  weniger  —  Todte  mehr  — 
1845         „         267,      „       28,     „        „       10.4S,         „  „       31      „         „      12 

1844  „         256,      „      27,     „        „       10.«»,         „  „       42      „         „      11 

1842  „         239,      „       75,     „        „       31.„,         „  „       59      „         „      59 

1843  „         236,      „       19,     „        „         8.,,,         „  „       62      „         „       3 

Wenn  wir  aber  die  relative  Sterblichkeit  und  die  Jahreszeit  be- 
rücksichtigen, so  zeigt  sich,  dass  bei  der  grössten  Anzahl  Wöchne- 
rinnen, d.  h.  bei  der  grössten  Ueberfüllung,  nie  gleichzeitig  die  grösste 
relative  Sterblichkeit  stattfand,  wie  Tabelle  VÜ  zeigt: 

Tabelle  Nr.  TU. 

Jänner. 

1846  Geburten  336,  Todte  45,  Percent-Antheil  13.J9.  Geburten  weniger  — 

1842  307,      „      64,        „  „        20.94,         n  r       29 

1843  „         272,      „      52,        „  „        19.u,         „  „       64 
1841         „         254,      „      37,        „            „        14.M,         „  „       82 

1844  „         244,      „      37,        „  „        15.,,,         „  „       92 


n  1 

n  19 

„  38 

*  49 

„  55 

„                    n  ™ 

März. 
1846  Geburten  311,  Todte  48.  Percent-Antheil  15.4J,  Geburten  weniger  — 

1844         „         276,      „      47,        „            „        17.0J,         „               „  35 


Feb 

mar. 

1847  Geburten  312, 

Todte 

6, 

Percent-Antheil    l.n. 

1842 

n 

311, 

n 

38, 

n 

n             12.J1, 

1846 

n 

293, 

n 

53, 

n 

n             18.Q8, 

1845 

n 

274, 

n 

13, 

n 

n              5.H, 

1843 

n 

263. 

ji 

42, 

n 

»             15.06, 

1844 

ji 

257, 

r 

29, 

r 

„     11..., 

1841 

n 

239. 

" 

18, 

n 

»          7-63, 

HO  Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

April. 

1847  Geborten  312,  Todte  57,  Percent-Antheil  18.27,  Geburten  weniger  — 

1846         „         253,      „      48,        „            „        18.97,         „  „       69 

Mai. 

1842  Geburten  310,  Todte  10,  Percent-Antheil    S.it,  Geburten  weniger  — 

1846  „         305,      „      41,        „            „        13.„,         „  „5- 

1845  ,          296,       „       13,         „             „          4.39,          „  „        14 

1847  „         294,      „      36,        „            „        12.i4,         ,  „       16 

1843  „         246,      „       15,        „            „          6.10,         „  „       64 

1844  „         240,      „      14,        .            „          5.M,         „  n       70 

Juni. 

1845  Geburten  280,  Todte  20,  Percent-Antheil    7.14,  Geburten  weniger  — 

1846  „         266,      „      27,        „            „        10.I1V,         „  „       14 

Juli. 

1846  Geburten  252,  Todte  33,  Percent-Antheil  13.,  0,  Geburten  weniger  — 
1842         „         231.      „      48,        „            „        20.„,         „  „       21 

August. 

1844  Geburten  269,  Todte  17,  Percent-Antheil  6.„.  Geburten  weniger  — 
J846  „  216,  „  39,  „  „  18^,  „  „  53 
1842         „         216,      „      55,        „            „        25.,,,         „  „       53 

Septem  per. 

1846  Geburten  271,  Todte  39,  Percent-Antheil  14.,9,  Geburten  weniger  — 

1842  „         223,      „      41,        „            „        18.,8,         „  „       48 

October. 

1845  Geburten  283,  Todte  42,  Percent-Antheil  14.94.  Geburten  weniger  — 

1846  „         254,      B      38,        „            „        U.9>,         „  „       29 

1843  „  250,  „  44,  „  „  17.M,  „  „  33 
1842         „         242,      „      71,        „            „        29.,,,         r  „       41 

November. 

1846  Geburten  297,  Todte  32.  Percent-Antheil  10.77,  Geburten  weniger  — 

1845  266,      ,      29,                    _        10*4,         n  r       32 

1844  .,         245,      ^      27.                     .        11.«,.         ..  >       52 

1841  .          235.      B       53.                      _         22,„;          _  „        62 

1842  .         209,      .      48,                    „        22^.         .  „       88 

December. 

1846  Geburten  298.  Todte  16.  Percent-Antheil    5.,-.  Geburten  weniger  — 

1845  267,  .  28;  „  10.4S.  B  „  31 
1844          .          256;       .       27,         „             _         10.w,          ,  -        42 

1842  ,        239,      „       75,        „            .        3l.„.         „  „       59 

1843  „         236,      .       19.                     n          8<v         ,  „       62 

Wenn  wir  aber  die  einzelnen  Monate  nach  der  Anzahl  der  in 
derselben  vorkommenden  Geburten,  d.  h.  nach  den  Graden  der  vor- 
handenen Ueberfullung,  aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  bei  der  all- 

mäligen  Abnahme  der  Geburten,  d.  h.  der  allmäligen  Abnahme  der 
üebertüllung.  keine  entsprechende  Abnahme  in  der  Sterblichkeit,  wie 
Tabelle  Nr.  VIII  zeigt: 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        Hl 


Tabelle  Hr.  YI1I. 


Jänner. 

Juli. 

1846  Gebart.  336,  Todte45,Pct.-Anth.  13.,, 

1846  Gebart.  252,  Todte  33,  Pct. 

-Anth.  13.,0 

1847        „ 

311,     „     10,   „ 

n         3.j| 

1845 

n 

245,      „     15,    „ 

„       6.,, 

1842       „ 

307,     „     64,   „ 

„       20.84 

1842 

n 

231,      „     48,    B 

„     20.,, 

1845    ; 

303,     „     23,   „ 

n         J-l» 

1844 

n 

206,     „       9,   „ 

n       4.»7 

1843       „ 

272,     „     52,    „ 

„     19-n 

1843 

n 

191,      n        1,    n 

n         0.n 

1841        „ 

254,     „     37,    „ 

„     14.M 

1841 

n 

190,      „     16,    „ 

r          8.4t 

1844        „ 

244,     „     37,    „ 
Februar. 

»     15... 

August. 

1847  Gebart.  312,  Todte  6,Pct-Anth.  l.„ 

1844  Gebart.  269,  Todte  17,  Pct-Anth.  6.„ 

1842       , 

311,      „     38,   , 

n     12.9l 

1845 

T) 

251,      „       9,    „ 

n          3.8g 

1846       „ 

293,     „     53,    „ 

„        18-08 

1841 

n 

222,      „       3,    „ 

»         1.« 

1845       „ 

274,     „     13,   „ 

n          Ö.„ 

1842 

n 

216,     „     55,    „ 

„     25.4. 

1843       „ 

273,      „     42,    „ 

n       15... 

1846 

n 

216,     „     39,    n 

n       18^6 

1844       „ 

25?;     ;     29,   „ 

n       11« 

1843 

n 

193,     „       3,    „ 

»          !•!» 

1841        „ 

239,      „     18,    „ 
März. 

«           '-»8 

September. 

1846  Gebart.  31 1 ,  Todte  48,  Pct-Anth.  16.« 

1846  Geburt.  271,  Todte  39,  Pct.-Anth.  14.„ 

1847        „ 

305,     „     11,   „ 

n          3.^0 

1844 

n 

245,     „       3,    „ 

»      i" 

1845  .     „ 

292.     ,     13,   „ 

n          4.46 

1845 

n 

237,     „     25,   „ 

*       10.»* 

1841    ; 

277i     „     12,    „ 

n            4.3S 

1842 

•n 

223,     „     41,   „ 

■  1S» 

1844    ; 

276,     „     47,   „ 

n     17- 

1843 

n 

221,     „       5,   „ 

B             2.J» 

1843       „ 

266,     „     33,   „ 

„     12.«, 

1841 

n 

213,    .„       4,    „ 

n    ,    1-87 

1842       „ 

264,     „     27,   „ 
April. 

„     10.«o 

October. 

1847  Gebart.  31 2,  Todte  57,  Pct-Anth.  18.„ 

1845  Geburt.  283,  Todte  42,  Pct-Anth.  14.84 

1843       „ 

285,     „     34,   „ 

„      11« 

1846 

n 

554,     „     38,   „ 

„      14.0 

1845       „ 

260,     „     11,   „ 

n          4.M 

1843 

n 

250,     „     44,   „ 

.      17- 

1841        „ 

255,      „       4,    „ 

n          1-6, 

1844 

n 

248,     „       8,    r 

»       o2" 

1846       „ 

253,     „     48,   „ 

n       18-07 

1842 

n 

242,     „     71,    „ 

n      29.„ 

1842       „ 

242,'     ;     26|    „ 

n       10-74 

1841 

n 

236,     „     26,   „ 

„      11- 

1844       „ 

208,     „     36,   „ 
Mai. 

n       17-.0 

November. 

1842  Gebart.  310,  Todte  10,  Pct.-Aath.  3.,» 

1846  Geburt.  297,  Todte  32,  Pct-Anth.  10„ 

1846       „ 

305,     „     41,   „ 

„        13-44 

1845 

T) 

265,       „     29,    „ 

„       10^4 

1845        „ 

296,     „     13,   „ 

n         4.,o 

1843 

n 

262,       „     18,    „ 

»  ,!•»* 

1847        „ 

294;  „  36, „ 

,     12.8t 

1844 

n 

246,       „     27,, 

n      11- 

1841        „ 

255,     „       2,    „ 

n        0.78 

1841 

n 

235,      „    53,    „ 

»     22.M 

1843       „ 

246,     „     15,   „ 

»       6-io 

1842 

n 

209,      „    48,    „ 

n      22.M 

1844       „ 

240,     „     14,    „ 
Jani. 

*       5.M 

December. 

1845  Geburt.  280,  Todte  20,  Pct-Anth.  7.,  4 

1842  „      273,     „     18,   „        „       6^, 

1846  „  266,  „  27,  „  „  10.18 
1844  „  224,  6,  „  „  2.6, 
1841        „      200,     „     10,   B        „       5^o 

1843  ,      196,     „       8,    „        „      4... 


1846  Gebart. 298, Todte  16, Pct-Anth.  5S7 
1845  „  267,  „  28,  n  „  IO.4, 
1844        „      266,      B    27,    „        B    10.56 

1842  „     239,      „    75,    „        „    31.,, 

1843  „      236,      „    19,    „        ,      8.«, 


Wenn  wir  aber  die  einzelnen  Monate  nach  der  absoluten  Sterb- 
lichkeit aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  keine  dem  entsprechende  all- 
mälige  Abnahme  der  Geburten,  also  Abnahme  der  (Jeberfollung,  wie 
Tabelle  Nr.  IX  zeigt: 


112 


Semmelweis'  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Tabelle  Hr.  EL 

ja 

nner. 

J 

uli. 

1842  Todte64.  Pct-Anth.  20.84, 

Geburt.  307 

1842  Todte  48,  Pct.-Anth.  20.„, 

Geburt  231 

1843     „ 

52.    „ 

„     19..«, 

n 

272 

1846 

rt 

33,    „ 

»     13-ic 

„      252 

1846     „ 

45,    „ 

„       13.(9, 

n 

das 

1841 

•1 

16,     n 

n        8.4f, 

„      190 

1841      „ 

37,    „ 

n     14.M, 

n 

254 

1845 

71 

15,     n 

„      6.Itf 

n      245 

1844      „ 

37,    „ 

n      15-.., 

p 

244 

1844 

n 

9,    „ 

n         4.J7, 

n       206 

1845     „ 

23,    „ 

n          '•»», 

p 

303 

1843 

n 

1,      „ 

n        0.„, 

ü      191 

1847      „ 

10,    „ 
Fe 

n        8.ji, 

brnar. 

n 

311 

Au 

ffust 

1846  Todte63, Pct-Anth.  I8.0,, 

Geburt.  293 

1842  Todte  55,  Pct-Anth.  25.*,, 

Geburt  216 

1843      „ 

42,     n 

*    15«, 

n 

263 

1846 

r* 

39,    „ 

„    18.«, 

n      216 

1842      „ 

38,     „ 

n    12.«, 

n 

311 

1844 

n 

ll>    » 

r         6.jj, 

n      269 

1844      „ 

29,    „ 

r       11«, 

n 

257 

1845 

n 

9,    „ 

n         "-M, 

„      251 

1841    ; 

18,    „ 

7 

r> 

239 

1841 

rt 

3,      r 

„         1-is, 

„      222 

1845      „ 

13,     „ 

„     5.„, 

n 

274 

1843 

n 

3,     . 

n        1», 

n      193 

1847      „ 

6,    „ 

n          l'M, 

n 

312 

März. 

Sept 

ember. 

1846  Todte48,  Pct-Anth.  15.*,. 

Geburt  311 

1842  Todte 41,  Pct-Anth.  18«. 

Geburt  223 

1844      „ 

47,     „ 

r      l'-OJ» 

n 

276 

1846 

Tf 

39,    r 

n      14«, 

n         271 

1843      p 

33,    r 

r      12-40, 

r. 

266 

1845 

r. 

25,    „ 

n     10-m, 

»      237 

1842      _ 

27,    r 

n      10», 

r> 

264 

1843 

r 

5,    . 

n          2.is, 

I      221 

1845      „ 

13,    r 

r         4.4J, 

V 

292 

1841 

4,      „ 

n          l'M» 

n         213 

1841 ,   „ 

12.    r 

r         4.,,, 

n 

277 

1844 

r 

3,    „ 

»•       !•«» 

n      245 

1847      „ 

11,     r, 

r         3^0- 

n 

305 

A 

pril. 

October. 

1847  Todte57,  Pct.-Anth.  18.„, 

Geburt.  312 

1842  Todte  71.  Pct- 

lnth.29.„, 

Geburt  242 

1846      „ 

48,    r 

r       18«, 

r 

253 

1843 

r 

44,    „ 

„     17^o, 

»      250 

1844      . 

36,    r 

„       17..0- 

n 

208 

1845 

r 

42.    . 

n       14.»4, 

n      283 

1843     „ 

34.    r 

,       11«, 

n 

285 

1846 

38,     „ 

n      14«, 

„      254 

1842     „ 

26,    r 

r      10-7*. 

242 

1841 

r 

26,  ; 

r,       *1<0, 

„      236 

1845     „ 

11,    , 

r         4.M. 

n 

260 

1844 

r» 

8,    r 

«         3^j. 

n       248 

1841      r 

4,    „ 

r          1-57- 

r 

255 

Mai. 

November. 

1846Todte41.Pct. 

•Anth.  13.4t. 

Geburt.  305 

1841  Todte  53.  Pct-Anth.  22*5. 

Geburt  235 

1847      „ 

36,    „ 

,     12.,4, 

r 

294 

1842 

r 

48.   . 

r         22^, 

„      209 

1843      . 

15,    , 

»       6.,0. 

r 

246 

1846 

r 

32.   „ 

n         10.77, 

„      297 

1844      _ 

14.    , 

-      5-,,, 

r 

240 

1845 

y? 

29.    „ 

r         10«. 

»       265 

1845     . 

13.    r 

r         4^,. 

r 

296 

1844 

27,    „ 

»         11«, 

n       245 

1842      „ 

10.    . 

,      3.„, 

r 

310 

1843 

r» 

18.   „ 

r            7.14, 

B      252 

1841     r 

2.    . 

,    o.„. 

rt 

255 

J 

nni. 

December. 

1846Todte27.Pct. 

-Anth.  10.,  5. 

Geburt  26ß 

1842  Todte  75.  Pct-Anth.  31.,,, 

Geburt  239 

1845     _ 

20.    ,. 

-       7.,4. 

280 

1845 

28.    m 

,     10^», 

n      267 

1842     . 

18,    . 

r          6^,, 

„ 

273 

1844 

r* 

27.   . 

n      10^, 

n      266 

1841      . 

10.    , 

!•             **■©>• 

„ 

200 

1843 

r 

19.    r 

r          8.0», 

„      236 

1843      . 

8.    . 

,          4^. 

*? 

196 

1846 

16.   r 

r          5.,7, 

„      298 

1844      . 

6.    . 

r         2^7. 

r» 

224 

Wenn  \\-ir  aber  die  einzelnen  Monate  nach  der  relativen  Sterb- 
lichkeit aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  der  allniäligren  Abnahme  der 
relativen  Sterblichkeit  keine  allmälig  entsprechende  Abnahme  in  der 
Anzahl  der  vorgekommenen  Geburten,  oder  keine  allmälige  Abnahme 
der  Uebertüllung.  wie  Tabelle  X  zeigt: 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        113 


Tabelle  Ir.  X. 


Jänner. 


1842  Pct.-Anth.  20.*4,  Todte64,  Gebart. 

1843  „  n  19.,  „  „  52.  „ 

1844  „  ,.  15.16,  ..  37,  ., 
1841  ,.  „  14.„,  ..  37,  „ 

1846  „  „  13.,,,  „  45,  „ 

1845  „  ,.  7,Wf  „  23,  „ 

1847  „  „  3.,,,  „  10,  „ 


Februar. 


1846  Pct.-Anth.  18.0„  Todte  53,  Gebart. 

1843  „ 
1842  ., 

1844  ., 
1841  ,. 

1845  ., 

1847  ;. 


15.»«, 
12.,,, 

«•53i 

1-0«! 


42. 
38, 
29, 
18, 

"4 


293 
263 
311 
257 
239 
274 
312 


März. 


1844  Pct.-Anth.  17.03,  Todte  47,  Geburt.  276 


1846 
1843 
1842 
1845 
1841 
1847 


15«,  „ 

12-40.  „ 

io.»,  „ 

4«,  „ 

4»,  „ 

3«jo,  „ 

April. 


48, 
33, 
27, 
13, 
12, 
11, 


311 
266 
264 
292 
277 
305 


1846  Pct.-Anth.  18.97,  Todte  48.  Geburt.  253 


1847 
1844 
1843 
1842 
1845 
1841 


17.30, 
11«, 

10-74, 
4-43, 
1«, 


57, 
36, 
34, 
26, 

H, 

4, 


312 
208 
285 
242 
260 
255 


Mai. 


1846  Pct.-Anth.  12.44.  Todte  41,  Geburt.  305 


1847 
1843 
1844 
1845 
1842 
1841 


12.*.. 
6.10, 

5-S3. 

4.„, 

3-J2, 

o.7„ 


36, 
15, 
14, 
13. 
10. 
2, 


294 
246 
240 
296 
310 
255 


Juli. 
1842  Pct.-Anth.  20.7„,  Todte  48,  Geburt.  231 


307 

1842  Pc 

272 

1846  „ 

244 

1841  ., 

254 

1845  ,. 

&% 

1844  „ 

303 

1843  ., 

311 

13.,., 

,  33, 

,   262 

8.4J, 

.  16, 

,   190 

6-12, 

.  15, 

,   245 

4.J7. 

„   », 

.,   206 

ü„„ 

,   1. 

..   191 

August. 

1842  Pct-Anth.25.4«.  Todte  55,  Geburt.  216 

1846 

1844 

1845 

1843 

1841 


September. 

1843  Pct.-Anth.  18.M,Todte41,Geburt.223 
14,30,      „     39, 


18.o,. 

,  39, 

,   216 

6-3«, 

•  17, 

,   269 

3-8», 

,   9, 

,   251 

1-M. 

.   8, 

,   193 

1 -3Ä, 

,   3, 

,   222 

1846 
1845 
1843 
1841 

1844 


10. 


ß.V 

2.,«, 

l.*7, 


1. 


25, 
5. 
4. 
3. 


271 
237 
221 
213 
246 


October. 
1842  Pct.-Anth.  29.j,,  Todte  71,  Geburt.  242 


1843 
1846 
1845 
1841 
1844 


17.«.. 
14»,. 
14.„4. 
lloo. 


44, 
42. 

38, 
26, 


250 
254 
283 
236 
248 


November. 


1842  Pct.-Anth.  22.9rtl  Todte  48,  Geburt.  209 


1841 
1844 
1845 
1846 
1843 


22.,., 
ll-oo. 

10„4, 

10,,, 

••14. 


53. 
27, 

29, 
32, 
18, 


236 
245 
265 
297 

252 


Juni. 

1846  Pct.-Anth.  10.,  „.Todte  27,  Geburt.  266 
1845    ..         ..       7.14.      .,     20,       ,.       280 


1842 
1841 
1843 
1844 


6-«.. 
5.00. 
4-o„ 
2.„„ 


18. 

10, 
8, 
6, 


273 
200 
196 
224 


December. 

1842  Pct.-Anth.31.3H,  Todte  75,  Geburt.  239 

1844  .,        ,.      10.»».      ,.     27,       „      256 

1845  ..        .,     10.4„     ..     28,       .,      267 

1843  ,.        ..       8.0»,     .,     19,       „      236 

1846  „        ,.       5.S7,     „     16,      „      298 


Wenn  wir  aber  alle  76  Monate  nach  der  Anzahl  der  in  derselben 
vorgekommenen  Geburten,  also  nach  dem  Grade  der  Ueberfüllung 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  dem  entsprechend  keine  allmälige  Ab- 
nahme der  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  XI  zeigt: 

Semmelweis'  gesammelte  Werke.  8 


114  Semmelweü'  Abhandlungen  und  Werk  Ober  das  Kindbettfieber. 


Tabelle  Kr.  XI. 


Jänner 1846    Gebnrten  336, 

April 1847  .,  212, 

Februar 1847  .,  312, 

März 1846  .,  311, 

Jänner 1847  „  311, 

Februar 1842  „  311, 

Mai 1842  „  310, 

Jänner 1842  „  307, 

Mai 1846  „  306, 

März 1847  „  305, 

Jänner 1845  „  303, 

December 1846  „  298, 

November 1846  „  297, 

Mai 1845  „  296. 

Mai 1847  „  294, 

Februar 1846  ,.  293, 

März 1845  .,  292, 

April 1843  „  285, 

October 1845  „  283, 

Juni 1845  „  280, 

März 1841  „  277, 

März 1844  „  276, 

Februar 1845  „  274, 

Juni 1842  „  273, 

Jänner 1843  „  272, 

September 1846  „  271, 

August 1844  „  269, 

December 1845  „  267, 

März 1843  „  266, 

Juni 1846  „  266, 

November 1845  „  265, 

März 1842  „  264, 

Februar 1843  „  263, 

April 1845  „  260, 

Februar 1844  „  257, 

December 1844  „  256, 

April 1841  „  255, 

Mai 1841  „  255, 

Jänner 1841  r  254, 

October 1846  „  254, 

April 1846  „  253, 

November 1843  „  252, 

Juli 1846  „  252, 

August 1845  „  251, 

October 1843  „  250, 

October 1844  „  248, 

Mai 1843  „  246, 

September 1844  ,  245, 

Juli 1845  .  245, 

November 1844  „  245, 

Jänner 1844  »  244, 

April 1842  _  242. 

October 1*42  ,  242, 

Mai 1844  -  240. 

Februar 1841  ,  239, 

December 1842  „  239. 

September 1845  »  237. 

October 1841  -  236. 

December 1843  „  236, 

November 1841  ..  235. 

Juli 1842  r  231, 

Juni 1844  -  224, 

September 1842  -  223, 

August 1841  -  222, 


Todte  45,  Percent-Antbeil  13.,» 

57,  „  „  18 1» 

6,  „  „  1.» 

48,  „  „  16« 

10,  „  „  3.« 

38,  „  „  12.« 

10,  „  „  3.« 
64,  .,  „  20.84 

41,  „  ,.  13.44 

11,  „  „  ».«• 

23,  „  „  7.., 

16,  „  „  5« 

32,  „  „  10„ 
13,  „  „  4«, 

36,  ,.  „  12,4 
53,  „  „  18*. 
13,  „  „  4.« 
34,  „  „  11*. 

42,  „  „  14..4 
20,  „  „  7.14 

12,  „  „  4.,, 

47,  „  „  17*. 

13,  „  „  5.,, 
18,  „  n  l» 

52,  „  „  19... 

39,  „  „  14... 

17,  n  „  «•«• 

28,  „  „  lg.« 

33,  „  „  12.4. 
27,  „  „  10.,. 

29,  n  „  10.14 
27,  „  „  10*. 
42,  „  „  15... 

H'  »  *  «r*» 

29,  „  „  11*. 

27,  „  „  10.« 

4,  B  „  JUl 

af:  :  :  jfc 

38,  „  r  14*. 

48,  „  n  18*, 

18,  n  n  „«14 

33,  „  „  13... 

44,  .  „  17... 

8,  „  n  |*t 

15,  ,  „  6.,, 

3,  n  •;  1-tt 

15,  -  „  6.,, 

27,  B  „  lLo. 

37,  „  „  15.,. 
26,  ,  „  10.74 
71,  „  „  »*• 

14,  „  n  5... 

18,  -  „  7.„ 
75,  .  r  31*. 

25,  „  „  20.M 

26,  ,  „  11*. 

19,  -  „  8o. 

53.  .  „  22.M 
48.  -  „  20.,, 

6.  -  „  2^, 

41,  .  „  18.,. 

3.  ,  .  1.,» 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.  115 

September 1843    Geburten  221,  Todte  5,  Percent-Antheil    2.„ 

August 1846  „  216,  „  39,  „  18^ 

Angust 1842  „  216,  „  55,  „  25.« 

September 1841  „  213,  „  4,  „  „  l.„, 

J*ovember 1842  „  209,  r  48,  „  „  22.M 

April 1844  „  208,  „  36,  „  „  17.I0 

■Tuli. 1844  „  206,  „  9,  „  „  4.„ 

Jam 1841  „  200,  r  10,  „  „  b.» 

Jw» 1843  „  196,  „  8,  „  „  4.w 

August 1843  „  193.  „  3,  n  „  l.„ 

Joli 1843  „  191,  „  1,  „  „  0.ftt 

Jnli 1841  „  190,  „  16,  „  „  8.« 


Wenn  wir  aber  die  einzelnen  Monate  nach  der  absoluten  Sterb- 
lichkeit aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  keine  verhältnismässige  Ab- 
nahme in  der  Anzahl  der  Geburten,  oder  mit  andern  Worten  keine 
entsprechende  Abnahme  im  Grade  der  TJeberfüllung,  wie  Tabelle  XII 
zeigt : 


Tabelle  Ir.  XII. 


December 1842 

October 1842 

Jänner 1842 

.April 1847 

.August 1842 

.November 1841 

JFebruar 1846 

Jänner 1843 

November 1842 

Juli 1842 

-April 1846 

Märe 1846 

März 1844 

Jänner 1846 

October 1843 

Februar 1843 

October 1845 

September 1842 

Mai 1846 

August 1846 

September 1846 

October 1846 

Februar 1842 

Jänner 1844 

Jänner 1841 

April 1844 

Mai 1847 

Jänner 1841 

April 1843 

Juli 1846 

März 1843 

November 1846 

Februar 1844 

November 1845 

December 1845 

December 1844 

November 1844 

März 1842 

Juni 1846 

October 1841 

April 1842 

September 1845 

Jänner 1845 


75,  Percent-Antheil  31.SÄ, 

71,        , 

29.li, 

64,        , 

20.„«, 

57,       , 

18„, 

65,       , 

25.«,,, 

53,        , 

n.m 

53,        , 

18-0«, 

52,        , 

19.,  „ 

48,        , 

S&tt, 

48,        , 

»0.79, 

48,        , 

18-07, 

48,        , 

15«, 

«,        , 

17™, 

46,        , 

13.„, 

44,        , 

lV.flo, 

42,        , 

löM, 

42,        , 

14-8«, 

4t,   : 

18*., 

41,         , 

13.«, 

39,        , 

18.», 

39,        , 

14.,,, 

38,        , 

14,», 

38,        , 

12.,,. 

37,        , 

15.,«, 

37,        , 

14,,«, 

36, 

17.jo, 

36, 

12.,«, 

35,        , 

14.™, 

34,        , 

IL  OH, 

33,        , 

13.,0, 

33,        , 

12.«o, 

32,        . 

io.„, 

29,        , 

H.2., 

29,        , 

10.«, 

28,         , 

io.«„ 

27,       . 

io.R6, 

27,        , 

27,        , 

io.iS, 

27;    ! 

10..5, 

26, 

11-00, 

26. 

10.,«, 

26, 

10.™, 

23. 

»                      J? 

V-50, 

Geburten  239 
242 
307 
302 
216 
235 
293 
272 
209 
231 
253 
311 
276 
336 
250 
263 
238 
223 
305 
216 
271 
264 
311 
244 
254 
208 
294 
254 
286 
252 
266 
297 
257 
266 
267 
266 
245 
264 
266 
236 
242 
337 
303 
8* 


> 


116 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Juni 1845 

December 1848 

Februar 1841 

November 1843 

Juni 1842 

August 1844 

Juli 1841 

December 1846 

Juli 1845 

Mai 1843 

Mai 1844 

Februar 1845 

März 1847 

Mai 1845 

März 1841 

März 1847 

Juni 1841 

Mai 1842 

Jänner 1847 

Juli 1844 

August 1845 

Juni 1843 

October 1844 

Juni 1844 

Februar 1847 

September 1843 

September 1841 

April 1841 

August 1843 

August 1841 

September 1844 

September 1841 

Juli 1843 


dte  20, 

Percent-Antheil  7.14, 

Geburten  280 

N      19» 

..         8.M. 

196 

.,     18. 

239 

..     18, 

7-14, 

252 

..      18. 

ii         6.M, 

272 

.,      17. 

269 

..      16, 

190 

16. 

,;     c: 

298 

..      15, 

6.ls, 

„        145 

..      15. 

.,        246 

14. 

5.„, 

„        240 

..      13. 

"        274 

,.      13. 

»■           •>         4.4n. 

292 

..      13, 

296 

.,      12. 

4.„. 

260 

.,      11. 

305 

,.      10, 

o.oo, 

200 

..      10. 

310 

..      10, 

3«. 

„       311 

9. 

4.S7. 

206 

v       9, 

3.«,. 

251 

8, 

296 

8. 

248 

6. 

224 

6. 

312 

5. 

221 

4, 

l-i», 

213 

4. 

1-57, 

255 

3, 

1..V,. 

193 

3. 

1.3V 

122 

,.        3, 

.;        245 

,.       2, 

o.„. 

255 

1. 

o.„. 

191 

Wenn  wir  die  einzelnen  Monate  nach  der  relativen  Sterblichkeit 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  dem  entsprechend  keine  geringere 
Anzahl  Geburten,  oder  mit  anderen  Worten  keine  geringere  Ueber- 
füilung,  wie  Tabelle  XIII  zeigt: 

Tabelle  Hr.  XIII. 

December 1842  Sterblichkeits-Perceut 

October 1842 

August 1842 

November 1842  ,.  ,, 

November 1841  „  ,, 

Jänner 1842  „  „ 

Juli 1842 

Jänner 1843  .,  „ 

Aprü 184(5 

September 1842  ., 

April 1947 

Februar 1846 

August 1846  ..  ,. 

October 1843  ,.  „ 

April 1844  „  ,. 

März 1844 

Februar 1843 

März 1846 

Jänner 1844 

October 184(5  „  ,. 

October 1845  .,  „ 

Jänner 1841 

September 1846  „  ., 

Mai 184(5 


31,,,. 

Todte  75,   Geburten   239 

29.,,. 

..      71, 

242 

25.,,,. 

..      55, 

216 

22. 

„      48, 

,           209 

22  „, 

„      6», 

235 

80*4. 

„      64,         , 

,           307 

ÜO.-„. 

..       48.         , 

,           231 

19.,  „ 

„      52, 

272 

18.07, 

.,      48, 

253 

18.„, 

.!  4i.    ; 

,           223 

18.y7, 

„  «•><,    , 

,           312 

,,      ä3,         , 

.          293 

,.      39. 

216 

17.oo. 

„      44, 

250 

17.30. 

.,      36,          , 

208 

,.       47, 

276 

„      42. 

263 

15.„, 

..      48, 

311 

15.,«, 

„      37. 

244 

14.„„ 

..      38, 

254 

14.s„ 

,.      12, 

238 

14.,,,, 

..      37, 

254 

14.,,,, 

„      39, 

271 

13.„. 

••       41, 

305 

Die  Aetiologie,  der  Br-srriff  und  die  Pro].  BÜBdbettflftters.        117 


......  1646  8tcrbliclikeit§.PeTC«il  13  m 

1846  „               „        L3.„, 

1843  „         iL',... 

M»i 1847 

Krliruar  .....  1842  „                             12.,,, 

April 1648  „                          ll.„„ 

Februar 1844  ,.                          II.... 

.      .      -  IM1 

BT 1841  .,                   .          1  1  ,,,,. 

i  Im t 1845  ,r                       in,,,, 

NoTembei 1846  „              .,        in.-, 

April .1 

September 1845  ,,                ,,         l'i .,-,. 

Deeamto 1*14  .,       m.,,. 

>i!ier 1846  ,.               „        Kl.,., 

März 18-12 

Joni 184«  .                        II'.,-.. 

■'ali 1841  ..               ..          H.u, 

.kr    .....  (843  k.„v, 

Mama 1846  7  , 

Februar  ......     .18-11 

Jaai 1^1  n                         ?m 

»bei   ...  !  „             ..         7.lM 

Jnni 1843                                          6 

' 1844 

>«H 1846 

»« 1&43 

1^44 

Pecember   .....  i 

Februar 1845  B          5.,,, 

Juni  .......  1841  5.00, 

Marx 1846  .          4.,,, 

?«.       • I«*6 

•;»«« !?** 

April 1845  „                            4.  . 

M*rz 1841 

Juni 1843 

**rz 1847  „           8— 

.....  1846  r               „          3.A8, 

m 1842 

er 1844  „                        3.    . 

Jänner 1847  „                           3.2I, 

Juni 1844  „          2.fl„ 

September 1843  -               „          2.M, 

iar 1H47  „          I .... 

inber  .....  1841  „               r          1  „;, 

1H41  .                                U:, 

Augnst ],  ..                             I  -,„ 

a»t 1841  LWl 

:nber 1844  „                                1..,, 

aber 1M41  „              „         <»,.„ 

•Tnli 1848 


Todte  45, 

i  taburten 

mm.; 

,       33, 

266 

,      36, 

299 

311 

84, 

886 

267 

,, 

246 

26, 

2!», 

266 

92, 

,      26. 

242 

25, 

283 

,      27, 

266 

,      38 

861 

87i 

264 

„      27. 

266 

.. 

190 

,      19. 

23. 

303 

18, 

289 

n       20. 

281 1 

n       IK. 

262 

I       18, 

273 

»         17, 

269 

U 

246 

16, 

246 

14, 

m. 

2üs 

IS, 

274 

10. 

200 

13. 

13. 

2% 

'■'. 

206 

11 

260 

12, 

27  i 

8, 

296 

11, 

305 

10, 

310 

8 

248 

10, 

311 

'•• 

224 

Bi 

221 

«, 

312 

4, 

218 

4, 

866 

n 

3. 
5. 

» 

193 

1 22 

3, 

245 

2, 

268 

1< 

191 

Man  glaubte,  dass  ein  Local,  in  welchem  80  viele  tausend  Indi- 
viduell schon  geboren,  das  Wochenbett  durchgemacht,  vom  KiixIbHt- 
li-lier  befallen  und  gestorben  sind,  müsse  notwendiger  Weise  schon 
so  verpestet  sein,  dass  es  nicht  zu  wundern  ist,  wenn  in  diesen  Loiali- 
tfiten  das  Kindbettlieber  überhandnehme.  Wenn  das  der  Fall  wil  >•■  BO 
miisste  wieder  die  grössere  .Sterblichkeit  an  der  zweiten  geburtshilf- 
lichen Klinik  herrschen,  weil  in  dem  Locale  der  zweiten  geburtshilf- 
lichen Klinik  schon  /.uBoer's  Zeiten  heftige  Puerperalheber-Epidemi-n 
wütheten;  zu  einer  Zeit,  wo  das  (iebäude  der  gegenwärtigen  ersten 
geburtshilflichen  Abtheilung  nicht  einmal  noch  gebaut  war. 


118 


Semmelweis'  Abhandlungen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber 


Man  glaubte,  dass  der  üble  Ruf  der  Anstalt  es  mache,  dass  die 
Neuaufgenommenen  nur  mit  Schrecken  die  Anstalt  betreten ,  weil  es 
ihnen  bekannt  sei,  welch  grosses  Contingent  an  Todten  die  An 
jährlich  liefere,  und  das  mache,  dass  sie  erkranken  und  sterben.  Dass 
sie  sich  wirklich  vor  der  ersten  Abtheilung  fürchteten,  davon  kennte 
man  sich  leicht  überzeugt]].  d;i  man  manchmal  herzzerreissende  Seinen 
mitansehen  musste,  wenn  Individuen  knieend  und  die  Hände  ringend 
um  ihre  Wiederenilassung  baten,  welche  auf  die  zweite  Abtheüung 
zur  Aufnahme  gehen  wollten,  und  wegen  Unkenntniss  des  Locals  tax 
die  erste  Abtheiluug  geriethen,  welches  ihnen  die  Anwesenheit  vieler 
Männer  klar  machte.  Wöchnerinnen  mit  unzählbaren  Pulsschlägen, 
meteoristisch  aufgetriebenem  Bauche,  trockener  Zunge,  d.  h.  am  Puer- 
il lieber  schwer  erkrankte,  betheuerten  wenige  Siunden  vor  dem 
Tode,  vollkommen  gesund  zu  sein,  um  nur  nicht  ärztlich  behandelt 
zu  werden,  weil  sie  wussten,  dass  ärztliche  Behandlung  der  Vorläufer 
des  Todes  sei.  Trotz  dem  konnte  ich  mich  nicht  überzeugen,  dass 
die  Furcht  die  Ursache  der  grösseren  Sterblichkeit  an  der  Brsttfl  AI- 
theilung  sei,  weil  ich  als  Arzt  nicht  einsah,  wie  die  Furcht,  ein 
psychischer  Zustand,  solch  materielle  Veränderungen  hervorbringen 
könne,  wie  das  Kindbettfieber  ist.  Nebst  dem  musste  ja  nothwendiger 
Weise  eine  längere  Zeit,  eine  grossere  .Sterblichkeit  voraus«,',  gangen 
sein,  bevor  es  unter  Leuten,  denen  die  Gebärhausrapporte  nicht  zur 
Disposition  stehen,  bekanut  wurde,  dass  an  einer  Abtheilung  mehr 
als  an  der  andern  sterben.  Durch  die  Furcht  wird  der  Beginn  der 
Sterblichkeit  nicht  erklärt. 

Selbst  die  religiösen  Gebräuche  sind  einer  Beschuldigung  nicht 
entgangen.  Die  Capelle  des  Kraukenhauses  hatte  eine  derartige  Lage, 
dass  der  von  dort  kommende,  die  Sterbesacramente  spendende  Priester 
in  das  Krankenzimmer  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  gelangen 
konnte,  ohne  die  übrigen  Wöchneiinnenzimmer  zu  berühren,  während 
er  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  fünf  Zimmer  passiren  mnssie. 
weil  das  Krankenzimmer  der  ersten  Abtheilung  in  der  Richtung  zur 
Capelle  das  sechste  war.  Die  Priester  pflegten  im  Ornate  unter 
Glockengeläute  eines  vorausgehenden  Kirchendieners  wie  der  katho- 
lische Ritus  es  mit  sich  bringt,  sich  zu  den  Kranken  zu  begeben,  um 
sie  mit  den  heiligen  Sterbesacrameuten  zu  versehen.  Man  trachtete 
zwar,  dass  diess  durch  24  Stunden  nur  einmal  geschehe,  aber  24 
Stunden  sind  für  das  Kindbettfieber  eine  sehr  lange  Zeit,  und  manche, 
die  während  der  Anwesenheit  des  Priesters  noch  ziemlich  wohl  war, 
und  deshalb  mit  den  heiligen  Sterbesacrainenten  nicht  versehen  wurde, 
war  nach  Verlauf  von  einigen  Stunden  schon  so  übel,  dass  der  Priester 
neuerdings  geholt  werden  musste.  Man  kann  sich  denken,  welchen 
Eindruck  das  öfters  im  Tage  hörbare  verhängnissvolle  Glöckchen  des 
Priesters  auf  die  anwesenden  Wöchnerinnen  hervorbrachte.  Mir  selbst 
war  es  unheimlich  zu  Muthe.  wenn  ich  das  Glöckchen  an  meiner  Thüre 
vorübereilen  hörte;  ein  Seufzer  entwand  sich  meiner  Brust  für  das 
Opfer,  welches  schon  wieder  einer  unbekannten  Ursache  fallt  Dieses 
Glöckchen  war  eine  peinliche  Mahnung,  dieser  unbekannten  Ursache 
nach  allen  Kräften  nachzuspüren.  Auch  in  diesem  Unterschiede  der 
Verhältnisse  der  beiden  Abteilungen  fand  man  die  Erklärung  der 
Mortalitätsverschiedenlieit. 

Ich  appellirte  während  meiner  ersten  Dienstzeit  an  das  Humani- 
tätsgefühl der  Diener  Oottea  und  erreichte  es  ohne  Anstand,  dass  die 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Küidbettfiebers.        119 


Priester  künftighin  auf  einem  Umwege,  ohne  Glockengeläute.  ohne 
ein  anderes  Zimmer  zu  berühren,  sich  unmittelbar  in  das  Kranken- 
zimmer begaben,  so  dass  ausser  den  Anwesenden  des  Krankenzimmers 
Niemand  die  Gegenwart  des  Priesters  inne  wurde.  Die  Verhältnisse 
der  beiden  Abteilungen  waren  dadurch  in  diesem  Punkte  zwar  gleich 
gemacht,  aber  die  Mortalitätsdifferenz  blieb. 

Man  glaubte  den  Grund  der  grossen  Sterblichkeit  darin  zu  finden, 
dass  es  lauter  ledige,  der  trostlosesten  Bevölkerung  entnommene 
Mädchen  seien,  welche  wahrem!  ihrer  Schwangerschaft  durch  schwere 
Arbeit  ihr  Brot  verdienen,  dem  Elende  und  Noth  preisgegeben  und 
unter  dem  Einflüsse  deprimirender  Gemüthsatfecte  leben,  vielleicht 
Abortivmittel  gebraucht  haben,  etc.  etc.  Wenn  das  die  Ursache  wäre, 
N  müsste  die  Sterblichkeit  an  der  zweiten  Allteilung  eben  so  gross 
sein,  indem  dort  gleichartige  Individuen  aufgenommen  werden. 

Man  hat  den  Unterschied  der  grösseren  Sterblichkeit  an  der 
ersten  geburtshilflichen  Klinik  darin  gefunden,  dass  die  Geburtshelfer 
roher  untersuchen,  als  die  Hebammenschülerinnen. 

Gesetzt,  es  wäre  dem  wirklich  sot  wenn  die  Einführung,  und  zwar 
die  noch  so  rohe  Einführung  des  Zeigefingers  in  die  durch  die  Schwanger- 

r  erweiterte  und  verlängerte  Scheide,  wenn  die  noch  so  rohe  Be- 
rührung des  durch  die  Scheide  zugängigen  Uterus-Abschnittes  schon  eine 
solche  Schädlichkeit  wäre,  dass  sie  einen  so  furchtbaren  Process  als  der 
Puerperalprocess  ist,  hervorzurufen  im  Stande  wäre,  da  müsste  ja  der 
Durchtritt  des  Kindeskörpers  durch  die  Genitalien  eine  solche  Schäd- 
lichkeit sein,  dass  es  nicht  zu  begreifen  wäre,  warum  nicht  jede  Geburt 
tödtlicb  ende. 

Man  hat  in  dem  verletzten  Schamgefühle  der  Individuen,  welche 
auf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  in  Gegenwart  der  Männer  ent- 
binden, die  Ursache  der  grosseren  Sterblichkeit  gefunden.  Derjenige, 
welcher  mit  den  Verhältnissen  des  Wiener  Gebärhauses  vertraut  ist, 
wird  nicht  zweifeln,  dass  die  Individuen  auf  der  ersten  geburtshilf- 
lichen Abtheilung  zwar  von  Furcht,  aber  nicht  vom  verletzten  Scham- 
gefühle geplagt  sind;  übrigens  ist  nicht  einzusehen,  wie  das  verletzte 
Schamgefühl  Exsudationsprocesse  hervorzubringen  im  Stande  ist. 

Dass  die  medicinische  Behandlung  nicht  Schuld  daran  wart  d:i-- 
an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  mehr  Individuen  starben,  geht 
daraus  hervor,  dass  die  medicinische  Behandlung  an  beiden  Abtheilungen 
gleich  war,  und  man  hat  versuchsweise  von  Zeit  zu  Zeit  sämmtliche 
kranke  Wöchnerinnen  ins  allgemeine  Krankenhaus  transferirt,  wo  sie 
aber  dennoch  den  verschiedensten  Behandlungen  erlagen.  Es  war 
auch  das  Yerhältniss  auf  den  beiden  Abtheilungen  nicht  derart,  dass 
m£  beiden  Abtheilungen  gleich  viele  erkrankten,  und  dann  auf  der 
ersten  wenig  genasen  und  viele  starben,  an  der  zweiten  aber  viele 
genasen  und  wenig  starben:  sondern  es  erkrankten  auf  der  ersten 
Abtheilung  mehr  Wöchnerinnen  und  auf  der  zweiten  weniger  Wöchne- 
rinnen. Die  Genesungsialle  unter  den  wirklich  erkrankten  Wöchne- 
rinnen waren  auf  beiden   Abtheilungen  nicht  verschieden. 

Dass  aber  die  geburtshilfliche  Behandlung,  vieles  und  rohes  Ope- 
liren etc.,  nicht  die  Ursache  der  zahlreichen  Erkrankungen  an  der  ersten 
Abtheilung  waren,  ging  daraus  hervor,  dass  bei  der  überwiegend  giv 
Anzahl  der  Erkrankten  gar  keine  geburtshilflicheOperation  vorgenommen 
wurde,  an  beiden  Abtheilungen  wird  nach  B  o  e  r "  s  Grundsätzen  behandelt. 


120 


Semmeiweis"  Abhandinngen  und  Wprk  über  das  Kindl-ettfieber. 


Es  herrschte  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  die  Sitte, 
dass  die  Neuentbundenen  drei  Stunden  nach  überstandener  Geburt 
vniii  Gebnrtsbette  aufstehen,  und  sich  zu  Fuss  über  einen  zwar  mit 
Glas  geschlossenen,  im  Winter  geheizten  Gang  auf  das  ihnen  bestimmte 
Wochenbett  begeben  mussten,  welches  eine  ziemliche  Strecke  betrug, 
wenn  .sie  sich  gerade  in  die  vom  Kreissezimmer  entfernteren  Wochen- 
zimnier  zu  begeben  hatten ;  nur  schwächliche  oder  kranke  oder  solche, 
bei  welchen  eine  Operation  gemacht  wurde,  wurden  getragen. 

Dass  aber  dieser  Uebelstand  nicht  die  grössere  Sterblichkeit  her- 
vorgebracht, geht  daraus  hervor,  dass  dieser  Uebelstand  auch  an  der 
zweiten  geburtshilflichen  Klinik  geübt  wurde,  und  zwar  auf  eine  QOCh 
narhtheiligere  Weise,  weil  die  zweite  geburtshilfliche  Abtheilung  durch 
dm  gemeinschaftliche  Vorzimmer,  welches  nie  geheizt  wurde,  in  zwei 
Theile  getheüt  wird,  und  daher  alle  Wöchnerinnen,  welche  j« n 
des  Vorzimmers  ihr  Wochenbett  angewiesen  erhielten,  dasselbe  passiren 
mussten, 

Ali  der  ersten  geburtshilflichen  Kliuik  befand  sich  ein  grosses 
Wochenziminer  im  zweiten  Stockwerke  des  Gebäudes;  da  man  aber 
den  Neuentbundenen  nicht,  zumuthen  konnte,  auch  dorthin  zu  Fuss  zu 
gehen,  so  mussten  die  sieben-  und  achttägigen  gesunden  Wöchnerinnen, 
welcher  übrigens  ohnedies  der  Tag  des  Verlassens  des  Bettes  war, 
über  eine  mit  einer  Glaswand  geschützte  Treppe  sich  dorthin  begeben. 
Dass  dieses  zweite  Umlegen  die  grosse  Sterblichkeit  an  der  ersten 
geburtshilflichen  Klinik  nicht  hervorgebracht  hat.  geht  daraus  hervort 
dass  überhaupt  die  Wöchnerinnen  nach  sieben  und  acht  Tagen  sehr 
selten  erkrankten,  wie  auch  daraus,  dass  sich  die  Sache  auf  der  zweiten 
Abtheilung  eben  so  verhielt. 

Die  schlechte  Ventilation  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik, 
welche  grösstentheils  auch  im  Winter  durch  das  Oetfnen  der  Fei u 
bewerkstelligt  wurde,  wurde  auch  zur  Erklärung  der  grossen  Sterb- 
lichkeit an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  zu  Hilfe  genommen, 
ohne  zu  bedenken,  dasfl  an  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  gerade 
so  gelüftet  wird. 

Man  beschuldigte  die  Wäsche  deshalb,  weil  sie  in  der  Wasch- 
anstalt des  Pächters  mit  der  Wäsche  des  Krankenhauses  vermengt 
wurde,  und  übersah  dabei,  dass  die  zweite  Klinik  ebenfalls  vermengte 
Wäsche  benutzte. 

Die  unvort heilhafte  Lage,  nämlich  die  Verbindung  mit   einem  so 
grossen  Ki  ankenhause.  wie  das  Wiener  k.  k.  allgemeine  Krankenhaus 
es  ist,  hatten  ebenfalls  beide  Abtheilungen  gemeinschaftlich,  sie  He 
ja  so  nahe  an  einander,  dass  sie  ein   gemeinschaftliches  Vorzimmer 
haben,  die  Bauart  ist  ebenfalls  auf  beiden  Abtheilungen  gleich. 

Die  Xachtheile  des  ununterbrochenen  Unterrichtes,  des  Communi- 
cirens  des  Krankenzimmers  mit  den  Zimmern  der  Wöchnerinnen,  der 
freie  Verkehr  der  Wärterinnen  der  Kranken  mit  denen  der  Gesunden 
hatten  beide  Abtheilungen  gemeinschaftlich. 

Weder  die  Verkühlung  noch  Diätfehler  konnten  zur  Erklärung 
des  Unterschiedes  der  Sterblichkeit  an   beiden  Abtheilungen    benutzt 

ien,  weil  die  Möglichkeit  oder  Unmöglichkeit  sich  zu  verkühlen 
an  beiden  Abtheilungen  gleich  war.  Die  Speisen  wurden  für  beide 
Abtheilungen  von  einem  und  demselben  Traiteur  geliefert,  die  Diät- 
norm war  an  beiden  Abtheilungen  gleich. 


Die  Aetiologie,  der  li«  v-riff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttieber,^.        121 


Das  sind  die  endemischen   Ursachen,   denen   man   die  grössere 

Sterblichkeit  unter  den  Wiiehnerinnen  im  Gebärhause  im  Vergleich 
zu  den  Wöchnerinnen  ausserhalb  des  C4ebärhauses  ZUBOhreibl ,  und 
damit  bin  ich.  die  nöthigen  Ausnahmen,  von  welchen  wir  später 
sprechen  werden,  abgerechnet,  einverstanden:  sie  sind  aber  nicht  ge- 
ilet, die  grössere  Sterblichkeit  an  der  ersten  treburtshilf liehen 
Klinik  im  Vergleich  zur  zweiten  zu  erklären.  Wir  haben  jn  gezeigt, 
■udemisdien  Schädlichkeiten  auf  beiden  Abtheilumr-  n  ent- 
weder in  gleichem  Masse  vorhanden  waren,  folglich  hatte  an  beiden 
Abheilungen  eine  gleiche  Sterblichkeit  statthaben  müssen,  oder  wenn 
iemischen  Schädlichkeiten  ungleich  waren,  n  waren  sie  in 
höheren]  Masse  an  der  zweiten  Abtheilung  vorhanden,  and  in  ge* 
ringerem  Masse  auf  der  ersten  Abtheilung.  Es  hafte  daher  in  Folge 
dieser  Schädlichkeiten  die  grössere  Sterblichkeit  an  der  zweiten  ge- 
Irartahilflichen  Klinik  und  die  geringere  an  der  ersten  geburtshilf- 
lichen Klinik  herrschen  müssen;  in  der  Wirklichkeit  ereignete  sich 
aber  gerade  das  Entgegengesetzte,  indem,  wie  Tabelle  I.  annähe- 
rungsweise zeigt,  die  Sterblichkeit  an  der  ersten  geburtshilflichen 
Klinik,  seit  selbe  ausschliesslich  dem  Unterrichte  für  Geburtshelfer 
gewidmet  ist,  constant  bedeutend  grösser  war,  als  an  der  zweiten. 

Nachdem  weder  die  epidemischen  noch  die  bisher  giltigen    ende- 
mischen Einflüsse  das  Plus  der  Sterblichkeit  au   der  ersten    geburts- 
hilflichen Klinik  erklären,  wollen  wir  versuchen,  die  übrigen  1 
wie  sie  als  Kindbettfieber  erzeugend  angeführt  werden,  einer  Prüfung 
m  unterziehen. 

Neuere  Forscher  haben  als  die  entfernteste  Veranlassung  zu  den 
Puerperal-Processen  schon  die  f'oncejiiioii  beschuldigt,  indem  die  Ein- 
wirkung des  Sperma  viräe  eine  Reihe  von  Metamorphosen  bedii 
und  vielfache,  noch  zum  Theile  unbekannte  Veränderungen  des  Blutes 
hervorrufe.  Ich  glaube  in  keiner  Täuschung  befangen  zu  sein,  wenn  ich 
die  Behauptung  aufstelle,  dass  bei  denjenigen,  welche  auf  der  zweiten 
geonrtshiulichen  Klinik  geboren  haben,  auch  eine  f'oneeption  vorausging. 
Weher  also   die  Differenz  der  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen? 

Die  Hyperinose,  die  Hydrämie,  die  Plethora,  die  durch  den 
BClbwangeren  Uterus  veranlassten  Störungen,  Stauungen  und  Stockungen 
der  rimtlation,  die  lnopexie,  der  Geburtsact  selbst,  der  durch  die 
Entleerung  des  Uterus  aufgehobene  Druck,  die  lange  Dauer  der  Ge- 
burt, die  Verwundung  der  inneren  Fläche  des  Uterus  durch  den  Ge- 
burtsact, die  mangelhaften  Contractionen  und  die  fehlerhafte  Involution 
des  Uterus  im  Wochenbette,  die  mangelhafte  und  aufgehobene  Se- 
iind  Excretion  der  Lochien,  die  Unterdrückung  der  Sulchsecretion, 
todte  Früchte,  die  Individualität  der  Wöchnerinnen  sind  Ursachen,  so 
viel  oder  so  wenig  Kinfluss  man  ihnen  auch  auf  die  Hervorbringung 
des  Kindbettfiebers  zuschreiben  mag,  müssen  auf  beiden  Abtheilungen 
•  nt  weder  gleich  schädlich  oder  unschädlich  sein,  und  können  nicht 
zur  Erklärung  einer  so  auffallenden  Differenz  in  den  Mortalität  sv<  1- 
haltnissen  zweier  Abtheilungen  benutzt   werden. 

Nebst  dem,  dass  ich  für  das  Plus  der  Sterblichkeit  an  der  eisten 
geburtshilflichen  Klinik  keine  Erklärung  finden  konnte,  trugen  sich 
an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik  noch  andere  Dinge  zu,  für 
welche  die  Erklärung  fehlte. 

Alle  Kreissenden,  bei  welchen  die  Eiidtuungsperiode  so  zögernd 
verlief,  dass  sie  24.  48  Stunden  und  darüber  dauerte,  erkrankten  bei- 


122 


Semmelweis'  AbhandlungeD  nnd  Wi-rk  über  «las  Kin-Iln mieli.r. 


nahe  ohne  Ausnahme  sämmtlich  entweder  schon  während  der  Dauer 
der  Geburt,  oder  in  den  ersten  24  und  36  Stunden  nach  der  Geburt 
und  starben  am  rasch  verlaufenden  Kindbettfieber.  Kin  eben  so 
zögernder  Verlauf  der  Erßnimngaperiode  an  der  zweiten  Klinik  war 
ungetahrlirli. 

Da  ein  so  zögernder  Verlauf  der  Erönnungsperiodi»  in  der  Regel 
nur  bei  Erstgebärenden  vorkommt,  so  waren  es  in  der  Kegel  Erst- 
gebärende, welche  auf  diese  Weise  zu  Grunde  gingen.  Ich  habe 
meine  Schüler  oft  und  oft  aufmerksam  gemacht,  dass  dieses  blühende, 
junge,  vor  i  Gesundheit  strotzende  Mädchen,  weil  die  Ertffihungsperiode 
bei  ihr  zögere,  werde  entweder  schon  während  der  Geburt,  oder  kurz 
nach  der  Geburt  erkranken  und  am  rasch  verlaufenden  Puerperal- 
fieber sterben.  Meine  Prognose  ging  in  Erfüllung;  ich  wusste  zwar 
nicht,  warum  das  geschieht,  aber  ich  sah  es  oft  geschehen;  die  Sache 
\\:u  inii  su  unerklärlicher,  weil  sie  stell,  wie  schon  gesagt,  unter  ähn- 
lichen Verhältnissen  auf  der  zweiten  Abtheilung  nicht  wiederholte. 

Wir  sprechen  hier,  nochmals  sei  es  gesagt,  von  der  Erüffnui!_:>- 
periode  und  nicht  von  der  zögernd  verlaufenden  Austreibungsperiode, 
es  kann  daher  das  (iranmatiscne  Moment  nicht  in  Betraeht  kommen. 
Aber  nicht  allein  diese  Mütter,  sondern  auch  deren  Neugeborne  sind 
s:'immrli<  h  am  Puerperalfieber,  und  zwar  ohne  Unterschied  ob  Knabe 
oder  Mädchen,  gestorben.  Cch  bin  oichl  der  Einzig^  welcher  roni 
Puerperalfieber  bei  Neugeborenen  spricht.  Der  anatomische  Befund 
in  den  Leichen  solcher  Neugebomen  war  mit  Ausschluss  der  Genital- 
Bphäre  identisch  mit  dem  Befunde  in  den  Leichen  von  an  Puerperal- 
fieber verstorbenen  Wöchnerinnen.  Die  Producte  in  den  Leichen  der 
Wöchnerinnen  als  Producte  des  Puerperalfiebers  anzuerkennen,  und 
die  identischen  Producte  in  den  Leicheu  der  Neugebornen  nicht  für 
das  Product  derselben  Krankheit  gelten  zu  lasseu,  hiesse  die  patho- 
logische Anatomie  umstossen. 

Wenn  es  eine  und  dieselbe  Krankheit  ist,  an  welcher  die  Wöch- 
nerinnen und  deren  Neugeborene  starben,  so  muss  für  die  Neuge- 
bornen dieselbe  Aetiologie  gelten,  welche  man  für  deren  Mütter  als 
giltig  anerkennt.  Da  nun  dieselbe  Mortalitätsverschiedenheit,  welche 
wir  unter  den  Wöchnerinnen  der  beiden  Kliniken  beobachteten,  bei 
den  Neugebornen  sich  wiederholte,  nämlich  es  starben  an  der  eisten 
geburtshilflichen  Abtheilung  auch  die  Neugebornen  in  viel  grösserer 
Anzahl  als  au  der  zweiten  Abtheilung:  so  zeigt  sich  die  bisher  gütige 
A.Tiologie  des  Kindbetthebers  in  der  Erklärung  der  Mortalir 
differeuz  der  Neugebornen  am  Kindbettfieber  eben  so  mangelhaft,  als 

ich  zur  Erklärung  der  M  i ttlitätsdirterenz  bei  den  Wöchnerinnen 
mflngpJhfl.fi  geseigt  hat     Die  beifolgende  Tabelle  zeigt  die  Diflft  i 
der  Sterblichkeit  unter  den  Neugebornen  der  beiden  Abtheilungen. 


Tabelle  Fr  XIV. 


J.ihr 


I.  Gebärkliuik. 


II.  Geblrltlimk. 


1841  Kind w 2815,  enterben  177.  Peroeut  •".  .  Kindei                      '<  u  91,  Pensen!  4 .„, 

1842  ,.       30                         f»,                  -    .  2414                    U ■•:.  ..        4^ 
184S      „  ..      »TO,        ..       130,  5^, 

1*11        .       8911                                        >,  ,.        l'Ki  „       3.rilI 

1845       ..        3201.         ..          ■:■■  <                  s  ,,IT.                     97, 

1^»'                                 ..         235.  2^, 


<Ier  Begriff  und  die  Prophylaxis  de»  Kiudbetttiebers.        123 


Von  den  Neugebornen  wurde  i  in.  grosse  Anzahl  wegen  Torf  oder 
st  illungsun  vermögen  der  Mutter  ins  Findelhans  gesendet,  Fem  Schick- 
sale derselben  werden  wir  später  sprechen. 

Das  Erkranken  der  Xeugebornen  am  Kindbettfieber  kann  man 
sich    auf   zweierlei   Weise   denken:    entweder   das  Kindbetttieber    er- 

•nde  Moment  wirkt  während  des  intra-uterinen  Lebens  der  Frucht 
auf  die  Mutter,  und  durch  die  Mutter  wird  das  Kindbettlieber  dem 
Kinde  mitget heilt;  oder  das  Kindbetttieber  erzeugende  Moment  wirkt 
auf  das  Kind  selbst  nach  der  Geburt,  und  dabei  kann  die  Mutter 
mitgetroffen  oder  verschont  werden.     Das  Kind  stirbt  daher  nicht  an 

ii  mitgetheilteti  Kindbettfieber,  wie  im  ersten  Falle,  BOndern  ;in 
einem  in  ihm  selbst  entstandenen  Kindbetttieber.  Wird  dem  Kinde 
das  Kindbettfieber  von  der  Mutter  während  des  intrauterinen  Lebens 
mitget heilt,  so  ist  die  Mortalitätsdifferenz  unter  den  Xeugebornen  der 
beiden  Abtheilnngen  durch  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kind- 
betttiebers  nicht  erklärt,  weil  sie  zur  Erklärung  der  Erkrankung  der 
Mütter  ungenügend  ist.  Wirkt  aber  das  Kindbetttieber  erzeugende 
Moment  unabhängig  von  der  Mutter  nach  der  Geburt  unmittelbar 
auf  das  Kind,  so  bleibt  die  Unmöglichkeit  der  Erklärung  der  Mortali- 
tätsdifferenz  unter  den   Nengebornen   der  beiden  Abtheilungen   aus 

bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  dieselbe;  weil  die 
Schädlichkeiten  an  beiden  Abtheilnngen  entweder  gleich  sind,  folglich 
eine  gleiche  Sterblichkeit  unter  den  Nengebornen  der  beiden  Ab- 
teilungen hätte  herrschen  müssen,  oder  wenn  die  Schädlichkeiten 
ungleich  sind,  so  sind  selbe  in  grösserem  Masse  an  der  zweiten  ge- 
burtshilflichen Klinik  vorham  innsste  daher  die  grössere  Sterb- 
lichkeit an  der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  herrschen,  in  der 
Wirklichkeit  herrschte  aber  auch  unter  den  Neugebomen  die  grössere 
Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik. 

Abgesehen  davon,  dass  viele  aetiologische  Momente,  welche  bei 
der  Mutter  als  Kiudbettfieber  erzeugend  angeführt  werden,  bei  den 
Nengebornen  unmöglich  Geltung  haben  können.  Die  Xeugebornen 
haben  sich  wahrscheinlich  vor  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik 
nicht  gefürchtet,  weil  ihnen  der  üble  Ruf  derselben  unbekannt  war, 
muh  das  verletzte  Schamgefühl,  dass  sie  in  Gegenwart  der  Männer 
geboren  wurden,  dürfte  bei  den  Neugebornen  weniger  geschadet, 
haben  etc.  etc. 

Man  definirte  das  Kindbett  lieber  als  eine  den  Wöchnerinnen 
eigentümlich  und  ausschliesslich  zukommende  Krankheit,  zu  deren 
Entstehung  zwei  Dinge  erfordert  werden,  nämlich  das  Puerperium 
und  ein  Kindbettfieber  erzeugendes  Moment  BD  zwar  dass  dieselbe 
Ursache  auf  im  Wochenbette  befindliche  Individuen  einwirkend,  das 
Kiudbettfieber  hervorrufe,  dieselbe  Ursache  aber  andere,  nicht  im 
Puerperalzustande  befindliche  Individuen  treffend,  kein  Puerperal- 
fieber, sondern  eine  andere  Krankheit  erzeuge.  Wir  wollen  durch 
Beispiele  die  Sache  klarer  machen.  Man  glaubte,  dass  die  Wöch- 
nerinnen an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik,  weil  sie  wussten, 
welch  zahlreiches  Contingeni  an  Todten  die  Anstalt  alljährlich  liefere, 
aus  Todesfurcht  das  Kiudbettfieber  bekommen,  das  disponirende  Mo- 
ment bei  ihnen  war  das  Wochenbett,  und  das  Kindbetttieber  er- 
zeugende Moment  war  die  Todesfurcht.  Es  ist  anzunehmen,  dass 
schon  mancher  Soldat  in  einer  mörderischen  Schlacht  von  Todesfurcht 
gequält  würde,  allein  Soldaten  bekommen  aus  Todesfurcht  kein  Kind- 


121 


Semmel  weis'  Allhandlungen  und  Werk  ulier  das  Kindbettfieber. 


bettfleber,  sondern  andere  Zustande,  weil  bei  ihnen  das  disponirende 
Moment,  das  Wochenbett,  fehlt. 

l>as  weibliche  Schamgefühl  wird  nicht  nur  dadurch  verletzt,  dass 
sich  die  Individuen  dem  "tfentlichen  Unterrichte  für  Bliomer  preis- 
•jriirii  müssen,  wodurch  selbe,  weil  sie  durch  las  Puerperium  dazu 
dianonirt  sind,  das  Kindbettheber  bekommen.  Das  -weibliche  Seham- 
geftthl  wird  noch  auf  andere  vielfältige  Weise  verletzt,  wenn  aber 
die  bo  verletzten  Jungfrauen  überhaupt  nicht  im  Puerperio  betindliehe 
Individuen  sind,  so  bekommen  selbe  nicht  das  Kindbettfieber,  weil 
das  disponirende  Moment  fehlt,  sondern  mannigfaltige  andere  Zu- 
stande, /.  B  Ohnmächten  etc.  etc.  Verkühlung  bringt  bei  einer  Wöch- 
nerin das  Kindbettfieber  hervor,  bei  einer  Nichtwöchnerin  ein  rhen- 
matisches  Fieber,  Diatfehler  bringen  bei  einer  Wöchnerin  das  Kind- 
hett  Heber  hervor,  bei  einer  Nicht  wüehnerin  aber  ein  gastri06fa.es 
Fieber, 

I>a  man  sieh  aber  überzeugte,  dass  das  Kindbettfieber  nicüt  blos 
im  Puerperio.  sondern  schon  wahrend  der  Geburt,  ja  sogar  wahrend 
der  Schwangerschaft  beginne,  so  Hess  man  das  Puerperium  fallen,  und 
begnügte  sich  mit  der  eigenthümlichen  ßlutmisehmu?  der  Schwangeren; 
wann  wir  alier  diese  Definition  auf  das  Kindbettfieber  der  Nouge- 
Dornen  anwenden,  wo  finden  wir  das  disponirende  Moment  zu  den 
l'u«  i  ]». ■]  al prozessen  bei  den  Xeugebomen?  In  dem  Puerperalzustande 
ihrer  Genitalien?  Oder  haben  sie  eine  den  Schwängern  eigenthüin- 
Bchfl  Blutmischnng?  und  zwar  ohne  Unterschied  ob  es  Mädchen  oder 
Knaben  sind  Selbst  der  Begrift"  des  Puerperalfiebers  zeigte  sich 
durch   das   Factum,    dass  das   Kindbettfieber   auch  bei   Neugebomen 

vorkomme,  als  ein  Irriger. 

Bei  der  i  Ausbreitung  der  Stadt  Wien  ereign  sich 

sehr  oft,  dass   Kreissende  auf  dem  Wege  ins   in.-biirhaus,   bevor  sie 
<  li,:irliaus  erreichten,  auf  der  Gasse,  auf  dem  Glada,  unter  den 
Thoren  der  Hanser,   wo  sie   der  Zufall   eben  hinbrachte,  entbanden, 
und  dann  nach  der  Geburt  mit  dem  Säugling  in  der  Schürze  oft  bei 
der  nnguustitrsten  Witterung   ins  Gebärliaus   gehen   mussten.     1» 
Gebttrten    werden    Gassengeburten    genannt.     Die    Aufnahme   in    das 
Gebärliaus  und  die  Uebernahnie  des  Nengebornen  im  Fiudelhause  ge- 
ht gratis  nuter  der  Bedingnag,   dass  sich   die  Kreissenden  dem 
öffentlichen   Unterrichte    preisgeben,   und    die   welche   tauglich  sind, 
li  im  Findelhause  Ammendienst  thun.    Nicht  im  Gebärhause  ge- 
borene Kinder  werden  im  Findelhause  gratis  nicht  autgenommen,  v 
deren  Mütter  dem  Unterrichte  nicht  gedient  haben.   Damit  aber  die- 
lt,   welche    in   der  Absicht   im  Uebarhause    zu   entbinden,    sieh 
dorthin  begeben,   und   auf  dem  Wege  dahin  dasselbe  vor  der  Geburt 
nicht    mehr  erreichen   können,   nicht    uns. -Imldiger  Weise  dieser  Vor- 
i heile  verlustig  werden,  so  lässt   man   die  Gassengeburten  als  solche 
:.    welche   im  Gebftrhanse   vi>r>irhirehen.    Das  hat  aber  zu  dem 
Ifissbranche    <retührt.    das?    die    etwas  wohlhabenderen  Madehen,    um 
der  Unannehmlichkeit  des  öffentlichen  Unterrichtes  zu  entgehen,  und 
um  dennoch  der  Wohlthal  der  unentgeltlichen  Uebergabe  des  Kindes 
in  das  Findelhaus   theilhafiig  /u  werden,   in  der  Stadt  bei  den  Heb- 
ammen entbinden,  und  sich  dann  mittelst  Kutschen  in  das  Gebärhaus 
.1.   mit    der  Angahe.   sie   seien   auf  dem  Wege  von    der 
Gebart   sherraschl   worden.     Wenn  das  Kind  nicht  getauft,   und  der 
Nabelschnunvst  «ranz  frisch  Ist,  so  wird  ein^  solche  Geburt  als  Gassen- 


Die  taliotogta,  'ler  Begriff  aad  die  Prophylaxis  den  Eil  re,        125 


gebuit  betrachtet   und  die  Kutter  wird  aller  Wohltlmten  theilhaftig, 
deren  sich  alle  diejenigen  erfreuen,  welche  im  Gebärhause  gebt- 
hie  Zahl  der  letzteren  ist  die  höhere,   und    übersteigt  monatlieh  an 
beiden  Kliniken  nicht  selten  die  Zahl  von  100. 

Ich  habe  bemerkt,  dass  nun  gerade  die  Wöchnerinnen,  welche 
eine  Gassengeburi  überstanden  hatten,  auffallend  seltener  erkrankten 
als  diejenigen,  welche  im  Öebärhause  geboren  hatten,  obwohl  bei  den 

jengeburten  die  Geburt  offenbar  unter  ungunstigeren  Verhältnissen 
poraieh-ging,  als  bei  denjenigen,  welche  bei  ans  auf  dem  Kreissebette 
geboren.  Man  wende  nicht  ein,  dass  ja  die  meisten  unter  Beistund 
einer  Hebamme  ebenfalls  im  Bette  geboren  haben,  und  tiass  nnsere 
Wöchnerinnen  drei  Stunden  nach  dir  Geburt  so  Fuss  ihr  Wochen- 
bett aufsuchen  mussten,  denn  das  Zufussgehen  über  einen  mit  Glas 
geschützten,  im  Winter  geheizten  Gang  ist  gewiss  weniger  Bch&dlich, 
als  bei  einer  Hebamme  entbinden,  dort  ebenfalls  bald  nach  der 
Geburt  aufstehen  zu  müssen.  (Jofcl  weiss  rem  wie  weiten  Btockwerke 
sich  zu  Wagen  begeben,  unter  allen  "Witterung« Verhältnissen,  über 
zum  Theile  schlechtes  Pflaster  ins  Gebärhaus  zu  fuhren,  um  dort 
wieder  den  ersten  Stock  zu  ersteigen.  Von  denjenigen,  die  wirklich 
auf  der  Gasse  geboren,  gilt  diess  noch  in  einem  höheren  «Trade. 

schien  mir  logisch,  dass  die  Wöchnerinnen,  die  eine  sogenannte 
Gassengeburt  überstanden  hatten,  wenn  nicht  häutiger,  doch  wenigstens 
BS  häufig  hätten  erkranken  müssen,  als  diejenigen,  weiche  bei  uns 
geboren.  Wir  haben  früher  unsere  unerschütterliche  Ueberzeugun.u- 
dabin  ausgesprochen,  dass  die  Sterblichkeit  an  der  ersten  geburts- 
hilflichen Klinik  nicht  durch  epidemische  Einflüsse  bedingt  sei,  sondern 
dass  es  endemische,  jedoch  noch  unbekannte  Schädlichkeiten  seien, 
d.  h.  solche  Schädlichkeiten,  welche  nur  innerhalb  der  Grenzen  der 
ersten  Klinik  ihre  verderblichen  Wirkungen  äussern.  Was  hat  nun 
die  ausserhalb  des  Gebärhauses  Entbundenen  vor  den  verderblichen 
Wirkungen  der  an  der  ersten  Klinik  i  hängen  unbekannten  endemischen 
Einflüsse  geschützt? 

Auf  der  zweiten  geburtshilflichen  Abtheilung  war  der  Gesund- 

szustand  der  Wöchnerinnen,  welche  eine  Gassengeburt  überstanden 
hatten,  eben  so  gunstig  wie  auf  der  ersten  Abtheilnng.  dort  war  es 
jedoch  nicht  auffallend,  weil  dort  der  Gesundheitszustand  der  Wöch- 
nerinnen im  Allgemeinen  ein  viel  günstigerer  war. 

Hier  wäre  der  Ort.  durch  eine  Tabelle  die  geringeren  Sterblich* 
keitepercente  unter  den  Gnssengeburten  im  Vergleiche  zu  den  8e- 
burten,   welche   auf  der  ersten  Gebärklinik  vursichgingen.  zu  zeigen. 

So  lange  mir  die  Protokolle  der  ersten  Gebärklinik  zu  Gebote 
standen,  fühlte  ich  das  Bedürfniss  einer  solchen  Tabelle  nicht,  weil 
dieses  Factum  von  Niemanden  geläugnet  wurde,  ich  vers;imnte  es, 
eine  solche  Tabelle  anzufertigen.  Setter,  als  ich  nicht  mehr  Assistent 
war.  läugnete  man  dieses  Factum,  wie  mau  anoh  einen  bedeutenden 
[  nterschied  in  der  Sterblichkeit  an  der  ersten  und  zweiten  Gebär- 
klinik  läugnete,  welcher  Unterschied  aber  durch  die  Tabelle  Nr.  1. 
•  in  Dnlaugbares  Factum  wird.  Professor  Skoda  stellte  im  Jahn 
1848  im  Professorencollegium  der  Wiener  medicinisehen  Facultiit  den 
Antrag,  das  Professorencollegium  möge  eine  <uimnis.-ion  ernennen, 
welche  unter  andern  Aufgaben  auch  die  hätte,  eine  solche  Tabelle 
anzufertigen. 

Der  Antrag  wurde  mit  grosser  Majorität  angenommen,  die  Com- 


126 


Semmel  weis'  Abhandlungen  nn<l  Werk  über  das  Kindbettfie 


mission  sogleich  ernannt,  allein  in  ['ulu'e  eines  Protestes  des  Pro- 
fessors der  Geburtshilfe  durfte  auf  höheren  Befehl  die  Commission 
ihre  Thätigkeit  nicht  beginnen- 

Nebst  den  Wöchnerinnen,  welche  eine  Gassengeburt  überstanden, 
erkrankten  auch  die  Wöchnerinnen,  welche  eine,  vorzeitige  Geburt 
durchgemacht)  auffallend  seltener  als  diejenigen,  welche  rechtzeitig 
geboren.  Die  Wöchnerinnen,  welche  vorzeitig  geboren,  waren  nicht 
nur  denselben  endemischen  Schädlichkeiten  der  ersten  Gebärklinik  aus- 
gesetzt, wie  die  Wöchnerinnen,  welche  rechtzeitig  geboren,  sondern 
einer  Schädlichkeit  mehr,  nämlich  derjenigen,  welche  die  Geburt  vor- 
zeitig eingeleitet.  Wie  ist  trotz  dem  ihr  besserer  Gesundheitszustand 
zu  erklären?  Die  Erklärung,  dass.  je  vorzeitiger  die  Geburt  ein- 
trete, desto  unentwickelter  der  Puerperalzustand  sei.  in  Folge  dessen 
die  Disposition  zu  einer  Puerperalerkrankung  geringer,  ist  durch  die 
Beobachtung  widerlegt,  dass  der  Puerperalzustand  zur  Entstehung 
des  Puerperalfiebers  gar  nicht  nöthig  ist,  da  ja  das  Puerperalfieber 
schon  während  der  Geburt,  ja  sogar  während  der  Schwangerschaft 
beginnen,  ja  sogar  tüdten  kann. 

Der  bessere  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  nach  vor- 
zeitigen Geburten  an  der  zweiten  Gebärklinik  war  im  Einklänge  mit 
dem  besseren  Gesundheitszustände  der  Wöchnerinnen  nach  recht- 
zeitigen Geburten  an  dieser  Klinik. 

m  erkrankten  zwar  die  Wöchnerinnen  auch  zerstreut,  d.  h.  eine 
Wöchnerin  erkrankte,  und  mehrere  ihrer  Nachbarinnen  nach  links 
und  rechts  blieben  gesund,  aber  es  ereignete  sich  sehr  oft,  dass  ganze 
Reihen  wie  sie  eben  nebeneinander  im  Wochenbett  lagen,  erkrankten, 
ohne  dass  auch  nur  eine  zwischen  ihnen  gesund  geblieben  wäre.  Die 
Betten  sind  in  den  Wochenzimmern  an  der  Längenwand  mit  den  ent- 
sprechenden Zwischenräumen  an  einandergereiht.  Die  Zimmer  haben 
je  nach  ihrer  Lage  eine  nördliche  und  südliche  oder  östliche  und 
westliche  Längenwand.  Wenn  die  Wöchnerinnen,  welche  sich  in  den 
Betten  an  der  nördlichen  Längenwand  des  Zimmers  befanden,  er- 
krankten, waren  wir  schon  geneigt,  der  Verkühlung  eine  grosse  Rolle 
bei  Erkrankung  dieser  Wöchnerinnen  zuzuschreiben,  aber  siehe  da, 
beim  nächsten  Belegtwerden  des  Zimmers  mit  Wöchnerinnen  erkrankte 
die  nach  Süden  gelegene  Hälfte  der  Wöchnerinnen,  eben  so  erkrankten 
manchmal  die,  welche  an  der  östlichen,  und  manchmal  die.  welche  an 
der  westlichen  Längen  wand  lagen,  oft  breiteten  sich  die  Erkrankungen 
von  einer  Seite  auf  die  andere  aus,  so  dass  keine  Himmelsgegend  ein 
besonderes  Lob  oder  einen  besonderen  Tadel  verdiente. 

Wie  war  diese  Erscheinung  zu  erklären,  nachdem  sie  sich  auf 
der  zweiten  geburtshilflichen  Klinik  nicht  wiederholte,  indem  sie  dort 
nur  zerstreut  erkrankten? 

I  )ass  das  Kindbettlieber  keine  contagiöse  Krankheit  sei,  und  dass 
die  Erkrankung  nicht  durch  Contagium  von  Bett  v.u  Bett  fortgepflanzt 
wurde,  wollen  wir  hier  als  unsere  Ueberzeugung  aussprechen,  die 
Beweise  dafür  werden  wir  später  beibringen.  Vorläufig  genügt  die 
Bemerkung,  dass  die  zerstreut  vorgekommenen  Erkrankungen  der 
Wöchnerinnen  an  der  zweiten  Gebärklinik,  falls  das  Kindbettfieber 
eine  contagiöse  Krankheit  gewesen  wäre,  hingereicht  haben  würden, 
aus  dam  /.«ist reuten  Erkranken  der  Wöchnerinnen  ein  reihenweises 
Erkranken  durch  Fortpflanzung  des  Contagiums  von  Bett  zu  Bett  zu 
machen. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbett  riehen-.        127 

Die  Staatsgewalt  in  dieser  beunruhigenden  Erscheinung  der 
grossen  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  in  Vergleich  zur 
zweiten  gegenüber  nicht  gleichgültig  geblieben,  sie  hat  wiederholt 
commissionelle  Untersuchungen  und  Verhandlungen  eingeleitet,  um  die 
Ursache  dieser  Mortalitätsverschiedenheiten  zu  ermitteln,  und  um  sich 
zu  überzeugen,  ob  die  wirklich  erkrankten  Wöchnerinnen  nicht  in 
grösserer  Anzahl  rettbar  seien,  als  es  an  der  ersten  Gebärklinik  der 
Fall  war.  Um  das  Letztere  zu  erreichen,  wurden  von  Zeit  zu  Zeit 
sämnitliche  erkrankte  Wöchnerinnen  in  das  allgemeine  Krankenhaus 
trunsferirt,  wo  sie  aber  dennoch  mit  wenigen  Ausnahmen  ebenfalls 
starben,  obwohl  sie  von  einem  andern  Arzte  einer  andern  Behandlung 
unterworfen  wurden,  und  sich  selbe  in  einem  anderen  Zimmer,  nicht 
blos  unter  Puerperalkranken  et.,  -t,.  befanden. 

Von  den  exmittirten  ( 'ommissionen  wurde  als  Ursache  der  grösseren 
Sterblichkeit  bald  eine  oder  die  andere  oder  mehrere  der  oben  ange- 
rührten endemischen  Ursachen  beschuldigt,  dem  entsprechend  wurden 
die  nöthigen  Massregeln  getroffen,  ohne  dass  es  jedoch  gelungen  wäre, 
die  Sterblichkeit  in  die  Grenzen  einzuengen,  innerhalb  welcher  die 
Sterblichkeit  auch  an  der  zweiten  Gebärklinik  vorgekommen  ist. 

Durch  die  Erfolglosigkeit  der  Massregeln  wurde  der  Beweis  ge- 
liefert, dass  die  beschuldigten  Ursachen  der  grossen  Sterblichkeit  an 
der  ersten  Gebärklinik  nicht  die  Ursachen  waren,  welche  in  Wirklich- 
keit die  grössere  Sterblichkeit  hervorgebracht  haben. 

Gegen  Ende  des  Jahres  1846  gewann  bei  einer  commissionellen 
Verhandlung  die  Ansicht  die  Oberhand,  dass  die  Erkrankungen  der 
Wöchnerinnen  durch  Beleidigung  der  Geburtstheile,  bei  den  zum  Be- 
hufe  des  Unterrichts  stattfindenden  Untersuchungen  bedingt  sind,  weil 
aber  solche  Untersuchungen  beim  Unterrichte  der  Hebammen  gleich- 
falls vorgenommen  werden,  so  nahm  man,  um  die  häufigen  Erkran- 
kungen auf  der  Ahtheihing  der  Aerzte  begreiflich  zu  machen,  keinen 
Anstand,  die  Studirenden  und  namentlich  die  Ausländer  zu  be- 
schuldigen, dass  sie  bei  den  Untersuchungen  roher  zu  Werke  gehen 
als  die  Hebammen. 

Auf  diese  Voraussetzung  hin  wurde  die  Zahl  der  Schüler  von 
42  auf  20  vermindert.  Die  Ausländer  wurden  fast  ganz  ausgeschlossen 
und  die  Untersuchung  selbst  auf  das  Minimum  reducirt. 

Die  Sterblichkeit  verminderte  sich  hierauf  in  den  Monaten  De- 
cember  1646,  Jänner.  Februar,  März  1847  auffallend,  allein  im  April 
starben  trotz  der  erwähnten  Massregel  57,  im  Mai  36  Wöchnerinnen, 
daraus  konnte  die  Grundlosigkeit  der  obigen  Beschuldigung  Jeder- 
mann einleuchten. 

Wir  wollen  hier  des  besseren  Verständnisses  wegen  die  Rapporte 
!■  ,Jatnv>  is4f,  und  die  ersten  fünf  Monate  des  .1. ihres  1*47  dei 
ersten  Abtheilung  veröffentlichen. 

Tabelle  Hr.  IT. 
184«. 

Geborten  Todesfälle        Percent 

Jänner 836  45  13  J0 

Fehrnar 203  &3  18.» 

Mira 311  48  15.u 

April 48  18.,, 

Mai 305  41  IS« 

Juni 266  27  10.,, 


128  Semmelweiä'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiudbettäeber. 

Geburten      TodesfiÜle        Percente 


Juli      .    . 

September 
Ootobei  - 
November 
Pecember 


sie 

271 
26 1 
897 
298 


1847. 
Qebartaa      Todesfälle         Percent 

Jänuer :-Ul  10  3,, 

rebrotr WS  6  I   . 

März 1-105  11 

April 812  .-, 

Hai 894  36 

Wir  werden  auf  diese  im  Monat  Deceraber  1846,  Jänner,  Februar 
und  März  1847  vermindert,  April  und  Mai  wieder  gesteigerte  Sterb- 
lichkeit spater  nochmals  zurückkommen. 

Die  Barichtti  der  zur  Ermittlung  der  Ursache  der  grossen  Sterb- 
lichkeit an  der  ersten  i  iebärklinlk  exmittirten  Uommissioiien  litten 
sämmtlich  an  dem  unbegreiflichen  Widerspruche,  dass  sie  die  grosse 
Sterblichkeit  an  der  eisten  (jebärklinik  eine  Epidemie  nannten,  ab.-t 
nicht,  dem  Begriffe  einer  Epidemie  entsprechend,  die  Unmöglichkeit 
einer  Abhilfe  erklärten,  da  es  ja  nicht  in  der  Macht  einer  I  tommifi&ion 
liegt,  die  atmosphärischem  cosmischen,  tellurist-hen  Verhältnisse  der 
Stadl  Wien  y.u  lindern.  Waa  thut  man  denn,  um  die  Daner  der 
Cholera-Epidemie  abzukürzen  und  um  ihre  Wiederkehr  zu  Verbind« 
Sie  beschuldigten  eine  oder  mehrere  der  oben  angeführten  endemischen 
Ursachen,  und  nannten  es  dann  nicht,  wie  es  hätte  geschehen  sollen, 
■  im  Endemie,  sondern  eine  Epidemie.  Ueberhaupt  die  unglückliche. 
Verwechslung  des  Begriffes  einet  Epidemie  und  einer  Endemie  ist  die. 
Sobald,  dass  man  so  lange  die  wahre  Ursache  des  Kindbettliehei> 
nicht  gefunden. 

Hei  Aufstellung  des  Begriffes.  Liier  Puerperal- Epidemie  und  Endemie 
iiiuss  von  der  Zahl  der  erkrankten  und  verstorbenen  Wöchnerinnen 
gänzlich  abgesehen  weiden.  Die  Ursache,  in  Folge  welcher  die  Er- 
kranklings»  und  Todesfälle  eintreten,  bedingt  den  Begriff  einer  Epidemie 

Endemie.  Ein  epidemisches  Puerperalfieber  ist  dasjenige,  welches 
durch  atmosphärische,  eosmisehe.  tellurische  Einflüsse  hervorgebracht 
wird,  und  es  ireliört  nicht  zum  Begriffe  der  Epidemie,  ob  eines  oder 
hunderte  von  Individuen  erkranken,  Wird  das  Puerperalfieber  dun  b 
eine  enäemificne  Ursache  hervorgebracht,  d.  h.  durch  eine  Ursache 
bracht,  deren  Wirsamkeit  sich  auf  ein  bestimmtes  Locale  be- 
schrankt, so  ist  das  ein  endemisches  Puerperalfieber,  und  es  ist  wieder 
«j-Ieichgiltig.  ob  ein  oder  hunderte  von  Individuen  erkranken.  Das  ist 
der  Begriff  einer  Epidemie  und  Endemie.  Die  Counuissionen  berück- 
sichtigen aber  bei  Benennung  der  Sterblichkeit  nicht  die  Ursachen, 
welche  das  Puerperalfieber  angeblich  hervorgebracht  haben,  sondern 
nur  die  Zahl,  und  weil  viele  Wöchnerinnen  erkrankten  und  starben, 
nannte  man  es  eine  Epidemie* 

Ueberzeugt.  dass  die  grv.-st  iv  ^terbliehkeit  an  der  ersten  Gebär- 
klinik durch  eine  endemische,  aber  noch  unbekannte,  von  mir  ver- 
gebens gesuchte  Ursache  herrühre,  an  dem  Begriffe  des  Kindbett- 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  vm<\  die  Prophylaxis  des  Kindhettfiebers.        129 


fiebers  durch  das  Erkranken  der  Neugebornen  am  Kindbettfieber, 
ohne  Unterschied  ob  Mädchen  oder  Knabe,  irre  geworden,  durch  das 
Beobachten  von  Erscheinungen,  für  welche  ich  keine  Erklärung  finden 
konnte,  als  da  sind:  das  beinahe  ausnahmslose  Sterben  in  Folge  ver- 

rter  Eröffnungsperiode,  das  Nichterkranken  der  Gassen-  und  vor- 
zeitigen Geburten  im  Widerspruche  mit  meiner  Ueberzeugung,  Alis 
die  Verheerungen  an  der  ersten  Gebärklinik  endemischen  rrsachen 
zuzuschreiben  seien,  das  reihenweise  Erkranken  der  Wöchnerinnen 
an  der  ersten  Gebärklinik,  der  günstige  Gesundheitszustand  an  der 
zweiten  Gebärklinik  im  Vergleich  zur  ersten,  ohne  dass  ich  die  lieber- 
zeugung  hätte  hegen  können,  dass  die  an  der  zweiten  Gebärklinik 
Bediensteten  geschickter  oder  sorgfältiger  in  Erfüllung  ihrer  Pflichten 
seien  als  wir;  die  Missachtung,  welcher  die  an  der  ersten  Gebär- 
klinik  Bediensteten  deshalb  bei  den  Hausleuten  begegneten,  brachte 
in  mir  eine  jener  unglücklichen  Gemiithsstimmungen  hervor,  welche 
das  Leben  nicht  beneidenswerth  machen.  Alles  war  in  Frage  ge- 
stellt. Alles  war  unerklärt,  Alles  war  zweifelhaft,  nur  die  grosse  An- 
zahl der  Todten  war  eine  unzweifelhafte  Wirklichkeit. 

D©f  Leser  kann  sich  einen  Begriff  von  meiner  Rathlosigkeit 
während  meiner  ersten  Dienstzeit  machen,  wenn  ich  ihm  erzähle,  dass 
ich  einem  Ertrinkenden  gleich,  welcher  sich  an  einem  Strohhalme 
anklammert,  die  Rücklage,  welche  bei  Entbindungen  an  der  ersten 
Gebärklinik  üblich  war,  abschaffte,  und  dafür  die  Seitenlage  einführte, 
aus  keinem  anderen  Grunde,  als  weil  sie  auf  der  zweiten  Abtheilung 
üblich  war;  ich  glaubte  zwar  nicht,  dass  die  Rückenlage  im  Yer- 

lie  zur  Seitenlage  so  nachtheilig  sei,  dass  man  ihr  das  Plus  der 
Sterblichkeit  an  der  ersten  Abtheilung  zuschreiben  müsse,  allein  an 

zweiten  Gebärklinik   entbanden   sie  in  der  Seitenlage  und  der 

indheitszustand  der  Wöchnerinnen  war  ein  besserer,  folglich  sollen 
sie  auch  an  der  ersten  Abtheilung  in  der  Seitenlage  entbinden,  da- 
mit ja  nur  Alles  so  geschehe  wie  auf  der  /.weiten  Abtheilung. 

Den  Winter  1846/7  benutzte  ich  zur  Erlernung  der  englischen 
Sprache,  um  die  Zeit,  welche  ich  noch  wegen  Wiederübernahme  der 
stelle  eines  Assistensarztes  durch  meinen  Vorfahren,  Dr.  Breit, 
warten  musste,  grösstenteils  im  grossen  Dubliner  Gebärhause  zu- 
bringen zu  können;  allein  Dr.  Breit  wurde  Ende  Februar  1847  zum 
Professor  der  Geburtshilfe  an  der  Hochschule  zu  Tübingen  ernannt, 
ich  unternahm  daher,  meinen  Reiseplan  ändernd,  in  Gesellschaft  zweier 
Freunde  am  2.  März  1847  eine  Reise  nach  Venedig,  um  an  den 
Kunstschätzen  Venedigs  meinen  tieist  und  mein  Gemüth  zu  erheitern, 
ihe  durch  die  Erlebnisse  im  Gebärhause   so   übel   afficirt  wurden. 

Am  20.  März  desselben  Jahres  wenige  Stunden  nach  meiner 
Rückkehr  nach  Wien  übernahm  ich  mit  verjüngten  Kräften  die  Stelle 
eines  Assistensarztes  an  der  ersten  Gebärklinik,  aber  bald  überraschte 
mich  die  traurige  Nachricht,  dass  Professor  K  oll  et  sc  h  ka,  von  mir 
hochverehrt,  inzwischen  «restorben  sei. 

Die  Krankheitsgeschichte  ist  folgende:  KolletBcaka,  Professor 
der  gerichtlichen  Mediän,  nahm  häufig  in  gerichtlicher  Beziehung 
mit  seinen  Schülern  Sectionsfibungen  vor;  bei  einer  derartigen  Uebung 
rde  er  von  einem  Schüler  mit  dem  Messer,  welches  zur  Section 
benutzt  wurde,  in  einen  Finger  gestochen,  in  welchen?  ist  mir  niclit 
mehr  erinnerlich.  Professor  Kolletschka  bekam  hierauf  Lymphan- 
goitis,  Phlebitis  an  der  entsprechenden  oberen  Extremität,  und  starb 

Semmel  wei»'  gesammelt«  Werke.  •' 


130 


Sera nael weis*  Abhandlungen  und  Werk  Über  das  Kindbetttieber. 


während  meines  Aufenthaltes  in  Venedig  an  beiderseitiger  Pleuritis, 
Pericarditis,  Peritonitis,  Meningitis,  und  es  bildete  sich  noch  einige 
Tage  vor  dem  Tode  eine  Metastase  in  einem  Auge.  Noch  begeistert 
durch  die  Kuustsehätze  Venedigs,  durch  die  Nachricht  des  Todes 
Kolletschka's  noch  mehr  erregt,  drängte  sich  in  diesem  aufgeregten 
Zustande  meinem  Geiste  mit  unwiderstehlicher  Klarheit  die  Identität 
der  Krankheit,  an  welcher  Kolletschka  gestorben,  mit  derjenigen, 
an  welcher  ich  so  viele  hundert  Wöchnerinnen  sterben  sah,  auf.  Die 
\\  •"•  -hnermnen  starben  ja  auch  an  Phlebitis,  Lymphangoitis,  Peritonitis, 
Pleuritis,  Pericarditis,  Meningitis,  und  es  bilden  sich  auch  bei 
Wöchnerinnen  Metastasen. 

Tag  und  Nacht  verfolgte  mich  das  Bild  von  Kolletschka' s 
Krankheit,  und  mit  immer  grösserer  Entschiedenheit  musste  ich  die 
Identität  der  Krankheit,  an  welcher  Kolletschka  gestorben,  mit 
derjenigen  Krankheit,  an  welcher  ich  so  viele  Wöchnerinnen  sterben 
sah,  anerkennen. 

Aus  der  Identität  des  Leichenbefundes  in  den  Leichen  der  Neu- 
gebornen  mit  dem  Leichenbefunde  der  am  Kindbettfieber  verstorbenen 
Wöchnerinnen  haben  wir  früher,  und  wie  wir  glauben,  mit  Hecht 
geschlossen,  daß  auch  die  Xeugebornen  am  Kindbettheber,  oder  mit 
andern  Worten,  da«  die  Neugebornen  an  derselben  Krankheit  wie 
ilie  Wöchnerinnen  gestorben  seien.  Da  wir  aber  dieselben  identischen 
Producte  in  dem  Leichenbefunde  bei  Kolletschka  antrafen  wie  bei 
den  Wöchnerinnen,  so  ist  der  Schluss,  dass  Kolletschka  an  der- 
selben Krankheit  gestorben,  an  Welcher  ich  so  viele  hundert  Wöchnerinnen 
sterben  sah,  ebenfalls  ein  berechtigter.  Die  veranlassende  Ursache 
der  Krankheit  bei  Professor  Kolletschka  war  bekannt,  nämlich  es 
wurde  die  Wunde,  welche  ihm  mit  dem  iSectionsniesser  beigebracht 
wurde,  gleichzeitig  mit  Cadavertheilen  verunreiniget.  Nicht  die 
Wunde,  sondern  das  Verunreinigt  werden  der  Wunde  durch  Cadaver- 
theile  hat  den  Tod  herbeigeführt,  Kolletschka  ist  ja  nicht  der 
Brate,  der  auf  diese  Weise  gestorben.  Ich  musste  anerkennen:  wenn 
die  Voraussetzung,  dati  die  Krankheit  Kolletschka's  und  die 
Krankheit,  an  welcher  ich  so  viele  Wöchnerinnen  sterben  sah,  iden- 
tisch seien,  so  müsse  sie  bei  den  Wöchnerinnen  durch  dieselbe  er- 
zeugende (  rsulie,  durch  welche  erzeugende  Ursachesie  bei  Kolletschka 
hervorgebracht,  winde,  erzeugt  werden.  Bei  Kolletschka  w 
die  erzeugende  Ursache  Cadavertheile,  welche  ihm  ins  Geiasssystem 
gebracht  wurden.    Ich  musste  mir  dn  aufwerfen:  Werden  denn 

den  Individuen,  welche  ich  an  einer  identischen  Krankheit  sterben 
sah,  auch  Cadavertheile  in  das  Gefässsystem  eingebracht?  Auf  die  je 
Frage  musste  ich  mit  Ja  antworten. 

Bei  der  anatomischen  Richtung  der  Wiener  medicinischen  Schule 
haben  die  Professoren,  Assistenten  und  Schüler  hantig  Gelegenheit^ 
mit  Leichen  in  Berührung  zu  kommen.  Dass  nach  der  gewöhnlichen 
Art  des  Waschens  der  Hände  mit  Seife  die  au  der  Hand  klebenden 
Cadavertheile  nicht  sämmtlich  entfernt  werden,  beweist  der  cadaverose 
Geruch,  welchen  die  Hand  für  längere  oder  kürzere  Zeit  behält.  Bei 
der  Untersuchung  der  Schwangeren,  Kreissenden  und  Wöchneri 
wird  die  mit  Cadavertheilen  verunreinigte  Hand  mit  den  Genita 
dieser  Individuen  in  Berührung  gebracht,  dadurch  werden  die  Genitalien 
dieser  Individuen  mit  Cadavertheilen  in  Berührung  gebracht,  dadurch 
die  Möglichkeit  der  Resorption,  und  mittelst  Resorption  Einbringung 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindhettfiebers.        131 


th 


ladavertheilen  in  das  Gefässsystem  der  Individuell  bedingt  und 
dadurch  bei  den  Wöchnerinnen  dieselbe  Krankheit  hervorgerufen, 
eiche  wir  bei  Rollet  schka  gesehen. 

Wenn  die  Voraussetzung,  dass  die  an  der  Hand  klebenden  Cadaver- 
heile  bei  den  Wöchnerinnen  dieselbe  Krankheit  hervorbringen,  welche 
die  am  Messer  klebenden  Cadavertheile  bei  Kolletschka  hervor- 
gebracht haben,  richtig  ist,  so  muss.  wenn  durch  eine  chemische  Ein- 
wirkung die  Cadavertheile  an  der  Hand  vollkommen  zerstört  werden, 
und  daher  bei  Untersuchungen  von  Schwangeren,  Kreissenden  und 
Wöchnerinnen,  deren  Genitalien  blos  mir  den  Fingern  und  nicht- 
gleichzeitig  mit  Cadavertheilen  in  Berührung  gebracht  werden,  diese 
Krankheit  verhindert  werden  können,  in  dem  Masse,  als  sie  durch 
Einwirkung  von  Cadavertheilen  mittelst  des  untersuchenden  Fingers 
bedingt  war.  Mir  schien  dies  im  Vorhinein  um  90  wahrscheinlicher, 
Bis  mir   "las  Factum,   dass   zersetzte   organische  Stoffe   mit  lebenden 

iiisnxii  in  Berührung  gebracht,  in  denselben  einen  Zersetzungs- 
process  hervorrufen,  bekannt  war. 

Um  die  an  der  Hand  klebenden  Cadavertheile  zw  zerstören,  be- 
nutzte ich,  ohne  mich  jedoch  des  Tages  zu  erinnern,  beiläufig  von 
Bütte  Mai  1847  angefangen,  die  Gtäorina  Uqttidä,  mit  welcher  ich  und 
jeder  Schüler  vor  der  Untersuchung  seine  Hände  waschen  musste. 
Nach  einiger  Zeit  verliess  ich  die  (Marina  tiquida  wegin  ihres  hohen 
Preises  und  ging  zu  dem  bedeutend  billigeren  Chlorkalk  über.  Im 
Monate  Mai  1847,  in  dessen  zweiter  Hälfte  erst  die  Chlorwaschungen 

tührt  wurden,  starben  noch  36  oder  12.ä4  Percent  von  294  Wöch- 
nerinnen; in  den  übrigen  sieben  Monaten  des  Jahres  1*47  verhielt 
sich  das  Mortalit:it>verh;illniss   unter  den   an  der  ersten  Celiarklinik 

legten  Wöchnerinnen  wie  folgt: 


1847 

Geburt  ea 

Todesfälle 

Pen 

Juni     .    . 

.    .    - 

6 

Kn 

Juli      .    . 

.    .    260 

3 

1,0 

AllL'USt       . 

.     .     264 

5 

September 

.    .    269 

12 

;■:  1 

October    . 

.    .    27* 

11 

3  „-. 

November 

.     .     241  i 

11 

4.47 

December 

.     .     273 

8 

1841 


56 


wa. 
An 


J-'.s  starben  mithin  von  den  innerhalb  sieben  Monaten  verpflegten 
1841  Wöchnerinnen  5(5,  3.(M.  Im  Jahre  1846,  in  welchem  die  Chlor- 
asehungen  noch  nicht  im  Gebrauche  waren,  starben  von  4010  an  der 
Gebärklinik  verpflegten  Wöchnerinnen  459,  d.  L  ll.<  Perceat 
n  der  zweiten  Abtheilung  starben  im  Jahre  ts4ii  von  :><  >4  Wöch- 
nerinnen 105,  d.  i.  2.7  Percent.  Im  Jahre  1847,  wo  gegen  Mitte  .Mai 
die  Chlorwaschungen  eingeführt  wurden,  starben  an  der  ersteu  Ab- 
theilung von  3490  verpflegten  Wöchnerinnen  176.  d.  i.  5.<>  Percent. 
Au  der  zweiten  Abtheilung  starben  von  3306  Entbundenen  32,  d.  i. 
0.„  Percent.  Im  Jahre  1S4K,  wo  das  ganze  Jahr  hindurch  die  Chlor- 
hungen  emsig  geübt  wurden,  starben  von  3556  Wöchnerinnen  45» 
Percent  An  der  zweiten  Abtheilung  starben  im  Jahre  1848  von 
19  Entbundenen  43,  d.  i.  l.aa  Percent. 

9* 


132 


Seamthreu'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Die  einzelnen  Monate  des  Jahres   1848   verhielten   sich  an   der 
ersten  Abtheilung  wie  folgende  Tabelle  zeigt: 


Tabelle  Hr. 

XVI. 

1818. 

Geburten 

Todesfälle 

Perceute 

Jänner     . 

.    .    283 

10 

Februar  . 

.    .    291 

2 

<».... 

Hin  ,    . 

.    .    876 

0 

•>..., 

2 

Mai     .    . 

.  .  aia 

3 

<>., 

Jnni     ,     . 

.    .    264 

3 

l-ll 

Juli      .     . 

269 

1 

$N 

Augiiat    . 

.    .    261 

0 

o.„, 

mber 

.    .    312 

3 

o,„ 

October    . 

.     .    299 

7 

2.4 

November 

.    .    310 

9 

2„ 

December 

.     .     373 

6 

l.H 

BfiH 


45 


1.. 


Im  Jahre  1848  kommen  also  zwei  Monate  vor,  nämlich  März 
und  August,  in  welchen  nicht  eine  einzige  Wöchnerin  gestorben. 

Im  Jahre  1849  ereigneten  sich  im  Monat  Jänner  403  Geburten, 
wovon  9  starben,  d.  i.  2..,.,  Percent.  Im  Monat  Februar  fanden  389 
Geburten  statt,  davon  starben  12,  d,  i.  3.08  Percent.  Im  Monat  März 
ereigneten  sich  406  Geburten,  davon  starben  20,  4.9  Percent. 

Vom  20,  d.  M.  angefangen  fungirte  mein  Nachfolger,  Dr.  Carl  Braun, 
als  Assistent. 

Wir  haben  oben  erwähnt,  dass  die  zur  Ermittlung  der  Ursache 
der  grösseren  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  im  Vergleich 
zur  zweiten  exmittirten  Commissionen  bald  eine  oder  die  andere  oder 
mehrere  der  oben  angeführten  endemischen  Ursachen  als  diejenigen 
beschuldigten,  welche  die  an  der  ersten  Gebärklinik  herrschende 
grössere  Sterblichkeit  hervorbringen.  Dem  entsprechend  wurden  die 
geeigneten  Massrcgeln  ergriffen,  ohne  dass  es  dadurch  gelungen  wäre. 
die  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  in  die  Grenzen  einzuengen, 
innerhalb  welcher  sie  auch  an  der  zweiten  Gebärklinik  vorgekommen 
ist.  Aus  dieser  Erfolglosigkeit  wurde  der  berechtigte  Schluss  gezogen, 
dass  die  von  den  Commissionen  beschuldigten  Ursachen  nicht  die  Ur- 
sachen waren,  welche  in  Wirklichkeit  die  grössere  Sterblichkeit  an 
der  ersten  Gebärklinik  hervorgebracht  haben. 

Ich  habe  vorausgesetzt,  dass  die  an  der  untersuchenden  Hand  des 
Geburtshelfers  klebenden  Cadavertheile  die  Ursache  der  grösseren 
Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  sei;  ich  habe  diese  Ursache 
•in ich  die  Einführung  der  Chlorwaschungen  entfernt.  Der  Erfolg  war, 
dass  die  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  in  die  Grenzen  ein- 
geengt wurde,  innerhalb  welcher  sie  auch  an  der  zweiten  vorgekommen 
ist.  wie  die  oben  angeführten  Zahlen  zeigen.  Es  ist  also  der  Schluss, 
dass  die  an  der  Hand  klebenden  Cadavertheile  in  Wirklichkeit  das 
Plus  der  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  hervorgebracht 
haben,  auch  ein  berechtigter. 

Seit  die  Chlorwas«  lnm-eii  mit  so  auffallend  günstigem  Erfolge  in 
Gebrauch  gezogen  wurden,  wurde  nicht  die  geringste  Veränderung  in 


Die  Aetiologje,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiadbettüehers,        133 


:: 


den  Verhältnissen  der  ersten  Gebärklinik  vorgenommen,  welcher  man 
einen  Antheil  an  der  Verminderung  der  Sterblichkeit  zuschreiben 
konnte. 

Das  Unterrirhtssystem  bei  den  Hebammen  ist  so  beschaffen,  dass 
Aveder  die  Lehrenden  noch  die  Lernenden  so  häufig  Veranlassung 
haben,  sich  die  Hände  mit  Cadavertheilen  zu  verum  einigen,  als  es  bei 
dem  Unterrichte  der  Aerzte  der  F&U  ist,  und  daher  die  geringere 
Sterblichkeit  an  der  zweiten  Gebärklinik. 

Die  unbekannte  endemische  Ursache,  «flehe  an  der  ersten  Gtab&p- 
klinik  so  entsetzliche  Verheerungen  anrichtete,  war  demnach  in  den 
an  der  Hand  klebenden  Cadaveitheilen  der  Untersuchenden  an  der 
i  Gebärklinik  gefangen. 

Um  die  an  der  Hand  klebenden  Cadavertheile  zu  zerstören,  musste 
jeder  Untersuchende  bei  seinem  Eintritte  in  das  Kreissezimmer  seine 
Hände  in  der  Chlorkalklüsung  waschen,  und  da  die  Schüler  auf  dem 
Kreisseziminer  keine  Gelegenheit  hatten,  sich  die  Hände  neuerdings 
mit  Cadavertheilen  zu  verunreinigen,  so  hielt  ich  es  für  genügend, 
wenn  sich  die  Schüler  ihre  Hände  einmal  in  einer  Chlorkalk lösung 
wuschen.  Wegen  der  grossen  Anzahl  der  in  einem  Jahre  an  der 
ersten  Geburtsklinik  sich  ereigneten  Geburten  trifft  es  sich  sehr  selten, 
dass  nur  eine  Kreissende  auf  dem  Kreissezimmer  ist,  es  sind  in  der 

1  mehrere  gleichzeitig  anwesend.  Zum  Behufe  des  Unterrichtes 
worden  alle  Kreissenden  der  Reihe  nach,  wie  sie  eben  nebeneinander- 
lagen,  untersucht,  und  ich  hielt  es  für  genügend,  nach  jeder  Unter- 
suchung die  Hand  mit  Seifenwasser  waschen  zu  lassen,  bevor  die 
nächste  untersucht  wurde;  ich  hielt  das  Waschen  mit  Chlorwasser 
zwischen  je  zwei  Untersuchungen  für  überflüssig,  weil  man  ja  auf 
dem  Kreissezimmer,  nachdem  die  Hand  einmal  von  den  an  derselben 
klebenden  Cadavertheilen  gereinigt  war,  dieselbe  nicht  mehr  mit  Ca- 
vertheilen    verunreinigen  kann. 

Im  Monat  October  1847  wurde  eine  an  verjauchendem  Medullar- 
ebs  des  Uterus  leidende  Kreissende  aufgenommen;  es  wurde  ihr  das 
Bett  Nr.  1,  bei  welchem  die  Visite  immer  begonnen  wurde,  als  Kreisse- 
bett  angewiesen. 

Nach  der  Untersuchung  dieser  Kreissenden  haben  wir  Unter' 
suchende  uns  unsere  Hände  blos  mit  Seife  gewaschen;  die  Folge  da- 
von war,  dass  von  12  gleichzeitig  mit  ihr  Entbundenen  11  starben. 
Die  Jauche  des  vei  j;i  liebenden  Medullarkrebses  wurde  durch  das  Seifen- 
wasser  nicht  zerstört,  durch  die  Untersuchungen  wurde  die  Jauche 
auf  «lie  übrigen  Kreissenden  übertragen,  und  so  das  Kindbettfleber  ver- 
ielfältigt. 

Also  nicht  blos  die  an  der  Hand  klebenden  Cadavertheile.  sondern 
Jauche,  von  lebenden  Organismen  herrührend,  erzeugen  das  Kindbett- 
tieber;  es  müssen  daher  die  Hände  des  Untersuchenden  nicht  blos 
nach  Beschäftigung  mit  Oadavern,  sondern  nach  Untersuchungen  von 
Individuen,  bei  welchen  die  Hand  mit  Jauche  verunreinigt  werden 
kann,  ebenfalls  in  Chlorwasser  gewaschen  werden,  bevor  zur  Unter- 
suchung eines  zweiten  Individuums  geschritten  wird. 

Diese,  dieser  traurigen  Erfahrung  entnommene  Regel  beobachteten 
wir  in  der  Folge,  und  es  wurde  nicht  mehr  durch  Uebertraguug  dar 
Jauche  von  einem  Individuum  auf  das  andere  mittelst  des  unter- 
suchenden Fingers  das  Kindbettfieber  verbreitet, 

Der  Träger  der  Cadaver-  und  Jauchetheile,  durch  welche  das 


134 


Semmelweis'  Abhandlnngen  utnl  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Kindbettfieber  an  der   ersten  geburtshilflichen  Klinik  hervorgebnu M 
wurde,  war  der  untersuchende  Finger. 

Eine  neue  traurige  Erfahrung  überzeugte  uns,  dass  der  Träger 
der  zersetzten  organischen  Stoffe,  welche  das  Kindbettfieber  hervor- 
bringen, auch  die  atmosphärische  Luft  sein  könne;  im  Monate  Noyember 
desselben  Jahres  wurde  ein  Individuum  mit  verjauchender  Caries  des 
linken  Kniegelenkes  aufgenommen;  in  ihren  Genitalien  war  dieses 
Individuum  vollkommen  gesund,  so  dass  der  Finger,  welcher  sie  unter- 
suchte, für  die  übrigen  Individuen  ungefährlich  blieb.  Aber  die  jau- 
chigen Exhalationen  des  cariösen  Kniegelenkes  waren  so  bedeutend, 
dass  die  Luft  des  Wochenzimmers,  in  welchem  dieses  Individuum  das 
Wochenbett  zugebracht,  in  hohem  Grade  von  denselben  geschwängert 
war,  und  dadurch  wurde  bei  ihren  Mit  Wöchnerinnen  in  dem  Grade 
das  Kiudbettfieber  hervorgerufen ,  dass  beinahe  sämint liehe  in  den 
Zimmern  befindliche  Wöchnerinnen  starben.  Die  Rapporte  der  ersten 
Gebärklinik  weisen  im  Monate  November  11  und  im  Monate  Pecember 
8  Todte  aus,  welche  grösstenteils  durch  die  jauchigen  Exhalatiunen 
obbenannten  Individuums  hervorgebracht  wurden. 

Die  mit  Jauchetheilen  geschwängerte  atmosphärische  Luft  des 
Wochenzimmers  drang  durch  die  nach  der  Geburt  klaffenden  Geni- 
talien in  die  Gebärmutterhöhle,  dort  wurden  die  Jauchetheile  res  i 
birt,  und  dadurch  das  Kindbettfieber  hervorgerufen.  In  Zukunft 
wurde  durch  Absonderung  solcher  Individuen  ein  ähnliches  Unglück 
verhütet. 

Das  Gebärhaus  zu  Wien  wurde  eröffnet  am  16.  August  1784. 
Im  vorigen  Jahrhunderte  und  in  den  ersten  Decennien  des  gegen- 
wftrtigen  Jahrhunderts,  wo  die  Medicin,  sich  in  theoretischer  Specu- 
lation  gefallend,  der  anatomischen  Grnndlage  entbehrte,  starben  im 
Jahre  1822  von  3066  Aufgenommenen  26  Wöchnerinnen,  d.  i.  0.ö4 
Percent-Antheile.  Im  Jahre  1841,  wo  die  anatomische  Richtung  das 
Wesen  der  Wiener  medicinischen  Schule  bildete,  starben  von  3036 
Aufgenommenen  237  Wöchnerinnen,  d.  i.  7.,  Percent-Antheile.  Im 
Jahre  1843  starben  von  3060  Aufgenommenen  274  Wöchnerinnen,  d.i. 
8*  Percent-Antheile.  Im  Jahre  1827  starben  von  3294  Aufgenomme- 
nen 55  Wöchnerinnen,  d.  i.  l.co  Percent-Antheile.  Im  Jahre  1842 
starben  von  3287  Aufgenommenen  518  Wöchnerinnen,  d.  i.  15.g  Percent- 
Antheile. 

Vom  .lalire  1784  bis  zum  Jahre  1823  kommen  25  Jahre  vor,  in 
welchen  auch  nicht  1  Percent-Antheil  von  den  im  Gebärhause  ver- 
pflegten Wöchnerinnen  gestorben  ist.  wie  Tabelle  Nr.  XVII  zeigt 

Diese  Tabelle  ist  ein  unumstösslicher  Beweis  für  meine  Ansicht, 
dass  das  Kindbettfieber  durch  Uebertragung  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoffe  entstehe. 

Zur  Zeit  als  die  Gelegenheit  zur  Uebertragung  vermöge  des 
Unterrichtsystems  eine  beschränkte  war,  war  der  Gesundheitszustand 
der  im  Gebarhause  verpflegten  Wöchnerinnen  ein  günstiger. 

Mit.  der  Zeit  als  die  Wiener  medicinische  Schule  die  anatomische 
Richtung  annahm,  begann  der  ungünstige  Gesundheitszustand  der  im 
Gebarhause  verpflegten  Wöchnerinnen.  Als  die  Anzahl  der  Geburten 
und  der  Schüler  und  Schülerinnen  eine  solche  Höhe  erreichte,  dass  efi 
für  einen  Professor  zu  viel  war,  diese  grosse  Anzahl  von  Geburten  zu 
übersehen  und  diese  grosse  Anzahl  von  Schülern  und  Schülerinnen  zu 
unterrichten,  wurde  das  Gebärhaus  in   zwei  Abtheilungen   getrennt, 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindtiettfie&ers.        135 

Tabelle  Hr.  XVII. 
Stundesuusweis  der  k.  k.  Gebäranstalt  rom  Hi.  Antust  1784  ansrefunsren. 


Jahr 

Aufge- 
nommen 

Zahl  der 
Gestor- 
benen 

6 

Pereent- 

Antheil 

Jahr 

Aufge- 
nommen 

Zahl  der 
Gestor- 
benen 

Perant- 

Antheil 

1784 

284 

2„ 

1817 

2735 

25 

0*t 

1785 

899 

13 

l-u 

1818 

56 

B.u 

1786 

1151 

5 

o.ti 

1819 

3089 

154 

4„s 

1787 

1407 

5 

0«, 

1820 

2998 

76 

1788 

1  ISS 

5 

o,(. 

1821 

3294 

55 

1« 

1789 

L246 

7 

0.M 

1822 

3089 

26 

"... 

171» 

1826 

10 

Ö.M 

1823 

2872 

214 

7.« 

1791 

[889 

8 

o.„ 

1824 

2911 

144 

4„, 

1792 

1 B74 

14 

Om 

1825 

2594 

229 

4  ..■ 

1793 

1684 

44 

2.81 

1826 

8369 

192 

8„ 

1794 

1768 

7 

o3„ 

1887 

2367 

51 

^  K» 

1795 

1798 

38 

B-n 

1828 

2833 

101 

1796 

1904 

N 

1« 

1829 

3012 

140 

1797 

3012 

5 

o.„ 

2797 

111 

3,ot 

1798 

2046 

5 

o.„ 

3353 

222 

6.« 

1799 

2067 

20 

0*« 

1832 

3331 

1 1 16 

B« 

1800 

2070 

41 

l.„ 

tssa 

3907 

806 

1801 

2106 

17 

O.,o 

1834 

4218 

8* 

1802 

2346 

9 

0« 

1835 

4040 

227 

5.», 

1803 

2215 

16 

0.-,t 

1898 

4144 

381 

»*■ 

1804 

1JI  'L1 1 

8 

o31I 

1837 

4363 

375 

,s  ■• 

1805 

21 12 

9 

o.« 

1888 

4560 

179 

ö.(>* 

1806 

1875 

13 

o.73 

1839 

4992 

248 

4« 

1807 

H25 

6 

o.« 

is  10 

51H6 

328 

B*i 

1808 

855 

7 

o,„ 

1841 

5464 

830 

6-OR 

l.SO'.l 

912 

13 

1« 

1842 

6024 

730 

12.« 

1810 

744 

6 

Om 

1843 

5914 

457 

7.,, 

1811 

1060 

20 

l'BO 

1844 

6244 

ö„ 

1812 

1419 

9 

0* 

6756 

313 

4«, 

1813 

1945 

21 

l-o» 

1848 

7027 

567 

8. ob 

1814 

2062 

66 

3-go 

1847 

7039 

210 

2^ 

1816 

2591 

19 

o.7S 

1848 

7095 

»1 

1.,. 

1816 

2410 

12 

0-4„ 

— 

■ — 

— 

und  einer  jeden  Abtheilung  eine  gleiche  Anzahl  Schüler  und  eine 
gleiche  Anzahl  Schülerinnen  zugewiesen.  Durch  eine  allerhöchste 
Entschliessung  vom  10.  Qctober  1840  wurden  sämmtliche  Schüler  be- 
hufs des  geburtshilflichen  Unterrichtes  einer  Abtheilung,  welche  man 
die  erste  nennt,  zugewiesen,  sämmtliche  Schülerinnen  wurden  der  an- 
deren Abtheilung  zugetheilt,  welche  die  zweite  heisst 

In  welchem  Jahre  die  Trennung  des  Gebärhauses  in  zwei  Ab- 
theilungen geschah,  bin  ich  nicht  in  der  Lage  angeben  zu  können. 
Die  Tradition  erzählt,  und  Collegen,  weiche  an  der  zweiten  Gebär- 
klinik den  geburtshilflichen  Unterricht  erhielten,  zur  Zeit  als  an  der 
zweiten  Gebärklinik  noch  Schüler  aufgenommen  wurden,  behaupten, 
dass  zu  der  Zeit  die  Grösse  der  Sterblichkeit  zwischen  beiden  Ab- 
theilungen schwankte;  der  constant  ungünstigere  Gesundheitszustand 
der  "Wöchnerinnen  der  eisten  Abtheilung  datirt  erst  vom  Jahre  1840, 


136 


Ütmmtimfä  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber, 


in  welchem  Jahre  sämmtliche  Schüler  der  ersten  und  sämmtliche 
Schülerinnen  der  zweiteu  Abtheilung  zugewiesen  wurden. 

Nach  dem  Vorausgeschickten  ist  es  überflüssig,  eine  Erklärung 
dieser  Erscheinung  zu  geben. 

Die  Tabelle  Nr.  I  zeigt  den  Unterschied  der  Sterblichkeit  unter 
den  Wöchnerinnen  der  beiden  Abtheilungen,  seit  die  erste  ausschliess- 
lich dem  Unterrichte  für  Geburtshelfer,  und  die  zweite  ausschliesslich 
dem  Unterrichte  für  Hebammen  gewidmet  ist. 

Hier  wäre  der  Ort,  eine  ähnliche  Tabelle  zu  veröffentlichen  über 
die  Jahre,  während  weichen  Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Ab- 
theilungen in  gleicher  Anzahl  vertheilt  waren,  um  zu  zeigen,  dass 
während  dieser  Zeit  die  Sterblichkeit  nicht  constant  grösser  an  der 
ersten  Abtheilung  war.  Aber  mir  stehen  die  dazu  nöthigeu  Daten 
nicht  zu  Gebote. 

Die  Kapporte  der  beiden  Gebärabtheilungen  wurden  in  drei 
Exemplaren  angefertigt;  ein  Exemplar  blieb  in  der  Anstalt,  ein 
Exemplar  wurde  der  Spitaldirection  zugesendet  und  ein  Exemplar 
der  Regierung.  Diejenigen,  welche  diese  Rapporte  in  Verwahrung 
haben,  winden  sich  ein  Verdienst  um  die  Wissenschaft  erwerben, 
wenn  sie  selbe  veröffentlichen  würden. 

Nur  vom  Jahre  1840,  in  welchem  die  Trennung  der  Schüler  und 
Schülerinnen  angeordnet  wurde,  und  vom  vorhergehenden  Jahre  be- 
sitze ich  die  Rapporte  der  beiden  Abtheiluugen. 


Jahr 

1839 

]*4'i 


I.   Abtheilung. 


Anzahl  der 
Entbundenen 

2781 
2889 


Anzahl  der 
Veratorbenen 

m 

267 


Percent- 
Antheile 

5., 

9-6 


Jahr 

1839 
1840 


IT,  Abtheilung. 


Anzahl  der 

Embnndeneu 

2010 

2073 


Anzahl  der 

Verstorbenen 

91 

65 


Pereent- 
Antheile 

2- 


Die  Schwankungen  der  Sterblichkeit,  wie  solche  an  jeder  der 
beiden  Abtheilungen  vorgekommen  sind,  können  auf  die  Beschäftigungen 
der  an  diesen  Abteilungen  in  Verwendung  gewesenen  Aerzte  zurück- 
geführt werden. 

An  der  Veröffentlichung  dieser  Daten  bin  ich  dadurch  gehindert» 
dass  man  zur  Zeit,  als  ich  diese  Daten  ermittelte,  das  für  eine 
Denuntiation  erklärte. 

Professor  Skoda  hat  der  schon  oben  erwähnten  Üommission  des 
Wiener  medicinischen  Professorencollegiums  unter  anderen  auch 
folgende  Aufgabe  gestellt:  Es  war  eine  Tabelle,  auf  der,  soweit  die 
Daten  reichen,  die  Zahl  der  Entbundenen  und  Gestorbenen  von  Monat 
zu  Monat  anzugeben  war,  und  ein  Verzeichnis«  der  Assistenten  und 
Studirenden  in  der  Reihenfolge,  in  welcher  dieselben  an  der  Gebär- 
anstalt gedient  und  prakticirt  haben,  anzufertigen. 

Indem  Professor  Rokitansky  seit  1828  an  der  pathologisch- 
anatomischen  Anstalt  fungirt,   so  konnten   theils   aus  seiner  Erinne- 


f'i 8   \etiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        137 


rinic.  th«  den  Sectionsprutoküllen,  so  wie  durch  Einvernehmen 

anderer  Aerzte,  diejenigen  Assistenten  und  studirenden  herrorgesm-ht 
werden,  die  sich  mit  Leiehenuntersuchungen  befasst  haben,  und  es 
hätte  sich  ergeben,  ob  die  Zahl  der  Erkrankungen  in  der  Gebär- 
austalt  mit  der  Verwendung  der  Assistenten  und  Studirenden  in  der 
Sectionskammer  in  Zusammenhang  stand.  Die  Comniissinn  durfte, 
wie  schon  früher  erwähnt,  auf  höheren  Befehl  ihre  Aufgabe  nicht 
lösen. 

Consequent  meiner  Ueberzeugung  muss  ich  hier  das  Bekenntniss 
ablegen,  dass  nur  Gott  die  Anzahl  derjenigen  kennt,  welche  wegen 
mir  frühzeitig  ins  Grab  gestiegen,  Ich  habe  mich  in  einer  Aus- 
dehnung mit  Leichen  beschäftigt,  wie  nur  wenige  Geburtshelfer. 
Wenn  ich  dasselbe  von  einem  andern  Arzte  sage,  so  beabsichtige  ich 
blos  eine  Wahrheit  zum  Bewußtsein  zu  bringen,  welche,  zum  namen- 
D  Unglücke  für  das  Menschengeschlecht,  durch  so  viele  Jahr- 
hunderte nicht  erkannt  wurde.  So  schmerzlich  und  erdrückend  auch 
eine  solche  Erkenntniss  ist,  so  liegt  die  Abhilfe  doch  nicht  in  der 
Verheimlichung,  und  soll  dies  Unglück  nicht  permanent  bleiben,  so 
muss  diese  Wahrheit  zum  Bewusstsem  sämmtlicher  Betheiligten  ge- 
bracht werden. 

Nachdem  es  sich  gezeigt,  dass  das  Plus  der  Sterblichkeit  an  der 
ersten  GeliUrklinik  im  Vergleich  zur  /.weiten  in  den  Cadaver-  und 
Jauchetheilen  zu  suchen  sei,  mit  welchen  die  Hände  der  Unter- 
suchenden verunreinigt  .sind,  konnte  man  sich  die  bisher  unerklär- 
lichen, an  der  ersten  Gebärklinik  vorkommenden  Erscheinungen  ganz 
ungezwungen  erklären.  In  den  Morgenstunden  hält  täglich  der  Psj, 
fessor  mit  den  Schülern,  in  den  Nachmittagsstunden  der  Assistent 
mit  den  Schülern  eine  allgemeine  Visite,  bei  welcher  sämmtliche  an- 
wesenden Kreissenden  und  Schwangeren  zum  Behufe  des  Unterrichtes 
von  den  Schülern  untersucht  werden.  Der  Assistent  muss  vor  der 
Morgenvisite  des  Professors  sämmtliche  Kreissenden  untersuchen,  um 
dem  Professor  Rapport  abstatten  zu  können.  In  der  Zwischenzeit 
unternimmt  der  Assistent,  je  nach  Zeit  und  Bedürfniss,  mit  den 
Schülern  die  Untersuchungen;  wenn  daher  eine  Kreissende  wegen 
zögerndem  Verlauf  der  Eröffnungsperiode  ein  oder  mehrere  Tage  am 
kieisse/.immer  zubrachte,  so  wurde  sie  gewiss  wiederholt  mit  von 
i  adaver-  und  Jauchetheilen  verunreinigten  Händen  untersucht,  und 
auf  diese  Weise  bei  ihr  das  Kindbettfieber  hervorgebracht,  und  darum 
starben,  wie  wir  oben  schon  erwähnten,  diese  Individuen  beinahe  aus- 
nahmslos sämmtlii  li. 

Nachdem  in  Folge  der  Chlorwaschungen  nur  mit  reinen  Händen 
untersucht  wurde,  hörte  die  Sterblichkeit  bei  jenen,  welche  eine 
zögernde  Eröffttungsperiode  darboten,  auf,  und  der  zögernde  Verlauf 
der  Eröffnungsperiode  wurde  so  ungefährlich,  wie  er  es  schon  früher 
auf  der  zweiten  Abtheilung  war. 

Um  das,  was  wir  nun  sagen  wollen,  verständlich  zu  machen, 
wollen  wir  hier  den  Begriff  des  Kindbettfiebers,  wie  wir  ihn  uns  con- 
struiren,  theilweise  anticipiren. 

Das  Erste  ist  die  Resorption  eines  faulen,  thierisch-organischen 
Körpers;  in  Folge  dieser  Resorption  tritt  eine  Bhitentmischung  ein; 
nu  unseren  gegenwärtigen  Zweck  ist  mit  diesem  genug  gesagt.  Wir 
haben  uns  oben  dahin  ausgesprocheu,  dass  diejenigen,  bei  welchen 
die  Eröffnungsperiode  zögernd  verlief,  entweder  schon  während  der 


138 


Seminelwei?'  AI)  hau  dl  nagen  uad  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Geburt  oder  unmittelbar  nach  der  Geburt  an  rasch  verlaufendem 
Kindbettfieber  erkrankten,  d.  h.  mit  anderen  Worten:  die  Resorption 
des  thierisch-organisch  faulen  Körpers,  die  dadurch  bedingte  Blut- 
entmischung bei  der  Mutter,  tritt  zu  einer  Zeit  ein,  während  welcher 
das  Rlut  des  Kindes  mit  dem  Blute  der  Mutter  durch  die  Placenla 
im  organischen  Verkehre  ist;  dadurch  wird  die  Blutentmischung,  an 
welcher  die  Mutter  leidet,  dem  Kinde  mitgetheilt  Als  Folge  davon 
sehen  wir  die  Neugebornen,  und  zwar  ohne  Unterschied  ob  Knabe 
oder  Mädchen,  an  der  ersten  Gebärklinik  an  einer  identischen  Krank- 
heit mit  der  Mutter,  und  zwar  eben  so  zahlreich  wie  die  Mutter,  auf 
der  ersten  Gebärklinik  und  zahlreicher  als  die  Neugebornen  an  der 
zweiten  Gebarklinik  sterben.  Bei  den  Müttern  entsteht  das  Kind- 
bettfieber, wie  schon  gesagt,  dadurch,  dass  ein  thierisch-organisch. 
fauler  .Stoff  resorbirt  wird,  dadurch  wird  die  Blutentroischung  be- 
dingt: bei  Neugebornen  verhält  sich  die  Sache  etwas  anders.  Wenn 
das  Kind  noch  ungeboren  innerhalb  der  Genitalien  von  einem  mit 
Cadavertheilen  verunreinigten  Finger  während  der  Untersuchung  be- 
rührt wird,  so  resorbirt  der  berührte  Theil  des  Kindes  diesen  thierisch- 
organisch  faulen  8toff  nicht,  das  Kindbettfieber  entsteht  demnach  bei 
Neugebornen  nicht  dadurch,  dass  das  Kind  einen  t bierisch-organischen, 
faulen  Stoff  resorbirt,  sondern  das  Kindbettfieber  bei  Neugebornen 
entsteht  dadurch,  dass  sein  Blut  mit  dem  in  Folge  von  Resorption 
eines  thierisch-organisch  faulen  Stoffes  schon  zersetzten  Blute  der 
Mutter  mittelst  der  Placenta  in  organischen  Verkehr  kommt. 

Daher  ist  es  zu  erklären,  dass  es  nie  vorgekommen,  dass  das 
Süd  am  Kindbettfieber  gestorben,  und  die  Mutter  gesund  geblieben 
wäre,  weil  das  Kindbettfieber  im  Neugebornen  nie  selbstständig  durch 
Resorption  entsteht.  Das  Neugeborne  erkrankt  immer  nur  am  durch 
das  Blut  der  Mutter  ihm  mitgetheilten  Kindbettfieber;  sie  erkrankten 
Beide,  wenn  das  Kind  mit  der  Mutter  mittelst  der  Placenta  noch  in 
organischen  Verkehre  ist.  und  das  Blut  der  Mutter  schon  in  Folge 
der  Resorption  eines  thierisch-organisch  faulen  Stoffes  eine  Zersetzung 
erlitten  hat  Die  Mutter  kann  allein  erkranken  am  Kindbettfieber» 
das  Kind  kann  gesund  bleiben,  unter  der  Voraussetzung,  wenn  der 
organische  Verkehr  zwischen  Mutter  und  Kind  zu  einer  Zeit  durch 
die  Geburt  unterbrochen  wird,  wo  die  Zersetzung  des  mütterlichen 
Blutes  in  Folge  der  Resorption  eines  thierisch-organisch  faulen  Stoffes 
noch  nicht  eingetreten  ist. 

In  Folge  der  Chlorwaschungen  winde,  wie  gesagt  der  an  den 
Händen  der  Untersuchenden  klebende  Cadavertheil  zerstört,  und  da- 
dnrch  die  Erkrankungen  unter  den  Wöchnerinnen  in  die  Grenzen  ein- 
geengt, innerhalb  welcher  dieselben  auch  an  der  zweiten  Gebärklinik 
vorgekommen.  Dasselbe  Verhältnis!  sahen  wir  durch  die  Chlor- 
waschungen bei  den  Neugebornen  eintreten,  indem  sich  auch  die 
•Sterblichkeit  unter  den  Neugebornen  verminderte.  Die  gesunden 
Mütter  ki muten  den  Neugebornen  kein  Kindbettfieber  mittheilen. 

Ohne  Chlorwaschungen  starben  im  Jahre  1846  an  der  ersten 
Gebärklinik:  235  Kinder,  6  Percent  von  3533  Kindern. 

An  der  zweiten  Klinik  starben  86  Kinder.  2.j  Percent  von  3398 
Kindern. 

Im  Jahre  1847,  wo  die  letzten  sieben  Monate  Chlorwaschungen 
geübt  wurden,  starben  an  der  ersten  Gebärklinik  167  Kinder,  5.oa  Per- 
cent von  3322  Kindern. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  uud  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebera,        139 

An  der  zweiten  Gebärklinik  starben  90  Kinder.  2.g  Percent  von 
3139  Kindern. 

Im  Jahre  1848,  wo  das  ganze  Jahr  Chlorwaschungen  angewendet 
wurden,  starben  147  Kinder  an  der  ersten  Gebärklinik.  4.,  Percent 
von  3496  Kindern. 

An  der  zweiten  Klinik  starben  100  Kinder,  3*  Percent  von  3089 
Kindern. 

Diese  Todesfälle  unter  den  Neugebornen  waren  nicht  durch 
Puerperalfieber  bedingt. 

Wenn  die  Mutter  früher  starb  als  das  Kind,  oder  wenn  die  Mutter 
aus  welcher  Ursache  immer  ihr  Kind  nicht  stillen  konnte,  wurde  selbes 
in 's  Findelhaus  gesendet,  und  es  ereigneten  sich  zahlreiche  Todesfälle 
unter  den  Säuglingen  des  Findelhauses  am  Kindbettfieber. 

Nach  Kmftüirung  dei  Chlorwaschtmgei]  hörte  auch  die  Sterblichkeit 
der  Säuglinge  am  Kindbettfieber  im  Findelhause  auf.  Doctor  Bednar, 
damals  prov.  Primararzt  des  k.  k.  Findelhauses  zu  Wien,  sagt  in 
Beinem  Werke:  ,.Die  Krankheiten  der  Nengehonu-n  und  Säuglinge 
vom  klinischen  und  pathologisch- anatomischen  Standpunkte  bearbeitet." 
Wien  1850.  Gerold.  Seite  198:  „Die  Sepsis  deä  Blutes  bei  Neu- 
gebornen  ist  jetzt  eine  grosse  Seltenheit  geworden,  welches  wir  der 
folgereichen  und  der  grössten  Beachtung  würdigen  Entdeckung  des 
Doctor  Semmel  weis,  emeritirten  Assistenten  der  ersten  Wiener 
Ufbaiklimk,  za  verdanken  haben,  welcher  die  Ursache  und  die  Ver- 
hütung lies  frtther  mörderisch  wüthenden  Puerperalfiebers  glücklich 
erforscht  hatte." 

Das  was  wir  Kiiidbettfieber  bei  Neugebornen  nennen,  um  noch 
bis  jetzt  den  gewohnlichen  Sprachgebrauch  beizubehalten,  nennt  Dr. 

n  a  r  mit  mehr  Recht  Sepsis  des  Blutes. 

Nachdem  wir  das  aetiologische  Moment,  das  Pins  der  Sterblichkeit 
an  der  ersten  Gebärklinik,  im  Verhältniss  zur  zweiten  in  den  an  den 
Händen  der  Untersuchenden  klebenden  Cadavertheilen  gefunden  haben, 
war  die  Erklärung,  dass  die  Gassengeburten  so  auffallend  selten  «r- 
krankten  in  Vergleich  zu  Individuen,  welche  bei  uns  geboren,  leicht 
gegeben.  Die  Gassengeburten  wurden  eben  deshalb,  weil  das  Kind 
schon  geboren  war,  in  der  Kegel  auch  die  Nachgeburt  schon  ausge- 
schiedi-ii.  als  kein  Gegenstand  des  Unterrichtes,  nicht  mehr  untersucht. 

in  de  ihnen  ein  Wochenbett,  angewiesen,  welches  sie  in  der  Regel 
gesund  verliessen ;  es  wurden  daher  ihre  Genitalien  mit.  keinem  durch 
Cadavertheile  verunreinigten  Finger  in  Berührung  gebracht,  und  daher 
entstand  bei  ihnen  kein  Kindbettfieber. 

Auch  die  Wöchnerinnen,  welche  eine  vorzeitige  Geburt  überstanden, 
erkrankten  deshalb  seltener,  weil  sie  nicht  untersucht  wurden. 

Die  erste  Indication  bei  einer  vorzeitigen  Geburt  ist,  die  Geburt 
wo  möglich  aufzuhalten.  In  Folge  dieser  Indication  wurden  derartige 
Individuen  nicht  zum  öffentlichen  Unterrichte  benützt,  und  daher  auch 
deren  Genitalien  nicht  mit  zersetzten  organischen  Stoffen  in  Be- 
rührung gebracht. 

Auch  das  reihenweise  Erkranken  findet  nun  leichte  Erklärung. 
Vermöge  der  grossen  Anzahl  von  Geburten,  welche  an  der  ersten 
Gebärklinik  vor  sich  gingen,  traf  es  sich  sehr  oft,  dass  viele  Individuen 
gleichzeitig  als  Kreissende  auf  dem  Kreisseziminer  sich  befanden, 
zweimal  täglich,  wenigstens  während  der  Visite  des  Professors  Morgens 
und  während  der  Visite  des  Assistenten  Nachmittags,  wurden  sänunt- 


140 


Setainelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiudbettfiöber. 


lieh  auf  dem  Kreissezimmer  anwesende  Kreissende  der  Reihe  nach, 
wie  sie  eben  neben  einander  in  den  Kreissebetten  lagen,  behufs  des 
Unterrichts  untersucht,  wenn  daher  mit  von  Cadavertheilen  verun- 
reinigte Hände  untersuchten,  wurden  die  Genitalien  vieler  Individuen 
gleichzeitig  mit  Cadavertheilen  in  Berührung  gebracht,  dadurch  wurde 
gleichzeitig  bei  vielen  Individuen  durch  Resorption  der  Cadavertheile 
der  Keim  für  das  im  Wochenbette  entstehende  Kindbettfieber  gelegt. 
Die  Wöchnerinnen  wurden  in  den  Wochenzimmern  der  Reihe  nach, 
wie  sie  auf  dem  Kreiss*vannner  geboren,  jilacirt;  es  traf  sich  daher, 
da  die  gleiehzeitig  am  Kreissezimmer  Anwesenden  so  ziemlich  gleich- 
zeitig entbanden,  dass  sie  in  derselben  Reihenfolge  in  den  Wochenbetten 
lagen,  in  welcher  Reihenfolge  sie  auf  dem  Kreissebette  lagen;  auf 
dem  Kreissebette  wurde  der  Reihe  nach  durch  die  Untersuchung  von 
mit  Cadavertheilen  verunreinigten  Händen  der  Keim  zum  künftigen 
Puerperalfieber  gelegt,  es  musste  daher  das  Kiudbettfieber  im  \\  ochen- 
bette  reihenweise  ausbrechen. 

Nach  der  Einführung  der  Clilorwaschungen  kam  ein  reihenweises 
Erkranken  der  Wöchnerinnen  nicht  mehr  vor. 

Wir  halien  oben  angeführt,  dass  gegen  finde  des  Jahres  1846 
wegen  Ueberhandnehmen  des  Kindbetttiebers  an  der  ersten  Gebär- 
klinik eine,  ich  weiss  nicht  die  wie  vielte,  commissinnelle  Unter- 
suchung eingeleitet  wurde,  um  die  Ursache  dieser  Sterblichkeit  zu 
ermitteln.  Wir  haben  berichtet,  dass  die  Commission  die  Ursache  der 
Erkrankungen  an  der  ersten  Gebärklinik  in  den  Beleidigungen  der 
Genitalien  fand,  den  dieselben  ausgesetzt  sind  durch  die  Unter- 
suchungen, welche  behufs  des  Unterrichts  vorgenommen  werden.  Da 
aber  derartige  Untersuchungen  auch  bei  dem  Unterrichte  der  Heb- 
ammen stattfinden,  so  hat  die  Commission  keinen  Anstand  genommen 
zu  erklären,  dass  die  Schüler,  vorzüglich  die  Ausländer,  bei  den 
Untersuchungen  roher  zu  Werke  gehen.  Auf  diese  Voraussetzung 
hin  hat  man  die  Zahl  der  Schüler  von  42  auf  20  reducirt,  die  Aus* 
länder  fast  ganz  ausgeschlossen,  indem  unter  den  Schülern  nur  zwei 
Ausländer  sein  durften,  und  die  Untersuchungen  selbst  auf  das  Mini- 
mum reducirt. 

Die  oben  angeführte  Tabelle  Nr.  XV  zeigt,  wie  gross  die  Sterb- 
lichkeit vor  dieser  Hassregel  war,  wie  sie  sich  in  Folge  dieser  Mass- 
regel verminderte,  wie  aber  die  Sterblichkeit  trotz  dieser  Massregel 
im  Monate  April  und  Mai  wieder  bedeutend  zunahm. 

Hier  ist  der  Ort,  für  diese  Erscheinungen  eine  Erklärung  zu 
geben ;  bevor  wir  aber  zur  Erklärung  übergehen,  ist  es  nöthig, 
Einiges  vorauszuschicken. 

vermöge  meiner  Verhältnisse  als  Aspirant  für  die  Assistenten- 
stelle an  der  ersten  Gebärklinik,  später  als  provisorischer  und  endlich 
als  wirklicher  Assistent  dieser  Klinik  war  es  mir  nicht  möglich,  die 
tiir  einen  Geburtshelfer  so  nöthige  Gynaecologie  an  der  gynae- 
cologischen  Abtheilung  des  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses  zu  stu- 
diren.  Als  Ersatz  dafür  pflegte  ich  vom  Tage,  als  ich  den  Entschluss 
fasste,  mein  Leben  vorzüglich  der  Geburtshilfe  zu  widmen,  also  vom 
Jahre  1844  bis  zu  meiner  Uebersiedlung  nach  Pest  1850,  vor  der 
Morgenvisite  des  Professors  im  Gebärhause  fast  täglich  sämmtliche 
weibliche  Leichen  in  der  Todtenkammer  des  k.  k.  allgemeinen  Kranken- 
hauses zum  Behufe  gynaecologischer  Studien  zu  untersuchen.  Die 
Güte    des   Professors  Rokitansky,   dessen  Freundschaft    ich   micht 


Die  Aftinlogie,  der  Begriff  und  die  Pmphvlaiis  des  KitulbeUfi'l  3  41 


rühmen  konnte,  and  gegen  welchen  irh  hier  abermals  meine  Dank- 
barkeil  erkläre,  erttieilte  mir  die  Erlaubniss,  sämmtliche  weibliche 
Leichen,  welche  nicht  ohnedem  schon  zur  Section  bestimmt  waren,  zu 
Betiren,  damit  ich  das  Krlebniss  meiner  Untersuchung  durah  den 
SiH'tionsbet'und  mntrolliren  könne. 

Aus  Gründen,  die  nicht  Meter  gehören,  hat.  der  Assistent  der  ersten 
ßeb&rklimk  in  den  Monaten  December  1846,  Jänner,  Februar,  März 
die  Todtenkammer  nur  sehr  selten  besucht.  Die  einheimischen 
Studirenden.  deren  Zahl  auf  18  beschränkt  war,  haben  seinem  Bei- 
spiele gefolgt,  dadurch  war  die  Gelegenheit  zur  Verunreinigung  der 
Hände  mit  Cadavertheilen  bedeutend  verringert,  Durch  das  Redu- 
.  iien  der  Untersuchungen  auf  das  Minimum  war  die  Gelegenheit, 
mit  i  adaYWtheilen  verunreinigte  Hände  mit  den  Genitalien  der  In- 
dividuen in  Berührung  zu  bringen,  ebenfalls  verringert,  dadurch  ist 
die  in  den  obgenannten  Monaten  eingetretene  Verminderung  der 
Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  zu  erklären. 

Am  20.  März  1847  übernahm  ich  zum  zweiten  Male  die  Stelle 
pines  wirklichen  Assistenten  der  ersten  Gebärklinik.,  machte  früh 
Morgens  meine  gynaecologischen  Studien  in  der  Todtenkammer,  ging 
dann  auf  das  Kreissezimmer,  um  sämmtliche  auf  dem  Kreissezimmer 
befindliche  Kreissende,  wie  es  meine  und  meiner  Vorfahren  Pflicht 
war.  zu  untersuchen,  damit  ich  dann  dem  die  Morgenvisite  haltenden 
Professor  über  jede  einzelne  Kreissende  einen  Bericht  erstatten  konnte. 

nivh  habe  ich  meinen  mit  Cadavertheilen  verunreinigten  Finger 
mir  den  Qenitalien  so  vieler  Kreissenden  in  Berührung  gebracht,  und 
die  Folge  war,  dass  im  April  von  312  Entbundenen  57,  also  18.28  Per- 
cent, gestorben.  Im  Mai  sind  von  294  Entbundenen  36  gestorben, 
also  12.41  Percent.    Mitte  Mai  beiläufig  war  es,  ohne  mich  jedoch 

Tages  zu  entsinnen,  wo  ich  die  Chlorwasehungen  einführte.    Ms 

D  mithin  nicht  die  Beleidigungen  der  Genitalien  durch  das  rohere 
Untersuchen  der  tttudirenden,  eine  an  und  für  sich  schon  irrige 
Vorn  Umsetzung,  welche  die  grössere  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebär- 
klinik hervorgebracht,  sondern  das  in  Berührnngbringen  der  Geni- 
talien mit  Cadavertheilen  mittelst  des   untersuchenden  Fingers  war 

(ras  die  grössere  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  hervor- 
brachte. Während  der  Monate  April  und  Mai,  wo  wieder  so  viele 
gestorben  waren,  blieben  die  Verhältnisse  der  ersten  Gebärklinik  die- 
selben wie  im  December  1846,  Jiiimer,  Februar,  März  1847.  und  doch 
wir  die  Sterblichkeit  eine  bedeutend  grössere,  weil  mein  mit  Cadaver- 
theilen verunreinigter  Finger  dazwischen  kam. 

Nachdem  die  Chlorwaschungen  durch  längere  Zeit  ein  so  glückliches 
Resultat  geliefert,   wurde  die  Anzahl  der  Schüler  wieder  auf  42  ver- 
r,   man   nahm  bei  der  Aufnahme  keine  Rücksicht  mehr,  ob  In- 
oder    Ausländer.     Die    Untersuchungen    wurden    wieder    in   der  Aus- 
dehnung vorgenommen,  wie  es  eben  der  Unterricht  erforderte,   und 

<dem    hatte    die    erste   Gebärklinik    den    traurigen  Vorzug    der 

jseren  Sterblichkeit  in  Vergleich  zur  zweiten  Abtheilung  verloren. 
Man  wende  nicht  ein,  dass  ich  ja  auch  im  December  1840.  Jänner, 
Februar.   Mftra    1847    als   provisorischer   Assistent   fimgirt,   und   die 

eiologischen  Studien  in  der  Todtenkammer  gemacht  habe,  und 
trotzdem  ist  die  Sterblichkeit  eine  bedeutend  geringere  gewesen;  die 
Erklärung  liegt  darin,  dass  ich  als  provisorischer  Assistent  zwar  das 
Recht  hatte,  alle  Kreissenden  zu  untersuchen,  aber  nicht  die  Pflicht. 


Hl' 


Semmelweis'  Abhandlungen  nml  Werk  über  »las  Kindbett  Heber. 


Nach  einem  dreijährigen  Aufenthalte  in  so  einem  grossen  Gebärhause 
war  es  für  mich  natürlich  nicht  belehrend,  eine  jede  Kreissende  zu 
untersuchen;  ich  untersuchte  nur  die  ungewöhnlichen  Geburtsfalle, 
d.  h.  sehr  selten.  Sobald  ich  wirklicher  Assistent  wurde,  musste  teil 
vor  der  Morgen  visite  jede  untersuchen,  um  dem  Professor  berichten 
zu  können;  im  Verlaufe  der  übrigen  Zeit  musste  ich  beinahe  die 
sämmtlichen  Kreissenden  untersuchen,  behufs  des  Unterrichtes  der 
Schüler,  und  daher  die  grosse  Sterblichkeit  im  Monat  April  und  .Mai 
im  Jahre  1*47. 

Unter  Inländern  versteht  man  diejenigen  Schüler,  welche  ihre 
-Studien  an  einer  österreichischen  Hochschule  gemacht,  und  unter  Aus- 
ländern versteht  man  diejenigen,  welche  an  einer  nicht  Österreichischen 
Hochschule  ihre  Studien  zurückgelegt  haben,  und  zu  ihrer  fernereu 
Ausbildung  die  grossartigen  Anstalten  der  Wiener  Hochschule  für 
längere  oder  kürzere  Zeit  besuchten.  In  Wien  konnte  man  Aerzte 
aus  allen  Ländern  der  civilisirteu  Welt  tieften.  Der  praktische  ge- 
i um  tshilf liehe  Curs  dauerte  zwei  Monate;  der  Andrang  der  Schüler 
in  dieses  grösste  Gebärhaus  der  Welt  war  so  gross,  dass  man  un- 
möglich alle  sich  Meldenden  gleich  aufnehmen  konnte,  ohne  die 
Kreissenden  zu  sehr  zu  belästigen.  Die  sich  Meldenden  bekamen  eine 
Nummer  und  die  Austretenden  wurden  nach  der  Reihenfolge  der 
Meldungsnummer,  ohne  Rücksicht  ob  In-  oder  Ausländer,  ersetzt. 
Jedem  Schüler  stand  es  frei,  den  geburtshilflichen  praktischen  <  ins 
so  oft  mitzumachen,  als  er  es  für  seine  geburtshilfliche  Ausbildung 
für  nöthig  hielt;  damit  aber  durch  das  ununterbrochene  Bleiben 
mehrerer  Schüler  während  mehrerer  Curse  die  Uebrigen  an  der  Auf- 
nahme nicht  gehindert  werden,  mussten  zwischen  je  zwei  Cnrsen  drei 
Monate  verstreichen.  Die  Commission  beschuldigte  die  Ausländer, 
dass  sie  gefährlicher  seien,  als  die  Inländer,  weil  sie  roher  unter- 
suchen, und  in  Folge  dieser  Voraussetzung  durften  nur  zwei  Aus- 
länder gleichzeitig  den  praktisch-geburtshilflichen  Curs  besuchen. 
Dass  die  Commission  dadurch  eine  jeden  Grundes  entbehrende  Be- 
schuldigung gegen  die  Ausländer  aussprach,  wird  Jedermann  auch 
ohne  meine  Betheurung  glauben,  allein  ich  selbst  hielt  die.  Ausländer 
für  gefährlicher  als  die  Inländer,  aber  nicht  deshalb,  weil  sie  roher 
untersuchen.  Der  Grund  der  grösseren  Gefährlichkeit  der  Ausländer 
im  Vergleich  zu  den  Inländern  liegt  in  folgenden  Verhältnissen. 

Die  Ausländer  kommen  nach  Wien,  um  sich  in  ihrer  schon  an 
einer  andern  Hochschule  erlangten  medicinischen  Ausbildung  zu  ver- 
vollkommnen. Sie  besuchen  die  pathologischen  und  gerichtlichen 
Sectionen  im  allgemeinen  Krankenhause,  sie  nehmen  Curse  über  patho- 
logische Anatomie,  über  chirurgische,  geburtshilfliche,  eeulis  tische 
Operationslehre  am  Cadaver,  sie  besuchen  die  medicinisch-  chirurgischen 
KiMiikenabtheilungsn  etc.,  mit  einem  Worte,  sie  benutzen  ihre  Zeit 
so  nützlich  und  lehrreich  wie  möglich,  haben  aber  dadurch  vielfältig 
Gelegenheit,  sich  ihre  Hände  mit  faulen,  thierisch-organischen  Stoffen 
zu  verunreinigen,  und  es  ist  daher  nicht  zu  wundern,  wenn  die  Aus- 
länder, gleichseitig  im  Gebärhause  beschäftigt,  für  die  dort  befind- 
lichen  Individuen  gefährlich  werden.  Die  Inländer  pflegen  den  prak- 
tisch-ireburtshüf liehen  Curs  nach  abgelegten  zwei  strengen  Prüfungen 
zur  Einengung  des  Grades  eines  Mediciuae-Doctors  zu  besuchen.  Das 
Gesetz  gestattet  als  kürzesten  Termin  zur  Vorbereitung  für  diese 
Prüfungen  sechs  Monate,   die  Inländer  haben  sich  daher  vor  ihrer 


Ue  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetiriebei^.        143 


Aufnahme  in's  Gebärhaus  schon  viel  geplagt,  sie  betrachten  die  Zeit 
des  geburtshilflichen  Curses  mehr  als  Ruhezeit,  sie  beschäftigen  sich 

;.  während  sie  auf  dem  praktischen  Curse  im  Geb&rhanse  Bind, 
in  dieser  Ausdehnung  mit  andern  Gegenständen,  durch  welche  sie 
Uelegenheit  hätten,  sich  die  Hände  zu  verunreinigen,  wie  die  Aus- 
linder,  und  zwar  beschäftigen  sie  sich  während  ihres  Aufenthaltes  im 
am  w  weniger  mit  anderen  Fächern  der  Medicin.  als 
ihnen  ja  nach  beendetem  praktischen  Curse  der  Geburtshilfe  Gelegen- 
heit geboten  ist,  sich  in  der  Medicin  so  vollkommen  auszubilden,  wie 
es  eben  die  Anstalten  der  Wiener  Hochschule  ermöglichen.  Die  Aus- 
länder sind  gezwungen,  da  ihr  Aufenthalt  in  Wien  in  der  Kegel  nur 
mehrere  Monate  dauert,  sich  gleichzeitig  mit  mehreren  Fächern  der 
Medicin  zu  beschäftigen.  Daraus  kann  man  aber  den  Ausländern 
eben  so  wenig  einen  Vorwurf  machen,  als  mir  und  allen  denjenigen, 
welche  die  Gefährlichkeit  der  Untersuchung  mit  von  Cadavertheilen 
riechenden  Händen  nicht  kennend,  dadurch  so  zahlreiche  Todesfälle 
veranlassten. 

Um  meine  Ansicht  einer  directen  Prüfung  zu  unterziehen,  hielt 
ich  Versuche  an  Thieren  nöthig,  welche  ich  mit  meinem  Freunde 
Dr.  Lautner,  Assistenten  bei  Professor  Rokitansky,  mit  Kaninchen 
anstellte. 

Erster  Versuch:  Am  22.  März  d.  J.  wurde  einem  Weibchen 
'  |  stunde  nachdem  es  geworfen  hatte,  ein  mit  missfarbigem  Exsudate 
du«  h  Endometritis  befeuchteter  Pinsel  in  die  Scheide  und  Uterushöhle 
eingeführt. 

Das  Thäer  befand  sich  darauf  bis  zum  24.  April  scheinbar  ganz 
wohl.     Am  24,  April  wurde  es  todt  gefunden. 

Bectioii:  Die  gefaltete  Schleimhaut  der  Hörner  des  Uterus  mit 
lllissigem,  schmutzig-graurüthlichen  Exsudate  überzogen,  in  der  linken 
Brusthöhle  etwas  Flüssigkeit,  der  untere  Lungenlappen  mit  einer 
nbranös  geronnenen,  idassgelblichen  Exsudatsschielite  überzogen, 
lein  Parenchym,  so  wie  jenes  der  hintern  untern  Drittheile  des  obern 
Lungenlappens  grau  hepatisirt,  der  übrige  Antueil  dieser  Lunge  so 
wie    die    rechte  Lunge   lufthaltig   zinnoberroth.    Das   Herz   in   eine 

»gelbliche,  zart  villöse  Exsudatschichte  eingehüllt,  und  von  einigen 

rWi  flüssigen  Exsudates  umspült 

Zweit«  i  V  e  i  s  ii  e  h :  Am  12.  April  wurde  ein  Weibchen  etwa 
12  stunden  nach  dem  Wurfe,  von  fünf  Jungen  wie  im  ersten  Versuche 
behandelt.  Weil  das  Thier  des  ersten  Versuches  sich  noch  ganz  wohl 
zu  befinden  schien,  so  glaubte  mau  beim  zweiten  Versuche  den  Pinsel 
mehrere   Tage   nach   einander  einführen   zu   sollen      Am    14.  April 

•rte  das  Thier  beim  Einführen  des  Pinsels  Schmerz,   der  Oterns 

sich  heftig  zusammen   und   presste  gel  blich  weisses,   dickflüssiges 

idat  aus.  Am  17.  April  zeigte  sich  «las  Thier  bedeutend  krank, 
am  22.  trat  Diarrhoe  ein,  und  am  23.  April  fand  man  das  Thier  todt. 
Die  Einführung  des  Pinsels  geschah  tu  tri  i«l*  einmal  bis  zum  Tode. 

Section:  In  der  Bauchhöhle  etwas  membranös  gen  um 
einzelne  Darmwindungen  unter  einander  verklebendes  Exsudat-,  auf 
der  Vaginal-  und  Uterinalschleimheit  und  in  deren  Gewebe  ein  gelbes. 
starres  Exsudat,  die  Uterushdrner  massig  ausgedehnt,  mit  s<  hnuitzig- 
grauröthliclietn  Exsudate  gefüllt,  im  Dickdarme  mehrere  Gruppen  f\  ü  - 
eiternder  Follikel,  die  Sclileimhaut  an  liusengrossen  Stellen  theils  ver- 
eitert, theils  mit  gelbem  Exsudate  inftltrirt.  und  jede  dieser  stellen 


144 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kmdbettfieber. 


mit  einem  injicirten  Gefässhofe  umgeben.  Die  Lungen  hellziunoberroth ; 
im  linken  oberen  Lappen  eine  bohnengrosse,  blutig  innltrirte,  dichte 
.Stelle  mit  einem  Eiterpunkte  in  der  Mitte. 

Dritter  Versuch:  Am  15.  April  wurde  einem  Weibchen  etwa 
10  Stunden  nach  dem  Wurfe  von  vier  Jungen  der  Pinsel  zum  ersten 
Male,  und  dann  täglich  einmal  bis  zum  Tode,  der  am  21.  April  er- 
folgte, eingeführt,  Am  17.  äusserte  das  Thier  beim  Einführen  des 
Pinsels  Schmerz  und  presste  eitriges  Exsudat  aus  dem  Uterus.  Am 
20.  kam  Diarrhöe. 

Section:  In  der  Bauchhöhle  eine  massige  Menge  flüssigen  und 
iiKiiiln  unartig  geronnenen,  einzelne  Darm  Windungen  vei  klebenden 
Exsudate.    Die  Schleimhaut  der  Scheide  und  des  Uterus  mit  einem 

en,  innighaftenden  Exsudate  überkleidet  und  intiltrirt.  Die 
I  t<rinalhörner  im  hohen  Grade  ausgedehnt,  mit  grauröthlicheni. 
schmutzigen  Exsudate  gefüllt.  In  der  Leber  mehrere,  bis  linsengrosse. 
mit  eitrigem  Exsudate  infiltrirte  Stellen,  auf  der  Schleimhaut  des 
Dickdarms,  nahe  dem  Endstücke  des  Processus  vermafortms,  eine  mein 
als  linsengrosse,  von  einem  injicirten  Gefässhofe  umgebene,  ulcerirte, 
mit  blassgelblichem  Exsudate  überkleidete  Stelle. 

Vierter  Versuch:  Am  24.  Mai  wurde  einem  starken  Weibchen 
etwa  eine  Stunde  nach  dem  Wurfe  von  fünf  .hingen  der  Pinsel,  welchen 
man  diesmal  in  mit  Wasser  verdünntes  Blut  aus  der  Leiche  eines  vor 
36  Stunden  an  Marasmus  verstorbenen  Mannes  tauchte,  eingefühlt. 
Am  25.  wurde  der  Pinsel  vor  der  Einführung  mit  pleuritiselictn 
Exsudate  benetzt:  am  JG.  mit  dem  Peritonaeal-Exsudate  eines  Tuber- 
culosen; ebenso  am  27.  Von  da  au  wurde  der  Pinsel  nicht  mehr  ein- 
führt. Das  Thier  blieb  anscheinend  völlig  gesund,  und  warf  am  24. 
.luni  zum  zweiten  Male. 

Fünfter  Versuch:  Am  2.  Juni  wurde  einem  Weibchen  etwa 
12  Stunden  nach  dem  Wurfe  der  mit  Peritonaeal-Exsudat,  das  s<  Imn 
beim  vierten  Versuche  verwendet  wurde,  befeuchtete  Pinsel  eingeführt. 
Am  3.,  4.,  5.  .luni  wurde  die  Einführung  wiederholt,  und  von  da  an 
das  Thier  unberührt  gelassen.  Es  blieb  scheinbar  gesund  und  warf 
am  28.  .luni  wieder.  Am  89.  Juni  wurde  der  Pinsel  mit  einem  pleu- 
ntisehen  Exsudate  befeuchtet,  neuerdings  eingeführt,  eben  so  am  30. 
Das  Thier  blieb  gesund  und  wurde  am  17.  Juli  behufs  eines  andern 
Experimentes  jretiHltet  Die  Section  zeigte  keine  auf  Pyaemie  hin- 
weisende Veränderung. 

S  e  c h  s  t  e  r  Versuch  Am  10.  Juni  wurde  einem  Weibchen  einige 
Stunden  nach  dem  Wurfe  der  mit  eitrigem,  pleuritischem  Exsudate 
aus  einer  männlichen  Leiche  benetzte  Pinsel  eingeführt. 

Vom  11.  bis  30.  Juni  wurde  zur  Befeuchtung  des  Pinsels  das 
Peritonaeal-Exsiulrtt  eines  am  Typhus  verstorbenen  Mannes  verwendet. 
Dm  Tliier  lili.-l»  gesund  und  warf  am  13.  Juli  zum  zweiten  Male. 

An  diesem  Tage  wurde  der  Pinsel  neuerdings  eingeführt,  und 
von  da  an  täglich  bis  zum  24.  Juli.  Das  Thier  magerte  ab,  bekam 
Diarrhöe  und  wurde  am  30.  .Juli  todt  gefunden. 

Section:  Im  Herzbeutel  einige  Tropfen  flockigen  Serums,  lu 
ili>-  Tricuspidalklappe  eine  erbsengrosse.  in  den  Conus  arUriosus  hinein- 
gedrängte, und  eine  hanfkorngrosse,  auf  dem  freien  Kande  des  Klappen- 
zipl'els  autsitzende,  mit  dem  Endocardium  des  Papillarmuskels  innig 
zusammenhängende,  schmutzig  weisse,  uneben  höckerige  Vegetation 
refilzt;  die  innere  Fläche  des  rechten  Ventrikels   mit    einzelnen. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindliettfiebera.        145 


vi 

l> 

hi 


gelblichweisseu,  knötchenförmigen  Gerinnungen  besetzt.  In  der  Bauch- 
höhle niembranartig  geronnenes  und  flüssige*  Exsudat.  In  der  Peripherie 
der  Leber,  und  zwar  nahe  der  unteren  Fläche,  eine  erbsengrosse,  mit 
starrem,  gelblichem  Exsudate  infiltrirte  Stelle.  Der  Uterus  wie  in 
Nr,  4  beschaffen,  nur  ist  die  Infiltration  undNecrose  noch  beträchtlicher. 
Mehrere  Venen  von  beträchtlicher  Dicke  zwischen  dem  Uteruskürj  in- 
dem rechten  Hörn  mit  starrem,  gelben  Exsudate  vollgepfropft. 

Siebenter  Versuch:  Am  16.  Juni,  einige  Stunden  nach  dem 
Wurfe.  Der  Pinsel  wurde  mit  dem  Eiter  aus  einem  Abscesse  zwischen 
den  Kippen,  der  sich  in  der  Leiche  eines  an  Cholera  verstorbenen 
vorfand,  benetzt. 

Die   Einpinselung  wurde  bis  zum  3.  Juli  täglich   vorgenommen. 

Thier  blieb  gesund  und  warf  am  18.  Juli  zum  zweiten  Male. 

Das  Experiment  wird  nun  in  der  Art  raodificirt,  dass  man  sich 
nicht  mehr  eines  Pinsels  bedient,  um  eine  mechanische  Verletzung 
zu  vermeiden.  Die  Flüssigkeit  wird  mittelst  einer  Tripperspritze  mit 
einem  drei  Zoll  langen  Rohre  in  die  Geschlechtstheile  gebracht.  Gleich 
nach  dem  Einspritzen  preist  das  Thier  die  Flüssigkeit  wieder  aus. 
Die  Einspritzung  wird  täglich  einmal  bis  zum  24,  Juli  vorgenommen. 
Das  Thier  magerte  ab,  und  wurde  am  29.  Juli  todt  gefunden. 

Section:  In  beiden  Brusthöhlen  etwas  gelbes,  dickflüssiges 
Exsudat,  in  der  Bauchhöhle  an  swei  Unzen  zum  Theile  membranös 
geronnenes  Exsudat,  der  Uterus  normal,  blass.  kein  Exsudat  auf  seiner 
Schleimhaut. 

liter  Versuch:    Am  24.  .luni   dasselbe  Thier,   welches  zum 
viert,  n  Versuche  benutzt  wurde.    Die  Einpineelung  geschah  täglich 
vom  24.  .luni  bis  8.  Juli.    Das  Thier  magerte  sehr  stark  ab.  bekam 
iarrhüe  und  wurde  am  25.  Juli  todt  gefunden. 

Sit  i  iim:  In  der  Bauchhöhle  etwas  gelbliches  Exsudat;  auf  der 
hinteren  Uteruswand  eine  dünne  Schichte  schmutziggelben,  innig 
haftenden  Exsudates,  in  den  Hörnern  desselben  etwas  flüssiges, 
schmutzig-grauröthliches  Exsudat,  an  der  Grenze  zwischen  Scheid« 
und  Uterus,  der  Einmündung  der  Urethra  entsprechend,  eine  bohnen- 
grosse,  mit  eitrigem  Exsudate  infiltrirte,  oberflächlich  necrosirte  Stelle, 
das  dadurch  gebildete  Geschwür  mit  zackigen,  unterminirten  Rändern, 
Sie  Basis  mit  einer  Schichte  Exsudates  überkleidet  und  die  Substanz 
der  Vagina  in  der  Länge  eines  Zolles  liniendick  mit  Exsudat  Emflltrirt 
unter  Versuch:  Am  8.  August,  einige  Stunden  nach  dein 
Werfe  wird  Peritonaeal-Exsudat  von  einem  Manne  eingespritzt.  Das 
Thier  stosst  das  Eingespritzte  gleich  wieder  aus.  Die  Einspritzung 
wird  bis  15.  tätlich  gemacht.  Das  Thier  sieht  am  13.  krank  aus  und 
magert  ab.    Am  20.  wird  es  todt  gefunden. 

Section:  Etwas  flockiges  Exsudat  in  der  Bauchhöhle;  in  der 
Peripherie  der  Leber  zahlreiche,  meist  hanfgrosse,  gelbe  Entzündungs- 
herde. Die  Utei  usschleimheit  an  der  hintern  Wand  im  Umfange 
einer  Linie  exeoriirt;  die  Substanz  mit  gelbem  Exsudate  bis  an's 
Peritonaenm  infiltrirt,  die  Excoriation  liegt  um  1  Zoll  höher  als  bei 
Nr  6  und  8,  Das  rechte  Uterinalhorn  in  so  hohem  Grade  mit  Exsudat 
intiltrirt,  dass  es  das  doppelte  Volumen  erreichte,  auf  seiner  Schleim- 
haut freies  Exsudat,  die  Venen  in  beiden  Ugammtu  hitis  mit  Exsudat 
vollgepfropft. 

Es  ist  kaum  nöthig  zu  erwähnen,  dass  die  in  den  Leichen  der 
Kaninchen  vorgefundenen  Veränderungen  dieselben  sind,  wie  sie  sich 


Semmel*  eis'  gasnmiiinH"  Werke. 


10 


146 


Semmehveia"  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettneber. 


in  menschlichen  Leichen  in  Folge  von  Puerperalkrankheiten  und  im 
Allgemeinen  in  Folge  von  Py&emle  einstellen. 

N:i> •lideni  das  Ende  meiner  zweijährigen  Dienstzeit  herannahte, 
lj;it  ich,  auch  mir,  wie  meinem  Vorfahrer  Dr.  Breit,  meine  Dienst- 
zeit um  zwei  Jahre  zu  verlängern,  und  zwar  glaubte  ich  darum  um 
so  mehr  bitten  zu  müssen,  als  ich  dadurch  Gelegenheit  gehabt  hätte, 
meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers ,  welche  so 
zahlreichen  Widerspruch  erregt,  durch  einen  um  zwei  Jahre  längeren 
Erfolg  bekräftigen  zu  können,  allein  meiner  Bitte  wurde  keine  Folge 
gegeben  zu  einer  Zeit,  wo  eben  meinem  an  der  zweiten  Abtheilung 
bediensteten  t  ollegen  diese  Begünstigung  zu  Theil  wurde. 

Auch  mein  Nachfolger  erhielt  eine  zweijährige  Dienstesverlängerung. 

Nach  meinem  Austritte  am  20.  März  1849  aus  der  Stelle  eines 
Assistenten  petitionirte  ich  um  eine  Privat-Docentur  über  Geburts- 
hilfe.    Mein  Gesuch  blieb  erfolglos. 

Nachdem  ich  das  zweitemal  petitionirte,  wurde  ich  nach  acht- 
monatlichem Harren  unterm  10.  October  1850  zum  Privat-Doceuten 
über  theoretische  Geburtshilfe  mit  Beschränkung  der  ciiesfälligen 
Demonstrationen  und  Uebungen  auf's  Phantom,  ernannt. 

Eine  so  beschränkte  Doeentur  konnte  ich  nicht  benützen,  weil 
das  Gesetz  zur  Giftigkeit  der  Zeugnisse  des  Docenten  einen  eben  so 
umfangreichen  Unterricht  von  Seite  des  Privat-Docenten  fordert,  als 
derjenige  des  Professors  ist.  dem  Professor  war  es  aber  unbenommen, 
auch  Demonstrationen  und  Uebungen  am  Cadaver  vorzunehmen. 

Ich  übersiedelte  daher  noch  im  Monate  October  1850  in  meine 
Vaterstadt  Pest. 

Einen  der  ersten  Abende  in  Pest  brachte  ich  in  Gesellschaft 
einer  grossen  Anzahl  Aerzte  zu.  Wegen  meiner  Anwesenheit  kam 
das  Gespräch  auf  das  Kindbettfieber,  und  es  wurde  der  Einwurf  gegen 
meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  geltend  gemacht, 
dass  in  der  Gebärabtheilung  des  St,  Rochus-Spitals  zu  Pest  eben 
jetzt  so  wie  alljährig  eine  heftige  Puerpei  alfieber-Epidemie  herrsche,, 
obwohl  dort  keine  Schüler  untersuchen,  deren  Hände  mit  zersetzten 
Thierisch-organischen  Stollen  verunreinigt  wären,  weil  die  Gebärab- 
theilung im  St.  Rochus-Spitale  keine  Unterrichtsanstalt  sei. 

Am  folgenden  Morgen  verfügte  ich  mich,  um  mich  selbst  zu  über- 
zeugen, in  dieses  Gebärhaus  und  fand  eine  eben  am  Puerperalfieber 
verstorbene,  noch  nicht  entfernte  Wöchnerin,  eine  agonisirend  und 
vier  andere  Wöchnerinnen  waren  .schwer  am  Puerperalfieber  erkrankt, 
die  übrigen  anwesenden  Individuen  waren  keine  Wöchnerinnen,  sondern 
an  andern  Krankheiten  Leidende.  Dadurch  war  zwar  das  Factum 
eines  ungünstigen  Gesundheitszustandes  der  Wöchnerinnen  constatin. 
aber  nicht  im  Widerspruche,  sondern  im  bestätigenden  Einklänge 
mit  meiner  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers,  indem 
nähere  Erkundigungen  ergaben,  dass  die  geburtshilfliche  Abtheilunsr 
keine  selbstständiuv  Abtheilung  sei,  sondern  eine  einer  chirurgischen 
Abtheilung  zugetheilte,  der  geburtshilfliche  Primarius  war  daher  zn- 
gleich  chirurgischer  Primarius  und  Gerichts- Anatom.  Dazu  kommt 
Dceh,  daaa  Fegen  Hange!  eines  Prosectora  die  Sectionen  von  den 
betreffenden  Abtheilnngsärzten  vorgenommen  werden  mussten. 

Der  Primarius  pflegte  zuerst  auf  der  chirurgischen  und  dann  auf 
der  geburtshilflichen  Äbtheilung  die  Visite  zu  halten;  wenn  daher 
an   der   geburtshilflichen   Abtheilung    des  St.   Rochus-Spitals   keine 


Die  Aetiologie,  to  Begriff  und  Mi  Prophylaxis  de»  Kiß'lijettftebew.       147 


Schüler  untersuchten,  deren  Hände  mit  zersetzten  thierisch-organischen 
Stoffen  verunreinigt  waren,  so  untersuchten  doch  der  Primarius  und 
die  ihm  zugetheilten  Aerzte,  nachdem  sie  sich  fj  iilier  während  der 
■  auf  der  chirurgischen  Abtheilnng  die  Hände  mit  zersetzten 
organischen  Stoffen  verunreinigt  hatten. 

Wir  haben  oben  gezeigt,  dass  die  grössere  Sterblichkeit  an  der 
ersten  geburtshilflichen  Klinik  im  Vergleiche  zur  zweiten  bedingt 
war  durch  die  CadavertheileT  welche  an  den  Händen  der  l  rntersuchendan 
klebten.  Wir  haben  gezeigt,  dass  im  Monate  October  1847  Janche- 
theile  eines  verjauchenden  Medullurkrebses  der  Gebärmutter  das  Kind- 
heit, fieber  hervorgebracht  haben.  Wir  haben  gezeigt,  dass  im  Monate 
November  1847  ein  Jauchetheile  exhalirendes  cariöaea  Knie  das  Kind- 
bettfieber hervorgebracht  habe. 

An  der  Gebärabteilung  des  St  Rochus-Spilales  war  das  erzeugende 
Moment  des  Kindbettfiebers  die  verschiedenen  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoffe,  welche  sich  so  reichlich  an  einer  chirurgischen 
Abtheilung  vorfinden.  Es  dürfte  nöthig  sein,  einige  Worte  über  die 
V» -rhältnisse  des  Gebärhauses  im  St.  Rochus-Spital  zu  erwähnen. 

Das  St.  Rochus-Spital  ist  ein  der  Commune  Pest  gehöriges  Kranken- 
baus mit  einem  Belegraume  für  600  Kranke.  Angestellt  sind:  drei 
medizinische  und  zwei  chirurgische  Primarien.  Die  geburtshilfliche 
Abtheilung  war,  wie  schon  gesagt,  einem  chirurgischen  Primarius 
zugei  heilt  So  lange  die  geburtshilfliche  Klinik  der  Pester  medizinischen 
Pacnltät  geöffnet  ist,  dürfen  an  der  geburtshilflichen  Abtheilung  des 
8t  Rochns-Spitala  keine  Kreissenden  aufgenommen  werden,  um  der 
Klinik  nicht  das  Lehrmaterial  zu  entziehen,  nur  während  der  grossen 
Ferien  im  Monate  August  und  September,  während  welcher  die 
geburtshilfliche  Klinik  der  Pester  medicinischen  Facnltät  geschlossen 
ist  weiilen  Kreisseiide  im  St.  Rochus-Spitale  aufgenommen,  die  übrigen 
s( ihn  Monate  des  Jahres  wurden  die  Localitaten  des  Gebärhauses  als 
chirurgische  Abtheilung  benutzt. 

Während  des  Schuljahres  wurden  nur  solche  Individuen  an  der 
geburtshilflichen  Abtheilung  entbunden,  welche  im  St.  Rochus-Spitale, 
an  den  verschiedensten  Krankheiten  leidend,  während  der  Behandlung 
von  der  Geburt  überrascht  wurden.  Die  Localitaten  der  geburts- 
hilflichen Abtheilung  befinden  sich  im  zweiten  Stockwerke  des  Ge- 
bäudes, und  bestehen  aus  einem  Kreisse-  und  zwei  Wochenzimmern, 
deren  sechs  Fenster  sämmtlich  in  den  Leichenhof  münden.  Längst 
den  ebenerdigen  Gebäuden  des  Leichenhofes  zieht  sich  eine  breite 
Strasse  hin.  welche  das  Entweichen  der  schädlichen  Exhalationen  des 
Leichenhofes  erleichtert. 

Am  20.  Mai  1851    übernahm   ich   die   geburtshilfliche   Abteilung 

des  St.  Rochus-Spitals  als  unbesoldeter  Honorar-Primararzt  und  ftm- 

als  solcher  durch   sechs  Jahre,  bis  Juni  1857,  dadurch    wurde 

der  Verband  mit   der  chirurgischen  Abtheilung  gelöst  und   während 

des  Schuljahres  wurden  die  Localitaten  des  Gebärhanses  nicht  mehr 

i  hirurgische,  sondern  als  gynäkologische  Abtheilung  benützt.  Da- 
durch wurde  aber  das  aetiologische  Moment  des  früher  an  dieser  Ab- 

Inng  herrschenden  Kindbettfiebers  entfernt,  nämlich  die  zer- 
setzte!] thierisch-organischen  Stoffe  der  chirurgischen  Abtheilung;  in 
Folge  dessen  kam  das  Kindbettfieber  nicht  mehr  in  grösserer  Aus- 
dehnuog  vor. 

10* 


148 


Semmelweis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Die  Chlorwaschungen  hatten  wir  für  gewöhnlich  nicht  in  Gebrauch 
gezogen,  weil  wir  unsere  Hände  nicht  von  zersetzten  tbierisch- orga- 
nischen Stoffen  zu  reinigen  hatten. 

Nur  nach  den  wenigen  Sectionen,  welche  wir  zu  machen  hatten, 
benützten  wir  den  Chlorkalk,  um  unsere  Hände  zu  reinigen. 

In  den  Ferialmonaten  des  Schuljahres  18501  ereigneten  sich  an 
der  geburtshilflichen  Abtheilung  des  St.  Rochus-Spitals  121  Geburten. 


Im  Schuljahre  1851,2. 

189  Gebarten, 

1852/3, 

142 

1853/4, 

156 

1854/5, 

199 

„           1855/6, 

126 

es  ereigneten  sich  mithin  während  dieses  Zeitraumes  933  Geburten, 
davon  sind  gestorben  24,  und  zwar  8  am  Kindbett fieber,  also  0.85 
Percent-Ant  heile,  die  übrigen  16  Wöchnerinnen  starben  an  den  ver- 
schiedensten Krankheiten,  an  welchen  sie  während  der  Schwangerschaft 
im  St.  Roclms-Spitale  bebandelt,  und  bei  eintretender  Geburt  in  die 
Gebärabtheilung  transferirt  wurden. 

Bei  einer  von  den  acht  am  Kindbettueber  verstorbeneu  Wöchner- 
innen war  das  Kindbettfieber  dadurch  erzeugt,  dass  sie  wegen  Steisslage 
des  Kindes  von  einem  chirurgischen  Secutidarius  untersucht  wurde,  nach- 
dem er  eben  die  Section  eines  an  gangraenösen  Unterschenkels  ver- 
storbenen Mannes  gemacht  hatte.  Es  starben  mithin  in  der  Gebär- 
abtheilung  des  St.  Kochus-Spitales  nicht  1  Percent  Wöchnerinnen  .-im 
Kindbettfleber  innerhalb  sechs  Jahre,  in  welcher  Abtheilung  früher 
das  Kindbettfieber  alljährlich  so  zahlreiche  Opfer  forderte. 

Unterm  18.  Juli  1855  wurde  ich  zum  Professor  der  theoretischen 
und  praktischen  Geburtshilfe  an  der  Hochschule  zu  Pest  ernannt»  und 
begann  als  solcher  meine  Thätigkeit  an  der  geburtshilflichen  Klinik 
im  October  desselben  Jahres.  Die  geburtshilfliche  Klinik  befindet 
sich  im  zweiten  Stocke  des  Facultätsgebäudes  und  besteht  aus  einem 
Kreisse-  und  vier  Wochenzimmern. 

Um  den  Leser  mit  den  Verhältnissen  dieser  Klinik  bekannt  zu 
machen,  wird  es  zweckentsprechend  sein,  theihveise  das  Gesuch  tnit- 
zutheilen,  welches  ich  an  die  competenten  Behörden  richtete,  um  die 
Erlaubnis*  zu  erlangen,  diese  höchst  sanitäts  widrigen  und  unge- 
nügenden Loyalitäten  verbissen  zu  dürfen. 

In  diesem  Gesuche  heisst  es  unter  andern:  „Dass  die  Localit 
der   geburtshilflichen  Klinik   höchst  sanitätswidrig   seien,   geht   aus 
folgenden  Betrachtungen  hervor. 

„Laut  den  Allerhöchsten  Verordnungen  in  Betreff  der  Organi- 
sirang  der  Krankenanstalten  in  Bezug  auf  Flächeninhalt  des  Beleg- 
raumes werden  vier  Quadratklafter  für  ein  Wochenbett  vorgeschrieben. 
Da  die  geburtshilfliche  Klinik  26  Betten  besitzt,  so  erfordert  das, 
um  den  allerhöchsten  Anforderungen  zu  entsprechen,  104  Quadrat- 
klafter, die  geburtshilfliche  Klinik  besitzt  aber  nur  41  Quadrat- 
klafter;  dann  fehlt  noch  der  Raum,  welcher  für  eine  so  grosse  An- 
zahl von  Schülern  und  Schülerinnen  erfordert  wird.  Drei  Zimmer 
sind  so  klein,  dass  sie  kaum  die  Hälfte  der  Schüler  und  Schülerinnen 
fassen  können,    daBS  aber  auch  in  den  zwei  Zimmern,  welche  gerade 

rosa  sind,  dass  sie  sämmtliche  Lernende  fassen  können,  ohne  gerade 
unbeweglich  aneinander  gedrängt  zu  sein,  die  Luft  in  denselben  auf 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Xinclbettüeberä.        149 


eine  für  die  anwesenden  Wöchnerinnen  höchst  nachtheilige  Weise  ver- 
dorben wird,  leuchtet  jedem  Unbefangenen  ein. 

.,  Tri  den  Fensterpfeilern  zweier  Zimmer  befinden  sich  drei  Sehorn- 

te  des  chemischen  Laboratoriums,  wodurch  die  Temperatur  dieser 
Zimmer,  wenn  au  den  entsprechenden  Herden  gefeuert  wird,  sich  zur 
unerträglichen  Hohe  steigert, 

„Die  Localitäten  der  geburtshilflichen  Klinik  sind  so  beschränkt, 

kein  Zimmer  als  Krankenzimmer  reservirt  werden  kann:  dadurch 
bleiben  die  Kranken  zerstreut  unter  den  Gesunden  liegen,  dadurch 
wird  das  Kindbettfieber,  welches  zwar  keine  contagiöse  Krankheit. 
jedoch  unter  gewissen  Bedingungen  eine,  von  einem  Individuum  auf 
das  andere  übertragbare  Krankheit  ist,  verbreitet. 

„Die  Umgebung  der  Localitäten  der  geburtshilflichen  Klinik  ist 
folgende:  Zwei  Fenster  der  Klinik  münden  in  den  nördlichen  Lichthof 
und  secbe  Fenster  in  den  westlichen;  der  nördliche  Lichthof  ist  zwei 
Klafter  fünf  Schuh  breit,  und  von  einer  bis  zur  gleichen  Höhe  der 
Fenster  des  Gebärhauses  reichenden  Feuermauer  des  Nachbarhauses 
eingeschlossen;  in  diesem  Lichthofe  befinden  sich  zu  ebener  Erde,  im 

n  und  zweiten  Stocke  die  Aborte  des  Ge.bäu 

,.Zu  ebener  Erde  reiht  sich  an  die  Aborte  die  Kehrichtgrube  des 
Gebäudes,  Diese  verfaulende  Masse  verbreitet  einen  penetrirenden 
Gestank.     Das  Erdgeschoss  des  Gebäudes  ist  eingenommen  von  den 

litäten  der  elementaren  und  pathologischen  Anatomie;  gerade 
unter  den  Fenstern  des  Gebärhauses  befindet  sich  der  Ans<riiss.  wo 
alle  flüssigen  Abfälle  der  elementaren  und  pathologischen  Anatomie 
ausg<  werden.     Das  erste  Stockwerk  ist  eingenommen  von  den 

Localitäten  der  Chemie;   in  dem  Winkel,  wo  sich  der  nördliche  und 

liehe  Lichthof  berühren,  liegt  die  Todtenkammer  der  Kliniken ; 
der  westliche  Lichthot  ist  eine  Klafter  breit,  und  von  einer  drei 
Klafter  hohen  Mauer  eingeschlossen,  jenseits  welcher  sich  ein  unbe- 

•  t  Grund  befindet.  In  diesem  Hofe  befindet  sich  zum  Theile  die 
Tmltenkammer.  ebenerdig  wieder  die  Localitäten  der  elementaren 
und  pathologischen  Anatomie,  im  ersten  Stockwerke  die  Localitäten 
der  Chemie. 

„Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  die  Ansicht  des  ergebenst  Gefertigten 
über  die  Entstehung  des  Kindbetttiebers  zu  entwickeln,  es  genügt  zu 
bemerken,  dass  er  die  Ueberzeugung  hegt,  dass,  keinen  einzigen  Fall 
7011  Kim  Um -ttfieber  ausgenommen,  alle  Fälle  dieser  Krankheit  durch 
die  Aufnahme  eines  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes  entstellen. 

„Ein  löbliches  Professorencollegium  kann  sich  die  bemätleidens- 
prerthe  Lage  des  Professors  der  Geburtshilfe  denken,  wenn  er  mit 
einer  solchen  Ueberzeugung  nur  die  Wahl  hat,  entweder  die  Fenster 
hermetisch  zu  schliessen,  und  so  seine  Wöchnerinnen  in  einer  in 
einem  ungenügenden  Locale  durch  eine  grosse  Anzahl  von  Schülern 
um]  s.lnilri  innen  verdorbenen  Luft  verkommen  zu  lassen,  oder  durch 
Oeflnen  der  Fenster  der  mit  zersetzten  organischen  Stoffen  ge- 
BChwftngerten  Luft  der  beiden  Lichthöfe  den  Zutritt  zu  den  Wöch- 
nerinnen zu  gestatten. 

„So  düster  auch  die  Gegenwart  der  geburtshilf liehen  Klinik  ist, 
so  droht  ihr,  falls  sie  in  denselben  Localitäten  verbleiben  sollte,  eine 
noch  düsterere  Zukunft. 

„Auf  dem  jenBeits  des  westlichen  Lichthofes  befindlichen  leeren 
Grunde  soll  ein  zwei  Stock  hohes  Gebäude  gebaut  werden;  dadurch 


150 


Süfttnelweis'  Ahliandlangen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


wird  nicht  nur  dem  Lichte  der  Zutritt  zu  sechs  Fenstern  der  ge- 
burtshilflichen Klinik  vollkommen  abgesperrt,  sondern  die  Kindbett- 
fteber  bringenden  Ausdünstungen  des  nur  eine  Klafter  breiten  Licht- 
bofes  würden,  da  ihnen  das  Entweichen  über  den  leeren  (.niiid  un- 
möglich gemacht  winde,  in  höchst  gefährlicher  Condetisation  durch 
das  zwei  Stuck  hohe  Gebäude  den  Fenstern  der  geburtshilflichen 
Klinik  zugeleitet  werden. 

v,Ob  aber  die  Wöchnerinnen  an  der  Klinik  des  Gefertigten  sieh 
eines  gesunden  Zustande«  erfreuen,  oder  ob  sie  vom  Kindbettfieber 
dahingerafft  werden,  ist  nicht  blos  wichtig1  für  die  in  dieser  Klinik 
Verpflegten:  die  Ergebnisse  der  Bemühungen  des  Gefertigten  in  Bezog 
auf  den  Gesundheitszustand  der  von  ihm  behandelten  Wöchnerinnen 
haben  Bedeutung  für  das  ganze  Menschengeschlecht. 

„Die  Thatsache,  dasa  das  Kindbettfieber  im  Gebärhause  auf- 
fallend zahlreichere  Todesfälle  veranlasse,  als  ausserhalb  des  Gebür- 
hauses,  ist  nicht  allein  den  Aerzten  bekannt,  sondern  auch  den  Laien, 
und  in  offiziellen  Docnmenten  werden  die  Gebärhäuser  nicht  allein 
von  Aerzten.  sondern  auch  von  Verwaltungsbeainten  .,  Mördergruben" 
genannt.  Auf  die  Thatsache,  dass  das  Kindbett  lieber  im  Gebärhause 
verderblicher  wüthe,  gestützt,  ist  die  Frage  wiederholt  in  Beratluuig 
gezogen  worden,  ob  es  für  das  menschliche  Geschlecht  nicht  wohl- 
tätiger wäre,  B&mmtliche  Geb&rhänser  zu  cassiren, 

..Nur  ein  entsetzliches  Dilemma  rettete  die  Gebärhäuser  vor 
Vernichtung. 

„Wenn  die  Individuen  im  Gebärhause  entbinden,  so  richtet  das 
Kindbettfleber  unter  ihnen  schreckenerregende  Verheerungen  an,  und 
eine  bedeutende  Anzahl  steigt  frühzeitig  in  der  Blüthe  des  Lebens 
ins  Grab. 

..Würden  in  Folge  der  Aufhebung  sä  in  mtl  icher  Gebärhäuser  die 
Geburten  ausserhalb  des  Gebärhauses  vorsiehgehen,  so  würden  die 
Entbundenen  in  grösserer  Anzahl  wohl  gesund  bleiben,  aber  nun  be- 
ginnen die  Sorgen  um  die  eigene  und  die  Verpflegung  des  Kindes, 
und  nun  entstehen  in  Folge  der  Noth  die  Verbrechen  der  Kind- 
abtreibung, der  Kiudesaussetzung  und  des  Kindesmordes. 

..Man  hat  daher  die  Gebärhäuser  nur  darum  bestehen  lassen,  weil 
man  der  Ansicht  war,  dass  es  besser  sei,  die  Kreissenden  in  Gebär- 
häuser]) den  Gefahren  des  Kindbettfiebers  auszusetzen,  als  ausserhalb 
des  Gebärhanses  den  Gefahren  der  Noth.  wodurch  eine  so  große  An- 
zahl derselben  den  Gefängnissen  verfällt. 

,,Der  ergebenst  Gefertigte  hat  die  Ursache  dieses  verheerenden 
Kindbett  Hebers  gefunden,  und  lehrt  ihre  Wirksamkeit  unschädlich  zu 
nun  hen.  Die  Aufmerksamkeit  aller  Anhänger  und  Gegner  dieser 
Lehre  ist  auf  den  Gesundheitszustand  der  von  dem  Gefertigten  be- 
handelten Wöchnerinnen  gerichtet;  die  Anhänger  müssen  schwankend 
werden  und  die  Gegner  müssen  sich  in  ihren  Zweifeln  bestärkt 
fohlen,  wenn  der  Gesundheitszustand  der  in  der  Klinik  verpflegten 
Wöchnerinnen  ein  so  ungünstiger  ist.  dadurch  wird  die  Verbreitung 
der  Lehre  des  Gefertigten  verhindert  und  dadurch  wird  das  Menschen- 
geschleohl  durch  längere  Zeit  noch  von  einer  Seuche  geplagt,  als  es 
der  Fall  wäre,  wenn  er  den  Erfolg  auch  an  der  geburtshilflichen 
Klinik  zu.  Pest  für  sich  anführen  könnte. 

..Mit  dieser  Ansicht  von  der  Sanitäts Widrigkeit  der  Localitäten 
der    geburtshilflichen    Klinik    steht    Gefertigter    nicht    allein,    das 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kimlbettüebers.        1 — » L 


Professorencollegium  theilte  dieselbe  Ansicht  zu  einer  Zeit,  als  ich 
noch  nicht  die  Ehre  hatte,  Mitglied  desselben  zu  sein,  indem  es  sagte: 
In  Folge  Erlasses  der  hoben  k.  k.  statthaltereiabtheilung  zu  Ofen 
vom  10.  September  1854,  Z.  19.458,  wurde  -Seitens  des  medicinischen 
Professorencollegiums  unterm  17.  März  1855  der  Antrag:  zur  Abhilfe 
der  Gebrechen  gestellt,  welche  dem  gedeihlichen  Emporkommen  der 
Institute  der  medicinischen  Facultät  am  meisten  hemmend  in  den 
Weg  treten. 

,,In  diesem  Vortrage  heisst  es  unter  andern:  Der  durch  die  Heber* 
lüllung  der  Krankensäle  mit  Patienten  bedingten  Luftverderbniss 
wird  im  ich  in  höchst  bedauerlicher  Weise  dadurch  Vorschub  geleistet, 
die  klinischen  Anstalten  sich  in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft 
solcher  Institute  befinden,  durch  welche  der  Luft  Verderbnis  s  geradezu 
Tlmr  und  Thor  geöffnet  wird.  So  z.  K.  befindet  sich  die  geburtshilf- 
liche Klinik  im  zweiten  Stocke  gerade  über  dem  im  ersten  Stocke 
henden  chemischen  und  im  Erdgeschosse  befindlichen  anatomischen 
Institute,  demnach  müssen  die  in  den  beiden  letztgenannten  Anstalten 
lten  schädlichen  Luftarten  in  ihrem  Entweichen  nach  oben 
die  Fenster  der  Qebaranstalt  bestreichen,  wodurch  geschieht,  dass  bei 
dem  Oeft'nen  der  Fenster  und  Thüren  in  obiger  Anstalt  statt  der 
guten  Luft  die  in  den  Instituten  «1er  beiden  untern  Stockwerke  ent- 
Wickelten  ungesunden  Gasarien  in  die  h'fmine  der  Gebäranstalt  ein- 
gelassen werden.  Hierin  ist  wohl  die  wichtigste  Veranlassung  des 
Ausbruches  des  Puerperalfiebers  zu  suchen,  wegen  welchen  die  hiesige 
geburtshilfliche  Klinik  schon  zu  wiederholten  Malen  während  des 
s.liuljahres  für  einige  Zeit  gesperrt  werden  rausste.    Dass  die  etwaige 

Itzung  der  unter  dieser  Klinik  befindlichen  Räumlichkeiten  zu 
Zwecken  des  zu  ereilenden  Operateur-Institutes  dem  obigen  Uebel 
nur  noch  ein  um  so  grösserer  Vorschub  geleistet  würde,  bedarf  wohl 

I  einer  weiteren  Erörterung  etc.  etc.     (Ist  trotzdem  geschehen.) 

„Aber  nicht  blos  der  Gefertigte  und  das  Professorencollegium 
theilt  die  Ansicht  von  der  Sanitätswidrigkeit  der  Legalitäten  der  ge- 
burtshilflichen Klinik,  auch  die  allgemeine  Meinung  spricht  sich  im 
gleichen  Sinne  aus.  Die  allgemeine  Meinung  hat  in  einem  Artikel 
der  „Wiener  medicinischen  Wochenschrift1'  vom  18.  Juli  1857  ihren 
Ausdruck  gefunden.  In  diesem  Artikel,  welcher  die  Aufschrift  fuhrt : 
„Die  medicinische  Lehranstalt  zu  Pest  Nro.  V"  heisst  es; 

.Mrnn-nto  iiOBci. 

.X  Y .'/,.  Griimh'  mkire  nennt  man  im  Boston-Spiele  jene  Partie, 
wo  der  Spieler  trachten  muss,  durch  rechtzeitiges  Wegwerfen  der 
guten  Blätter  und  namentlich  der  Trümpfe  sich  so  zu  entblössen,  dass 
es  dem  Gegner  unmöglich  wird,  ihn  zu  einem  Stiche  zu  zwingen. 
Ein  solcher  Sieg  ist  keineswegs  leicht.  An  diese  Partie  wurde  ich 
bei  einem  Besuche  der  hiesigen  geburtshilflichen  Klinik  gemahnt,  wo 
es  auch  darauf  abgesehen  scheint,  nicht  mit  der  winzigsten  guten 
Eigenschaft  den  Eindruck  zu  verwischen,  den  alle  die  zahlreichen 
^Zweckmässigkeiten  und  Mängel  des  Institutes  auf  den  unbefangenen 
Gast  hervorrufen;  grande  mitere  auch  darum,  weil  es  wirklich  nicht 
hiebt  wäre,  ein  zweites  Exemplar  dieser  Anhäufung  von  Uebel- 
stiniden  herzustellen.  Ich  mache  mit  der  Besprechung  dieser  Klinik 
übrigens  hauptsächlich  aus  dem  Grunde  den  Anfang,  weil  ihrer  be- 
reits mehrmals  in  diesen  Blättern  erwähnt  worden  ist,  was  in  dem 


152 


Semmetweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  du  Kindbetttieber. 


Leser  vielleicht  den  Gedanken  geweckt  hat,  dass  es  mit  dieser  Klinik 
ein  eigenes  Bewandtniss  haben  müsse.  Nun  dieses  Bewandtnis»  ist 
so  eben  ausgesprochen  worden.  Die  Klinik  befindet  sich  im  zweiten 
Stockwerke,  und  zwar  in  dessen  hinterst  gelegenem  Theile,  so  dass 
die  Armen,  von  Wehen  Ergriffenen  nicht  nur  etwa  einen  weiten  Weg 
aus  dem  oder  jenem  Stadttheile  zurücklegen  müssen,  sondern  auch 
ranöthigt  sind,  sich  mühsam  zwei  Treppen  und  einen  langen  Corridor 
fortzuschleppen,  woher  es  dann  auch  kommt,  dass  Treppengeburten 
nicht  zu  den  Seltenheiten  gehören.  Diese  nnzweckmässige  Entfernung; 
der  Klinik  vom  Eingangsthore  des  Hauses  ist  um  so  nacht  heiliger 
bei  einer  Gebäranstalt,  in  welcher  wegeu  Rauuibesdiiänkuntr  nur 
solche  Frauen  aufgenommen  werden,  bei  welchen  der  Geburtsnet  be- 
reits begonnen  hat  oder  imminent  ist,  nicht  aber  wie  in  Wien  in  den 
letzten  beiden  Schwangerschaftsmonaten.  Damit  aber  die  Lage  der 
Klinik  im  oben  angedeuteten  Sinue  nichts  zu  wünschen  übrig  lasse, 
gehen  die  Fenster  auf  der  einen  Seite  auf  den  Leichenhof  hinaus, 
indess  die  anderen  sich  gerade  über  dem  Secirsaal  befinden.  Auch 
damit  nicht  zufrieden,  hat  man  durch  eine  Wand  des  eigentlichen 
Krankenzimmers  drei,  sage  drei,  gut  ziehende  Schornsteine  des 
unterhalb  der  Klinik  int  ersten  Stockwerke  befindlichen  chemischen 
Laboratoriums  geführt,  welche  die  Wand  mitten  im  Sommer  zu  einem 
förmlichen  grossen  Ofen  umgestalten.  Wer's  nicht  glaubt,  halte  die 
Hand  hin;  ich  weiss  gewiss,  er  thnt'a  nicht  ein  zweites  Mal,  und 
glaubt  mir  lieber  in  Zukunft  aufs  Wort. 

,Die  Klinik  besteht  aus  fünf  Zimmern;  davon  drei  mit  einem 
Fenster,  eines  mit  zwei,  und  endlich  ein  Eckzimmer  mit  drei  Fenstern. 
Von  dem  einfeustrigen  ist  eines  so  klein,  dass  es  nur  das  Bett  der 
Wärterin  enthalten  kann.  Es  bleiben  somit  eigentlich  nur  vier 
Räumcheu  für  die  Wöchnerinnen.  Das  Kreissezimmer  hat,  wie  be- 
reits in  einem  früheren  Briefe  erwähnt,  nur  ein  Fenster  und  drei 
Betten,  daran  stosst  ein  zweites  mit  einem  Fenster.  Man  denke  sich 
nun  ein  lleissig  besuchtes  Klinikum,  besucht  in  diesem  Semester  von 
93  Hebammen  und  27  Medicinern  oder  Chirurgen,  man  denkt  sieb 
ein  Thermometer  von  26°  K.  im  Schatten  —  und  wer  eine  genug 
lebendige  Phantasie  hat,  denke  sich  endlich  unter  solchen  Umständen 
die  Miihen  des  operirenden  Professors,  oder  die  zehnfache  Qual  der 
Operirten.  Auch  hier,  wie  bei  der  Oaminwand,  war  kürzlich  jedem 
Optimisten  reiche  Gelegenheit  zu  einem  eindringlichen  Argumentum 
ad  homincm  geboten.  Es  lag  wirklich  ein  bedauernswürdiges  Ge- 
BOhÖpf  auf  dem  Querbette;  Lehrer,  Assistent  und  ein  dichter  Knäuel 
von  Hebammen  und  Studirenden  umstanden  das>r]li«-  bis  in  das 
dritte  Zimmer  hinein  war  Kopf  an  Kopf  dicht  gedrängt,  und  doch 
eigentlich  nur  um  schreien  zu  hören,  da  vom  Sehen  keine  Rede  war, 
eine  Hitze,  die  eher  geeignet  ist,  Jemanden  aus  der  Welt,  als  in  die- 
selbe zu  locken;  dem  Professor  perlte  der  Schweiss  von  der  Stiine. 
als  die  Wendung  vollendet  war,  und  eben  im  Begriffe,  das  erste 
Zangenblatt  einzuführen,  kommt  er  einer  förmlichen  Ohnmacht  so 
nahe,  dass  er  genöthigt  Ist,  das  seiner  Hand  entsinkende  Instrument 
dem  Assistenten  zu  übergeben  und  sich  schleunigst  aus  der  irre- 
spirabeln  Luft  der  Klinik  zu  flächten.  Es  ist  wirklich  zum  Ver- 
wundern und  spricht  auf  alle  Fälle  rühmend  für  die  rationelle  und 
sorgfältige  Behandlung  der  Wöchnerinnen,  dass  puerperale  Er- 
krankungen in  den  letzten  Jahren  trotz  alledem  und  alledem  eher  ab- 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        153 


als  zugenommen  haben.  Wo  wollte  man  aber  auch  mit  den  Kranken 
hin.  wenn  dem  nicht  so  wäre,  denn  da  ausser  den  drei  Kreissebetten 
im  Ganzen  nur  noch  23  Betten  vorhanden  sind,  nämlich  im  ein- 
fenstrigen  drei,  im  zweifenstrigen  mit  dem  künstlichen  Tropenklima 
acht  und  im  Eckzimmer  zwölf.  Wer  sich  etwa  wieder  einfallen  Hesse, 
Dicht  zu  glauben,  dass  der  Verlauf  des  Wochenbettes  in  Afrika  ein 
günstigerer  ist,  deu  können  wir  auf  gelindere  Weise,  nämlich  mit 
einem  einfachen  RechenexempeL  davon  überzeugen.  Es  werden  näm- 
lich im  Zeiträume  eines  Schuljahres  an  600  Geburten  beobachtet, 
was  nur  dadurch  möglich  wird,  dass  die  Wöchnerin  mit  dem  Kinde 
am  neunten  Tage  die  Anstalt  in  der  Regel  verlässt;  herrschte  der 
Puerperalprocess  hier  in  ähnlicher  Art  wie  im  Wiener  Gebärhause, 
so  könnte  kaum  die  Zahl  von  100  Geburten  erreicht  werden. 

.Dies  wäre,  wird  man  sagen,  denn  doch  eine  schöne  Eigenschaft 
der  Gebärklinik,  und  wir  sind  die  Letzten,  es  zu  läugnen;  aber  Grande 

re  bezieht  sich  immer  nur  auf  die  Unterrichtsmittel,  und  die  liegen, 
wie  man  einsieht,  im  Argen;  denn  was  helfen  600  Geburten:  wenn 
man  kaum  ein  Dutzend  davon  zu  sehen  bekommt!  Bekanntlich  ge- 
schehen diese  zu  guten  zwei  Dritttheilen  während  der  Nacht,  ^ehen 
aber  für  den  Unterricht  in  so  fern  verloren,  als  gar  keine  Räume  zur 
Behausung  der  Studirenden  oder  Hebammen  für  die  Nachtzeit  vor- 
handen sind.     Es  haben  somit  nur  die  beiden  Inspection  haltenden 

Her  Gelegenheit  zum  Lernen,  und  auch  diese  nur  auf  Kosten  ihrer 
Gesundheit,  wenn  -sie  die  Nachtzeit  im  überfüllten  Kranken/immer 
zubringen  wollen ;  bei  Tage  aber  muss  man,  wie  oben  gezeigt  wurde, 
schon  ein  paar  Pürl'e  aushalten  können,  wenn  man  sich  in  dem  kleinen 
Räume  durchdrängen  will.  Nichts  aber  ist  gefährlicher  für  den 
Studirenden  als  die  Idee,  dass  seine  Mühe  vergebens  ist;  hat  sich 
einmal  eingenistet  im  Kopfe,  so  tritt  Gleichgiltigkeit,  oder  gar 
Widerwillen  an  die  Stelle  des  anfänglichen  Eifers,  und  selbst  die 
geringe  Gelegenheit  wird  missachtet,  die  sich  dem  Lernbegierigen  hie 
und  da  darbieten  mag. 

.Nicht  besser  steht  es  um  das  Capitel  der  Vorlesungen.  Da  kein 
eigener  Hörsaal  für  diese  Klinik  existirt,  so  gastirt  der  Professor  der 
Geburtshilfe,  wann  und  wo  er  eben  Einläse  findet T  im  Winter  zu 
ebener  Erde  im  acologischen  Hörsaale,  im  Sommer  im  chirurgischen. 
Dass  das  Auditorium  im  Winter  um  sieben  Uhr  Früh,  also  meist  bei 
Kerzenbeleuchtung  nicht  unmässig  belebt  ist,  wäre  eben  kein  grosses 
Unglück,  da  ja  überhaupt  die  sogenannte  theoretische  Geburtshilfe 
im  dritten  Jahrgange  der  Med i ein  bekanntlich  nichts  taugt,  und  bald 
ganz  einem  vernünftigeren  Lehrplane  wird  weichen  müssen;  'las* 
aber  die  so  wichtige  praktische  Geburtshilfe  mit  Demonstrationen  am 
Phantome  aus  Mangel  an  dem  obigen  Wann  und  Wo  auf  dem  Corridor 
zwischen  Fenstern  und  Thüren,  Treppen  und  Waschküchen,  und  zwar 
vor  einem  Zuhörerkreise  von  120  Herren  und  Damen  vorgetragen 
werden  soll  —  das  ist  ein  so  schreiender  Missbrauch,  wie  man  ihn 
nur  in  einer  ganz  exception eilen  Anstalt  gewahr  werden  kann.  Ich 
frage  kühn:  hat  man  ein  Recht  gehabt,  jenen  Landchirurgen  vor 
Kurzem  zu  vertirtheilen,  der  eine  Uterusruptur  nicht  erkannt,  und 
■in  Stück  Darm  ganz  naiv  abgebunden  hat?  Ist  es  ihm  beim  besten 
Willen  während  der  Studienzeit  möglich  gewesen,  genügende  Kennt- 
nisse dieses  schwierigsten  aller  praktischen  Fächer  sich  eigen  zu 
machen?    Oder  ist  es  nicht  vielmehr  zu  verwundern,  dass  dergleichen 


154 


Semmelweis1  Abhandlungen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


traurige  Quiproguo  so  selten  vorkommen,  dass  nämlich  trotz  des 
Unterrichtes  in  der  Geburtshilfe  so  viele  Kinder  lebendig  geboren 
weiden. 

Upenii! iuiiscur.se  sind  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  beim  Unter- 
richte der  Geburtshilfe,  bringen  den  Anfänger  in  der  Regel  viel 
weiter  an  Muth  und  Uebung  als  ähnliche  Corte  in  der  Chirurgie; 
aliev  wie  sieht  es  mit  diesem  Theile  des  Unterrichte  in  einer  Lehr- 
anstalt aus,  wo  überhaupt  Mangel  an  Leichen  vorzukommen  pflegt? 

.Endlich  fehlt  jede  kleinste  Gelegenheit,  gynaeeologische  Studien 
zu  machen,  ein  Uebelstand,  der  wohl  auch  anderwärts  an  geburts- 
hilflichen Kliniken  herrscht,  wofür  aber  durch  eigene  gynaeeologische 
Abheilungen  in  demselben  Hause  Ersatz  zu  finden  ist.  Bis  vor 
Kurzem,  und  zwar  durch  sechs  volle  Jahre  hat  der  Professor  der 
Geburtshilfe  im  K  chus-Spitale  eine  kleine  ibtheünng  für  Frauen- 
krankheiten, und  zwar  unentgeltlich  versehen;  es  war  ihm  dadurch 
Gelegenheit  gegeben,  ehren  und  den  andern  tleissigen  Studirenden  in 
dieser  wichtagen  Materie  einzuführen,  und  unberechenbar  viel  Gutes 
für  Tausende  damit  zu  stiften;  —  dieses  hat  nun  gegen  seinen  Willen 
auch  ein  Ende.  So  tragische  Fehler,  wie  das  in  die  Taschestecken 
eines  Stückes  Darm,  geschehen  nicht,  alle  Tage,  aber  alle  Tage  wird 
auf  Vollblütigkeit  curirt.  anstatt  einen  Polypen  zu  unterbinden;  und 
alle  Tage  wird  Hheam  mit  Ak&  verschrieben,  anstatt,  dass  man  von 
den  vorhandenen  I  Ai  ..i  iitionen  Notiz  nehme;  und  in  der  That  wird 
der  junge  Arzt  mit  einer  Unkenntnis  der  Frauenkrankheiten  in  die 
Praxis  entlassen,  die  einem  wahrhaft  bange  machen  kann,  für  Er- 
haltung der  schöneren  Hälfte  der  Menschheit,  die  noch  obendrein  die 
grössere  ist.1 

In  diesen  Lncalitäten  werden  innerhalb  zehn  Monate  bei 
500  Wöchnerinnen  verpflegt,  und  gleichzeitig  60  bis  70  Geburtshelfer 
und  180  bis  190  Hebammenschülerinnen  unterrichtet.  Der  praktische 
geburtshilfliche  Cara  dauert  für  einen  Geburtshelfer  zwei  Monate,  für 
eine  Hebammenschülerin  fünf  Monate,  es  ist  mithin  der  Lehrer  be- 
ständig mindestens  von  100  Lernenden  umgeben. 

Im  Schuljahre  1866/6  wurden  514  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon 
sind  gestorben  5,  und  zwar  2  am  Kindbettfieber  und  3  an  andern 
Krankheiten,  es  starben  mithin  am  Kindbettfieber  0.^  Percent-Au- 
theile. 

Im  Schuljahre  1866/7  wurden  verpflegt:  558  Individuen,  darunter 
waren  551  Wöchnerinnen  und  7  irviiaecologische  Fälle;  von  den 
558  Verpflegten  sind  gestorben  31 ,  darunter  16  an  Kindbettfieber  und 
1"<  un  andern  Krankheiten,  es  starben  mithin  am  Kindbettfieber  2.a„ 
Percent-Antheile. 

Im  .Schuljahre  1857,8  wurden  verpflegt  457  Individuen,  darunter 
waren  449  Wöchnerinnen  und  B  gynaeoologische  Fallt-,  davon  sind 
gestorben  23,  und  zwar  18  am  Kindbettfieber  und  5  an  andern  Krank- 
heiten, es  starben  mithin  am  Kindbettfieber  i.„h  Percent-Antheile. 

Die  im  Schuljahre  1856/7  vorgekommene  Sterblichkeit  von  2,j»„ 
und  im  Schuljahre  1857/8  von  4.,,.,  Percent-Antheile  unter  den  Wöch- 
nerinnen am  Kindbettfieber  veranlasste  eine  offizielle  Correspondenz. 
welche  wir  hier  tludlweise  mittheilen  wollen,  damit  der  Leser  mit 
der  veranlassenden  Ursache  dieser  Sterblichkeit  bekannt  werde.  Es 
heisst  unter  andern:  „Es  sind  hieher  im  vertraulichen  Wege  Mit- 
theilungen gemacht  worden,  welche  mehrfache   Unzukömmlichkeiten 


Vetiolo^ie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiudbettfiebers.        155 


und  Uebelstände  der  geburtshilflichen  Klinik  der  k.  k.  Universitüt 
betreffen,  dass  z.  B.  durch  die  Sorglosigkeit  der  Oberhebamme  X.  N. 
triebt  nur  das  Bettzeug  der  Wöchnerinnen  selten  gewechselt,  sondern 
sogar  noch  mit  Blut  besudeltes  Bettzeug  verstorbener  Wöchnerinnen 
den  neuzugekommenen  unterbreitet  wurde,  in  Folge  dessen  soll  die 
Sterblichkeit  zu  Anfang  des  heurigen  Jahres  einen  so  hohen  Grad, 
erreicht  haben,  dass  an  einem  Tage  bis  zn  zehn  Wöchnerinnen  ge- 
storben sind. 

..  Dieses  Factum  muss  um  so  mehr  auffallen,  als  im  vorigen  Jahre 
bei  einer  weit  geringeren  Sterblichkeit  dieser  Umstand  sogleich  vom 
Herrn  Professor  hieher  zur  Sprache  gebracht,  und  um  eine  reichere 
Dotirnng  mit  Bettwäsche  angesucht  wurde,  welche  auch  sogleich  in 
dem  Masse  bewilliget  worden  ist,  dass  ein  Yorrath  von  mehreren 
hundert  Leintüchern  über  den  Bedarf  stets  zur  Verfügung  steht. 
Auch  wurden  die  Naclischaffungen  an  Bettfournituren  und  Leibwäsche 
im  ganzen  Umfange,  wie  solche  beantragt  worden  sind,  während  der 
Ferien  pa&Sll  t,  so  zwar,  dass  die  Höhe  der  Auschaifungskosten  selbst 
dem  hohen  Ministerium  für  (  alt ns  und  Unterricht  nicht  entging. 

„Der  Herr  k.  k.  Professor  scheinen  daher  auch  die  Ueberzeugung 
mit  den  übrigen  Personen,  denen  die  Klinik  zugängig,  zu  theilen,  dass 
es  nicht  mehr  an  dem  Mangel  an  Wäsche,  eben  so  wenig  an  der 
regelmässigen  Ablieferung  von  Seite  der  Wäscherin  fehlte,  sondern 
dass  die  unaufmerksame  und  ungeregelte  Handhabung  des  WAfiche- 
vrechseln8  an  den  vermehrten  Krankheiten  und  Todesfällen  die  Schuld 
trage." 

Hierauf  erwiederte  ich  Folgendes:  „Es  ist  allerdings  auch  meine 
Ueberzeugung,  so  wie  die  der  übrigen  Personen,  denen  die  Klinik 
zugängig  ist,  dass  die  im  Begriffe  des  Schuljahres  1857/8  zu  beob- 
achtende grössere  Sterblichkeit  an  der  hiesigen  geburtshilflichen 
Klinik  nicht  mehr  den  Mangel  an  Wäsche,  noch  der  unregelmässigeu 
Ablieferung  desselben  von  Seite  der  Wäscherin  zuzuschreiben  sei,  son- 
dern dass  die  unaufmerksame  und  ungeregelte  Handhabung  des  Wäsche- 
wechselns  an  den  vermehrten  Krankheiten  und  Todesfällen  die  Schuld 
trage." 

„Diese  unaufmerksame  und  ungeregelte  Handhabung  des  Wäsche- 
wechseln!) hat  aber  nicht  die  Oberhebamme,  sondern  die  Wärterin 
N.  N.  verschuldet,  welche  auch  deshalb  entlassen  wurde. 

„Im  Schuljahre  1866/7  sind  31  Wöchnerinnen  gestorben,  darunter 
16  am  Kindbettfieber,  wegen  Mangel  an  Wäsche  und  un regelmässiger 
Ablieferung  derselben  von  Seite  der  Wäscherin. 

..Im  Schuljahre  1857  8  sind  24  Wöchnerinnen  gestorben,  darunter 
18  am  Kindbettfieber,  wegen  unaufmerksamen  und  ungeregelten  Wäsche- 
\wdisels. 

„Es  starben  nie  mehr  als  zwei  Individuen  an  einem  Tage;  wenn 

>lier  h eiset,  dass  im  Schuljahre  1856/7  eine  weit  geringere  Sterb- 
lichkeit herrschte,  und  dass  die  Sterblichkeit  zu  An  Jan«;  des  Schul- 
jahres 1857/8  einen  so  hohen  Grad  erreicht  habe,  dass  an  einem  Tage 
bis  zu  zehn  Wöchnerinnen  gestorben  seien,  so  stimmt  dies  nicht  mit 
der  Wahrheit 

.Mit  Blut  besudeltes  Bettzeug  verstorbener  Wöchnerinnen  wurde 
nie  iieuhiimigekommenen  unterbreitet,  es  müssten  denn  darunter  die- 
jenigen Leintücher  gemeint  sein,  die  wir  im  Schuljahre  1856  57  mit. 
Blut  und  Lochialfiuss  besudelt  vom  Wäscher  als  reingewaschen  zurück- 


156 


Semmelweia"  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


erhielten,  und  welche  ich  die  Ehre  hatte  persönlich  vorzuzeigen,  mit 
der  Anzeige,  dass  diese  Leintücher  an  meiner  Klinik  das  Kindbett- 
fieber hervorgerufen  haben. 

„Vom  ersten  medicinisehen  Schriftsteller,  von  Hippokrates,  ange- 
fangen, bis  auf  die  neueste  Zeit  war  es  die  unangefochtene  Ueber- 
zengung  der  Aerzte  aller  Zeiten,  dass  die  furchtbaren  Verheerungen, 
welche  das  Kindbettfieber  unter  den  Wöchnerinneu  anrichtete,  epide- 
mischen, d.  h.  atmosphärischen  Einflüssen  zuzuschreiben  sei,  d.  h.  Ein- 
flüssen, welche  jeder  Wirksamkeit  des  Arztes  entzogen,  ihre  ver- 
heerenden  Wirkungen  ganz  unbeirrt  und  unaufhaltsam  äussern.  Mir 
ist  es  im  Jahre  1847  im  grossen  Wiener  Gebärhause  gelungen,  nach- 
zuweisen, dass  diese  Ansicht  eine  falsch«'  sei,  und  dass  jeder  einzelne 
Fall  von  Kindbettfieber  durch  Infectiou  entstehe.  In  Folge  der  Mass- 
nahmen, welche  ich  meiner  Ansicht  entsprechend  getroffen,  habe  ich 
in  Wien  durch  21  Monate,  im  St.  Rochus-Spitale  durch  sechs  Jahre, 
an  der  Klinik  zu  Pest  durch  ein  Jahr  keine  Epidemie  gehabt,  an  drei 
Anstalten,  welche  sonst  regelmässig  von  furchtbaren  Epidemien  heim- 
gesucht waren. 

„Die  zwei  Unglücksjahre,  welche  nun  folgten,  habe  ich  als  un- 
absichtliche  directe,  obwohl  traurige  Beweise  für  die  Richtigkeit 
meiner  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  im  „Orvosi 
Hetilap"  veröffentlicht 

...Man  hat  meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers 
in  Hinsicht  ihrer  wohlthätigen  Folgen  der  Jenner'schen  Kuhpocken- 
Impfung  gleichgestellt.  Ich  fühle  es  lebhaft,  wie  unbescheiden  es  i>t. 
dass  ich  so  etwas  von  mir  selbst  sage,  allein  der  Umstand,  dass  ge- 
rade meiner  Klinik  der  Vorwurf  grosser  Sterblichkeit  gemacht  wird, 
zwingt  mich  dazn.  Es  dürfte  daher  die  nach  neunjährigem  glänzen- 
den Erfolge  ohne  mein  Verschulden  auftretende  Sterblichkeit  an  der 
geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  in  einem  günstigeren  Lichte  er- 
scheinen.'4 

Ans  dieser  ofticiellen  Correspondenz  ersieht  der  Leser,  dass  die 
Sterblichkeit  unter  den  Wöchnerinnen  in  diesen  zwei  Jahren  dadurch 
veranlasst  war,  dass  zu  den  sonstigen  sanitätswidrigen  Verhältnissen 
der  Klinik  noch  unreine  Bettwäsche  dazukam. 

Die  Wäschereinigung  ist  einem  Pächter  übergeben,  welcher  ver- 
pflichtet ist,  wöchentlich  nur  einmal  die  unreine  Wäsche  gegen  reine 
auszutauschen;  die  Summe,  welche  für  die  Wäschereinigung  bezahlt 
wurde,  schien  den  entscheidenden  Behörden  zu  hoch,  und  es  wurde 
deshalb  für  das  Schuljahr  18567  eine  Minuendo-Licitation  ange- 
schrieben. 

Man  versteht  unter  einer  Minuendo-Licitation  diejenige,  bei  welcher 
nicht  derjenige  Pachter  die  Wäschereinigung  erhält,  welcher  Garantie 
bietet,  dass  er  sie  am  besten,  sondern  derjenige,  welcher  sie  am  billig- 
sten wäscht 

Dadurch  wurde  der  Preis  in  dem  Grade  herabgedrückt,  dass  es 
unmöglich  wai\  besonders  im  Winter  reine  Wäsche  zu  liefern,  durch 
Benützung  solch  schlecht  gereinigter  Bettwäsche  wurde  das  Kindbe&b- 
fteber  hervorgebracht  Nach  erstatteter  Anzeige  wurde  dem  früheren 
Pächter  um  den  früheren  Preis  wieder  die  Wäschereinigung  zugetheilt, 
und  in  Folge  dieser  Massrege]  den  häufigen  Erkrankungen  Einhalt 
gethan. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  uud  die  Prophylaxis  des  Kiudbettfiebers.        157 


Im  Schuljahre  1857  8  war  es  wieder  unreine  Bettwäsche,  welche 
die  grössere  Sterblichkeit  hervorbrachte,  aber  die  unreine  Wasche 
Würde  nicht  vom  Pächter  unrein  geliefert,  sondern  die  Wärterin  ver- 
abtfUunte  das  regelmässige  Wechseln  dir  Bettwäsche,  wodurch  das 
Blut  und  der  Lochialtiuss  eine  solche  Zersetzung:  einging,  dass  sie  das 
Kin«l I let.tlieber  hervorbrachten. 

Durch  gründliche  Reinigung  der  Bettgeräthe  und  Entlassung  der 
Wärterin  wurde  der  Sterblichkeit  Einhalt  gethan. 

Wir  haben  oben  gezeigt,  dass  die  grössere  Sterblichkeit  an  der 
ersten  geburtshilflichen  Klinik  zu  Wien  im  Vergleiche  zur  zweiten 
bedingt  war  durch  die  Cadavertheile,  welche  an  den  Händen  der 
Untersuchenden  klebten. 

Wir  haben  oben  gezeigt,  dass  im  Monat  October  1847  Jauche- 
tlieile  eines  verjauchenden  Medullarkrebses  der  Gebärmutter  das  Kind- 
bettfieber hervorgebracht  haben;  wir  haben  gezeigt,  dass  im  Monate 
November  1847  ein  Jauchetheile  exhalirendes  cariöses  Knie  das  Kind- 
bettfieber hervorgebracht  habe;  wir  haben  gezeigt,  dass  in  der  Gebär- 
abtheilung des  St.  Rochus-Spitals  die  verschiedenen  zersetzten,  thierisch- 
organischen  Stoffe,  welche  sich  so  reichlich  an  einer  chirurgischen 
Abtheilune;  vorfinden,  das  Kindbettfieber  hervorgebracht  haben. 

Innerhalb  zweier  Jahre  wurde  das  Kindbettfieber  an  der  geburts- 
hilflichen Klinik  zu  Pest  hervorgebracht  durch  zersetztes  Blut  und 
zersetzten  Wochentiuss,  mittelst  welchem  die  Leintücher  verunreinigt 
waren. 

Der  Träger  der  Cadavertheile,  der  Jauchetheile,  des  verjauchen- 
den Medullarkrebses  der  Gebärmutter,  der  zersetzten  organischen 
Stoffe  der  chirurgischen  Abtheilung   war  der  untersuchende  Finger, 

Träger  der  exhalirten  Jauchetheile  des  cariösen  Kniegelenkes  war 
die  atmosphärische  Luft,  der  Träger  des  zersetzten  Blutes  und  des 
zersetzten  Luchialtiusses,  welche  im  Schuljahre  1856  7  und  1857/8  das 
Kindbettfieber  an  der  geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  hervorgebracht. 
haben,  waren  die  Leintucher  und  die  atmosphärische  Luft,  weil  die 
Wöchnerinnen,  auf  solchen  Leintüchern  liegend,  ihre  durch  die  Geburt 
verletzten  Genitalien  mit  diesen  zersetzten  Stoffen  in  Berührung 
brachten,  und  weil  die  Exhalationen  dieser  Leintücher  mit  der  atmo- 
sphärischen Luft  in  die  Genitalien  der  Wöchnerinnen  eindrangen. 

Die  Chlorwaschuii^en  winden  innerhalb  der  drei  Jahre,  während 
welcher  ich  als  Vorstand  der  geburtshilflichen  Klinik  fungire,  sehr 
emsig  gemacht,  die  trotzdem  vorgekommene  Sterblichkeit,  von  2.„„ 
PerceniA  in  heile  im  Schuljahre  1856/7  und  von  4.05  Percent- Antheile 
im  Si  huljahre  18578  spricht  nicht  gegen  die  Erspriesslichkeit  der 
t'hlorwaschnngen.  weil  Chlor  Waschungen  nur  die  Hand  als  Träger  der 
zersetzten  thierisch-organischen  .Stoffe  von  denselben  befreien  können. 
auf   den    andern  der    zersetzten   thierisch-organischen   81 

nämlich  auf  die  Leintücher,  konnten  die  Chlorwaschungen  der  Hände 
keinen  Einfluss  üben. 

Der  Umstand,  dass  die  Kinder  der  am  Kindbettfieber  erkrankten 
Mutter  nicht  gleichzeitig  am   Kindbettfieber  erkrankten,  diente  als 

eis,  dass  die  Infection  nicht  während  der  Geburt  geschah,  sondern 
in  Wochenbette.     Ich  musste  daher  die  .Schüler  von  jeder  Schuld  frei- 

hen,  und  meine  Untersuchung  einzig  auf  die  Utensilien  des 
Wochenbettes  ausdehnen,  und  da  fanden  sich  nun  die  obenerwähnten, 
mit  zersetztem  Blut  uud  Lochialtiuss  verunreinigten  Leintücher. 


158  Semmel weia'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Wenn  meine  Ueberzeugung  dahin  geht,  dass  das  Kindbettfieber 
in  der  grossen  Mehrzahl  der  Fälle  durch  Aufnahme  eines  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoffes  von  aussen  entstehe,  und  wenn  den 
Wöchnerinnen  mittelst  Leintücher  zersetzte  Stoffe  von  aussen  einge- 
bracht werden,  und  in  Folge  dessen  das  Kindbettfieber  wirklich  ent- 
steht, so  sind  diese  Erkrankungsfälle  directe  Beweise  für  die  Richtig- 
keit meiner  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers. 

Im  Schuljahre  1857/8  wurden  die  äusseren  Genitalien  zweier  am 
Kindbettfieber  erkrankter  Individuen  gangränös.  Da  selbe  wegen 
Raummangel  unter  den  übrigen  Wöchnerinnen  liegen  bleiben  mussten, 
so  wurden  ihnen,  um  sie  so  viel  als  möglich  zu  isoliren,  von  zwölf  zu 
zwölf  Stunden  zwei  Hebammen-Schülerinnen  zur  Pflege  zugetheilt,  mit 
dem  Befehle,  kein  anderes  Individuum  zu  berühren,  trotzdem  wurde 
eine  so  Zugetheilte  ertappt,  als  sie  sich  eben  anschickte,  eine  neuan- 
gekommende  Kreissende  zu  untersuchen. 


Begriff  des  Kiiidbettfiebers. 


Geatötzt  auf  Erfahrungen ,  welche  ich  iunerhalb  15  Jahren  an 
drei  verschiedenen  Anstalten,  welche  sämmtlich  vom  Kindbettfieber  in 
hohem  Grade  heimgesucht  waren,  gesammelt  habe,  halte  ich  das  Kind- 
bettfieber, keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  für  ein  Resorptionsfieber, 
bedingt  durch  die  Resorption  eines  zersetzten  thierisch-orgauist lien 
Stolfes,  die  erste  Folge  der  Resorption  ist  die  Blutentniischung,  Folgen 
der  Blutentmischung  sind  die  Essudationen. 

Der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff,  welcher,  resorbirt,  das 
Kindbettfieber  hervorruft,  wird  in  der  überwiegend  grösstea  Mehrzahl 
■I'i  Fälle  den  Individuen  von  aussen  beigebracht,  und  das  ist  die 
Infection  von  aussen;  das  sind  die  Fälle,  welche  die  Kindbettfieber- 
Epidemien  darstellen,  das  sind  die  Fälle,  welche  verhütet  weiden 
können, 

In  seltenen  Fällen  wird  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff, 
welcher  resorbirt  das  Kindbettfieber  hervorruft,  innerhalb  der  Grenzen 
•les  ergriffenen  Organismus  erzeugt,  und  das  sind  die  Fälle  von  Selbst- 
infection,  und  diese  Fälle  können  nicht  alle  verhütet  werden. 

Die  Quelle,  woher  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  go- 
nommen  wird,  welcher,  von  aussen  den  Individuen  beigebracht,  das 
Kiudbettfieber  erzeugt,  ist  die  Leiche  jeden  Alters,  jeden  Geschlechtes, 
ohne  Rücksicht  auf  die  vorausgegangene  Krankheit,  ohne  Rücksicht 
ob  es  die  Leiche  einer  Wöchnerin  oder  einer  Nicht  Wöchnerin  ist,  nur 
der  Grad  der  Fäulniss  kommt  bei  der  Leiche  in  Betracht. 

ESa  waren  die  heterogensten  Leichen,  mit  welchen  sich  die  an 
der  ersten  Gebärklinik  Untersuchenden  beschäftigten. 

DSfl  Quelle,  woher  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  ge- 
nommen wird,  welcher,  von  aussen  den  Individuen  beigebracht,  das 
Kinilbettfieber  erzeugt,  sind  alle  Kranken  jeden  Alters,  jeden  Ge- 
schlechtes, deren  Krankheiten  mit  Erzeugung  eines  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoffes  einhersch  reiten,  ohne  Rücksicht,  ob  das  kranke 
Individuum  am  Kindbettfieber  leide  oder  nicht;  nur  der  zersetzte 
thierisch-organische  Stoff  als  Product  der  Krankheit  kommt  in  Be- 
llt. 

An  der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien  wurde  im  October  1847 
durch  einen  verjauchenden  Medullarkrebs  der  Gebärmutter  das  Kind- 
bettfieber hervorgebracht,  im  November  1847  durch  die  Exhalationen 
eines  cariösen  Kniegelenkes.  In  der  Gebärabtheilung  des  St  Rochus- 
Spitals   zu   Pest   waren    es    die    heterogensten    chirurgischen   Krank- 


160 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


heiten,  deren  jauchige  Produete  das  Kindbettfieber  hervorgebracht 
haben. 

Die  Quelle,  woher  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  ge- 
nommen wird,  welcher  von  aussen  den  Individuen  beigebracht,  das 
Kindbettfieber  erzeugt,  sind  alle  physiologischen  thierisch- organischen 
Gebilde,  welche  den  vitalen  Gesetzen  entzogen,  einen  gewissen  Zer- 
setzungsgrad  eingegangen  sind  •  nicht  das  was  selbe  darstellen,  sondern 
der  Grad  der  Fäulniss  kommt  in  Betracht. 

Im  Schuljahre  1856  7  und  1857/8  war  an  der  geburtshilflichen 
Klinik  der  Pester  medicinischen  Faeultät  physiologisches  Blut  \w<\ 
normaler  Wochen ttuss  das  aetiologische  Moment  des  Kindbettfiebers 
dadurch,  dass  selbe,  längere  Zeit  an  den  Leintüchern  klebend,  eine 
Zersetzung  eingingen. 

Der  Träger  der  zerstörten  thierisch- organischen  Stoffe  ist  der 
untersuchende  Finger,  die  operirende  Hand,  Instrumente,  Bettwäsche, 
die  atmosphärische  Luft,  Schwämme,  die  Hände  der  Hebammen  und 
Wärterinnen,  welche  mit  den  decomponirten  Excremenlen  schwer  er- 
krankter Wöchnerinnen  oder  anderer  Kranken  und  hierauf  wieder 
mit  Kreissenden  und  Neuentbundenen  in  Berührung  kommen,  Leib- 
si  jhüsseln,  mit  einem  Worte  Träger  des  zersetzten  tliierisch-orgauisehen 

us  ist  alles  das.  was  mit  einem  zersetzten  thierisch-organischen 
Stoffe  verunreinigt  ist,  und  mit  den  Genitalien  der  Individuen  in  Be- 
rührung kommt. 

Di«  Stelle,  wo  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  resorbirt 
wird,  ist  die  innere  Fläche  des  Uterus  vom  inneren  Muttermunde  an- 
gefangen nach  aufwärts.  Die  innere  Fläche  des  Uteras  vom  inneren 
Muttermunde  angefangen  nach  aufwärts  ist  in  Folge  der  Schwanger- 
schaft der  Schleimhaut  beraubt  und  stellt  so  eiue  ungemein  resoi  ptions- 
f&Mge  Flache  dar. 

Die  übrigen  Partien  der  Genitalien,  welche  von  Schleimhaut  aus- 
gekleidet sind,  n  smbiren  im  unverletzten  Znsrande  wegen  der  dicken 
Schichte  des  Epithelium  nicht,  durch  Wundwerden  kann  jede  Stelle 
der  Genitalien  zur  Resorptionsstelle  werden. 

Was  die  Zeit  der  Infection  anbelangt,  so  geschieht  selbe  während 
der  Schwangerschaft  wegen  dem  GeachloasenseiD  des  inneren  Mutter- 
mundes und  wegen  der  dadurch  bedingten  Unzugänglichkeit  der 
resorbirenden  inneren  Fläche  des  Uterus  selten. 

In  Fällen,  wo  der  innere  Muttermund  schon  während  der 
Schwangerschaft  geölinet  ist,  in  Folge  dessen  die  innere  resorbirende 
Fläche  des  Uterus  ZQg&nglg  wird,  kann  die  Infection  von  aussen 
schon  während  der  Schwangerschaft  entstehen;  in  der  Schwanger- 
schaft geschieht  die  Infection  von  aussen  auch  deshalb  selten,  weil 
trotz  des  offenen  inneren  Muttermundes  die  Aufforderung  mit  dem 
untersuchenden  Finger  bis  dorthin  vorzudringen  eine  seltenere  ist. 
Ich  habe  es  zwar  verabsäumt.  Xotate  zu  sammeln,  wie  oft  im  Jahre 
an  der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien  das  Kindbettfieber  während  der 
Schwangerschaft  entstand,  ich  glaube  aber  der  Wahrheit  nahe  zu  sein, 
wenn  ich  die  Zahl  20  annehme.  Durch  das  Kindbettfieber  wurde  die 
Schwangerschaft  immer  unterbrochen,  eine  Einzige  starb  wahrend 
der  Schwangerschaft  am  Kindbettfieber,  sie  wurde  von  mir  mittelst 
des  Kaiserschnittes  pott  mortem  zur  Rettung  des  Kindes  entbunden. 

Die  Zeit»  innerhalb  welcher  am  häufigsten  die  Infection  geschieht, 
ist  die  Erötfnungsperiode,  weil   da  nicht  blos  die  innere  Fläche  des 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  uiid  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebere.        Uli 


Uterus  zugängig  ist,  sondern  auch  die  Aufforderung,  mit  dem  unter- 
suchenden Finger  bis  dahin  vorzudringen,  behufs  der  Ermittlung  der 
Kindeslage,  der  Stellung  des  Kindes,  die  häufigste  ist. 

Beweis  dessen  sind  in  der  Zeit  vor  den  Chlorwaschungen  die- 
jenigen, bei  welchen  die  Eröiihungsperiode  zögernd  verlief,  beinahe 
ausnahmslos  sammtlich  am  Kindbettfieber  gestorben. 

In  der  Austreibungsperiode  wird  durch  den  vorrückenden  Kindes- 
theil die  innere  Fläche  des  Uterus  unzugängig  gemacht,  in  der  Aus- 
ungsperiode dürfte  daher  die  Infection  am  seltensten  geschehen. 

In  der  Nachgeburtsperiode  und  im  Wochenbette  wird  die  innere 
Fläche  des  Uterus  wieder  zugängig,  und  in  diesen  Zeiträumen  isi  äs 

liglich  die  in  die  Genitalien  eindringende  atmosphärische  Luft. 
welche  die  Infection  ermittelt,  wenn  selbe  mit  zersetzten  thierisch- 
organischen  .Stoffen  geschwängert  ist. 

Im  November  1847  war  die  Luft  eines  Wochenzimniers  der  ersten 
Gebärklinik  zu  Wien  mit  den  Exhalationen  eines  cariösen  Knie- 
gelenkes geschwängert,  die  so  geschwängerte  atmosphärische  Luft 
drang  in  die  klaffenden  Genitalien  der  Wöchnerinneu  und  erzeugte 
das  Kindbettfieber. 

In  der  Nachgeburtsperiode  und  im  Wochenbette  kann  die  In- 
fection auch  dadurch  vermittelt  werden,  dass  die  Wundflächen  der 
durch  den  Durchtritt  des  Kindes  verletzten  Genitalien  mit  Bett- 
geräthen  in  Berührung  kommen,  welche  mit  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoffen  verunreinigt  sind. 

Auf  diese  Weise  ist  in  dem  Schuljahre  1856.7  und  1857  8  an  der 
geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  durch  unreine  Leintücher  das  Kind- 
1 1 er i  Heber  entstanden. 

Der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff,  welcher  resorbirt  das 
Kindbettfieber  hervorbringt,  wird  in  seltenen  Fällen  den  Individuen 
nicht    von    aussen    beigebracht,    sondern    er   entsteht    innerhalb    der 

uzen  des  betroffenen  Individuums  dadurch,  dass  organische  Theile, 
welche  im  Wochenbette  ausgeschieden  werden  sollen,  vor  ihrer  Aus- 

idung  eine  Zersetzung  eingehen,  und  dann,  wenn  resorbirt,  das 
Kiiidbettfieber  durch  Selbstinfection  hervorrufen.  Diese  organischen 
Theile  sind  der  Wocheniluss  selbst,  Decidua-Reste,  Blutcoagula,  welche 
in  der  Uebärmuttei höhle  zurückgehalten  weiden  etc.  etc.  Oder  der 
zersetzte,  thierisch-organische  Stoff  ist  Product  eines  pathologischen 
Processes,  /.  B.  in  Folge  einer  foirirten  Zangenoperation  werden  in 
Folge  der  Quetschung  Partien  der  Geschlechtstheile  gangränös,  die 
gangränösen  Theile  aber,  wenn  resorbirt,  erzeugen  das  Kindbettfieber 
durch  Selbstinfection. 

Wenn  wir  das  Kindbettfieber  für  ein  Resorptionsfieber  erklären, 
welches  bedingt  ist  durch  die  Aufnahme  eines  zersetzten  tbierisch- 
organischen  Stoffes,  wo  in  Folge  der  Resorption  eine  Blutentmischung 
eintritt,  und  in  Folge  der  Blutentmischung  die  Exsndationen,  so  ist 
das  Kindbettfieber  keine  der  Wöchnerin  eigenthämlich  und  aus- 
schliesslich zukommende  Krankheit,  weil  in  Folge  der  Resorption 
eines  zersetzten  thierisch-orgauischen  Stoffes  diese  Krankheit  in  der 
Schwangerschaft,  während  der  Geburt  entstehen  kann;  wir  haben 
diese  Krankheit  als  mitgetheilte  bei  den  Neugeborenen,  und  zwar 
ohne  Unterschied,  ob  Knabe  oder  Mädchen,  gefunden.  Diese  Krank- 
heit haben  wir  kei  Kolletschka  angetroffen,  wir  finden  selbe  in 
Folge    von  Resorption    eines  zersetzten   thierisch-organisehen  Stoffes 

ScniiieLveis'  reumrnelte  Werke  11 


162 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


bei    Anatomen,    Chirurgen,    bei    Operirten    an    chirurgischen    Ab- 
theilungen etc. 

Das  Kindbettfieber  ist  demnach  keine  Krankheitsspecies,  das 
Kindbettfieber  ist  eine  Varietät  der  Pyaemie. 

Mit  dem  Ausdrucke  Pyaemie  werden  verschiedene  Begriffe  ver- 
bunden, es  ist.  deshalb  nöthig  zu  erklären,  was  ich  unter  Pyaemie 
verstehe.  Ich  verstehe  unter  Pyaemie  das  durch  den  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoff  entmischte  Blut. 

Eine  Varietät  der  Pyaemie  nenne  ich  das  Kindbettfieber  deshalb, 
weil  bei  der  Pyaemie  der  Schwangern,  Kreissenden  und  Wöchnerinnen 
Formen  in  der  Genitalsphäre  vorkommen,  welche  bei  Nichtschwangeren, 
Niditkreissenden,  NichtWöchnerinnen  nicht  vorkommen;  der  Anatom, 
der  Chirurg,  welcher  an  Pyaemie  stirbt,  kann  keine  Endometritis  be- 
kommen etc.  etc. 

Das  Kindbettfieber  ist  keine  contagiöse  Krankheit.  Unter  einer 
contagiöseii  Krankheit  versteht  man  diejenige,  die  das  Contagium, 
durch  welches  es  fortgepflanzt  wird,  selbst  erzeugt,  und  dieses  Con- 
tagium  bringt  in  einem  anderen  Individuum  nur  wieder  dieselbe 
Krankheit  hervor.  Blattern  sind  eine  contagiöse  Krankheit,  weil 
Blattern  das  Contagium  erzeugen,  durch  welches  in  einem  anderen 
Individuum  wieder  Blattern  erzeugt  werden.  Blattern  bringen  bei 
einem  anderen  Individuum  nur  wieder  Blattern  und  keine  andere 
Krankheit  hervor.  Scharlach  kann  man  z.  B.  von  einem  Blattern- 
kranken  nicht  bekommen;  so  wie  umgekehrt  eine  andere  Krankheit 
nie  Blattern  hervorbringen  kann ;  z.  B.  ein  Seharlachkranker  kann  bei 
anderen  Individuen  keine  Blattern  hervorbringen. 

Nicht  so  verhält  sich  die  Sache  beim  Kindbettfieber;  dieses  Fieber 
kann  bei  einer  gesunden  Wöchnerin  hervorgerufen  werden  durch 
Krankheiten,  weiche  nicht  Kindbettfieber  sind;  so  sahen  wir  dieses 
Fieber  an  der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien  entstehen  durch  einen  ver- 
jauehenden  Medullarkrebs  der  Gebärmutter,  eben  so  durch  die  Ex- 
halationen  eines  cariösen  Kniegelenkes;  wir  sahen  das  Kindbettfieber 
an  der  ersten  Gebärklinik  entstehen  durch  Cadavert heile,  welche  von 
den  heterogensten  Leichen  herrührten.  Wir  sahen  das  Kindbettfieber 
in  der  Gebärabtheilung  des  St.  Rochus-Spitals  entstehen  durch 
setzte  Stulle,  welche  von  einer  chirurgischen  Abtheilung  herrührten 
etc.  etc. 

Das  Kindbettfieber  kann  aber  von  einer  am  Kindbettfieber  er- 
krankten Wöchnerin  auf  eine  gesunde  nicht  übertragen  werden,  wenn 
nicht  ein  zersetzter  thierisch-orgamscher  Stoff  übertragen  wird.  Z.  B.: 
Eine  Wöchnerin  ist  an  heftigem  Puerperalfieber  erkrankt;  wenn  das 
Puerperalfieber  unter  Formen  verläuft,  welche  nicht  mit  Erzeugung 
eines  ersetzten  Stoffes  nach  aussen  ein  herschreitet,  so  ist  dieses  Kind- 
bettfieber anf  eine  gesunde  Wöchnerin  nicht  übertragbar;  wenn  aber 
das  Kindbettfieber  unter  Formen  verläuft,  welche  mit  Erzeugung  eiues 
zersetzten  Stoffes  nach  aussen  einhersch reitet,  so  ist  dieses  Kindbett- 
fieber auf  eine  gesunde  Wöchnerin  übertragbar;  z.  B.  eine  Wöchnerin 
ist  am  Puerperalfieber  erkrankt,  es  ist  septische  Endometritis,  es  sind 
vei  j,uie|n  mle  Met usiaseii  vorhanden ,  von  dieser  Wöchnerin  ist  das 
Kindbettfieber  auf  gesuude  übertragbar. 

Daraus  ist  es  zu  erklären,  warum  der  Streit,  ob  das  Kindbett- 
fieber contagiöa  sei  oder  nicht,  nie  zur  endgiltigen  Entscheidung  ge- 
bracht werden  konnte,  weil  die  Contagionisten  Fälle  anführen  konnten. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        163 


'ah  die  Verpflanzung  des  Kindbettfiebers  von  einer  kranken  Wöchnerin 
auf  eine  gesunde  nicht  geläugnet  werden  konnte.  Und  die  Gegner 
der  <  oiirairiosität  konnten  eben  so  Fälle  anführen,  in  denen  die  Ver- 
pflanzmig  des  Kindbettfiebers  unter  Umständen  nicht  geschehen  ist, 
un  es  doch  hätte  geschehen  müssen,  falls  das  Kindbettiieber  eine  con- 
tagiöse  Krankheit  gewesen  wäre. 

Das  Kindbettiieber  ist  keine  cnntagiöse  Krankheit,  aber  das  Kind- 
bettfiebei  ist  eine  von  einer  kranken  Wöchnerin  auf  eine  gesunde 
Wöchnerin  übertragbare  Krankheit  durch  Vermittlung  eines  zersetzten 
th  ierisch-organischen  Stoffes. 

Nach  dem  Tode  ist  jede  Leiche  einer  Puerpera  eine  Quelle  des 
zersetzten  Stoffes,  welcher  das  Kindbettfieber  hervorruft,  es  kommt  bei 

Leiche  einer  Puerpera  wie  bei  allen  übrigen  Leichen  nur  der 
Fan  Inisgrad  in  Betracht. 

Wenn  wir  die  Behauptung  aufstellen,  dass  in  der  überwiegend 
gröfisten  Mehrzahl  der  Fälle  das  Kindbettfieber  durch  eine  Infection 
von  aussen  entstehe,  und  dass  diese  Fälle  verhütet  werden  k  iinen. 
und  dass  nur  in  der  Minderzahl  der  Fälle  das  Kindbettfieber  durch 
unverhiitbare  Selbstinfection  entstehe,  80  entsteht  nun  die  Frage,  wenn 
alle  Todesfälle  abgerechnet  werden,  welche  im  Wochenbette  sich  er- 
eignen, aber  nicht  durch  das  Kindbettfieber  bedingt  waren,  und  wenn 
in  Folge  getroffener  Massregeln  alle  Fälle  von  Infection  von  aussen 
verhütet  werden,  wie  viele  Wöchnerinnen  werden  dann  noch  immer 
in  Folge  von  .Selbstinfection  sterben? 

Auf  diese  Frage  kann  ich  bis  jetzt  mit  Zahlen  deshalb  nicht 
:mrwni  irii.  weil  die  drei  Anstalten,  in  welchen  ich  meine  Beobach- 
tungen gemacht,  nicht  den  Anforderungen  entsprechen,  welche  wir  in 
der  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers  an  ein  Gebärhaus  stellen  werden, 
soll  es  gelingen,  sämmtliche  Fälle  von  Infection  von  aussen   zu  ver- 

n.     Oder  mit  andern  Worten:   die   drei  Gebärhäuser,   in   welchen 
ich  meine  Beobachtungen   gemacht,  sind   derart  beschatten,   da- 
nicht  möglich  war,  immer  alle  Fälle  von  Infection  von  aussen  zu  ver- 
hüten. 

Das  Gesuch,  welches  ich  früher  theil weise  mitgetheilt.  hat  den 
Zweck,  mir  zu  einem  innen  Gebärhause  zu  verhelfen,  welches  der 
Anforderung  entspricht,  die  ich  später  in  der  Prophylaxis  des  Kind- 
bettfiebers an  ein  Gebärhaus  stellen  werde,  wenn  es  gelingen  soll, 
B&mmtUche  Fälle  von  Infection  von  aussen  zu  verhüten. 

Falls  meiuem  Gesuche  Folge  gegeben  wird,  und  ich  durch  eine 
längere  Reihe  von  Jahren  in  einem  derart  beschaffenen  Gebärhause 
werde  Beobachtungen  angestellt  haben,  wird  es  mir  möglich  sein,  die 
X;ihl  der  Fälle  von  unverhütbarer  Selbstinfection  zu  bestimmen.  Sollte 
aber  meinem  Gesuche  keine  Folge  gegeben  werden,  und  sollte  ich  in 
ntiinen  gegenwärtigen  Localitäten,  welche  jeder  Sanitätsvorschrift 
Hohn  sprechen,  verbleiben  müssen,  so  muss  ich  auf  die  Ermittlung 

t  Zahl  verzichten,  und  es  einem  Gol legen  überlassen,  der.  glück- 
licher als  ich,  ein  Gebärhaus  leitet,  welches  den  Anforderungen  der 
Prophylaxis  des  Kindbettfiebers  entspricht. 

Für  jetzt  glaube  ich  als  Massstab  für  die  Zahl  der  vorkommen  d>n 
Fälle  von  unverhütbarer  Selbstinfection  die  Rapporte  des  Wiener 
Gebärhauses  gelten  zu  lassen  aus  jener  Zeit,  in  weicher  die  Medicin 
in  Wien  noch  der  anatomischen  Grundlage  entbehrte. 


164 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiudbettfieber. 


Im  vorigen  Jahrhundert  und  in  den  ersten  Deeennien  des  gegen- 
wärtigen Jahrhunderts  kommen  25  Jahre  vor,  in  welchen  auch  nicht 
eine  Wöchnerin  von  100  "Wöchnerinnen  starb.    »Siehe 


17*7 
1788 
1789 

17'JO 
1791 

1792 
1794 
1797 
1798 
1799 
1801 
1802 
1803 
1804 
1805 
1806 
1807 
1808 
1810 
1812 
1815 
1816 
1817 
1822 


Tabelle  Nr.  X7III. 

11  .-.1 

Individuen,  davon   starben     5. 

1407 

, 5, 

1425 

„         .       1      £ 

1240 

i. 

1326 

;,      n    ™. 

1395 

1           8, 

1574 

„         14. 

1768 

, 1 

2012 

n              »•           h          &. 

2046 

&, 

2067 

20, 

2106 

l        17, 

2346 

q 

2215 

lö, 

2022 

,!               ü                      8, 

2112 

»i                    »'               i>»             "r 

ist;, 

„         13, 

928 

| 

Bfifi 

i 

744 

l      ü     ,;    6, 

141!+ 

9, 

2591 

19, 

2410 

12, 

273Ö 

n        25, 

3066 

„         26, 

also  nicht    1    von  800 

„  1  von  300 

„  1  vou  300 

,,  1  von  200 

,,  beinahe  1  von  100 

„  etwaa  mehr  als  1 

von  200 

..  nicht   1    vou  100 

„  nicht    1    von  200 

„  1  vou  400 

„  1  von  400 

„  beinahe  1  von  100 

„  nicht    1    von  100 

,,  nicht   1   von  200 

„  nicht   1    von  100 

„  nicht  1   von  2C0 

„  nicht   1    von  200 

„  nicht    1   vou  100 

„  nicht   1   von  100 

„  nicht   1   von  100 

„  nicht    1    von  100 

„  nicht   1   von  100 

„  nicht   1  vou  10«) 

„  nicht   1   von  200 

„  nicht   1    von  100 

„  nicht   1  von  100 


Aus  diesen  Rapporten  ersieht  der  Leser,  dass  zur  Zeit,  als  die 
Medicin  in  Wien  noch  der  anatomischen  Grundlage  entbehrte,  inner- 
halb zwei  Jahren  eine  Wöchnerin  von  400  Wöchnerinnen  starb. 
Innerhalb  zwei  Jahren  starb  eine  Wöchnerin  von  300  Wöchnerinnen. 
Innerhalb  acht  Jahren  starb  eine  Wöchnerin  von  200  Wöchnerinnen 
und  innerhalb  13  Jahren  starb  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchne- 
rinnen. 

Gestützt  auf  diese  Rapporte  können  wir  daher  die  Frage,  wie 
viele  Wöchnerinnen  werden  immer  in  Folge  un verhütbarer  Selbstin- 
fection  sterben?  dahin  beantworten,  dass  in  Folge  unverhütbarer 
Selbst infection  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  stirbt. 

Diese  so  geringe  Sterblichkeit,  welche  die  Rapporte  des  Wiener 
Gebärhauses  ausweisen,  ist  vielleicht  noch  nicht  die  möglichst  kleinste, 
weil  möglicherweise  von  den  verstorbenen  Wüchnei  innen  einzelne  nicht 
am  Kindbettfieber,  sondern  an  einer  andern  Krankheit  starben,  und 
es  konnten  ja  auch  damals  Fälle  von  Infection  von  aussen  dadurch 
entstehen,  dass  durch  das  Personal  des  Gebärhauses  die  Jauche  von 
einer  kranken  Wöchnerin  auf  gesunde  übertragen  wurde.  Dass  das 
wirklich  geschehen  ist,  beweisen  ebenfalls  die  Rapporte  des  Wiener 
Gebärhauses  aus  der  Zeit,  wo  die  Medicin  in  Wien  noch  der  ana- 
tomischen Grundlage  entbehrte,  weil  auch  damals  die  Sterblichkeit 
bis  auf  vier  von  100  stieg. 

Das  Wiener  Gebärhaus  wurde  eröffnet  1784;  innerhalb  39  Jahre, 
nämlich  bis  zum  Jahre  1823,  kommen  25  Jahre  vor,  innerhalb  welchen 


Die  Aetiulogie,  der  Begriff  tmd  die  Prophylaxis  des  Kiudbettäebers,        165 

auch  nicht  eine  Wöchnerin  von  hundert  gestorben  ist.  Innerhalb 
sieben  Jahren  ist  eine  Wöchnerin  von  hundert  gestorben,  innerhalb 
tun  f  Jahren  sind  zwei  von  hundert  gestorben,  innerhalb  eines  Jahres, 
nämlich  1814,  sind  drei  von  hundert  gestorben ,  und  innerhalb  eines 
Jahres,  nämlich  1819,  sind  vier  von  hundert  gestorben. 

Wenn  wir  die  25  Jahre,  innerhalb  welchen  auch  nicht  eine 
Wöchnerin  von  hundert  im  Wiener  Gebärhause  gestorben  ist,  als 
Massstab  für  die  Zahl  der  Fälle  von  Selbstinfection  annehmen,  ein- 
gedenk der  beiden  oben  angeführten  Bedenken,  dass  auch  diese  Zalil 
möglicherweise  noch  Fälle  von  Infection  von  aussen  in  sich  schliesse, 
ihm  wenn  wir  diesen  Massstab  an  die  Resultate  anlegen,  welche  wir 
durch  unsere  Massregeln  zur  Verhütung  des  Puerperalfiebers  an  drei 
verschiedenen  Anstalten ,  welche  sämmtlich  vom  Puerperalfieber  in 
hohem  Grade  heimgesucht  waren,  erzielten;  so  zeigt  sich,  dass  es  nicht 
immer  gelungen  ist,  die  Zahl  der  Erkrankungen  auf  die  Fälle  von 
unverhütbarer  Selbstinfektion  zu  beschränken,  sondern  dass  zeitweise 
Falle  von  Infection  von  aussen  vorkommen. 

In  den  letzten  sieben  Monaten  des  Jahres  1847  starben  trotz  der 
rhloi wasc-lumgen  von  1841  Wöchnerinnen  r>6,  also  3.M  Percent-An- 
t  heile. 

Im  Jahre  1848,  wo  das  ganze  Jahr  hindurch  die  Chlorwaschungen 
geübt  wurden,  starben  von  3780  Wöchnerinnen  45,  also  1.10  Percent- 
Antheile. 

Im  Jänner  und  Februar  1849  starben  von  801  Wöchnerinnen  21, 
also  2„j  Percent-Antheile. 

Wenn  wir  aber  die  einzelnen  Monate  berücksichtigen,  so  ist  es 
nur  während  sieben  Monaten  des  Jahres  1848  gelungen,  die  Todes- 
fälle auf  die  Fälle  von  Selbstinfection  zu  beschränken,  indem  im  März 
1848  von  276  und  im  August  1848  von  261  Wöchnerinnen  keine  ein- 
zige starb,  während  fünf  Monaten  starb  nicht  eine  Wöchnerin  von 
hundert. 


Februar : 

Wöchnerinnen     291, 

Todte     2  =  0.fl8 

April: 

305, 

»         2  =  0.a5 

Mai : 

313, 

„         o  —  U.0B 

Juli: 

209, 

i=o.a7 

September : 

312, 

w         3  —  0.öa 

Die  Ursache,  dass  es  nicht  immer  gelungen  ist,  an  der  ersten 
ii.  Ii.iiklinik  zu  Wien  die  Todesfälle  auf  die  Fälle  von  Selbstinfection 
zu  beschränken,  liegt  darin,  dass  die  erste  Gebärklinik  durchaus  nicht 
so  beschaffen  ist,  wie  wir  es  in  der  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers 
von  einem  Gebärhause  verlangen  werden,  soll  es  gelingen,  die  Todes- 
fälle auf  die  unverhütbaren  Fälle  von  Selbstinfection  zu  beschränken. 
Xebstdem  waren  wir  selbst  in  der  ersten  Zeit  unserer  neuen  Ueber- 
zeugungen  noch  so  unbewandert,  dass  wir  uns  im  Monate  October  1847 
nach  der  Untersuchung  eines  verjauchenden  Medullarkrebses  der  Ge- 
bärmutter nicht  in  einer  Chlorkalklösung  wuschen.  Wir  waren  in 
der  ersten  Zeit  unserer  neuen  Ueberzeugnngen  noch  so  unbewandert, 
dass  wir  im  Monate  November  1847  die  Wöchnerin  mit  einem  ver- 
jauchenden cariösen  Knie  nicht  von  den  übrigen  Wöchnerinnen  ab- 
sonderten, dadurch  haben  wir  zahlreiche  Fälle  von  Infection  von  aussen 
veranlasst,  wie  wir  dies  am  entsprechenden  Orte  erzählt. 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Im  St.  ßoclms-Spitale  zu  Pest  haben  wir  innerhalb  sechs  Jahren 
von  953  Wöchnerinnen  acht  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber  ver- 
loren. Diese  acht  Todesfalle  sind  nicht  blos  Fälle  von  Selbstinfection ; 
von  einem  Falle  ist  es  constatirt,  dass  ihn  ein  chirurgischer  Secun- 
daria! nach  der  Section  eines  verstorbenen  Mannes  veranlasste,  und 
dass  unter  den  sieben  übrigen  vielleicht  auch  noch  ein  oder  der  andere 
Fall  von  lnfection  von  aussen  sein  könne,  wird  der  Leser  glaub- 
würdig finden,  wenn  ich  ihm  nochmals  erinnere,  dass  sämnitliche  sechs 
Fenster  des  Gebärhauses  in  den  Leichenhof  münden,  und  durch  Luft- 
strömungen in  der  Richtung  zu  den  Fenstern  des  Gebärhauses  leicht 
in  die  Zimmer  des  Gebärhauses  zersetzte  Stoffe  des  Leichenhofes  ge- 
langen konnten,  welche,  in  die  Genitalien  der  Wöchnerinnen  dringend, 
das  Kindbettfieber  hervorbringen  konnten. 

An  der  geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  verlor  ich  im  ersten 
Jahre  meiner  Wirksamkeit  von  514  Wöchnerinnen  zwei  am  Kindbett- 
fieber. Im  zweiten  Jahre  von  551  Wöchnerinnen  16  am  Kindbett- 
fieber, Im  dritten  Jahre  von  449  Wöchnerinnen  18  am  Kindbett- 
fieber. Die  grössere  Sterblichkeit  der  beiden  Jahre  waren  Infectionsfälle 
von  aussen,  bedingt  durch  unreine  Leintücher. 


Aetiologie. 


Wir  haben  bei  Bestimmung  des  Begriffes  des  Kindbettfiebers 
unsere  Ueberzeugung  dahin  ausgesp rochen,  dass  jedes  Kiudbettfieber, 
keinen  einzigen  Fall  von  Kindbettfieber  ausgenommen,  durch  die 
fiesorptiun  eines  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes  entstehe. 
Wir  habeu  behauptet,  dass  dieser  zersetzte  thierisch-organische  Stoff, 
welcher  resorbirt  das  Kindbettfieber  hervorbringt,  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  den  Individuen  von  aussen  beigebracht  werde,  und  dass 
nur  in  der  Minderzahl  der  Fälle  der  zersetzte  thierisch-organische 
Stoff,  welcher  resorbirt  das  Kindbettfieber  hervorbringt,  innerhalb  der 
Grenzen  des  ergriffenen  Individuums  entstehe. 

Für  uns  ist  daher  nur  dasjenige  ein  aetiologisches  Moment  des 
Kindbettfiebers,  welches  einen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff 
den  Individuen  von  aussen  beibringt ;  für  uns  ist  daher  nur  dasjenige 
ein  aetiologisches  Moment  des  Kindbett fiebers,  welches  einen  zer- 
setzten thieriscb-organischen  Stoff  in  den  Individuen  entstehen  macht, 

Wh  haben  früher  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kindbettfiebers 
in  ihrer  Anwendung  zur  Erklärung  des  Plus  der  Sterblichkeit  an  der 
ersten  Gebärklinik  zu  Wien  im  Vergleiche  zur  zweiten  einer  Prüfung 
unterzogen. 

Hier  ist  der  Ort,  die  bisher  gütige  Aetiologie  des  Kindbetttiebers 
einer  Prüfung  zu  unterziehen,  in  wie  lerne  selbe  den  Individuen  einen 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  von  aussen  beibringt;  hier  ist 
der  Ort,  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  einer  Prüfung 
zu  unterziehen,  in  wie  ferne  selbe  in  den  Individuen  einen  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoff  entstehen  macht. 

Wir  werden  von  der  bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindbett- 
fiebers nur  dasjenige  als  aetiologisches  Moment  des  Kindbettfiebers 
gelten  lassen,  was  den  Individuen  einen  zersetzten  thierisch-organischen 
stofivon  aussen  beibringt;  wir  werden  von  der  bisher  giltigen  Aetio- 
logie des  Kindbettfiebers  nur  dasjenige  als  aetiologisches  Moment  des 
Kindbettfiebers  gelten  lassen,  welches  in  den  Individuen  ein  zer- 
setzter thierisch-organischer  Stoff  entstehen  macht 

Alles  dasjenige  der  bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindbettfiebers, 
was  weder  den  Individuen  von  aussen  einen  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stotif  beibringt,  noch  einen  zersetzten  thierisch-organischen 
Stoff  in  den  Individuen  erzeugt,  alles  dasjenige  der  bisher  giltigen 
Aetiologie  des  Kindbettfiebers  werden  wir  nicht  als  aetiologisches 
Moment  des  Kindbettfiebers  anerkennen. 

Es  ist  heute  die  verbreitetste  Ueberzeugung  der  Aerzte,  dass  das 


]liS  Semmelweia'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Kindbettfieber  in  einer  Blutentmischung  bestehe,  und  dass  die  ana- 
tomischen Prodncte  des  Kindbettfiebers  nur  Ausscheidungen  des  ent- 
mischten BJutes  seien.     Diese  Ueberzeugung  theile  auch  ich. 

Als  Ursachen,  welche  diese  Blutentmischung  veranlassen,  werden 
epidemische,  endemische  Einliüsse,  Gemüthsaffecte,  Diätfehler,  Er- 
kaltung etc.  etc.  beschuldigt. 

M»  ine  Ueberzeugung  ist,  dass  die  Blutentmischung,  keinen  ein- 
zigen Fall  ausgenommen,  bedingt  wird  durch  die  Resorption  eines 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoßes,  welcher  den  Individuen  ent- 
weder von  aussen  beigebracht  wird,  Infectionsfälle  von  aussen,  oder 
welcher  in  dem  ergriffenen  Individuen  entstanden  ist,  Fälle  von  Selbst- 
infection.  Mit  dieser  Ueberzeugung  ausgerüstet,  wollen  wir  nun  zur 
Beurtheilung  der  bisher  gütigen  Aetiologie  des  Kindbettfiebers 
schreiten. 

Wir  werden  nur  das  als  aetiologisches  Moment  des  Kindbett- 
liehers  selten  lassen,  was  den  Individuen  entweder  einen  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoff  von  aussen  beibringt,  oder  was  in  dem 
Individuum  einen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entstehen 
macht,  welcher,  wenn  resorbirt,  die  Blutentmischung  bei  den  Indi- 
viduen hervorruft 

Wir  wollen  mit  den  epidemischen  Einflüssen  beginnen,  und  sprechen 
unsere  unerschütterliche  Ueberzeugung  dahin  aus,  dass  es  keine  fljjf- 
demisehen  Einflüsse  gibt,  welche  d;is  k' indbet.trie.ber  hervorzubringen 
im  Stande  wären,  und  dass  es  nie  epidemische  Ursachen  des  Kind- 
bettfiebers gegeben  hat,  und  dass  die  endlose  Reihe  der  Epidemien. 
wie  solche  in  der  medicinischen  Literatur  aufgezählt  werden,  säromt- 
lich  verhütbare  Infectionsfälle  von  aussen  waren,  d.  h.  sämmtliche 
Erkrankungen  dadurch  entstanden,  dass  den  Individuen  ein  zersetzter 
thierisch-organischer  Stoff  von  aussen  eingebracht  wurde. 

Die  Gründe,  welche  mir  den  Muth  geben,  einer  so  viele  Jahr- 
hunderte alten  Ueberzeugung  zu  widersprechen,  sind  folgende: 

Allen  Gründen  voran  steht  als  unerschütterlicher  Fels,  auf 
welchem  ich  das  Gebäude  meiner  Lehre  über  das  Kindbettfieber  auf- 
gebaut, das  Factum,  dass  es  mir  durch  meine  Massregeln  gelungen 
ist,  vom  Mai  1847  angefangen  bis  zum  heutigen  Tage,  den  19.  April 
1859,  also  durch  zwölf  Jahre,  an  drei  verschiedenen  Anstalten,  welche 
früher  alljährlich  von  furchtbaren  sogenannten  Kindbettfieber-Epide- 
mien heimgesucht  waren,  das  Kindbettfieber  in  dem  Grade  auf  ein- 
zelne Fälle  zu  beschranken,  dass  selbst  der  hartnäckigste  Vertheidiger 
des  epidemischen  Kindbettfiebers  dies  keine  Epidemie  nennen  kann. 
Und  wenn  ja  manchmal  die  Zahl  der  Todesfälle  sich  mehrte,  so 
konnte  nachgewiesen  werden,  dass  die  zahlreicheren  Todesfälle  nicht 
durch  epidemische,  d.  h.  atmosphärische,  cosmische,  tellnrische  Ein- 
flüsse bedingt  waren,  sondern  immer  war  es  ein  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoff,  welcher  trotz  meiner  Massregeln  den  Individuen 
beigebracht  wurde. 

Ein  durch  atmosphärische,  cosmisch-tellurische  Einflüsse  bedingtes 
Puerperalfieber  ist  unverhütbar,  hinter  diese  Unverhütbarkeit  ver- 
schanzen sich  die  Epidemiker,  um  jeder  Verantwortung  wegen  den 
Verheerungen  des  Kindbettfiebers  überhoben  zu  sein.  Und  ich  .selbst 
bekenne  meine  Ohnmacht  atmosphärisch-cosmisch-tellurischen  Ein- 
flüssen gegenüber,  ich  weiss  nicht,  was  zu  thun,  um  die  verderblichen 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  iiml  die  Prophylaxis  de«  Kimlbeitfiebera,        169 

"Wirkuntren  der  atmosphäriseh-eosmiseh-tellurischen  Einflüsse  von  den 
Wöchnerinnen  fem  zu  halten. 

Wenn  es  mir  dennoch  gelungen  ist,  die  für  unverhütbar  gehaltene 
Ki  auklieit  zu  verhüteu,  so  ist  der  Beweis  geliefert,  dass  diese  Krank- 
heit nicht  durch  un verhütbare  atmospli:ii  isrh-eosmisch-tellurische  Ein- 
flüsse bedingt  war,  dadurch  ist  der  Beweis  geliefert,  dass  die  Krank- 
heit durch  eine  entfern  bare  Ursache  bedingt  war,  und  diese  entfern« 
bare  Ursache  ist  ein  zersetzter  tliinis<  h-mganischer  Stoff. 

Für  mich  ist  die  grosse  Sterblichkeit,  auf  welche  die  Epidenüker 
(I enteil,  um  die  Existenz  der  epidemischen  Einflüsse  zu  beweisen,  kein 
Beweis,  dass  es  epidemische  Einflüsse  gibt,  weil  ich  sage,  nicht  epi- 
demische Einflüsse  haben  diese  Sterblichkeit  veranlasst,  sondern  zer- 
>i  i/.te  thierisch-organische  Stoffe  waren  es,  die  ihr  nicht  von  den 
Individuen  fern  hieltet,  welche  diese  Sterblichkeit  veranlassten;  aber 
die  kleine  Sterblichkeit  an  den  Anstalten,  an  welchen  ich  wirke,  muss 
ein  Beweis  für  die  Epidemiker  sein,  tarn  es  keine  epidemischen  Ein- 
flüsse gibt,  weil  ich  den  Epidemikern  hier  nochmals  erkläre,  dass  ich 
das  Geheimniss  nicht  enträthselt  habe,  wie  die  epidemischen  Einflüsse 
unschädlich  zu  machen  seien,  und  dass  ich  die  geringe  Sterblichkeit, 
wie  ich  selbe  eben  durch  zwülf  Jahre  an  drei  verschiedenen  An- 
stalten, welche  früher  alljährlich  von  sogenannten  Kindbettfieber- 
Epidemien  heimgesucht  waren,  eben  nur  dadurch  erzielte,  dass  mein 
streben  dahin  ging,  zersetzte  thierisch-organische  Stoffe  von  den 
meiner  Pflege  anvertrauten  Individuen  fern  zu  halten,  und  nicht  da- 
durch, dass  es  mir  gelungen  wäre,  die  epidemischen  Einflüsse  nu- 
ll ich  zu  machen. 

Ich  habe  schon  früher  darauf  hingedeutet,  dass  das  Erkranken 
und  sterben  vieler  Individuen,  an  derselben  Krankheit,  in  einer  be- 
stimmten Zeit  nicht  den  Begriff  der  Epidemie  gibt:  denn  sonst  wäre 
eine  jede  Schlacht  eine  Epidemie,  in  einer  jeden  Schlacht  erkranken 
und  sterben  ja  auch  viele  Individuen,  an  derselben  Krankheit,  in 
einer  bestimmten  Zeit.  Den  Begritf  der  Epidemie  geben  die  Ursachen, 
welche,  unabhängig  von  der  Zahl,  das  Kindbettfieber  hervorgebracht 
haben,  und  nur  dasjenige  Kindbettfieber  wäre  ein  epidemisches,  welches 
durch  atmosphärisch-cosmisch-tellurische  Einflüsse  bedingt  wird. 

Nach  Voransschickung  dieses  wichtigsten  aller  Gründe,  wollen 
wir  nun  den  früher  gewählten  Massstab  an  die  epidemischen  Ein- 
flüsse anlegen. 

Dass  durch  epidemische  Einflüsse  den  Individuen  kein  zersetzter 
iliit-iis-li-organischer  Stoff  von  aussen  eingebracht  wird,  ist  an  und 
für  sich  klar  und  benöthigt  keines  Beweises. 

Aber  es  ist  denkbar,  dass  es  atmosphärisch-cosmisch-tellurische 
Einflüsse  gebe,  welche  machen,  dass  in  einer  bestimmten  Zeit  in 
vielen  Individuen  ein  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff  entstehe, 
welcher  dann  resorbirt  durch  Selbstinfection  das  Kindbettfieber 
hervorbringe  und  ein  derart  entstandenes  Kindbettfieber  wäre  aller- 
dings ein  epidemisches. 

Dass  dieses,  was  wir  für  denkbar  halten,  in  der  Wirklichkeit  sich 
aber  nicht  zutrage,  dafür  sprechen  folgende  Gründe: 

Wenn  das  Kindbettfieber  durch  epidemische  Einflüsse  erzeugt 
werden  könnte,  so  müsse  selbes,  wie  wir  dies  auch  bei  anderen  epi- 
demischen Krankheiten  sahen,  an  eine  bestimmte  Jahreszeit  gebunden 


170 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


sein,  weil  es  nicht  denkbar  ist,  dass  entgegengesetzte  atmosphärische 
Einflüsse  dieselbe  Wirkung  haben  sollten. 

Mit.  Tabelle  Nr.  II  (Seite  104)  haben  wir  aber  bewiesen,  dass  das 
Kindbettfieber  an  keine  Jahreszeit  gebunden  ist,  indem  das  Kindbett- 
fieber in  jedem  Monate  des  Jahres  in  grosser  und  eben  so  in  jedem 
Monate  des  Jahres  in  geringer  Anzahl  vorkommt. 

Wenn  wir  aber  zu  dem  Zeiträume,  welchen  die  Tabelle  Nr.  II 
repräsentirt,  noch  die  21  Monate  hinzufügen,  während  welchen  unter 
meiner  Beaufsichtigung  die  Chlorwaschungen  an  der  ersten  Gebar- 
klinik  zu  Wien  geübt  wurden,  nämlich  vom  Juni  1847  angefangen 
bis  inclusive  Februar  1849,  so  zeigen  sich  noch  deutlicher  die  enormen 
Schwankungen  in  der  Grösse  der  Sterblichkeit  in  jedem  einzelnen 
Monate  des  Jahres,  oder  mit  andern  Worten:  es  zeigt  sich  noch  deut- 
licher, dass  die  Sterblichkeit  unabhängig  war  von  den  Jahreszeiten, 
wie  Tabelle  Nr.  XIX  zeigt. 

Es  ist  die  vorherrschende  Ansicht,  dass  der  Winter  diejenige 
Jahreszeit  sei.  welche  vorzüglich  den  Ausbruch  des  Kindbettnebers 
begünstige,  und  in  der  That,  wrenn  wir  die  Tabellen  Nr.  IX  und  X 
(Seite  112  und  113)  betrachten,  so  zeigt  sich,  dass  in  den  Winter- 
monaten  wirklich  häufiger  ein  ungünstiger  Gesundheitszustand  unter 
den  Wöchnerinnen  herrschte  und  seltener  ein  günstiger,  während  in 
den  Sommermonaten  häufiger  ein  günstiger  und  seltener  ein  un- 
günstiger Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  zu  beobachten  war. 

Aber  diese  Erscheinung  ist  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse 
des  Winters  zu  erklären,  denn  sonst  könnte  ja  das  Kindbettfieber  im 
Sommer  nie  in  grösserer  Ausdehnung  vorkommen. 

Diese  Erscheinung  ist  zu  erklären  durch  die  verschiedene  Art 
der  B^srli-iftigwigen  derjenigen,  die  das  Gebärhaus  besuchen,  welche 
Beschäftigungen  durch  die  Jahreszeit  bedingt  sind. 

Nach  den  grossen  Ferien  in  den  Monaten  August  und  September 
gehen  die  Schüler  mit  frischem  Eifer  an  ihre  Studien,  folglich  auch 
an  das  Studium  der  Geburtshilfe,  und  in  den  Wintermonaten  ist  der 
Andrang  der  Schüler  in  das  Gebärhaus  so  gross,  dass  der  Einzelne 
oft  Wochen  ja  Monate  lang  warten  muss,  bis  die  Reihe  der  Aufnahme 
ihn  trifft,  während  in  den  Sommermonaten  oft  die  Hälfte,  ja  in  den 
Ferialmonaten  oft  zwei  Dritttheile  der  Plätze  unbesetzt  sind;  in  den 
Wintermonaten  werden  die  pathologischen  und  gerichtlichen  Sectionen. 
die  medicinischen  und  chirurgischen  Abtheilungen  des  k.  k.  allge- 
meinen Krankenhauses  auch  von  den  im  Gebärhause  Beschäftigten 
sein-  tieissi^r  besucht.  Im  Sommer  lässt  der  Fleiss  bedeutend  nach: 
die  reizenden  Umgebungen  Wiens  üben  eine  grössere  Anziehungskraft 
aus,  als  die  stinkende  Todtenkammer  oder  die  schwülen  Räume  des 
Krankenhauses.  Im  Winter  hält  der  Assistent  der  Geburtshilfe  die 
praktischen  Operationsübungen  am  Cadaver  vor  der  um  vier  Uhr  zu 
haltenden  Nachmittagsvisite,  weil  Vormittag  die  Schüler  anderweitig 
beschäftigt  sind,  und  nach  der  Nachmittagsvisite  um  fünf  Uhr  es 
schon  zu  finster  ist.  Im  Sommer  ist  die  Hitze  vor  der  Nachmittags- 
visite  noch  zu  drückend,  im  Sommer  werden  die  Operationsübungen 
am  Cadaver  in  den  Abendstunden  nach  der  Nachmittagsvisite  ge- 
macht, Ist  es  für  die  zu  Untersuchenden  gleichgiltig,  ob  die  Schüler 
sich  nach  der  Visite  mit  Cadavem  beschäftigen  oder  ob  selbe  vom 
Cadaver  her  zur  Visite  kommen? 

Das  sind   zum  Theile  die  Einflüsse,  welche  durch  die  Jahreszeit 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.       171 


S  3 


SS       S  3 

Ö  OD        6«        — '"  O 


SS      8  5 

od     ö«o 


—         es 


ooo     oigi     eig     ^ 


a  s 


s 


5-1- 


8  -    a        &  s 

B      -        O     S        O 
HS  •-»  ^ 


s 


1    . 


a  . 
«  - 


1 


.5 
2 


c 


ä   s 


—i«      «o«-i      »oeo      »o> 
OJ©J       frJeO       S5CQ       ©|t 


_«o      n«      «c«      q»Q      eoo» 
öd«      «3--      :29a      5s-#      ort      t—  rt 

«Oü        ffJSQ        «5«        M«        «IM        CO*» 


OS— 1 

"isä 


•a      "o    e 


•3     I 


lQ       rt  -*       O  -h       BISO       »o  »o 
•ö  **  c-  »0  t> 


22     92*S     5£<S     °o«o      *-" 

33    33    33    33    3; 


1*3        CQ(N        00«        00-*        COM 

>3    33    33    *S    33 


3 


S  s 


&S  &S  §>S  äs  ä2  äS  äs  &S  &S  &S  äS 

.SS  .9  8  MM  .SS  .8  8  .SS  .SB  -SS  .SS  .SS  -SS 

C»  C»  i.«  j«»  j;»  Ca  »-»  j«  ä  g:g  CS  g» 

ä>&  t»bc  ää  tcbo  tc&  ää  &&  öoSj  SjSd  ä&  t»SÜ> 


ä 

e 

p 

, 

Ö 

im 

1 

■c 

BS 

c* 

* 

<5 

«1 


B 
CS 


s 

a 

0 

s 

«< 

t» 

I 

s 


*; 


a 


172 


Serooielweis1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindlitttrii-k-r. 


bedingt  sind,  nur  in  diesen  Verhältnissen  liegt  die  Ursache,  warum 
im  Winter  käufiger  ein  ungünstiger  und  im  Sommer  häufiger  ein 
günstiger  Gesund lieitszustand  unter  den  Wöchnerinnen  der  ersten 
Gebärabtheilung  zu  beobachten  war.  Wenn  es  wirklich  die  atmo- 
sphärischen Einflüsse  des  Winters  gewesen  wären,  welche  den  häufigen 
ungünstigen  Gesundheitsznstand  der  Wöchnerinnen  im  Winter  hervor- 
gebracht haben,  so  erlaube  ich  mir  die  Frage,  ob  denn  Wien  durch 
25  Jahre  keinen  Wrinter  gehabt  hat?  indem  im  Wiener  Gebärhause 
durch  25  Jahre  keine  Epidemie  war,  weil  im  Wiener  Gebärhause 
durch  25  Jahre  nicht  eine  Wöchnerin  von  hundert  gestorben  ist. 
Siehe  Tabelle  Nr,  XVII.  (Seite  135). 

Haben  sich  die  atmosphärischen  Einflüsse  der  beiden  Winter  in 
Wien  der  Jahre  1847  8  und  1848,9  in  Folge  der  Chlorwaschungen 
geändert?  Weil  wir  in  Folge  der  Chlorwaschungen  in  diesen  beiden 
Wintern  keine  Epidemie  hatten. 

Haben  sich  die  atmosphärischen  Einflüsse  der  vier  Winter  zu 
Pest  geändert,  in  Folge  der  Chlorwaschungen,  welche  ich  durch  vier 
Winter  an  der  I'vsfer  medirinischen  Facultät  beaufsichtige?  Weil 
wir  durch  vier  Winter  kein  epidemisches  Kindbettfieber  hatten.  Die 
grössere  Sterblichkeit  zweier  Winter  war  bedingt,  durch  Leintücher, 
weiche  mit  zersetztem  Blute  und  zersetztem  Lochialflusse  verun- 
reinigt waren. 

Das  Gebärhaus  des  St.  Eochus-Spitals  war  nie  im  Winter  Gebär- 
haus, sondern  nur  durch  zwei  Monate  im  Jahre,  nämlich  in  den 
Monaten  August  und  September,  und  doch  war  es  alljährlich  in  hohem 
Grade  vom  Kindbettfieber  heimgesucht,  so  lange  es  ein  Anhängsel 
einer  chirurgischen  Abtheilung  war. 

So  wie  das  Kindbettfieber  an  eine  gewisse  Jahreszeit  gebunden 
sein  miisste,  wenn  es  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt  wäre, 
eben  so  könnte  das  Kindbettfieber  nur  in,  diesen  Jahreszeiten  ent- 
sprechenden Klimaten  vorkommen.  In  der  Wirklichkeit  kommt  aber 
in  allen  Klimaten  das  Kindbettfieber  in  grosser  Anzahl  vor.  Es  gibt 
aber  in  allen  Klimaten  Gebärhäuser,  in  welchen  das  Kindbettfieber 
in  grosser  Ausdehnung  nicht  vorkommt.  Dieses  Vorkommen  und 
Nichtvorkommen  des  Kiudbettfiebers  in  grosser  Anzahl  in  den  ver- 
schiedenen, in  allen  Klimaten  zerstreut  liegenden  Gebärhäusern  kann 
demnach  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse  erklärt  werden,  sondern 
nur  durch  den  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff. 

In  jenen  Gebärhäusern,  welche  in  allen  Klimaten  zerstreut  liegen, 
in  welchen  den  Individuen  von  aussen  ein  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoff  beigebracht  wird,  in  jenen  Gebärhäusern  kommt  das 
Kindbettfieber  in  grosser  Anzahl  vor,  was  dann  fälschlich  eine  Epi- 
demie genannt  wird. 

In  jenen,  in  allen  Klimaten  zerstreut  liegenden  Gebärhäusern,  in 
welchen  den  Individuen  von  aussen  kein  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoff  beigebracht  wird,  in  jenen  kommt  das  Kindbett- 
fieber in  grosser  Anzahl  nicht  vor,  diese  Gebärhäuser  sind  von  Epide- 
mien verschont. 

Den  günstigsten  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  weisen 
demnach  diejenigen  Gebärhäuser  aus,  welche,  ohne  Rücksicht  des 
Klimas,  in  dem  sich  selbe  befinden,  keine  Untemchtsanstalten  sind; 
der  Grund  warum,  ist  einleuchtend. 

Eine   Ausnahme   machen   diejenigen  Gebärhäuserf   welche   keine 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiudk-ttfieber.s.         \  7;; 

Unterrichtsatistalten  sind,  aber  in  welchen  dennoch  den  Individuen 
von    anssen   zersetzte  thierisch-organische  Stoffe   beigebracht  werden. 

Hierher  gehört  das  St.  Rochus-Spital  zu  Pest,  dessen  Primarius 
zugleich  chirurgischer  Primarius  war  und  Geriehtsanatom,  nebstdem 
mangelte  damals  noch  ein  Prosector.  Die  Sectionen  mussten  von  den 
betreffenden  Abtheilungsärzten  gemacht  werden. 

Hieher  gehört,  das  Zahlgebärhaus  oder  die  Abtheilung  für  Ge- 
heimgebärende  zu  Wien.  Dieses  Gebärhaus  ist  nicht  nur  keine  Unter- 
richtsanstalt, ja  es  ist,  um  seinem  Zwecke  zu  entsprechen,  für  alle 
nicht  da  angestellten  Aerzte  hermetisch  geschlossen.  Man  könnte 
daher  glauben,  in  diesem  Gebärhause  können  keine  Infectionsfälle  von 
aussen  vorkommen,  in  diesem  Gebärhause  dürfte  daher  nicht  eine 
Wöchnerin  von  hundert  sterben.  Aber  ein  Blick  auf  die  Mortalitätsver- 
hültnisse  dieses  Gebärhauses  belehrt  uns  eines  Andern,  wie  Tabelle 
Nr.  XX  zeigt. 


Tabelle  Nr.  XX. 

l'eb  ersieht  der  Morlalllätsvprhäilliiisse  der  Zahlabthellung  des  Wiener 

(Veliärhauses. 


Im  Jahre 

Geburtenzahl 

.Sterbefalle 

Mortulitäts- 

lYri'i'iit 

1888 

202 

6 

2.„ 

IS  lll 

204 

6 

2« 

1841 

249 

7 

2.„ 

1842 

358 

10 

2., 

1843 

307 

19 

5., 

1844 

362 

8 

2, 

1846 

311 

6 

1-p 

1846 

31n 

3 

0„ 

184? 

868 

3 

l.j 

ms 

213 

4 

c 

Sinn  ine 

2839 

72 

2-* 

Diese  Tabelle  zeigt  die  Sterblichkeit  kleiner,  als  selbe  in  Wirk- 
lichkeit war,  weil  es  häufig  geschieht,  dass  Wöchnerinnen  wenige 
Stunden  oder  Tage  nach  der  Entbindung  im  gesunden  und  zuweilen 
auch  im  kranken  Zustande  austreten,  um  in  ihren  Privat  Wohnungen 
oder  Im  Krankenhause  aufgenommen  zu  werden.  Diese  Tabelle  zeigt 
den  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  der  Zahlabtheilung  un- 
itiger, als  selbst  au  der  früher  mit  Recht  so  verrufenen  ersten 
Gebärklinik,  während  der  Zeit,  als  ich  die  Cklorwaschungen  leitete. 
Dieses  Räthsel  wird  für  den  Leser  kein  Eäthsel  mehr  sein,  wenn 
ich  ihn  mit  den  Verhältnissen  werde  bekannt  gemacht  haben. 

Vorstände  dieser  Abtheilung  waren  Mikschik  und  Chiari. 
Der  Leser,  welcher  mit  der  medicinischen  Literatur  vertraut  ist,  wird 
wissen,  was  diese  beiden  Aerzte  geleistet.  Das  konnten  sie  aber 
nur  dadurch  leisten,  dass  sie  sich  mit  Gegenständen  beschäftigten, 
durch  welche  sie  sich  ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen 
mussten ;  beide  Aerzte  waren  zugleich  Vorstände  der  gynaecologischen 


174 


Senunebveia*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Küidbetttieber. 


Abtheilung  des  allgemeinen  Krankenhauses;  wie  gefährlich  aber  eine 
gynaecologisehe  Abtheilung  für  ein  Gebärhaus  werden  kann,  das  hat 
der  verjauchende  Medullarkrebs  des  Uterus  bewiesen,  welcher  im 
U  "iiate  October  1847  an  der  ersten  Gebärklinik  Verwüstungen  an- 
gerichtet 

Im  allgemeinen  Krankenhause  zu  Wien  werden  alljährlich  600 
bis  800  gerichtliche  Sectionen  vorgenommen,  denen  der  Sitte  gemäss 
abwechselnd  wöchentlich  einer  der  beiden  jüngsten  Primarien  als 
legaler  Zeuge  beiwohnen  muss.  Als  Mikschik  zum  Primarius  er- 
nannt wurde,  war  er  natürlich  der  jüngste,  und  nach  Mikschik's 
Abgang  war  wieder  Chiari  der  jüngste,  beide  mussten  daher  jede 
zweite  Woche  den  gerichtlichen  Sectionen  beiwohnen. 

Ist  der  ungünstige  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  der 
Zahlabtheilung  noch  ein  RäthselV 

Gebärhäuser,  welche  zugleich  Unterrichtsanstalten  sind,  zeigen 
einen  ungünstigeren  Gesundheitszustand  der  in  denselben  verpfleg  in 
Wöchnerinnen  in  Vergleich  zu  Gebärhäusern,  welche  keine  Unter- 
richtsanstalten  sind. 

Und  unter  den  Unterrichtsanstalten  zeigen  wieder  diejenigen, 
welche  ausschliesslich  zum  Unterrichte  für  Hebammen  bestimmt  sind, 
günstigere  Mortalitätsverhältnisse  als  diejenigen  Unterrichtsanstalten, 
welche  ausschliesslich  dem  Unterrichte  für  Aerzte  bestimmt  sind. 

Der  Grund  dieser  Mortalitätsverschiedenheit  der  UntemVhts- 
anstalten  liegt  darin,  dass  das  Unterrichtssysteni  für  Hebammen  derart 
beschatten  ist,  dass  die  Hebammen  nicht  in  dieser  Ausdehnung  sich 
mit  Dingen  beschäftigen  müssen,  welche  ihnen  die  Hände  mit  zer- 
setzten Stoffen  verunreinigen  würden,  wahrend  das  Unterrichtssysteni 
für  Aerzte  derart  beschaffen  ist,  dass  sie  viel  häufiger  sich  ihre  Hände 
mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen. 

Eine  Ausnahme  macht  die  Maternite  in  Paris,  welche  zwar  aus- 
schliesslich dem  Unterrichte  für  Hebammen  bestimmt  ist,  und  dennoch 
eine  so  grosse  Sterblichkeit  hat,  wie  Duboisj  Klinik  zu  Paris,  welche 
dem  Unterrichte  für  Aerzte  bestimmt  ist,  und  von  deren  Lage 
Dr.  Arneth  sagt:  „Zu  bedauern  ist  die  grosse  Nähe  der  Seetions- 
kaminer  des  Spitals."  Dass  die  Sterblichkeit  in  der  Maternite  eben 
so  gross  ist,  wie  in  Dubois'  Klinik,  zeigt  Tabelle  Nr.  XXI. 

Aber  in  der  Maternite  ist  das  Untern  clitssystem  so  beschaffen, 
dass  sich  Hebammen  dort  so  häufig  wie  anderswo  nur  die  Aerzte 
ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen. 

Mein  Gewährsmann  für  diese  Behauptung  ist  Johaun  Friedr. 
Oslander. 

In  einem  Werke,  welches  den  Titel  führt:  „Bemerkungen  über 
die  französische  Geburtshilfe,  nebst  einer  ausfuhrlichen  Beschreibung 
der  Maternite  in  Paris.  Hannover,  bei  den  Brüdern  Hahn.  1813" 
sagt  Oslander  in  der  Vorrede,  dass  er  vom  Mai  1809  bis  dahin 
1810  in  Paris  war,  dass  er  so  glücklich  war,  Baudelocque's 
Freundschaft  zu  geniessen,  und  dass  er  durch  dessen  Verwendung 
Zutritt  zor  Maternite  erhielt. 

Vom  Unterrichtssysteme,  welches  in  der  Maternite  herrscht,  gibt 
er  folgende  Beschreibung: 

Seite  33  sagt  Oslander  Folgendes:  „Den  täglichen  Visiten,  die 
der  Arzt  in  der  Infirmerie  der  Wöchnerinnen  macht,  wohnt  die 
Hebamme  des  Hauses  und  ein  Theil  der  Hebammen-Schülerinnen  bei. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        175 


Tabelle  Hr.  XXI. 
Maternite*  In  Paris. 


Im  Jahre 

Entbundene 

Gestorben 

Sterblichkeits- 
Percent 

1828 

2920 

163 

5-5» 

1829 

2788 

252 

1830 

2693 

122 

4.« 

1831 

2707 

254 

1832 

2582 

146 

5.« 

1833 

253« 

109 

4.i9 

1834 

2629 

97 

1835 

2632 

92 

1836 

2586 

57 

2.*„ 

1837 

2829 

45 

1-59 

1838 

2983 

81 

2.,, 

1839 

3407 

122 

1840 

3701 

94 

2.M 

1841 

3515 

114 

1842 

— 

— 

1843 

— 

— 

— 

1844 

3410 

168 

4-»2 

1845 

3302 

139 

4-20 

1846 

3531 

143 

4-o« 

1847 

3752 

133 

3.64 

1848 

3671 

110 

2.0» 

Summe 

58374 

2441 

4.,8 

Dubois"  Klinik. 


Im  Jahre 

Entbundene 

Gestorben 

Sterblichkeits- 
Percent 

1835 

264 

22 

8.,3 

1836 

242 

17 

1837 

358 

31 

1838 

516 

25 

4.** 

1839 

438 

24 

5.« 

1840 

582 

26 

4.w 

1841 

596 

22 

1842 

830 

34 

4.OT 

1843 

730 

39 

0.3« 

1844 

903 

41 

4  5* 

1845 

884 

44 

4-97 

1846 

901 

42 

4.«e 

1847 

1088 

31 

9    . 

1848 

940 

24 

2-56 

Summe 

9273 

422 

4.65 

Jede  Schülerin  bekommt  eine  Kranke  zur  besonderen  Beobachtung, 
und  sie  wird  angehalten,  eine  kurze  Krankengeschichte,  den  Hergang 
der  Geburt  und  die  Verordnungen  des  Arztes  aufzusetzen.  Diese 
Krankengeschichten  werden  „Bulletins  cliniques"  genannt,  und  Herr 


176 


Semmelweis'  Abhandln n gen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Professor  Chaussier  gibt  sich  viel  Mühe,  die  Schülerinnen  im  Auf- 
setzen derselben  zn  unterrichten.  Bei  jeder  Kranken  geht  er  das 
Bulletin  genau  durch,  indem  er  demselben  ein  Zutrauen  schenkt, 
dessen  ich  es  selten  würdig  gefunden  habe.  Unter  den  Schülerinnen 
sind  nämlich  nur  einzelne,  welche  Talent  und  Ernsthaftigkeit  genug 
besitzen,  um  Krankheiten  zu  beobachten  und  Krankengeschichten  auf- 
zusetzen. Diese  wenigen  geben  allen  andern  die  Master  zu  ihren 
Berichten,  und  ich  habe  daher  oft  gefunden,  dass  in  mehreren  Bulletins 
bei  den  verschiedensten  Krankheiten  dieselben  Symptome  mit  den- 
selben Worten  angegeben  waren,  Ueberhaupt  ist  es  auffallend  genug, 
junge  Mädchen  zu  sehen,  die  mit  wichtiger  Miene  den  Puls  fühlen 
und  Krankenbeobachtungen  aufschreiben.  Sie  ahmen  aber  darin  ihre 
Lehrerin,  die  erste  Hebamme  nach,  deren  Ansehen,  welches  sie  sich 
am  Krankenbette  zu  geben  weiss,  noch  dadurch  erhöht  wird,  dass  der 
Arzt  immer  ihrer  Meinung  ist.** 

Seite  46  sagt  Oslander:  „Den  Leichenöffnungen,  die  in  einem 
von  dem  Gebärhause  etwas  entfernten  Gartenhanse  vorgenommen 
werden,  wohnen  die  Schülerinnen  gewöhnlich  bei.  Ich  habe  da  oft 
mit  Erstaunen  gesehen,  welchen  lebhaften  Antheil  einige  junge 
Mädchen  an  dem  Zerfleischen  der  Leichen  nahmen,  wie  sie  mit  ent- 
blössten  und  blutigen  Armen,  grosse  Messer  in  der  Hand  haltend, 
unter  Zank  und  Gelächter,  sich  Becken  herausschnitten,  nachdem  sie 
von  dem  Arzte  die  Erlanbniss  erhalten  hatten,  dieselben  für  sich  zu 
präpariren." 

Seite  51  sagt  Oslander:  „Unter  den  Beobachtungen  bei  den 
Leichen  Untersuchungen,  an  die  B  a  u  d  e  1  o  c  q  u  e  seine  Zuhörer  erinnerte, 
ist  besonders  die  Zerreissung  eines  Psoasmuskeln  in  der  Anstrengung 
zur  Geburt  wichtig. 

„Folgende  Tabelle  wurde  von  den  vorgefallenen  Geburten  ge- 
geben: Seit  dem  9.  December  1797  bis  zum  31.  Mai  1809  sind  17,308 
Frauen  entbunden,  diese  haben  gegeben  17,499  Kinder,  189  Frauen 
gebaren  Zwillinge,  also  1  von  91;  nur  zwei  hatten  Drillinge.  2000 
Entbundene,  zum  wenigsten,  sind  schwer  erkrankt,  und  700  gestorben 
und  secirt!" 

Seite  242  sagt  Oslander:  „Die  Unterleibsentzündung  der 
Wöchnerinnen,  das  Uebel,  welches  gewöhnlich  mit  dem  Namen  Puer- 
peralfieber bezeichnet  wird,  und  welches  in  allen  grossen  und  über- 
füllten Gebärhäusern  einheimisch  zu  sein  pflegt,  kommt  auch  in  dem 
Gebärhause  zu  Paris  häufig  vor. 

„Die  Krankheit  wird  besonders  in  den  Wintermonaten  häufig 
beobachtet,  und  ob  sie  gleich  eigentlich  immerfort  herrscht,  so  erinnert 
man  sich  doch  mit  Schrecken  an  die  beiden  .lahre  (zwischen  1803  und 
1808),  wo  sie  endemisch  wüthete.  und  eine  Menge  von  Wöchnerinnen 
dahinraffte.  Ich  habe  zwar  nirgends  mit  Bestimmtheit  die  Mortalität 
unter  den  Wöchnerinnen  während  dieser  beiden  Jahren  erfahren 
können,  und  die  vomchtigen  Verfasser  der  Abhandlung  über  die 
Maternite  (Memoire  sur  rhoxpicc  fo  la  Matcmite.  Paris  1808.  Die 
drei  Verfasser  dieser  Schrift  sind  sämmtlich  bei  den  Bureaux  des 
Hospitals  angestellt,  und  werden  von  der  Administration  wegen  be- 
wiesener Vorsicht  in  den  Angaben  gelobt)  sprechen  nicht  mit  Be- 
stimmtheit davon,  es  erhellt  aber  aus  Allem,  dass  sie  sehr  gross  ge- 
wesen sein  muss;  namentlich  daraus,  dass  in  den  fünf  angeführten 
Jahren  (wegen  der  zwei  .lahre,   in  welchen  die  Unterleibsentzündung 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiiidbettfiebers.        177 


herrschte)  die  Mortalität  wie  1  zu  23  sich  verhielt,  da  sie  zu  anderen 
Zeiten  nur  wie  1  zu  32  sich  verhalten  soll.  Es  starben  in  diesen  fünf 
laluen  von  9645  Frauen  414  grösstenteils  an  Unterleibsentzündung. u 

Seite  259  sagt  Oslander:  „Der  Brand  an  den  Geburtstheilen 
kam.  so  lange  ich  die  Maternite  besuchte,  verschiedene  Male  unter 
den  Wöchnerinnen  vor,  gerade  zu  derselben  Zeit,  wo  Unterleibsent- 
zündungen besonders  häufig  waren.  Für  mich  war  diese  Krankheit 
in  der  furchtbaren  Gestalt,  unter  der  sie  sich  äusserte,  ganz  neu;  in 
der  Maternite  erregte  sie  aber  kein  besonderes  Aufsehen,  indem  sie 
hier  nicht  zu  den  Seltenheiten  gehört." 

Der  Leser  kann  aus  diesen  Citaten  die  Ausdehnung  entnehmen, 
in  welcher  die  Hebammen  in  der  Maternite  sich  ihre  Hände  mit  zer- 
setzten Stoffen  verunreinigen. 

So  wie  es  nicht  geschehen  könnte,  das  von  mehreren  in  demselben 
Klima  befindlichen  Gebärhäusern  einige  vom  sogenannten  epidemischen 
Kindbettfieber  heimgesucht,  und  wieder  andere  von  demselben  ver- 
schont bleiben  könnten,  wenn  das  Kindbettfieber  durch  atmosphärisch- 
cosmisch-tellurische  Einflüsse  erzeugt  werden  könnte;  noch  viel  welliger 
könnte  es  geschehen,  dass  sich  atmosphärisch-cosmisch-tellurisehe  Ein- 
flüsse au  zwei  Abtheilungen  einer  und  derselben  Anstalt  durch  eine 
lautre  Reihe  von  Jahren  durch  ihre  Verheerungen  in  verschiedenem 
Grade  kund  geben  sollten. 

Tabelle  Nr.  I  zeigt,  dass  die  Wöchnerinnen  der  ersten  Gebär- 
klinik zu  Wien  durch  sechs  Jahre  constant  in  dreimal  grösserer  An- 
zahl gestorben  sind,  als  die  Wöchnerinnen  der  zweiten  Gebärklinik 
derselben  Anstalt. 

Diese  Beobachtung  war  es,  welche  in  mir  die  ersten  Zweifel  gegen 
die  Lehre  vom  epidemischen  Kindbettfieber  erregte. 

Dieselbe  Ungleichheit  der  Sterblichkeit  zweier  Abtheilungen  einer 
und  derselben  Anstalt  finden  wir  auch  in  Strassburg.  Dr.  F.  H.  A  r  n  e  t  h 
sagt  in  seinem  Werke  „Ueber  die  Geburtshilfe  und  Gynaekologie  in 
Frankreich,  Grossbritannien  und  Irland,"  Wien  1853,  vom  Strass- 
bnrger  Gebärhatise  Folgendes:  ,,Das  Gebärhaus  besteht  aus  zwei  Ab- 
theilungen; der  Klinik  für  Aerzte  (la  Clinique)  und  der  Abtheilung, 
auf  welcher  Hebammen  gebildet  werden  (le  seruice).  Bis  Ende  1845 
bestanden  die  genannten  beiden  Abtheilungen  unter  zwei  Vorständen 
neben  einander,  nur  durch  eine  dünne  Wand  getrennt,  wobei  die  Auf- 
nahme so  geregelt  war,  dass  regelmässig  eine  Schwangere  in  den 
Service,  die  andere  in  die  Clinique  gebracht  wurde,  während  zur 
Ferienzeit  alle  auf  die  Clinique  kamen.  Nun  versieht  nach  Ehr- 
mann'  s  Abgang  S  t  o  1 1  z  beide  Anstalten. 

war  nicht  möglich  ganz  Genaues  über  die  Sterblichkeit  heraus- 
zubringen, doch  kamen  beide  Professoren  darin  überein.  dass  auf  der 
Klinik  für  Schüler  constant  mehr  Sterbefälle  vorgekommen  seien." 

Um  nähere  Aufschlüsse  über  diese  Stelle  in  Arneth's  Buch  zu 
erhalten,  wendete  ich  mich  brieflich  an  Dr.  Wieger  und  Professor 
S  t  o  1  f.  z  in  Strassburg.  und  erhielt  durch  deren  Bereitwilligkeit  folgende 
Antworten.    Dr.  Wieger  schreibt: 

„Ihr  werther  Brief  vom  15.  vorigen  Monates  wäre  weit  früher  be- 
an  i  wi  ut  et  worden,  hätte  ich  mir  eher  eine  Dissertation  von  Gustav  Lev  y 
„"Relation    de  V  Epidemie    de    Fievre   Puerperale    observe'    aux    Gtinkpetf 

wtchement  de  Stmssbourg,  pendant  le  I.  Semester  de  l'annee  scolaire 

Sem  mal  weis'  gesammelt«  Werke.  1  - 


178  Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

—1857.  Strassbottrg  1857"  verschaffen  k< innen,  worin  gerade  diese 
Verhältnisse  abgehandelt  sind,  über  welche  Sie  Aufklärung  wünschen. 
Ich  schicke  Ihnen  mein  Exemplar,  weil  ich  kein  anderes  auftreiben 
kann.  Basselbe  soll  Ihnen  via  Buchhandel  zukommen.  Sie  werden 
darin  ersehen,  dass.  seh  die  zwei  Abtheilungen  in  ihrem  neuen  Locale 
Bind,  die  Krankheit  sie  beide  heimgesucht  hat. 

„Was  Arn  etil  Ihnen  mittheilte  ist  richtig. 

„Als  die  Hebammenschule  unter  Professor  Ehrmann's  Leitung 
stand,  war  dort  das  Puerperalfieber  so  ziemlich  unbekannt.  Seit 
Professor  S  t  o  1 1  z  beide  Schulen  übernommen  (deren  Säle  für  Schwangere 
und  Kindbetterinnen  im  früheren  Locale.  im  zweiten  Stocke  des  grossen 
Krankenhauses,  nur  durch  einen  Saal,  wo  die  Betten  für  die  im  Hause 
wohnenden  Schülerinnen  standen,  getrennt  waren),  hauste  die  Krank- 
heit in  beiden  Abtheilungeu  wie  jetzt  auch,  wo  sie  in  einem  schönen, 
neugebauten  Pavillon  vereiniget  sind, 

„Strassburg,  19.  Mai  1858." 

Professor  Stoltz  schreibt: 

..Erlauben  Sie,  dass  ich  Ihnen  in  französischer  Sprache  auf  Ihren 
Brief  vom  1.  v.  M.  antworte,  worin  Sie  von  mir  Aufklärung  über  eine 
Stelle  in  Dr.  Arneth's  Buch  verlangen,  in  welcher  er  behauptet, 
dass  an  der  zum  Unterrichte  der  Hebammen  dienenden  Abtheilung 
der  Strassburger  Maternite  die  Epidemien  des  Puerperalfiebers  selten 
sind,  und  die  Sterblichkeit  immer  geringer  als  an  der  Klinik  der 
medicinischen  Facultät. 

..  1  >ie  Thatsache  ist  war  (le  fmt  est  exact),  aber  ich  schrieb  den 
Unterschied  in  der  Sterblichkeit  immer  dem  Unterschiede  in  den 
Saliibritätsverhältnissen  der  beiden  Abtheilungen  zu.  Denn  in  der 
Tliat  sind  die  Säle  der  Gebärklinik  an  der  medicinischen  Facultät 
nieder,  wenig  geräumig  und  stets  überladen,  während  die  der  Hebammen 
gut  gelüftet  und  gut  gelegen  sind,  und  im  Verhältnisse  zu  ihrer  Grösse 
immer  eine  geringere  Zahl  vtm  Betten  besitzen.  Sie  werden  denn 
auch  reinlicher  gehalten,  und  beherbergen  im  Verlaufe  des  Jahres 
weniger  Schwangere  und  Kranke.  Andererseits  werden  die  schwfc 
sten  Fälle  immer  der  Facultätsklinik  zugewiesen. 

„Bis  zum  Jahre  1856  befanden  sich  beide  Abtheilungen  im  all- 
gemeinen Krankenhause.  Voriges  Jahr  übersiedelten  sie  in  ein  eigenes, 
unter  einem  rechten  Winkel  aufgeführtes  Gebäude  mit  der  Front  gegen 
Süden  und  Westen,  und  versehen  mit  Höfen  und  eiuem  Garten.  Die 
beiden  Kliniken,  diejenige  der  Facultät  und  die  der  Hebammen,  sind 
von  einander  durch  die  Hörsäle  und  die  Zimmer  für  die  Instrumente 
getrennt.  Die  Schwangeren  nehmen  die  ebenerdigen  Localitäten  ein; 
endlich  ist  die  Abtheilung  für  Hebammen  wieder  günstiger  eingetheilt. 
als  die  der  Facultät.  Nichtsdestoweniger  herrschte  im  Wini.r  is..t> 
und  1857  hier  so  wie  in  München  eine  gleichmassig  tödtliche  Epidemie 
an  beiden  Abtheilungen,  und  ungeachtet  dass  man  an  der  Facultäts- 
klinik die  I  »esinlection  der  Hände  durch  Chlor  anwendete. 

„Sie  sehen  hieraus,  verehrter  Collega,  dass  unsere  Beobachtungen 
Ihrer  Theorie  über  die  Aetiologie  des  Puerperalfiebers  nicht  gün- 
stig sind. 

„Ich  werde  dem  ohngeachtet  Ihr  Werk  über  diesen  Gegenstand 
mit  dem  grössten  Interesse  lesen  und  alle  Ihre  Verordnungen  mit  der 
möglichsten  Sorgfalt  befolgen  lassen. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylux!»  itt  Kiudbettfiebers.        179 


„Es  freut  mich,  mit  Omen  in  einen  wissenschaftlichen  Verkehr 
getreten  zu  seint  und  ich  wäre  glücklich,  wenn  es  nicht  bei  diesem 
eimnaJ  bliebe. 

^trassburg,  den  26.  affin;  1S58.** 

Ans  ArnetVs  Buch  und  diesen  beiden  Briefen  geht  hervor,  dass 
in  Strasburg  eine  Gebäranstalt  in  zwei  Abtheilungen  getrennt  war, 

n  die  eine,  so  lange  selbe  ausschliesslich  dem  Unterrichte  für 
Hebammen  bestimmt  war,  vom  sogenannten  epidemischen  Kindbett- 
fieber verschont  blieb,  obwohl  selbe  von  der  andern  Abtheilung-,  welche 
dem  Unterrichte  für  Aerzte  bestimmt  war,  und  welche  vom  sogenannten 
epidemischen  Puerperalfieber  heimgesucht  wurde,  nur  durch  ein  Zimmer 
getrennt  war.  Nachdem  aber  beide  Abtheilungen  im  Jahre  18-15  unter 
einem  Vorstande  vereinigt  wurden,  zog  das  sogenannte  epidemische 
Puerperalfieber  auch  in  die  früher  verschonten  Räume.  Im  Jahre  1  *.'>•"> 
Übersiedelte  das  Gebärhaus  in  ein  neues  Gebäude,  und  auch  im  neuen 
Gebäude  wurden  beide  Abteilungen  vom  Kindbettßeber  heimgesucht. 

Widerspricht  es  nicht  der  gesunden  Vernunft,  das  Kindbettfieber 

Abtheilung  der  Aerzte  vor  der  Vereinigung  b«'id»T  Abheilungen 
für  ein  epidemisches,  d.  h.  Sin  durch  atmosnhärisch-cosnnsch-telluriselie 
Einflüsse  bedingtes  zu  halten? 

Prof«  ssui    Stoltz   selbst   sucht    die  Ursache  des  Kindbettfiebers 
an  der  Abtheilung  für  Aerzte,  nicht  in  atmosphärischen  Kinilü- 
Bondeni  in  endemischen  Schädlichkeiten,  und  /.war  in  dem  Unterschiede 
der  Salubritätsverliältnisse  der  beiden  Abtheilungen,  sowohl  im  alten, 
als  nun  wieder  im  neuen  Gebärhause. 

Dass  aber  diese  günstigeren  Verhältnisse  es  nicht  waren,  welche 

die   Abtheilung    für   Hebammen    vom    Kindbetttieber  beschützten,    so 

Abtheilung    ausschliesslich    HebainuniKilitheilinigeu    war, 

daraus  hervor,  dass  dieselben  günstigen  Verhältnisse  nicht  mehr 
na  Stande  waren,  dies«-  Räume  vor  dem  Kindbett  lieber  zu  bewahren, 
sobald   selbe   aufhörten,  ausschliesslich  Hebammenabtheilung  zu  sein. 

Auch  im  neuen  Gebäude  hat  die  günstigere  luntlnilung  der  Ab- 
theilung  für  Hebammen  selbe  vor  dem  Kindbettfieber  nicht  schützen 
könm 

Auch  ich  halte  das  Kindbeti lieber,  welches  in  »Strasbourg  vor  und 
nach  der  Vereinigung  der  beiden  Abtheilungen  zu  beobachten  war, 
fni  kein  epidemisches,  d,  h.  nicht  durch  atmosphärische  Einflösse  be- 
dingtes, sondern  für  ein  endemisches;  aber  die  endemische  Ursache 
waren  die  zersetzten  Stoffe,  welche  an  den  Bandes  dnr  Strassbnrger 

ler  klebten,  welche  vor  der  Verunreinigung  der  beiden  Abthei- 
Inngen  nur  auf  einer,  nach  der  Vereinigung  aber  an  beiden  Abtheilungen 
ihre  verderblichen  Wirkungen  im  alten  sowohl  wie  jetzt  auch  im 
Denen  Gebäude  äussern  konnten. 

Was  die  Erfolglosigkeit  der  Clilorwaschungen  anbelangt,  so  wirf 
deren  Beurtheilung  an    einer   andern  Stelle  dieser  Schrift   Stattfinden. 

Die  Strassbnrger  Hebammenschulen  aus  der  Zeit  vor  der  Ver- 
einigung mit  der  Abtheilung  für  Aerzte  und  die  Wiener  zweite  <Te- 
b:irabtheilung  aus  der  Zeit,  seit  selbe  ausschliesslich  dem  unterrichte 
für  Hebammen  gewidmet  ist.  bis  zur  Kinfiihrnng  der  rhlorwaschnngen 
an  der  ersten  Abtheilung  im  Mai  1*47,  sind  Belege  dafür,  dass  der 
Gesnaäheitazustand  der  Wöchnerinnen  in  solchen  Unterrichtsanstalten, 

12* 


180 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


welche  ausschliesslich  dem  Unterrichte  für  Hebammen  gewidmet  sind, 
günstiger  ist.  als  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  L'nter- 
richtsanstalten  für  Aerzte.    Siehe  Tabelle  Nr.  I. 

Dass  die  grosse  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
irische  Einflüsse  bedingt  sei,  sondern  dass  selbe  durch  einen 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  hervorgebracht  werde,  geht  auch 
daraus  hervor,  dass  in  den  einzelnen  Gebärhäusern  nachgewiesen 
werden  kann,  dass  das  sogenannte  epidemische  Kindhettfieber  erst 
dann  in  den  einzelnen  Gebärhäusern  einheimisch  wurde,  als  sich  die 
Verhältnisse  derselben  derartig  änderten,  dass  den  Individuen,  welche 
in  den  einzelnen  Gebärhäusern  verpflegt  wurden,  mit  einer  gewissen 
Regelmässigkeit  zersetzte  Stoffe  eingebracht  wurden. 

Osiander  erzählt,  dass  man  in  der  Maternite  zu  Paris  mit 
Schrecken  an  zwei  Jahre  zwischen  1803  und  1808  denkt,  wegen  der 
ungeheuren  Verheerungen,  welche  das  Kind  bettlieber  unter  den 
Wöchnerinnen  anrichtete,  wir  finden  im  Unterriehtssysteme  in  der 
Maternite  eine  hinreichende  Aetiologie  dieses  Kindbettfiebers. 

In  denselben  Jahren  von  1803  bis  1808  starb  in  Wien  nicht  eine 
Wöchnerin  von  hundert.  In  Wien  wurde  das  sogenannte  epidemische 
Kindbettfieber  erst  mit  dem  Jahre  1823  einheimisch,  das  ist  aber  die 
Zeit,  wo  die  Medicin  in  Wien  die  anatomische  Richtung  anzunehmen 
begann. 

Professor  Rokitansky  fangirt  seit  1828  an  der  pathologisch- 
anatomischen  Anstalt.  Von  1823  angefangen  bis  1847.  dem  Jahre  der 
Einführung  der  Chlorwaschungen,  also  durch  24  Jahre,  war,  ein  Jahr 
ausgenommen,  die  Sterblichkeit  immer,  über  2  Percent  und  stieg  bis 
zu  12  Percent  im  Jahre,  während  von  1784  bis  1822,  also  innerhalb 
3y  Jahren  die  Sterblichkeit  nur  bis  4  Percent  stieg,  und  innerhalb 
25  Jahren  nicht  eine  Wöchnerin  von  hundert  starb.  Siehe  Tabelle 
Nr.  XVII. 

Vom  Kieler  Gebärhause  sagt  weiland  Michaelis  in  einem  Briefe, 
welchen  wir  an  einer  andern  Stelle  ausführlich  mittheilen  werden: 
..Sie  wissen,  dass  das  Puerperalfieber  bei  uns  erst  seit  1834  einge- 
zogen ist.  Dies  ist  aber  auch  ungefähr  die  Zeit,  seitdem  ich  mich 
des  Unterrichtes  thätiger  angenommen  habe,  und  namentlich  das 
Touchiren  der  Candidaten  regelmässiger  eingeführt  ist.  Auch  diese 
Sache  lässt  sich  also  in  Zusammenhang  bringen." 

In  die  Räumlichkeiten  der  Strassburger  Hebammenschule  zog  das 
epidemische  Kindbettfieber  erst  1845  ein,  in  welchem  Jahre  die  Ver- 
einigung mit  der  Abtheilnng  der  Aerzte  erfolgte. 

Während  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  des  St, 
Rochus-Spitals  zu  Pest  seit  dem  Bestehen  der  geburtshilflichen  Ab- 
theilung stets  ein  ungünstiger  war,  weil  die  Gebärabtheilung  immer 
ein  Anhängsel  einer  chirurgischen  Abtheilung  war,  war  der  Gesund- 
heitszustand der  Wöchnerinnen  der  medicinischen  Facultät  zu  Pest 
bis  in  Sie  \  i erziger  Jahre  stets  ein  günstiger,  weil  in  Pest  die  Median 
eist  in  den  vierziger  Jahren  die  anatomische  Richtung  annahm. 

Kein  Vorfahrer,  Hofrath  B  i  r  1  y ,  einstens  B  o  e  r '  s  Assistent,  glaubte 
der  bessere  Gesundheitszustand  seiner  Wöchnerinnen  zu  Pest,  im 
Vergleiche  mit  dem  schlechteren  Gesundheitszustände  der  Wöchnerinnen 
zu  Wien,  rühre  daher,  dass  er,  Birly  nämlich,  einen  ausgedehnteren 
Gebrauch  von  Purganzen  mache,  denn   das  Kindbettfieber  werde  er- 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        181 

zeugt  durch  die  Unreinlichkeit  der  ersten  Wege ;  bei  Eröffnung  seiner 
Klinik  nach  den  grossen  Ferieu  im  October  hielt  er  regelmässig  all- 
jährlich eine  geharnischte  Philippika  gegen  Wien  und  behauptete,  die 
grosse  Sterblichkeit  im  Gebärhause  zu  Wien  sei  nur  der  Vernach- 
lässigung der  Purganzen  zuzuschreiben. 

Sobald  aber  die  Medicin  auch  in  Pest  die  anatomische  Richtung 
annahm ,  hatten  die  Purganzen  die  prophylactische  Macht  verloren, 
und  das  Pester  medicinische  Professorencollegium  hat  zu  einer  Zeit, 
wo  ich  noch  nicht  die  Ehre  hatte,  ein  Mitglied  desselben  zu  sein,  es 
officiell  ausgesprochen,  dass  die  geburtshilfliche  Kinik  zu  Pest  wegen 
reberhandnahme  des  Kindbettfiebers  selbst  während  des  Schuljahres 
wiederholt  gestellt  werden  mnsste. 

Zahlen  kann  ich  für  diese  Angaben  nicht  geben,  weil  die  Proto- 
colle  während  der  Revolution  verloren  gingen.  Der  Umstand,  dass 
ich  in  der  Stadt  lebe,  über  welche  ich  das  berichte,  ist  Bürge  genug 
für  deren  Richtigkeit 

I ÜB8B  die  grosse  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
atmosphärische  Einflüsse  bedingt  ist,  sondern  durch  einen  zersetzten 
Stoff,  welcher  den  Individuen  von  aussen  regelmässig  eingebracht 
wird,  geht  daraus  hervor,  dass,  wenn  sich  die  Verhältnisse  eines  Ge- 
bärhauses derart  ändern,  dass  dieses  Einbringen  eines  zersetzten 
Stoffes  von  aussen  nicht  mehr  in  dieser  Ausdehnung  geschehen  kann. 
sich  auch  die  Sterblichkeit  mindert  Hieher  gehört  die  zweite  Gebär- 
klinik, welche  zur  Zeit,  als  selbe  Aerzten  und  Hebammen  zum  Un- 
terrichte diente,  eine  grössere  Sterblichkeit  hatte,  als  seit  der  Zeit 
ihrer  ausschliesslichen  Verwendung  zum  Unterrichte  für  Hebammen. 

Wenn  aber  durch  die  veränderten  Verhältnisse  das  Einbringen 
des  zersetzten  Stoffes  von  aussen  gänzlich  aufhörte,  hörte  auch  das 
epidemische  Kindbettfieber  auf  wiederzukehren;  hierher  gehört  das 
Gebärhaus  zu  St.  Rochus  in  Pest,  welches  von  der  chirurgischen  Ab- 
theilung getrennt,  meiner  Leitung  anvertraut  wurde.  Durch  sechs 
Jahre  hatte  ich  keine  Epidemie  ohne  Chlorwaschungen. 

Dass  die  grosse  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
atmosphärische  Einflüsse  bedingt  ist.  geht  daraus  hervor,  dass,  wenn 
Massregeln  getroffen  werden,  welche  geeignet  sind,  diese  zersetzten 
Stoffe  zu  zerstören,  dass  in  diesen  Gebärhäusern  das  sogenannte  epi- 
demische Kindbettfieber  nicht  mehr  vorkommt,  wenn  selbe  auch  früher 
durch  eine  lange  Reihe  von  Jahren  alljährlich  davon  heimgesucht 
waren.  Hieher  gehören  die  erste  Gebärklinik  zu  Wien  und  die  ge- 
burtshilfliche Klinik  zu  Pest.  Von  fremden  hiehei  gehörigen  Erfahrungen 
weiden  wir  später  sprechen. 

Das  was  wir  über  das  Erscheinen  und  Verschwinden  des  soge- 
nannten epidemischen  Kindbettfiebers  sagten,  wollen  wir  hier,  in  so 
weit  es  sich  auf  das  Wiener  Gebärhaus  bezieht,  durch  Zahlen  be- 
weisen. 

Das  Wiener  Gebärhaus  wurde,  wie  schon  angegeben,  am  16. 
August  1784  eröffnet.    Siehe  Tabelle  Nr.  XVII  Seite  136, 

Als  die  Medicin  in  Wien  nach  der  anatomischen  Grundlage  ent- 
behrte, ereigneten  sich  innerhalb  39  Jahren,  also  bis  zum  Jahre  1823, 
71,396  Geburten,  davon  starben  897,  also  1«  Percent.  Als  die  Medi- 
cin in  Wien  vom  Jahre  1823  angefangen  die  anatomische  Grundlage 
annahm,  ereigneten  sich  bis  znm  Jahre  1833,  in  welchem  Jahre  die 


melweis    Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Trennung-  des  Gebärhauses  in  zwei  Abtheilungen  stattfand,  also  inner- 
halb zehn  Jahren.  28,429  Geburten,  davon  starben  1509.  also  f>.  „  l'er- 
cent.    Siehe  Tabelle  Nr.  XVII  Seite  13n. 

Im  Jahre  1833  fand  die  Trennung  des  Gebärhauses  in  zwei  Ab- 
theilungen statt,  uns  es  wurden  Schüler  und  Schülerinnen  beiden  Ab- 
theilungen in  gleicher  Anzahl  behufs  des  geburtshilflichen  Unterrichtes 
zugewiesen.  Am  10,  October  1840  wurden  durch  eine  allerhöchste  Ent- 
Schliessung sämmtliche  Schüler  der  ersten  Abtheilung  und  sämmtliche 
Schülerinnen  der  zweiten  Abtheilong  behufs  des  geburtshilflichen 
Unterrichtes  zugetheilt. 

Während  der  acht  Jahre,  nämlich  vom  Jahre  1833  bis  zum  Jahre 
1841,  wiihrend  welchen  Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Abthei- 
lungen in  gleicher  Anzahl  vertheilt  waren,  schwankte  die  Grosse  der 
Sterblichkeit  zwischen  beiden  Abtheilungen,  wie  Tabelle  Nr.  XX 11 
zeigt. 


Tabelle  Hr.  XXII. 


1.  Abtue 

lung. 

11.  Abtheilim 

8- 

Jahr 

Geburl-n 

Todte 

Percent- 
Antheil 

Geburt. mi 

Todte 

Percent- 
Antheil 

1833 

8781 

197 

5.s, 

353 

8 

B-M 

1X1-1 

•20.7 

^•7, 

1744 

150 

2573 

143 

5.« 

1682 

84 

4  V.U 

IK:W; 

2ti77 

200 

7« 

1670 

131 

7.»* 

is  17 

8765 

251 

1784 

124 

6  n 

1838 

2987 

91 

ITT'.l 

38 

1839 

2781 

151 

O-04 

SSO  10 

91 

1840 

2889 

267 

"•IIA 

2073 

55 

'-  m 

Summe 

23066 

1505 

&M 

13095 

731 

&M 

. 


Ich  bedaure,  dass  ich  so  spät  zur  Kemitniss  dieser  Tabelle  ge- 
langt bin,  dass  ich  selbe  nicht  benützen  konnte  an  der  Stelle,  wo  ich 
derselben  das  erstemal  bedurfte.  Der  Leser  wolle  daher  von  Zeile  49 
angefangen  die  Seiten  134—136  nochmals  lesen. 

Durch  Zuweisung  sämmtlicher  Schüler  der  ersten  Abtheilung  und 
sämmtlicher  Schülerinnen  der  zweiten  Abtheilung  steigerte  sich  die 
Sterblichkeit  an  der  ersten  Abtheilung  und  verminderte  sich  an  der 
zweiten  Abtheilung  in  dem  Grade,  dass  bis  zur  Einführung  der  Chlor- 
waschungen,  Mitte  Mai  1847,  die  Sterblichkeit  innerhalb  dieser  sechs 
Jahre  an  der  ersten  Abtheilung  im  Durchschnitte  einmal  so  gross 
war,  als  an  der  zweiten  Abtheilung,  wie  Tabelle  Nr.  I  Seite  100  zeigt. 

Nach  Einführung  der  Chlorwaschungen  Mitte  Mai  1847  verhielten 
sich  die  Mortalitätsverhaltnisse  der  beiden  Abtheilungen  bis  1.  Jänner 
1859.  also  durch  zwölf  Jahre,  wie  Tabelle  Nr.  XXIII  zeigt. 

Diese  Tabelle  zeigt,  dass  die  Sterblichkeit  nach  Einführung  der 
Chlorwaschungen,  Mitte  Mai  1847,  an  der  ersten  Abtheilung  um  6.3a 
Percent  und  an  der  zweiten  Abtheilung  um  0sa  Percent  zwar  ge- 
sunken sei.  Aber  die  Sterblichkeit  ist  au  der  ersten  Abtheilung  um 
2.„0  Percent  und  an  der  zweiten  Abtheilung  um  l.,„  Percent  grösser 
als  im  Jahre  1848,  wo  die  Chlorwaschungen  durch  mich  beaufsichtiget 


Die  Aetiologie,  der  Begriff*  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettliebers.        183 


Tabelle  Nr.  XXIII. 


I.  A  b  t  ti  e  i  1  u  u  g. 

(Klinik  l'iir  Aerzte.) 


H.   Abtheilung. 
(Klinik  für  Hebammen.) 


Jahr 

Gtert.         Tod,,       5»-* 

Geburten 

Todte 

Ptrcent- 
Antheil 

1847 a) 

1848 

1849»} 

1860 

1»51 

1852 

1853») 

1854 

1855 

1856 

1857 

1858  4) 

3490 
3ao6 
8868 
3745 
4194 
4471 
4221 
4393 
3659 
3925 
4220 
4203 

176 

46 

103 

74 

75 

181 

94 

400 

198 

156 

124 

86 

■'■00 

L« 

1-ou 

L„ 

4.oo 
2-o* 
9,o 
5« 
3.01 
2.« 

2-04 

3306 

B2i  e 

8871 

3261 

:usn 
3396 
2988 
3070 
3795 
4179 

32 

43 
87 

54 
121 
192 

67 
210 
174 
125 

&3 

60 

0-00 

2- 
lo. 

■'05 
5^7 

1,.. 
ÖI8 

'"'■'■" 

8.1. 

1« 

Summe 

47936              1712 

3M 

40770 

1248            3.M 

wurden;  obwohl  auch  ich  die  kleinste  mögliche  Sterblichkeit  nicht 
erzielt  habe,  aus  Gründen,  die  ich  an  der  betreffenden  Stelle  ge- 
schildert. 

Die  Beurtheilung  dieser  gesteigerten  Sterblichkeit  wird  an  der 
Stelle  dieser  s>  hritr  folgen,  an  welcher  wir  uns  überhaupt  über  die 
Erfolglosigkeit  der  Chlorwaschungen  aussprechen  werden,  wie  solche 

anderen  Geburtshelfern  beobachtet  wurden. 

Für  den  unparteiischen  Leser  genüge  an  dieser  Stelle  die  Be- 
merkung,  dass  sämmtliche  ofriciell  an  den  beiden  Abtheilungen  in 

in  Zeiträume  fungirenden  Aerzte  Gegner  meiner  Ansicht  über 
die  Entstehung  des  Kindbettliebers  waren  und  sind. 

Mein  Nachfolger  in  dür  Assistenz,  Carl  Braun,  hat  gegen  meine 
Ansicht  geschrieben.  Carl  Braun 's  Nachfolger,  sein  Bruder  Gustav, 
hat  bewiesen,  welche  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbett- 
liebers er  hat.  durch  die  400  Todten  im  Jahre  1854.  Eine  Sterblich- 
keit, welche  im  Wiener  Gebärhause  innerhalb  75  Jahren,  die  Sterb- 
lichkeit selbst  beider  Abtheilungen  summirt,  nur  dreimal  übertroffen 
wurde,  nämlich  im  Jahre  1842  mit  730,  im  Jahre  1843  mit  457  und 
im  Jahre  1846  mit  567  Todten. 

Wenn  wir  aber  zu  den  400  Todten  der  ersten  Abtheilung  die 
210  Todten  der  zweiten  Abtheilung  desselben  Jahres  hinzufügen,  so 
wird  die  Sterblichkeit  des  Jahres  1854  beider  Abtheilungen  mit 
610  Todten  innerhalb  75  Jahren  im  Wiener  Gebärhause  nur  einmal 
hImi  troffen,  und  zwar  im  Jahre  1842,  ohne  Chlorwaschungen,  mit 
730  Todten. 

Wenn  wir   aber  die  Sterblichkeit   beider  Abtheilungen  sondern, 


')  Semmelweis.  Assistent  vom  20.  Mürz  1847  bis  20.  März  1849. 
•j  Carl  Braun,  Assistent  vom  20.  März  1849  bis  im  Sommer  1853. 

ustav  Braun,    Carl   Brauns  Bruder,   Assistent  und  von  April  bis  De- 
cember  1857  snpplirender  Professor. 
4)  Carl  Braun,  Professor. 


184 


Semmelweis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber, 


so  wird  die  Sterblichkeit  der  ersten  Abtheilung  mit  400  Todten  im 
Jahre  1854  innerhalb  75  Jahren  nur  zweimal  nbertroffen.  im  Jahre 
1842  mit  518  Todten  und  im  Jahre  1846  mit  459  Todten.' 

Der  deutlicheren  Uebersicht  des  Gesundheitszustandes  der  im 
Wiener  Gebärhause  verpflegten  Wöchnerinnen  wegen  wollen  wir  die 
Hauptzahlen  nach  den  für  das  Wiener  Gebärhaus  wichtigsten  Zeit- 
abschnitten hier  in  einer  Uebersichtstabelle  zusammenstellen. 


Tabelle  Ir,  IX1T. 

Medicin  in  Wien  ohne  anatomische  Grundlage. 
Geburten  71,395,  Todte  897,  Mortaütäts-Percent  l.,s. 

Medicin  in  Wien  mit  anatomischer  Grundlage. 
Geburten  28,429,  Todte  1509,  Mortalitäts-Percent  5.S0. 

Trennung  des  Gebarhauses  in  zwei  Abtheilungen. 

I.  Abtheilnng.  II-  Abtheilung. 

(Schüler    und    Schülerinnen    an    beiden  Abtheilungeu    in    gleicher  Anzahl    vertheilt) 

Geburten           Voiti           Mort-Prct.  Geburten           Todte           M..rt.-Prct 

88,060               1505                6.„  13,097                731                  5.w 


I.   A  b  t  h  e  i  1  u  n  g. 
(Klinik  für  Aerzte.) 
Geburten  Todte  Mort-Prct 

20,042  1989  9.„ 


Vor  Einführung  der  Chlorwaschungen. 

IL   Abtheilnng. 
(Klinik  für  Hebammen.) 
Geburten  Todte  Mort-Prct. 

IT, Till  691  3.,, 


Nach  Einführung  der  Chlorwaschungen. 

II.  Abtheilung. 
{Klinik  für  Hebammen.) 
Gebnrten  Todte  Mort.-Prct. 

40,770  1248  3.oa 


T     Abtheilung. 
(Klinik  für  Aerzte.) 
Gebnrten  Todte  Mort.-Prct 

47.938  1712  3.,, 


Summe  der  I.  und  II.  Abtheilung. 

Geburten  Todte  Mort.-Prct.  Geburten  Todte 

91,043  5206  5.,,  71,656  2670 


Mort-Prct. 

3-71 


Summe  aller  75  Jahre. 
Gebnrten  262.523,    Todte  10.282,    Mortalitüts-Percent  3.0I. 

39  Jahre  Medicin  in  Wien  ohne  anatomische  Grundlage. 
Die  Sterblichkeit  war: 


25  Jahre   0  Percent, 

1      „       1        „ 

In"*        n 
1       ,.        4        „ 


WiVhnerinnen  44838,  Todte  273  =  0.flO  Percent 

12074,  „       185  =  1  H 

^  „       2111  =  2  ai         „ 

,.                2062,  .,        66  =  3.go         ri 

„ 3089,  „      154  =  4,„a        „ 


38  Jahre 


Wöchnerinnen  71395.    Todte  897  =  l.M  Percent 


186 


Senuneliveis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


Klinik  für  Hebammen. 


Die  Sterblichkeit  w,u  : 


1  Jahr    0  Pereent,    Wöchnerinnen    3306,    Todte    32  =  O^o  Percent 


4 

i 

a 

s 

i 

3 

i 

4 

i 

b 

a 

6 

12  Jahre 


14139, 
7186, 

3395, 
307U, 
6298, 
B396, 


224  =  l.„_ 

170  =  2.., 

221  =  3.0A 

125  =  40- 

366  =  Ui 

210  =  G.IH 


Wöchnerinnen  10770.  TVdte  12-w  —  ;•>,..,  lvir.-m 


Dies«  Tabelle  muss  jedem  Unbefangenen  die  Ueberzeugung  bei- 
bringen, dass  die  Sterblichkeit  unter  den  Wöchnerinnen  des  Wiener 
Gebärhauses  innerhalb  75  Jahren  nicht  durch  atmosphärische  Ein- 
flüsse bedingt  war,  sondern  dass  es  ein  zersetzter  thierisch-organischer 
Stoff  war,  welcher,  je  nachdem  er  häufiger  oder  seltener  den  Indi- 
viduen von  aussen  eingebracht  wurde,  die  Sterblichkeitsschwankungen 
hervorbrachte,  wie  selbe  eben  gegenwärtige  Tabelle  anschaulich 
macht  Und  da  die  Gesetze  der  Natur  in  der  ganzen  Welt  gleich 
sind,  so  thue  ich,  gestützt  auf  diese  Tabelle,  den  Ausspruch,  dass  es 
nie  atmospärisch-cosmisch-tellurische  Einflüsse  gegeben  hat,  welche 
im  Stande  gewesen  wären,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen,  und 
dass  die  endlose  Reihe  der  Epidemien,  wie  solche  in  der  medicinischen 
Literatur  aufgezahlt  wird,  lauter  verhütbare  Infectionstalle  von  aussen 
waren,  d.  h.  sämmtlich  Erkrankungen  dadurch  entstanden,  dass  den 
Individuen  ein  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff  von  aussen  ein- 
gebracht wurde. 

Dass  die  sogenannten  Epidemien  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
atmosphärische  Einflüsse,  sundern  durch  einen  zersetzten  thieriseh- 
organischen  Stoff,  welcher  den  Individuen  von  aussen  beigebracht 
wurde,  bedingt  seien,  beweiset  der  günstigere  Gesundheitszustand  der 
in  englischen  Gebärhäusern  verpflegten  Wöchnerinnen,  und  der 
günstigere  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  den  Gebärhäusern 
derjenigen  Länder,  in  welchen  englische  Ansichten  vorherrschen,  wie 
in  Irland  und  Schottland,  in  Vergleich  mit  dem  schlechteren  Gesund- 
heitszustande der  Wöchnerinnen  in  deutschen  und  französischen  Gebär- 
häusern. 

Es  ist  kein  Grund  vorhanden  zu  der  Annahme,  dass  die  atmo- 
sphärischen Einflüsse,  welche  in  deutschen  und  franzosischen  Gebär- 
häusern die  Wöchnerinneu  in  so  grosser  Anzahl  dahinraffen,  nicht 
auch  in  England,   Schottland   und  Irland  sollten  statthaben  können. 

In  dem  Unterschiede  der  atmosphärischen  Einflüsse  genannter 
Länder  kann  demnach  der  Unterschied  in  dem  Gesundheitszustande 
der  Wöchnerinnen  nicht  liegen.  Aber  die  Ansichten  englischer 
Aerzte  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  sind  wesentlich  ver- 
schieden von  der  Ansicht,  welche  französische  und  deutsche  Aerzte 
über  denselben  Gegenstand  haben. 

Die  englischen  Aerzte  halten  das  Kindbettfieber  für  contagiös; 
in  Frankreich  und  Deutschland  war  immer  die  Ansicht  vorherrschend, 
dass  das  Kindbetuirliii  nicht  contagiös  sei.  Dass  das  Kindbettfieber 
nicht  contagiös  sei,  ist  auch  meine  Ueberzeugung ;  ich  habe  meine 
Gründe  schon  angeführt,  und  werde  in  dieser  Schrift  noch  einmal 
Gelegenheit  haben,  auf  denselben  Gegenstand  zurückzukommen. 

Aber  das   Kindbettfieber   ist   von   einer   kranken   Schwangeren, 


Dil  At'tiol.  Begriff  uu'l  dk  I'r-'pliylaxk  des  Kiiidletttieben.        187 


Kreissendeu  oder  Wöchnerin  auf  gesunde  Schwangere,  Kreissende 
und  Wöchnerinnen  durch  Vermittlung  eines  zersetzten  Stoffes,  welchen 
die  kranke  Schwangere.  Kreidende  und  Wöchnerin  erzeugt,  über- 
tragner; das  Kindbettfieber  ist  demnach  nicht  von  einer  jeden 
kranken  Seluvangeren.  Kreidenden  odei'  Wöchnerin  auf  gesunde  über- 
tragbar wahrend  des  Lebens,  sondern  nur  von  denjenigen  Krauken, 
welche  einen  zersetzten  Stoff  erzeugen.  Nach  dem  Tode  ist  vou  einer 
jeden  Puerpera-Leiche  das  Kindbettfieber  übertragbar  auf  gesunde, 
wenn  die  Leiche  den  nüthigen  Fäulnissgrad  erreicht  hat. 

Die  Engländer,  von  der  Ansicht  ausgehend,  dass  das  Bndbett- 
rieber  contagiös  sei,  besuchen  eine  gesunde  Schwangere,  Kreisst-mlr 
oder  Wöchnerin  nicht,  wenn  sie  früher  eine  kranke  Schwangere, 
Kreissende  oder  Wöchnerin  besucht  hatten,  ohne  sich  früher  die  Hände 
mit  Chlor  zu  waschen,  ohne  die  Kleider  gewechselt  zu  haben,  und 
wenn  die  Zahl  der  Erkrankungen  zunimmt,  unternehmen  selbe  Reisen 
oder  geben  für  pinige  Zeit  die  Praxis  ganz  auf.  Die  englischen 
Aerzte  gehen  nach  der  Section  einer  Puerpera-Leiche  zu  keiner  ge- 
suudeu  Sehwanireren,  Kreissenden  oder  Wöchnerin,  ohne  sich  früher 
in  Chlor  gewaschen,  ohne  früher  die  Kleider  gewechselt  zu  haben. 

Die  englischen  Aerzte  thun  in  allen  jenen  Fällen,  in  welchen  die 
kranke  Schwangere,  Kreissende  oder  Wöchnerin  keinen  zersetzten 
Stoff  erzeugt,  etwas  Ueberfliissiges,  aber  in  allen  Fällen,  in  welchen 
die  kranke  Schwangere,  Kreissende  oder  Wöchnerin  einen  zersetzten 
snti  erzeugt,  zerstören  die  englischen  Aerzte  in  der  Absicht,  ein 
•  Untugium  zu  zerstören,  den  zersetzten  Stoff,  welcher,  wenn  er  auf 
eine  gesunde  Schwangere,  Kreissende  oder  Wöchnerin  übertragen 
worden  wäre,  das  Kindbettfieber  hervorgebracht  haben  würde. 

Null  der  Section  einer  Puerpera-Leiche  zerstören  englische 
Aerzte  durch  Chlorwaschungen,  in  der  Absicht  ein  Contagium  zu  zer- 
Btftren,  den  zersetzten  Stoff,  mit  welchem  die  Puerpera-Leiche  deren 
Hände  verunreinigt  bat 

[»mische  und  französische  Aerzte,  in  der  Ueberzeugung,  dass  das 
Kindbettfieber  nicht  contagiös  sei,  und  die  Uebertragbarkeit  mittelst 
zersetzter  Stoffe  nicht  kennend,  besuchen  nach  Sectionen  von  Puerperal- 
leichen  und  nach  Besuchen  kranker  Schwangerer,  Kreissender  und 
Wöchnerinnen,  selbst  wenn  selbe  einen  zersetzten  Stoff  erzeugen, 
ohne  riet)  früher  mit  Chlor  gewaschen  zu  haben,  gesunde  Schwangere, 
iaaende  und  Wöchnerinnen,  und  übertragen  auf  diese  Weise  den 
zersetzten  Stoff  auf  gesunde  Schwangere,  Kreissende  und  Wöch- 
nerinnen, welcher  zersetzte  Stoff,  wenn  resorbirt,  das  Kindbettfieber 
hervorbringt. 

In  englischen  Gebärhäusern  fallen  daher  alle  Erkrankungen, 
welche  in  deutschen  und  französischen  Ci  burhutsern  von  Puerperal- 
1'  h  heu  oder  von  kranken  Schwangeren.  Gebärenden  und  Wöchnerinnen 
herrühren,  weg.  und  daher  der  günstigere  Gesundheitszustand  der 
Wöchnerinnen  in  Gebärhäusern.  in  welchen  man  das  Kindbettfieber 
für  contagiös  hält.  Dass  aber  aus  diesen  Quellen  der  zersetzte  Stoff 
für  zahlreiche  Erkrankungen  kommen  kann,  dafür  lieferte  <  hiari 
einen  belehrenden  Aufsatz  im  Wochen  blatte  der  „Zeitschrift  der  k.  k. 
ellschaft  der  Aerzte  zu  Wien",  erster  Jahrgang,  19.  Februar  1855. 
Nr.  8: 


188 


Semmelweis'  Abhandlungen  nnd  "Werk  über  das  Kindltttfieber. 


Winke  zur  Torben gung  der  Puerperal- Epidemie. 
Von  weiland  Professor  Chiari. 

«Ich  erlaube  mir  hier  die  Aufmerksamkeit  auf  einen  Oegenstami 
zu  lenken,  der,  wie  auch  vielfach  besprochen,  dennoch  vieler  Auf- 
klärungen bedarf.  Es  ist  dies  die  Entstehung  und  Vorbeugung  der 
sogenannten  Puerperal-Epidemien,  ich  sage  sogenannten,  da  es  con- 
siatirt  ist,  dass  derlei  Erkrankungen  nicht  etwa  zahlreicher  gleich- 
zeitig über  einen  grossen  Distriet  verbreitet  vorkommen,  sondern  be- 
kanntem] assen  meist  nur  an  Entbindungsanstalten,  und  auch  da  nicht 
gleichmässig  an  den  verschiedenen  Abtheilungen  derselben   auftreten. 

„Ich  will  hier  nicht  auf  die  verschiedenen  Ansichten  über  die 
Entstehungsursache  dieser  wirklich  furchtbaren  Krankheit  zurück- 
kommen, erlaube  mir  aber  nur  einige  Beobachtungen  über  die  Ver- 
anlassung zu  zahlreichen  Erkrankungen  von  Wöchnerinnen  zu  geben. 
die  ich  während  meiner  Amtswirkung  in  Prag  machte. 

„Vom  23.  bis  27,  Jänner  1853  wurde  bei  einer  Erstgebärenden 
eine  den  eben  bestimmten  Zeitraum  anhaltende  Verzögerung  der  Ge- 
burt durch  Verdickung  des  Muttermundes  und  nachträgliche  Gan- 
gräneseenz  noch  während  der  Geburt  beobachtet.  Nachdem  vergebens 
Bäder.  Einspritzungen,  Antiphlogose,  Illusionen  des  knorpelharten 
und  fingerdick  gewulsteten  Muttermundes  angewendet  worden  waren, 
schritt  man  zur  Verkleinerung  des  bereits  durch  den  längeren  Ge- 
burtsact  abgestorbenen  Kindes,  um  die  Geburt  nach  viertägiger  Dauer 
zu  vollenden.  Die  Absonderung  aus  der  Scheide  war  in  den  zwei 
letzten  Tagen  bräunlich,  missfärbig,  höchst  übelriechend.  Die  Wöch- 
nerin erkrankte  an  heftiger  Endometritis  septica  und  erlag  den 
1,  Februar  dieser  Krankheit.  Von  dem  Tage  an,  wo  diese  Gebärende 
auf  dem  Geburtszimmer  war,  erkrankten  neun  andere  Gebärende,  die 
mit  ihr  zugleich  auf  dem  Gebärzimmer  lagen,  und  mit  Ausnahme 
einer  einzigen  starben  sie  alle.  Von  den  letzten  Tagen  Jänners 
schleppten  sich  die  häufigen  Erkrankungen  bis  in  den  Monat  Mai  hin, 
worauf  wieder  bis  October  der  günstigste  Gesundheitszustand  unter 
den  Wöchnerinnen  herrschte. 

»Hieraus  glaubte  ich  mit  Bestimmtheit  zu  entnehmen,  dass  in 
diesem  concreten  Falle  die  Ursache  der  häufigeren  Erkrankungen 
von  Uebertragung  der  gangränösen  Stoffe  von  den  kranken  Gebärenden 
auf  die  gesunden  Individuen  herrührte.  Natürlich  ist  es,  dass  hierbei 
die  möglichste  Vorsicht  beobachtet  wurde,  um  nicht  durch  die  Unter- 
suchung die  deletären  Stoffe  zu  übertragen;  trotzdem  aber  ist  beim 
gleichzeitigen  Aufenthalte  einer  solchen  kranken  und  mehrerer  gesunden 
Gebärenden  in  einer  und  derselben  nicht  zu  geräumigen  Localität 
durch  allerlei  Medien  eine  Uebertragung  der  deletären  Stoffe  anzu- 
nehmen. Sind  aber  mehrere  Erkrankungen  eingetreten,  so  ist  es  be- 
greiflich, dass  auf  dieselbe  Weise  an  einer  Anstalt,  wo  die  Localitäten 
für  die  grosse  Frequenz  der  Geburten  kaum  ausreichen,  auch  die  Fort- 
dauer dieser  Krankheit  bedingt  hat. 

„Durch  das  bisher  Gesagte  will  ich  nicht  etwa  die  Meinung  aus- 
sprechen, als  ob  alle  sogenannten  Puerperal-Epidemien  auf  diese  Weise 
entstehen  müssten,  jedoch  glaube  ich  dadurch  auf  einen  Umstand  auf- 
merksam zu  machen,  der  oft  au  grösseren  Entbindungsanstalten  ein- 
treten kann  und  wird. 


Die  Aetiologte,  der  Begriff  und  die  l'iv.phvlaxlfl  des  Khidbetttiebers         1^9 


.Als  Inst  urkenden  Beweis  dieser  meiner  Ansicht  hatte  ich  leider 
Gelegenheit  eine  zweite  traurige  Erfahrung-  zu  machen.  Im  October 
1853  wurde  wenige  Tage  vor  meiner  Rückkehr  nach  Prag  nach  einer 
mehrwöchentlichen  Ferialreise  bei  einer  durch  mehrere  Tage  kreissenden 
Frau  wegen  Beckenenge  die  Perforation  nöthig.  Diese  Wöchnerin 
starb  an  Endometritis  septica  mit  Verjauchung  der  Synchondruse.  V  11 
dieser  Zeit  waren  wieder  zahlreiche  bösartige  Erkrankungsfälle  ein- 
getreten, die  erst  Mitte  November  wieder  aufhörten.  Von  da  an  bis 
zu  Ende  meiner  Amtsführung  in  Prag,  nämlich  bis  Ende  August  des 

laufenen  Jahres,  war  ich  so  glücklich,  an  der  dortigen  Klinik 
nicht  mehr  diese  fürchterliche  Krankheit  zahlreicher  zu  beobachten. 

„Durch  diese  zwei  Beobachtungen  wollte  ich  weiter  nichts  darge- 
than  haben,   als  dass   man  bei  grösserer  Aufmerksamkeit  im  Stande 
die  Entstehungsweise  der  zahlreichen  Erkrankungen  an  den  Gebär- 
anstalten hin  und  wieder  nachzuweisen. 

,.l  ebrigens  wurde  auf  diese  Entstehungsweise  schon  von  Semmel- 
weil  lungedeutet,  und  auch  an  der  hiesigen  Klinik  für  Hebammen 
wurde  in  du-sem  Herbste  eine  ähnliche  Beobachtung  gemacht,  wie  mir 
mein  Freund,  Dr.  Späth,  vertraulich  mitteilte. 

„Ich  halte  es  für  eine  Gewissenssache,  diese  Beobachtungen  zu 
veröffentlichen,  denn  wenn  ich  auch  nicht  damit  gesagt  haben  will, 
dass  darin  die  einzige  Entstehungsweise  dieser  Seuchen  liegt,  so  kann 
doch  die  Beobachtung  der  dadurch  entstandenen  Rücksichten  für  die 
Eintheilung  und  Einrichtung  der  Gebäranstalten  grosser  praktischer 
Vortueil  erlangt  werden.  In  dieser  Beziehung  halte  ich  es  für  eine 
dringende  Notwendigkeit,  in  grösseren  Gebäranstalten  mehrere  Geburts- 
zimmer in  Bereitschaft  zu  halten,  um  im  oben  eintretenden  Falle  die 
verzögerten  Geburten  von  den  gewöhnlichen  zu  isoliren.  Dass  diese 
Isolirting  auch  bei  Ertheilung  des  Unterrichts  beobachtet  werden 
muss.  verstellt  sich  von  selbst. 

..Von  der  oben  ausgesprochenen  Ansicht  ausgehend,  dass  nämlich 
v  n  der  Uebertragung  der  faulenden  deletären  Stoffe  die  Ausbreitung 
der  Wochenkranklieiten  an  grösseren  Gebäranstalten  abhängt,  suchte 
ii  h  aiuh  nach  Möglichkeit  diese  Ursache  zu  beseitigen,  und  traf  des- 
halb an  der  unter  meiner  Leitung  stehenden  Anstalt  folgende  Vor- 
kohrungsmassregeln : 

„1.  Ich  theilte  den  Unterricht  derartig  ein,  dass  die  einzelnen  Ge- 
bärenden  niemals   von   mehr   als   fünf  Schülern   untersucht  wurden. 
nachdem  es  einem  jeden  Zuhörer  auferlegt  worden  war,  mit  Chlorkalk- 
tng  die  Hände  zu  waschen. 

„2.  Damit  die  Uandidaten  nicht  leicht  von  anatomischen  Arbeiten 
zur  Klinik  kommen  konnten,  bestimmte  ich  für  den  Sommer  und  für 
den  Winter  die  Morgenstunde  von  7  bis  9  für  die  Abhaltung  der  Klinik, 

„3.  Richtete  ich  mein  Augenmerk  auf  sorgfältige  Reinigung  der 
Wische,  wobei  auch  bei  der  zweiten  Epidemie  die  Einrichtung  ge- 
troffen wurde,  dass  die  vor  die  Genitalien  zu  legenden  Uonipressen 
selbst  ausser  dem  Hause  gewaschen  wurden. 

„4.  Sein  leicht  denkbar  ersohien  es  mir  ferner,  dass  beim  Waschen 
der  Wöchnerinnen  an  den  Geburtstheilen  mit  dem  Schwämme,  wenn 
z.  B.  die  eine  an  Puerperalgeschwüren  litt,  dieser  Zustand  auch  auf 
die  anderen  Wöchnerinnen  übertragen  werden  kann.  Deswegen  traf 
ich  die  Einrichtung,  zur  Reinigung  der  Geburtstheile  bei  den  Wöchner- 
innen  keine  Schwämme   mehr,   sondern   nur  Spritzen   zu   gebrauchen, 


L90 


'  libandJnngen  uncl  Werk  über  das  Kütitbettfiebtir. 


denn  während  erstere  mit  den  Geburtstheüen  leicht  inContact  kommen, 
ls1  dieses  bei  den  letzteren  nicht  leicht  möglich. 

..;').  Suchte  ich  die  schwerer  Erkrankten  aus  der  Gebäranstalt 
zu  entfernen,  indem  ich  selbe  ins  Krankenhaus  traneferirte.  Diese 
I  wai  jedoch  auch  andererseits  durch  Hange!  an  Kaum  ge- 
boten. Dass  ee  jedenfalls  zweckmässig"  ist.  in  physischer  und  moralischer 
Beziehung  die  Anhäufung  solcher  Kranken  in  den  Gebäranstalten  zu 
verhindern,  muss  Jedermann  einleuchten. 

jy  Aus  aerobes  trtWgeeproclteneTi  Ansicht  geht  nun  ferner  hervor, 
liass  bei  Eintritt  zahlreicherer  Erkrankungen  an  einer  Gebiiiui-iali 
ein  Wechsel  der  Legalitäten,  so  wie  der  ganzen  Fournitur  eines  Spitals 
ein  vorzügliches  Mittel  genannt  werden  muss,  um  die  Ausbreitung 
der  Krankheit  zu  hemmen. 

„Daher  schien  es  mir  zweckmässig,  bei  Errichtung  neuer  der- 
artiger \ nstalten  die  Baulichkeit  so  einzurichten,  dass  z.  B.  hier  in 
loco  eine  jede  geburtshilfliche  Klinik  ein  eigenes  Gebäude  hätte, 
welches  auch  in  Beziehung  auf  Wäsche  von  der  andern  Klinik  gänz- 
lich getrennt  werden  könnte, 

„Indem   ich   bei   Anwendung   dieser   Massregeln,    so    weit  <i 
Ausführung  in  meiner  Macht   lag,   Gelegenheit   hatte   zu   beobachten. 
dass  die  häufigeren  Puerperalkrankheiten  nach  ein  bis  zwei  Monaten 
wieder  aufhörten,  so  glaube  ich  selbe  dringend  anempfehlen  zu  können," 

Aus  diesen  Beobachtungen  Chi ari's  ersieht  der  Leser,  wie  zahl- 
reiche Erkrankungen  der  zersetzte  Stoff,  welcher  von  eiuer  kranken 
Gebärenden  und  Wöchnerin  herrührt,  erzeugen  kann.  Dass  aber  der 
zersetzte  Stoff,  welchen  kranke  Gebärende  und  WÖchnerinueu  erzeugen, 
nicht  die  einzige  Quelle  der  sogenannten  Puerperal-Epidemie  sei,  gebt 
aus  dem  hervor,  was  wir  Seite  159  und  100  von  den  Quellen  sagt-n. 
aus  welchen  der  zersetzte  Stoff  genommen  wird,  welcher  alle  bisher 
beobachteten  und  vielleicht  noch  zu  beobachtenden  sogenannten  Pner- 
peral-Epidemieii  hervorgebracht  hat,  oder  vielleicht  noch  hervor- 
bringen wird. 

Dass  in  den  Gebärhäusern,  in  wrelchen  man  das  Kiiulbi 'tt  lieber 
für  contagiös  hält,  und  in  der  Absicht,  ein  Contagium  zu  zerstören, 
durch  Chiorwaschungen  den  zersetzten  Stoff  zerstört,  welcher  vou 
kranken  Schwangeren,  Gebärenden,  Wöchnerinnen  und  PiterperallHehen 

mmen.  sonst  zahlreiche  Erkrankungen  hervorgerufen  hätte,  wirklich 
ein  besserer  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  zu  beobachten  sei, 
geht  aus  einem  Berichte  hervor,  welchen  Prof.  Dr.  Levy  ans  Kopen- 
hagen über  die  Gebärhäuser  und  den  praktischen  Unterrächt  iü  der 
Geburtshilfe  in  London  und  Dublin  in  der  vBiblioihek  for  haager*1 
veröffentlicht  Prof.  G.  A.  Michaelis  in  Kiel  hat  eine  deutsche 
Uebersetzung  dieses  Berichtes  in  der  „Neuen  Zeitschrift  für  Geburts- 
kunde",  Bd.  27,  Mit.  :;,  Seite  392T  veröffentlicht. 

ich  kann  mich  nicht  enthalten,  die  Vorrede  des  Uebersetzers  zu 
diesem  Berichte  wörtlich  hier  abdrucken  zu  lassen: 

„Bei  einer  Reise,  die  ich  vor  Kurzem  vollendete,  hatte  ich  Gelegen* 
beil,  mich  von  der  Treue  der  Darstellung  des  vorliegenden  Berichtes 
zu  überzeugen;   eine  Ueberzengung,  die  auch  jedem  Leser  schon 
dem  Fleisse  und  der  Gründlichkeit  der  Darstellung  sich  aufdrängen  muss. 

..Der  Hauptgesichtapnnlct  hei  der  Untersuchung  des  Verfassers 
war  die  Erforschung  der  Verhältnisse,  unter  welchen  das  Puerperal* 
fieber  erscheint,   und  die  Angabe   der  Mittel,   welche   man  zu  dessen 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        191 

Besiegung:  glücklich  angewendet  hat.  Die  englischen  Anstalten  bieten 
in  diesem  Punkte  vor  allen  die  wichtigsten  Resultate  dar,  denn  sie 
sind  meistens  von  dieser  Pest  der  Gebäiiiäuser  zeitweise  arg  le-im- 
gesucht  worden,  haben  es  aber  in  den  letzten  Decennien  durch  Gesund- 
massregeln glücklich  dahin  gebracht,  dass  die  Sterblichkeit  der 
Wöchnerinnen   in   allen   Londoner   und  Dubliner  Anstalten   nur   ein 

•>  nt  eben  übersteigt. 

..Auf  dem  kontinente  sind  wir  Ton  so  glücklichen  Resultaten 
leider  noch  weit  entfernt.  Mit  Ausnahme  einiger  kleinerer  bisher 
verschonter  Anstalten  wüthet  die  Krankheit,  wie  öS  scheint,  mit  dem 
Alter  der  Anstalten  immer  häufiger  und  verderblicher.  Sie  bedroht 
schon  die  Existenz  der  für  das  ("'(leihen  der  Wissenschaft  und  den 
praktischen  Unterricht  so  nothwendigen  Geb&rhfinser.  Leider  ist  dieser 
1  all  bei  der  unter  meiner  Leitung  stehenden  Anstalt  eingetreten,  und 

heint.  den  Umständen  nach,  in  Kopenhagen  das  Gleiche  der  Fall 
zu  sein,  An  beiden  Orten  wird  man  zu  einem  Neubau  seine  Zuflucht 
nehmen  müssen;  und  wenn  die  Regierung  auch  zu  einem  solchen  dieses 
Mal  noch  die  nöthigen  Mittel  bewillig  r«l  ein  abermaliges  Miss- 

liiicvn  fast  nothwendig  die  Aufhebung  des  Gebärhauses  nach  sich  ziehen. 

..Diese  drohende  Gefahr  aber  schwebt  nicht  allein  über  uns,  sie 
wird  seinerzeit  alle  ähnlichen  Anstalten  erreichen,  in  denen  die  Her- 
stellung eines  besseren  Gesundheitszustandes  nicht  gelingt. 

..Mit  fortschreitender  Bildung  und  Humanität  wird  auch  an  Orten, 
WO  bisher  die  öffentliche  Stimme  sich  gleichmütig  gegen  die  furchtbare 
Aufopferung  von  Menschenleben  verhielt,  sieh  dieselbe  einst  mächtig 
erheben,  und  ist  dann  ihres  Sieges  völlig  gewiss:  man  wird  die  An- 
Statten  aufheben  oder  gesund  machen  müssen.  Zum  Heile  und  Ehre 
der  Wissenschaft  aber  ist.  es  zu  wünschen,  dass  man  es  zu  diesen) 
Zwange  nicht  kommen  lasse  :  dass  man  früher  Hand  aus  Werk  lege, 
ehe  die  Volkswut  li  alles  zerstörend  über  den  Saufen  wirft. 

s  von  einer  therapeutischen  Behandlung;  der  einzelnen  Krank- 
heitsfälle die  Tilgung  dieser  Pest  nicht  zu  erwarten  ist.  brauche  ich 
dem  in  der  Sache  Erfahrenen  nicht  zu  beweisen.  Vielmehr  ist  dieses 
um  durch  durchgreifende,  streng  befolgte  Massregeln  der  Reinigung 
und  Ventilation  u.  s.  w.  zu  erlangen,  seheint  aber  nach  den  Erfahrungen 
der  Engländer  auf  diesem   Wege  auch  sicher  erreichbar  zu  sein 

..Wir  müssen  uns  unseren  Collegen  in  England  für  dieses  Beispiel 
fruchtgekrönter  Bemühungen,  für  diese  uns  gewährte  Hoffnung  einer 
besseren  Zukunft  zum  Hanke  verpflichtet  fühlen;  wir  können  nichts 
Besseres  thun,  als  uns  auch  durch  den  Äugt  Iher  ihre  trefflichen 

Einrichtungen  zu  belehren. 

„Mit   der   grössten    Zuvorkommenheit   wurden   mir  die  Anstalten 

igt,  und  mit  einem  solchen  Führer,  wie  Professor  Levy's  Schrift, 
wird  man  es  möglich  finden,  selbst  in  sehr  kurzer  Zeit  durch  den 
Augenschein  zur  vollständigen  Kenntniss  der  englischen  Einrichtung 
zu  gelang«  n. 

„Im  vorigen  Jahre  hat  man  in  Wien  die  glückliche  Entdeckung 
gemacht,  dass  durch  eine  Reinigung  der  Hände  mit  Chlor  vor  dem 
Untersuchen  die  Krankheit  in  der  Abtheilung  des  Gebärbauses,  wo 
sie  bisher  fürchterlich  wüthete,  in  auffallender  Weise  beschrankt 
wurde.  In  der  Zeit  der  Anwendung  dieses  Mittels  sank  die  Kahl 
der  Todten  auf  fast  '  ,„  der  sonst  gewöhnlichen  herab;  ein  äusserst 
glänzendes  Resultat. 


192           Semmelweis1  Abhandlungeii  und  Werk  über  das  Kindbettfielicr. 

„Ohne  Zweifel  wird  Dr.  S  e  m  m  e  1  w  e  i  s ,  dem  wir  diese  Entdeckung 

verdanken,  das  Nähere  hierüber  nächstens  veröffentlichen ;  und  täuscht 

nicht  Alles,  so  eröffnet  sich  durch  Anwendung  dieses  Mittels  neben 

den  allgemeinen  Desinfectionsmitteln  eine  glücklichere  Zeit  für  unsere 

Gebärhäuser,    Ich   verdanke  die   Kenntnis   der  Wiener  Erfahrungen 

der  gütigen  Mittheilung  des  Dr.  Hermann  Schwärt z  aus  Holstein, 

dem   ich   hierfür   meinen    Dank   öffentlich    abzustatten    nicht   unter- 

lassen kann. 

„Kiel,  den  17.  April  1848." 

Die  Zahleiirapporte  der  Gebärhäuser  in  London  sind  nach  Professor 

Dr.  Levy's  Angaben  folgende: 

Tabelle  Nr.  XXT. 

Tabelle  über  die  Gebarenden  in!  Verstorbenen  In  Britlefc-Lrlng-in-üospital 

in  London  von  Errichtung1  dos  Hospitals  im  November  1749  bis»  zum 

31.  December  184«. 

Jahreszahl 

Gebirende  '      Todte 

Pere.-iit- 
Antbeil 

Sterblichkeit 

1749 

(vom  Novem- 

ber bis 

31.Deceniher) 

3 

— 

— 

1750 

175 

8 

1-7. 

1751 

337 

12 

■'■.:', 

78  Todte  auf  3292  =  1  auf 

175-2 

488 

14 

3.j8 

42'»/« 

1753 

884 

10 

■'■:, 

1764 

321 

12 

3.,, 

1768 

370 

9 

2.« 

1768 

370 

3 

o.BI 

1767 

478 

7 

l-i« 

1768 

521 

8 

1,„ 

1759 

472 

6 

1.7 

1760 

427 

26 

''.,,» 

1761 

880 

n 

>J.o: 

1762 
1763 

397 
414 

7 

10 

2.,, 

94  Todte  auf  4773  =  1  auf 

ÖO'V»* 

1764 

886 

7 

u, 

1765 

680 

9 

1-M 

1766 

588 

10 

1-10 

1767 

571 

4 

0.7» 

1768 

588 

3 

o.61 

1769 

561 

7 

1.*. 

1770 

472 

28 

6-m 

1771 

541 

4 

0.7i 

1772  696 

1773  627 

4 
4 

o.M 

1Ü6  Todte  auf  5637  =  1  auf 
ö3"7i<* 

1774                  668 

l.s 

3« 

1775                  570 

21 

o 

IT:«; 

543 

3 

o.« 

1777 

602 

6 

o.„0 

1778 

572 

11 

Uä 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.       193 


Jahreszahl 

Gebärende 

Todte 

Percent- 
Antheü 

Sterblichkeit 

1779 
1780 
1781 
1782 
1783 
1784 
1785 
1786 
1787 
1788 

563 
566 
624 
649 
687 
650 
436 
697 
664 
578 

3 
8 

14 

13 
6 

14 
6 
9 
9 

10 

0.5, 

1.« 
2-, 
2.,4 

0.85 

2..« 

1,7 
1M 
1.5, 
1-7, 

91  Todte  auf  5513  =  1  auf 
60"/,i 

1789 
1790 
1791 
1792 
1793 
1794 
1795 
1796 
1797 
1798 

699 
622 
621 
610 
590 
581 
612 
627 
619 
566 

1 

7 
1 

1 
1 
2 
2 
1 
3 
2 

0..5 
1-1, 

0.„ 

0.19 

o.l6 

0.,4 

o.„ 

0.,5 

o.« 
o„ 

21  Todte  auf  6047  =  1  auf 

288'/« 

1799 
1800 
1801 
1802 
1803 
1804 
1805 
1806 
1807 
1808 

521 
417 
401 
358 
366 
343 
328 
323 
321 
324 

1 

3 
2 
5 
2 
1 
2 

o.l9 

0-55 
1,6 
0.8g 

O.,0 

16  Todte  auf  3702  =  1  auf 
231«/ie 

1809 
1810 
1811 
1812 
1813 
1814 
1815 
1816 
1817 
1818 

310 
329 
346 
320 
373 
311 
349 
321 
329 
301 

1 
2 

2 

2 
3 

1 

1 

o.„ 

0-60 

o« 

0^7 

o.M 

0.,o 
0» 

12  Todte  auf  3289  =  1  auf 
2747,, 

1819 
1820 
1821 
1822 
1823 
1824 
1825 
1826 
1827 
1828 

292 
299 
262 
180 
163 
176 
170 
183 
159 
168 

2 
1 
7 
5 

4 
2 
6 
3 

o~ 

0.OS 
3.88 

3-o« 

2.« 
l.o» 

3-7, 
1-78 

30  Todte  auf  2052  =  1  auf 

68'V.o 

Semmelweis'  gesammelte  Werke. 


13 


194 


Semmelweiü'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Jahreszahl 

Gebärende 

Todte 

Percent- 
Antheil 

Sterblichkeit 

1829 

156 

4.M 

1830 

85 

1-17 

!   1831 

142 

o.„ 

1832 
1833 

117 
122 

Ö.»8 

30  Todte  auf  1178  =  1  auf 
397,0 

1834 

113 

3 

2-e» 

1836 

106 

3 

2„ 

1836 

89 

— 

1837 

104 

2 

l.M 

1838 

142 

5 

3.5. 

1839 

104 

1840 

113 

1 

o.M 

1841 
1842 

125 
106 

3 

2.40 

12  Todte  auf  876  =  1  auf 
73 

1843 

106 

3 

2-8. 

1844 

117 

1 

0-8» 

1845 

94 

3 

1846 

111 

1 

0*o 

In  98  Jahren 

86337 

490 

1*4 

In  12  Jahren   starb   keine   von 


39 

21 

10 

12 

1 

2 

1 


0% 
2i: 
f" 
6" 


2862  Wöchnerinnen, 
16692 

8956  „ 

3029 
3626 

156 

589 

427 


84  Todte 
137 

76 

125 

7 

35 

26 


0.4t  Percent 

1.» 

2«, 

3.44 

4.48 

6*4 

6..H, 


In  98  Jahren 


36337   Wöchnerinnen,    490  Todte  =  l.M  Percent 


Tabelle  Ir.  XX7I. 
Queen-Charlotteg  Lying-in-hogpital. 


Jahreszahl 

Gebärende 

Gestorben 

Percent- 
Antheil 

1828 
1829 
1830 
1831 
1832 
1833 
1834 
1835 
1836 
1837 
1838 
1839 
1840 
1841 
1842 

265 
221 
236 
207 
217 
130 
161 
214 
169 
215 
202 
204 
199 
218 
212 

10 
6 
6 
4 
2 

2 
1 
2 
2 
5 
4 
3 
3 
2 

3.„    i 
2.,, 

I«. 

l.M 

o.M 

1~ 

O.4, 

1-18 

o.„ 

2.4, 

1.»« 

1-50 
1-87 
0.„4 

In  15  Jahren   |      3070 

52     j    1.6» 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        195 


In   1   Jahr   starb   keine  Ton     130   Wöchnerinnen, 


4 

»    2      „ 

«         1           M 

91 

Jl 

1« 

0% 

2„ 
3„ 

■       B68 

„      1394 
423 
266 

In   Ifi  Jahren 

3070 

3070  ISerhiierinnen, 


7 

Todte 

= 

&,, 

Percent 

24 

= 

l  -■ 

11 

HB 

8M 

10 

u 

= 

S.,1 

n 

52 

Todte 

= 

Percent 

Tabelle  Hr.  XXTII. 
111.  The  city  of  London  Lvlng-in-hospital. 


Jahr 

Gebärende 

Gestorben 

Fen-ent- 
Antheü 

1827 

317 

1828 

312 

— 

— 

1829 

377 

— 

— 

1830 

236 

15 

6.,» 

Geschlossen 

— 

— 

1831 

363 

5 

1» 

1832 

404 

B 

o.,« 

1833 

HHU 

l 

0.10 

1834 

411 

3 

o.„ 

1835 

473 

7 

1.« 

1836 

437 

8 

L, 

1837 

522 

7 

1*4 

1838 

600 

13 

2.,« 

183!' 

561} 

10 

Ui 

1840 

MX  i 

6 

••Ol 

1841 

635 

6 

o.« 

1842 

567 

1 

Oki 

1843 

4R9 

2 

o.« 

1844 

-Kir, 

4 

o.M 

1845 

382 

6 

1.M 

1846 

467 

7 

L« 

1847 

554 

7 

1« 

1848 

547 

27 

4.., 

1849 

448 

14 

&14 

1850 

376 

2 

o.M 

In  24  Jabren 

10868 

154 

l« 

In    3  Jahren  starben  keine  von  1006  Wöchnerinnen, 


0% 
1« 

B  .. 
4  .. 


3K7M 
4353 
600 
446 
547 
236 


22  Todte  =  0.«,  Percent 
63      „      =  1„4        „ 


In  24  Jabren 


10868  Wöchnerinnen,  154  Todte  =  1.«  Percent 


Die  letzten  vier  Jahre  sind  dem  Werke  Arneth's1)  entnommen. 
Vom  Jahre  1848  sagt  Arn  et  h:  „Ich  bedaure.  nicht  im  Stande  zu 
sein,  angeben  zu  können,  wie  die  Sterblichkeit  im  Jahre  1848,  das  in 
diesem  Gebärhause  viele  Opfer  forderte  t  in  den  anderen  Anstalten 
Londons  sich  verhielt." 


')  Ueber  Geburtshilfe  und  Gynaecologie   in   Frankreich,  Grosabritannicu    und 
Irland.     Wien  1853. 

13» 


196 


Semmelweis"  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber, 


Nebenbei  sei  jedoch  bemerkt,  dass  Mrs.  Widgen,  die  eben  so 
kluge  als  erfahrene  Hebamme  der  zu  besprechenden  Anstalt,  eine  im 
Hause  gemachte  Section  als  Ausgangspunkt  der  Seuche  bezeichnete, 
ohne  dass  ich  ihr  eine  solche  Meinung  in  den  Mund  gelegt  hätte. 


Tabelle  Hr.  XXVIII. 
IV.  Tue  general  Ljlng-in-hoaplUl. 


Jahr 

Gebärende 

Gestorben 

Percent- 
Antbeil 

1829 
1830 
1881 
1832 

1884 

1835 
1836 
1837 
l.s:-:s 
1839 
1840 
1841 
1842 
1843 
1844 
1845 
18  u; 

170 
183 

160 
180 
184 
209 
185 
212 
196 
71 
171 
210 
117 

m 

191 
166 
186 

ans 

7 

3 

2 

2 

6 

7 

14 

0 

4 

19 

6 

15 

15 

11 

2 

im 

1,. 

3,.0 

3.ä4 

4-M 

2„4 
»•!■ 

&«• 
tu 

12., 

tu 

1»4 

In  18  Jahren 

122 

»>.u7 

In     3 

Jahren 

starb 

keine 

von 

560 

Wöchnerinnen, 

M      4 

1% 

714 

9  Todte 

=    1,.« 

Percent 

1 

ii 

ii 

8„ 

ii 

196 

4 

=  2.0i 

„      3 

„ 

„ 

3„ 

564 

19 

""W 

„     2 

4» 

„ 

tm 

16 

=   4.„ 

n     3 

v„ 

M» 

40 

1.     1 

12  „ 

117 

15 

,.     1 

H 

»i 

m„ 

ir 

VI 

»i 

19 

ii 

=  26.7Ö 

ti 

In   18  Jahreu 


3152  Wöchnerinnen,   122  Todte  =  3„,   Percent 


Vom  Gesundheitszustände  der  Wöchnerinnen  dieses  Gebärhauses 
sagt  Professor  Dr.  Levy  Folgendes . 

„Die  hieraus  hervorgehende  Veränderung  im  Gesundheitszustande 
des  Hospitals  in  den  letzten  379  Jahren  ist  zu  merkwürdig,  dass  es 
nicht  interessiren  sollte,  etwas  näher  die  Anstrengungen  und  Versuche 
kennen  zu  lernen,  die  man  vorher  zu  diesem  Zwecke  gemacht  hat, 
worüber  in  dem  bekannten  „Health  of  toicns  eummismns  first  rcport," 
VoL  I,  pag.  117 — 21,  eine  authentische  Aufklärung  enthalten  ist. 
Man  sieht  hieraus,  dass  man  bis  1838  sich  mit  den  gewöhnlichen 
Palliativmitteln  gegen  Hospitalsepidemien  (Endemie.  Anm.  d,  Verf.) 
begnügte.  Indem  man  nun  aber  den  Blick  über  das  Hospitalsgebäude 
erweiterte,  gewahrte  man,  dass  in  unmittelbarer  Nähe  des  Gebäudes, 
kaum  30  Fuss  von  der  Mauer,  sich  offene  Gräber  von  mehr  als  1500 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        197 


l'u->  Ausdehnung  vorfanden,  die  den  Ablauf  des  angrenzenden  Armen- 
und  stark  bebauten  »Stadtquartiers  aufnahmen.  Der  Inhalt  der  Gräben 
war  stagnirend,  und  in  Folge  von  anhaltender  Gasentwicklung  in  be- 
ständiger Ebullition. 

..Nach  manchen  Schwierigkeiten  und  Debatten  mit  der  Wasser- 
leitungscommission glückte  es  endlich  dem  Hospitalsvorstande  im  Oc- 
tober  1838,  gegen  Beisteuer  zu  den  bedeutenden  Kosten  eine  644  Fuss 
lange  Strecke  der  Gräben  gereinigt  und  überbaut  zu  erhalten,  bei 
welcher  Gelegenheit  aber  der  Missgriff  begangen  wurde,  dass  man  die 
ungeheure  Monge  des  schwarzen  stinkenden  Schlammes,  statt  ihn 
fortzuschaffen,  über  den  anliegenden  Grund  ausbreitete,  wodurch  die 
Ausdünstnngstiäche  natürlich  in  der  ersten  Zeit  sehr  vergrößert 
wurde.  Als  eine  wahrscheinlich  unmittelbare  Wirkung  hiervon  glaubt 
Dr.  Rigby  anführen  zu  können,  dass  innerhalb  der  ersten  24  Stunden 
nach  dieser  unverantwortlichen  Massregel  sich  zwei  Fälle  von  Puer- 
peralfieber im  Hospitale  zeigten,  das  in  der  letzten  Zeit  zuvor  ganz 
frei  von  der  Krankheit  gewesen  war.  Diese  Arbeit  blieb  indess 
ohne  merkbare  Einwirkung  auf  den  späteren  Gesundheitszustand  des 
Hospitals,  weshalb  man.  da  die  Hospitalsärzte  bisher  durchweg  über 
die  mangelhafte  Ventilation  der  Zimmer  geklagt  hatten,  im  Anfange 
des  Jahres  1842  dem  Dr.  Reid  seinen  Wärme-  und  Ventilations- 
apparat anlegen  Hess. 

..Wie  früher  schon  erwähnt  ist,  zeigte  sich  die  Wirkung  des- 
selben nicht  sogleich,  da  das  Kindbettfieber  noch  in  den  letzten  Mo- 
naten 1842  und  im  Anfange  1843  mehrere  Opfer  forderte.  Der  Grund 
hiervon  ist  nach  Dr.  Rigby's  Ueberzeugung  allein  in  der  übel- 
wollenden Opposition  zu  suchen,  welcher  das  neue  Ventilationssystem 
bei  dem  ganzen  weiblichen  Dienstpersonale  der  Anstalt  begegnete, 
das  nur  mit  der  grüssten  Schwierigkeit  und  nicht  immer  davon  ab- 
zuhalten war,  durch  unzeitiges  Schliessen  oder  Oeffnen  der  Klappen 
alle  Ventilation  in  den  Zimmern  zu  hindern,  weshalb  er  auch  an- 
nimmt, dass  erst  nach  Wechslung  eines  Theiles  dieses  Personals  und 
Annahme  von  einigen  zuverlässigen  Candidaten  zur  Ueberwachnng 
aller  Vorschriften,  die  in  Hinsicht  der  Ventilation  gegeben  waren,  die 
Wirkung  des  Apparates  erkannt  werden  konnte,  und  zwar  in  solchem 
Grade,  dass  er  der  verbesserten  Ventilation  allein  die  merkwürdige 
\ "r ränderung  in  dem  Gesundheitszustände  des  Hospitals  zuschreibt, 
die  im  Frühjahre  1843  eintrat. 

„Unglücklicher  Weise  bleibt  indess  bei  dieser  Sache  ein  Zweifel 
übrig,  da  in  derselben  Zeit  sich  etwas  ereignete,  dem  man  von 
anderer  Seite  einen  grossen  Einfluss  zuschrieb.  Im  Anfänge  von  1843 
war  nämlich  Dr.  Reid  darauf  aufmerksam  geworden,  dass  hin  und 
wieder  sich  eine  übelriechende  Flüssigkeit  von  dem  Grunde  des  Keller- 
gewölbes erhob,  wo  der  Feuerherd  der  Zugschomsteine  angebracht 
war;  und  nach  Untersuchung  des  Wassers  kam  man  zu  der  Ueber- 
zeugung, dass  es  von  der  nahen  Abzugsrinne  kommen  musste.  Des- 
halb wurden  alle  Ablaufsrinnen  des  Hauses  nachgesehen.  Man  fand 
nun  eine  Hauptrinne  mit  einigen  Stücken  Holz  so  fest  verstopft,  dass 
noch  ein  starker  Verdacht  herrscht,  dass  eher  Bosheit  als  Zufall 
Schuld  daran  sein  mag;  auch  den  ganz  naheliegenden  Theil  des 
Kellergrnndes  fand  man  von  allerlei  riechenden  Unreinigkeiten  über- 
Bpttlt  und  getränkt,  ohne  dass  es  begreiflicher  Weise  möglich  war  zu 
bestimmen,  wie  lange  dieser  Znstand  schon  gedauert  habe. 


198 


Sernmelweis'  Aliliandlungeii  und  Werk  über  das  Kiudbettfieber. 


„Da  die  Entdeckung  und  Beseitigung*  dieser  miasmatischen  Quelle 
der  Zeit  nach  zusammenfällt  mit  der  strengeren  Anwendung  des 
neuen  Ventilationsapparates,  so  ist  es  natürlich,  dass  die  Meinungen 
abweichend  und  die  Entscheidung  zweifelhaft  ist,  welchem  dieser 
Momente  man  den  wesentlichsten  Antheil  an  dem  später  so  günstigen 
Gesundheitszustände  des  Hospitals  zuschreiben  soll.  Dr.  Rigby  halt. 
wie  gesagt,  auf  die  Ventilation,  und  sieht  den  andern  Umstand  als 
weniger  bedeutend  an,  indem  er  jede  Spur  einer  Kellerfeuchtigkeit 
ausser  der  an  der  Seite  des  Gebäudes  liegenden  Wölbung  abläugnet. 
wo  die  Entdeckung  geschah,  und  dazu  die  Beschreibung  des  be- 
treffenden Zustandes  des  Kellergrundes  für  sehr  übertrieben  hält. 
Andere  dagegen,  welche  die  persönliche  Behinderung  des  Veutilations- 
systemes  in  der  ersten  Zeit  nicht  beachten,  legen  besonderes  Gewicht 
auf  dieses  Argument  gegen  die  Ventilation,  dass  dieselbe  fast  ein 
Jahr  in  Gebrauch  gewesen  wäre,  ohne  das  epidemische  (endemische, 
Anm.  d.  Verf.)  Auftreten  des  Fiebers  zu  verhindern.  Hierzu  lässt 
sich  noch  hinzufügen,  dass  die  andern  früher  genannten  wohlgelegenen 
Londoner  Anstalten,  ohne  ein  künstliches  Ventilationssystem  und  selbst 
bei  minder  günstigem  Raumverhältnisse  im  Laufe  des  Jahres  einen 
im  Ganzen  sehr  guten  Gesundheitszustand  bewahrt  haben;  aber  über- 
sehen darf  es  von  anderer  Seite  nicht  werden,  dass,  selbst  wenn  die 
nächste  und  schlimmste  Krankheitsquelle  gestopft  ist,  sich  doch  noch 
mehrere  gleicher  Art  in  der  niedrigen  und  sumpfigen  Umgebung  des 
Hospitals  nachweisen  lassen,  wie  die  noch  übrigen  nicht  femliegenden 
übelriechenden  Gräben,  und  dass  demnach  der  Gesundheitszustand  so 
sehr  verändert  wurde.  Legte  man  doch  den  letztgenannten  un- 
gunstigen Verhältnissen  für  die  Katastrophe  von  1842  eine  solche 
Bedeutung  bei,  dass  der  eben  genannte  Dr.  Fergusson  1839  in 
seiner  bekannten  Schrift  über  Kindbettfieber  (pag.  104)  sagt:  ^Hin- 
sichtlich des  General-Lying-in-Hospital  ist  dessen  Ungesundheit  seiner 
Lage  fast  unter  der  Fluthöhe  zuzuschreiben,  umgeben  von  einem 
Netze  von  offenen  Gräben  von  1500  Fuss  Ausdehnung,  die  alle  l'n- 
reinlichkeit  vom  Lambeth-District  aufnehmen,  und  von  denen  einige 
nicht  30  Fuss  von  der  Mauer  des  Gebäudes  abliegen." 

Ob  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  diesem  Gebär- 
hause sich  deshalb  besserte,  dass  durch  eine  zweckmässig  augebrachte 
Ventilation  die  deletären  Stoffe,  welche  sich  früher  bei  schlechter 
Ventilation  entwickelten,  sich  nicht  mehr  entwickelten;  oder  ob  sich 
der  Gesundheitszustand  deshalb  besserte,  weil  durch  Reinigung  und 
Ueberbauung  der  Gräben  keine  deletären  Stoffe  mehr  dem  Gebärhause 
zugeführt  wurden,  ist  für  unseren  gegenwärtigen  Zweck  ziemlich 
gleichgiltig;  für  uns  ist  es  in  beiden  Fällen  ein  Beweis,  dass  die 
grössere  Sterblichkeit  auch  in  diesem  Gebärhause  nicht  durch  atmo- 
sphärisch-cosmiscli-telluhsche  Einflüsse  bedingt  war,  sondern  dass  die 
grossere  Sterblichkeit  bedingt  war  durch  Einbringung  deletärer  Stoffe. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers. 

Tabelle  Ir.  XXIX. 

Gebärhäuser  in  Irland. 

I.  Dublin  (Rotunda)  Lying-in-Hospital. 


199 


Jahr 

Gebarende 

Gestorben 

Percent- 
Antheil 

1767 

66 

1 

1.8, 

1758 

464 

8 

1-7. 

1759 

406 

5 

u* 

1760 

666 

4 

o.„ 

1761 

521 

9 

1» 

1762 

633 

6 

1.1t 

1763 

488 

9 

1..4 

1764 

588 

12 

2-04 

1766 

533 

6 

1.1t 

1766 

681 

3 

0.44 

1767 

664 

11 

1-6 

|              1768 

655 

16 

2.44 

1769 

642 

8 

1.,« 

1770 

670 

8 

1.9 

1771 

695 

6 

0.,. 

1772 

704 

4 

0-59 

1773 

694 

13 

1-87 

I              1774 

681 

21 

3.08 

1775 

728 

6 

0.08 

1776 

802 

7 

o.„ 

1777 

835 

7 

o.„ 

1778 

927 

10 

1-07 

1779 

1011 

8 

0.79 

1780 

919 

5 

0.5« 

|              1781 

1027 

6 

0.58 

1782 

990 

6 

0«, 

1783 

1167 

15 

1.JS 

1784 

1261 

11 

0.H7 

|              1785 

1292 

8 

0.0, 

1786 

1351 

8 

0.5» 

1787 

1347 

10 

0,4 

1788 

1469 

23 

1-50 

1789 

1435 

25 

1.7« 

1790 

1546 

12 

o.„ 

1791 

1602 

26 

1-50 

1792 

1631 

10 

o.„ 

1793 

1747 

19 

1-8 

1794 

1543 

20 

1.» 

1795 

1503 

7 

0-4« 

1796 

1621 

10 

0.,, 

1797 

1712 

13 

0.75 

1798 

1604 

8 

0.49 

1799 

1537 

10 

0..5 

1800 

1837 

18 

0.0, 

1801 

1726 

30 

1,4 

1802 

1985 

26 

1-0 

1803 

2028 

44 

2.,« 

1804 

1916 

16 

o.M 

1805 

2220 

12 

0.54 

1806 

2406 

23 

0-5 

1807 

2611 

12 

0.4, 

1808 

2666 

13 

0.4, 

1809 

2889 

21 

o.„ 

1810 

2854 

29 

1-, 

1811 

2561 

24 

o*, 

200 


Semmelweis'  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Jahreszahl 

Qebärende 

Gestorben 

Percent- 
Antheil 

1812 

2676 

43 

1«. 

1813 

2484 

62 

2.4» 

1814 

2508 

25 

o.„ 

1815 

3075 

17 

0.65 

1816 

3314 

18 

0.8« 

1817 

3473 

32 

o», 

1818 

3539 

66 

1-68 

1819 

3197 

94 

2*4                  I 

1820 

2458 

70 

2.,4 

1821 

2849 

22 

o.„ 

1822 

2675 

12 

O.44 

1823 

2584 

59 

2  ,8 

|              1824 

2446 

20 

0-81 

1825 

2740 

26 

0*4 

1826 

2440 

81 

3... 

1827 

2550 

33 

1.» 

1828 

2856 

43 

1-60 

1829 

2141 

34 

1*9 

1830 

2288 

12 

0-6, 

1831 

2176 

12 

0.R8 

1832 

2242 

12 

0-6, 

1833 

2138 

12 

0»« 

1834 

2024 

34 

tfll 

1835 

1902 

34 

1-78 

1836 

1810 

36 

1-.8 

1837 

1833 

24 

1,0 

1838 

2126 

45 

2.,, 

1839 

1951 

25 

1*. 

1840 

1621 

26 

1-70 

1841 

2003 

23 

1-14 

1842 

2171 

21 

0.9« 

1843 

2210 

22 

o.M 

1844 

2288 

14 

0-6, 

1845 

1411 

35 

2*8 

1846 

2025 

17 

0-H, 

1847 

1703 

47 

2.75 

1848 

1816 

35 

1« 

1849 

2063 

38 

1.8« 

In  98  Jahren 

159749 

1966 

1.» 

Die  letzten  fünf  Jahre  sind  Arneth's  Werk  entnommen. 


In  46  Jahren  starb  0%  von  84985  Wöchnerinnen, 
„    35       „  „       1„       „    52409 

n    10       „  „       2         „    19234 

„_2_    „  „_3JL      „      3121 

In  93  Jahren 


590  Todte  =  0.69  Percent 
790      „      =  1.50        » 
484      „      =2.6,        „ 
102      „      —  3... 


159749  Wöchnerinnen,  1966  Todte  =  1.,,  Percent 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        201 

Tabelle  Hr  XXX. 
Coomte  Ljing-in-hoftpltal. 


Uhr 

Gebärende 

Gestorben 

Percent- 
Antheil. 

1833 
1884 
1635 

1836 
1837 

1SHS 

I83fl 
1840 
1841 
1842 

1843 
1844 
IS  In 
1846 

413 
432 
430 
613 

426 
501 
306 
429 

511 
427 
347 

■ttfi 
117 
450 

B 
3 
3 
9 
5 
14 

y 

i 

5 
3 
2 
6 
4 
2 

Li» 

2.;» 

0;o 

1.0 

n.,,. 

Ia  13  Jahren 

5957 

71 

l.„ 

In    8  Jahren    starb   0%   von   3443    Wiiehnerinnen, 
n     4         „  .        1  „       „       1707 

*        «  n  m  2    _  „  öO<  „ 


23    Tollte   =    0„,    Percent 
96      ,      —  L« 
23       w       =  2H14 


In  14  Jahren 


5957    Wöchnerinnen 


71    Todte    «*    l.,„   Percent 


Western  Lying>in>bo$pltai. 

Von    diesem    Gebärhause   sagt  Professor    Dr.  Levy   Folgendes: 
„Nach  einem  viel  kleineren  Masse  und  vorzüglich  für  den  praktischen 
Unterricht  berechnet,  wurde  vor  ungefähr  12  Jahren  das  seither  so- 
genannte Western  Lying-in-hospital  errichtet  in  einem  kleinen  Privat- 
hanse auf  Arrau-Quai.    Die  Anstalt,  der  Dr.  Churchill  vorsteht, 
wird  allein  durch  Wohlthätigkeit  unterhalten,  während  die  Studirenden 
für  den  Unterricht  zahlen  und  theils  (5—6)  im  Hause  wohnen,  theils 
(jetzt  7  —  8)  ausser  demselben.  Die  vier  kleinen,  ärmlich  ausgestatteten 
Bäume,  jeder  zu    vier  Betten,    nimmt  die  Anstalt  jährlich   ungefähr 
120  Gebärende  auf,  aber  verpflegt  ausserdem  noch  jährlich  mit  Hilfe 
der  Studirenden  ungefähr  600  Gebärende  in  ihren  Wohnungen.    Der 
Unterricht  ist  in   ganz  ähnlicher  Weise   organisirt  wie   im  L'oombe- 
Hospital,  und  die  Gesundheitsresultate  scheinen  sehr  günstig  zu  sein, 
cia  nach  Churchiirs  Berechnung  von  3211  Gebärenden,  die  bis  1843 
in  und  ausser  der  Anstalt  von  der  Stiftung  an  verpflegt  wurden,  nur 
i5  gestorben  waren,  also  im  Verhältnisse  eine  von  214  Wöchnerinnen 
oder  0.4„  Percent;  über  das  verschiedene  Verhältniss  in  und  ausser 
<Xer  Anstalt  hatte  man  keine  getrennte  Angabe. 

Die  noch  kleineren   Anglesea-   und  Victoria-Stiftungen   sind  zu 
"unbedeutend,  um  Anspruch   auf  weitere  Aufmerksamkeit  zu   haben." 


202 


Scmmelweia'  Abhandlangen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Gebärhaus  in  Edinburg. 

Von  1823  bis  1837  ereigneten  sich  in  diesem  Gebärhanse  2890 
Geburten,  davon  sind  am  Kindbettfieber  gestorben  36,  d.  i.  1.^  Percent, 

Wir  haben  dem  Leser  acht  in  drei  Ländern  zerstreute  Gebär- 
häuser vorgeführt;  in  sieben  davon  übersteigt  die  Sterblichkeit  eben 
nur  1  Percent,  im  achten  war  sie  3  Percent,  Für  diese  grössere 
Sterblichkeit  finden  wir  das  aetiologische  Moment  nicht  in  atmo- 
sphäriselien  Einflüssen,  sondern  in  den  deletären  Stoffen  der  Abzugs- 
canäle,  welche  dieses  Gebärhaus  umgaben. 

Worin  liegt  der  Grund,  dass  die  atmosphärischen  Einflüsse  die 
Wöchnerinnen  in  den  vereinigten  drei  Königreichen  so  auffallend 
verschonen,  welche  in  deutschen  und  französischen  Gebärhäusern  die 
Wöchnerinnen  in  so  grosser  Anzahl  dahinraffen? 

Der  Grund  liegt  darin,  dass  es  keine  atmosphärischen  Einflüsse 
sind,  denen  die  Wöchnerinnen  in  deutschen  und  französischen  Gebär- 
häusern in  so  grosser  Menge  zum  Opfer  fallen;  sondern  dass  es  ein 
zersetzter  thierisch-organischer  Stoff  ist,  welcher  den  Individuen  von 
aussen  eingebracht  wird,  und  die  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern 
der  drei  Königreiche  und  in  deutschen  und  französischen  Gebärhäusem 
hervorbringt ;  nur  wird,  vermöge  der  Verhältnisse  der  deutschen  und 
französischen  Gebärhäuser,  den  Individuen  in  denselben  viel  häufiger 
ein  zersetzter  Stoff  von  aussen  eingebracht,  und  daher  die  grössere 
Sterblichkeit.  In  den  drei  Königreichen  wird  den  Individuen  v<..u 
aussen  viel  seltener  ein  zersetzter  Stoff  eingebracht,  und  daher  ist  die 
Sterblichkeit  viel  geringer. 

Die  Engländer  halten  das  Kindbettfieber  für  contagiös,  gebrauchen 
Chlonvasrhungeu  und  zerstören  dadurch  den  zersetzten  Stoff,  welcher 
von  kranken  Sehwangeren,  Kreissenden,  Wöchnerinnen  und  Puerperal- 
leichen  hergenommen  wird,  und  welcher  in  deutschen  und  französi- 
schen Gebärhäusern,  wo  er  nicht  zerstört  wird,  so  zahlreiche  Er- 
krankungen veranlasst,  wie  uns  Chiari  gezeigt. 

In  deutschen  und  französischen  Gebärhäusern  wird  der  zersetzte 
Stoff  sehr  häufig  von  Kranken  und  Leichen  genommen,  welche  dem 
Kindbettfieber  fremd  sind;  deshalb,  weil  die  deutschen  und  fran- 
zösischen Gebärhäuser  in  der  Regel  in  Verbindung  stehen  mit  grossen 
Krankenhäusern,  daher  die  Schüler  bald  in  der  Todtenkammer,  bald 
im  Gebärhause,  bald  auf  einer  chirurgischen,  bald  auf  einer  medi- 
cinischen  Abtheilung  sich  beschäftigen,  und  dadurch  zum  Träger  der 
zersetzten  Stoffe  werden,  welche  im  Gebärhause  so  viel  Unglück 
stiften. 

Die  Gebärhäuser  in  den  drei  Königreichen  sind  sämmtlich  selbst- 
ständige Institute,  und  schon  wegen  der  Entfernung  von  Kranken- 
häusern ist  der  Schüler  gezwungen,  sich  nur  mit  Geburtshilfe  zu  be- 
schäftigen. 

Wenn  man  den  günstigeren  Gesundheitszustand  der  Londoner 
Gebärhäuser  dem  Umstände  zuschreiben  wollte,  dass  dort  nie  mehr 
als  zwei  Schüler  unterrichtet  werden,  so  erlaube  ich  mir  die  Be- 
merkung, dass  ein  Schüler  denn  doch  kein  atmosphärischer  Einflnss 
ist,  und  dass  das  Kindbettfieber,  welches  die  mit  zersetztem  Stoffe 
verunreinigten  Hände  der  Schüler  hervorbringen,  demnach  kein  epi- 
demisches Kindbettfieber  ist. 


Die  Aettologie,  der 

Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        203 

Tabelle  Nr.  XXXI. 

tiebärhaus  In 

Dublin.                              Uebarbaiis  in  Wien. 

Medicia  in  Wien  ohne  ana- 

tomische Grundlage. 

Jahr 

0) 

s 

Ol 

E 
M 

V 

« 

■1 

■•_■  — 

| 

a 

45 

C 

m 
•B 

9 

T3 

O 

2*  ~ 
SM 

11 

17R4 

1261 

11 

o.87 

284 

6 

8.u 

1786 

1292 

8 

o.rtl 

899 

13 

1... 

178*5 

13öl 

8 

".-,,, 

1161 

5 

0.« 

1787 

1347 

10 

0,« 

1407 

5 

0« 

1788 

1469 

23 

'-.'.0 

1425 

5 

«».,-, 

L789 

143ö 

25 

1-14 

1246 

7 

o„, 

179Q 

1846 

12 

0.„ 

1326 

10 

o.,* 

1791 

1609 

25 

u« 

1395 

8 

o.. 

1798 

1631 

10 

0« 

1579 

14 

0.M 

1793 

1747 

19 

lo, 

1684 

44 

2« 

17*14 

L543 

20 

1..JU 

1768 

7 

o.„ 

1795 

1503 

7 

0.4« 

1798 

38 

&ti 

179fi 

1621 

10 

o«, 

1904 

22 

U* 

1797 

1712 

13 

",-, 

2012 

5 

o.„ 

1796 

1604 

8 

o„ 

2046 

5 

0.» 

L799 

1537 

10 

o.«a 

2067 

20 

o.flfl 

1800 

1837 

18 

0.,., 

2070 

41 

1.», 

1801 

172:. 

30 

1-7. 

8106 

17 

o.M 

1802 

ms;, 

26 

U* 

2346 

9 

<►:, 

IHM 

2028 

44 

2.,,, 

8216 

16 

o.7t 

1 S  '  1 

1915 

16 

0« 

a  1^2 

8 

G 

1805 

2221) 

12 

<».-., 

a  1 1  s 

9 

0.40 

1806 

2406 

23 

0-4,5 

1875 

13 

D*. 

1807 

2:>  11 

12 

0-47 

925 

6 

0-4 

1SUS 

B666 

13 

0.4, 

s;>;> 

7 

0« 

1808 

2889 

21 

0.7» 

912 

13 

U 

1810 

2854 

29 

1-01 

744 

6 

o.„ 

1811 

866] 

24 

0*4 

1050 

20 

1  -:.n 

1812 

2676 

43 

1  ••><) 

1419 

8 

0m 

1813 

2484 

62 

^•4U 

1945 

21 

1 

1814 

2508 

25 

o« 

2062 

66 

HM, 

1815 

3075 

17 

o.M 

8581 

18 

0.7I 

1816 

3314 

18 

o.„ 

2410 

12 

0-4. 

1817 

3473 

32 

0.,,, 

2735 

25 

0* 

1818 

353H 

66 

Im 

2568 

56 

iS 

1819 

3197 

94 

2.«  4 

3089 

154 

*« 

182C 

2458 

70 

2.,4 

2998 

75 

-  M 

L881 

2849 

22 

0.,, 

3294 

55 

l,m 

1822 

2675 

12 

0*4 

3066 

26 

0-M 

Medicin  in  Wien  mit 

anatomischer  Grundlage 

1823 

2584 

69 

'-_._., 

2872            214             7.^ 

1824 

2446 

88 

o.Bl 

2911 

144             4.tf, 

1825 

2740 

26 

o.„ 

8504 

229             k... 

1886 

2440 

81 

"-33 

2359 

192             s, 

1827 

3660 

33 

1    ..., 

8367 

51             2.lh 

1828 

2856 

43 

1-fiO 

2833 

101             3.M 

Semmelweis'  Abhandlangen  und  Werk  Aber  das  Kiudbettfieber. 


1 

=  s 

TS 

s 

s          ±% 

Jahr 

3 

l 

2^ 

»4 

1 

l 

teae 

2141 

34 

In» 

3012 

140 

4ü 

183(1 

2288 

12 

2797 

111 

O  oj 

1831 

2176 

12 

0 

222 

6«, 

1832 

2242 

12 

0.B, 

3331 

105 

3.|R 

Trennung  des  Gebärhause»  in 

zwei  Abtheilungen. 

I.  Abtheilung:  Klinik  für 
Schüler  und  Schülerinnen. 

1833 

2138 

12 

0.61 

3737 

UK      1      5.t9 

1834 

20B4 

34 

1<1 

2657 

205             7.,, 

1835 

19(12 

34 

1-7« 

3673 

143 

1836 

1810 

36 

U 

2677 

200             7.,, 

1837 

1833 

24 

u 

2765 

251 

9.o# 

1838 

2126 

45 

2„ 

3987 

91 

3.04 

1839 

1951 

25 

1.*, 

2781 

151 

ö01 

1840 

1Ö21 

26 

1-70 

2889 

2«  17 

"l)"i 

L  Abtheilung:  Klinik  für 

Unte, 

1841 

aooa 

23 

1.14 

3036 

881 

7.« 

1845 

2171 

21 

o..„ 

3287 

618 

l&M 

1843 

221(1 

22 

0m 

3060 

274 

8. 0» 

1*44 

_'_'•--. 

14 

3157 

860 

8.0» 

L846 

1411 

85 

-  4- 

3492 

u\ 

6>M 

1846 

2025 

17 

o.SI 

4010 

im 

11-04 

Einführung  der  Chlorwa.- 

ungen  im  Mai  1847  an 

der  Abtheilung  für  Aerzle. 

1847 

1703 

47 

2,4 

3490 

176 

5» 

1848 

1816 

35 

u, 

3556 

45 

1*1 

L849 

8068 

38 

Ui 

3858 

in:! 

2-0* 

In   Uli 

141903 

1758 

1« 

153841 

8824            4.0i 

Jahren 

Im  Wiener  Gebärhause  war  die  Sterblichkeit : 


25  Jahr    0  Percent,  Wöchnerinnen  44843,  Todte  273  =    0.«,  Percent 


1 
8 

3 

4 
5 
6 

7 

8 

9 
11 
16 


16880, 

14010, 

9012. 

6845. 
11248, 

11170. 
5654, 

4010. 

3287, 


230  —  l.„ 

378  8  , 

484  =  3  M 

438=  4.„ 

667  =  Ö.U, 

463  =  6.,, 

856  =  7.„ 

518  =  fc» 
4511  =  1UA 
518  =  15^ 


In  66  Jahren 


nerinnen  163841,  Todte  8224  =    4.0,  Percent 


Die  Aetiologie,  der  Betriff  und  die  Prophylaxis  des  KindbettfiebeiS.        205 


Im  Dubliner  Gebärhauae  war  die  Sterblichkeit: 

In  35  Jahren  0  Percent,  Wöchnerinnen  76427.  Todte  540  =  Ü.:ö  Percent 

22       „       1        „  „  46046,  ,.  681  =  l.„        „ 

8       „       2        „  im  ■■  456  =  2.«        „ 

1        tl        3  2440.  .  81  =  3.„        „ 


In  66  Jahren 


\Vü«  hnerinnen  1411X13,  Todte  1758  =  1..,  Percent 


Dass  es  nicht  gleichgiltig  ist,  ob  viele  oder  wenige  Schüler  mit 
durch  zersetzte  Stoffe  verunreinigten  Händen  untersuchen,  ist  ein- 
leuchtend; aber  es  ist  vollkommen  gleichgütig,  ob  viele  oder  wenige 
Schüler  mit  reinen  Händen  untersuchen.  Dass  es  nicht  auf  die  Zahl, 
sondern  auf  die  Keinheit  der  untersuchenden  Hände  ankomme,  das 
beweiset  das  Dubliner  Gebärhaus,  von  welchem  Levy  sagt:  „  . . .  son- 
dern man  hat  eine  praktische  Schule  unterhalten,  wo  im  Laufe  der 
Zeit  mehrere  Tausend  junge  Aerzte  aus  allen  Theilen  Englands  prac- 
tische  Ausbildung  in  der  Geburtshilfe  gesucht  haben;  und  man  hat 
endlich  der  Welt  den  vollständigen  Beweis  gegeben,  dass  es  ein  Aber- 
glaube der  Muthlosigkeit  ist,  wenn  man  mit  Nichtachtung  des  Be- 
dürfnisses des  Unterrichtes  und  der  Wissenschaft  sagt :  dass  eine  ab- 
schreckende Tüdtlichkeit  mit  zu  den  unvermeidlichen  Attributen 
grösserer  Gebäranstalten  gehört." 

Dass  es  nicht  auf  die  Zahl,  sondern  auf  die  Reinheit,  der  unter- 
suchenden Hände  ankomme,  beweist  die  erste  Gebärklinik  zu  Wien, 
■wo  im  Monate  April  1847  ohne  Chlorwaschungen  bei  20  Schülern 
von  312  Wöchnerinnen  57,  d.  i.  1S.2T  Percent,  starben,  während  im 
Jahre  1848  mit  Chlorwaschungen  bei  42  Schülern  von  3556  Wöch- 
nerinnen 45,  d.  i.  l.,j;  Percent,  starben. 

Tm  dem  Leser  recht  deutlich  den  Unterschied  in  den  Mortalitäts- 
verhältnissen zwischen  Gebärhäusern,  m  welchen  den  Individuen 
selten,  und  jenen,  in  welchen  denselben  häufig  ein  zersetzter  Stoff 
von  aussen  eingebracht  wird,  vor  Augen  zu  führen,  wollen  wir  die 
Zahlenrapporte  von  66  Jahren  des  Dubliner  und  des  Wiener  Gebär- 
hanses  zusammenstellen,  weil  wir  von  mehr  gleichen  Jahren  die 
Rapporte  nicht  besitzen.    Beide  sind  Unterrichtsanstalten  für  Aerzte. 

I M' selbe  Mortalitntsdifferenz  treffen  wir  bei  einem  Vergleiche 
des  Dubliner  Gebärhauses  mit  der  Maternite  in  Paris,  wie  Tabelle 
Nr,  XXXII  zeigt. 

Dass  die  Sterblichkeit  unter  den  Wöchnerinnen  der  Maternite 
lange  vor  der  Zeit,  welche  diese  Tabelle  repräsentii  t,  eine  bedeutende 
war,  geht  aus  Oslander' s  früher  citirtem  Werke  hervor.  Seite  51 
sagt  er:  „Seit  dem  9.  December  1797  bis  zum  31.  Mai  1809  sind 
17,308  Frauen  entbunden.  2000  Entbundene  zum  wenigsten  sind 
schwer  erkrankt  und  700  gestorben  und  secirt;  es  starben  mitbin 
4.04  Pereent-Antheile.-' 

Seite  242  sagt  Oslander:  „Die  Unterleibsentzündung  der  Wöch- 
nerinnen, das  Uebel,  welches  gewöhnlich  mit  dem  Namen  Puerperal- 
fieber bezeichnet  wird,  und  welches  in  allen  grossen  und  überfüllten 
Gebärhäusern  einheimisch  zu  sein  pflegt,  kommt  auch  in  dem  Gebär- 
hause von  Paris  häufig  vor.  Die  Krankheit  wird  besonders  in  den 
Wintermonaten  häufig  beobachtet,  und  ob  sie  gleich  eigentlich  immer- 
fort herrscht,  so  erinnert  man  sich  doch  mit  Schrecken  an  die  beiden 
Jahre  (zwischen  1803  und  1808),  wo  sie  endemisch  wüthete  und  eine 
Menge  von  Wöchnerinnen  dahinraffte." 


206 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 
Tabelle  Nr.  XXXII. 


Muternite  in  Paris. 


Gebärhaas  ku  Dublin. 


Jahr 

Geburten 

Todte 

Percent- 
Antheil 

Geburten 

Todte 

Percent- 
Antheil 

1828 

2920 

163 

5m 

B8S6 

43 

Uo 

1829 

2788 

252 

9m 

2141 

34 

L» 

1830 

2G93 

122 

4« 

2288 

12 

O.A. 

1831 

2907 

254 

2i7t; 

12 

!>..,. 

1882 

2582 

146 

ö.« 

2242 

12 

(I,: 

1833 

2536 

109 

4  || 

2138 

12 

<>,. 

1834 

2629 

97 

a* 

2024 

34 

1.7 

1835 

2632 

92 

1902 

34 

Ua 

18% 

2586 

57 

2„ 

1810 

M 

1,, 

1837 

2889 

45 

u 

1833 

24 

1-30 

1838 

2983 

81 

2-71 

2126 

45 

2., 

1839 

3407 

122 

&U 

1951 

25 

u* 

1840 

3701 

94 

2.., 

1521 

26 

1,0 

1841 

3515 

114 

3ft 

2003 

23 

li« 

1842 

fehlt 

— 

— 

— 

1843 

fehlt 

— 

— 

— 

— 

— 

1844 

3410 

168 

i#l 

2288 

14 

o... 

1845 

3302 

139 

4.40 

1411 

35 

8*. 

1846 

3531 

143 

&« 

2025 

17 

o8. 

1847 

3752 

133 

3.»* 

1703 

47 

2« 

1848 

3671 

110 

2-BO 

1816 

35 

1-9* 

In  19  Jahren 

58374 

2441 

4.,, 

38264 

Ö20 

U» 

In  der  Maternite  zu  Paris  war  die  Sterblichkeit: 


In  1  Jahr  1  Percent,  Wöchnerinnen 

4  .%  Ä  H  t. 


19  Jahre 


2829. 

Todte 

45  =  1.M,  Percent 

12941, 

342  =  2.ft4        „ 

15935, 

558  =-  3.„ 

15472, 

681  =  4„        „ 

5502, 

309  =  5.fll 

2907, 

254  =  8.,,        „ 

2788, 

II 

252  =  9.0, 

Wöchnerinnen  58374,  Todte  2441  =  4.1S  Percent 


Im  Dubliaer  Gebärhause  war  die  Sterblichkeit: 

6  Jahre  0  Percent,  Wöchnerinnen  13157,  Todte    79  =  O.fl0  Percent 
10      „      1        „  „  19857,      „      314  =  U,        „ 

3      .,      2        „  „  5240,      „      127  =  2.M        ,. 


19  Jahre 


Wöchnerinnen  38254,  Todte  520  =  l.,B  Percent 


Ich  habe  zwar  nirgends  mit  Bestimmtheit  die  Mortalität  unter 
den  Wöchnerinnen  während  dieser  beiden  Jahre  erfahren  können, 
und  die  vorsichtigen  Verfasser  der  Abhandlung  über  die  Maternite  L,i 
sprechen  nicht  mit  Bestimmtheit  daAron,  es  erhellt  aber  aus  Allem, 
dass  sie  sehr  gross  gewesen  sein  muss,  namentlich  daraus,  dass  in 
den  fünf  angeführten  Jahren  (wegen  der  zwei  Jahre,  in  welchen  die 


*)  „Mr»io'»-c  sur  l'haspice  de  la  Maternite,"  Paris  1808.  Die  drei  Verfasser 
dieser  Schrift  sind  siimnitlich  bei  den  Bureaui  des  Hospitals  angestellt,  und  werden 
Ton  der  Administration  wegen  bewiesener  Vorsicht  in  den  Angaben  gelobt. 


l'ic  Aeüolojrie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        207 

rnterleibsentzündung  herrschte)  die  Mortalität  wie  1  zu  23  sich  ver- 
hielt, da  sie  zu  anderen  Zeiten  nur  wie  1  zu  32  sich  verhalten  soll. 
Es  starben  in  diesen  fünf  Jahren  von  9645  Frauen  414  grösstenteils 
an  Unterleibsentzundung ;  also  4.t9  Percent-Antheile. 

Dieselbe  Verschiedenheit  in  der  Sterblichkeit  finden  wir  bei  einem 
Vergleiche  des  Dubliner  Gebärhauses  mit  Dnbois*  Klinik,  wie  Tabelle 
Nr.  "XXXIII  zeigt. 

Tabelle  Nr,  XXXIII. 
Dnbois'  Klinik  zu  Paris.  Gebarbans  in  Dublin. 


Jahr 

Geburten 

Todte 

Percent- 
Autheil 

Gebnrten 

Todte 

Perrent- 
Antheil 

1835 
1836 
1837 
1388 
1889 
1840 
1841 
1842 
1843 
1844 
1845 
1846 
1847 
1848 

264 
242 
358 
516 
439 
582 
596 
830 
730 
903 

901 

1088 

940 

22 
17 
31 
25 
24 
26 
22 
34 
39 
41 
44 
42 
31 
24 

8.„ 

7-6* 

8-nH 

5..,, 

4..,, 

3.(Hi 

4.ov 

4.». 
4.,,, 
U, 
8« 
2.M 

1902 
1810 
1833 
2126 
1951 
1521 
2003 
2171 
2210 
2288 
1411 
2025 
1703 
1816 

34 
36 
24 
45 
25 
26 
23 
21 
22 
14 
35 
17 
47 
35 

u 

Lm 

i.u 

U 

i,„ 

l-u 

o.at 

<>,,„ 

fc 

X*" 

o«, 

In  14  Jahr«]          'J273 

422 

4.« 

26770 

404 

1-ÄO 

In  Dnbois'  Klinik  war  die  Sterblichkeit: 

2  Jahre  2  Percent,  Wienerinnen  202«,  Todte  55  =  27i   Percent 

1  3         „  „  596,  „        22  =  3.0,1  „ 
6       „      4         „  „  4616.  „      212  =  4.»  „ 

2  „      5        „  „  1169,  „       63  =  6.,,  „ 
7         „  „  242,  „        17  =  7«  „ 

S       .      *       ..  612,  „        fi3  =  8.»  . 


In  14  Jahren 


Wöchnerinneu  9273,  Todte  422  =  4„R  Percent 


Im  Dubliner  Gebärhause  war  die  Sterblichkeit: 

4  Jahre  0  Percent.  Wöchnerinnen   8694,  Todte  74  =  0sli  Percent 
7      „       1         „                    n            12836,       n      203  =  1»         „ 

2        „ 5240,       „      127  =  2.»         , 

Wienerinnen  26770,  Todte  404  =  1.»        „ 


Wenn  wir  die  Rapporte  von  den  vier  Londoner  und  den  zwei 
Dubliner  Gebärhäusern,  von  welchen  wir  selbe  nach  Jahren  gesondert 
besitzen,  summiren,  so  gibt  das  folgende  höchst  wichtige  Tabelle,  In 
262  Jahren  wurden  in  diesen  sechs  Gebärhäusern  verpflegt:  219,133 
Wöchnerinnen,  davon  sind  gestorben  2855,  also  l.so  Percent.  Die 
Sterblichkeit  verhielt  sich  wie  Tabelle  Nr.  XXNIV  zeigt. 


208 


Semmel  weis'  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Tabelle  Sr.  XXXJV. 

In    19  Jahren  ist  keine  Wöchnerin  festorben  von  4558 

war  die  Sterblichkeit  Ö  Percent.,  Wöchn.  lOSIfiöß,  Todte  726  =   Q+rf 

„      „            „            l        .             „  69533,  „      1048=   I.M  „ 

2        „  24  289,  „  611  =   2.ft,„ 

n        »                »                B          «                  w  «024.  „  270=    3.3rt. 

4        m              n  lg»,  „  50=    4.60„ 

»       „             ,             5         .-  669,  n  35=    B.Mfl 

RH                 »                6           i»                  ji  663<  »  *1™    6-i«  n 

r        „                n                7          .                  B  Ö48,  „  40=    l.t9n 

12        „             „  117,  „  1Ö  =  12.S1- 

26        „             „  71.  .  19  =  26.,.., 


LOB 

80 

H6 

19 

4 

8 

2 

8 

1 

1 

n 

262 

Jahre 

Wöchnerinnen  219133,  Todte  2855,       l.„% 


Dass  die  grosse  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
atmosphärische  Einflüsse  bedingt  sei,  beweiset  auch  der  Umstand, 
dass  in  Städten,  in  weichen  mehrere  Gebärhäuser  sich  befinden,  nicht 
in  allen  gleichzeitig  sich  ein  ungünstiger  Gesundheitszustand  der 
Wöchnerinnen  zeig-t ;  was  doch  der  Fall  sein  müsste,  da  mehrere 
Gebärhäuser  einer  und  derselben  Stadt  nicht  gleichzeitig  verschiedenen 
atmosphärischen  Einflüssen  unterworfen  sein  können. 

Um  dies  dem  Leser  klar  zu  machen,  wollen  wir  die  fünf  un- 
günstigsten Jahre  der  vier  Londoner  Gebärhäuser  zusammenstellen. 


Tabelle  Hr.  XXX7. 


1838. 


The  general  Lying-in-Hospital 
Britiah-Lying-in-hospital 
iJiieen-Charlottes  Lying-in-hosriital 
The  city  ol  London  Lying-in-nospita] 


The  general  Lving-in-lioapital 
Ri-iti.-di-Lying-in-hospitul 
Queen-Charlottes  Lying-in-hospital 
The  city  of  London  Lying-in-ho$pital 


Wöchnerinnen    71.  Todte  19,  Perceut  2G.7„ 
149                   JV 

808       *        5. 

SOO,      „      13,  „        2., 

1841. 

Wöchnerinnen  117,  Todte  12,  Percent  12„ 

125,      „        3,  „         2«0 

218,      „        3,  „         l.„ 

„            636,      „        6,  B         0.», 


1835. 


The  general  Ly  ing-in-hospkal 

-ii-Lying-in-hosj)it.il 
The  city  of  London  Lying-in-hospiral 
Qneen-Charlottee  Lying-in-hoapital 


Wöchnerinnen  185,  Todte  14.  Percent  7.,7 

r               '08,  n  3,  ,.        2J; 

478,  „  7.  „       U 

214,  „  1,  , 


The  general  Lyhig-hi-hos|iital 
Queen-Charlottes  Lying-in-hospitftl 
Thectty  of  London  Lyiiig-in-hospital 

Hiitisb-Lying-iu-hospiul 


1840, 


Wüeherinnen  210,  Todte  15.  Percent  7., 
199,       ,3,  »       U» 

m     n      e. 

113,       „         1, 


1842. 


The  general  Lying-in-hospital 
Queen-Charlottes  Lying-in-hnspital 
The  city  of  London  Lying-in-nospital 
British-Lying-in-hospital 


Wöchnerinnen  153,  Todte  11,  Percent  T„ 

§12,      „        8j         -      ü,4 

567,      n        1. 

106,       „0,  „       0. 


Die  Afii.ilr.gie.  d.M-  Begriff  urul  ilit?  Prophylaxis  ries  Kindbettfiebers.         209 


ha 


I 


on  Dubois'  Klinik  um)  der  MaterniM  zu  Paris  sagt  Arneth, 
dass  wählend  seines  Aufenthaltes  zu  Paris  im  Jahre  1850  die  Klinik 
der  vielen  Erkrankungen  wegen  auf  kurze  Zeit  geschlossen  wurde, 
während  in  der  sonst  als  ungesund  übel  berüchtigten  Maternite  keine 
Kranke  zu  finden  war. 

Dass  seihst  verschiedene  Abteilungen  eines  und  desselben  Gebär- 
hauses roiistiint  verschiedene  Mortalitätsverhältnisse  darbieten  können. 
ben  wir  in  Wien  und  Strasaburg  gesehen. 

Dass  die  grosse  Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  nicht  durch 
atmosphärische  Einflüsse  bedingt  sei,  beweiset  der  Umstand,  dass 
nicht  gleichzeitig  die  Wöchnerinneu  der  Ortsbevölkerung,  in  welchem 
sich  das  vom  Kindbettfieber  heimgesuchte  Gebärhaus  befindet,  vom 
Eindbettfleber  in  ungewöhnlicher  Anzahl  befallen  werden,  obwohl 
notwendigerweise  das  Gebärhaus  und  der  Ort,  in  welchem  sich  das 
Gebärhaus  befindet,  gleichzeitig  nur  denselben  und  nicht  verschiedenen 
atmosphärischen  Einflüssen  unterworfen  sein  können. 

Daaa  aber  wirklich  zur  Zeit  wo  die  Wöchnerinnen  im  Gebärhause 
vom  Kindbettfieber  deeimirt  werden,  sich  die  \\  <u  hnerinnen  des  be- 
treffenden Ortes  eines  guten  Gesundheitszustandes  erfreuen,  beweiset. 
ja  die  Massregel  des  Schliessens  der  Gebärhäuser.  Nachdem  das 
(jebärhaus  geschlossen,  hören  ja  die  Geburten  nicht  auf,  sie  gehen 
nur  nicht  im  Gebärhause,  sondern  zerstreut  im  betreffenden  Orte  vor 
sieh;  und  doch  bleiben  die  zerstreut  im  Orte  Entbundenen  gesund, 
welche  dem  atmosphärischen  Einflüsse  im  Gebärhause  desselben  Ortes 
erlegen  wären. 

Allerdings  Sterben  auch  manchmal  ausserhalb  der  Gebärhäuser 
die  Wöchnerinnen  in  grösserer  Anzahl,  aber  diese  grössere  Sterblich- 
keit ist  nicht  atmosphärischen  Einflüssen  zuzuschreiben,  weil  die 
grössere  Sterblichkeit  ausserhalb  der  Gebärhäuser  nicht  immer  gleich- 
zeitig mit  einer  grösseren  Sterblichkeit  in  den  Gebarh&usern  statt- 
findet, und  weil  die  Sterblichkeit  in  den  Gehärhäusern  oft  eine  Höhe 
erreicht,  wie  solche  ausserhalb  der  Gebärhäuser  nicht  vorkommt, 
endlich  weil  eine  .Sterblichkeit,  ausserhalb  der  Gebärhäuser  seltener 
beobachtet  wird,  als  innerhalb  derselben. 

Das  Kindbettfieber,  welches  ausserhalb  der  GebSrhÄnser  vorkommt 
wie  dasjenige,  welches  in  den  Gebarhäoseni  wiithet,  in  allen 
Fallen,  keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  ein  Kesorptionsfieber, 
bedingt  durch  die  Resorption  eines  zersetzten  t.hierisch-urgamsdien 
Stoffes.  Dieser  zersetzte  thierisch-organische  Stoß:*  eutsteht  in  und 
ausserhalb  der  I  i. -bärliäuser  in  seltenen  Fällen  in  dem  ergriffenen 
Individuum,  und  erzeugt  das  Kindbettfieber  durch  Selbstinfection. 
In  der  überwiegend  grössten  Mehrzahl  der  Fälle  wird  aber  in  mxl 
ausserhalb  der  Gebärhäuser  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff, 
welcher  resorbirt  das  Kindbettfieber  hervorbringt,  den  Individuen 
von  aussen  beigebracht,  und  das  Kindbettfieber  entsteht  demnach  in 
und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  durch  Infection  von  aussen. 

Die  Quelle  des  zersetzten  Stoffes,  welcher  das  Kindbettfieber 
ervorbringt,  ist  die  Leiche;  in  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser 
werden  Sectionen  gemacht  von  Aerzten,  welche  sich  mit  Geburtshilfe 
beschält  igen.  Die  Quelle  des  zersetzten  Stoffes,  welcher  das  Kind- 
bett lieber  hervorbringt,  sind  Kranke,  deren  Krankheiten  einen  zer- 
setzten Stoff  erzengeu;  in  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  werden 
Kranke,  welche  einen  zersetzten  Stoff  erzeugen,  von  Aerzten  behandelt, 

Semraelweis'  gesammelte  Werke.  1* 


2I€ 


Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


welche  sich  mit  Geburtshilfe  beschäftigen.  Innerhalb  und  ausserhalb 
der  Gebärhäuser  gersetzen  sich  bei  nicht  gehörig  beobachteter  Rein- 
lichkeit die  ]*hvsiii].iiri-;<h-lhitji isch-organischen  Prodncte,  und  werden 
so  in  und  ausserhalb  des  Geh&fhMMI  z«  Quellen  des  zersetzten 
Stoffes,  welcher  das  Kindbettfieber  erzeugt. 

Der  Träger  des  zersetzten  Stoffes,  welcher  aus  diesen  drei 
Quellen  genommen  wird,  ist  in  und  ausserhalb  des  Gebärhauses  der 
unters  m  In nde  Finger,  die  operirende  Hand.  Spitalsärzte,  welche  sich 
im  Spitale  mit  Leichen  oder  mit  zersetzten  Producten  der  ver- 
schiedensten Krankheiten  ihre  Hände  verunreiniget  haben,  unter- 
suchen  und  operiren  auch  ausserhalb  des  Spitales.  Privatärzte,  welche 
sieh  durch  Sectionen  oder  mit  zersetzten  Producten  der  verschiedenen 
Krankheiten  ihre  Hände  verunreiniget  haben,  beschäftigen  sich  weh 
mit  Geburtshilfe. 

Hebammen  werden  sehr  häufig  bei  Kranken,  deren  Krankheiten 
zersetzte  Stoffe  erzeugen,  zum  Zwecke  der  Reinigung  verwendet, 
z.  B.  bei  verjauchendem  Krebse  der  Gebärmutter  zu  Einspritzungen, 
und  dadurch  werden  sie  zu  Trägern  des  zersetzten  Stoffes,  welcher 
ausserhalb  des  Gebärhauses  das  Kindbettfieber  hervorbringt 

Die  Träger  des  zersetzten  Stoffes  können  in  und  ausserhalb  des 
Gebärhauses  sein:  die  Instrumente,  Bettwäsche,  die  atmosphärische 
Luft  u.  s.  \v.;  mit  einem  Worte:  Träger  des  zersetzten  Stoffes  kann 
in  und  ausserhalb  des  Gebärhauses  al  jenige  sein,  welches  mit 

einem  zersetzten  Stoffe  verunreiniget  ist,  und  mit  den  Genitalien  der 
Individuen  in  Berührung  kommt, 

Weil  aber  nicht  immer  gleichzeitig  in  und  ausserhalb  der  Gebär- 
häuser eine  grosse  Anzahl  Individuen  inficirt  wird,  darum   ist  nicht 
immer  gleichzeitig  in   und   ausserhalb   der  Gebürhäuser  eine  gi 
Sterblichkeit  unter  den  Wöchnerinnen. 

Weil  Privatärzte  seltener  als  Spitalärzte  Gelegenheit  haben,  sich 
ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  zu  verunreinigen,  deshalb  kommt 
das  Kindbettlieber  ausserhalb  des  Gebärhauses  seltener  in  grosse] 
Anzahl  vor.  Und  endlich,  weil  ein  Privatarzt  nie  Gelegenheil  hat. 
sn  viele  Individuen  in  kurzer  Zeit  zu  untersuchen,  wie  der  Arzt  in 
einem  grossen  Gebärhause,  deshalb  kommt  das  Kindbettfieber  ausser- 
halb des  Gebärhauses  nie  in  so  abschreckender  Anzahl  vor,  als  in 
Gebärhäusern. 

Der  beschäftigtste  Arzt  dürfte  nur  einige  geburtshilfliche  ! 
täglich  zu  besorgen  haben,  während  wir  im  Wiener  Gebärhausa  oft 
30  bis  40  Geburten  innerhalb  24  Stunden  beobachteten,  es  ist  daher 
begreiflich,  dass  der  mit  zeisetzten  Stoffen  verunreinigt«-  Hinge?  des 
Privatarztes  das  Kindbettfieber  nicht  in  dieser  Anzahl  hervorbringt  B 
kann,  als  der  Finger  des  Arztes,  welcher  in  einem  grossen  Gebär- 
liause  beschäftiget  ist.  Dazukommt  noch,  dass  ausserhalb  des  Gebär- 
liauses  die  Individuen  in  der  Regel  nur  von  einem  Arzte  untersucht 
werden,   während   im  Geharhause  die  Individuen  von  mehreren,  viele 

r  VOH    vielen  untersucht  werden,   und  obwohl   ein    verum  ein! 
Finger  hinreicht,   eine  grosse  Anzahl  Erkrankungen  hervorzubringen, 
so  ist  doch  unter  vielen  untersuchenden  Fingern  leichter  einer   oder 
der  amlere  unrein,  als  wenn  blos  ein  Finger  untersucht 

Eine  höchst  lehrreiche  Zusammenstellung  englischer  Erfahrungen 
über  die  Erzeugung  d«*s  Kindbettfiebers  ausserhalb  des  Gebärhai 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  de3  Kindbett-fiebera.        211 


durch  (  ebertragung  zersetzter  Stoffe  hat  Arneth  in  seinem  Werke1) 
Seite  334  veröffentlicht 

.,Das  Puerperalfieber  ist  eine  so  furchtbare  Krankheit,  dass   es 
uns  im  höchsten  Grad«-  interessiren  miiss.    was   die  englischen  Aerzte 

Im  i   dasselbe  im  Allgemeinen,    und   besonders   über  den   in   gewi 
Hinsieht    räthselhaften    lTmstand  desselben    —    seine    Aetiologie    — 
denken,  und  wie  sie  ihre  Kranken  behandeln. 

rDer  vielerfahrene  Roberton  theilt  die  Frauen  hinsichtlich 
der  Häufigkeit,  in  der  sie  zur  Zeit,  wo  keine  Epidemie  vorhanden 
von  Puerperalkrankheiten  befallen  werden,  in  solche,  die  ihren 
Haushalt  einzig  und  allein  besorgen,  und  in  jene,  die  bedient  werden. 
Seinen  Erfahrungen  zufolge  werden  die  ersteren  viel  seltener  von 
lienbettkraukheiten  heimgesucht.  In  der  gewerbefleissigen  Stadt 
Hulme  von  beiläufig  40000  Kin wohnern  ist  die  Zahl  jener  Personen, 
welche  Diener  halten,  ungemein  klein,  das  Arbeiterweil),  welches  die 
bei  weitem  überwiegende  Ziffer  der  weiblichen  Bevölkerung  ausmacht, 
ewohnt.  um  l'iiiif  Uhr  Morgens  aufzustehen,  die  älteren  Kinder 
zur  Arbeit  zu  schicken,  und  sollte  sie  ihren  Gatten  nicht  selbst  in 
die  Fabrik  begleiten,  die  Geschäfte  ihres  Haushaltes  und  die  Pöege 
ihrer  Kinder  zu  besorgen,  die  sie  vom  frühen  Morgen  bis  tief  in  die 
Wacht  keinen  Augenblick  ruhen  hissen.  Treffen  die  Kinder  Krank- 
heiten, so  ist  begreiflicherweise  ihre  Mühe  um  so  grösser:  die  ganze 
Z«ii  der  Schwangerschaft  hindurch,  ja  wenn  die  ersten  Perioden  der 
Gebort  sich  hinausziehen,  auch  wahrend  derselben,  steht  sie  denselben 
hat feii  so  lange  vor.  bis  die  heftiger  werdenden  Geburtsschmerzen 
sie  zum  Einhalten  zwingen.  Und  trotz  dieser  Entbehrungen  zählt 
mau  in  Hulme.  nach  den  amtlichen  Erhebungen  des  Decenniums  von 
1839—1849  nur  1  von  196ty,  Todesfällen  auf  Rechnung  des  Kindbett- 
Hebers.  Vier  andere  kleine  .Städte  der  Nachbarschaft,  deren  Be- 
ner einer  viel  wohlhabenderen  (lasse  angehören,  hatten  auf 
S4  Todesfälle  einen,  der  durch  das  Wochenbett  bedingt  war. 

„Anders  gestalten  sich  nun  freilich  die  Verhältnisse  zur  Zeit 
feiner  Epidemie,  wo  die  in  kleinen  Räumen  mit  zahlreichen  anderen 
Bewohnern  zusammengedrängte  arme  Wöchnerin  häufig  erliegt, 
■wahrend  die  Wohlhabende,  die  ein  weites  Gemach  bewohnt,  auf  Rein- 
lichkeit und  sorgsame  Pflege  rechnen  kann,  viel  grössere  Hoffnung 
rar  öenesung  hat.  Die  ungünstigeren  Verhältnisse  von  beiden  früher 
genannten  ('lassen  der  Gesellschaft  vereinigen  nach  Ruber  ton 's 
Meinung  wahrscheinlich  die  Weiber  der  Krämer  und  kleinen  Handels- 
leute, welche  auf  der  einen  Seite  in  übelgebauten  "Wohnungen  ihre 
Taire  anbringen,  und  auf  der  anderen  Seite  trotz  besserer  Erziehung» 
"Verweichlichung  und  Liebhaberelen  der  höheren  Classe  nicht  die 
Vi  n^heile  gemessen,  die.  jenen  ihre  Wohlhabenheit  gewährt 

,.  Kine  grosse  Reihe  von  Erfahrungen,  ÜKfi  man  in  England  ge- 
macht hat.  und  von  denen  wir  die  bedeutendsten  kennen  lernen 
•wollen,  spricht  dafür,  dass  nach  UebertragTing  von  gangnieneseirenden 
faulen  Stoffen  im  Allgemeinen  und  von  Leiehentheilen  insbesondere 
auf  die  Gebärende  Puerperalfieber  entstand.  Grösstentheila  hat  man 
aber  die  Fälle,  wie  wir  später  hören  werden,  anders  gedeutei. 

i«i    den    aber   den    Gegenstand   erschienenen    Sehritten   und 


r  Geburtshilfe  nnd   fiynaeeolopie  in   Frankreich,   Gr.  a-ibritaimien  nnd 
Irland  1853.  bei  Wilhelm  Brau mü  11  er. 

14" 


212 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Aufsätzen  machte  in  England  nichts  mehr  Aufsehen,  als  ein  Journal- 
artikel  von  Robert  Storrs,  der  auch  in  dem  von  mir  schon  wieder- 
holt In- nützten  .lahresbertchte  des  K'piclisiH^istrat^is  abgedruckt  18t 
Storrs  befragte  schriftlich  mehrere  Collegen  seiner  Umgebung  um 
ihre  Erfahrungen  und  Ansichten,  und  das  Resultat  dieser  Umfrage 
ungefähr  folgendes:  Reedal  in  Sheffield  behandelte  einen  jungen 
Mann,  der  an  einer  offenen  Leistengescli willst  und  einer  bösartigen, 
rosenartigen  Entzündung  des  Hodensackes  und  der  Hinterbacken  litt, 
die  täglich  verbunden  werden  mnssten  und  endlich  einen  tÖdtlichen 
\iiviraug  nahmen.  Die  Schwester  des  jungen  Mannes,  die  ihn  pflegte, 
bekam  gleichfalls  Rothlauf  im  Gesichte  und  am  Kopfe,  zu  dem  neb 
Fieber  mit  typhösem  Charakter  gesellte,  und  die  Arme  binnen  swei 
Tagen  wegraffte.  Während  Reedal  nun  den  Patienten  behandelte, 
bekamen  fünf  Frauen,  bei  deren  Entbindung  er  vom  26.  October  bis 
3.  November  1648  zugegen  war,  das  Puerperalfieber  und  starben.  Zu 
den  genannten  Unglücklichen  war  er  fast  unmittelbar  naeh  der 
Reinigung  jener  Wunden  gegangen,  während  zwei  Frauen,  die  gleich- 
falls während  des  Geburtsgeschäftes  seine  Hilfe  in  Anspruch  ge- 
nommen hatten,  zu  denen  ar  aber  erst  einige  Stunden  nach  jenein 
gefahrbringenden  Krankenbesuche  gegangen  war,  ohne  bedeutendere 
Erkrankungen  davonkamen.  Nach  dem  Tode  jener  Frauen  gab 
Reedal  seine  Besuche  bei  dem  jungen  Manne  auf,  weil  er  sich  für 
den  Verbreiter  der  Krankheiten  ansehen  musste.  Seitdem  hatte  er 
eben  so  wenig  mehr  einen  Fall  von  Puerperalfieber  in  seiner  Praxis. 
als  ihm  dergleichen  vor  der  Behandlung  jenes  Erysipelas  vorge- 
kommen waren. 

„Herr  Sleight  in  Hüll  berichtet,  dass  er  einen  Kranken  am 
(gangraenescirenden?)  Erysipelas  behandelte,  und  Während  seines  Be- 
Buehee  bei  demselben  zu  einem  Geburtsfalle  gerufen  wurde,  der  sehr 
leicht  und  regelmäUig  verlief.  Nichtsdestoweniger  wurde  die  Frau 
20  Stunden  darnach  vom  Puerperalfieber  ergriffen,  und  starb,  nachdem 
die  Krankheit  nur  18  Stunden  gedauert  hatte. 

„Härder,  gleichfalls  in  Hull  wohnend,  behandelte  einen  grossen 
Abscess  in  du  Lendengegend,  und  beiläufig  um  dieselbe  Zeit  einen 
erysipelatöset]  Abscess  einer  Brust.  Zur  selben  Zeit  starben  viele 
Schafe,  Tauben  und  Kühe  nach  der  Geburt.  Hardey  behandelte  in 
Monatsfrist  20  Geburtsfälle,  sieben  Frauen  starben;  alle  diese  Ge- 
burten hatten  einen  regelmässigen  Verlauf  gehabt,  auch  war  sonst 
keine  Ursache  des  unglücklichen  Ausganges  aufzufinden;  Niemand 
der  Umgebung  der  Unglücklichen  wurde  übrigens  von  einer  ähn- 
lichen Krankheit  befallen.  Häufige  Chlorinwaschungen  und  ein  ganz 
neuer  Anzug  hoben  endlich  die  Weiterverpflanzung  der  Krankheit 
auf.  Einige  jener  Frauen,  deren  Wochenbett  glücklich  endete. 
wurden  übrigens  nur  wenige  Stunden  nach  solchen  von  ihm  über* 
nominell,  die  tödtlieken  Ausgang  nach  sich  zogen. 

..Im *-i  Aerzte  von  Hull  trafen  bei  der  Section  eines  Mannes  zu- 
sammen, der  an  Gangraen  nach  einer  Operation  von  Hernia  JM 
irrnta  gestorben  war.  Alle  berührten  die  Leichenteile.  Einer  von 
ihnen  wurde  von  dem  Leichname  weg  zu  einer  Geburt  gerufen.  Diese 
und  noch  einige  rasch  auf  einander  von  ihm  entbundene  Frauen 
starben  am  Puerperalfieber.  Nicht  viel  besser  erging  es  seinen  beiden 
Collegen,  die  in  kürzester  1  um  nach  jener  Leichenbesichtigung  Fälle 
von  Kindbettfieber  in  ihrer  Praxis  beobachteten.  —  Der  Zufall  führte 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  uart  die  Prophylaxis  des  Kindbettüebere.        21$ 


sie  nach  einiger  Zeit  wieder  zusammen,  sie  klagten  sich  gegenseitig 
ihre  Unglücksfälle,  gaben  ihre  geburtshilfliche  Praxis  für  einige  Zeit 
auf.  und  hatten  nach  dem  Wiederantritte  derselben  keine  Krankheits- 
talle mehr  zu  beklagen. 

..s.  Allen  in  York  verlor  eine  Keihe  Patientinnen  am  Kindbett- 
fieber  —  doch  nur  im  ersten  dieser  Fälle  war  er  im  Stande,  irgend 
eine  Verbindung  mit  Erysipelas  herauszufinden.  —  Zwei  Monate  hin- 
durch war  in  seiner  Praxis  kein  Fall  von  Puerperalfieber  mehr  vor- 
gekommen, als  plötzlich  wieder  eine  von  seinem  Assistenten  geptleirte 
Frau  von  dieser  Krankheit  befallen  wurde;  derselbe  war  damals  mit 
einer  Jacke  bekleidet  gewesen,  die  er  zuletzt  zur  Zeit  der  Nacht- 
wache bei  einer  im  Kindbettfieber  weit  vorgerückten  Frau  getragen 
hatte.  Der  Mann  der  obenerwähnten  Frau  wurde  gleichfalls  von 
Bauchfellentzündung  befallen,  die  alle  Merkmale  des  PuerperalnVI>< srs 
an  sich  trug  und  tödtlich  endete.  Uebrigens  war  dies,  so  viel  Allen 
weiss,  der  einzige  Fall  von  Uebertragung  der  Krankheit  auf  die  Um- 
gebung der  Kranken,  der  sich  in  seiner  Praxis  ereignete. 

„So  weit  reichen  die  schriftlichen  Antworten  jener  C'ollegen.  die 
S  t  o  rrs  befragt  hatte. 

„Storrs  führt  nun  in  Folgendem  seine  eigenen  Erfahrungen  an, 
die  nach  seiner  Meinung  durchgehends  beweisen,  dass  die  Krankheit 
("omagiös  sei,  die  nach  ihrer  überwiegenden  Mehrheit  zeigen,  dass  ihr 
Ursprung  in  einem  animalischen  Gifte  zn  suchen  sei,  die  nicht  selten 
bösartige  Krankheiten  bei  Anderen  hervorbrachten,  und  die  alle  die 
Fruchtlosigkeit  der  ärztlichen  Behandlung,  und  gerade  deshalb  die 
äusserste  Notwendigkeit  von  Vorbaunngsinitteln  nachweisen. 

rI.  Am  8.  Jänner  1841  leistete  er  Frau  D.  bei  einer  Geburt  Bei- 
stand. Am  selben  Tage  war  er  auch  bei  Frau  Richardson 
beschäftigt,  die  an  gangraenescirendem  Rothlauf  litt;  beide 
Frauen  bedienten  sich  derselben  Wärterin.  Frau  U.  starb  am 
Puerperalfieber,  und  ihre  Schwester  bekam  Typhus,  nachdem  sie 
selbe  geplh-gt  hatte. 

.II.  Am  13.  Jänner  war  Storrs  bei  der  Geburt  der  Frau  B.  an- 
wesend, auch  sie  starb.  Einige  Tage  hierauf  bekam  ihre 
Schwiegermutter  Typhus,  an  dem  auch  sie  starb.  Die  Wärterin, 
die  beide  gepflegt  hatte,  bekam,  wie  ihr  Sohn,  gleichfalls  den 
Typhus,  von  dem  sie  sich  jedoch  erholte. 

..IIL    Gleichfalls   am    13.  Jänner  war  unser  Berichterstatter  bei  dem 

I  Geburtsgeschäfte  der  Frau  Par.  zugegen,  die  gleichfalls  starb. 
Ihr  Gatte  war  zur  selben  Zeit  am  Erysipel  mit  typhösen  Fieber 
erkrankt,  von  dem  er  sich  jedoch  erholte.  Eine  Freundin  und 
Nachbarin  der  Verstorbenen  hatte  Erysipelas,  Pleuritis  und  Ab- 
scess.  doch  genas  sie;  nicht  so  glücklich  war  ihre  Wärterin,  die 
am  Typhus  starb. 
rEine  IV.  und  V.  Kranke  erholten  sich  und  verursachten  auch 
bei  Niemand  andere  Krankheiten. 

.VI.  Am  12.  Februar  eröffnete  Storrs  an  der  obengenannten  Frau 
I'irhardson  einen  Abscess  und  ward  hierauf  bei  der  drei 
L)  Meilen  entfernt  wohnenden  Frau  Pol.  beschäftigt,  die 
ebenfalls  >iarb.  Ihre  Seh  wester  hatte  Herpes,  Erysipelas  mit 
typhösen  Krscheinungen,  worauf  ein  ungeheurer  Abscess  in  der 
Brust  folgte. 


' 


214 


Setnuielweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbeltfieber. 


„VII.  Frau  P.  wurde  nicht  von  Storrs  entbunden.  sondern  nur  von 
von  ihm  besucht;  Frau  P.  hatte  das  Kind  der  Frau  Bt.  auf  der 
Bahre  gebettet,  das  einige  Tage  früher  an  den  Gangraen  des 
Nabels  gestorben  war.  Sforrs  hatte  der  Frau  Bt.  in  der 
Zwischenzeit  zwischen  den  drei  zuerst  geschilderten  Krankheits- 
fällen und  in  dem  so  eben  beschriebenen,  Beistand  geleistet; 
Frau  P.  starb  und  es  folgte  ihr  bald  ihr  Kind,  das  am  Brande 
d»*s  Nabels  und  der  Geschlec-Mstheile  zu  Grunde  ging. 

..VI  IL  Frau  W.,  die  unter  Stori  V  Leitnng  entbunden  wurde,  nach- 
dem   er    am    vorhergehenden    Morgen    bei    Frau    Ricbardson 
einen  Abscess  eröffnet  hatte,  starb, 
..Storrs  machte  nun   eine  14-tagige  Reise,   und   hoffte  si-h  auf 

diese  Art  gänzlich  zu  reinigen. 

,,IX.  Am  21.  März  Nachts  war  er  bei  der  Geburt  der  Frau  W.  thätig, 
nachdem    er  Morgens   bei    Frau   Richardson   abermals   e 
Abscess  geöffnet  hatte:  Frau  YV.  starb. 

,.X.  Ein  gleiches  Schicksal  hatte  Frau  Dk.,  die  am  22.  geboren  hatte. 
..Kniige  Monate  darauf,  als  das  Gift  schon  etwas  erschöpft 
war,  legte  Storrs"  Assistent  an  das  Bein  der  Fran  Richard- 
son eine  Binde  an  und  entband  am  Tage  darauf  eine  junge  Frau, 
sie  wurde  von  heftiger  Bauchfellentzündung  befallen,  man  Hess 
ihr  zweimal  zur  Ader,  —  sie  erholte  sich.  Bei  ihr  hatte  die 
Krankheit  einen  mehr  stenischen  Charakter. 
-StOrri    hofft    ftircfa    seinen    Aufsatz,    aus   dem   wir    darum    so 

reichliche  Anazüge  geliefert   haben,  weil  er  den  au  den  englischen 

Ansichten  ober  die  W.iterverbreitung  des  Puerperalfiebers  Zweifelnden 

überall  entgegengehalten  wird,  bewiesen  zu  haben: 

1.  Dass  das  Puerperalfieber  durch  Berührung  mittheilbar  sei. 

2.  Dass  dasselbe  von  einem  thierischen  Gifte,  und  zwar  besonders 
dem  Rothlaufe ')  und  seinen  Folgen,  aber  auch  zuweilen  vi  in 
Typhus  herstamme, 

3.  Dass  das  Kindbetttieber  ohne  unterschied  an  der  Umgebung 
der    Erkrankten,   Rothlauf,   Typhus,    und   beim   männlichen 

•blechte  ein  Fieber,  das  bisweilen  ungemein  dem  Puerperal- 
fieber gleicht,  hervorbringe. 

4.  Dass  im  Ganzen  die  schnellste,  sorgfältigste  und  vernünftigste 
Behandlung  ohne  Erfolg  bleibt. 

..Besonders  im  Gefühle  dieser  letzten  traurigen  Erfahrung  geht 
Storrs1  Bericht  dahin,  ähnliches  Missgeschick  zu  verhüten,  zu 
welchem  Endzwecke  er  vorschlägt,  dass  Geburtsheller  nie  in  demselben 


l)  Noch   viel  weiter  gebt  Nuiiueley   (A  treatüe  on    the  Nature,    < 
Trcatutivt  af  Erytiptla*,*   London  1849),  wii  aus  folgenden  Aeuaserungen  hervor- 
gehen wird  ■ 

Pag.  W,  ..Ich  werde  die  vorzüglichsten  Gründe  und  Thateachen,  die  man  zum 
Beweise  der  Identität  Kdtntff]  de*  Puerperalfiebers  und  des  Rothlaufes  anfahren 
kann,  unter  be^timmre  I 'unkte  bringen." 

Pag.  89.  r Davon  wenigstens  bin  ich  überzeugt,  dasa  viele  Fragen,  die  in  der 
Metürin  ihndi  allgemeine  Uebereinstiuimuiig  als  abgemacht  angetanen  werden,  keinee- 
wegs  auf  festeren  —  wenn  ja  auf  festen  —  Gründen  ruhen,  als  die  sind,  die  wir  so 
eben  zum  Beweise  der  Identität  des  Puerperalfiebers  und  des  Rothlanfea  angeführt 
haben."  —  Bemerkt  rnuss  übrigens  werden,  dass  in  der  Todteuliste  für  London  vom 

Jahre  '  Personen  eJj  am  Rotnlani  verstorben  aufgeführt  werden. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  de.*  Kimlhettliebers.        215 


Kleide  Kreissende  besuchen  sollen,  dessen  sie  sich  bei  ihren  übrigen 
Patienten  bedienen;  diese  Vorsicht  bezieht  sich  zunächst  auf  das 
ObeikhiiJ.  das  notwendiger  Weise  nach  Storrs'  Ansieht  :im  meisten 
zur  ("ebertragung  der  kraukheitserzeugemlen  Stoffe  beitragen  edus& 
Sobald  aber  Rothlauf  oder  Typhus  herrschen,  W  wäre  dieselbe  Vor- 
sicht auch  im  Wochenbette  zu  befolgen. 

„Nach  was  immer  für  einer  Leichenöffnung,  oder  nach  einer 
ratäon  an  einem  an  Erysipel  oder  am  Typhüfl  erkrankten  Individuum 
soll  der  Chirurg  so  sorgfältig  als  nur  möglieh  seine  I lande  waschen 
und  seinen  Anzog  gänzlich  ändern,  bevor  er  zu  irgend  einer  Geburt 
geht;  liiebei  muss  man  ja  die  Handschuhe  nicht  ausser  Acht  lassen, 
da  ja  Hände  und  Arme  die  das  Gift  zunächst  übertragenden  T  heile 
des  Körpers  sind. 

„Sobald  aber  unglücklicherweise  die  Krankheit  in  eines  Arztes 
Praxis  sich  festgesetzt  hat,  so  sollte  er  sich  2—3  Wochen  gänzlich 
\"it  seinem  Wohnort«  entfernen,  vollends  seine  Kleidung  ändern. 
ilie  sorgfältigsten  Waschungen  vornehmen  und  jedweden  Krankheits- 
fall vermeiden,  der  die  Quelle  thierisehen  Giftes  sein  könnte. 

ine  ähnliche  Mittheilung,  die  Roberten  marin,  erregt«'  un- 
gemeines Aufsehen  in  England.  Eine  Hebamme,  die  im  Kreise  der 
v«.n  der  Wohlthätigkeitsgesellselinft  verwiegten  Gebärenden  und 
Wöchnerinnen  eine  sehr  ausgebreitete  Praxis  hatte,  hatte  das  Unglück, 
eine  von  ihr  entbundene  Frau  am  Puerperalfieber  sterben  zu  Beben. 
In  dem  darauffolgenden  Monate  (December  1830 1  war  sie  in  weit 
auseinander  gelegenen  Stadttheilen  bei  30  Geburten  thätig,  H>  von 
diesen  Wöchnerinnen  wurden  vom  Puerperalfieber  befallen  und  stai 
Dieser  umstand  war  um  so  auffallender,  als  beiläufig  3S0  Geburts- 
vorflelen,  die  von  derselben  Gesellschaft  nur  durch  Hebammen 
besorgt  wurden,  und  die,  mit  alleiniger  Ausnahme  der  früher  er- 
wähnten, ohne  alle  Störungen  im  Wochenbette  vorübergingen.  Die 
Aerzte  der  Anstalt  drangen  darauf,  dass  die  Hebamme  sieh  aufs 
Land  begebe,  und  ihre  Praxis  Ciw  einige  Zeit  aussetze;  kurze  Zeit 
nach  diesem  Beschlüsse  zeigte  sich  das  Puerperalfieber  au  vielen 
Punkten  der  Stall  und  in  der  Praxis  von  anderen  Hebammen  und 
Aerzten.  Bis  Juni  wüthete  es  in  einer  Ausdehnung  und  mit  einer 
Heftigkeit,  die  in  Manchester  kaum  je  vorgekommen  war. 

.  K  ober  ton  nimmt  es  nicht  auf  sich,  zu  erklären,  auf  welche 
\rt  die  Uebertragung  dir  Krankheit  in  dem  Falle  der  Hebamme 
stattgefunden  habe,  will  aber  hierbei  noch  zweier  Fälle  erwähnen, 
die  im  eh  «-einer  Ansicht  beweisen,  dass  die  Krankheit  unmittelbar 
von  einer  Kranken  auf  die  andere  übertragen  wurde.  Ein  Arzt 
führte  bei   einem   armen,   am  Puerperalfieber  leideuden  Weibe   den 

leter  ein,  und  wurde  noch  in  derselben  Nacht  zu  einer  Frau  ge- 
rufen, um  ihr  Beistand  bei  ihrer  Geburt  zu  leisten.  „Am  Morgen 
des  zweiten  Tages  darauf  bekam  die  Frau  Schüttelfrost  und  die 
übrigen  Zeichen  der  beginnenden  Krankheit."  —  Ein  anderer  Arzt 
wurde  während  einer  Leichenöffnung  an  einer  am  Kindbettfieber 
Verstorbenen  zu  einer  Geburt  geholt  —  48  Stunden  darauf  ergriff 
dieselbe  Krankheit  auch  diese  Fnm. 

„Churchill1)  berichtet  uns,  dass  Campbell  in  Edinburg 
anfangs   nicht   an   die   Contagiösität   der   Krankheit  geglaubt,  später 


DiteaUB  of  Warna    '■>)  Fleettcood  Churchill,  3.  (dil.  /' 


21<i 


Semmebveis1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiuübettikber. 


aber  seine   Alisicht   geändert,   und   in   einem   Briefe   an  L.   Lee  die 
nachfolgenden  Beispiele  erzählt  habe. 

„Er  secirte  im  October  1821  eine  nach  Abortus  am  Puerperal- 
fieber verstorbene  Frau;  er  steckte  hierauf  die  Geschlecht  st  heile  in 
den  Sack  und  nahm  sie  zu  einer  Vorlesung  mit.  An  demselben 
Abende  war  er  in  denselben  Kleidern  bei  der  Geburt  einer  Frau  zu- 
gegen, die  bald  darauf  starb. 

..Am  nächsten  Morgen  hatte  Churchill  eine  ZangenoperatioD 
cnrzuiiehinen,  ohne  dass  er  seine  Kleidung  geändert  hätte.  I  eberdies 
erkrankten  in  den  nächsten  Wochen  noch  viele  der  von  ihm  gepflegten 
Wöchnerinnen  T  drei  derselben  starben.  —  Im  Juni  1823  half  er 
mehreren  seiner  Schüler  bei  der  Section  einer  Frau,  die  am  Puerperal- 
fieber gestorben  war.  In  der  von  Allem  entblössten  ärmlichen 
Wohnung  konnte  er  seine  Hände  nicht  mit  der  iinthigvn  Sorgfalt 
Waschen,  und  ging  nach  Hanse.  Daselbst  angelangt,  fand  er  die 
Nachricht,  dass  zwei  Gebärende  seine  Hilfe  begehrten;  ohne  weitere 
Waschungen  vorzunehmen  und  ohne  die  Kleider  zu  wechseln,  eilte 
er  diese  Frauen  aufzusuchen,  beide  wurden  von  der  Krankheit  er- 
griffen und  starben.  Dergleichen  Fälle  Hessen  sich  noch  in  viel 
bedeutenderer  Anzahl  häufen. 

„Es  wird  aber  schon  aus  dem  Angeführten  nnd  namentlich  aus 
dem  der  Praxis  des  Dr.  Campbell  Entnommenen  klar  hervorgehen, 
dass  die  Engländer  diese  Uebert ragungen  nicht  in  dem  Sinne  nehmen, 
wie  Semmel  weis  und  Skoda  sie  verstanden  wissen  wollen,  nämlich 
nicht  durch  eine  Uebertragung  von  putriden  Stoffen  auf  die  Geschlecht  s- 
theile  der  Frau,  sondern  durch  die  Uebertragung  der  Krankheit 
tofft  von  einer  Frau  auf  die  andere. 

„Dass  dies  die  Auslegung  sei,  geht  schon  aus  den  gemachten 
Mittheilungen  hervor,  wird  aber  besonders  durch  folgenden  Ausspruch 
C li u rc h  i  II  's  klar  dargethan:  ,Nach  aufmerksamer  Prüfung  der  That- 
saehen  kann  ich  nicht  zweifeln,  dass  die  Krankheit  durch  Ansteckung 
und  Berührung  weiter  verbreitet  wird,  d.  h.  dass  sie  von  einer  am 
Puerperalfieber  Leidenden  einer  andern  Person  mitgetheiit  werden 
kann,  die  mit  derselben  in  Berührung  ist.  oder  in  enger  Nachbar- 
schaft sich  befindet.' 

-Die  Entscheidung  der  Frage,  welche  von  beiden  Auslegungen 
als  die  richtige  sieh  herausstellt,  i>t  begreiflicherweise  von  grosser 
praktischer  Bedeutung;  denn  wenn  die  in  England  gewöhnliche  Ansicht 
der  Dinge  Geltung  erlangt,  so  folgt  daraus  keineswegs  das  Verbott 
sieh  mit  Leichen  von  Personen  zu  beschäftigen,  die  au  anderen  als 
Pnerperalkrankheiten  gestorben  sind,  während  wir  hinwieder  keinen 
Anstand  nehmen,  von  einer  kranken  Wöchnerin  zur  andern  zu  gehen, 
ohne  Kleider  gewechselt  zu  haben,  wie  man  dies  in  England  ZV  tlum 
vorschreibt,  weil  man  die  Lehre  von  der  l'ebertragbarkeit  der  Krank- 
heit so  weit  ausdehnt,  dass  man  annimmt,  ein  gesunder  Mensch  (also 
auch  der  Arzt),  der  von  eine  i  am  Wochenbette  Erkrankten  herkomme. 
könne  dieselbe  Krankheit,  ohne  dass  Berührung  stattgefunden  habe, 
auf  eine  bis  dahin  gesunde  Wöchnerin  übertragen.  Diese  Fähigkeit 
der  Uebertragung  scheint  nach  der  dort  üblichen  Annahme  für  längere 
Zeit  möglich  gedacht  zu  werden,  weil  nach  den  häufig  von  ene-l^ 
Schriftstellera  aufgestellten  Anordnungen  ein  Arzt,  der  so  n 
ist,  in  seiner  Praxis  mehrere  puerperalkrauke  Frai 
längere  Zeit  hindurch  aufhören  soll,  bei  Geburten  V 


Die  Actiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbettiiebers.        217 

und  ihm  Wechsel  seiner  sämmtlichen  Kleidungsstücke  zur  Pflicht  gemacht 
w\n\.  Als  Beweis  dafür  wird  besonders  angeführt,  dass  so  häufig 
einzelne  Geburtshelfer  oder  Hebammen  viele  Fälle  von  Puerperalfieber 
unter  ihren  Pflegebefohlenen  zählen,  während  die  übrigen  Aerzte 
nichts  von  dergleichen  Vorkommnissen  zu  erzählen  haben.  Man 
wird  aber  wohl  zugeben  müssen,  dass  dieser  letztgenannte  Umstand 
sich  viel  ungezwungene!  erklären  l&sst,  wenn  man  annimmt  (was  sich 
in  den  meisten  der  oben  mitgetheilten  Fälle  nachweisen  liess),  dass 
diese  Praktiker  sich  entweder  mit  Leichenöffnungen,  oder  was  gleich- 
viel gilt,  mit  anderen  putreseirenden  Stoffen,  Eröffnung  von  Abscessen, 
Reinigen  und  Verbinden  von  Wunden.  Reinigen  oder  Untersuchungen 
von  Wöchnerinnen,  Untersuchungen  von  Placenten  u.  dgl.  beschäftigt 
haben  l).  —  Mehrere  der  obengenannten  Aerzte  haben  durch  die  in 
England  gang  und  gäbe  gewordenen  Ansichten  ihre  geburtshilfliche 
Praxis  für  einige  Zeit  aufgegeben,  nachdem  sie  das  Unglück  hatten, 
mehrere  Frauen  durch  das  Puerperalfieber  zu  verlieren.  Der  Umstand, 
dass  sie  sogleich  beim  Wiederaufnehmen  derselben  nicht  glücklicher 
waren,  scheint  —  nach  einer  mehrere  Wochen  betragenden  Frist 
ausser  Zweifel  zu  setzen,  dass  die  von  ihnen  beschuldigte  rjnache 
nicht  mehr  im  Spiele  sein  konnte,  und  rüttelt  stark  an  der  Ueber- 
zeugung,  dass  sie  es  früher  war." 

Kn  ist  auch  meine  Ueberzeugung,  dass  die  oben  angeführten  Be- 
schäftigungen der  Aerzte  das  ursächliche  Moment  des  nach  diesen 
Beschäftigungen  beobachteten  Puerperalfiebers  gewesen  sind;  ich  habe 
ja  deshalb  diese  haten  hier  angeführt,  um  dem  Leser  zu  zeigen,  dass 
man  sich  auch  ausserhalb  des  Gebärhauses  mit  Dingen  beschäftiget, 
in  deren  Folge  das  Puerperalfieber  auch  ausserhalb  des  Gebärhauses 
entsteht. 

Aber  ich  ziehe  aus  diesen  Daten  andere  Schlüsse,  als  die  eng- 
lischen Aerzte. 

Ich  halte  das  Kindbettfieber  für  keine  contagiöse  Krankheit, 
weil  dasselbe  nicht  von  einem  jeden  am  Kindbettfieber  erkrankten 
Individuum  auf  ein  gesundes  übertragen  werden  kann,  und  weil  ein 
gesundes  Individuum  das  Kindbettfieber  von  Kranken  her  bekommen 
kann,  welche  selbst  nicht  am  Kindbettfieber  leiden. 

Ein  jeder  Blatternkranke  ist  geeignet,  bei  einem  gesunden  In- 
dividuum Blattern  hervorzubringen,  und  ein  gesundes  Individuum  kann 
Blattern  nur  von  einem  Blatternkranken  bekommen,  von  einem  Gebär- 
innrterkrebs  her  hat  noch  Niemand  Blattern  bekommen. 

Nicht  so  verhält  sich  die  Sache  beim  Kindbettfieber;  wenn  das 
Kindbettfieber  unter  Formen  verläuft,  welche  keine  zersetzten  Stoffe 
erzeugen,  so  ist  das  Kindbettfieber  von  diesen  Individuen  auf  ein  ge- 
sundes nicht  übertragbar.  Erzeugt  aber  das  Kindbettfieber  zersetzte 
Stoffe,  wie  z,  B.  bei  Endometritis  septfsflj  so  ist  das  Kindbettfieber  auf 
gesunde  allerdings  übertragbar.    Nach  dem  Tode  ist  von  jeder  Puer- 

'  Deiche  das  Kindbettfieber  anf  Gesunde  übertragbar,  bei  der  Leiche 


<    A.  Martin,  der  Director  der  Hebamineuscuule  in  Wachen,   halte  die 

mir  mündlich  mitzutbeilen.  dass  in  den  ersten  .fahren  meiner  Wirksamkeit  das 

n— TDenlfleber  häufige  Opfer  forderte,  ohne  dass  ea  möglich  gewesen  wäre,  in  der 

i  >ro| «reuen  Anstalt  die  Veranlassung  zu  entdecken.     Erst  nach  und 

ichÜÄt,  das»  die  Hebamnu-ii   die  Placenten  in  den  in 

»rfen.     N.n  h  Abstellung  dieses  Uebelstandes  wurde 

•d  günstiger. 


218 


Seminelweis'  Abhandlungeu  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


kommt  nur  der  Fäulnissgrad  in  Betracht.  Aber  das  Kindbettfieber 
kommt  von  Krankheiten,  welche  selbst  nicht  Kindbettlieber  sind, 
gangraenöses  Erv.-dpel,  (hrcinoma  nteri  etc.  bringen  Kindbett  lieber 
hervor. 

Eine  jede  Leiche,  mag  welch'  immer  eine  Krankheit  den  Tod  veran- 
lasst halien.  ist  geeignet,,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen,  wenn 
die  Leiche  den  nüthigen  F&ulnissgrad  erreicht  hat 

Eine  contagiosa  Krankheit  wird  durch  einen  Stoff  fortgepflanzt 
welchen  nur  die  betreffende  Krankheit  erzeugt  Caries  hat  noch  nie 
ein  BlattiMiKonta^ium  hervorgebracht.  Das  Puerperalfieber  wird 
durch  einen  Stoff  fortgepflanzt,  welcher  das  Product  nicht  des  Kind- 
bettfiebers allein,  sondern  auch  das  Product  der  heterogensten  Krank» 
heilen  bildet. 

Jede  Leiche,  mögen  welche  Krankheiten  immer  den  Tod  veranlasst 
haben,  erzeugt  den  Stoff,  welcher  das  Kindbettlieber  hervorbringt. 

Daraus  folgt  das  Verbot  des  Beschaftigens  mit  Leichen  und  mit 
Kranken,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten  Stoff  erzeugen,  ohne 
Rücksicht  auf  den  Puerperalzustand. 

Für  mich  ist  es  eine  unumstössliche  Wahrheit,  dass  der  Thier- 
arzt,  welcher  zugleich  Geburtshelfer  wäre,  durch  die  von  kranken 
oder  gefallenen  Thieren  hergenommenen  zersetzten  Stufte  bei  einer 
\\  Sennerin  das  Kindbettfieber  hervorbringen  würde. 

Das  Kindbettfieber  ist  demnach  keine  eontagiöse  Krankheit,  aber 
es  ist  eine  auf  ein  gesundes  Individuum  übertragbare  Krankheit  ver- 
mittels t.  eines  zersetzten  Stoffes.  Das  Kindbettfieber  steht  zum  Roth- 
lauf und  seinen  Kolgen  in  keiner  andern  Beziehung,  wie  zu  jeder 
andern  Krankheit,  welche  einen  zersetzten  Stoff  erzeugt,  das  Kind- 
bettlieber steht  zum  Kothlauf  und  seinen  Folgen  in  derselben  Be- 
ziehung, wie  zu  jeder  faulen  Leiche.  Wenn  die  englischen  Aerzie 
aussei  dein  Puerperalfieber  selbst  nur  noch  den  Rothlauf  und  seine 
Folgen  als  Quellen  des  zersetzten  Stoffes,  welcher  das  KindbettfkW-i 
hervorbringt,  anerkennen,  so  ziehen  sie  die  Grenzen  viel  zu  enge,  wie 
ja  schon  die  oben  angeführten  Daten  beweisen;  es  war  ja  nicht  alles 
Rothlauf,  woher  ier  Btoff  genommen  wurde  für  die  oben  aufgezahlten 
Fälle  von  Kindbettfieber. 

Das  Kimlbettfieber  ist  demnach  dieselbe    Krankheit,    welche   bei 
Chirurgen,    bei    Anatomen,    welche   nach    chirurgischen    Operationen 
entsteht,   das   Kindbeltfieber   ist   demnach  dieselbe  Krankheit .    wenn 
männlichen  oder  weiblichen   Individuen   ein   zersetzter  Stoff  in 
Kreislauf  gebracht  wird. 

Durch  die  Epidermis  oder  durch  eine  dicke  Schichte  des  Epithe- 
lioms hindurch  ist  dieser  zersetzte  Stoff  nicht  resorbirbar.  bei  Chir- 
urgen, bei  Anatomen  nnis.s  eine  Verletzung  vorausgehen. 

Kolletschka  hat  als  tüchtiger  pathologischer  Anatom  unzählige 
Mal«*  seine  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreiniget  gehabt  und 
blieb  gesund,  durch  den  Stich  wurde  die  Resorption  ermöglicht-  wir 
wissen  welche  Krankheit  die  Folge  davon  war. 

Dia  Resorptionsatelle  kann  jeder  Punkt  des  Körpers  sein,  welcher 
von  Epidermis,  von  Epithelium  entblösst  wird. 

Bei  Schwangeren,  Kreissenden,  Wöchnerinnen  haben  wir  eine 
Stelle  des  Körpers,  welche  keine  Epidermis ,  welche  kein  Epithelium 
besitzt,  und  das  ist  die  innere  Fläche  des  Uterus;  vom  innern  Mutter- 
munde augefangen  nach  aufwärt«,  das   ist  die  Resorptionsstelle  für 


Dil-  Ai-riulugie.  der  B'irriif  nwl  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiehers.        211.) 


den  zersetzten  -Stoff,  welcher  das  Kindbettfieber  hervorbringt.  Worden 
durch  die  Geburt  Verletzungen  bedingt,  so  kann  jede  Stelle  der  Geni- 
talien, ja  jede  Stelle  des  ganzen  Körners,  welche  wund  ist,  zur  Ke- 
sorpt ionssteile  werden. 

Wir  halini  früher  erwähnt,  dass  die  äusseren  Genitalien  zweier 
Wöchnerinnen  im  Schuljahre  18578  an  der  geburtshilflichen  Klinik 
zu  Fest  gangraenös  wurden;  eine  dieser  Wöchnerin  zur  Pflege  n 
tkeitt >-  s<  Jiiileiin  hatte  eine  kleine  Hautabschürfung-  auf  einem  Finger, 
in  Folge  einer  Verletzung  mit  einer  Nadel,  sie  bekam  Lymphangoitis 
mit  Vereiterung  der  Axiilardrüsen  und  machte  eine  mehrere  .Monate 
dauernde  schwere  Krankheit  durch. 

Da  nun  die  Individuen  in  den  Gebärhäusern  in  der  Regel  aus>er- 
halb  der  Genitalsphäre  keine  zur  Resorption  geeignete  Stelle  darbieten, 
so  muss  notwendiger  Weise  der  zersetzte  Stoff,  welcher  die  Eigen- 
Behalt  besitzt,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen,  den  Individuen  in 
die  Genitalien  eingebracht  werden;  da  nun  aber  die  Kleider  des  Ge- 
burtshelfers nicht  in  die  Genitalien  der  Individuen  eingebracht  werden, 
BO  ist  die  Sitte  der  Engländer,  die  Kleider  zu  wechseln,  um  das  Kind- 
bettfieber nicht  durch  die  Kleider  zu  verschleppen,  eine  zwar  unschäd- 
liche, aber  überflüssige  Vorsicht.  Ich  und  die  Schüler  haben  im  Jahre 
1848  zu  Wien  unsere  Kleider  nach  Beschäftigungen  mit  solchen  Dingen, 
welche  die  Eigenschaft  besitzen,  das  Kindbettfieber  hervorzubringen, 
nicht  ge«  .   wir   haben   nur  unsere  Hände  der  Einwirkung  des 

Chlors  ausgesetzt,  und  haben  im  Jahre  1848  von  3550  Wöchnerinnen 
nur  45,  d.  i.  1..,,  Percent  am  Kindbettfieber  verloren. 

In  den  oben  angeführten  Fällen,  wo  der  Geburtshelfer,  ohne  die 
Kleider  gewechselt  zu  haben,  gesunde  Kreissende  besuchte,  welche 
dann  am  Kindbettfieber  gestorben  sind,  waren  gewiss  Dient  die 
Kleider,  sondern  seine  Hände  die  Träger  des  zersetzten  Stoffes,  welche, 
weil  sie  nicht  gewechselt  werden  konnten,  desinficirt  hätten  wenlen 
sollen.     Wenn  durch  die.  angeführten  Beschäftigungen  die  Kleider  mit 

>  tzten  Stoffen  verunreinigt  wurden,  so  winden  es  die  Hände  ge- 
wiss noch  mehr,   und  mit  diesen  Händen  wurde  innerlich  untersucht. 

i>amit  das  Kindbettfieber  entstehe,  ist  es  CmuUHu  mm  tf\ut  »<»t, 
dass  der  zersetzte  Stoff  in  die  Genitalien  eingebracht  werde,  und  mit 
von  Benetzten  Stoffen  verunreinigten  Händen  können  die  Individuen 
in-  und  ausserhalb  der  Geb;u  Iiuumm-  allen  möglichen  medicinisehen 
l'nt ersuchungen,  mit  Ausnahme  der  Expforetoio  obstörieia  infmm  unter- 
würfen werden,  ohne  dadurch  auch  nur  der  geringsten  Gefahr  aus- 
gesetzt zu  Bein, 

Daes  die  Epidermis  die  Resorption  des  zersetzten  Stoffes  ver- 
hindere, beweist  ja  der  1  instand,  dass  der  Geburtshelfer  unbeschadet 
seiner  Gesundheit,  den  zersetzten  Stoff  Stunden  und  Tage  laug  an 
Beiner  Hand  herumträgt,  welcher  Stoff  durch  die  innere  Untersuchung 
mit  der  inneren  Fläche  des  Uterus  für  Augenblicke  in  Berührung 
gebracht,  resorbirt  wird,  und  dadurch  das  Kindbettfieber  hervorbringt. 

Die  Hände  der  Anatomen  sind  ja  oft  stundenlaug  in  Berührung 
mit  faulen  Leichen  und  bleiben  gesund,  wird  aber  die  Epidermis 
durcli  Verletzung  entfernt,  so  entsteht  die  Krankheit,  welche  wir  bei 
Kolletschka.  welche  wir  bei  der  Schülerin  gesehen. 

Vermßge  der  Lage  der  Zimmer  der  ersten  Gebärklinik  wurde 
die  allgemeine  Visite  zweimal  täglich  in  folgender  Ordnung  gehalten: 
zuerst  war  Visite  auf  dem  Kreissezimmer,  dann  wurde  die  Hälfte  der 


Semmel  weh'  Abhandlnugen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


gesunden  Wüchnej  innen  besucht,  dann  wurde  Visite  in  den  Krank  -n- 
ziramern  gemacht,  und  nun  wurde  die  Visite  mit  der  Besichtigung 
der  zweiten  Hälfte  der  gesunden  Wöchnerinnen  geschlossen. 

Wenn  wir  uns  auch  auf  dem  Krankenzimmer  die  Hände  von 
Seite  der  kranken  Wöchnerinnen  verunreinigten,  so  fühlten  wir  den 
gesunden  Wöchnerinnen  der  zweiten  Hälfte,  ohne  uns  früher  in  Chlor 
gewaschen  zu  haben,  den  Puls,  wir  befühlten  ausser! ich  den  Bauch, 
mit  einem  Worte,  wir  machten  alle  nöthigen  medicinischen  Unter- 
suchungen, mit  Ausnahme  der  EaptoraHo  obsteMaa  mtenw,  und  wir 
haben  dadurch  das  Kindbettfieber  nicht  vervielfältigt,  denn  wir  ver- 
loren im  Jahre  1848  von  3556  Wöchnerinnen  nur  45,  i,  i  l ....  Percent 

Das  Kindbettfieber  kann  daher  durch  die  äussere  unverletzte 
Oberfläche  des  Korpers  nicht  aufgenommen  werden,  es  wird  demnach 
nicht  uach  Art  der  Blattern  dadurch  fortgepflanzt,  dass  die  äussere 
Oberfläche  eines  gesunden  Individuums  in  den  Dunstkreis  eines 
kranken  Individuums  kömmt. 

Wenn  aber  die  Exhalationen  kranker  Individuen  mit  der  atmo- 
sphärischen Luft  in  die  Uterushöhle  eindringen,  dann  entsteht  aller- 
dings das  Kindbettfieber. 

Wir  haben  uns  früher  dahin  ausgesprochen,  dass  der  Gebrauch 
der  Engländer,  nach  dem  Besuche  einer  kranken  Wöchnerin  die 
Kleider  vor  dem  Besuche  einer  gesunden  Wöchnerin  zu  wechseln, 
eine  zwar  unschädliche,  aber  überflüssige  Vorsicht  sei,  weil  die  Kleider, 
welche  mit  einem  zersetzten  .Stoffe  verunreinigt  sind,  nicht  dorthin 
kommen.  WO  die  Resorption  im  normalen  Zustande  geschieht,  nämlich 
in  die  Uterushöhle,  die  Kleider  könnten  nur  dadurch  das  Kindl 
lieber  hervorbringen,  dass  deren  Exhalationen  mit  der  atmosphärischen 
Luft  in  die  Gebärmutterhöhle  dringen;  in  dem  Grade  dürften  aber 
die  Kleider  nicht  leicht  verunreinigt  sein,  um  das  besorgen  zu  müssen; 
wir  haben  in  Wien  nie  die  Kleider  gewechselt,  und  ich  thiie  es  auch 
jetzt  nicht.  Die  Kleider  könnten  auch  dadurch  zur  Entstehung  des 
lündbettfiebers  Veranlassung  geben,  dass  z.  B.  der  Aermel  des  Rockes, 
wenn  er  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigt  ist,  bei  der  inneren 
I  mersuchung  einer  Wöchnerin  mit  den  durch  die  Geburt  verletzten 
Genitalien  in  Berührung  kommt;  ein  Ereigniss.  welches  gewiss  nicht 
täglich  geschieht. 

In  diesem  Sinne  können  allerdings  auch  die  Kleider  schädlich 
werden,  aber  gewiss  nicht  in  dem  Sinne  der  Engländer,  welche 
glauben,  das  Puerperal-Contagium  könne,  so  wie  das  Blattern-C'on- 
tagium,  mit  den  Kleidern  zu  einer  gesunden  Wöchnerin  getragen 
werden,  welche  es  dann,  wie  das  Blattern-Contagium.  durch  die 
äussere  Oberfläche  ihres  Körpers  in  sich  aufnimmt,  und  dadurch  eben- 
falls vom  Kindbettfieber  befallen  werden. 

Im  normalen  Zustande  ist  nur  die  innere.  Fläche  des  Uterus  das 
Atrium  für  das  Puerperalfieber,  durch  Wundwerden  kann  jede  stelle 
des  Körpers  zum  Atrium  werden. 

Wenn  englische  Aerzte  das  Unglück  haben,  mehrere  Wöchnerinnen 
am  Kindbettfieber  zu  verlieren,  so  begnügen  sieh  selbe  mit  den  Ohlor- 
waschungen  nicht,  sondern  sie  setzen  ihre  geburtshilfliche  Praxis  für 
einige  Wochen  aus,  oder  unternehmen  eine  mein  wöchentliche  Reisr. 
um  vom  l'iierjtei.il-Contagium  gänzlich  gereinigt  zu  werden.  Wir  zer- 
stören den    zersetzten  Stoff  durch  ChlorwasCflUDgen   und  halten  diese 

ifection  für  hinreichend. 


Die  Aetiologie,  der  BegTiff  umt  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        221 

Wir  hatten  in  Wien  im  Monat  April  1847  f>7  Wöchnerinnen  von 
312.  also  1J\.,:  Percent  am  Kindbettfieber  verloren,  im  Mai  1847  36 
Wöchnerinnen  von  294,  also  12.«  Percent;  wir  haben  Mitte  Mai  die 
Chlorwaschungen  eingeführt,  mit  welchem  Erfolge  ist  dem  Leser  be- 
kannt, ohne  unsere  oder  der  Schüler  Verwendung  im  Gebärhause 
unterbrochen  zu  haben. 

Ich  glaube  hiermit  den  Unterschied  zwischen  meiner  Ansicht  vom 
Kindbettfieber  und  der  Ansicht  englischer  Aerzte,  und  über  die 
Weiterverbreitung  der  Krankheit  hinreichend  deutlich  gegeben  zu 
haben. 

[in  Wiederholungen  zu  vermeiden,  habe  ich  zur  Erörterung  dieser 
Gegenstände  diese  .Stelle  der  Schrift  gewählt,  obwohl  hier  von  andern 
Dingen  die  Rede  ist. 

Wenn  es  froher  räthselhaft  war.  wie  eine  epidemische  Krankheit 
KBCh  auf  traumatischem  Wege  hervorgebracht  werden  könne,  so  ist 
es  jetzt,  nachdem  wir  wissen,  dass  das  Puerperalfieber  durch  Re- 
sorption eines  zersetzten  Stoffes  entstehe,  kein  Räthsel  mehr. 

In  Folge  einer  schweren  Zangenoperation  werden  durch  Quet- 
schung Stellen  der  Genitalien  necrotisch,  diese  nekrotischen  Theile, 
wenn  resorbirt.  erzengen  das  Kindbettfieber  durch  Selbstinfection. 

Dass  die  grosse  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  am  Kindbett- 
fieber nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse,  sondern  durch  Einbringung 
eines  zerseuuu  Stoffes  von  aussen  bedingt  sei.  beweiset  die  geo- 
graphische Verbreitung  des  Kindbettfiebers.  Litzmann1!  sagte 
Seite  129  von  der  geographischen  Verbreitung  des  Kindbettfiebers 
Folgendes:  „Die  meisten  der  uns  bekannten  Epidemien  sind  auf  das 
mittlere  Europa  beschränkt.  Die  Notizen  über  außereuropäische  Epi- 
demien Bind  sehr  dürftig;  es  gehören  dahin  die  Bemerkungen  über 
das  Kindbettfieber  in  Philadelphia  von  Hodge,  und  in  Jerusalem 
vi>n  Scholz.  Im  Allgemeinen  scheinen  die  kälteren  und  feuchteren 
Länder  vorzugsweise  heimgesucht,  z.  B.  England,  das  noch  mehr  als 
Frankreich  dieser  Plage  unterworfen  ist,  eben  so  die  Städte,  die  an 
den  L'feru  grosser  Flüsse  liegen,  z.  B.  Wien.  Dagegen  erkranken 
z.  Ii.  in  Sicilien,  nach  Brydone' s  Berichten,  die  Frauen  sehr  selten 
nach  der  Entbindung:  Savary  sagt  in  seinen  Briefen  über  Egypten, 
die  Milclikrankheiten  seien  dort  gänzlich  unbekannt,  und  Dr.  Sali  es 
versichert,  während  seines  dreijährigen  Aufenthaltes  in  Südamerika 
daselbst  kein  Puerperalfieber  gesehen  zu  haben.  Doch  sind  diese  An- 
gaben zu  unvollständig,  um  .Schlüsse  darauf  zu  bauen.  Wahrschein- 
lich ist  das  Kindbettfieber  über  die  ganze  Erde  verbreitet,  und  sein 
nehl  oder  minder  häufiges  Vorkommen  weniger  von  dem  Klima,  als 
von  dem  Vorhandensein  oder  Fehlen  grösserer  Städte  und  namentlich 
grösserer  Entbindungsanstalten  abhängig," 

Durchdrungen  von  der  Ueberzeugung,  dass  das  Kindbettfieber 
durch  die  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes  entstehe,  inn  rpretire 
ich  diese  Aeusserungen  Litzmanu's  über  die  geographische  Ver- 
breitung des  Kind  bot  tfiebers  folgenderweise:  Gewiss  kömmt  das 
Kindbettfieber  über  die  ganze  Eide  verbreitet  in  seltenen  Fällen  in 
Folge  von  Selbstinfection  vor.  Gewiss  kömmt  das  Kindbettfieber  in 
einzelnen   Fällen   über   die  ganze  Erde  verbreitet  in  Folge  von  In- 


*)  Das  Kindbettfieber  in  nosologischer,  geschichtlicher  nnd  therapeutischer  Be- 
ziehuug  von  Dr.  C.  F.  Carl  Li tz manu,  Halle  1844. 


Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


fection  von  aussen  dadurch  vor.  dass  es  über  die  ganze  Erde  ver- 
breitet Kranke  gibt,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten  Stoff  er- 
zeugen, und  weil  es  über  die  ganze  Erde  verbreitet  Medicinal-lruli- 
viduen  männlichen  und  weiblichen  Geschlechtes  gibt,  welche  sich  mit 
solchen  Kranken  und  mit  Schwangern,  Kreissenden  und  Wöchnerinnen 
beschäftigen. 

Gewiss  wurde  «las  K  i n d b et t lieber  in  grosser  Anzahl  über  die 
ganze  Erde  verbreitet  vorkommen,  wenn  über  die  ganze  Erde  ver- 
breitet den  Individuen  in  grosser  Anzahl  ein  zersetzter  Stoff  von 
aussen  eingebracht  würde.  Das  geschieht  aber  nur  im  mittleren 
Europa.  Im  mittleren  Europa  ist  Veranlassung  zur  Beschäftigung 
mit  zersetzten  stuft. -n,  ita  mittleren  Europa  ist  Gelegenheit  in  den 
öebarhänsern  vielen  Individuen  gleichzeitig  den  zersetzten  »Stoff  ein- 
zubringen. Das  Kindbettheber  ist  vorzüglich  an  grössere  Städte  des- 
halb gebunden,  weil  die  grossen  Gebarh unser  sich  in  grossen  Städten 
befinden,  dass  die  Städte  gelbst  es  nicht  sind,  welche  das  Kindbett- 
fieber hervorbringen,  beweiset  ja  der  Umstand,  dass  man  das  Kind- 
hettfieber  in  den  (.-Jebärhänsern  dadurch  unterdrücken  kann,  dass  man 
n&ch  Schliessung  der  Gebärhäuser  die  Individuen  in  der  Stadt  . m- 
binden  lässt. 

Dass  die  PuerperaL-Epidemien  in  Wien  nicht  deshalb  entstanden 
sind,  weil  Wien  an  den  Ufern  eines  grossen  Flusses  liegt,  geht  daraus 
hervor,  dass  den  furchtbaren  Wiener  Puerperal-Epidemien  25  Jahre 
vorausgegangen  sind,  in  welchen  nicht  eine  Wöchnerin  von  hundert 
im  Gebärhanse  starb;  obwohl  während  dieser  25  Jahn-  Wien  an  den 
Ufern  desselben  grossen  Flusses  lag:  durch  die  ßinfUhrnng  der  Chlor- 
waschuugen  ist  die  Donau  nicht  ausgetrocknet  worden ;  aber  die 
Epidemien  haben  aufgehört.  Wenn  die  Donau  die  Epidemien  in 
Wien  hervorgebracht  hätte,  wo  liegt  denn  der  Qrund,  dass  die  Denan 
das  nur  in  Wies  thut  und  nicht  in  allen  Orten,  die  an  seinen  Ufern 
liegen  vom  Ursprungs  bis  zur  Mündung? 

Wenn  in  Sicilien.  in  Egypten,  in  Südamerika  das  Kindbett  lieber 
Dicht  vorkommt,  so  kommt  es  gewiss  nicht  deshalb  nicht  vor,  weil  in 
Sicilien,  in  Egypten,  in  Südamerika  Wassermangel  herrscht,  sondern 
deshalb,  weil  in  Sicilien,  in  Egypten.  in  Südamerika  die  Anatomie  in 
ihren  Zweigen,  und  die  anatomische  Richtung  der  Medicin  noch  nicht 
dir  Triumphe  gefeiert,  welche  den  Stolz  de*  Wiener  Schale  und  das 
Unglück  des  Wiener  Gehärhauses  bilden. 

Die  veröffentlichten  Rapporte  der  englischen  Gebärhänser  weisen 
eine  durchschnittliche  Sterblichkeit  von  1  Percent  aus;  die  fian/üsi- 
scli.-u  ein«-  von  4  Percent;  es  ist  mithin  unrichtig,  wenn  Li  t/mann 
sagt,  dass  Knglaad  mehr  als  Frankreich  der  Plage  des  Kindbett- 
tiebers  unterworfen  sei 

Dass  das  Kindbettrieber  nicht  durch  atmosphärische  Eintl 
sondern  durch  die  Aufnahme  eines  zersetzten  Stoffes  entstehe,  b»  v 
die  Geschichte  des  Kindbettfiebers.  Litzmann  sagt  in  seiner  Ge- 
schichte des  Kind  bei .Hie.bers,  in  welcher  alle  Puerperal-Epideuiien  bis 
zum  Jahre  1841  aufgezählt  werden,  Folgendes:  „Soweit  die  ?or> 
Hegenden  historischen  Docnmente  ein  Urteil  gestatten,  ist  das  Kind- 
bettfieber  ersi  eine  Krankheit  der  neueren  '/.<■[{.  Die  von  Hippo- 
crates  init.get  heilten  Krankheitsfalle,  die  man  gewöhnlich  als  solche 
in  Anspruch  nimmt,  gehören  nicht  dahin.  Es  sind  nur  Beispiel'-  dar 
damals  herrschenden  biliösen  Fieber,   die  sich  bei  den  Wöchnerinnen 


Die  Aetiolog-ie,  der  Bejrriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        22& 

nicht  anders  verhielten,  als  bei  NichtWöchnerinnen  und  Männern,  und 
von  Hippocrates  selbst  nirgends  als  besondere  und  eigentümliche 
Krankheiten  bezeichnet  werden.  Schmerzen  im  rechten  HypociiondriniB, 
gültiger  Durchfall  und  galliges  Erbrechen,  Kopfschmerz  mit  Delirium 
odei  Sopor,  Fieber  mit  mehr  oder  minder  häufigen  umegelmiissigcn 
Frustanfällen  bilden  bei  Allen  die  hervorstechenden  Symptome;  kaum 
dass  bei   dien  Wöchnerinnen   die  Störung  in  den  Wocheneecretionen 

■n  unterschied  begründet;  denn  nur  bei  dreien  finden  Wir  eine 
I  riterdrückang  der  Lochien,  und  bei  zweien  derselben  Schmerzen  in 
der  Uteringegend  erwähnt.  Die  wiederholten  Fröste,  von  denen  einige 
der  Kranken  befallen  wurden,  haben  in  der  neuesten  Zeit  Helm  be- 
stimmt,  in  der  geschilderten  Krankheit  eine  Metrophlebitis  zu  er- 
blicken. 

V  Hein  es  ist  mindestens  zweifelhaft,  ob  man  aus  diesem  ein- 
zelnen Symptome  mit  solcher  Sicherheit  auf  Phlebitis  schliessen  darf, 
wenn  die  Diagnose  nicht  durch  andere  Zeichen  unterstützt  wird,  und 
namentlich  der  Bestätigung  durch  dieSeetion  ermangelt,  Auf  Metro- 
phlebitis kann  es  hier  um  so  weniger  bezogen  werden,  als  <•<,  uhge- 
sehen   von   den   ganz  fehlenden,  oder  höchst  unbedeutenden  Krsehei- 

igen  eines  Uterinleidens,  auch  bei  Männern  beobachtet  wurde. 
\  lib.  III.  sect,  II.  aeger  ur.  5,  sect.  III.  aetjer  ur.  3.)  Sollen  die 
Fröste  daher  von  einer  Venenentzündung  abhängig  gemacht  werden, 
su  könnten  wir  nach  den  vorhandenen  Erscheinungen  den  Sitz  der- 
selben hier  nirgends  anders,  als  im  Gefässsystemc  der  Leber  suchen. 
(Hippocrates,  Epidem.  ///».  I.  sect.  III  aegra  mr,  -f,  5.  tl\  Hb.  III. 
ira  nr.  10,  11,  /-■*.  sect.  III.  aegrd  ur.  9,  14.) 
(Den  ersten,  wiewohl  noch  undeutlichen  Spuren  des  Kindbett» 
rs  begegnen  wir  in  der  zweiten  IFilfte  des  17.  Jahrhunderts  im 
Hütel-Dieu  zu  Paris.  Pen  erzählt.,  dass  in  dem  gedachten  Hospitale 
die  Sterblichkeit  unter  den  Neuen tbundenen  sehr  gross  gewesen  sei, 
und  zwar  zu  gewissen  Zeiten  und  in  gewissen  Jahresabschnitien 
mehr,  als  in  andern.  Besonders  verheerend  zeigte  sich  das  Jahr  1664 
V.  ou,  der  Arzt  des  Hospitals,  schrieb  den  Grund  dieser  auffallenden 
Sterblichkeit  dem  Umstände  ZU,  dass  die  Wochen/immer  gerade  über 
dem  Saale  der  Verwundeten  lagen.  Die  Sterblichkeit  der  Wöch- 
nerinnen stand  im  geraden  Verbältnisse  mit  «1er  Zahl  der  Verwundeten. 
Durch  feuchte,  warme  sowohl  als  kalte  Witterung  wurde  sie 
steigert,  bei  trockener  änderte  sie  sich.  Mit  der  Verlegung  der 
\\ '"»dinerinnen  in  den  unteren  Stock  erlosch  die  Krankheit  Die  Be» 
schreibnng  derselben  ist  höchst  mangelhaft,  es  wird  nur  gesagt,  data 
die  Kranken  bis  zu  ihrem  Ende  an  Blutungen  gelitten  hätten,  und 
dass  man  bei  der  Section  die  Leichen  voller  Abseesse  gefunden  habe." 
Noch  genauere  Aufschlüsse  über  das  Höfel-Dieu  und  die  Ursache 
des  daselbst  herrschenden  Kindbett  nebers  gibt  uns  Oslander  in 
seiner  oben  citirten  Schrift.  Seite  243  sagt  er:  „In  dem  merkwürdigen 
Berichte,  welchen  Tenon  im  Jahre  1788  von  den  Hospitälern  in 
Paris  der  Regierung  abstattete  ').  liest  man  Seite  241  u.  f..   dass  die 

erleibsentziindung,    .Ja  ji  afeu,    wie    der   Verfasser   die 

Krankheit  immer  nennt,  seit  dem  Jahre  1774  alle.  Winter  unter  den 
Wöchnerinnen  des  Hötel-Dieu  gewüthet  habe,  und  dass  zu  manchen 
Zeiten  von  12  Wöchnerinnen  7  von  dieser  furchtbaren  Krankheit  be- 


1     Mrmvirr    -irr  ks  hospilaux  de   P 


224 


Semmel  weis'  Abhtwdlumjen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


fallen  worden  seien.  Um  dies  nicht  auffallend  zu  finden,  muss  man 
Wissen,  in  welchem  bedauerungswiirdigen  Zustande  die  Wöchnerinnen 
und  die  Schwangeren  sich  damals  im  Hötel-Dieu  befanden.  In 
niedrigen  und  schmalen  Sälen  der  oberen  Etage,  die  mit  Betten  über- 
füllt waren,  eingeschlossen,  traf  es  sich  nicht  selten,  dass  drei  Wöch- 
itcTiuneii  in  einem  vier  Fuss  breiten  Bette  nebeneinander  zu  liegen 
kamen,  denn  im  Jahre  1786  lagen  in  67  nicht  übermässig  breiten 
Betten  175  Schwanger«  und  Neuenfbnndene  und  16  Aufwärterinuen. 
Ueberdies  befanden  sich  die  Säle  der  Wöchnerinnen  über  and< 
Krankensälen  des  Hötel-Dieu,  und  wenn  auch  die  Verwundeten  damals 
schon  nicht  mehr  wie  ehemals ')  unter  den  »Sälen  der  Wöchnerinnen 
lagen,  so  darf  mau  doch  annehmen,  dass  schon  die  Nähe  der  grossen 
Krankensäle  zur  Verderbniss  der  Luft  und  zur  Erzeugung  gefähr- 
licher Miasmen  in  den  Sälen  der  Wöchnerinnen  beigetragen 
habe  etc.  etc." 

Also  die  erste  Kindbettneber-Epideniie,  die  man  als  solche  an- 
erkennt, ist  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse,  sondern  so  wie  ich 
es  lehre,  entstanden,  und  wenn  sich  auch  kein  Historiograph  gefunden, 
der  uns  die  Geheimnisse  der  übrigen  unzähligen  PuerperalepidemieiL 
enthüllt,  so  liefert  doch  die  Geschichte  des  Kindbetttiebers,  wenige 
Epidemien  ausgenommen,  die  Nectionsbeftm.de  der  betreffenden  Epi- 
demien, und  dadurch  die  Quelle,  aus  welcher  die  Epidemien  ihre 
Existenz  gefristet.  Ich  habe  nachgewiesen,  aus  welchen  Verhält- 
nissen die  Epidemien  des  Wiener  Gebärhauses,  des  Gebärhauses  zu 
St.  Rochus  und  der  geburtshilflichen  Klinik  in  Pest  entsprungen 
sind.  Durch  diese  Schrift  aufmerksam  gemacht,  dürften  die  Geheim- 
nisse der  Epidemien  so  mancher  Gebärhäuser  enthüllt  werden. 

Die  Geschichte  der  Puerperalheber-Epidemien  des  Wiener  Gebär- 
bauses  liefert  den  Beweis,  dass  üe  Häufigkeit  und  Bösartigkeit  der 
Epidemien  im  geraden  Verhältnisse  stand  mit  der  Entwicklung  und 
Ausbildung  der  anatomischen  Richtung  der  Medicin. 

Boer  trat  im  Jahre  L789  sein  Lehramt  an.  und  erhielt  im  Jahre 
1822  einen  Nachfolger  in  Prof.  Klein,  nachdem  Boer,  der  Refor- 
mator di t  Geburtshilfe,  der  Verfasser  der  natürlichen  Geburtshilfe, 
entmuthigt  durch  die  damals  für  enorm  gehaltene  Sterblichk*  n.  sein 
Lehramt  frühzeitig  verlassen?  und  doch  hatte  Boer  21  Jahre  nicht 
eine  Wöehneriu  von  100  verloren.  6  Jahre  war  die  Sterblichkeit  1 
von  100.  4  Jahre  2  von  100,  1  Jahr  3  und  1  Jahr  4  von  100. 

In  welch  schreckenerregender  Weise  hat  sich  naoh  dieser  Zeit 
selbst  während  der  12  Jahre  nach  Einführung  der  Chlorwast  hungen 
in  Folge  der  anatomischen  Richtung  der  Medicin  die  Sterblichkeit 
gesteigert!  Von  1822  angefangen  bis  inclusive  1858  war  die  Sterb- 
lichkeit 1  Jahr  0  Percent.  3  Jahre  1  Percent,  6  Jahre  2  Percent, 
4  Jahre  3  Percent,  6  Jahre  4  Percent,  4  Jahre  5  Percent,  3  Jahre 
6  Percent,  4  Jahre  7  Percent,  5  Jahre  8  Percent,  1  Jahr  12  Percent. 

Die  «i«  ><  iiu-hte  der  Puerperal-Epidemien  zeigt,  dass  die  Epidemien 
vorsuglieh  ad  (iebärhäu.ser  gebunden  sind:  wenn  demnach  in  Gebär- 
hausem,    welche  sich  in   grosser  Entfernung   von  einander  befinden. 


liou  im  Jahre  1664  leitete  ein  Arzt  des  Hötel-Dieu  Nameus  Lamoiquou, 
die  Häufigkeit  und  Gefahr  di-s  Kiudbetriiebers  in  diesem  HuBpital  von  der  Lage  der 
Wochensäle  über  denen  der  Verwundeten  her;  und  Pen  und  Desault  machten  iia 
Bemerkung,  dass,  seitdem  die  Verwendeten  von  da  verlegt  seien,  die  Krankheit 
wenäc-i'i-  btoflg  rorkomme. 


Dia    \etiologie,  der  Betriff  und  die  Prophylaxis»  des  Kindbettäebers.         i'-J.'j 


gleichzeitig  das  Kindbettfieber  herrscht,  z.  B.  in  Paris  und  Wien,  so 
ist  das  nicht  dadurch  zu  erklären,  dass  die  atmoflpbärisch-coainlach- 
tellurischen  Einflüsse  von  Paris  bis  Wien  reichen,  sondern  dadurch, 
dass  die  Individuen  im  Pariser  und  Wiener  Gebärhause  gleichzeitig 
iiilieirt  werden.  Wenn  es  wirklich  atmosphärische  Einflüsse  wären, 
welche  von  Paris  bis  Wien  reichen,  so  winden  ja  nicht  Mos  die 
Wöchnerinnen  des  Pariser  und  Wiener  Gebärhauses  erkranken, 
sundern  die  Wöchnerinnen  der  zwischen  Paris  und  Wien  wohnenden 
Bevölkerung  müssten  das  gleiche  Schicksal  theilen;  dem  widerspricht 
aber  die  Erfahrung,  welche  lehrt,  dass  selbst  die  Wöchnerinnen  der 
Stadt  sich  eines  guten  Gesundheitszustandes  erfreuen,  in  dessen  Gebar- 
die  Wöchnerinnen  dem  Kindbettfieber  in  grosser  Anzahl  zum 
Opfer  fallen. 

Für  unsern  Zweck  ist  es  vollkommen  gleichgütig,  ob  die  hei 
Hippocrates  angeführten  Falte  Kindbettfieber  waren  oder  nicht.  Bei 
Hippocrates  handelt  es  sich  um  wenige  Fälle,  und  diese  wenigen 
Fälle  konnten  durch  8« ■lbstinlW-tion  entstanden  sein;  oder  wenn  es 
Fälle  von  Infection  von  aussen  waren,  so  hat  es  ja  auch  zu  Hippo- 
crates'  Zeiten  Kranke  gegeben,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten 
Stoff  erzeugten,  und  es  hat  auch  zu  Hippocrates1  Zeiten  Medicinal- 
individuen  männlichen  und  weiblichen  Geschlechtes  gegeben,  welche 
sich  mit  derartigen  Kranken  und  gleichzeitig  mit  Schwangeren, 
Kreissenden  und  Wöchnerinnen  beschäftigten,  wodurch  die  Infection 
von  aussen  geschehen  konnte.  Uebrigens  sagt  Boer'j  im  zweiten 
Bande  Seite  H  von  Bippocr&taa  folgendes:  „Man  bewundert  mit  einer 
An  von  Erstaunen  und  Verehrung,  wenn  man  Puerperalfieber  be- 
bandelt, die  daran  Verstorbenen  öffnet,  und  den  Gang  der  Krank- 
heiten und  das  im  Cadaver  Aufgefundene  mit  dem  zusammenhält. 
Was  Hippocrates  vor  mehr  als  2000  Jahren  so  treulich  und  treffend 
davon  angeführt  hat. 

..Wäre  jedem  Jahrhunderte  anstatt  so  vieler  Systemgelehrten  nur 
ein  solcher  beobachtender  Arzt  geworden,  wie  viel  würde  die  Mensch- 
heit und  die  Animalität  überhaupt  dabei  gewonnen  haben. 

„Das  „Buch  von  den  Krankheiten  der  Weiber4*  enthält  vom  60. 
bis  fast  zum  Paragraph  SH)  eine  historische  I U  Schreibung  nach  allen 
jenen  Formen,  unter  welchen  meistens  Puerperalfieber  in  sporadischen 
Fällen  vorzukommen  pflegt;  und  im  „Buche  von  herrschenden  Volks- 
krankheiten" sind  einige  Beobachtungen  darüber,  wie  es  epidemisch 
vorkömmt,  so  genau  und  meisterhaft  autgezeichnet,  wie  sie  es  nicht 
richtiger  sein  könnten,  wären  sie  erst  gestern  am  Krankenbette  und 
Oefthungstische  aufgenommen  worden  etc.  etc." 

Mt  im  aus  dem  Erfolge  der  Chlorwaschungen  geschöpfte  Ueber- 
zeugung,  dass  es  nie  ein  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingtes 
Kindbettfieber  gegeben,  dass  folgerecht  die  endlose  Reihe  der  Puerperal- 
Epidemien,  wie  solche  in  der  medicinischen  Literatur  aufgezählt  wird, 
lauter  verhütbare  Infectionsfälle  von  aussen  waren,  wurde  durch  die 
Leetüre  der  Geschichte  des  Kindbettfiebers  volkommen  bestätigt. 

Wir  wollen  nun  alle  Gründe  in  Kürze  recapituliren,  welche  mir 
die  Ueberzeugung  aufgedrungen  haben,  dass  es  keine  BtmoBphftrisCtt- 
cosmisch-tellurischen  Einflüsse  gebe,  welche  geeignet  wären,  das  Kimi- 


*)  Dr.  Lucas  Johann  Boer:    „ Abhandlungen   and  Versuche   zur   Begründung 
einer  nenen,  einfachen  und  uaturgemässeu  Geburtshilfe."    Wien  1810. 

^lncoelweis"  gesammelte  Werke.  13 


226 


Semmelweie*  Abhandlungen  nnd  Werk  über  daa  KindbettfieLer. 


bettfieber  hervorzubringen,  und  dass  es  deren  nie  gegeben.  \\  ir 
wollen  in  Kürze  die  Gründe  recapituliren,  welche  mir  die  üeber- 
zeugung  aufgedrungen  haben,  dass  die  grosse  Sterblichkeit,  welche 
man  epidemischen  Einflüssen  zuschrieb,  bedingt  sei  nnd  \\;n  durch 
die  Aufnahme  eines  zersetzten  Stoffes  in  den  Kreislauf  der  Individuen, 
und  dass,  die  Fälle  von  Selbstinfectiou  ausgenommen,  dieser  zersetzte 
Stoff  den  Individuen  von  aussen  eingebracht  werde.  Dass  demnach 
die  endlose  Reihe,  der  sogenannten  Epidemien,  wie  solche  in  der  medi- 
cinischen  Literatur  angeführt  werden,  lauter  verhütbare  luföctaons- 
fälle  von  aussen  waren. 

Der  wichtigste  Grund  ist,  dass  es  mir  an  drei  Anstalten  gelungen 
ist,  durch  Zerstörung  des  beschuldigten  zersetzten  Stoffes  das  Kind- 
bettfleber  auf  eine  im  Vergleiche  mit  früher  geringe  Zahl  zu  be- 
schränken, welches  offenbar  nicht  gelungen  wäre,  würde  das  Kind- 
bettheber  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt  gewesen  sein. 

Wenn  es  mit  dem  Begriffe  des  atmosphärischen  Kindbettfiebers 
nicht  recht  im  Einklänge  war.  dass  das  Kindbettfieber  in  grosser 
Anzahl  zu  jeder  Jahreszeit  vorgekommen  ist,  und  auch  zu  jeder 
Jahreszeit  wieder  nicht;  dass  es  in  grosser  Anzahl  in  jedem  Klima 
vorgekommen  und  nicht  vorgekommen;  so  ist,  sobald  man  weiss,  dass 
das  Kindbettfieber  durch  Infection  von  aussen  entstehe,  die  Sache 
sehr  klar. 

In  jeder  Jahreszeit,  in  jedem  Klima  können  die  Individuen  von 
aussen  inficirt  werden  und  auch  nicht. 

Wenn  es  durch  atmosphärische  Einflüsse  nicht  zu  erklären  ist. 
warum  Gebärhäuser  durch  eine  lange  Reihe  von  Jahren  vom 
nannten  epidemischen  Kindbettfieber  verschont  sind,  während  9ie 
später  durch  eine  lange  Reihe  von  Jahren  alljährlich  vom  sogenannten 
epidemischen  Kindbettfieber  heimgesucht  werden,  so  ist  die  Erklärung 
nicht  schwierig,  sobald  man  weiss,  dass  zur  Zeit  des  günstigen  Ge- 
sundheitszustandes den  Bewohnern  des  Gebärhauses  selten  zersetzte 
Stoffe  von  aussen  eingebracht  wurden,  während  sich  später  die  Ver- 
hältnisse derart  änderten,  dass  die  Einbringung  des  zersetzten  Stoffes 
ungewöhnlich  häufig  geschehen.  Wenn  es  durch  atmosphärische  Ein- 
flüsse nicht  zu  erklären  ist,  wie  es  denn  komme,  dass  ein  Gebärliau>. 
welches  durch  lange  Jahre  alljährlich  regelmässig  vom  sogenannten 
epidemischen  Kindbettfieber  heimgesucht  war,  nun  wieder  jahrelang 
von  demselben  verschont  bleibt,  so  ist  die  Sache  sehr  klar,  nachdem 
man  weiss,  dass  sich  die  Verhältnisse  des  Gebärhauses  derart  ändern 
können,  dass  den  Individuen  nur  selten,  wahrend  früher  häufig  ein 
zersetzter  Stoff  eingebracht  wurde;  diese  Verhältnisse  können  sich 
dadurch  ändern,  dass  seltener  die  Hände  der  Untersuchenden  verun- 
reiniget werden,  oder  dass  die  untersuchenden  Hände  gereiniget  werden. 

wenn  durch  atmosphärische  Einflüsse  der  differente  Gesundheits- 
zustand zweier  Abteilungen  einer  und  derselben  Anstalt  nicht  erklärt 
werden  kann,  so  ist  der  differente  Gesundheitszustand  sehr  begreif- 
lich, wenn  man  weiss,  dass  an  einer  Abtheilung  selten,  während  auf 
der  andern  häufig  den  Individuen  ein  zersetzter  Stoff  von  aussen 
eingebracht  wird. 

Wenn  es  durch  atmosphärische  Einflüsse  nicht  erklärt  werden 
kann,  wie  es  denn  komme,  dass  die  Wöchnerinnen  in  der  Stadt 
gesund  sind,  während  die  Wöchnerinnen  im  Gebärhause  derselben 
Stadt  vom  epidemischen  Kindbett  lieber  dahingerafft  werden,   und  wie 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        227 


es  denn  komme,  dass  man  die  zu  Entbindenden  dadurch  rettet,  dass 
man  durch  Schliessen  des  Gebärhauses  sie  zwingt,  in  der  Stadt  zu 
entbinden,  dessen  Gebärhaus  in  Folge  atmosphärischer  Einflüsse  einen 
schlechten  Gesundheitszustand  darbot;  so  ist  alles  wohl  erklärt,  wenn 
man  weiss,  dass  vermöge  der  Verhältnisse  in  der  Stadt  seltener,  in 
den  Gebärhäusern  viel  häufiger  den  Individuen  ein  zersetzter  Stoff 
von  aussen  beigebracht  wird.  Wenn  es  durch  atmosphärische  Einflüsse 
nicht  erklärt  werden  kann,  wie  es  denn  komme,  dass  mehrere  Gebär- 
häuser  einer  und  derselben  Stadt  einen  differenten  Gesundheitszustand 
gleichzeitig  haben  können,  so  ist  die  Sache  sehr  klar,  da  man  nun 
weiss,  dass  das  Kindbettfieber  durch  Einbringung  zersetzter  Stoffe 
entstehe;  in  den  verschiedenen  Gebärhäusern  einer  und  derselben 
Stadt  wird  den  Individuen  in  verschiedener  Ausdehnung  der  zersetzte 
•Stoff  von  aussen  eingebracht. 

Wir  haben  gesehen,  dass  an  der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien 
die  Sterblichkeit  durch  sechs  Jahre  dreimal  so  gross  war,  als  an  der 
zweiten  Gebärklinik,  obwohl  beide  Abtheilungen  nur  durch  ein 
gemeinschaftliches  Vorzimmer  getrennt  waren.  In  Strassburg  waren 
/  vri  Abtheilungen  durch  ein  Zimmer  getrennt,  welches  die  Betten 
der  Hebammen-Schülerinnen  enthielt,  und  beide  hatten  ebenfalls  eine 
auffallende  differente  Sterblichkeit. 

In  der  Maternite  wüthete  das  Kindbettfieber  schon  Ende  des 
vorigen  Jahrhunderts,  in  Wien  begann  es  erst  mit  dem  Jahre  1823, 
in  Dublin  war  innerhalb  98  Jahren  nur  in  zwei  Jahren  die  Sterblich- 
keit  drei  Percent;  in  sieben  Gebärhäusern  in  England,  Irland  und 
Schottland  war  die  Sterblichkeit  durchschnittlich  nur  ein  Percent. 

Wie  kann  die  Lehre  des  epidemischen  Kindbettfiebers,  in  welcher 
es  heisst,  dass  die  atmosphärischen  Einflüsse,  welche  das  Kindbett- 
hVber  hervorbringen,  sich  über  ganze  Länderstrecken  verbreiten,  ja 
über  den  ganzen  Continent,  so  zwar,  dass,  über  den  ganzen  Continent 
verbreitet,  in  Folge  atmosphärischer  Einflüsse  gleichzeitig  das  Kind- 
bettfieber herrsche,  wie  kann  diese  Lehre  mit  den  angeführten  Daten 
über  das  Vorkommen  des  Kindbetttiebers  in  Einklang  gebracht  werden? 

Was  hat  die  atmosphärischen  Einflüsse,  welche  schon  Ende  des 
verflossenen  Jahrhunderts  in  Paris  unter  den  Wöchnerinnen  der 
Maternite  wütheten,  bis  zum  Jahre  1823  verhindert,  sich  bis  nach 
Wien  zu  erstrecken,  welches  Hinderniss  wurde  mit  dem  Jahre  1823 
von  den  atmosphärischen  Einflüssen  überwunden,  da  selbes  sich  von 
da  ab  noch  fürchterlicher  in  Wien  zeigte  als  in  Paris?  Wie  kommt 
es,  dass  die  atmosphärischen  Einflüsse,  welche  endlich  sich  bis  Wien 
erstrecken  konnten,  dass  diese  atmosphärischen  Einflüsse  England, 
Schottland  und  Irland  schon  so  abgeschwächt  erreichten,  dass  es  ihnen 
nicht  möglich  war,  dort  ihre  volle  Energie  wie  zu  Paris  und  Wien 
zu  entwickeln? 

Welches  Bewandtnis«  hat  es  mit  dem  gemeinschaftlichen  Vorzimmer 
der  beiden  Wiener  Kliniken,  welches  die  zweite  Abtheilung  vor  Ein- 
flüssen, die  sich  über  Länderstrecken  ausbreiten,  mit  solchem  Erfolge 
i-e  schützte? 

Worin  liegt  der  Grund,  dass  das  Zimmer  zu  Strassburg,  welches 
die  Betten  der  Schülerinnen  enthielt,  dasselbe  leistete? 

Wie  kann  man  Individuen  vor  Einflüssen,  die  sich  über  ganze 
Länderstrecken  ausbreiten,  durch  Schliessen  der  Gebärhäuser  schützen  ? 

Sobald  man    weiss,    dass   das  Kindbettfieber  durch   Einbringung 

15* 


228 


üielweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  du«  Kindbettfieber. 


eines  zersetzten  Stoffes  von  aussen  entstehe,  ist  die  Erklärung  leicht 
gegeben.  In  der  Maternite.  zu  Paris  wurden  schon  Ende  des  vorigen 
Jahrhunderts  vermöge  des  Unterrichtss\ -steins  den  Individuen  zersetzte 
Stoffe  eingeführt,  in  Wien   begann  es   mit  •  n    1823,   von  da 

ab  wurden  gleichzeitig  in  Wien  und  Paris  den  Individuen  zersetzte 
Stoffe  eingebracht,  in  England,  Schottland  und  Irland  geschah  dies 
aus  Gründen,  welche  wir  oben  sehr  weitläufig  auseinandergesetzt 
haben,  nie  in  dieser  Ausdehnung  und  daher  der  bessere  Gesundheits- 
zustand, Die  für  eine  Abtheilung  schützende  Kraft  des  Wiener  Vor- 
zimmers und  des  Strassburger  Zimmers  mit  den  Betten  der  Schülerinnen 
bestand  darin,  dass  au  einer  Seite  dieser  Zimmer  den  Individuen 
häufig,  an  der  andern  aber  seltener  ein  zersetzter  Stoff  von  aussen 
eingebracht  wurdi^.  Durch  das  Schlicssen  der  Gebärhäuser  werden 
die  Individuen  dadurch  gl  rettet,  dass  ihnen,  wenn  selbe  ausserhalb 
des  Gebärhauses  entbinden,  seltener  zersetzte  Stoffe  eingebracht 
werden,  als  es  der  Fall  gewesen  wäre,  falls  sie  im  Gebärhause  ge- 
boren hätten. 

Nicht  atmosphärische  Einflüsse  sind  es,  welche,  über  ganze 
Länderstrecken  verbreitet,  das  Kiudbettfieber  hervorbringen,  sondern 
über  ganze  Länderstrecken  verbreitet  werden  den  Individuen  von 
aussen  zersetzte  Stoffe  eingebracht,  und  deshalb  kommt  über  ganze 
Landerstrecken  verbreitet  das  Kiudbettfieber  vor. 

Zur  Ehre  der  Geburtshelfer  will  ich  glauben,  dass  noch  nie  einer 
diese  weltbekannten  Daten  mit  der  Lehre  vom  epidemischen  Kind- 
bl  it  lieber  in  Einklang  zu  bringen  versuchte,  denn  ich  kuin  nicht 
glauben,  dass  Jemand,  dem  es  mit  der  Wahrheit  ernst  ist,  länger  an 
die  Lehre  des  epidemischen  Kindbettftebers  glauben  kann,  als  bis  zu 
dem  Augenblicke,  in  welchem  ihm  die  Disharmonie  der  Lehre  mit  den 
Daten,  klar  wird.  Derjenige,  der  trotz  dieser  Daten  noch  an  das 
epidemische  Kiudbettfieber  zu  glauben  vorgibt,  der  hat  nicht  den 
Muth,  die  Wahrheit  zu  gestehen,  weil  er  fühlt,  das  mit  der  Aner- 
kennung dieser  Wahrheit  das  Bekenntnis*  einer  grossen  Schuld  ab- 
gelegt wird.  Nachdem  nun  einmal  der  Thatbestand  nicht  geändert, 
werden  kann,  so  wird  durch  Verlftugnung  der  Wahrheit  die  Schuld 
noch  vergrössert  Derjenige,  welcher  trotz  dieser  Daten  noch  an  das 
epidemische  Kindbettiieber  wirklich  glaubt,  der  hat  keine  Ueber- 
zeugung,  der  hat  keine  Begriffe,  der  trägt  nur  eingelernte  Worte  in 
seinem  Gedächtnisse  herum, 

Die  Lehre  des  epidemischen  Kindbettfiebers  erklärt  das  Unbe- 
kannte wieder  mit  etwas  l.'n bekanntem.  Es  starben  Viele,  man 
wusste  nicht  warum,  man  erklärte  es  wieder  mit  inibekannten  atmo- 
sphärischen Einflüssen,  man  konnte  keine  bestimmten  atmosphärischen 
Einflüsse  angeben,  weil  das  Kiudbettfieber  zu  jeder  Jahreszeit  und 
in  jedem  Klima  vorkommt  und  nicht  vorkommt. 

Das  sind  meine  Gründe,  ich  wün  im  Interesse  der  Mensch- 

heit, dass  alle  Betheiligten  aus  Senseiben  die  Ueberzengung  schöpfen 
mögen,  welche  ich  daraus  geschöpft 

Die  Gründe,  welche  von  meinen  Gegnern  zur  Begründung  der 
atmosphärischen  Einflüsse  angeführt  wurden,  und  welche  hiermit 
ihre  Wiederlegung  noch  nicht  gefunden,  werden,  um  Wiederholungen 
zu  vermeiden,  ihre  Würdigung  finden  bei  Beurtheilung  dieser  Gegner. 


Endemische  Ursachen  des  Kindbcttftebers. 


Die  Üeberfüllung  der  Gebärhäuser  ist  nur  bedingungsweise  ein 
endemisches  Moment  des  Kindbetttiebers,  indem  in  einem  überfüllten 
Qebarhause  es  schwieriger  ist,  den  nöthigen  Grad  von  Reinlichkeit 
zu  erhalten;  indem  in  einem  überfüllten  Gebärhause  es  schwieriger 
ist,  diejenigen  Individuen,  welche  für  andere  gefährlich  sind,  voll- 
kommen zu  isoliren;  dadurch  kann  die  Üeberfüllung  Veranlassung 
geben  zur  Erzeugung  eines  zersetzten  Stoffe«,  dadurch  kann  die. 
Üeberfüllung  Veranlassung  werden  zur  Uebertragnng  des  zersetzten 
Stoffes  auf  andere  Individuen.  Aber  wenn  trotz  der  Üeberfüllung  der 
nöthige  Grad  der  Reinlichkeit  beobachtet  wird,  so  dass  sich  kein  zer- 
setzter .Stoff  erzeugen  kann,  wenn  trotz  der  l'eberfüllung  die  gefähr- 
lichen Individuen  von  den  übrigen  hinreichend  isolirt  werden,  oder 
wenn  gerade  zur  Zeit  der  Üeberfüllung  keine  gefährlichen  Individuen 
sich  im  überfüllten  Gebärhause  befinden,  und  dadurch  die  Ueber- 
t mgung  zersetzter  Stoffe  auf  gesunde  Individuen  verhütet  wird; 
unter  solchen  Voraussetzungen  ist  es  für  die  im  Gebärhause  Ver- 
pflegten vollkommen  gleichgiltig,  ob  das  Gebärhaus  überfüllt  ist 
oder  nicht. 

Wir  haben  schon  früher  mittelst  zehn  Tabellen  (4— 13)  bewiesen, 

iler  günstigere  oder  ungünstigere  Gesundheitszustand  der  an  der 
ersten  Gebärklinik  zu  Wien  verpflegten  Wöchnerinnen  nicht  im 
geraden  Verhältnisse  zur  Üeberfüllung  der  Klinik  stand;  wenn  wir 
mm  zu  dem  Zeiträume,  welchen  wir  bei  diesen  zehn  Tabellen  be- 
nutzten, noch  die  21  Monate,  während  welcher  die  Chlorwaschungen 
unter  meiner  Leitung  daselbst  gemacht  wurden,  hinzufügen,  so  zeigt 
es  sich  noch  entschiedener,  dass  der  günstigere  oder  ungünstigere  Ge- 
sundheitszustand der  Wöchnerinnen  der  ersten  Gebärklinik  nicht  vom 
Grade  der  Üeberfüllung  abhing,  indem  bei  überfüllten]  Gebärhause 
der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  ein  günstiger  und  ein  un- 
günstiger war,  und  indem  bei  nicht  überfülltem  Gebärhause  der  Ge- 
sundheitszustand der  Wöchnerinnen  ebenfalls  ein  günstiger  und  ein 
ungünstiger  war. 

Uli  unerfülltem  Gebärhause  kann  mit  reinen  Händen  untersucht 
werden,  und  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinneu  wird  trotz  der 
i  •i>erfüllnng  ein  günstiger  sein.  Bei  überftilltem  Gebärhause  kann 
mit  verunreinigten  Händen  untersucht  werden,  und  was  unreine  Hände 
verschuldet,  glaubt  man  der  Üeberfüllung  zuschreiben  zu  müssen. 
Bei   nicht  überfiilltem  Gebärhanse   kann  mit  reinen   Händen    unter- 


230  Semmelweia'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Bucht  werden,  und  der  Gesundheitszustand  wird  ein  günstiger  sein, 
und  der  Nichtüberfullung  schreibt  man  ein  Verdienst  zu.  welches  ihr 
nicht  gebührt;  und  bei  nichtüberfüUtem  Gebärhause  kann  mit  un- 
reinen Händen  untersucht  werden,  und  der  Gesundheitszustand  wird 
bei  nichtüberfülltem  Gebärhause  ein  schlechter  sein. 

In  der  nun  folgenden  Tabelle  werden  wir  die  Monate  vom  1.  Jänner 
1841  angefangen  bis  exclusive  1.  März  1849,  also  97  Monate,  be- 
nutzen, da  der  December  des  Jahres  1841  fehlt. 

Im  Jahre  1848  starb  im  Monate  März  von  276  und  im  Monate 
August  von  261  Wöchnerinnen  keine. 

Die  fünf  ungünstigsten  Monate  innerhalb  dieser  97  waren  solche, 
in  welchen  weniger  Wöchnerinnen  verpflegt  wurden,  als  in  den  zwei 
günstigsten  innerhalb  dieser  97  Monate. 

Tabelle  Hr.  IUFI. 


März  . 

.  1848  Percent-Anthl 

— 

Todte  — 

Geburten  276, 

Geburten 

weniger 

August,  . 

.  1848 

n 

b 

— 

n 

«• 

861, 

» 

n 

December 

.  1842 

n 

pi 

3>». 

n        75, 

n 

231), 

n 

„        37 

October    . 

.  1842 

p 

p 

n        7U 

H 

242, 

n 

„        34 

Angost    . 

.  1842 

n 

25.., 

n      «. 

B 

216, 

» 

n        «> 

Noveinli«-! 

1842 

„ 

n 

22  „, 

b      48, 

209, 

n 

„        G7 

November 

.  1841 

H 

p 

ss*», 

•.      53. 

n 

235, 

„        41 

Innerhalb  dieser  97  Monate  war  ein  Monat  die  Anzahl  der  Wöch- 
nerinnen dieselbe  und  62  Monate  eine  geringere.  Die  Sterblichkeit 
verhielt  sich  bei  geringerer  Ueberfullung  wie  Tabelle  Nr.  XXX VII  zeigt. 

Tabelle  Nr.  XIXVI1 


März 

1848 

Wöchnerin 

276. 

Todte  keine, 

Prct.-Anthl 

■      0.0», 

Anglist.  .  . 

.  1848 

n 

261, 

P 

— 

9 

w 

O-oo, 

März 

1844 

- 

276, 

47, 

» 

n 

17^,,,  Geburt 

.  gleichviel 

Februar  .  . 

1845 

ff 

274, 

B 

13, 

ff 

n 

5.u, 

n 

wenigei 

2 

Juni   .  .  .  , 

1842 

n 

273, 

n 

IH. 

n 

B 

*•-,„,. 

H 

M 

8 

December 

1847 

H 

873. 

n 

8. 

n 

M 

-■•; |  • 

n 

n 

3 

Jänner  .  . 

.  1843 

r 

272, 

fl 

52, 

n 

M 

1  «.,,. 

>i 

n 

4 

September 

.  L846 

■ 

271, 

39. 

ti 

ff 

14.«* 

7. 

n 

5 

August .  . 

.  1844 

269, 

" 

17, 

ii 

C 

« 

n 

7 

Juli.     .  . 

1848 

n 

269, 

1. 

n 

ff 

Ol,, 

n 

n 

7 

Juni    .  .  . 

.  1847 

268, 

•  ' 

6, 

n 

ff. 

2.,,, 

p 

8 

December 

,  1845 

ff 

267. 

n 

28, 

ff 

ii 

10^,, 

n 

n 

9 

März  .  .  . 

.  1843 

- 

266. 

p 

33, 

n 

ff 

12.M, 

B 

» 

10 

Juni    .  .  . 

.  1846 

ff 

266, 

•n 

27, 

n 

« 

10|6, 

B 

n 

10 

November 

.  1845 

ff 

2*15. 

p 

29, 

n 

rt 

lOiife 

p 

n 

11 

März     .  , 

,  1842 

n 

264, 

27, 

ff 

| 

10.,. 

*t 

n 

12 

August .  . 

.  1847 

n 

264, 

_ 

5, 

n 

n 

'■Ml 

n 

n 

12 

Juni    .  .  .  . 

.  1848 

r* 

264, 

1, 

3, 

n 

ff 

1,», 

p 

n 

12 

Februar   . 

.  1843 

n 

263, 

m 

42, 

it 

15.M, 

JT 

n 

13 

September 

,  1847 

n 

962, 

n 

12. 

n 

ff 

5  .■  i , 

P 

i 

14 

April  .  .  .  . 

.  1845 

260, 

11, 

4..», 

B 

16 

Februar    . 

.  1844 

n 

167, 

71 

89. 

n 

ii 

B 

n 

19 

December 

.  1844 

m, 

p 

27, 

n 

ff 

10,-.. 

m 

20 

April  .  .  , 
Mai 

.  1841 

ii 

255. 

(* 

4, 

n 

n 

1-ftlr 

» 

n 

21 

.  1841 

n 

255, 

n 

2. 

n 

n 

o.,., 

r 

B 

12 

Jänner  .  . 

.  1841 

w 

254, 

Tt 

37, 

n 

i» 

14^, 

n 

n 

22 

October    . 

.    IH-Ili 

■• 

n 

38, 

ff 

14..,,, 

•• 

22 

April     . 

.  1846 

25;;, 

n 

48, 

n 

n 

18.Wl 

n 

B 

2:. 

November 

.  1843 

n 

882, 

b 

18, 

ii 

n 

7.,4, 

ff 

ff 

24 

Juli       . 

.  1846 

H 

252, 

88, 

ff 

« 

Äi* 

tl 

24 

l>ie  Aetblugie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  de-  Kindbettfieln-rs.        231 


AllgUM 

«Ictober    . 

Juli.  .  -  . 

<»,tnber    ■ 
Mai  . 

November 
September 
Juli .... 
November 
J;< imer  .  . 
April  .  .  . 
Qc tober  . 
Mai  ...  . 
Februar  . 
mber 
•  mber 
October  . 
Uecember 
November 
Juli ...  . 
Juni  - 
September 
August.  . 
September 
August.  . 
August  .  , 
September 
November 
April  .  .  . 
Juli.  .  .  . 
Juni  .  .  . 
Juni  .  .  . 
Aug-n-t 
-Juli .... 
■Inli  -  .  .  . 


1*45 

1847 
1844 
1848 

1817 
1844 
im:. 
1845 
1844 
1842 
1842 
1844 
1841 

isi-j 
L846 
1841 
1843 
1841 
1842 
1844 
1842 
1841 
1843 
184(1 
1842 
1841 
1842 
1844 
1844 
1841 
1843 
1843 
184.H 
1841 


Wöchnerin.  851. 

m 

850, 

248, 
n  240. 

848, 
245, 
845, 
24.'. 
244. 
842 
242. 
240, 
839, 
839, 
237, 
836; 
236. 
235. 
231. 
224, 
883, 
222. 
221. 
216. 
216. 
213. 
209. 
208, 
808 
800, 

196, 
193. 
191, 
190, 


Todte    9,      Frct.-Anthl.    84*,  Geburt,  wenig'i  85 
.44,  -       «      17.,,.        _  .       26 


3, 

r           '-iik          11 

n 

8. 

„         3.tll          „ 

h 

15, 

v        6-io. 

H 

11- 

r             4«7l             1. 

H 

3|                 n 

■              1«,             „ 

15,                 - 

,        6.,,.         - 

->T. 

u      11.«,.        .. 

87, 

„        lft-ia.          ,. 

26, 

„           10.J4,             „ 

71. 

„      29.„,        „ 

14. 

ö.„, 

18, 

.,        7.a„        „ 

7», 

„      31.„,        „ 

25, 

..     io.Ba.      „ 

26. 

11*0,             »r 

W.            n 

„      s.„-„       ,, 

53. 

„      22.-,-,.         ., 

48. 

(i      80.19,        „ 

6. 

2^j,        „ 

",      :: 

18.J*,               K 

5, 

i!             2.,6,             „ 

39. 

,       18L...         „ 

55. 

.        26.„.         „ 

4, 

.         Lm       „ 

48, 

H      22.9n.        ., 

36,             ., 

„      17.«,        „ 

9, 

„        4.„,        „ 

10. 

„         '■>■«■>■         n 

8. 

H       1«.       » 

9, 

,,               1-65.               >, 

l. 

„      o.6s,      M 

16, 

■-             8.4J,             „ 

Wie  wir  aber  nicht  blos  den  Grad  der  Ueberfiillung,  sondern 
gleichzeitig  die  Jahreszeit  berücksichtigen,  so  zeigt  sich,  dass  auch 
in   derselben  Jahreszeit,   bei  gleicher  oder  geringerer  Ueberfüllung, 

auffallend  grössere  Sterblichkeit  vorgekommen  sei,  wie  Tabelle 
Nr.  XXXYTTI  zeigt. 


Tabelle  Mr.  XXXY1II 
März. 

1848  Wöchnerinnen  276.  Todte  keine, 

1844  „  276.       ,.      47,  Perceut-Authl.  17.,,,  Geburten  gleichviel 
1843             „            266,       „      33,         „          „       12.M,  „  weniger  10 
tm                            264,       h      27.          „           „        10.„,          „  „        12 

August. 

L848  Wöchnerinnen  '261,  Todte  keine, 

1845  851,       ..        9,  Percent- Au thl.    3.M,   Geburten  weniger  10 

1841  „  888,  „  3,  „  „  l.,r„  „  „  39 

1842  „  216,  „  55,  „  „  25.„f  „  „  45 

184K  „  -216,  ..  39.  .,  „  18.0fi,  „  „  45 

1843  „  193,  ,  3,  „  „  l  .,  „  n  68 

Die  grösste  Ueberfiillung  innerhalb  dieser  97  Monate  war  im 
Jänner  1849  mit  403  Wöchnerinnen,  davon  sind  gestorben  9  Wöch- 
nerinnen, also  2.aa  Percent 


232             Semmel  weis"  Abhandlungen  and  W 

erk  über  itas  Kindbettfieber 

In  67  Monaten  innerhalb 

der  97, 

war  die  absolute  Sterblichkeit 

grosser  bei  einer  geringeren  Anzahl  von  Wöchnerinnen,  also  bei  einer 

geringeren   Ueberfüllungr,   als 

bei   der   grossten    Anzahl   von  Woch- 

nerinnen, also  bei   der 

grösst 

en  Ueberfüllimg 

im  Jänner   1849,    wie 

Tabelle  Nr.  XXXIX  zeigt 

Tabelle  Hr.  XXXIX. 

Wöchnerin. 

Todte 

Mort.-I'rct. 

Gebrt,  wenig. 

Todte  mehr 

Jänner  .    ....     1849 

403 

9 

|n 

— 

— - 

Februar 

1849 

389 

12 

''.ik 

14 

3 

Jänner    . 

1846 

a% 

4.". 

13.» 

(17 

36 

April 

1847 

312 

57 

18.2S 

91 

48 

März       . 

1846 

311 

48 

15.43 

88 

SB 

Jänner  . 

1847 

311 

10 

3-*, 

82 

1 

Februar 

1842 

311 

38 

12,, 

92 

29 

Mai   .    . 

1842 

310 

10 

■",  i 

93 

1 

Jänner  , 

1842 

307 

64 

20.« , 

96 

55 

Mai    .    , 

1846 

305 

41 

13.4« 

'.IS 

32 

März 

1K47 

305 

11 

•>.  II 

98 

■ 

Jänner  . 

1845 

303 

23 

:■■■< 

10») 

U 

I  v,  einher 

1846 

298 

16 

°17 

105 

1 

November 

1846 

297 

32 

lO-fl 

106 

23 

Mai    .    . 

1845 

296 

13 

4.« 

107 

4 

Mai   .    . 

1847 

294 

36 

12* 

100 

27 

Februar 

1846 

293 

53 

18-o„ 

110 

44 

März 

1845 

292 

13 

4.« 

11 1 

4 

April 

1843 

285 

34 

11* 

118 

25 

October 

1845 

283 

42 

14. , 

120 

33 

Jänner  . 

184* 

283 

10 

8« 

120 

1 

Juni  .    . 

1845 

280 

20 

7-u 

123 

11 

October  . 

1847 

278 

11 

3.,,-, 

125 

2 

März 

1841 

277 

12 

i« 

126 

8 

März 

1844 

276 

47 

w* 

127 

38 

Februar 

1845 

274 

13 

5-M 

129 

4 

Juni  .    . 

1842 

27:« 

18 

l'.M 

130 

y 

Jänner  . 

1843 

272 

52 

19.. 

131 

43 

September 

1846 

271 

39 

14.« 

132 

30 

August  . 

IM! 

269 

17 

6.J» 

134 

8 

Devember 

1845 

267 

28 

IQ« 

136 

12 

März      . 

1843 

266 

33 

12..,, 

187 

Juni  .    . 

184« 

266 

27 

10.,, 

137 

IS 

November 

1845 

265 

29 

10.B4 

138 

BO 

Miirz 

1842 

264 

27 

1(1,, 

139 

18 

Februar 

1843 

263 

42 

15.9ft 

140 

BS 

September 

1*47 

262 

12 

5* 

141 

3 

April      . 

1845 

260 

11 

■*« 

143 

2 

Februar 

1844 

257 

29 

IUm 

14«; 

20 

Pecember 

1844 

256 

27 

IOm 

147 

18 

Jänner  . 

1841 

254 

37 

14*, 

149 

28 

October 

1846 

254 

38 

«*• 

149 

29 

April 

1846 

253 

48 

18,.; 

150 

:■:;. 

November 

1843 

252 

18 

n 
•14 

ifil 

9 

Juli   .    . 

1846 

252 

88 

13.,0 

151 

24 

Oefober , 

1843 

250 

44 

17.fl0 

153 

35 

Mai    .     . 

1843 

2if. 

15 

6.,0 

157 

6 

November 

1847 

246 

11 

4.« 

157 

8 

JöJJ    .      . 

1845 

245 

15 

6.,» 

158 

6 

November 

1844 

245 

27 

lloo 

158 

IS 

Jänner  . 

1S44 

244 

37 

I6.i« 

I.V.' 

2x 

April 

1842 

242 

26 

10;. 

161 

17 

l  tctoter 

1842 

242 

71 

89.,, 

161 

62 

Mai    .     . 

1*44 

240 

14 

5» 

163 

5 

Februar 

1841 

189 

18 

7* 

164 

Die  Äeiiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        233 


Wöchnerin.     Todte     Mort-Prct.      Gebrt.  wenig.  Tode  mehr 


December  .    .    . 

1842 

BBfl 

75 

164 

66 

September .    .    . 

is-, 

237 

25 

i<>.-,-. 

]  Bfl 

16 

October      .    ,    . 

1841 

236 

26 

11,,,. 

m 

17 

December  .    .    . 

1843 

3B6 

19 

's  M 

167 

10 

November  .    .    . 

isn 

53 

22,,, 

168 

44 

Jali 

1842 

231 

48 

20.7t> 

172 

39 

September .    .    . 

1842 

223 

41 

18    ;, 

180 

32 

Axiguit  .... 

1S4« 

216 

88 

18.(m 

187 

30 

Augrast  .... 

1842 

216 

55 

187 

Ui 

November  .    .    . 

1842 

209 

48 

22.,,.. 

194 

39 

April      .... 

1844 

208 

36 

17. ,.. 

195 

27 

Jnni 

1841 

200 

10 

''">... 

203 

1 

Jali 

1841 

19Q 

16 

&„ 

213 

7 

Wenn  wir  aber  die  relative  .Sterblichkeit  berücksichtigen,  so  war, 
niii  Herzii/.iehnng  der  früheren  Tabelle,  die  relative  Sterblichkeit  in 
77  Monaten  innerhalb  97  bei  einer  geringeren  Anzahl  von  "Wöch- 
nerinnen, also  bei  einer  geringeren  UeberfüÜung  grösser,  als  bei  der 
grössten  Anzahl  Wöchnerinnen,  also  bei  der  grössten  Ueberfüllung  im 
Monate  Jänner  1849,  wie  Tabelle  Nr.  XL  zeigt. 


Tabelle  Kr.  XL. 

Wöchnerinnen 

Todte 

Mortalit.-Prct. 

Geburten  weniger 

Jänner     .    . 

1H49 

403 

9 

-"•.' 

— 

November     . 

ISIS 

310 

9 

»ft 

93 

October    .    . 

1S4S 

299 

7 

2.34 

104 

December     . 

1*47 

273 

8 

-  03 

130 

Jani     .    .    . 

1847 

368 

6 

2.3, 

135 

Ott     -     - 

1845 

251 

9 

&„ 

152 

October    .    . 

1844 

248 

8 

O.gj 

155 

Juni     .    .    . 

1S44 

224 

6 

2.,7 

179 

>«'pierober    . 

Juli      .    .    . 

1813 

221 

5 

"■'.'0 

182 

1844 

206 

9 

**■ 

197 

Juni     .    .     . 

1843 

196 

8 

4.w 

207 

Wahrend  ohne  Chlorwaschungen  innerhalb  76  Monaten  die  rela- 
tive Sterblichkeit  in  24  Monaten  bei  einer  geringeren  Ueberfiillung 
grosser  war,  als  bei  der  grössten  Ueberfiillung  im  Monat  Jänner  1846 
(Tabelle  Nr.  IV  und  V,  Seite  107  und  108)  und  in  51  Monaten  bei  einer 
geringeren  Ueberfiillung  auch  eine  geringere  Sterblichkeit  herrschte, 
wurde  durch  Einfuhrung  der  Chlorwaschungen  die  Ueberfiillung  zu 
einer  noch  unbedeutenderen  Rolle  herabgedrückt,  indem  innerhalb 
97  Monaten  in  77  davon  die  relative  Sterblichkeit  bei  einer  geringeren 
Ueberfiillung  grösser  war,  als  bei  der  grössten  Ueberfiillung  im  Jänner 
1849,  und  nur  in  19  Monaten  bei  einer  geringeren  Ueberfiillung  auch 
eine  geringere  relative  Sterblichkeit  zu  beobachten  war. 

Die  19  Monate,  in  welchen  eine  geringere  relative  Sterblichkeit 
bei  einer  geringeren  Ueberfiillung  zu  beobachten  war,  sind  folgende. 
.siehe  Tabelle  Nr.  XLI. 


Tabelle  Nr.  XLI. 


Jänner  - 
December 

Mal     .      . 


1849 

1848 
1848 


Geburten   Todte   Mort.-Prct.    Geburt,  wenig.   Todte  wenig. 


403 
373 
313 


2.*i 
1-1* 

0M 


30 
90 


234 

Semmelweii'  Abbändlangen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Geburten 

Todte   Mort.-Prct.   Geburt,  weniß 

,   Todte  wenig;. 

Februar 

. 

1847        312 

6             l.M 

91 

3 

September 

1848        312 

3             An 

91 

6 

April     . 

1848        305 

2            >>,.. 

98 

7 

Februar 

1848         291 

2            (>,., 

112 

7 

Hin 

1848         276 

127 

— 

Juli  .    . 

1848         269 
1847         264 

1         o.„ 

5                 Un 

134 
139 

8 

4 

August . 

1848         264 
1848         261 

3              1„ 

rag 

142 

6 

August . 

April 

1841         255 

4              l.„ 

148 

6 

Mai   ,    . 

1841         256 
1847         250 
1844         24f> 

2  0.7, 

3  l.,0 

3              l.„ 

148 

163 

158 

7 
6 
ff 

Juli  ,    . 

September 

August  . 

1841         322 

3             1,6 

181 

6 

September 

1841         213 

4              l.„ 

190 

5 

August . 

1843         193 

3              1  „ 

210 

6 

Juli  .    . 

1843         191 

1                      O.r.. 

212 

8 

Wen 

n  wir 

aber  nicht  blos  den  Grad  der  UeberfuUung, 

sondern 

zugleich 

die  Jahreszeit   berücksichtigen,  so  ze 

gt  sich,  dass 

mit  Aus- 

nähme  d< 

ir  beiden  Monate  März  und  April, .  in 

den  übrigen  zehn  Mo- 

naten  des 

i  Jahres  die  grösste 

absolute  Sterblichkeit  nicht  gleichzeitig 

mit  der  grössten  UeberfuUung  stattfand,  wie  Tabelle  Nr. 

XLII  zeigt. 

Tabelle  Ir.  ILI1 

Jänner. 

1849  Gebui 

t.  403. 

Todte  9.     Prct.-Anth.  2.Mi     Geburt. 

wenig.  — 

Todte  mebr  - 

1846        „ 

336, 

■     45,         „ 

-.     13.  ja,              n 

„       67, 

n 

„       36 

1847 

311, 

n     10,         „ 

n         "'•*!  i                  r» 

„      92, 

,,         1 

1842        „ 

307, 

„  64,  : 

»    20.m, 

„      %, 

.,          66 

1845 

*    23,        „ 

n          '.iso,                  n 

„    100, 

.,      14 

1848 

283, 

»   io.      » 

n         «*■&» ,                 b 

„     120, 

„        1 

1843        „ 

272, 

„  Ü 

n      l"-l  l,                  n 

■     131, 

„      43 

1841 

254, 

.    37,         „ 

,      14-40, 

:  149, 

n       28 

1844 

244, 

M    37,         „ 

h      l&-i«,                n 

Februar. 

„    159, 

„       28 

1849  Gebui 

t.  389, 

Todte  12,  Prct.- 

Anta.  3^,     Geburt. 

wenig.  — 

Todte  mebr  - 

1842         „ 

311, 

*     38.       > 

rt    12.,,, 

n         78, 

ff 

„      26 

1846        „ 

293, 

*      53,       n 

.,       1*.„,                 n 

„       96, 

■) 

n      41 

1845        „ 

274, 

ü     13,       „ 

.      &u, 

„      115, 

M 

„        1 

1843        ,. 

263, 

n      42.       „ 

,1        15-M,                     n 

„      126, 

M 

k    30 

1844        „ 

257, 

„      29.       n 

n       I'-shb                 n 

„      132, 

Ff 

„      17 

1841        „ 

239, 

i      18,       „ 

n           «-BJ,                  n 

März. 

:  IM, 

P 

■       6 

1846  Gebui 

ten  311 

,  Todte  48,  Percent- Antheil  15«. 

April. 

1847  Gebur 

ten  312 

,  Todte  57,  Percent-Antheil  18.„. 

Hai. 

1848    Gebt 

irt.  313 

Todte  3,    Prct 

-Anth.  0.« 

1842 

310 

n    10,        „ 

„      3.„,     Geburt 

wenig.  3, 

Todte  i 

1846 

305 

„     41,         „ 

,,       1.5,  ,j.                 „ 

„        », 

n 

„      38 

1845 

296 

?i     13,        „ 

„      4.jo,            „ 

"     17. 

n 

„      1° 

1847 

294 

„  36,    ; 

19 

n        Ä 

i, 

,      33 

1843 

246 

■     15,        u 

.        », 

1! 

■      12 

1844 

240 

l     14,        „ 

n         5-»>,                 n 

n        73, 

n 

.      1> 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  de«  Kindbettfiebers.        235 

Juni. 

1846    Geburt.  280,    Todte  20,    Prct.-Anth.  7.14 

1846         „      266,       „      27,  10.15,    Geburt,  wenig.  14,    Todte  mehr  7 


Juli. 

1848  Geburt.  269,  Todte    1,  Prct.-Anth.  0.„, 

1846  „       262,  „      33,  r        „    13.10, 

IUI  -    IS*  ■   £  -    -   1- 

1845  „       245,  „      16,  „        „      6.,,, 

J842  ;       231,  ;      48,  "n        ',    20.7, 

JSf  ■    SR  »   «i  ■     «   4"> 

1841  „       190,  „      16,  „        „      8.„, 


13.,0,    Geburt,  wenig.  17,    Todte  mehr  32 


19, 

n 

n 

2 

24, 

n 

■l 

14 

38, 

» 

n 

47 

63, 

■ 

71 

8 

79, 

n 

n 

15 

August. 

1844    Geburt.  269,    Todte  17,    Prct-Anth.  6.„ 

1846         „      216,        „      39,  .     „       „    18^,,    Geburt,  wenig.  63,   Todte  mehr  22 

1842  .       216,        „      56,        „        „    26^,,  „  „       53,       „        „     38 


September. 
1848    Geburt.  312,    Todte    3,     Prct.-Anth.  0.9, 


1846 
1847 
1846 
1842 
1843 
1841 


271, 
262, 
237, 
223, 
221, 
213, 


39, 

at 

4, 


14.,,,    Geburt,  wenig.  41,   Todte  mehr  36 
5.»»,  n  „       60,        „        .       9 


10.M, 

18.,,, 

2-,., 

l.„, 


75, 

89, 
91, 
99, 


22 

38 

2 

1 


October. 


1848    Geburt  299,  Todte    7,  Prct.-Antheil 
42, 


1845 
1847 
1846 
1843 
1844 
1842 
1841 


283, 

278, 
264, 
250, 
248, 
242, 
236, 


11, 
38, 
44, 

26, 


2,4, 

14.g4,  Geburt,  wenig. 

3-»5,  n  n 

14.»»,  n  f, 

17.»o,  n  n 

8-tt,  n  n 

29.,,,  „  „ 

11-00,  n  n 


16,  Todte  mehr  36 


21, 
45, 
49, 
51, 
57, 
63, 


4 
31 
37 

1 
64 
19 


1848    Geburt.  310,  Todte  9, 

1846  „  297,  „  32, 

1846  „  265,  „  29, 

1843  „  262,  „  18, 

1847  n  246,  „  11, 

1844  „  246,  „  27, 

1841  „  236,  .  63, 

1842  „  209,  „  48, 


November. 

Prct.-Antheil    2.90, 

n  10-77, 

n         10^«, 
n  r.  J-14, 

n  n  il'0*» 

n  »  fj"55' 

»  n  22.96, 


Geburt,  wenig.    13,  Todte  mehr  23 


46, 
58, 
64, 
66, 
75, 
101, 


20 
9 
2 

18 
44 
39 


December. 


1848    Geburt.  273,  Todte 

1846  „  298,  „ 

1847  „  273,  „ 
1846  „  267,  „ 
1844  „  266,  „ 

1842  „  239,  „ 

1843  „  236,  „ 


5,  Prct.-Antheil 
16,      „         „ 

£:  :    * 

%'  • 

7o,      „ 

19,        n 


l-,4, 

5.„,  Geburt,  wenig.   75,  Todte  mehr  11 


2-»,, 

10.4«, 

10.56, 

31„, 

8-05, 


100, 
106, 
117, 
134, 
137, 


3 
23 
22 

70 

14 


Wenn  wir  aber  die  Ueberfüllung  und  die  Jahreszeit  berück- 
sichtigen, so  zeigt  sich,  dass  die  grösste  relative  Sterblichkeit  sich 
nie  ereignete  zur  Zeit  der  grössten  Ueberfüllung;  es  zeigt  sich,  dass 


236 


Semmelweil'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


in  sechs  Monaten  die  kleinste  relative  Sterblichkeit  sich  gerade  zur 
Zeit  der  grössten  Ueberflillnng  zutrug,  wie  Tabelle  XLIT  zeigt 


1849 
1846 
1847 
1842 
1845 
1848 
1843 
1841 
1844 


Geburten  403, 

;  SS: 

n  303, 

„  283, 

»  272, 

n  254, 

n  244, 


Tabelle  Ir.  XLIIL 

Jänner. 

Todte    9,     PercentrAntheil    2.„, 


45, 
10, 
64, 
23, 
10, 
62, 
37, 
37, 


13.,,, 

3^i, 

20.t4, 

7-5»» 

As 

1Ö.I6, 


Geburten  weniger    67 

»  100 

.  120 

.  131 

.  W9 

.  159 


1849 
1842 
1846 
1845 
1843 
1844 
1841 


Geburten  389, 
.  311, 
.         293, 

-     £*• 

263, 
.  257, 
-         239, 


Februar. 

Todte  12,  Percent-Antheil    3.08, 

»38,  „           „  12.«, 

»      63,  .  Ifc, 

n         13,  „                 „  0.„, 

»       42,  „              „  lO-Mi 

»29,  „             „  11-tsi 

»18,  n                »  '•»»» 


Geburten  weniger    78 

»  »96 

r        H5 

»        126 

r  132 

150 


1846 
1844 


Geburten  311, 
.         276, 


März. 
Todte  48,      Percent-Antheil  15  «, 


47, 


17.os>      Geburten  weniger    35 


1847 
1846 


1848 
1842 
1846 
1845 
1847 
1843 
1844 


1845 
1846 


1848 
1846 
1847 
1845 
1842 
1844 
1843 
1841 


Geburten  312, 
n        253, 


Geburten  313, 
310, 


305, 
296, 
294, 
246, 
240, 


Geburten  280, 
,         266, 


Geburten  269. 

■        » 

■     £2' 

»  245, 
231, 

»  206. 
191, 
190. 


April. 

Todte  57, 

Percent-Antheil  18.,,, 

n 

48, 

n 

Mai. 

V 

18-,, 

Geburten 

weniger 

59 

Todte 

3, 

Percent-Antheil 

o.M, 

n 

]?' 

n 

n 

3«, 

Geburten 

weniger 

3 

n 

ft 

n 

n 

13.44, 

n 

n 

8 

n 

13, 

n 

n 

4»», 

n 

n 

17 

» 

36, 

n 

n 

12,0, 

n 

r 

19 

n 

15, 

n 

» 

6.|o, 

n 

» 

67 

n 

14, 

n 

Juni. 

n 

5-u, 

n 

r 

73 

Todte  20, 

Percent-Antheil 

7.,4, 

n 

27, 

n 

Juli. 

n 

10..5, 

Geburten 

weniger 

14 

Todte 

1, 

Percent-Antheil 

o.„, 

n 

33, 

n 

r, 

13.,o, 

Geburten 

weniger 

17 

3, 
15, 

l. 
1«, 


l-tc, 
6.,,, 
20.,,, 
4„. 
0.5l. 
8.„, 


19 
24 
38 
63 

78 
79 


1844 
1846 
1842 


Geburten  269. 
216. 
216! 


August. 

Todte  17.      Percent-Antheil    6.„, 
»39.  r  n        18^5, 

-      5o,  25.4., 


Geburten  weniger    53 
53 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.       237 


September. 

1848 

Geburten  312, 

Todte 

3, 

Percent-Antbeil 

o*,, 

1846 

n 

271, 

n 

39, 

71 

n 

14.,,, 

Geburten 

weniger 

41 

1847 

n 

262, 

n 

12, 

n 

n 

5.g», 

71 

71 

50 

1844 

*i 

245, 

r 

3, 

71 

71 

1-tti 

71 

77 

67 

184Ö 

n 

237, 

n 

25, 

71 

71 

10-55, 

71 

71 

75 

1842 

n 

223, 

n 

41. 

71 

77 

18.,H, 

77 

71 

89 

1843 

n 

221, 

rt 

5, 

71 

71 

2.,., 

71 

77 

91 

1841 

n 

213, 

r 

4, 

71 

October. 

71 

1-87, 

71 

71 

99 

1848 

Geburten  299, 

Todte 

'•    7, 

Percent-Antheil 

2.,«, 

1845 

71 

283, 

n 

42, 

» 

71 

14.84, 

Gebarten 

weniger 

16 

1847 

n 

278, 

* 

11, 

71 

71 

3-B5, 

71 

71 

21 

1846 

n 

254, 

n 

38, 

77 

n 

14.,,, 

n 

7) 

45 

1843 

71 

250, 

n 

44, 

71 

71 

17.«,, 

71 

71 

49 

1844 

77 

248, 

n 

8, 

77 

71 

3.JJ, 

71 

77 

51 

1842 

rt 

242, 

T) 

71, 

71 

71 

29», 

71 

71 

57 

1841 

77 

236, 

n 

26, 

71 

71 

ll-oo. 

71 

77 

63 

November. 

1848 

Geburten  310, 

Todte 

■    9, 

Percent-Antheil 

2.»o, 

1846 

n 

297, 

71 

32, 

71 

77 

10.„, 

Gebarten 

weniger 

13 

1845 

71 

265, 

71 

29, 

77 

71 

10.»*, 

71 

71 

45 

1843 

n 

252, 

n 

18, 

n 

n 

7-,  4, 

75 

71 

58 

1847 

71 

246, 

71 

11, 

71 

n 

4-47, 

71 

71 

64 

1844 

71 

245, 

n 

27, 

n 

71 

ll-oo, 

7» 

71 

65 

1842 

ü 

235, 

r» 

53, 

71 

71 

22-55, 

J1 

77 

76 

1841 

209, 

77 

48, 

n 

71 

22.9e, 

71 

71 

101 

December. 

1848 

Geburten  373, 

Todfe 

i     5, 

Percent-Antheil 

1,4, 

1846 

n 

298, 

77 

18, 

71 

77 

Ö.37, 

Gebarten 

weniger 

75 

1847 

n 

273, 

77 

8, 

71 

71 

2.93, 

77 

71 

100 

1845 

i) 

267, 

77 

28, 

n 

71 

IO.4,, 

7) 

7) 

106 

1844 

n 

256, 

77 

27, 

71 

71 

IO.55, 

71 

71 

117 

1842 

239, 

H 

75, 

71 

77 

31.SH, 

77 

71 

134 

1843 

n 

236, 

77 

19, 

71 

71 

8.05, 

77 

71 

137 

Wenn  wir  die  gleichnamigen  Monate  nach  dem  Grade  der  vor- 
gekommenen Ueberfüllung  an  einander  reihen,  so  zeigt  sich,  der 
allmäligen  Abnahme  der  Ueberfüllung  entsprechend,  keine  allmälige 
Abnahme  in  der  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  Nr.  XLIII  zeigt. 


Tabelle  Hr.  XLIII. 


Jänner. 

1849 

Geburten  403, 

Todte 

>    9, 

Percent-Antheil 

2.3J, 

1846 

71 

336, 

77 

45, 

77 

71 

13.„, 

1847 

71 

311, 

7) 

10, 

71 

71 

3-ti, 

1842 

71 

307, 

71 

64, 

71 

71 

20.„, 

1845 

77 

303, 

71 

23, 

71 

71 

7-50, 

1848 

71 

283, 

71 

10, 

71 

7j 

3-5», 

1843 

71 

272, 

71 

52 

71 

71 

19.„, 

1841 

71 

254, 

71 

37, 

71 

71 

14.40, 

1844 

71 

244, 

n 

37, 

77 

77 

16-ie. 

Geburten  weniger  67 
92 
96 

„      100 
"     JS 

„       131 

n  149 

„        169 


238 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


1849 
1847 
1842 
1846 
1848 
1846 
1843 
1844 
1841 


Geburten  389. 

n  312, 

»  311, 

.  293, 

*  291, 

"  *3 

*  263. 

■  ffi« 

n  239, 


Febroar. 
Todte  12,     Percent-Antheil    3.M, 


äs6; 
1: 
11; 

at 


l-M» 

12.,,, 

18-0«, 

6-n, 
15.«,, 
11«, 

» •RS  ■ 


Geborten  weniger    77 

78 

»       »96 

„   ,98 

„   126 

„   132 

150 


1846 
1847 
1845 
1841 
1844 
1848 
1843 
1842 


Geburten  311, 
305, 
292, 
277, 
276, 
276, 
266, 
264, 


Todte  48, 

"     13' 

„      47, 
»      3 

"    X- 

»      27, 


März. 
Percent-Antheil  15.«, 

II  ,»  "••0> 

,»  »  *-45i 

»  »»  *'»»1 

)l  ,1  «"*•' 

»  ,»  0^,0, 

»  »>  7»**°' 


Geborten  weniger 


6 
19 
34 
35 
35 
45 
47 


1847 
1848 
1843 
1846 
1841 
1846 
1842 
1844 


Geborten  312, 
305, 
286, 

260, 
255, 
253, 
242, 
208, 


Todte  67, 

I,  11, 

„        4, 

»    S» 
"    2» 

,,      36, 


April. 

Percent-Antheil  18.t7, 

,t  ,,  0.6j, 

>»  «,  11-mi 

l>  II  4.,a, 

),  ,1  1-57| 

»,  ,»  18.«7, 

»»  >,  ir)       ' 

•  •  II  «    '•10. 


Geborten  weniger 


7 

27 
52 
57 
59 
70 
104 


Hai. 

1848  Geborten  313,  Todte    3,  Percent-Antheil    0.Mf 

1842  „        310,  „      10,  „  „  3.„, 

1846  „        306,  „      41,  „  „  13.^, 

1845  ;,    2%,  ;;  is  ,;  ;  c, 

1847  „  294,  „  36,  „  „  12.t4, 
1841  ,,  265,  „  2,  „  .,  0.„, 
J843  „  246,  „  15,  „  „  6.10, 
1844  „        240,  „      14,  „  „  5.M, 


Gebarten  weniger 


3 
8 
17 
19 
58 
67 
73 


Joni. 

1846  Geborten  280,  Todte  20,  Percent-Antheil    7.M, 

JSE  »        SS'  "      *$  •  "  S- 

1847  „  268,  „        6,  „  „  2.„. 

}846  .,         266,  „      27,  „  „  10,ft) 

1848  „  264,  „        3,  „  „  l.„, 
1844  „         224,  „         6,  „  „  2.,7, 
1841  „         200,  „       10,  „  „  5 
1843  „         19b,  „         8,  „  „  4.0«, 


Geborten  weniger 


7 
12 
14 
16 
66 
80 
84 


Joli. 

1848  Geborten  269,  Todte    1,  Percent-Antheil    0„, 

1846  „  262,  „      33,  „  „  13.10, 

1847  „  250,  „        3,  „  „  l.,0, 
1846  „         245,  „       16,  „  „  6.,,, 

1842  „  231,  „       48,  „  „  20.,,, 
1844  „        206,  „        9,  „  „  4.J7, 

1843  „  191,  „        1,  „  „  0.M| 
1841  „        190,  „      16,  „  „  8.4„ 


Geborten  weniger 


17 
19 
24 
88 
63 
78 
79 


Die  Aetielogie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  EJndbettnebers.       239 


18+4 
1847 
1848 
1845 
1841 
1846 
1842 
1843 


August 

Geburten  269,     Todte  17,      Percent-Antheil    6.,,, 


264, 
261. 
251, 
222, 
216, 
216. 
193. 


o5; 

39, 

1; 


3«, 
1«, 

18<*, 

25.«., 

1*., 


Geburten 

weniger 

5 

rj 

8 

I, 

18 

»• 

tt 

47 

»I 

t» 

53 

•1 

53 
76 

1848 
1846 
1847 
1844 
1845 
1842 
1843 
1841 


Geborten  312, 
271, 
262. 
,.  245, 
237. 
223. 
221, 
213. 


September. 
Todte    3.     Percent-Antheil    0.*. 


39. 

12. 
3. 

25, 

41, 
ö, 
4. 


5-n, 

1-tt, 

10.». 

18.,». 

l-»7f 


Geborten  weniger    41 

.,  50 

.,         67 

75 

'         2? 
91 

„         99 


October. 

1848  Geburten  299,  Todte    7.      Percent-Antheil    2.M. 

1845  .,  283.  .,  42,  .,  .,  14^. 
1847  ..         278;  ;.      11.           ,.           ,.  3^ 

1846  ,.         254,  M      38.  ,.            ,.  14«. 

1843  250,                   44 17.«.. 

1844  248.  8.  2„: 
1842  „  242.  71.  .,  ..  29.„. 
1841  236.  26.  11..». 


Geburten  weniger    16 

.,  21 

45 

49 

'.,  '..         51 

57 
63 


184S 
1846 
1845 
1843 
1847 
1844 
1841 
1842 


Geburten  310. 
297. 
265! 
„  252, 
246. 
245. 
235. 
209. 


Todte  9. 
n  32. 
.,  29. 
„      18. 

.,      ", 

..      27. 

..      53, 

48. 


November. 
Percent-Antheil 


2^. 
10.„, 
10«. 

7-i«. 

4«, 
11h». 
22.„, 
22«. 


Geburten  weniger  13 
45 
58 
64 
65 
75 
101 


December. 

1848  Geburten  373  Todte    5,  Percent-Antheil    1«. 

1846  ,         298.  16,  r  „  5.17, 

1847  r  273.  ,  8,  „  .  2«. 
1845  267.  „  28.  „  _  10«. 
1844  ,         256,  „       27,  „             1  10«. 

1842  .         239.  75,  .  „  31«. 

1843  236,  19,  .  .  8«. 


Geburten  weniger    75 

100 

-    106 

„    117 

,    134 

137 


Wenn  wir  nach  der  absoluten  Sterblichkeit  die  gleichnamigen 
Monate  aneinanderreihen,  so  zeigt  sich,  der  allmäligen  Abnahme  der 
absoluten  Sterblichkeit  entsprechend,  keine  entsprechende  allmälige 
Abnahme  in  dem  Grade  der  Ueberfullnng.  wie  Tabelle  Nr.  XTJX  zeigt 


240 


Semmelweis'  Abhandlangen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Tabelle  Ir.  XL1T. 


Jänner. 


1842  Todte64.  Pct.-Anth.  20.84,  Geburt.  307 

1843  „     62!    „        „     19.„,  „  272 
1846      „     45,    B        „    13.,9,  „  336 

1844  „     37,    „        „     15.18,  „  244 

1841  „     37,    „        „    14.M,  „  254 

1846  „     23,    „        r      7.M,  „  303 

1847  „     10,    „        „      3*,,  „  311 

1848  „      10,     „         „       3M,  „  283 

1849  „       9,    „        „      2.„,  „  403 

Februar. 

1846  Todte  53,  Pct.-Anth.  18^,H,  Geburt.  293 

1843  „      42,     „         „     lö*«,  „  263 

1842  „     38,    „        „     12.,,,  „  311 

1844  „      29,     „         „     ll.„,  „  257 

1841  „      18,     „         „       7.Ä9,  „  239 

1846  „     13,    „        „      5.17,  „  274 
1849      „      12,    „        „      3.0H,  „  389 

1847  „       6,    „        „      1.92,  „  312 

1848  „       2,    „        „      0.0,.  „  291 

März. 

1846  Todte  48,  Pct.-Anth.  15.„,  Geburt.  311 

1844  „      47,     „         „     17k,s,  „  276 

1843  „     33,    „        „     12.40,  „  266 

1842  „     27,    „        „     10.„,  „  264 

1845  „      13,    r        „      4.w,  „  292 

1841  „      12,    „        „      4.„,  „  260 

1847  „     11,    „         „       3.w,  „  305 

1848  „       0,     „        „      0.00,  „  276 

April. 

1847  Todteö7,  Pct.-Anth.  18.2„ Geburt.  312 

1846  „     48,    „        r     18.97,  „  253 

JüJ   -  2?'  »     -  17-"'  »  ** 

1843  „     34,    „        „     U.W|  „  285 

1842  „     26,    „        „     10.74,  „  242 

1845  „     11,    „        „      4.23,  „  260 

1841  „       4,     „        „      l.„,  „  255 

1848  „       2,    „        „      0.aSl  „  305 

Hai. 

1846  Todte  41,  Pct.-Anth.  13.4*,  Geburt.  305 

1847  „     36,     „         r     12.24,  „  294 

1843  „      15,    „        „      6.10l  „  246 

}8f*       r,      JJf     n          n        Ö.,„  „  240 

1845  „     13,    „        „      4.so,  „  296 

1842  „      10,     „        „      3.„,  „  310 

1848  n       3,    m        r      0.M,  „  313 

1841  „       2,    „        r      0.7H.  „  255 

Juni. 

1846  Todte  27,  Pct.-Anth.  10., »,  Geburt.  266 
1845      „     20,    „        „      7.M.  „  280 

1842  »     18,    „        r      6^«,  „  272 
1841      „     10,    „        „      5.oo,  n  200 

1843  „       8,    „        „      3.03,  „  296 

1844  „       6,     „         „       2,,T,  „  224 

1847  „        6,     „         „       2,,v  „  268 

1848  „       3,    ,        -      0V9.  „  313 


Juli. 


1842  Todte  48,  Pct.-Anth.  20.„,  Geburt.  231 

}£?  ■  &  ■  -  lb«  ■  ** 

18fl  ,  }6,  ■  .  8.M,  .  190 

1845  n  15,  „  „  6„.  „  245 

1844  „  9,  „  „  4.,7,  „  206 

1847  „  3,  „  ,  l.„,  „  250 

1843  „  1,  „  „  0.M,  „  191 

1848  „  1,  „  „  0.„,  „  269 


August. 

1842  Todte  65,  Pct.-Anth.  25.4«,  Geburt  216 

18*6     „     39,    „        „     18.0«,  n  216 

1844  „     17,    „        „      6.„,  „  269 

1845  „       9,    „        „      3.M,  „  261 

1847  „  5,  „  n  1.89,  „  264 
J843  „  3,  „  „  1M,  „  193 
1841      „       3,    „        „      l.Mf  n  222 

1848  „       0,    „        „      Ooo,  n  261 


September. 

1842  Todte  41,  Pct.-Anth.  18.„,  Geburt.  223 
1846     „     39,    „        „    14.„,  „  271 

1846  „     25,    „        „    10.5,,  B  237 

1847  „     12,    n        „      6.„  „  262 

1843  „       5,    „        „      2„,  „  221 

1841  „       4,    „        „      l.„,  „  213 

1844  „       3,    „        „      l.„,  „  245 

1848  „       3,    „        „      0.99,  „  312 

October. 

1842  Todte  71,  Pct.-Anth.  29.,,,  Geburt.  242 

1843  „     44,    „        r    17^,  „  260 

1845  „     42,    „        n    14.»4,  „  238 

1846  n     38,     „        „    14.,,,  „  264 
1841      „     26,    „        ,     ll^,  „  236 

1847  „     11,    „        n      3.9ft,  „  278 

1844  „       8,    „        „      3.„,  „  248 

1848  „       7,    „        „      2.,4,  „  299 

November. 

1841  Todte  63,  Pct.-Anth.  22«»,  Geburt.  236 

1842  „     48,   „        „     22^,,  n  209 

1846  „     32,   „        „     10.„,  n  297 

1845  „     29,   „        „     10.44,  „  266 

1844  „      27,    „         „      ll.,*,,  „  246 

1843  „      18,   „        „       7.14,  B  262 

1847  „     11,,        „       4.47,  „  246 

1848  „       9,   „        „       2.M,  „  310 

December. 

1842  Todte  75,  Pct.-Anth.  31  .,9,  Geburt.  239 

1845  „     28,    „        „     10.4„  „  267 

1844  „     27,   „        „      10.,»,  n  266 

1843  „      19,   „        „       8,»,  „  236 

1846  „     16,   „        „       5.37,  „  298 

1847  „       8,   „        „       2.9„  m  273 

1848  „       5,    „        B       l.,4,  „  273 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebere.        241 

Wenn  wir  die  einzelnen  Monate  derselben  Jahreszeit  nach  der 
vorgekommenen  relativen  Sterblichkeit  aneinanderreihen,  so  zeigt  sich, 
der  allmäligen  Abnahme  der  relativen  Sterblichkeit  entsprechend, 
keine  entsprechende  Abnahme  im  Grade  der  Ueberfiillung,  wie  Tabelle 
Nr.  XLV  zeigt. 


Tabelle  Nr.  XIX 


Jänner. 


1842  Pct.-Anth.  20.84,  Todte64,  Geburt.  307 


1843 

1844 
1841 
1846 
1846 
1848 
1847 
1849 


19-u, 
16.«, 
14m, 
13.», 

7-ftOr 
3-M, 
3-Sli 
2-2S, 


52, 
37, 
37, 

45, 
23, 
10, 
10, 
9, 


272 
244 
254 
336 
303 
283 
311 
403 


Februar. 


1846  Pct.-Anth.  18 .*»,  Todte  53,  Geburt.  293 


1843 
1842 
1844 
1841 
1845 
1849 
1847 
1848 


15.po, 

12.2,, 

11.«, 

7..,,, 
3"' 

1-M, 

0«H, 


42, 

38, 
29, 
18, 
13, 
12, 
6, 
2, 


263 
311 
257 
239 
274 
389 
312 
291 


Juni. 


7-14, 

,     20, 

|l 

280 

6-80, 

,     18, 

fj 

273 

5-oo, 

,    io, 

11 

200 

4-oh, 

,       8, 

11 

196 

2-67, 

,       6, 

224 

2-3», 

,       6, 

(J 

268 

1.1* 

,       3, 

II 

264 

1846  Pct.-Anth.  10., »,  Todte  27,  Geburt  266 
1845  „ 

1842  „ 
1841  „ 

1843  „ 

1844  „ 

1847  „ 

1848  „ 


Juli. 

1842  Pct.- Anth.  20.79,  Todte  48.  Geburt.  231 

1846  ., 
1841  ;, 
1845  „ 
1844  „ 

1847  .. 

1843  „ 

1848  ., 


13.,o, 

.     33, 

,      252 

8.«, 

,     16, 

„      190 

6.12, 

,     15. 

,      245 

4.37- 

.      9, 

„      206 

1-20, 

.       3, 

.,      250 

0-52, 

,       1, 

„      191 

0.37- 

,       1, 

.,      269 

März. 
1844  Pct.-Anth.  17.0S,  Todte  47,  Geburt.  276 


August. 
1842  Pct.-Anth.  25.46,  Todte  55,  Geburt.  216 


1846    „ 

|1 

15.  w, 

17 

48, 

311 

1846 

u 

ii 

18-0,. 

11 

39, 

.      216 

1843    „ 

n 

12.4«, 

11 

33, 

II 

266 

1844 

IT 

ii 

6-32, 

17, 

,       269 

1842    „ 

II 

10.33, 

11 

27, 

11 

264 

1845 

11 

ii 

3.w. 

M 

9, 

,      251 

1845    ., 

ii 

4.«, 

13, 

11 

292 

1847 

ii 

I.N., 

JI 

5, 

.       264 

1841   ;, 

•i 

4-33, 

11 

12, 

Ii 

277 

1843 

„ 

1-M. 

II 

3, 

,       193 

1847    ., 

ji 

3-60, 

1* 

11, 

ii 

305 

1841 

11 

ii 

1-M, 

11 

3, 

,      223 

1848  ;, 

>' 

O-oo, 

o, 

11 

276 

1848 

*1 

» 

000, 

M 

o, 

261 

April. 

September. 

1846  Pct. 

-Anth.  I8.97, 

Todte  48,  Geburt.  253 

1842  Pct. 

-Anth.  18.„, 

Todte41,Geburt.223 

1847    „ 

11 

18.27, 

n 

57, 

n 

312 

1846 

11 

|| 

14.,o, 

1 1 

39, 

.      271 

1844    „ 

n 

17-30, 

II 

36, 

ii 

208 

1845 

11 

11 

l?.,», 

i* 

25, 

i       237 

1843    .. 

fi 

ll-i.3, 

71 

34, 

ii 

285 

1847 

)» 

tl 

Ö-2S, 

i» 

12, 

,      262 

1842  ;, 

11 

10-7«, 

•l 

26, 

ii 

242 

1843 

j| 

2.26. 

ii 

5, 

.      221 

1845    ., 

n 

4-23, 

11 

11, 

n 

260 

1841 

•  1 

l.*7, 

4, 

213 

1841    ,. 

n 

l.»7» 

11 

4, 

ii 

255 

1844 

11 

11 

1.22, 

ii 

3, 

,      245 

1848    „ 

ii 

0-65, 

11 

2, 

ii 

305 

1848 

11 

?: 

0-06. 

3. 

,.      312 

Mai. 

October. 

1846  Pct 

-Anth.  13.44, 

Todte  41,  Geburt.  305 

1842  Pct 

-Anth.  29.,,, 

Todte  71,  Geburt.  242 

1847    ,. 

11 

12-24, 

., 

36. 

ii 

294 

1843 

«1 

|1 

17-60, 

Ii 

44. 

.,       250 

1843    „ 

11 

H-io. 

M 

15, 

j- 

246 

1846 

)• 

11 

14.»s, 

38. 

.,      254 

1844    „ 

O-hS» 

}i 

14, 

240 

1845 

11 

11 

14-H4, 

ii 

42, 

„      283 

1845    .. 

11 

*-3». 

11 

13, 

ii 

296 

1841 

11 

ii 

11  CO- 

11 

20, 

..      236 

1842  ,; 

*| 

3-22, 

11 

10, 

ii 

310 

!   1847 

11 

11 

3-05, 

11, 

„       278 

1848    ,, 

11 

0.99, 

3, 

313 

.   1844 

11 

|) 

3-22, 

11 

8, 

„       248 

1841    „ 

17 

0-7«, 

11 

2, 

ii 

255 

1   1848 

:i 

11 

2-34, 

IT 

"*, 

„      299 

Semmelweis'  gesammelte  Werke. 


16 


242 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


November. 

December. 

1842  Pct. 

•Anth.22.96, 

Todte  48,  Geburt.  209 

1842  Pct. 

-Anth.31.,8, 

Todte  75,  Geburt.  239 

1841    ,, 

,,     22.B6, 

.,     53, 

,      235 

1844    ., 

M 

10*». 

„     27, 

n      256 

1844   .. 

n      n.oo. 

„     27, 

„      245 

1845    „ 

II 

10-4«, 

,.     28, 

.,      267 

1845    „ 

„          10.94, 

„     29, 

,      265 

1843    „ 

8-05» 

.,     19, 

;,      236 

1846    ,. 

,    io.77l 

„     32, 

,       297 

1846   „ 

11 

5. 37, 

.,     16, 

,.      298 

1843    ., 

„             7-14. 

.,     18. 

,       252 

1847    „ 

I» 

^•#3, 

„      8, 

,.      273 

1847    ., 

»       4.47, 

M      Hj 

,      246 

1848    „ 

;i 

1*4, 

.,       5, 

,;      273 

1848  :, 

.,         2-no, 

:,    9, 

,      310 

Wenn  wir  alle  97  Monate  nach  der  Anzahl  der  vorgekommenen 
Geburten,  also  nach  dem  Grade  der  Ueberfüllung,  aneinanderreihen, 
so  zeigt  sich,  der  allmäligen  Abnahme  der  Ueberfüllung  entsprechend, 
keine  allmälige  Abnahme  der  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  Nr.  XLVI  zeigt. 


Tabelle  Hr.  XLVI. 


Jänner  .    . 

.    .    1849  Geburten  403, 

Todte    9.  Prct 

-Anth.   2.*, 

Februar 

.    .    1849 

n 

389, 

12 

„       3.08.  Geburt 

wenig.    14 

December  . 

.     .     1848 

373. 

>.           •'>,         ., 

„             1-34,             ,• 

,        3') 

Jänner  .    . 

.     .     1846 

n 

336. 

..      45,       .. 

„         13-3»,           ,. 

,.       67 

Mai  .    .    . 

1848 

n 

313, 

.;    3,  ,, 

1,           0.tto,            ,. 

,.       90 

April      .     . 

.     .     1847 

t) 

312. 

..      57,      „ 

„          18-27,             ,. 

91 

Februar 

.     .     1847 

312. 

i«        6,      ii 

Ui,             „ 

,.       91 

September . 

.     .     1848 

n 

312, 

„        3,      ,. 

:,           00tt, 

,.       91 

März      .    . 

.     .     1846 

H 

311, 

••      48,      ,. 

.,          15.4},             »• 

.,       92 

Jänner  .    . 

.     .     1847 

n 

311, 

„     io,     „ 

,.        3.ji,        ,. 

,!       92 

Februar 

.     .     1842 

311, 

..      38.      „ 

,.      12«,       „ 

..       92 

Mai   .    .    . 

1842 

•i 

310, 

.,      10,      ., 

•«             3-2J, 

,.       93 

November  . 

.     .     1848 

n 

310. 

9.      ., 

i,            *-1»0, 

,;     93 

Jänner  .    . 

.     .     1842 

n 

307. 

.,      64,       ., 

.,      20.,.,.        ., 

96 

Mai  .    .    . 

.     .     1846 

305. 

.,      41,      ., 

„          13-44,             •• 

98 

März      ,     , 

.     .     1847 

„ 

305. 

..    n;    :! 

,.             »*-«10,             •• 

:,    n8 

April    .     . 

.     .     1848 

fj 

305. 

»       2,     „ 

,,      o.aÄ,      ,. 

..       98 

Jänner  .    . 

.     .     1845 

jj 

303. 

,.      23,      „ 

•1              '-5f>, 

,:  Kw 

October 

.     .     1848 

Y) 

299. 

„        7,      ,, 

-> 

„               -.14,                >• 

,.     104 

December  . 

.     .     1846 

298! 

»      16,      „ 

,,           ß-OTi           ,, 

..     105 

November . 

.     1846 

jl 

297, 

„       32        n 

„          10-77,             „ 

..     106 

Mai  .    .    . 

1845 

296, 

..      13.      „ 

„        4.3I1,        ., 

„     107 

Mai  .    .    . 

.     1847 

294. 

.,      36,      ,. 

>i      12«,        ,. 

,.     HO 

Februar     . 

.     1846 

n 

293. 

n  53,  :: 

„           '"-06,             •, 

..    110 

März     .    . 

.     1845 

n 

292. 

„      13.      „ 

„             4.44,             <• 

..     Hl 

Februar 

.     1848 

n 

291, 

2.       „ 

„       o.ÖH,       ., 

.,     112 

April     .    . 

.     1843 

« 

285, 

.,      34,      „ 

;,          11 -9S,             „ 

..     118 

October 

.     1845 

m 

283. 

•,      42,       „ 

,,          14-S4,             I, 

..     120 

Jänner  .    . 

.     1848 

rt 

283. 

.,     io,     ., 

„            3-53,             ,. 

;;  120 

Juni      .    . 

.     1845 

280, 

„      20,      „ 

:?            '14,            „ 

..      123 

October 

.     1847 

n 

278. 

„       11.       „ 

.,         3.flft,         ,, 

,.      125 

ti 

277; 

..       12.       ., 

„        4.3S,        „ 

..      126 

März     .    . 

.     1844 

»i 

276, 

-,      47.       „ 

•>          *  *  OS,             •■ 

.,      127 

März     .    . 

.     1848 

276, 

..    keine    ., 

,,         O-oo,         ,. 

..      127 

Februar     . 

.     1845 

„ 

274, 

.,      13,      „ 

.,        5i,,         ,, 

..      129 

Juni .    .    .    . 

.     1842 

n 

273. 

»     w,    ,, 

,,         ''•«o, 

;.  130 

December .    . 

.     1847 

r? 

273. 

•         8,      „ 

0 

.,     130 

Jänner  .    .    . 

.     1843 

272. 

.!      52,       , 

,.       19-n.         „ 

,.     131 

September 

.     1846 

„ 

271. 

:.    39,    „ 

„        14.,*,         ,. 

„     132 

August      .    . 

.     1844 

n 

2(59. 

•1              l'f             „ 

,,             6.Sj,             „ 

„      134 

Juli  .    .    .    . 

.     1848 

269. 

1,    ., 

„     0.37,     „ 

..      134 

Juni.    .    .    . 

.     1847 

T) 

268. 

„        6,       „ 

!,               2.J8,               ., 

,.      135 

December  .    . 

.     1845 

>» 

267, 

n      28,      „ 

„          10.48,             ,- 

„      136 

März     .    .    . 

.     1843 

T1 

266, 

,;  33,  ., 

„          1Ä-40,             •> 

..      137 

Juni.    .    .    . 

.     1846 

11 

266. 

»    2<-    » 

;,     10, »,      ., 

,.      137 

November .    . 

.     1845 

265, 

.,      29,       „ 

.,            10»4,               ,. 

..     138 

März     .    .    . 

.    1842 

n 

264. 

,       27,       „ 

..     10.«,      „ 

„     139 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.       243 


Angust      .     . 

1847  Geburten  264, 

rodte    5, 

Prct.-Anth.  1.89, 

Juni      .    .    . 

1848 

n 

264, 

.,       3, 

)*             f» 

1.1», 

Februar    .    . 

1843 

n 

263, 

,,     42, 

*t             tj 

15.»«, 

September 

1847 

n 

262, 

„     12, 

J»             M 

5»3, 

August      .     . 

1848 

n 

261, 

,,   keine 

»             ?J 

O.00, 

April     .    .    . 

1845 

n 

260. 

„     11, 

M                M 

4.„, 

Februar    .    . 

1844 

T) 

257; 

„     29, 

'9                J  J 

IL«, 

December .    . 

1844 

T) 

256, 

.,     27, 

T?                ff 

IO55, 

April     .    .    . 

1841 

V 

255, 

„        4, 

*>                tl 

1-57, 

Mai  ...    . 

1841 

n 

255, 

„        2, 

m          n 

0-7H 

Jänner  .    .    . 

1841 

M 

254, 

„     37, 

')          jj 

14.«, 

October     .    . 

1846 

M 

254, 

„      38. 

M               J» 

14.9H, 

April     .    .    . 

1846 

»I 

253, 

„     48, 

it          «1 

18.07, 

November .    . 

1843 

<J 

252. 

?,     18. 

t?          «j 

7-u, 

Juli  ...    . 

1846 

JJ 

252, 

„     33. 

•>          y} 

13.10, 

August      .    . 

1845 

f? 

251, 

.,       9, 

'1             M 

3-58, 

October     .    . 

1843 

*| 

250, 

:,      44, 

17.ao, 

Juli  ...    . 

1847 

'I 

250, 

„        3, 

•1             »* 

1*0. 

October     .    . 

1844 
1843 

tj 

248, 

„       8, 

••             t» 

3-2«, 

Mai  ...    . 

»» 

246, 

.,      15, 

»>             jj 

6.10, 

November .    . 

1847 

246, 

„      11, 

?>             M 

4.*,, 

Juli  ...    . 

1845 

' 

245, 

.,     15. 

»»              f» 

6-12, 

November .    . 

1844 

JJ 

245, 

„      27, 

1*             J1 

11-00, 

September 

1844 

ti 

245, 

,       3, 

1-22» 

Jänner  .    .    . 

1844 

•» 

244, 

„     37. 

•  '              1 

15.,  a, 

April     .    .    . 

1842 

■i 

242, 

,.     26, 

'•             *f 

IO74, 

October      .    . 

1842 

rj 

242, 

.,     71, 

?•             M 

29.8S, 

Mai  ...    . 

1844 

240, 

.,     14, 

)>             M 

5-hsi 

Februar     .    . 

1841 

239, 

.,     18, 

!'                11 

••53» 

December  .    . 

1842 

•  t 

239, 

..     75; 

»J                I) 

»>1*8« 

September 

1845 

» 

237, 

.,      25, 

•f                »» 

io.M, 

October      .    . 

1841 

236, 

,,      26, 

"                ti 

ll-oo, 

December  .    . 

1843 

jj 

236, 

„      19, 

8.05, 

November  .    . 

1841 

jj 

235, 

,,     53, 

•1                J? 

22.55, 

Juli  .... 

1842 

231. 

.,     48, 

n          »J 

20.7n, 

Juni  .... 

1844 

•t 

224; 

„       6, 

V                )» 

2.(17, 

September 

1842 

223, 

.,     41, 

H          ii 

I8..1H, 

August .    .    . 

1841 

•1 

222. 

„       3, 

?!                *> 

1-S5, 

September 

1843 

*» 

221, 

„       5, 

»                ?> 

2-2«, 

August .    .    . 

184H 

216, 

.,      39, 

M               >» 

18.05, 

Angust .    .    . 

1842 

?» 

216, 

„     Ö5, 

»<                »> 

2b.M, 

September      . 

1841 

213, 

„       4, 

»1                •! 

Ui, 

November  .    . 

1842 

209. 

.,      48, 

1'                t? 

22.0», 

April     .    .    . 

1844 

M 

208, 

.,      36, 

M             JJ 

17-ic 

Juli  .... 

1844 

•1 

206, 

9. 

J?             J? 

4.J7, 

Jnui .... 

1841 

200, 

'..    10. 

•J             ») 

5.00, 

Juni .... 

1843 

•* 

196, 

:,    s, 

•'             ?? 

4-0!t, 

August .    .    . 

1843 

'1 

193, 

.,    3, 

1-55, 

Juli  ...    . 

1843 

•f 

191, 

„    1. 

1'             »• 

0.52, 

Juli  .... 

1841 

n 

190, 

»      16, 

r           » 

8.«, 

139 
139 
140 
141 
142 
143 
146 
147 
148 
148 
149 
149 
150 
151 
151 
152 
153 
153 
165 
157 
167 
158 
158 
158 
159 
161 
161 
163 
164 
164 
166 
167 
167 
168 
172 
179 
180 
181 
182 
187 
187 
190 
194 
195 
197 
203 
207 
210 
212 
213 


Wenn  wir  alle  97  Monate  nach  der  absoluten  Sterblichkeit 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich,  der  allmäliiren  Abnahme  der  absoluten 
Sterblichkeit  entsprechend,  keine  allmalige  Abnahme  in  der  Anzahl 
der  Geburten,  oder  mit  andern  Worten,  es  zeigt  sich  keine  entsprechende 
allmalige  Abnahme  in  dem  Grade  der  Ueberfüllung,  wie  Tabelle 
Nr.  XLVII  zeigt. 


Tabelle  Hr.  XLVII. 
December 1842   Todte  75,   Percent-Antheil  31.3R, 


October 1842        „      71, 

Jänner 1842        „     64. 

April 1847        „     57, 


29.„, 
20k4, 

18-27, 


Geburten  239 

„        242 

,.        307 

312 

16* 


244 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


August 1842 

November 1841 

Februar 1846 

Janner 1843 

November 1842 

Juli 1842 

April 1846 

Mftrz 1846 

März 1844 

Jänner 1846 

October 1843 

Februar 1843 

October 1845 

September 1842 

Mai 1846 

August 1846 

September 1846 

October 1846 

Februar 1842 

Jänner 1844 

Jänner 1841 

April 1844 

Mai 1847 

April 1843 

Juli 1846 

März 1843 

November 1846 

Februar 1844 

November 1845 

December 1845 

December 1844 

November 1844 

März 1842 

Juni 1846 

October 1841 

April 1842 

September 1845 

Jänner 1845 

Juni      ..........  1845 

December 1843 

Februar 1841 

November 1843 

Juni 1842 

August 1844 

Juli      1841 

December 1846 

Juli 1845 

Mai       1843 

Mai      1844 

Februar 1845 

März 1847 

Mai       1845 

März 1841 

September 1847 

Februar 1849 

März 1847 

October 1847 

April 1845 

November 1847 

Juni 1841 

Mai       1842 

Jänner 1847 

Jänner 1848 

Juli 1*44 

August 1845 

November 1848 


Todte  55, 

Percent-Antbeil  25.49, 

Geburten  216 

53, 

22,,B, 

235 

53, 

l&o«, 

2!ö 

52, 

19.ii, 

272 

48, 

22.99, 

209 

48, 

20-78, 

231 

48, 

18.B7, 

253 

48, 

15.«, 

311 

47, 

17-os, 

276 

45, 

336 

44, 

17.««, 

250 

42. 

15-96, 

263 

42. 

14.8t, 

283 

41, 

18.,,, 

223 

«, 

13.44, 

305 

39, 

18™. 

216 

39, 

14,,,, 

271 

38. 

14.38, 

254 

38, 

12.« , 

311 

37, 

15.19, 

244 

37, 

14.w, 

254 

36, 

17.so, 

208 

36, 

12*4, 

294 

34, 

H*o, 

285 

33, 

13i6, 

252 

33, 

12-40, 

26« 

32. 

10.77, 

297 

29, 

IL**, 

257 

29, 

10.4«. 

267 

28, 

10.48, 

267 

27, 

io.M, 

256 

27. 

11-00, 

245 

27, 

io.*„ 

264 

27, 

10.,», 

266 

26, 

11.00. 

236 

26, 

10-74, 

242 

25, 

IQ«, 

237 

23, 

303 

20, 

7*4, 

280 

19. 

236 

18, 

7.59, 

239 

18, 

7-14, 

252 

18, 

6-60, 

272 

IV, 

6.,*, 

269 

16, 

190 

r 

16, 

0»7, 

298 

15, 

6-i*, 

245 

15. 

6.10, 

246 

14, 

°-N,, 

240 

13, 

274 

13, 

4.4», 

292 

13, 

4.,9, 

296 

12, 

r 

4-„, 

260 

12, 

5*,. 

26*2 

ia, 

3.08. 

389 

11. 

305 

11. 

278 

11, 

4.2», 

260 

11, 

4.47, 

246 

10, 

r. 

200 

10, 

3.», 

310 

10. 

3.,,, 

311 

10. 

3.Vi. 

283 

•! 

9. 

« 

4,,7, 

3.»,, 

V 

206 
251 

.. 

'•>, 

,, 

., 

2  wo, 

)* 

310 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Küidbettnebers.        245 


Jänner 1849  Todte  9,   Percent-Antheil 

Jnni 1843  „  8, 

October 1844  „  8,         ., 

December 1847  „  8,         „ 

October 1848  „  7,         „ 

Juni 1844  „  6, 

Februar 1847  „  6, 

Juni 1847  „  6, 

September 1843  „  5,         „ 

August 1847  „  6,         „ 

December 1848  „  6,         „ 

September 1841  .,  4,         „ 

April 1841  „  4,         „ 

August 1843  „  3,         „ 

August 1841  „  3, 

September 1844  „  3,         ., 

Juli 1847  .,  3, 

Mai       1848  „  3, 

Juni 1848  „  3,         ,. 

September 1848  ,,  3, 

Mai       1841  „  2,         ., 

Februar 1848  „  2,         „ 

April 1848  „  2, 

Juli 1843  „  1, 

Juli 1848  „  1,         „ 

März 1848  „  — , 

August 1848  „  -, 


2f„ 

Geburten  403 

296 

248 

273 

a.M, 

„         299 

2.«, 

„         224 

u* 

„         312 

268 

2.«, 

,.         221 

,.         264 

C\ 

373 

1-M, 

213 

266 

193 

»         222 

246 

260 

Ü.M, 

313 

1.11, 

264 

Ü.M, 

312 

o.™, 

,,         265 

o«*, 

»        291 

o.«R, 

306 

o.Ml 

,,         191 

0.»i? 

„        269 

„         276 

0.oo, 

261 

Wenn  wir  die  97  Monate  nach  der  relativen  Sterblichkeit 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich,  der  Abnahme  der  relativen  Sterblich- 
keit entsprechend,  keine  entsprechende  Abnahme  in  der  Anzahl  der 
Geburten  oder  keine  entsprechende  Abnahme  im  Grade  der  Ueber- 
füllung,  wie  Tabelle  Nr.  XL VIII  zeigt. 


Tabelle  Hr.  XLTIII. 


December 1842 

October 1842 

August 1842 

November 1842 

November 1841 

Jänner 1842 

Juli 1842 

Jänner 1843 

April 1846 

September 1842 

April 1847 

Februar 1846 

August 1846 

October 1843 

April    '. 1844 

März 1844 

Februar 1843 

März 1846 

Jänner 1844 

October 1846 

October 1845 

Jänner 1841 

September 1846 

Mai 1846 

Jänner 1846 

Juli 1846 

März 1843 


Percent-Antheil  31.S8, 

Todte  75, 

Geburten  239 

„        29.,Sl 

„      71, 

242 

„        25.M, 

,,      So- 

216 

.,      48, 

209 

„        22.5R, 

„      53, 

235 

„        20  84, 

„      64, 

307 

20.„, 

„      48, 

231 

„        19.U, 

„      52, 

272 

„        18..7, 

„      48, 

253 

„        18.S8, 

„      41, 

228 

„        18.*7, 

„      57, 

312 

„      53, 

293 

„      39, 

216 

„        17-.0, 

,,      44, 

250 

17-jo, 

„      36 

208 

„        17-os, 

"      47, 

276 

.,      42, 

263 

„        15.«, 

.       48 

311 

„        15.ia, 

:,  37, 

244 

,,             14-98, 

.,      38, 

254 

„        14-**, 

,.      42, 

283 

.,         14.ft)S, 

.,      37, 

254 

„         H.i., 

„      39, 

271 

„             13-44, 

„      41, 

305 

13.„, 

„      45, 

m& 

„      33, 

252 

1} 

„             12-40, 

„      33, 

M 

266 

246 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  Über  das  Kindbettfieber. 


Mai 1847 

Februar 1842 

April 1843 

Februar 1844 

November 1844 

October 1841 

November 1845 

November 1846 

April 1842 

September 1845 

December 1844 

December 1845 

März 1842 

Juni 1846 

Juli 1841 

December 1843 

Jänner 1845 

Februar 1841 

Juni 1845 

November 1843 

Juni 1842 

August 1844 

Juli 1845 

Mai 1843 

Mai 1844 

December 1846 

September 1847 

Februar 1845 

Juni 1841 

Märe 1845 

November 1847 

Mai 1845 

Juli 1844 

April 1845 

März 1841 

Juni 1843 

October 1847 

März 1847 

August 1845 

Jänner 1848 

Mai       1842 

October 1844 

Jänner 1847 

Februar 1849 

December 1847 

November 1848 

Juni 1844 

Juni 1847 

October 1848 

September 1843 

Jänner 1849 

Februar 1847 

August 1847 

September 1841 

April 1841 

August 1843 

August 1841 

December 1848 

September 1844 

Juü 1847 

Juni 1848 

Mai       1848 

September 1848 

Mai 1841 

Februar 1848 

April 1848 


Percent-  Antheil  12.24, 

Todte  36.   Geburten  294 

„        12^,, 

38, 

311 

,,        ILm, 

34, 

285 

„       H*,, 

29, 

257 

„             11-00, 

27, 

,        245 

„          ll-oo. 

26, 

236 

,.        10**, 

29, 

265 

„     io.„, 

32. 

297 

,.      io.74, 

26, 

242 

.,       10», 

25, 

237 

„       10»», 

27, 

256 

„               10-4H, 

28, 

267 

,.             10-.3, 

27, 

264 

„        10.,», 

27,    ; 

266 

16, 

,         190 

7-o», 

19, 

.         296 

23, 

303 

7M, 

18, 

239 

„         ?.u, 

20 

280 

„                7-14, 

18, 

252 

»>              ,.           6.eo, 

18. 

273 

17, 

269 

,,             „           6.,a, 

15,          n         245 

15,          „         246 

,.                    ,1                °*3, 

14,          „         240 

&»7, 

16,          „         298 

,.                   .,                Ö-2S- 

12,          „         262 

13,          „         274 

;,     ::    .w 

10, 

200 

4.«, 

13,          „         292 

4.47, 

11,          „         246 

4.„, 

13,           „          296 

4.,7, 

9,          „         206 

4.U| 

11, 

260 

,.            ,.         4.j,, 

12 

277 

„              ,>           4-os, 

s;    ; 

296 

ii, 

278 

.. 

ii, 

,         305 

9.    , 

251 

10, 

,         283 

"         11 

io! 

,         310 

>- 

8, 

,         248 

10, 

,        311 

12,         , 

389 

8, 

,         273 

9     ' 

9.         , 

310 

6,         , 

224 

2.„, 

«, 

,         268 

2.S4 

7 

299 

"' 

5 

,        221 

9 

,         403 

e; 

,         312 

&, 

264 

l.rt, 

4, 

.         213 

1.81, 

4, 

,         255 

1-5», 

*: 

.         193 

1.J.V 

3, 

,         223 

1.4, 

ö,          , 

373 

1-«, 

3. 

245 

3, 

250 

1.IS. 

3, 

,         264 

o.w, 

^ 

313 

o.S6, 

3. 

.         312 

o.„. 

2, 

,         265 

o.,„. 

2, 

291 

o.ö5, 

2,          , 

305 

Die  Aetiolog-io,  der  Betriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindhettfiebera.        ^47 

Juli       .........  1843  Percent-Amheil  0.M.    Todte  I.  Geburten  101 

.luü.     .........  1S)k         ..            ..                       ..  1.  ..  369 

März 1XJ«         ..             ..  ". 0,  27H 

tagost 1848         ..            ..  000,       M  0,  961 

Wenn  wir  die  Jahresrapporte  der  26  Jahre  des  Bestehens  der 
ersten  riebürklmik,  uämlich  vom  Jahre  1833  bis  inclusive  1858,  in 
Bezug-  auf  (ebei-füllung  prüfen,  so  zeigt  sich,  dass  in  13  Jahren  die 
absolute  Sterblichkeit  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung  grösser  wiyr, 
als  bei  der  grössten  Ueberfüllung  im  Jahre  1852  mit  4471  Geburten, 

Tabelle  Nr.  XLIX  zeigt. 


Tabelle  Mr.  XLIX. 

Jahr 

Geburten 

Todte 

Prct.-Amhl. 

1471, 

181, 

4,.. 

Geburt,  wenig. 

Todt^  in i-l ii 

1854 

4393, 

400. 

9-i  ii, 

78, 

819 

IH46 

4010, 

459, 

461, 

27K 

197, 

Ö*B, 

16 

3659, 

198. 

BIS, 

17 

1S4:> 

34!HJ. 

841, 

11  >.... 

979, 

60 

L842 

:«H?. 

618. 

15™, 

337 

1844 

3157, 

SSO, 

|S.'  .  ■ 

1314, 

79 

IS  IM 

3061 K 

274, 

1411, 

aa 

3036. 

237, 

7 

1435, 

56 

1S40 

•JSS'.I. 

267, 

*••*«■ 

1582. 

86 

LS»? 

2765, 

251, 

0 

1706, 

70 

18*5 

8677, 

200. 

7-47, 

1794. 

19 

1884 

S6&7, 

205, 

7.,,, 

1814, 

24 

Wenn  wir  aber  die  relative  Sterblichkeit  berücksichtigen,  so  war 
dieselbe  innerhalb  16  Jahren  grösser  bei  einer  geringeren  Ueber- 
füllung, als  bei  der  grössten  Ueberfüllung  im  Jahre  1852,  wie  Tabelle 
Nr,  XLIX  und  L  zeigt. 

Tabelle  Nr.  L. 

1852      Geburten  4471,  Todte  181,    Percent-Antheil  4.04, 

1847            „         3490,  „  176,          „           „        b«t,  Geburten  weniger  Bfil 

2781.  „  151 5,,            „                „  (880 

1835             „          9678,  „  143,                                                    „                „  im 

In  neun  Jahren  war  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung  auch  eine 
geringere  Sterblichkeit,  aber  das  Jahr  1838  ausgenommen,  fallen  die 
übrigen  acht  Jahre  in  die  Zeit  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen, 
wie  Tabelle  Nr.  LI  zeigt. 


Tabelle  Hr.  LI. 

Jahr 

Geburten 

Todte 

Pret.-AiiTlil. 

4471. 

181, 

Geburt.  w*:ntg. 

Todte  w 

1853 

4221. 

94, 

-V 

250, 

87 

1857 

4220. 

124, 

'-■■!.. 

251. 

57 

4203. 

86, 

2.04. 

268, 

95 

1851 

4194, 

75, 

277, 

106 

1856 

3985. 

156, 

'"••i>Ti 

546, 

25 

1848 

3868, 

103. 

»•Mi 

613, 

TS 

3745, 

74. 

1,1.:, 

72«, 

107 

IMS 

4.'., 

1-X7. 

M6, 

186 

1838 

2987, 

91, 

o.ot, 

1484, 

90 

248 


Stmmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Wenn   wir  die   einzelnen  Jahre  je   nach   dem   Grade   der  Vor- 
gekommenen Ueberfüllung  aneinanderreihen,  so  zeigt  sich,  der  Abnahme 
der  Ueberfüllnng  entaprediend,  keine  allmllige  Abnahme  der  8t 
liebkeit,  wie  Tabelle  Nr.  LH  zeig-t. 


Tabelle  Nr 

LH. 

1852 

Gebarten 

4471, 

Todte 

183. 

Percent-Anthei 

4M, 

1854 

H 

4L  Kl. 

,„ 

•1 

9,,o,    Geburten  wen 

ger       78 

|Kf.-5 

4221, 

"r 

94, 

■»1 

1t 

-'    1    1  •                           TP                                    1 

2.50 

1867 

„ 

1280. 

it 

124, 

■  < 

St 

»»Hl               •«                    j 

861 

1858 

n 

421«, 

II 

86, 

■• 

1? 

-•Oll                      11                              t 

, 

1851 

r? 

4194. 

• 

Ii 

)t 

l-7h, 

.          871 

1846 

»t 

4010. 

459, 

ff 

)p 

IL«, 

4«;i 

1 866 

tl 

3885, 

p 

156, 

ij 

lr 

3-n7i                 ,i                      , 

M6 

1849 

n 

3858, 

ft 

108, 

n 

n 

2-b,i,                 -                       r 

618 

1850 

»i 

3745. 

IT 

74, 

n 

rf 

l'P7i               n 

,          726 

1833 

11737, 

n 

197, 

91 

n 

&*»,              n 

784 

l  Böö 

H 

3668, 

ii 

1  U8. 

jt 

>• 

&-4ii              h 

812 

1848 

3556, 

TP 

»I 

ii 

1«. 

, 

1845 

H 

3492, 

1t 

241, 

!> 

n 

«*., 

879 

1847 

■•9 

B480. 

176, 

-• 

ti 

a'f>*j            m               i 

,          981 

1842 

|J 

3287, 

„ 

518. 

<• 

ii 

1-V- 

1184 

1*4-1 

3157, 

If 

260, 

• 

it 

&1  ll                   H 

1.U4 

1843 

306(1, 

274, 

8-ufii             ii                  i 

1411 

1841 

'1 

3036, 

tl 

887, 

11 

ii 

«■tti              >i 

1435 

1838 

I, 

2987, 

|| 

91, 

Jf 

51 

3'0*j             H 

14*4 

1840 

H 

8888. 

i| 

267, 

M 

9*41 

1582 

1839 

v 

2781, 

11 

151. 

1) 

1t 

'?'tltl                       H 

1690 

t8ffl 

n 

2765. 

-'.vi, 

11 

"1 

•',."-                      .,                             | 

1706 

Ifi86 

ft 

2677, 

19 

200, 

PI 

IV 

7«. 

,        1794 

1SHI 

ji 

2667. 

205, 

■r 

n 

'•Mi 

»         1814 

1835 

»j 

2573. 

rJ 

143, 

»1 

>» 

5-BIS, 

1898 

Wenn  wir  die  einzelnen  Jahre  nach  der  absoluten  Sterblichkeit 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich,  der  Abnahme  der  absoluten  Sterblich- 
keit entsprechend,  keine  Abnahme  im  Grade  der  Ueberfüllung,  wie 
Tabelle  Nr.  LIII  zeigt. 


Tabelle  Nr.  LIII. 

1842Todte518.l,ct 

-Ath.l6.ia,l 

eburt.3287 

1852Todtel8l, 

JVt. 

-Ath.  4.04,  Gebart.  4471 

1846     „ 

459, 

n 

»        11« 

n 

4U10 

1847 

176. 

fl 

n 

N 

3490 

1854     , 

400, 

n 

n       9-10, 

B 

4393 

1 868 

51 

168, 

71 

R 

3-97. 

r> 

3925 

1843     _ 

274, 

ri 

51          "'»Ol 

t> 

,3060 

1839 

53 

151, 

31 

n 

5.«, 

n 

2781 

1840    „ 

267, 

n 

51         9-t4i 

n 

2889 

1835 

51 

143, 

91 

51 

ö.RB, 

2573 

1844  ; 

260. 

TT 

n         8'»»» 

n 

3157 

1857 

59 

184, 

Jl 

51 

-WH, 

n 

4220 

1837     „ 

251, 

TJ 

D 

•• 

2765 

1849 

h 

fl 

5| 

2(M»| 

n 

3858 

1845     „ 

241, 

11 

n        jj-wj. 

3498 

1853 

94, 

Tl 

R 

2.13, 

ji 

4221 

1841 

237, 

Tl 

»               '•HOt 

■■ 

3036 

1 K38 

n 

91, 

R 

3-öj. 

p 

2'.  IST 

IBM  : 

205, 

ji 

"             _       "1 

■■ 

2667 

1858 

n 

88, 

*» 

tl 

~:.,l. 

yi 

4203 

1836     „ 

200, 

7J 

n         »>4ti 

n 

8877 

1851 

r 

75, 

71 

t| 

'-■;s. 

n 

4194 

1855     p 

198, 

fj 

n       ö.*,, 

■i 

3659 

1850 

n 

74, 

n 

51 

l'VJl 

n 

3745 

1833     „ 

197, 

71 

51 

n 

3737 

1848 

n 

45, 

55 

1«. 

0 

3668 

Wenn  wir  die  einzelnen  Jahre  nach  der  relativen  Sterblichkeit 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  keine  der  Abnahme  der  relativen 
»Sterblichkeit  entsprechende  Abnahme  der  Ueberfüllung,  wie  Tabelle 
Nr.  LIV  zeigt. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  niid  die  Prophylaxis  des  Kittdbettfieben.        249 


Tabelle  Nr  LIT. 

1842  P( 

t-AÜLlÖ.7ll 

&18.Gebiurt8287      1855  PcL-Ath 

'■'  "■ 

r..«n- 

staut.  3869 

..  11.., 

,, 

459. 

„ 

4i  im     1683   .. 

*? 

ri 

197. 

■l 

3737 

1840    . 

II 

t<           JK4l 

*i 

•267, 

II 

2889       1847    .. 

Ij 

*i 

176, 

•■ 

3490 

1H54    . 

..     o.,14. 

«» 

MO, 

I" 

4393      1862  ., 

1 J 

4<M, 

IS!. 

n 

4471 

1887 

n         9-0»1 

fi 

261, 

fi 

2765   1    1856    „ 

•■*•»*» 

Fl 

156, 

1843    . 

•■          8. ,,.-,, 

n 

274, 

*i 

3060       1H38    „ 

1 

•'-II . . 

ii 

91, 

ri 

3981 

1S44    . 

1»         ö-SHi 

n 

300, 

ri 

3157 

1857    „ 

1? 

2.8«, 

124. 

<t 

4220 

1K41    . 

.,                       '•,!.. 

ri 

237, 

M 

9086 

1849  „ 

11 

81 

JOS. 

»j 

8868 

"    !"• 

n 

206, 

u 

2057 

1853    ., 

c; 

94. 

4221 

183«    , 

>"       '-llt 

11 

200r 

31 

2677 

1858    ,. 

11 

2-o«  i 

*t 

16, 

4203 

1846    . 

•1         ^»•»üi 

241, 

'• 

H492       1850    ., 

1J 

Ui. 

»i 

74, 

|| 

8746 

18SÖ   . 

P     ft*ai 

t1 

148, 

JF 

2573 

1851     .. 

1" 

1>. 

ii 

«5, 

M 

4194 

1839    . 

„           •->,, 

II 

151, 

I» 

2781 

184S   .. 

II 

Ut, 

•i 

45, 

3556 

An  der  zweiten  Gebürklinik  ereignete  sich  die  grösste  Ueber- 
fiilhing  während  der  26  Jahre  ihres  Bestehens  im  Jahre  1858.  I!s 
winden  in  diesem  Jahre  verpflegt  4179  Wöchnerinnen,  davon  starben 
80,  also  1 ..,;!  Percent,  in  20  Jahren  war  die  absolute  Sterblichkeit 
grösser  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung,  wie  Tabelle  Nr.  LV  zeigt. 


Tabelle  Hr.  LT. 

Jahr 

Geburten 

Todte 

Percent-Autheil 

1858 

4179, 

60, 

u, 

Gehurt  en  weniger 

Tadte  mehr 

1867 

3786, 

8& 

2.,., 

384, 

23 

1846 

3754, 

105, 

&m 

425. 

45 

1853 

.-I-1SII. 

67, 

GJ 

699. 

7 

1854 

8896, 

210, 

[">.,>. 

783, 

150 

1861 

121, 

8>Mi 

784, 

61 

1848 

3371. 

ST, 

2-r,», 

BOB, 

27 

1868 

102. 

•';,. 

819, 

132 

1845 

3241, 

6(i, 

2-osi 

938, 

6 

.•'•HTM. 

186. 

•«Off, 

1109, 

65 

1S44 

8956, 

68, 

-   10) 

1223. 

8 

1855 

2938, 

174, 

5M, 

1241 

114 

1848 

2739, 

1H4, 

'_'■"-■ 

1440. 

104 

1842 

2659, 

202, 

•■»ii 

1520, 

142 

1841 

2442, 

86, 

'••-.j, 

1737, 

86 

1839 

2010, 

81, 

2169, 

31 

1881 

17K4. 

124. 

6.i*u, 

8396, 

64 

1838 

1779, 

ss. 

2400, 

28 

L884 

1744, 

150, 

s.,.,,, 

2435, 

90 

1885 

1682. 

84, 

24 

1836 

1070. 

131, 

8509, 

71 

Wenn  wir  aber  die  relative  Sterblichkeit  berücksichtigen,  so  w.u 
dieselbe  in  23  Jahren  bei  einer  Liviingeren  Ueberfüllung  grösser,  ;ils 
bei  der  grössten  Ueberfüllung  im  Jahre  1858,  wie  Tabelle  Xr.  LY 
und  LVI  zeigt. 


Tabelle  Hr. 

LTI. 

Gehnrten 

4170, 

Todte  60, 

Percem-Aiithi'il  l.ia, 

IS."!) 

ii 

3861, 

b      54, 

11 

,_ 

1  IV.'.. 

Getauten 

weniger 

918 

1*40 

■  i 

2073, 

„      55, 

11 

i, 

-■•ar.i 

11 

n 

8106 

'» 

858, 

.,       8, 

•5 

?! 

-',-. 

•• 

Nur  in  zwei  Jahren  war  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung  auch 
eine  geringere  Sterblichkeit,  als  bei  der  grössten  Ueberfüllung  im 
Jahre  1858,  und  zwar: 


250                   nelweis' 

n'lluna 

en  mi'l  Werk  Qbe 

t  iius  Kindbett 

1858      Geburten  4179. 

Todte  60, 

Percent-Anthcil  1.,,. 

1847             „       8306, 

■'- 

■1 

Gebarten  weniger    873 

1848             „       8819, 

..      -i: 

ii 

l. 

960 

Wenn   wir   die    einzelnen    Jahre   je    nach    dem    vorgekommenen 

Grade  der  Ueberfülliing  der 

zweiten  Gebärklinik  aneinanderreihen,  so 

zeigt  sich  keine  der 

Abnahme  der  reberfüllnng  entsprechende 

Abnalnni' 

der  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  Nr.  LVII  zeigt 

Tabelle  Hr.  L?II. 

18B8      Geburten  41  TU. 

Todte  60. 

Percent-Anfhei 

1-4» 

1857             „       B796, 

«.      83, 

ii           ii 

2.,,.      Geburten  weniger    '■ 

1846             „       8764, 

.,   106, 

''■:■>■ 

426 

1863              „        3480, 

..      87, 

M                         11 

I ..,_,. 

„         691» 

1854             „       3896, 

..  aio. 

H               " 

6.,,. 

„ 

L851             „       3395, 

„   m\ 

t .               »i 

784 

1849               „        3371, 

,.      17, 

■  • 

--.-.«- 

808 

is;>v         ..     saeo, 

..    199, 

f  •                              «1 

■ 

Hl  9 

1847                 „         3306. 

„     38, 

?1 

&M* 

978 

3261. 

..      54, 

ii                    f) 

Ul»i 

91 S 

164S              ,.        3841, 

..       156, 

11                     11 

-  •    •                   j 

„ 

1848             „       3219. 

„       43, 

f«                     •  * 

1 

.. 

1856                     3070, 

,,     125, 

»»               m 

4  ..;- 

„     Lioa 

1S44             „       2966, 

..       68. 

tt                ii 

2..,.. 

1223 

lK.v-                     8938, 

..     174, 

1"                it 

5.o  j, 

L241 

1848             .,       873», 

..      Hi4, 

ff                         17 

5,|IH. 

,.        1440 

1842 

„     202, 

ii                         »1 

'   .'i 

„      1580 

1841             „       2442. 

..      86, 

f  •                         If 

, 

1  737 

1840             „       207S. 

55, 

• i                        >• 

2  .,-,, 

.,      2106 

1839               .,        2010, 

..       91. 

1    . 

2169 

1887                       1784. 

„     124. 

ffl                               T| 

|:-                      1 

„      2396 

1838               „        1779, 

,,       88, 

•■                              1< 

I.M- 

„       240«» 

1884               r,         1744. 

„     150, 

•  >                              •- 

8o». 

.,      9 

1835          „      1682, 

B4. 

71»                         H 

c 

„      2497 

1836             „       1870, 

.,     131, 

*i                        »1 

7.«, 

..      2609 

1833                          363, 

8, 

1*                         ?3 

-•-"• 

,.      3826 

Wenn  wir  die 

einzelnen  Jahre  der  zweiten  Gebärklinik  nach  d.-r 

absoluten  Sterblichkeit  aneinanderreihen,  so 

zeigt  sich  keine 

der  Ab- 

nähme  der  absoluten  Sterblichkeit   entsprechende  Abnahme  im  Grade 

der  Ueberfüllung.  wie  Tabelle  Nr.  LVJIl  zeigt. 

Tabelle  Hr-  LVItt. 

IHM  Todte  210, 1'ct.-Ath.  Bo,,  Gehurt  8896 

1869  Todte  87,  Pot-AtJuBt», Gebart  3371 

1H42      „    968.    „      „ 

7.»o,        „ 

2659 

1841       ., 

86,     ,,       „    3. Mi 

.,      2442 

LSfifl      .,     192 

&-7ll 

3380 

1835      .. 

84,     ,,       ..     4.WP, 

..       1682 

lKrw       ...     174.     .,       ., 

6.«i      i) 

2938 

1 867     „ 

83,     „       „     2m 

„      3795 

1843      .,     164,     „       .. 

D-Mi          if 

273!» 

1844      ., 

68,     „ 

.       2968 

1834       H     150,     . 

"•00. 

1744 

1853 

67,     „      ,.     Lm, 

„       3480 

1836      .,     131,     ..       „ 

'■•!•                IT 

1670 

1845       ., 

6b,     „       „     2 .,, .. 

.,       3241 

1856      „     126 

•»-,;.          „ 

9070 

1858     ,. 

60 1 

.,       4179 

1837             124,     .,       ., 

"•Btl  1              1 1 

1 784 

IS40       „ 

OÖ»     n       ti     B.aTi, 

..      2«  »7:; 

IBM      „     121 

3-ft«,        ii 

3395 

1860      „ 

o4.     „       „     1 

.,      3261 

1H46      „    105,    „      „ 

2-70  (           »i 

3754 

1848      „ 

*&,     „      n     1 

.         5219 

1838      .,      91 

>-.<.          M 

KMO 

1847      „ 

BS,    ..      .,    Q 

..      3306 

1838       „       88.     „       „ 

4»»-             II 

1779 

1888      „ 

Bj     pi      ii    2.,b, 

.. 

Auch  der  allmälig  abnehmenden  relativ 

en  Sterblichkeit  entspricht 

keilte  aUm&Kge  Abnahme  in 

der  l'eberlüllung,  wie  Tabelle 

Nr.  LIX 

zeigt. 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        251 


Tabelle  Hr.  UX 

1834  Pct-Ath.  8.W,  Todte  150,  Geburt.  1744  i  1841  Pct. 

-Ath.  3.w, 

Todte  86,  Geburt.  2442 

1836    „ 

,    7-h«,      , 

,     131, 

M 

1670 

1846    „ 

ii    2.79, 

„    105, 

,      3754 

1842     „ 

,      7-5P,         , 

,     202, 

J) 

2659 

1840    „ 

„    2,as, 

11      ob,       , 

,      2073 

1837     „ 

,    6qp,      , 

,     124, 

II 

1784 

1849    „ 

11    2.ftH, 

!,      87, 

,      3371 

1854     „ 

,    6.,,.      , 

,    210, 

11 

3396 

1844    „ 

u    2.j0t 

„      68, 

,      2956 

18*3    „ 

»    &•#*,      • 

,     164, 

11 

2739 

1833    „ 

v     *•*»» 

11        8,       , 

,       353 

1855     „ 

,    b.„.      , 

,     174, 

11 

2938      1857     „ 

9 

11        *•!•«! 

„      83, 

.      3795 

1853    „ 

,    ö.7l,      , 

,     192, 

11 

3360      1845    „ 

Ii       *-01, 

„      66,       , 

,      3241 

ia%   „ 

,       4-91».          , 

,      84, 

11 

1682       1853     „ 

II       '■92| 

„      67,       , 

,      3480 

1838    „ 

,       4.94,          . 

,      88, 

t? 

1779 

1850    „ 

11       l-85i 

„      64,       , 

.      3261 

1839    „ 

,    4.,,,       , 

,      91, 

H 

2010 

1858    „ 

II       l|43t 

„      60,       , 

,      4179 

1856    „ 

,    4.o„      , 

,    125, 

)» 

3070 

1848    „ 

11       1-SJi 

1.      43,       , 

,      3219 

1851    „ 

,    3.M,      , 

,    121, 

Jf 

3395 

1847    ., 

II   o.fl6, 

„      32,       , 

.      3306 

Die  grösste  Ueberfüllung  des  Wiener  Grebärhauses,  als  Ganzes 
genommen,  ereignete  sich  innerhalb  der  75  Jahre  ihres  Bestehens  im 
Jahre  1858.  Verpflegt  wurden  in  diesem  Jahre  8382  Wöchnerinnen, 
davon  sind  gestorben  146  =  1^4  Percent,  also  in  28  Jahren  war  die 
absolute  Sterblichkeit  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung  eine  grössere, 
wie  Tabelle  Nr.  LX  zeigt. 


rabelle  Hr.  LX. 

Jahr 

Geburten 

Todte 

Prct-Anthl 

1858 

8382, 

146, 

I.74, 

1857 

8015, 

207, 

2-58i 

1852 

7381, 

373, 

4-7«, 

1854 

7789, 

610, 

7.«, 

1853 

7701, 

161, 

2.0», 

1851 

7589, 

196, 

2-sn, 

1849 

7229, 

190, 

2  oii 

1847 

7039, 

210, 

2-oh, 

1846 

7027, 

567, 

8-0«! 

1856 

6995, 

281, 

4-oii 

1845 

6756, 

313, 

4-esi 

1855 

6597, 

372, 

5-«3 1 

1844 

6244, 

336, 

5-SH, 

1842 

6024, 

730, 

1a.11. 

1843 

5914, 

457, 

7-7., 

1841 

5454, 

330, 

6-05i 

1840 

5166, 

328, 

6-**, 

1839 

4992, 

248, 

4.96, 

1838 

4560, 

179, 

3-0«, 

1837 

4363, 

375. 

8-5»! 

1834 

4218, 

355. 

8-41, 

1836 

4144, 

331, 

••9*> 

1835 

4040, 

227, 

5-5. , 

1833 

3907, 

205, 

5-i5. 

1831 

3353, 

222, 

6-6*1 

1819 

3089, 

154, 

4  <»., 

1823 

2872, 

214, 

••45, 

1825 

2594, 

229, 

8-mi 

1826 

2359, 

192, 

8-1*, 

Geburt,  wenig. 

Todte  mehr 

367, 

61 

551, 

227 

593, 

464 

681, 

15 

793, 

50 

1153, 

44 

1343, 

64 

1355, 

421 

1387, 

135 

1626, 

167 

1785, 

226 

2138, 

190 

2358, 

584 

2468, 

311 

2928, 

184 

3216, 

186. 

3390, 

102 

3822, 

33 

4019, 

229 

4164, 

209 

4238. 

185 

4342, 

81 

4475, 

59 

5029, 

76 

5293, 

8 

5510, 

68 

5788, 

83 

6023, 

46 

Wenn  wir  aber  die  relative  Sterblichkeit  berücksichtigen,  so  war 
dieselbe  in  43  Jahren  bei  einer  geringeren  Ueberfüllung  grösser  als 
bei  der  grössten  Ueberfüllung  im  Jahre  1858,  wie  Tabelle  Nr.  LX 
und  LXI  zeigt. 


252 


SemtnelweiB" Abhandlungen  nnd  Werk  Ober  das  Kindbettfieber. 


Tabelle  Hr. 

LXI. 

1858 

Geburten  8382, 

Todte  146, 

Percent-Antheil  1.74, 

1850 

n 

7006, 

II 

128, 

ii 

„             1-M, 

Geburten 

weniger 

1376 

1832 

jj 

3331, 

IT 

105, 

,, 

i,             3.JB, 

II 

!• 

5051 

1829 

ii 

3012, 

II 

140, 

?j 

„           4.M. 

II 

11 

5370 

1820 

n 

2998, 

17 

75, 

71 

,»             2.80, 

II 

11 

5384 

1824 

n 

2911, 

JJ 

144, 

JJ 

n          4-94, 

II 

11 

5471 

1828 

n 

2833, 

1) 

101, 

ff 

>»           3.ftj, 

II 

5546 

1830 

n 

2797, 

II 

111, 

JJ 

,,             "••7t 

II 

II 

5585 

1818 

ii 

2568, 

II 

56, 

rj 

»I           *'I8» 

II 

11 

5814 

1827 

u 

2367, 

II 

51, 

jj 

>t           2.i5, 

|f 

»• 

6015 

1800 

n 

2070, 

II 

41, 

jj 

Jt                '-»8J 

II 

11 

6312 

1814 

•  1 

2062, 

ff 

66, 

jj 

„             "-»Ol 

II 

Jl 

6320 

1796 

ff 

1798, 

II 

38, 

jj 

2 

II 

tT 

6614 

1793 

IT 

1684, 

)? 

44, 

jj 

t?        *.(n, 

II 

11 

6698 

1811 

71 

1050, 

II 

20, 

jj 

JJ             1-80» 

II 

11 

7332 

1784 

M 

284, 

■I 

6, 

jj 

„        2.n, 

II 

II 

8098 

Wenn  wir  die  75  Jahre  des  Bestehens  des  Wiener  Gebärhauses 
ungetrennt  in  zwei  Abtheilungen  nach  dem  Grade  der  Ueberfüllung 
aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  keine  Uebereinstimmung  zwischen 
Ueberfüllung  und  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  Nr.  LXII  zeigt. 


Tabelle  Ir. 

LXII. 

1858 

Geburten  8382, 

Todte  146, 

Percent-Antheil  1.54, 

1857 

71 

8015, 

n 

207, 

71 

71 

2.ft8j 

Geburten 

wenigei 

367 

1852 

77 

7831, 

jj 

373, 

71 

r 

4-76, 

71 

r 

551 

1854 

n 

7789, 

u 

610, 

7» 

71 

?•«, 

r 

593 

1853 

11 

7701, 

jj 

161, 

71 

r 

2-09i 

71 

n 

681 

1851 

71 

7589, 

n 

196, 

71 

71 

2-68« 

71 

n 

793 

1849 

n 

7229, 

n 

190, 

71 

T 

2-62  f 

71 

r 

1153 

1848 

n 

7095, 

n 

91, 

71 

r 

1-*8j 

71 

f; 

1287 

1847 

71 

7039, 

n 

210, 

71 

r 

2-881 

71 

71 

1343 

1846 

71 

7027, 

n 

567, 

17 

r 

8-081 

71 

T* 

1355 

1850 

7) 

7006, 

n 

128, 

71 

11 

1-hSj 

71 

tl 

1376 

1856 

» 

6995, 

n 

281, 

71 

71 

4-oi  i 

71 

71 

1387 

1845 

7) 

6756, 

jj 

313, 

n 

r 

4.$s, 

71 

77 

1626 

1855 

71 

6597, 

jj 

372, 

71 

r 

5«s» 

71 

Tl 

1786 

1844 

71 

6244, 

ji 

336, 

7* 

t 

6-881 

71 

71 

2138 

1842 

71 

6024, 

n 

730, 

n 

Y 

12.,., 

71 

7» 

2358 

1843 

71 

5914, 

n 

457, 

71 

r 

••78» 

71 

77 

2468 

1841 

71 

5454, 

jl 

330, 

JJ 

t 

6-05j 

71 

Jl 

2928 

1840 

71 

5166, 

Tl 

328, 

71 

r 

6-44, 

71 

77 

3216 

1839 

71 

4992, 

n 

248, 

71 

y 

4»«. 

71 

71 

3390 

1838 

n 

4560, 

jl 

179, 

71 

"•Ml 

7J 

77 

3822 

1837 

71 

4363, 

n 

375, 

71 

t 

ö  ivfi. 

71 

Tl 

4019 

1834 

71 

4218, 

n 

355, 

71 

n          8'4lt 

71 

7" 

4164 

1836 

71 

4144, 

ji 

331, 

tl 

r*            '-ftHi 

71 

JJ 

4238 

1835 

11 

4040, 

jj 

227, 

.        5.«,, 

|J 

)» 

4342 

1833 

11 

3907, 

jj 

205, 

1             0'25j 

?! 

•  7 

4475 

1831 

11 

3353, 

jj 

222, 

i        6.a2, 

ff 

yt 

5029 

1832 

II 

3331, 

JJ 

105, 

,        3.15, 

1» 

!• 

5051 

1821 

11 

3294, 

jj 

55, 

1                *•««! 

JJ 

JJ 

5088 

1819 

11 

3089, 

jj 

154, 

J             4-08, 

J| 

?T 

5293 

1822 

17 

3066, 

ij 

26, 

,     o.„, 

ff 

6316 

1829 

71 

3012, 

jj 

140, 

,        4.64, 

J« 

5370 

1820 

II 

2998, 

11 

75, 

»        2.^0, 

M 

17 

5384 

1824 

77 

2911, 

11 

144, 

J             4-»*l 

'7 

II* 

5471 

1823 

71 

2872, 

11 

214, 

,             7-4», 

1? 

5510 

1828 

JT 

2833, 

ii 

10l! 

,     a£ 

5549 

1830 

11 

2797, 

ii 

111, 

I             •'•OTi 

J* 

5585 

1817 

» 

2735. 

11 

25, 

,     o.„, 

)• 

M 

6647 

Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        253 


1825 

Geburten  2594, 

Todte  229, 

Perceut-Antheil  S.Ht, 

1815 

11 

2591, 

II 

19, 

V 

I» 

o.„, 

1818 

|| 

2568, 

11 

66, 

,» 

11 

2.,H, 

1816 

}} 

2410, 

11 

12, 

,, 

11 

o.«, 

1827 

11 

2367, 

11 

51, 

,, 

11 

2-iü, 

1826 

»1 

2359, 

11 

192, 

1, 

11 

8.1», 

1802 

V) 

2346, 

1) 

9, 

J, 

11 

o.,„, 

1803 

I) 

2215, 

1) 

16, 

,' 

11 

0.71, 

1806 

11 

2112, 

11 

9, 

,, 

11 

0*0, 

1801 

11 

2106, 

11 

17, 

J, 

11 

0.HO, 

1800 

11 

2070, 

11 

41, 

,, 

11 

1..H, 

1799 

M 

2067, 

|| 

20, 

,, 

11 

0.„e, 

1814 

)J 

2062, 

11 

66, 

,, 

II 

ö.j0, 

1798 

11 

2046, 

|| 

5, 

,, 

11 

0.*4, 

1804 

ff 

2022, 

H 

8, 

,, 

O.s», 

1797 

11 

2012, 

11 

5, 

,, 

rl 

0.J4, 

1813 

|| 

1945, 

11 

21, 

,, 

11 

lo». 

1796 

11 

1904. 

11 

22, 

J, 

ji 

1.,«, 

1806 

ff 

18751 

11 

13, 

«, 

11 

o.„, 

1795 

1798, 

)f 

38, 

,, 

li 

2.n, 

1794 

11 

1768, 

II 

7, 

I) 

11 

0-,9, 

1793 

11 

1684, 

1« 

44, 

,, 

IT 

2«i» 

1792 

11 

1574, 

)1 

14, 

,, 

11 

o.S9, 

1788 

II 

1425, 

11 

5, 

,, 

II 

o.8R, 

1812 

11 

1419, 

;t 

9, 

,, 

0.«, 

1787 

IJ 

1407, 

|| 

5, 

,' 

*| 

o.«. 

1791 

IJ 

1395, 

11 

8, 

J' 

o..,„ 

1790 

n 

1326, 

n 

10. 

1, 

i? 

0-75. 

1789 

■j 

1246, 

n* 

7, 

|i 

&M, 

1786 

IT 

1151, 

1' 

Öi 

1* 

0.41. 

1811 

1050, 

20. 

„ 

l'BO» 

1807 

I? 

925, 

6. 

0«4. 

1809 

912, 

13, 

1«, 

1785 

899, 

13, 

1-44. 

1808 

«1 

855, 

7. 

•} 

!• 

O.H„ 

1810 

J« 

744, 

ii 

6, 

O.HO, 

1784 

284, 

•» 

6, 

2ii, 

Geburten  weniger  5788 

,.  5791 

„  5814 

5972 

n  6015 

„  6023 

„  6036 

„  6167 

6270 

„  6276 

„  6312 

„  6315 

„  6320 

„  6336 

„  6360 

„  6370 

„  6437 

»  2KS 

„  6507 

..  6614 

„               '„  6644 

,,  6698 

„  6808 

„  6957 

„  6963 

„  6975 

»  SSI 

„  70o6 

,.  7136 

„  7231 

..  7327 

,.  7457 

;,       ,.  7470 

„  7483 

„  7527 

..  7638 

..  8098 


Wenn  wir  die  75  Jahre  des  Wiener  Gebärhauses  nach  der  ab- 
soluten Sterblichkeit  aneinanderreihen,  so  zeigt  sich  kein  Zusammen- 
hang zwischen  Ueberfüllung  und  absoluter  Sterblichkeit,  wie  Tabelle 
Nr.  LXHI  zeigt. 


Tabelle  Hr.  Ulli. 


1842  Todte  730,  Pct. 

•Ath.l2.u. 

Geburt,  6024 

1847  Todte  210.  Pct. 

•Ath.  2.98, 

Geburt.  7039 

1854 

11 

610,  ,. 

,»     7.HJ, 

„   7789 

1857  ., 

207,  .. 

,.   2.M, 

II 

8015 

1846 

11 

567,  „ 

„   8.06, 

.,   7027 

1833  ,. 

206,  ., 

.,  5*B| 

3907 

1843 

11 

457,  „ 

,.   7-7«, 

l,   5914 

1851  „ 

196,  ;, 

„   2.„? 

1« 

7589 

1837 

11 

375,  „ 

,.   8.B0, 

„   4363 

1826  „ 

192,  „ 

,.   8.12, 

2359 

1852 

lf 

373.  „ 

,•    *-76, 

„   7831 

1849  ,. 

190,  ., 

••   ^-«s. 

7229 

1855 

11 

372.  „ 

,i   6.aj, 

.,   6597 

1838  ,. 

179,  .. 

,,   3.92, 

4560 

1834 

H 

355.  ., 

„  ?.„: 

„   4218 

1853  „ 

161.  ., 

.,    ^-0», 

7701 

1844 

11 

336,  ., 

••         °-3M» 

.,   6244 

1819  „ 

154,  „ 

,,   4.9,1,, 

JI 

3089 

1836 

Tl 

331.  .. 

„    7.pa, 

„   4144 

1858  „ 

146,  „ 

„         1-74, 

II 

8S82 

1841 

1* 

330;  ,. 

,.   6.0ft, 

.,   5454 

1824  „ 

144,  „ 

„  4.M, 

n 

2911 

1840 

11 

328.  .; 

,.  6  44, 

.,   5166 

1829  ., 

140,  „ 

„  4.M| 

11 

3012 

1845 

11 

313,  .. 

••   4.M, 

6756 

1&50  ,. 

128.  „ 

?!     1-N2, 

n 

700(5 

1856 

281,  .. 

,-   4.Q1, 

„   6995 

1830  ,. 

111,  „ 

.,   3.97, 

r 

2797 

1839 

w 

248.  ., 

,,   4.9Ö. 

.,   4992 

1832  „ 

105,  „ 

.,  8.,* 

r» 

3331 

1825 

11 

229.  „ 

,,   8.&2. 

.,   2594 

1828  „ 

101.  „ 

,,   3.M. 

2833 

1835 

11 

227,  ., 

„   ö.ai, 

M   4040 

1848  ,. 

91,  „ 

,.    l.»N, 

11 

7095 

1831 

11 

222.  ,. 

,.   6.62, 

.,   3353 

1820  ., 

75,  „ 

.,   2.ß0, 

r 

2998 

1823 

r» 

214,  „ 

,,   7.45. 

„   2872 

1814  ;. 

66.  „ 

„    3-20, 

n 

2062 

254            Senimelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettlieber. 

lSlft  Tod!«  68,  IM    uh  2.,..  Geburt. 2568 

1816  Todte  12,  Fet.-Ath.  0.4U,  Geburt  2410 

1821    ,.       66,    .            ln0r      „       3294 

1790    „        10,    .,       ,.      0.7„ 

»t 

1826 

1887     ,.        &1,   ..      .,      2.;.„       ..       2367 

1«12     ..          9,    .,       „      0.Mf 

■1 

1419 

171)3     .,        44,    _       .,      &1,       „        1684 

1806    „        '■'.   „      .. 

2112 

1HII0     „        II.   .,      .,      l.„s,      „       8070 

1808    „        8,   ,.      .,     (>.„, 

ff 

3346 

1785    „        38 S.ji,      .. 

1804    „        8,   „      ..     0  .., 

11 

1822   „      26r  „     „    o..„     „     am 

1781    „        B 

PI 

[396 

1817             85 0 ,       2735 

1794                7 0,1B) 

■• 

L768 

17%     „        22 l.l(„       ,        1904 

1789    .,         7 0.Stt! 

II 

1846 

1813    ..       21,    „      .f      1...      ..       194Ö 

'K!L^     ..          7,    ,,       ,.      <•.,. 

ir 

855 

1811    .,       80,   ,,       .      1     .      „       1060 

1807     „          6,    „       .,      0.fl4i, 

20 0.M,       „       20(17 

1810    „                              U.,, 

•• 

744 

1!» 0.7*,         n          -*'1 

1784    .,         8 SU, 

U 

884 

1*1     ..        17,   „      „     (U      „       81« 

1797    .,         6 0«, 

ii 

2012 

1803    ..        16,   „      ,.     0.„,      ..       8816 

1788    „         e (>,.. 

.. 

i486 

1792    ..        14 D.„.      ..       1..74 

1787      .          fi 0,,,, 

»' 

1407 

1809    .,        18 1 ..,..      „         912 

178Ü     „          5,    „       „      o.,,. 

f* 

1151 

„       13,   „                      ..        Bjffi 

1798    „         ö,   „      ,.      (>,,. 

t» 

2i  146 

1806    „       13 fcM,      -       1878 

Wenn  wir  (He   einzeitteu  Jahre   na<-h   der  relativen  Sterblichkeit 

aneinanderreihen,    so    zeigt    sich    keine   Uebereinstiminung 

zwischeD 

Ueberfüllung  und  relativer  Sterblichkeit,  wie  Tabelle  Nr.  LXIV 

zeigt. 

Tabelle  Hr.  LXIV. 

1842  l\t.-A t  h.  1 8.,  | ,  Todt<;730, Gebart.  6024 

i  784  Pet-Ath.  2., , ,  Todte    6,  Geburt.  284 

1826   ..       ..     8.„,          2-21»,      „      8S84 

1853     ..       „      20M,      „     161, 

»■ 

77(1! 

1837    „              B.M|      „    375, 

1800    „      „     l.o„     ..      41, 

■ 

207(1 

L834    .        .      B.    .      .    356,      ..      421* 

1811     „      „      1.U01      „      20. 

n 

1060 

1826    ..       ,      8.,,,      „     198,      .       2367 

1860    ..      .      1..,,     „     128. 

n 

7006 

18«    „       ,     8 „    567,      „      7087 

ia^8  „     „    i.,4,    H   M 

I! 

188«    „        B      7„8,      „     331,       „       4144 

1821     „       .      !.„,      „       55, 

3294 

1864   „       „      ln,      „    610,      „      7789 

•    „      „      l-.t,     „       18, 

n 

1843   n       ..      7,,,      ,.     457,      ..      5914 

L809     .            l,,2l     „      13. 

8 1 2 

1823    „        „      7.W|      „     214,       „       2872 

1848    „      .      L,»,      -      W, 

7096 

18S1    ..        „      6.02,      „     222,       „       3353 

1796    B      „      l.„,     M      22. 

n 

1904 

]H40   „       „      6.„,      „    328,      „      6166 

1813    „      „      1.^,     „      81, 

1945 

1841    ..       H      6.Wl      „    330,      „      5454 

i7;!;i    ..     ,    0.,,,    „     80 

'• 

1855    „        -      ö.„,      „     372,       „       6597 

1817    „      „     0.„„            85, 

27;!5 

L836    ..        „      5.<u,      ..     .'27.       B       4O40 

1792     ..       .,      •'. 14. 

u 

LÖ74 

1H44    „                                 BUS,       „       6244 

1822     „       n      a„,      .       26, 

r 

3068 

..      5..,,,      „     205,       „       3907 

1808    B      „     a...     „       7. 

— 

856 

IÖ18   „      n     4.„„.     n    154,      „      8068      ihm     ..      „     0... 

D 

2108 

:I    ,       n       l                248.      „      18 

1810     „       „      0.BUr      ,         fi. 

r 

744 

[824   „      w     4*            141.      ..      -in 

1790     n       „      0.„,      .        10, 

" 

132fi 

1862           ..      4.,,..      B    373,      .,      7881 

1816    ..      „      ('.,,      ..      19, 

2691 

1888    .       ,      U,      -     HO,      „      3' 112 

1806    „      n     0.,:(.     ..       LS 

n 

[846    ,.        ..                        313,       „       6756 

1803    ..       ..      ii,,.     B      16, 

pi 

8816 

1866    „        .      4,,,      „    281,      „      K99& 

1807    .,      „     01U.     „        6, 

w 

925 

1880   ..       „      3.„,      „111,      „      2797 

1818    „      ,     0.,,,,     r       9, 

n 

lll'.i 

18   „       „     3.n,     n    179.      n      4660 

1791   „    ..    aWl    B     8. 

H 

1888    ;■«,„„      n     101,      n      2883 

L789    H      ..     <),.,„     „        7. 

H 

1846 

1614  fl       „     3,,,,      „      66,       ,.      2062 

181fi     „       „      0.4 12. 

2410 

88    .,      „     3,lftl     „     105,       „      3331 

1786     „       B      «I,,.       .         6, 

" 

1151 

17     „       „     2„h,     „     210,       .,      7039   I 

I80r>     ..       .,      0„(,      ,         9. 

n 

2112 

184'.»     „       „      2.,,,.      „     ISO,        _       72 

1804     *      -     (I.,,,.      ,.        8. 

■■ 

8022 

..     2...,.     ..      44,             11 

17'.U      .,        ..       .i    ,                 7. 

1768 

•7    „      „     8.M,     .    207.       ..      8016 

1802    „      „     (i    . 

" 

1861    n      „     2,s.      .     196.       „      7589 

1788  „     B    o.„,    „      ;>, 

1820     ..       .      2,,u,      ,.       75,                2 

1787     ..      ,.     OLm,              5, 

1  1M7 

Isis    ..       .     2...     ,      56.             8668 

1797     .,       „      0.M| 

■" 

8012 

1*27    „      „     2.Tfil      „      51,       „      2387 

1788    n      n     0.,4,     „       h, 

?* 

2046 

1795     „       „      2,,,      „       38,        „       179« 

EHj    tattolegi&i  .Im  Umgriff  und  Hfl  Prophylaxis  des  Kimlbelttiehers.         255 


Als  wir  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  in  inrei 
Anwendung  zur  Erklärung  des  Plus  der  Sterblichkeit  an  der  ersten 
lirliiiiklinik  im  Vergleiche  zur  zweiten  einer  Prüfung  unterzogen, 
haben  wir  das  PnerperaL-Miaama  nicht  erwähnt,  weil  an  der  ersten 
ßebärklhrfk  nie  das  Paerperal-Miaama  zur  Erklärung  der  Sterblich- 
keit zu  Hilfe  genommen  wurde.  Hier,  wo  ich  mir  die  üifgabe  gestellt, 
die  bisher  giltige  Aetiologie  ohne  Rücksicht  auf  die  erste  Gebärklinik 
einer  Benrtheilung  zu  unterwerfen,  ist  es  nöthig,  meine  Ansicht  über 
das  Puerperal -Miasma  auszusprechen. 

Wenn  in  einem  Zimmer  mehren-  oder  viele  gesunde  Wöchnerinnen 
mir  ihren  Säuglingen  sich  befinden,  so  wird  die  atmosphärische  Luft 
des  Wochenzimmers  mit  den  Exhnlatiouen  der  vermehrten  Maut- 
thätigkeit.  der  Milchsecretion,  des  Lochialliusses  etc.  etc.  vermengt, 
und  wenn  diese  Exlmhitionen  nicht  durch  Ventilation  rechtzeitig  aus 
dem  W  tu  -henzimmer  entfernt  werden,  gehen  selbe  einen  Zersetzungs- 
arocess  ein;  die  nun  so  eine  Zersetzung  eingegangenen  Eskalationen 
bringen,  wenn  seihe  mit  der  atmosphärischen  Luft  des  Wochenzimmers 
in  die  Genitalien  der  Wöchnerinnen  eindringen,  das  Kindbettrieber 
hei  •vor. 

Wenn  in  einem  Zimmer  eine  oder  mehrere  kranke  Wöchnerinnen 
unter  gesunden  Wöchnerinnen  sich  befinden,  und  wenn  die  Krank- 
heiten, ob  Puerperalfieber  oder  eine  andere  Krankheit,  sergi 
Stoffe  exhaliren,  so  werden  diese  exhalirten  zersetzten  Stoffe,  wenn 
selbe  mit  der  atmosphärischen  Luft  des  Wochenzimmers  in  die  Geni- 
Lauen  der  gesunden  Wöchnerinnen  eindringen,  bei  denselben  Aas 
Kindhetttiebei  erzeugen. 

Wenn  man  das  unter  Puerperal- Miasma  versteht,  so  bin  ich 
damit  einverstanden.  Alles  darüber  hinaus  unter  Puerperal  M  ia-nt;» 
Verstandene  existirt  nicht. 

Um  die  Zersetzung  der  oben  angefahrten  physiologischen  Eskala- 
tionen ZU  verhüten,  genügt   die  Ventilation  durch  He  Auen  der  Fenster. 

Um  die.  Erkrankung  der  gesunden  Wöchnerinnen  durch  die 
Eskalationen  zersetzter  Stoffe  kranker  Wöchnerinnen  zu  verhüten. 
müssen  die  kranken  von  den  gesunden  Wöchnerinnen  gesondert  werden. 

Wir  haben  zahlreiche  Tabellen  eunstruirt  zum  Beweise,  dass  der 

Lndheitsznatand  der  Wöchnerinnen  unabhängig  sei  vom  Grade  der 
Leberfüllung  eines  Gebarhauses;  diese  Tabellen  sind  ebenso  viele 
Beweise  gegen  die  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Puerperal-Miasmas. 
welche  glaubt,  dass  die  Entstehung  des  Puerperal-Miasmas  in  einem 
ni.tliw Midigen  ursächlichen  Zusammenhange  mit  der  Anzahl  der  v<»i- 
handenen  Wöchnerinnen  stehe. 

Abs  Beweis,  dass  es  kein  Puerperal-Muisina  gebe,  welches  sich 
notwendigerweise  beim  Vorhandensein  einer  gewissen  Anzahl  von 
Wöchnerinnen  entwickeln  müsse,  diene  noch  der  Umstand,  dass  es 
mir  gelungen  ist,  die  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebaiklinik  auffalle  ml 
zu    beschränken,    ohne    dass    Vorkehrungen    getroffen    norden    wann. 

geeignet  das  Puerperal-Miasma  der  Wochensdmmer  zn  zerstören. 
i»i<  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers  waren  <hl<>i  Waschungen  der 
Hände,  welche  im  Kreissezimmer  geübt  wurden. 

Da  das  Puerperalfieber  kein  Contagium,  und  ein  Miasma  nur  im 
oben  angedeuteten  Sinne  erzeugt,  und  da  das  Puerperalfieber  durch 
die  äussere  unverletzte  Oberfläche  nicht  aufgenommen  werden  kann, 
so    folgt    daraus,    dass    das   Puerperalfieber    nicht   geeignet    istT    die 


n  in iuel weis*  Abhandlungen  »ml  Werk  über  da*  KindtK-utieber. 


Idealitäten  eines  Gebärhau.ses  so  zu  inhciieu.  dass  den  gesund  auf- 
genommenen Individuen  schon  durch  die  Locaiitäten  das  Kinderl- 
ieber eingeimpft  werden  würde. 

Es  dürfte  wenige  Räume  gehen,  in  welehen  mein  Wöchnerinnen 
•restorhen  sind,  als  im  Krankenzimmer  der  ersten  Gebärklinik,  und 
doch    wurde   dieses  Zimmer,,  nachdem   in  Folge  der  Chlorwaschongen 

,i  it  zu  Zeit  das  Krankenzimmer  überflüssig-  wurde,  als  Wochen- 
Zimmer  benützt,  ohne  dass  der  Stubenboden  wäre  aufgerissen  worden, 
ohne  dass  die  Wände  wären  abgekratzt  worden,  um  die  Betten 
wurden  gewechselt,  und  doch  blieben  die  in  diesem  Zimmer  v"er- 
pflegten  tresund. 

Ein«  Lucalilät  könnte  nur  dann  das  Kindhetttieher  hervorbringen, 
wenn  selbe  in  dem  Grade  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigt  w 

die  Kxhalationen  der  zcisetztpn  Stoffe  mit  der  atmosphärischen 
Luft  vermengt  in  die  Genitalien  der  Individuen  dringen  würden;  ein 
in  dt  iu  rinde  verunreinigtes  Gebärhauslocal  dürfte  aber  nicht  vor- 
kommen.   Zu  solchen  Localitäten  gehören  die  Sectionssäle. 

Die  Furcht  ist  kein  ätiologisches  Moment  des  Kindbett.fiebers. 
weil  die  Furcht  den  Individuen  weder  von  aussen  einen  zersetzten 
Stoff  einbringt,  noch  in  Folge  der  Furcht  ein  zersetzter  Stoff  in  den 
Individuen  entsteht  \\  ir  haben  schon  früher  erwähnt,  dass  die  Furcht 
den  Beginn  der  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebärklinik  nicht  erklärt, 
weil  ja  die  Furcht  die  Folge  der  schon  herrschenden  Sterblichkeit 
nur:  ebenso  wenig  warm  wir  in  der  Lage  den  Individuen  vor  ihrer 
Aufnahme  die  Furcht  eu  benehmen,  zur  Zeit,  als  der  Gesundheits- 
zustand der  ersten  Gebärklinik  sich  besserte.  Sie  kamen  mit  der- 
selben Furcht,  und  doch  kam  das  Kindbettfieber  nicht  so  zahlreich 
?or.  Wenn  die  Furcht  ein  ätiologisches  Moment  des  Kindhettiiebers 
wäre,  so  müsste  ja  das  Kindbettfieber  ausserhalb  der  Öeb&rhaoser 
ebenso  zahlreich  vorkommen,  wie  innerhalb  der  Gebarhäuser;  denn 
von  Furcht  sind  ja  nicht  blus  diejenigen,  welche  im  (lebarhaflfla 
gebären,  BOndern  auch  diejenigen,  welche  ausserhalb  des  Gebärliauses 
entbinden,  geplagt. 

Jeder  beschäftigte  Geburtshelfer  macht  täglich  die  Erfahrung, 
dass  nicht  blos  Erst-,  sondern  auch  Oftgeschwängerte  die  ganze 
Schwangerschafl  hindurch  von  dem  Gedanken  gequält  werden, 
gie  diesmal  die  Geburt  nicht  überstehen  werden,  dass  sie  diesmal  die 
Gebort  mit  ihrem  Lehen  bezahlen  werden.  In  beinahe  allen  Lehr- 
büchern der  Geburtshilfe  ist  zu  lesen,  dase  die  Todi-sfurrln  vurzüirlich 
regen  Ende  der  Schwaogerechaft  den  Schwangeren  das  Leben  v<  i  - 
bittert,  und  doch  haben  viele  Gelegenheit  sich  zehn-,  zwölfmal  vor 
dem  Tode  zu  fürchten,  weil  die  zehn-,  zwölfmalige  Todesfurcht  bei 
ihnen  kein  tödtliühe«  iMierjieraltieber  hervorgebracht  bat 

Dadurch,  dass  die  im  Gehärhause.  Gebärenden  lauter  ledige,  der 
trostlosesten  Bevölkerung  entnommene  Mädchen  seien,  weide 
der  Schwangerschaft  durch  schwere  Arbeit  ihr  Brot  verdienen,  dein 
Elende  und  der  Noth  preisgegeben,  unter  dem  Einflüsse  deprimirender 
Gemüthsatfecte.  überhaupt  ein  liederliches,  unmoralisch'  s  Leben  führen, 
wird  den  Individuen  weder  ein  zersetzter  Stoff  von  Aussen  eingebr 
noch  entsteh!  in  Folge  dessen  ein  zersetzter  Stoff  innerhalb  dieser 
Individuen;  diese  QmstAnde  sind  demnach  keine  ätiologischen  Momenie 
■  {>■■■    !\iiidbetttiebers. 

Abgesehen    davon,    dass  fliese  Schilderung  gewiss  nicht  auf  Alle. 


Die    Uttebffte,  iler  Begriff  «ml  üe  fapkjfllil  des  Kindbettfiebera,         257 

»,v<?li  he  iu  Gebärhäusern  entbinden,  seine  Anwendung  findet,  müsste 
ja,  wenn  die.se  Umstände  das  Kindbettfieber  hervorbringen  würden, 
die  Sterblichkeit  ausseihalb  des  Gebärhauses  ebenso  gross  sein,  als 
innerhalb  der  Gebärhäuser,  da  ja  nicht  Alle,  welche  ausserhalb  des 
Gebärhauses  entbinden,  züchtige  glückliche  Frauen  sind,  welche  im 
Wohlleben  ihre  Tage  hinbringen. 

Das  verletzte  Schamgefühl  der  Individuen,  welche  im  Gebärhause 
in  Gegenwart  der  Männer  entbinden,  ist  kein  ätiologisches  Moment 
des  Kindbett  fiebers.  weil  durch  das  verletzte  Schamgefühl  weder  von 
Aussen  den  Individuen  ein  zersetzter  Stoff  eingebracht  wird,  noch 
entsteht  in  Folge  des  verletzten  Schamgefühls  ein  zersetzter  Stoff  in 
den  Individuen. 

Wahrlich,  es  zeugt  von  der  Gedankenlosigkeit,  mit  welcher  die 
Aetiologie  des  Kindbettfiebers  behandelt  wurde,  wenn  man  den  Indi- 
viduen, welche  früher  als  so  verworfen  geschildert  wurden,  nun  wieder 
eine  Zartheit  des  Schamgefühls  zugesprochen  findet,  wie  es  in  den 
hohen  und  höchsten  Kreisen  nicht  vorkömmt,  die  Geburten  gehen  in 
den  hohen  und  höchsten  Kreisen  in  Gegenwart  von  Aerzten  vor  sich, 
und  doch  sterben  die  Entbundenen  dieser  Kreise  nicht  in  dieser 
Anzahl  an  Kindbettfieber  in  Folge  des  verletzten  Schamgefühls,  wie 
die  so  verworfen  geschilderte  Bevölkerung  der  Gebärhäuser.  Die 
überwiegend  grösste  Mehrzahl  der  Geburten  geht  unter  dem  Beistande, 
den  eine  Hebamme  vermöge  des  gegenwärtigen  Unterrichtssystems 
leisten  kann,  glücklich  für  Mutter  und  Kind  vorüber,  nur  in  seltenen 
Fällen  ist  eine  Hilfe  nöthig,  welche  nur  der  Geburtshelfer  leisten  kann. 

Ks  ist  in  vielen  Ländern  Sitte,  den  Geburtshelfer  nur  zu  diesen 
seltenen  Fällen  zu  rufen.  Da  aber  die  Hilfe,  welche  nur  der  Geburts- 
helfer leisten  kann,  in  der  Regel  innerhalb  kurzer  Zeit  geleistet 
werden  nmss.  soll  der  Erlolg  ein  glücklicher  sein,  so  geschieht  es 
häufig,  dass  der  Geburtshelfer,  wenn  er  erst  dann  gerufen  wird,  wenn 
die  Gefahr  schon  vorhanden  ist,  zu  spät  kömmt  und  desshalb  nicht 
mehr  das  leisten  kann,  was  er  geleistet  hätte,  wäre  er  rechtzeitig  bei 
der  Gebärenden  anwesend  gewesen. 

Auf  diese  Erfahrung  stützt  sich  das  Bestreben  der  Geburtshelfer, 

hilfsbedürftige  Publicum  dahin  aufzuklären,  zu  jeder  Geburt  den 
Geburtshelfer  rufen  zu  lassen,  damit  er,  falls  eine  Gefahr  eintrete, 
rechtzeitig  die  Hilfe  leisten  könne. 

Wenn  aber  das  verletzte  Schamgefühl  ein  ätiologisches  Moment 
des  Kindbettfiebers  wäre,  so  Messe  das  nichts  anders,  als,  um  Einzelne 
vor  Gefahren  zu  schützen.  Alle  den  Gefahren  des  Kindbett  fiebers  aus- 
zusetzen. 

Die  männliche  Geburtshilfe  müsste  verboten  werden,  wenn  das  ver- 
letzte Schamgefühl  ein  ätiologisches  Moment  des  Kindbettfiebers  wäre. 


Die  Coneeption,  die  Schwangerschaft,  die  Hyperinose,  die  Hydro- 
ämie,  die  Plethora,  die  Individualität,  Diätfehler,  Erkältung  sind 
keine  ätiologischen  Momente  des  Kindbettfiebers,  weil  durch  alle  diese 
Umstände  weder  den  Individuen  von  Aussen  ein  zersetzter  Stoff 
eingebracht  wird,  noch  entsteht  in  Folge  dieser  Umstände  ein  zer- 
setzter Stoff  in  den  Individuen 

17 


Semmelweis'  gesammelte  Werke. 


258 


SemmeliveiY  Abhandlungen  und  Werk  über  «las  Kindbett  fieber. 


Wenn  diese  Umstände  ätiologische  Momente  des  Kindbettfiebi m 
wären,  so  könnte  die.  geographische  Verbreitung  des  Kindbettfiebers 
nicht  auf  das  mittlere  Europa  beschränkt  sein,  und  die  Geschichte 
des  Kindbettfiebers  könnte  nicht  das  Kiiulhetth'eber  als  eine  Krank- 
heit der  neueren  Zeit  documentiren. 

Aetiologisehe  Momente  des  Kindbettfiebers  sind  alle  jene  Momente, 
welche  den  Individuen  entweder  einen  zersetzten  thierisch-organischen 
Stoff  von  Aussen  einbringen,  oder  welche  in  den  Individuen  einen 
solchen  .Stoff  entstehen  machen. 

Die  Momente,  welche  den  Individuen  von  Aussen  einen  zersetzten 
Stoff  beibringen,  und  das  Kindbettfieber  daher  durch  Infection  von 
Aussen  erzeugen,  sind  folgende: 

Dass  die  Vorstände  der  Gebärhäuser  und  deren  Hil&firsfte  zur 
eigenen  und  zur  Belehrung  ihrer  Schüler  sich  mit  Dingen  beschäftigen. 
welche  ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen;  wenn  der 
Vorstand  einer  chirurgischen  Abtheilung  zugleich  einer  geburts- 
hilflichen Abtheil  ung  vorsteht:  wenn  eine  gyi.inecologj.sche  und 
geburtshilfliche.  Abtheilung  unter  einem  Vorstande  vereinigt  sinii ; 
dass  die  Schiller  der  praktischen  Geburtshilfe  den  pathologischen 
und  gerichtlichen  Sectionen,  so  wie  den  Sectionen  der  im  Gebär- 
hause  Verstorbenen  beiwohnen;  dass  sie  chirurgische  und  medi- 
cinische  Abtheilungen  besuchen;  dass  sie  Operationscurse  an  der 
Leiche  aus  der  Chirurgie.  Oculistik  nehmen;  dass  sie  mikroskopische 
<urse  mitmachen,  in  welchen  verschiedene  zersetzte  Stoffe  untersucht 
werden;  dass  sie  den  ("ursen  über  pathologische  Anatomie  beiwohnen; 
dass  ihnen  der  fungiiende  Assistent  Unterricht  ertheilt  in  geburts- 
hilflichen Operationen  am  Cadaver;  dass  Assistenten  und  .Schüler 
Sectionen  machen:  dass  Vorstände  der  Gebärhäuser  und  deren  Hilfs- 
ärzte Kranke  behandeln,  deren  Krankheiten  zersetzte  Stoffe  erzeugen; 
das  kranke  Kreissende  mit  den  gesunden  in  einem  gemeinschaftlichen 
Kreisszimmer  entbinden:  dass  kranke  Wöchnerinnen  mit  gesunden  in 
einem  gemeinschaftlichen  Wochenzimmer  verpflegt  werden;  dass  von 
denselben  Individuen,  z.  B.  den  Instituts-Madamen  bei  kranken 
Wöchnerinnen  Einspritzungen  gemacht  werden,  von  welchen  auch  eine 
grosse  Anzahl  gesunder  untersucht  wird;  dass  viele  Gegenstände,  als 
da  sind:  Schwämme,  Instrumente,  Leibschüsseln  etc.  bei  Gesunden 
und  Kranken  verwendet  werden;  dass  die  Wäsche  und  Bettgeräthe 
nicht  immer  den  nöthigen  Grad  der  Reinlichkeit  darbieten;  dass  die 
Luft  in  Räumlichkeiten  des  Gebärhauses  mit  zersetzten  Stoffen  ge- 
schwängert sein  kann,  entweder  dadurch,  dass  die  Exhalationen  de]1 
Wöchnerinnen  nicht  durch  Ventilation  abgeführt  werden,  oder  dass 
den  Räumlichkeiten  des  Gebärhauses  zersetzte  Stoffe  zugeführt 
werden  aus  dem  Krankenhause,  aus  der  naheliegenden  Todtenkammer. 
aas  den  Abzugscanälen;  ausserhalb  des  Gebärhauses  wird  durch 
dieselben  Momente  das  Kindbettfieber  hervorgebracht,  indem  auch 
ausserhalb  der  Gebärhäuser  die  Medicinal-Individueu  männlichen  und 
weiblichen  Geschlechtes  sich  mit  zersetzten  Stoffen  ihre  Hände  ver- 
unreinigen; auch  ausserhalb  der  Gebärhäuser  wird  nicht  immer  die 
nöthige  Reinlichkeit  derjenigen  Gegenstände  beobachtet,  welche  dem 
Gebrauche  der  Individuell  dienen  etc.  etc.  Das  sind  die  ätiologischen 
Momente,  denen  wir  noch  viele  hinzufügen  könnten,  wenn  es  nicht 
überflüssig  wäre,  da  ja  aus  dem  Gesagten  es  sich  von  selbst  ergibt, 
dass  hieher  Alles  gehöre,  was   den  Individuen  einen  zersetzten  Stoff 


Die  Aettologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiudbetüiebers.        2Ö9 

von  Aussen  einbringt,  welche  die  Verheerungen  unter  den  Wöchne- 
rinnen hervorrufen,  welche  Verheerungen  fälschlich  atmosphärischen 
Einflüssen  zugeschrieben  wurden. 

Was  die  ätiologischen  Momente  des  Kindbettfiebers  anbelangt, 
welche  in  den  Individuen  einen  zersetzten  Stoff  entstehen  machen, 
und  daher  das  Kindbettfieber  durch  Selbstinfection  erzeugen,  so  sind 
es  folgende: 

Zersetzung  des  normalen  Lochialflusses  in  Folge  längerer,  durch 
welche  Ursache  immer  bedingte  Zurückhaltung,  Zurückbleiben  der 
Placenta,  oder  Placenta  und  Eihantreste,  Zurückbleibung  von  Blut- 
gerinnungen in  der  Gebärmutterhöhle  nach  Blutungen,  Quetschungen 
der  Genitalien  in  Folge  verzögerter  Austreibungsperiode,  oder  in 
Folge  von  Operationen  necrosirende  Mittelfleischrisse. 

Ob  es  ausser  diesen  Ursachen  der  Selbstinfection  noch  mehrere 
andere  gebe,  das  muss  erst  eine  länger  fortgesetzte  Beobachtung 
lehren,  bis  jetzt  waren  meine  Beobachtungen  in  dieser  Hinsicht  dadurch 
getrübt,  daas  die  drei  Abt  heillingen,  an  welchen  ich  meine  Beob- 
achtungen gemacht,  solche  waren,  an  welchen  es  nicht  möglich  war, 
alle  Infectionsfälle  von  Aussen  zu  verhüten.  Die  Zahl  der  Ursachen 
der  Selbstinfectionen  dürfte  jedenfalls  gering  sein,  da  in  Wien  im 
Jahre  1797  von  2012  und  im  Jahre  1798  von  2046  Wöchnerinnen  nur 
jährlich  je  5  Wöchnerinnen,  also  1  von  400  starben. 


17* 


Prophylaxis  dos  Kiiidbottftobers. 


Da  die  alleinige  Ursache  des  Kindbettfiebers,  nämlich  ein  zer- 
setzter thieriseh-organischer  Stoff,  den  Individuen  entweder  von  Aussen 
eingebracht  wird,  oder  da  dieser  Stoff  auch  in  den  Individuen  ent- 
stehen kann,  so  besteht  die  Aufgabe  der  Prophylaxis  des  Kindbett- 
fiebers darin,  die  Einbringung  zersetzter  Stoffe  von  Aussen  zu  verhüten, 
die  Entstehung  zersetzter  Stoffe  in  den  Individuen  hintanzuhalten, 
und  endlich  die  wirklich  entstandenen  zersetzten  Stoffe  so  schnell  wie 
möglich  aus  dem  Organismus  zu  entfernen,  um  wo  möglich  deren 
Resorption,  und  dadurch  den  Ausbruch  des  Kindbettfiebers  zu  verhüten. 

Der  Träger»  mittelst  welchem  am  häufigsten  ein  zersetzter  Stoff 
den  Individuen  von  Aussen  eingebracht  wird,  ist  der  untersuchende 
Finger. 

Da  es  bei  einer  grossen  Anzahl  von  Schülern  sicherer  ist,  den 
Finger  nicht  zu  verunreinigen,  als  den  verunreinigten  wieder  zu 
reinigen,  so  wende  ich  mich  an  sämmtliche  Regierungen  mit  der  Bitte 
um  die  Erlassung  eines  Gesetzes,  welches  jedem  im  Gebirh&use  Be- 
schäftigten für  die  Dauer  seiner  Beschäftigung  verbietet,  sich  mit 
Dingen  zu  beschäftigen,  welche  geeignet  sind,  seine  Hände  mit  zer- 
setzten Stoffen  zu  verunreinigen. 

Die  unabweisbare  Notwendigkeit  eines  solchen  Gesetzes  machte 
mir  die  Erfahrung  klar,  dass  es  mir  trotz  aller  Energie  nicht  gelungen 
ist.  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  die  Fälle  von  Kindbettfieber  auf 
die  Fälle  von  Selbstinfection  zu  beschränken. 

Wenn  man  bedenkt,  dass  der  Semester  iür  praktische  Geburts- 
hilfe nicht  für  alle  Schüler  am  selben  Tage  beginnt,  wo  dann  alle 
gleichzeitig  mit  ihren  Pflichten  bekannt  gemacht  werden  können, 
sondern  dass  in  die  praktische  Geburtshilfe  täglich  Schüler  ein-  und 
austreten,  und  da  man  nicht  täglich  dasselbe  sagen  kann,  es  leicht 
vorkommen  mag,  dass  mancher  erst  nach  vielen  Tagen  gewann  wild; 
wenn  man  bedenkt,  dass  die  42  Schüler  der  I.  Gebärkliuik  den  ^rössten 
Theil  des  Tages  in  der  Todtenkammer  bei  den  pathologischen  und 
gerichtlichen  Sectionen,  auf  den  Abtheilungen  des  Krankenhauses,  in 
den  verschiedensten  Operation»-  und  andern  Cursen  verbringen,  wo- 
durch die  Hand  nicht  nur  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigt,  sondern 
förmlich  getränkt  wird,  und  wenn  es  nicht  unwahrscheinlich  ist.  dass 
manche  dieser  so  mit  zersetzten  Stoffen  getränkte  Hände  nicht  lauge 
genug  der  Wirkung  des  Chlorkalkes  ausgesetzt  werden,  um  völlig 
desinficirt  zu  werden;  wenn  man  alle   diese   Umstände  bedenkt,  so 


Die  Aetiotogie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        261 


rauss  es  begreiflich  sein,  dass  an  der  I  Gebärklinik  immer  noch  Fälle 
von  Infection  von  Aussen  vorgekommen  sind. 

Diesem  Uebelstande  kann  nur  das  oben  angedeutete  Gesetz  ab- 
heilen. Aber  dieses  Gesetz  hätte  noch  andere  heilsame  Folgen. 
Ich  werde  später  Gelegenheit  haben,  sehr  zahlreiche  Professoren  der 
Geburtshilfe  anzuführen,  welche  gegen  meine  Lehre  geschrieben, 
folglich  auch  ihren  Schülern  gegenüber  gegen  meine  Lehre  gesprochen 
haben.  Ein  Thor,  der  nun  glaubt,  dass  die  so  irrebelehrten  Schüler 
sich  so  gewissenhaft  desinfieiren  werden,  als  es  nöthig  ist.  Und 
wenn  dann  der  Tod  reiche  Beute  hält,  so  wird  die  Erfolglosigkeit 
der  Chlorwasehungen  als  Reweis  des  epidemischen  Ursprunges  des 
Kindbettfiebers  benutz! 

Diesem  verderblichen  Gebahren.  wodurch  nicht  nur  in  den  Gebär- 
hüusern  so  viele  Menschenleben  frühzeitig  zerstört  werden,  sondern 
wodurch  noch  Generationen  irregeleiteter  Aerzte  ins  praktische  Leben 
hinansgeschickt  werden,  deren  Infectionsfälle  dann  wieder  als  Beweise 
des  epidemischen  Kindbettfiebers  auch  ausserhalb  der  Gebärhäuser 
benutzt  werden»  diesem  verderblichen  Gebahren  kann  nur  durch  ein 
solches  Gesetz  ein  Ende  gemacht  werden,  anf  welches  wir  früher 
hingedeutet  haben.  Wenn  in  Folge  dieses  Gesetzes  die  Schüler  in 
den  Gebärhäusern  reine  Hände  haben  werden,  dann  wird  auch  der 
feurigste  Vortrag  für  die  epidemischen  Einflüsse  keine  Epidemie 
hervorzubringen  im  Stande  sein ;  während  ohne  dieses  Gesetz  bei  mit 
zersetzt rn  Stoffen  verunreinigten  Händen,  durch  solche  Vorträge  die 
Vorsicht  des  Schülers  eingeschläfert,  und  dadurch  das  Kindbettfieber 
vervielfältigt  wird.  Wir  beschwören  daher  sämmtliche  Regierungen 
um  die  Erlassnng  eines  solchen  Gesetzes,'  damit  nicht  fernerhin  das 
gebärende  Geschlecht  mehr  als  deriniiit  werde,  damit  nicht  fernerhin 
schon  der  noch  ungebornen  Frucht  der  Todeskeim  eingeimpft  werde, 
und  zwar  gerade  von  denjenigen,  welche  zu  deren  Erhaltung  be- 
rufen sind. 

Ein  solches  Gesetz  ist  der  anderweitigen  medizinischen  Aus- 
bildung nicht  hinderlich,  weil  der  praktischen  Geburtshilfe  nur  eine 
verhältnismässig  kurze  Zeit  gewidmet  wird.  Ein  solches  Gesetz 
Würde  aber  den  praktisch-geburtshilflichen  Unterricht  wesentlich 
fördern,  da  es  dann  nicht  mehr  so  wie  jetzt  geschehen  würde,  dass 
die  belehrendsten  Fälle  sich  ereignen,  während  die  Schüler  ander- 
weitig beschäftigt  sind. 

Es  ist  überall  Sitte,  dem  praktisch-geburtshilflichen  Unterrichte 
einen  theoretischen  vorauszuschicken.  Mit  diesem  theoretischen  Unter- 
richte müssten  die  Operationsübungen  an  Leichen  verbunden  sein, 
den  Sectionen  der  im  Gebärhause  Verstorbenen  müssten  die  Schüler 
der  theoretischen  Vorlesungen  beigezogen  werden,  damit  die  Schüler 
schon  vor  ihrer  Aufnahme  in  das  Gebärhaus  mit  der  pathologischen 
Anatomie  des  Kindbett Aebers,  mit  den  geburtshilflichen  Operationen 
an  der  Leiche  vertraut  werden,  um  solche  Beschäftigungen  während 
ihres  Aufenthaltes  im  Gebärhause  entbehren  zn  können. 

Innen  ein  solches  Gesetz  wird  zwar  die  ergiebigste,  aber  es 
werden  nicht  alle  Quellen  gestopft,  aus  welchen  »1er  die  Hand  ver- 
unreinigende zersetzte  Stoff  genommen  wird,  weil  ja  im  Gebärhause 
>.t -II ist  durch  8elbstinfection  das  Kindbettfieber  entstehen  kann,  welches 
unter  der  Form  einer  Endometritis  septica  verlaufend,  den  die  Hand 
verunreinigenden  Stoff  liefert,   es   werden  ja  auch   Kreissende   auf- 


262 


Semmehreiä'  Abhandlungen  und  Werk  über  da»  Kindbettfieber. 


genommen,  welche  an.  einen  zersetzten  Stoff  erzeugenden  Krankheiten 
leiden. 

Die  Notwendigkeit,  die  Hand  zu  desinficiren,  wird  daher  immer 
bleiben,  und  um  dieses  Ziel  vollkommen  zu  erreichen,  ist  es  nöthig, 
die  Hand,  bevor  ein  zersetzter  Stoff  berührt  wird,  gut  zu  bedien, 
damit  der  zersetzt«  Stoff  nicht  in  die  Poren  der  Hand  eindringen 
könne;  nach  einer  solchen  Beschäftigung  muss  die  Hand  mit  .Seife 
gewaschen,  und  dann  der  Einwirkung  eines  chemischen  Agens  aus- 
gesetzt werden,  welches  geeignet  ist,  den  nicht  entfernten  zersetzten 
Stuft  zu  zerstören;  wir  bedienen  uns  des  Chlorkalkes,  und  waschen 
uns  so  lange,  bis  die  Hand  schlüpfrig  wird. 

Eine  so  behandelte  Hand  ist  vollkommen  desinficirt,  Träger  der 
zersetzten  Stoffe  ist  übrigens  nicht  blos  der  untersuchende  Finger, 
sondern  alle  Gegenstände,  welche  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigt 
sind,  und  mit  den  Genitalien  der  Individuen  in  Berührung  kommen . 
diese  Gegenstände  müssen  daher  vor  ihrer  Inberührungbringung  mit 
den  Genitalien  desinficirt,  oder  ausser  Verwendung  gesetzt  werden ; 
hieher  gehören  Instrumente,  Bettwäsche,  Schwämme,  Leibschusseln 
etc.  etc. 

Da  der  Träger  der  zersetzten  Stoffe  auch  die  atmosphärische 
Luft  sein  kann,  so  sind  die  Gebärhäuser  an  Orten  zu  erbauen,  wo 
ihnen  von  Aussen  durch  die  atmosphärische  Luft  keine  zersetzten 
Stoffe  zugeführt  werden  können.  Gebärhäuser  sollen  daher  nicht 
Bestandteile  grosser  Krankenhäuser  sein,  und  damit  die  atmosphärische 
Luft  in  den  Räumen  des  Gebärhauses  nicht  zum  Träger  des  zer- 
setzten Stoffes  werde,  müssen  die  Exhalationen  der  Individuen  vor 
ihrer  Zersetzung  aus  den  Räumen  des  Gebärhauses  durch  Ventilation 
entfernt  werden.  Nebstdem  ist  es  ein  Erfordernis*  der  Prophylaxis 
des  Kindbettfiebers,  dass  jedes  Gebärhaus  mehrere  abgesonderte  Räume 
besitze,  um  in  denselben  diejenigen  Individuen,  welche  zersetzte 
Stoffe  exhaliren,  oder  deren  Krankheiten  zersetzte  Stoffe  erzeugen, 
vollkommen  von  den  gesunden  gesondert  verpflegen  zu  können. 
Unter  der  Voraussetzung  der  Absonderung  kranker  Individuen  ist 
das  Zellensystem  kein  Erforderniss  der  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers, 
und  es  ist  vollkommen  gleichgiltig,  wie  viele  gesunde  Wöchnerinnen 
in  einem  Zimmer  verpflegt  werden,  wenn  die  Zahl  der  Wöchnerinnen 
nur  im  richtigen  Verhältnisse  zur  Grösse  des  Zimmers  steht.  Wir 
haben  an  der  I,  Geburtsklinik  32  Wöchnerinnen  gleichzeitig  in  einem 
Zimmer  verpflegt. 

Eben  so  ist  es  kein  Erforderniss  der  Prophylaxis  des  Kindbett- 
fiebers, mehrere  kleine  statt  eines  grossen  Gebärhauses  zu  errichten. 
Es  ist  allerdings  wahr,  dass  die  absolute  Sterblichkeit  in  einem 
kleinen  Gebärhause  nicht  so  gross  sein  kann  als  in  einem  grossen 
iiil»iiihause;  z.  B.  Kiwisch  berichtet,  dass  an  der  geburtshilflichen 
Klinik  zu  Würzburg  von  102  in  einem  Jahre  verpflegten  Wöchnerinnen 
27  gestorben  seien.  Das  ungünstigste  Jahr  für  das  Wiener  Gebär- 
haus  war  während  der  75  Jahre  seines  Bestehens  das  Jahr  1842; 
es  starben  nämlich,  das  Gebärhaus  als  Ganzes  genommen,  von  6024 
Wöchnerinnen  780.  oder  wenn  wir  blos  die  I.  Abtheüung  berück- 
sichtigen, so  starben  an  der  I.  Abtheilung  im  Jahre  1842  von  3287 
Worin ini ii ntn  öl 8  Wöchnerinnen.  Welch  ein  ungeheurer  Unterschied 
in  der  absoluten  Sterblichkeit  zwischen  dem  kleinen  Würzburger  und 
dem   grossen  Wiener  Gebärhause!  und   doch   war  die  relative  Mterb- 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  mit]  ilie  Prophylaxis  §M  KiiiillieM.tn-r.prs.         263 

lichkeit  im  kleinen  Würzburger  Gebärbause  bedeutend  großer,  als 
im  grüssten  Gebärhause  der  Welt  während  seines  ungünstigsten 
Jahres,  denn  in  Würzburg  starben  2t>.4;.  in  Wien  aber,  das  <  irbür- 
hnux  als  Ganzes  genommen,  12.(1 ;  die  I.  Abtheilung  aber  allein  ge- 
nommen 15.,s  Percent-Antbeile  Wöchnerinnen,  und  es  ist  die  Erklärung, 
warum  in  kleinen  Oebärhänsern  die  relative  Sterblichkeit  grösser  ist 
als  in  grossen  Gebärhäuserii,  leicht  gegeben.  In  kleinen  Gehärhäusern 
ist  lins  Lehrmaterial  karg  zugemessen,  es  wird  daher  ein  jeder  Fall 
benützt,  und  wenn  nun  mit  unreinen  Händen  untersucht  wird,  weiden 
von  wenigen  verpflegten  Individuen  viele  infieirt;  in  Wien  ist  uns 
Lehrmaterial  in  solchem  Ueberfluss  vorhanden,  dass  hunderte  und 
hunderte  von  Individuen  nicht  zum  Unterrichte  verwendet,  also  nicht 
inrii  in  werden,  und  diese  nicht  zum  Unterrichte  verwendeten  Indivi- 
duen verbessern  die  relative  Sterblichkeit. 

Was  die  Prophylaxis  der  Selbstinfectionsfälle  anbelangt,  so  muss, 
damit  kein  zersetzter  Stoff  in  den  Individuen  entstehe,  die  Austreibung s 
periode,  wenn  selbe  so  zögernd  verläuft,  iaaa  Quetschungen  der 
Genitalien  zu  besorgen  stehen,  rechtzeitig  mittelst  der  entsprechenden 
Operation  beendet  werden ;  die  Operation  selbst  niuss  so  schonend  wie 
möglich  gemacht  werden,  damit  in  Folge  der  Operation  nicht  das 
entstehe,  was  man  mit  der  Operation  verhüten  wollte;  aus  diesem 
Grande  sind  z.  ß.  bei  Zungenoperationen,  die  Rotationen  und  die 
l'Tidelbewegungen  verwerflich,  wegen  der  Quetschungen,  welche  not- 
wendigerweise durch  diese  Bewegungen  den  Genitalien  zugefügt  werden. 
Die  Placenta,  Placenta-  und  Eihautreste  mimen  vor  ihrem  Ueber» 
gange  in  Fäulniss  aus  dem  Organismus  entfernt  werden,  mehrere 
Munden  nach  gestillten  GebäimutterbJutnngen  müssen  Injectionen 
gemacht  werden,  um  die  etwa  zurückgebliebenen  Blutcoagula  zu  ent- 
fernen, denn  zurückgehalten  gehen  selbe  in  Fäulniss  über,  und  liefern 
dadurch  den  Stört'  für  die  Selbstinfection;  man  verhüte  Mitteltieisch- 
risse,  weil  dadurch  nicht  nur  eine  resorbirende  Fläche,  sondern  zu- 
gleich der  zu  resorbirende  Stoff  geschaffen  wird.  Ist  aber  wirklich 
zersetzter  .Stoff  in  den  Individuen  entstanden,  so  muss  derselbe 
doreh  Reinlichkeit  und  Injectionen  aus  den  Individuen  entfernt  werden, 
um  wo  möglich  dessen  Resorption  zu  verhüten. 

In  wie  weit  dieselben  Verhältnisse  auch  ausserhalb  der  Gebär- 
er vorkommen,  muss  natürlich  auch  ausserhalb  der  Gebärhänser 
dieselbe  Prophylaxis  beobachtet  werden,  und  damit  die  Prophylaxis 
defl  Kindbetttiebers  auch  ausserhalb  der  Gebärhäuser  beobachtet  weide, 
muss  in  den  Kid,  in  die  Amtsinstruction  der  Medicinat-Individuen 
männlichen  und  weiblichen  Geschlechtes  bei  Gelegenheit  ihrer  Diplo- 
mirunsr  auch  das  aufgenommen  werden,  dass  sie  schwüren,  alles  das 
auf  das  gewissenhafteste  zu  befolgen,  was  die  Prophylaxis  des  Kind- 
bettfiebers vorschreibt. 

Wer  diese  Prophylaxis  beobachtet,  wird  die  Freude  erleben,  nicht. 
von  Zeit,  zu  Zeit  eine  jede  dritte  oder  eine  jede  vierte  Wöchnerin 
am  Kindbettfieber  zu  verlieren,  sondern  vielleicht  erst  eine  von  vier- 
hundert, gewiss  aber  nicht  eine  von  hundert 


Correspomlenzen  und  Stimmen  in  der  Literatur 
für  und  gegen  meine  Lehre. 


Wenn  wir  mit  gegenwärtiger  Schritt  keinen  anderen  Zweck  ver- 
folgen würden,  als  den,  unsere  Lehre  unerschütterlich  zu  begründen, 
und  den  traurigen  Irrthum  der  Lehre  vom  epidemischen  Kindbett- 
fieher  recht  klar  zu  machen,  wenn  wir  nur  diesen  Zweck  verfolgen 
würden,  so  kn unten  wir  füglich  diese  Schrift  hier  schliessen.  denn 
wir  haben  nichts  mehr  unserer  Lehre  hinzuzufügen,  um  selbe  uner- 
schütterlicher zu  machen,  so  wie  wir  nichts  mehr  zu  sagen  haben, 
um  die  Unhaltbarkeit  der  Lehre  vom  epidemischen  Kindbettfieber 
noch  klarer  zu  machen. 

Das  allem  kann  aber  der  Zweck  der  gegenwärtigen  Schrift  Dickt 
sein,  denn  meine  Lehre  ist  nicht  dazu  da,  fest  begründet  in  Biblio- 
theken unter  Statu)  zu  vermodern,  sondern  seine  Mission  ist :  im  prak- 
tischen Leben  segensreich  zu  wirken.  Meine  Leine  ist  dazu  da,  DD 
von  den  Lehrern  der  Medicin  verbreitet  zu  werden,  damit  das  Medi- 
cmal-Personal  bis  hinab  zum  letzten  Dorfcliirurgen,  bis  zur  letzten 
Dorfhebamme  darnach  handle,  meine  Lehre  ist  dazu  da.  um  den 
Schrecken  aus  den  Gebärhäusern  zu  verbannen,  und  um  dem  Gatten 
die  Gattin,  dem  Kinde  die  Mutter  zu  erhalten. 

Der  Geburtstag  meiner  Lehre  füllt  in  die  zweite  Hälfte  Mai  des 
Jahres  1847.  Wenn  wir  uns  nun  nach  12  Jahren  die  Frage  stellen, 
hat  diese  Lehre  seine  Mission  erfüllt,  so  lautet,  die  Antwort  sehr 
betrübend.  Ks  ist  zwar  wahr,  dass  meine  Lehre  so  weitläufig  wie 
dieses  Mal  noch  nicht  erörtert  wurde,  aber  «las  Wesen  der  Lehre  ist 
veröffentlicht  worden,  nämlich:  es  ist  eine  bekannte  Thatsache.  dass 
Verletzungen  bei  Sectionen  Pyaemie  nach  sich  ziehen  können,  und 
da  der  Leichenbefund  bei  an  Pyaemie  Verstorbenen  identisch  ist  mit 
dem  Leichenbefunde  von  am  Kindbettfieber  Verstorbenen,  so  ist.  das 
Kmdbettfieber  dieselbe  Krankheit;  wenn  es  dieselbe  Krankheit  ist, 
so  muss  sie  dieselbe  Ursache  haben,  dieselbe  Ursache  ist  unzweifel- 
haft am  häufigsten  an  den  Händen  der  Aerzte  vortindig;  wenn  nun 
noch  ihii'h  die  Entfernung  dieser  Ursache  die  Wirkung  auch  ver- 
schwindet, so  ist  die  Sache  keinem  Zweifel  mehr  unterworfen. 

So  weit  war  die  Sache  von  Anbeginn  veröft'ent  licht,  und  man 
BOllte  im  Vorhinein  glauben,  dass  für  Männer  der  Wissenschaft,  deren 
Lebenszweck  Rettung  von  Menschenleben  ist,  solche  Andeutungen  ge- 
nügen werden,  um  zu  ernstem  Nachdenken  aufzuiordem,  besonders 
Wh  es  sich  um  eine  Krankheit  handelt,  von  welcher  Alle  einstimmig 


Die  Aeiiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        265 

nor  mit  Entsetzen  sprechen:  man  sollte  glauben,  dass  bei  dir  Klar- 
heit der  «Sache  selbe  einstimmig  für  klar  erklärt,  und  darnach  ce- 
ll and  elt  werde. 

I>ie  Erfahrung  hat.  uns  anders  gelehrt;  die  überaus  gross te  An- 
zahl von  raedicinischen  Hörsälen  wiederhallt  noch  immer  von  Vor- 
tragen über  epidemisches  Kindbettfieber,  und  von  Philippiken  gegen 
meine  Lehre,  dadurch  werden  fort  und  fort  (Generationen  neuer  In- 
ferioren ins  praktische  Leben  gesendet,  und  es  ist  nicht  abzusehen, 
wann  der  letzte  Dorfchirurg  und  die  letzte  Dorfhebamme  das  letzte 
Mal  inficiren  weiden. 

hie  medicinische  Literatur  der  letzten  zwölf  Jahre  strotzt  noch 
immer  von  Berichten  über  beobachtete  Puerperal-Epidemien,  und  in 
Wien,  an  der  Geburtsstätte  meiner  Lehre,  sind  im  Jahre  1854  wieder 
400  Wöchnerinnen  dem  Kindbettti« ?in -r  erlegen;  in  den  erschienenen 
in  (diebischen  Werken  wird  entweder  nieine  Lehre  ignorirt  oder  an- 
gegriffen,  die  medicinische  Facultät  zu  Würzburg   hat  eine  im  Jahre 

1  erschienene  Monographie  über  die  Pathologie  des  Kindbettfiebers, 
in  welcher  meine  Lehre  verworfen  wird,  mit  einem  Preise  gekrönt, 
und  wir  werden  Gelegenheit  haben,  Vorstände  von  Gebärhäusem  an- 
zuführen, welche  meine  Lehre  mit  Erfolg  beobachten,  und  dieselbe 
dennoch  bekämpfen,  den  Erfolg  anderen  Umständen  zuschreibend. 
Die  Indignation  über  die  Grösse  dieses  Scandals  hat  in  meine  wider- 
strebende  Hand  die  Feder  gedrückt.  Ich  würde  glauben  ein  Ver- 
brechen zu  begehen,  wenn  ich  noch  länger  schweigend  der  Zeit  und 
der  unbefangenen  Prüfung  die  praktische  Verbreitung  meiner  Lehre 
überlassen  würde. 

Wenn  wir  uns  um  die  Ursachen  umsehen,  welche  es  machen,  dass 
M [inner  der  Wissenschaft  sich  so  hartnäckig  der  Wahrheit  wider- 
setzen, dass  Männer,  deren  Lebenszweck  ist,  Menschenleben  zu  reiten. 
so  hartnäckig  einer  Lehre  anhängen,  welche  ihre  Pflegebefohlenen 
zum  Tode  verurtheilt,  und  diejenige,  welche  selbe  zu  retten  lehrt, 
angreifen,  so  werden  wir  deren  sehr  viele  finden;  wir  wollen  alle  jene 
Ursachen,  welche  das  von  uns  erbetene  Gesetz  in  ihren  Wirkungen 
paralysirt  nicht  einmal  erwähnen,  weil  deren  Aufzählung  ohne  diese* 
Gesetz  gewiss  keine  Besserung  erzielen,  im  Gegentheil  nur  Leiden- 
Schäften  erregen  winde,  mit  diesem  Gesetze  werden  die  Folgen  dieser 
I  i  sachen  schwinden,  auch  ohne  selbe  aufgezählt  zu  haben. 

Zwei  Ursachen  sind  aber,  welche  der  praktischen  Verbreitung 
meiner  Lehre  hinderlich  sind,  die  wir  nennen  wollen,  weil  wir  in  der 
Lage  sind,  dagegen  etwas  zu  tliun. 

Die  eine  ist  die  für  reine  Wahrheitsliebe  zeugende  Gewohnheit 
meiner  Gegner,  in  ihren  Angriffen  sich  immer  nur  wieder  auf  Gegnei 
zu  berufen,  ja  Cm*]  Braun  geht  in  der  Verleugnung1  der  Wahrheit  so 
weit,  dass  er  in  seinem  Lehrbuche  der  Geburtshilfe,  8.  Ü»2l  sagt.:  „In 
Deutschland,  Frankreich  und  England  wurde  diese  Hypothese  der 
cadaYeivM  ii  Infection  bis  auf  die  neueste  Zeit  fast  einstimmig  ver- 
werft 

Nicht  alle  sind  mit  der  Literatur  in  ihrem  ganzen  Umfange  \ei 
traut;   wird   ein   weniger  mit  der  Literatur  Vertrauter  durch  solche 
ieitsserungen  aufgefordert,  über  die  Sache  nachzudenken,  und  dieselbe 
zu  befolgen?     Gewiss  nicht. 

Wir  wollt  i!  daher,  obwohl  uns  das  Sprichwort  „proprin  laue 
sordet"  wohl  bekannt,  ist,  dennoch  hier  alles  zusammenstellen,  was  zu 


2ßß  SeniraelweiB'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Gunsten  meiner  Lehre  gesagt  wurde,  um  die  Folgen  der  Verschwiegen- 
heit meiner  Gegner  zu  paralysiren.  Wir  lassen  uns  den  Vorwurf  des 
Eigenlobes  gerne  gefallen,  überzeugt,  dass  wir  dadurch  viele  zum 
ernsten  unparteiischen  Nachdenken  anregen  und  bekehren  werden. 
Die  zweite  Ursache,  welche  der  praktischen  Anwendung  meiner  Lehre 
hinderlich  ist,  sind  die  vielen  Einwendungen,  die  man  dagegen  er- 
hoben hat,  und  ich  gestehe,  dass  es  mir  begreiflich  ist,  dass  Vielen 
diese  Einwendungen  imponiren.  und  es  geholt  wirklich  die  Begeisterung 
liir  die  Sache  dazu,  wie  ich  sie  besitze,  und  das  Vertrautsein  mit  der 
Sache,  wie  ich  es  bin,  um  immer  zu  merken,  wo  der  Irrthum  steckt, 
d<  r  sich  als  Wahrheit  repräsentirt ;  sowie  wir  alles  das,  was  zu  unseren 
Gunsten  gesagt  wurde,  hier  zusammenstellen  werden,  mit  noch  grösserer 
.■.  issenhaftigkeit.  werden  wir  alles  anführen,  was  gegen  uns  gesagt 
wurde,  wir  werden  aber  die  Antwort  nicht  sehuldiir  bleiben,  obwohl 
wir  wissen,  dass  wir  dadurch  das  ■Odium  so  zahlreicher  Fachgeuossen 
auf  uns  laden.  Wir  werden  uns  trösten  mit  dem  Bewusstsein.  dass 
unsere  Erwiederung  nicht  Zweck,  sondern  nur  ein  nicht  zu  umgehendes 
Mittel  ist,  um  Gott  weiss  wie  viele  Aerzte  der  Wahrheit  zuzuführen, 
welche  zum  Nachtheile  der  Menschheit  durch  die  Sirenenklänge  meiner 
Gegner  im   Intliuin  erhalten  werden. 

Wir  wollen  nun  das  Lob,  welches  wir  geerntet,  und  den  Tadel, 
den  wir  davongetragen,  so  weit  thunlich  in  chronologischer  Ordnung 
aufzählen. 

Die  erste  Veröffentlichung  unternahm  die  Redaktion  der  Zeit- 
schrift der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien,1)  Redacteur 
Dr.  Ferdinand  Hebra,  mit  folgenden  zwei  Aufsätzen: 

Höchst  wichtige  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  in  Gebär- 
anstalteu  epidemischen  Kiudbettfieber. 

DieRedaction  dieser  Zeitschrift  fühlt  sich  verpflichtet,  die  folgenden, 
von  Hrn.  Dr.  Semmelweis,  Assistenten  an  der  ersten  geburtshilflichen 
Klinik  des  hiesigen  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses  gemachten  Be- 
obachtungen in  Hinsicht  der  Aetiologie  der,  beinahe  in  allen  Gebär- 
anstalten herrschenden  Puerperalfieber  hiermit  dem  ärztlichen  Publicum 
mitzutheilen. 

Herr  Dr.  Nemmelweis,  der  sich  bereits  über  fünf  Jahre  im  k.  k. 
Krankenhause  befindet,  sowohl  am  Secirtische  als  auch  am  Kranken- 
bette in  den  verschiedenen  Zweigen  der  Heilkunde  sich  gründlich 
unterrichtete,  und  endlich  während  der  letzten  zwei  Jahre  seine 
i  <  «teile  Thätigkeit  dem  Fache  der  Geburtshilfe  zuwendete,  machte 
es  sich  zur  Aufgabe,  nach  der  Ursache  zu  forschen,  welche  dem  so 
verheerenden,  epidemisch  verlaufenden  Puerperalprocesse  zu  Grunde 
liege.  Auf  diesem  Gebiete  wurde  nun  nichts  ungeprüft  gelassen,  und 
Alles,  was  nur  irgend  einen  schädlichen  Einfluss  hätte  ausüben  können, 
wurde  sorgfältig  entfernt. 

Durch  den  täglichen  Besuch  der  hiesigen  pathologisch-anatomi- 
schen Anstalt  hatte  nun  Dr.  Semmelweis  den  schädlichen  Einfluss 
kennen  gelernt,  welcher  durch  jauchige  und  faulige  Flüssigkeiten  auf 
selbst  unverletzte  Körpertheile  der  mit  Leichensectiunen  sich  be- 
m  ljjtftigenden  Individuen  ausgeübt  wird.    Diese  Beobachtung  erweckte 


')  Zeitschrift   der   fc.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte    EU  Wies,    18*8L     4.  Jahrgang, 
II.  Band.  Seite  242.  nnd  6.  Jahrgang,  I.  Band,  S.  64. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kiu<lf>< ittfiabtfB.        267 

in  ihm  den  Gedanken,  das»  vielleicht  in  Gebäranstalten  von  den  Ge- 
burtshelfern selbst  den  Schwangeren  und  Kreissenden  der  furchtbare 
Puerperalprocess  eingeimpft  werde,  und  dass  er  in  den  meisten  Fällen 
its  anderes,  als  eine  Leicheninfertil m  sei. 

Um  diese  Ansicht  zu  erproben,  wurde  auf  dem  Kreisszimmer  der 
ten  geburtshilflichen  Klinik  die  Anordnung  getroffen,  dass  Jeder, 
der  eine  Schwangere  untersuchen  wollte,  zuvor  seine  Hände  in  einer 
wasserigen  Chlorkalk-Lösnng  (Chloratis  calcis  unc.  1,  Aquae  firatanae 
üb.  duas)  waschen  inusste.  Der  Erfolg  war  ein  überraschend  gün- 
stiger; denn  während  in  den  Monaten  April  und  Mai,  wo  diese  Mass- 
regel noch  nicht  gehandhabt  wurde,  auf  100  Geburten  noch  über 
18  Todte  kamen,  verhielt  sich  in  den  folgenden  Monaten  bis  inclusive 
26,  November  die  Anzahl  der  Tod  ten  zu  den  Geburten  wie  47  zu 
if»47.  d.  h.  es  starben  von  100  2, ,. 

Durch  diese  Thatsache  wäre  vielleicht  auch  das  Problem  gelöst, 
warum  die  Hebammen-Schulen  ein  so  günstiges  MoitalitiUs- Verhält- 
nis im  Vergleiche  zu  den  Bildungsanstalten  lin  Geburtshelfer  herrscht, 
mit  Ausnahme  der  Maternite  in  Paris,  wo  —  wie  bekannt  —  die 
Seetionen  von  Hebammen  vorgenommen  werden. 

Drei  besondere  Erfahrungen  dürften  vielleicht  diese  so  eben  aus- 
gesprochene Ueberzeugung  noch  weiter  bestätigen,  ja  sogar  den  Um- 
fang derselben  noch  erweitern.  Dr.  Semmelweis  glaubt  nämlich  nach- 
weisen zu  können,  dass: 

1.  durch  vernachlässigtes  Waschen  einiger  mit  Anatomie  sich  be- 
schäftigender Schüler  im  Monate  September  mehrere  Opfer  ge- 
fallen sind;  dass 

2.  im  Monate  ( Jetober  durch  häutige  Untersuchung  einer,  an  ver- 
jauchendem  Medullarsarcom  des  Uterus  leidenden  Kreissenden, 
wonach  die  "Wasch ungeu  nicht  beobachtet  winden;  sowie 
endlich 

3.  durch  ein  am  Unterschenkel  einer  Wöchnerin  vorhandenes,  ein 
jauchiges  Secret  lieferndes  Geschwür  mehrere  von  dem  mit 
dieser  gleichzeitig  Entbundenen  infleirt  wurden. 

Also  auch  die  Uebertragung  jauchiger  Exsudate  aus  lebenden 
Organismen  kann  die  veranlassende  Ursache  zum  Puerperal processe 
abgeben. 

Indem  wir  diese  Erfahrungen  der  Oeffentlichkeit  übergeben, 
stellen  wir  an  die  Vorsteher  aammtlicher  Gebäranstalten,  von  denen 
sein  ui  einige  durch  Herrn  Dr.  Semmel  weis  selbst  mit  diesen  höchst 
wichtigen  Beobachtungen  bekannt  gemacht  wurden,  das  Ansuchen, 
das  Ihrige  zur  Bestätigung  oder  Widerlegung  derselben  beizutragen!" 


Der  zweite  Aufsatz  lautet: 

Fortsetzung  der  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  in  Gebär- 
anstalten epidemischen  Puerperalfieber. 

..Im  Decemberhefte  1847  dieses  Journals  wurde  von  Seite  der 
Redaction  desselben  die  höchst  wichtige  Erfahrung  veröffentlicht,  die 
Ben  Di  Semmelweis,  Assistent  an  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik, 
in  Hinsicht  auf  die  Aetiologie  des  in  Gebärhäusern  vorkommend  t  n 
epidemischen  Puerperalfieber  gemacht  hat. 


268  Senunelweis1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kimlbettfi^W. 

Diese  Erfahrung  besteht  'nämlich  (wie  es  den  Lesern  unserer 
Zeitschrift  noch  erinnerlich  sein  wird)  darin,  dass  Wöchnerinnen 
hauptsächlich  dann  erkranken,  wenn  sie  von  Aerzten.  die  ihre  Hände 
durch  Untersuchungen  an  Leichen  verunreinigt,  und  selbe  nur  auf 
gewöhnliche  Weise  gewaschen  hattenr  untersucht  (touchirti  wurden; 
während  entweder  keine  oder  nur  geringe  Erkrankungsfälle  statt- 
fanden, wenn  der  Untersuchende  seine  Hände  früher  in  einer  wässe- 
rigen Chlorkalk-Lösung  gewaschen  hatte. 

Diese  so  höchst  wichtige,  der  Jenner'schen  Kuhpockenimpfung 
windig  an  die  Seite  zu  stellende  Entdeckung,  hat  nicht  nur  seither 
im  hiesigen  Gebärhanse  ihre  vollständige  Bestätigung  erhalten, '1 
sondern  es  haben  sirh  auch  ans  dem  fernen  Auslände  beifällige 
Stimmen  erhoben,  welche  die  Richtigkeit  der  Semmelweis'schen  Theorie 
beglaubigen.  Eingelangte  Briefe,  und  zwar  aus  Kiel  vim  Michaelis, 
und  aus  Amsterdam  von  Tilauus  sind  est  welchen  ich  diese  be- 
stätigenden Mittheilungen  entnehme. 

Um  jedoch  dieser  Entdeckung  ihre  volle  Giltigkeit  zu  gewinnen, 
werden  hiermit  alle  Vorsteher  geburtshilflicher  Anstalten  freundlich-! 
ersucht.  Versuche  anzustellen,  und  die  bestätigenden  oder  wider- 
legenden Resultate  an  die  Redaction  dieser  Zeitschrift  einzusenden!1* 


Dr.  Carl  Haller,  damals  Primararzt  und  provisorischer  Directum*- 
Adjunct,  sagt  in  seinem  „Aerztlichen  Bericht  über  das  k.  k.  allge- 
meine Krankenhaus  in  Wien  und  die  damit  verbundenen  Anstalten: 
die  k.  k.  Gebär-.  Irren-  und  Findelanstalt  im  Solarjahr  1848  V)  nach- 
dem er  die  Rapporte  der  beiden  Abtheilungen  gegeben,  Folgendes: 
„Das  Sterblichkeitsverhältniss  auf  den  beiden  grossen  Gratisab- 
theilungen  der  Gebäranstalt  ist  fast  ein  gleiches,  und  muss  in  jeder 
Beziehung  ein  befriedigendes  genannt  werden. 

Seit  Jahren  bestand  jedoch  eine  bedenkliche  Verschiedenheit. 
Die  unter  Leitung  des  Professors  Klein  befindliche  I.  Gebärklinik, 
welcher  ausschliesslich  alle  männlichen  Schüler  zugewiesen  sind,  hatte 
eine  auffallend  grosse  Sterblichkeit  gegen  Professor  Bartsch'  Schule, 
an  der  sämratliche  Hebammen  den  Unterricht  erhalten. 

Die  Gründe  dieser  höchst  beunruhigenden  Erscheinung  konnten 
nie  mit  Sicherheit  ermittelt  werden.  Das  grosse  Verdienst  ihrer  Ent- 
deckung gebührt  dem  emeritirten  Assistenten  der  I.  Gebärklinik, 
Dr.  Seinmelweis.  Von  der  Vermuthung  geleitet,  dass  die  zahlreichen 
Erkrankungen  und  Todesfälle  unter  den  Wöchnerinnen  der  I.  Gebär- 
klitiik  vielleicht  zum  grossen  Theile  in  einer  Einbringung  von  Leichen- 
gift durch  das  Toiiehiren  der  gleichzeitig  in  der  Nectionskammer  be- 
schäftigten Studierenden   und  Geburtsärzte  bedingt  sein  könnte,   und 


1  Inilmi  im  Monate  December  1847  auf  278  Geburten  8,  iin  Jänner  1848  auf 
888  Geborten  10,  im  Monate  Februar  auf  291  Geburten  BTodeeflÜte  kamen,  mul  im 
Monate  März;  kein«'  \Vi>hnerin  starb,  sowie  sich  auch  gegenwärtig  keine  einzige 
T'HerjK'rnlikraiike  im  Gebärhause  befindet.  Wilhrend  der  zehn  Monate,  wo  da« 
Waschen  mit  Chlorkalk  vor  jeder  Untersuchung-  vorgenommen  wird,  Kind  demnach 
von  2*570  Entbuudeneu  Mos  67  gestorben,  eine  Zahl,  die  früher  öfters  in  einem 
Monate  überstiegen  wurde 

*)  Zeitschrift  der  k.  k.  GeeollMbftft  der  Aerzte  in  Wien.  5.  Jahrgang,  2.  Band, 
Seite  ä3T». 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindhetttieber*.        209 


dieses  durch  die  bisher  übliche  Reinigung  mit  Seifenwasser  nicht  mit 
vollkommener  Sicherheit  hinangehalten  wurde,  liess  er  im  Mai  d.  J. 
1847  mit  Zustimmung  Professor  Kleins  jeden  die  Gebäranstalt  be- 
tretenden Arzt  und  Schüler  vor  jeder  ersten  Untersuchung  einer  Ge- 
barenden oder  Wöchnerin  die  Hände  sorgfältig  mit  Chlorkalk-Lösung 
reinigen,  und  diese  Reinigung  nach  jeder  Untersuchung  einer  nur  im 
geringsten  Giade  kranken  Wöchnerin  wiederholen.  Die  consequente 
Durchführung  dieser  Massregel  hatte  schon  in  den  ersten  Monaten 
überraschende  Erfolge. 

Die  Zahl  der  Todesfalle  verminderte  sich  bereits  im  Jahre  1^47 
bei  fast  gleicher  Anzahl  der  Geburten  um  283,  und  sank  von  11..,  °/0 
auf  5.0,  °/rt;  im  Verlauf  vom  Jahre  1848  aber,  wo  diese  Reinigung 
durch  alle  Monate  beharrlich  und  methodisch  fortgesetzt  wurde, 
stellte  sich  das  Sterblichkeit- Verh&ltniss  dem  auf  der  IL  Gebärklinik 
gleich,  ja  zufällig  noch  um  0.,  °/„  günstiger. 

Seit  der  verminderten  Erkrankung  und  Sterblichkeit  der  Mütter 
ist  auch  für  die  Lebenserhaltung  der  Neugebornen  entsprechender 
gesorgt  worden,  und  auch  hier  nahm  die  Sterblichkeit  in  merkbarem 
ui  ade  ab  ]). 

Die  überzeugenden  Beweise  für  die  Richtigkeit  dieser  Schluss- 
folge kann  der  Leser  aus  einem  vergleichenden  Blicke  der  nach- 
folgenden Tabelle  schöpfen,  in  welcher  die  Geburts-  und  Todesfälle 
der  drei  Abtheilungen  des  Gebärhanses  in  den  letzten  zehn  Jahren 
neben  einander  gestellt  sind,  und  überdies  bemerkt  werden  muss, 
dass  die  Sterblichkeit  nur  eine  approximativ  richtige  ist,  indem  bei 
Überhauduehmenden  Puerperal-Epidemien  an  der  I.  Gebärklinik  aus 
Sanitäts-  und  Humanitäts-Rücksichten  eine  nicht  unbedeutende  Anzahl 
erkrankter  Wöchnerinnen  aus  dem  Gebärhause  auf  einzelne  Ab- 
theilungen  des  Krankenhauses  transferirt  wurden,  und  als  dort  ver- 
storben aus  der  Rechnung  entfielen.*4 

Nun  folgt  die  Tabelle,  welche  in  dieser  Schrift  unter  Nr.  I, 
Seite  100  sich  befindet.  Haller  sagt  ferner:  „Und  was  dem  unbefangenen 
Prüfer  dieser  Zahlen  unabweisbar  sich  aufdrängt,  das  haben  directe 
Versuche  an  Thieren  (Einspritzungen  von  Eiter  und  Jauche  in  die 
Scheide  von  eben  entbundenen  Kaninchen),  welche  von  den  Doctoren 
Semmel  weis  und  Lautner  vor  Kurzem  angestellt  wurden,  und  nach 
vollem  Abschlüsse  veröffentlicht  werden  sollen,  ausser  allem  Zweifel 
gestellt. 

Die  Bedeutung  dieser  Erfahrung  für  die  Gebäranstalten,  für  die. 
Spitäler  überhaupt,  insbesondere  die  chirurgischen  Kraukensäle,  ist 
eine  so  unermessliche.  dass  sie  der  ernstesten  Beachtung  aller  Männer 
der  Wissenschaft  würdig  erscheint,  und  der  gerechten  Anerkennung 
der  hohen  Staatsverwaltung  gewiss  sein  dai 


Obwohl  die  Redaction  der  Zeitschrift  der  Gesellschaft  der  Aerzte 
am  Schlüsse  beider  Artikel  eine  Aufforderung  an  die  Vorstände  der 
Gebärhäuser  richtete,    das  Ihrige  zur  Bestätigung  oder  Widerlegung 


')  Die  Sterblichkeit  der  Neugebcrnen   vermindert'    rieb,   weil  selbe   von   ilinn 
Müttern  die  BrateQtiniaclrang  nicht  mehr  mitgetheüt  erhielten. 


270 


Semnielweis'  Abhacdlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


beizutragen,  so  hielt  ich  es  doch  nicht  für  überflüssig,  die  Vorstände 
vieler  Gebärhäuser  auch  brieflich  zu  verständigen,  und  habe  daher 
entweder  selbst,  oder  dnrch  Freunde  vielen  Vorständen  von  Gebär- 
hausern  geschrieben  oder  schreiben  lassen.  Mehrere  dieser  Briefe 
sind  nicht  beantwortet  worden,  die  erste  Antwort  kam,  und  zwar  un- 
glaublich schnei],  wie  man  sagt,  mit  timgehender  Post  aus  Edinburg 
von  Simpson.  Dr.  Arneth,  mein  Freund  und  ('ollere  an  der  II  Al>- 
theilung,  hat,  der  englischen  Sprache  mehr  nuehtig  als  ich.  Sinin <*>w 
geschrieben,  und  ich  bedaure,  diesen  Brief  hier  nicht  mittheilen  zu 
können,  weil  er  nach  Arneth's  mündlicher  Versicherung,  im  Verlaufe 
der  vielen  Jahre,  die  seither  verflossen  sind,  verloren  gegangen  ist 
Dieser  Brief  war  mit  Schmähungen  angefüllt;  Simpson  sagte,  dass  er 
auch  ohne  den  Brief  gewusst  hat,  in  welch  bek lagen swerthem  Zu- 
stande die  Geburshilfe  sich  in  Deutschland  und  namentlich  in  Wien 
befinde;  er  wisse  gewiss,  dass  die  Ursache  der  grossen  Sterblichkeit 
nur  in  der  grenzenlosen  Verwahrlosung  liege,  der  die  Wöchnerinnen 
ausgesetzt  seien:  so  Verden  /..  B.  gesunde  Wöchnerinnen  in  Betten 
gelegt,  wo  eben  eine  andere  gestorben,  ohne  dass  auch  nur  das  Bett- 
zeug gewechselt  würde. 

Unser  Brief  beweist  auch,  dass  uns  die  englische  geburtshilfliche 
Literatur  ganz  unbekannt  sei,  denn  wenn  wir  die  englische  Literatur 
kennen  würden,  würden  wir  wissen,  dass  die  Engländer  das  Kindbett- 
fieber längst  für  eine  contagiöse  Krankheit  halten,  und  zu  deren 
Verhütung  Chlorwaschungen  anwenden. 

Durch  diesen  Brief  fühlten  wir  uns  nicht  veranlass!,  die  Cor- 
respondenz  mit  Prof.  Simpson  fortzusetzen;  unsere  Leser  verweisen 
wir  aber  auf  Seite  217  dieser  Schrift  wo  wir  weitläufig  die  wesent- 
lichen Unterschiede  zwischen  der  Ansicht  englischer  Aerzte  und 
meiner,  auseinandersetzten. 

Dass  Simpson  nur  in  Folge  einer  Uebereilung  meine  Ansicht  über 
die  Entstehung  des  Kindbettnebers  mit  der  Ansicht,  englischer  Aerzte 
für  identisch  halten  konnte,  geht  aus  einer  (.'orrespondenz  hervor, 
welche  ich  mit  Med.  Doctor  F.  H.  C  Kouth  in  London  führte. 

Dr.  Routh  besuchte  als  Schüler  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien 
während  meiner  Assistenz,  und  das  was  er  gesehen,  überzeugte  ihn 
von  der  Richtigkeit  meiner  Lehre.  Er  reiste  mit  dem  Vorsatze  in 
sein  Vaterland  zurück,  meine  Lehre  dort  zu  verbreiten,  und  ich  er- 
hielt den  ersten  Brief  dd.  23.  Jänner  1849  London  folgenden  In- 
haltes: 

„Cumitiis  in  ultimis  septimanis  Novembris  (1848)  convocatis,  illio 
discursus,  in  quo  tuam  inventionem  enunciavi  reddens  tibi,  ut  voluit 
justitia,  maximam  gloriam,  praelectus  fuit.  Enim  vero  possnni  dicere. 
tut  um  discursum  optime  exceptum  fuisse,  et  multi  inter  socios  doc- 
tissimos  attestaverunt  argumentum  convincens  fuisse.  Inter  hos  prae- 
cipue  Webster,  Copeland  et  Murphy,  viri  et  doctores  clarissimi,  optime 
locuti  sunt.  In  Lancetto  Novembris  1848  possis  omnia  de  hac  con- 
troversia  contingentia  legere. 

l  redisne  novos  casus,  qui  in  bospitio  ex  tempore  mei  abitus  ad- 
missi  sunt,  opinionem  tuam  confirmant? 

Febris  ne  puerperalis  rarior  est  quam  antea?  Si  morbus  sie 
periculosus  in  cubilibus  obstetrieiis  non  adsit  ut  ante,  certe  eflectns 
magni   momenti  denuo   firmatus,     In  Praga  quoque,   ubi   febris   puer- 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  «n«l  die  Prophylaxis  des  Kindbeittiebere.        271 


peralis  tum  frequenter  obvenire  solebat,  eisdem  causis  conseeuta  fuit 
ingenerari !" ") 

Dorset-Square,  London,  21.  Mai   1*49. 

„Meas  aunntationes  de  tna  iuventione  in  libellulo  imblieavi."  ') 
Dorset-Square,  London,  3.  December  1849. 

.. Jam  inventionis  tuae  iama  ac  veritas  in  existimatione  publica 
acntst  jt,  ei  iniei  mimes  medieorum  societates  quam  res  est  maxime 
utüis,  percipiunt  et  agnoscunt,  nee  vero  etiam  temere,  narn  magna  est 
veritas,  et  praevalebit 

Murphy,  Professor  der  Geburtshilfe  früher  zu  Dublin,  jetzt  zu 
London,  hat  in  „The  Dublin  Quarterly  Journal  of  Medical  Science" 
August  1857,  einen  längeren  Artikel  veröffentlicht,  in  welchem  er 
den  oben  erwähnten  Vortrag  Routh's  bespricht,  und  sich  den  in 
diesem  Vortrage  ausgesprochenen  Ansichten  iinschliesst.*) 

Selbffl  siiinisi.ii  '  hat  die  Ansicht,  dass  das  Kindbettfieber  eine 
coutagiose  Krankheit  sei,  aulgegeben. 

Er  hält  jetzt  das  Kindbettfieber  identisch  mit  dem  chirurgischen 
Fieber  und  sagt:  ..Beim  Kindbettfieber  und  beim  chirurgischen  Fieber 
ist  das  Fieber  nicht  die  Ursache  der  begleitenden  Entzündungen, 
noch  sind  die  Entzündungen  die  Ursache  des  begleitenden  Fiebere. 
sondern  das  Fieber  sowohl  als  die  Entzündungen  sind  die  Folgen 
einer  gemeinschaftlichen  Ursache,  nämlich  des  ursprünglichen  Blut- 
verderbnisses.  Was  aber  das  Blut  verderbe,  dies  genügend  zu  be- 
antworten, bleibt  der  späteren  Zeit  einer  mehr  ausgebildeten  patho- 
logischen Anatomie,  Histologie  und  Chemie  vorbehalten." 

Nun,  diese  Aufgabe  ist  schon  gelöst,  denn  das  was  die  Blutver- 
ilribniss  als  gemeinschaftliche  Ursache  des  begleitenden  Fiebers  und 
der  begleitenden  Entzündungen  beim  Kindbettfieber  und  beim  chirurgi- 
schen Fieber  hervorbringt,  das  ist  ein  resorbierter  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoff. 


M  In  den  Versammlungen  englischer  Aerzte,  die  in  den  U-uim  Wudien  No- 
vembera  (1848)  stattgefunden  haben,  habe  ich  einen  Vortrag  gehalten,  in  welchem 
ich  deine  Entdeckung  verkündete,  Dir,  wie  es  die  Gerechtigkeit  verlangt,  deu 
grünsten  Ruhm  bereitend.  Ich  kann  sagen,  dass  mein  Vortrag  gut  aufgenommen 
wurde,  und  dass  viele  der  gelehrtesten  Mitglieder  bezeugten,  dass  die  Gründe  über- 
zeugend seieu.  Unter  diesen  vorzüglich  Webater,  Copeland  und  Murphy;  diese 
Männer  und  berühmten  Aerzte  haben  das  Beste  gesprochen.  Im  Novemberhefte  des 
Laiu'f-tto  ist  alles  über  diese  Verhandlung  zn  lesen. 

Glaubst  Du,  dass  die  Fälle,  welche  nach  meinem  Abgange  vorgekommen  sind, 
auch  deine  Meinung  bestätigen?    Ist  das  Kindbett  lieber  seltener  als  früher? 

W'i'im  diese  gefährliche  Krankheit  in  den  geburtshilflichen  Zimmern  uiclit 
mehr  so  ist  wie  früher,  so  ist  dieser  bedeutungsvolle  Erfolg  bestätigend.  Auch  in 
Prag,  wo  das  Kindbettheber  so  häufig  vorkommt,  ist  es  denselben  erzeugenden  Ur- 
«a'-hen  zuzuschreiben. 

")  Meine  Aufzeichnungen  über  deine  Entdeckung  habe  ich  in  einem  Blichelchen 
veröffentlicht:  On  the  Cannes  of  the  Endemie  Puerperal  Fever  of  Vieuna.    By  C.  Jl 
F.  Kmith  M.  D.  London,  1849,     Separat- Abdruck  aus  den  ., Med ico- Chic urgical  Trans- 
artions"  Vol.  XXXII. 

■)  Per  Ruf  und  die  Wahrheit  deiner  Entdeckung  verbreitet  sich  immer  mehr 
in  der  allgemeinen  Meinung,  und  alle  Gesellschaften  der  Aerzte  sehen  es  ein  und 
erkennen  es  an,  wie  nützlich  dieselbe  ist,  und  das  geschieht  nicht  unbesonnen,  denn 
gross  ist  die  Wahrheit,  und  sie  wird  überwiegend  wurden. 

*)  Separat-Abdrnck :  „What  is  Puerperal  Fever?"  A  ijuestion  proposed  to  tli'1 
epidemiological  Society.  London.  Bv  Edward  William  Murphy  A.  M.  M.  D.  Dublin.  1ÖÖ7. 

6>  Edinb.  Monthlv  Journal,  November  1850. 


272 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


Die  zweite  Antwort  kam  vom  Professor  Michaelis  aus  Kiel. 

Dr.  Schwarz,  Michaelis  Schüler,  war  Ende  d.  J.  1847  auf  dem 
praktisch-geburtshilflichen  Curse  an  der  I.  Gebarklinik,  und  schrieb 
an  Michaelis  die  in  Wien  gemachten  Beobachtungen,  worauf  als  Ant- 
wort folgender  Brief  einlief: 

Herrn  Dr.  Heim  Schwarz  in  Wien. 

„Ihr  Brief  vom  21.  December  1847  hat  mein  höchstes  Interesse 
erregt.  Ich  war  wieder  in  der  grössten  Noth.  Unsere  Anstalt  war 
in  Folge  des  Puerperalfiebers  vom  1.  Juli  bis  1.  November  geschlossen. 
Die  drei  zuerst  wieder  Aufgenommenen  erkrankten,  eine  starb  und 
zwei  wurden  nur  eben  gerettet.  Wir  wollten  also  die  Anstatt  schon 
wieder  schliessen.  Indessen  besserte  sich  der  Gesundheitszustand 
wieder;  zwei  neu  Erkrankte  wurden  leicht  geheilt,  nur  eine  starb 
noch  im  Februar.  Seitdem  sind  alle  gesund.  Ihre  Mittheilungvn  gaben 
mir  zuerst  wieder  einigen  Muth;  der  Beweis  der  Wirksamkeit  der 
<  hlorwaschungen,  so  weit  er  in  Wien  geführt  ist.  ist  schon  aus  der 
grossen  Anzahl  von  Bedeutung.  Ich  führte  sie  sogleich  in  der  Anstalt 
ein,  und  Niemand,  ( 'andidaten  noch  Hebammen,  dürfen  seitdem  unter- 
suchen, ohne  dass  sie  sich  mit  Chlor  gewaschen  haben.  Auch  gebraucht 
es  schon  eine  Hebamme  in  der  Stadt,  die  mehrere  Frauen  entband, 
die  später  am  Puerperalfieber  litten. 

Nach  Kopenhagen  habe  ich  Abschrift  Ihres  Briefes  geschickt. 
Aus  eigener  Erfahrung,  die  so  gering  ist.  dem  grossen  Wiener  Ex- 
periment gegenüber  sprechen  zu  wullen,  würde  anmassend  sein. 

Dennoch  kann  ich  nicht  unterlassen,  Ihnen  einiges  mitzutheilen, 
dt  sst'ii  Zusammenhang  man  in  kleinerer  Weise  gerade  leichter  über- 
sehen kann. 

Seit  vorigen  Sommer,  wo  meine  Cousine  am  Puerperalfieber  starb, 
die  ich  nach  der  Geburt  untersuchte,  zn  einer  Zeit,  wo  ich  Puerperal  - 
kranke  (nun  folgt  ein  nicht  zu  lesendes  langes  Wortl  secirt  hatte, 
war  ich  überzeugt  von  der  Uebertragung.  Es  liel  mir  dann  noch  ein, 
dass  schon  einige  Monate  früher  eine  Frau  in  der  Stadt,  zu  der  mich 
Dr.  Freund  gerufen,  ebenfalls  am  Puerperalfieber  gestorben  war.  Ich 
verweigerte  daher  meinen  Beistand  bei  der  Geburt  vier  Wochen  lang. 
Eine  Gebärende,  der  ich  helfen  sollte,  mnsste  deshalb  einen  andern 
Arzt  rufen:  es  war  ProlapSUS  funiculi  umbilicalis;  er  reponirte;  der 
Arzt  secirte  viel,  anatomisirte  täglich;  die  Entbuudene  erkrankte  am 
Puerperalfieber,  wurde  gerettet,  aber  hat  eine  Exsudatmassa  am  Uterus, 
Die  Hebamme,  welche  hier  Beistand  leistete,  hat  wenigstens  noch  zwei 
vielleicht  drei  Fälle  von  Puerperalfieber  in  der  Stadt  gehabt.  So  viel 
von  der  Fortpflanzung  des  Fiebers. 

Was  die  Sicherung  durch  Chlorwaschnngen  anbelangt,  so  kann  ich 
sie  als  sehr  kräftig  empfehlen,  da  die  Hände  den  ("ieruch  tagelang, 
ungeachtet  wiederholten  Waschens,  bewahren,  was  bei  Chlorwasser 
nicht  der  Fall  ist.  Seit  Einführung  dieser  Waschungen  ist  mir 
bei  keiner  von  mir  oder  meinen  Eleven  Entbundenen  auch  der 
gelindeste  Grad  ftefl  Haben  wieder  vorgekommen,  jenen  einen  Fall 
im  Februar  ausgenommen ,  bei  dem  indess,  wie  ich  vermuthe,  ein 
schlecht  gereinigter  Catheter  gebraucht  wurde,  und  der  isolirt  blieb. 
Nach  dem  schlimmen  Antiingr  aber  im  November  erwartete  ich  die. 
bösartigste  Epidemie.  Uebrigens  beschränkt  sich  meine  Erfahrung 
auf  etwa  30  Fälle,  da  wir  nur  wenig  Schwangere   aufnehmen.     Ich 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiudliettfiebers.        273 

danke  Ihnen  für  Ihn*  Mittheilung  deshalb  vom  ganzen  Herzen;  sie 
hat  vielleicht  schon  unsere  Anstalt  vom  Untergänge  gerettet;  nnd  ein 
neues  Hospital  zu  erwerben  in  diesen  fetten,  wäre  vielleicht  unmög- 
lich gewesen.  Ich  bitte  Sie,  mich  dem  Dr.  Semmel  weis  zu  empfehlen, 
and  auch  in  diesem  sinne  zu  danken,  er  hat  vielleicht  einen  grossen 
Fund  gethan. 

Sie  wissen,  dass  das  Puerperalfieber  bei  uns  eigentlich  eist  seit 
1834  eingezogen  ist.  Dies  ist  aber  auch  ungefähr  die  Zeit,  seitdem 
ich  mich  des  Unterrichtes  thätiger  angenommen  habe,  und  namentlich 
das  Touchiren  der  Candidaten  regelmässiger  eingeführt  ist.  Auch 
diese  Sache  lässt  sich  also  in  Zusammenhang  bringen." 

Kiel,  den  18.  März  1848. 

Im  Kieler  Gebärhause  hat  sich  unsere  Ansicht  über  die  Ent- 
stehung des  Kindbettfiebers  glänzend  bewährt;  man  mache  nicht  die 
Kleinheit  der  Anstalt  geltend,  denn  wenn  das  Kieler  Gebärhaus  gross 
genug  war,  um  wegen  Puerperal-Epidemie  gesperrt  werden  zu  müssen, 
so  ist  es  auch  gross  genug,  um  beim  Ausbleiben  der  Epidemie  als 
Beweis  gelten  zu  können. 

Als  später  wieder  ein  Schüler  Michaelis  nach  Wien  kam,  und 
wir  uns  bei  selbem  um  .Michaelis  erkundigten,  erfuhren  wir  zu  unserem 
Entsetzen,  dass  Michaelis  zu  den  Todten  zähle.  Die  Erfahrungen,  die 
er  gemacht,  bestätigten  ihn  immer  mehr  in  der  Ueberzeugung ,  dass 
er  den  Tod  seiner  Cousine,  von  welcher  er  in  seinem  Briefe  spricht, 
verschuldet,  deshalb  in  tiefe  Melancholie  versunken,  liess  er  sich  bei 
Hamburg  von  einem  dahinbrausenden  Train  zermalmen.  Ich  habe  hier 
deshalb  das  unglückliche  Ende  Michaelis  erzählt,  um  seiner  Gewissen- 
haftigkeit hier  ein  Monument  zu  setzen.  Wir  werden  leider  Gelegen- 
heit haben,  dem  Leser  Geburtshelfer  vorzuführen,  denen  man  etwas 
von  der  Gewissenhaftigkeit  wünschen  möchte,  was  Michaelis  davon  zu 
viel  hatte. 

Friede  seiner  Asche! 


Nachdem  ich  den  Entschluss  gefasst,  nochmals  vor  die  Oeffent- 
lichkeit  zu  treten,  hielt  ich  es  für  zweckmässig,  mich  brieflich  bei 
Michaelis  Nachfolger,  bei  Prof.  Litzmann  anzufragen,  was  er  an  der 
Anstalt  beobachtet,  an  welcher  Michaelis  bestätigende  Erfahrungen 
gemacht.     Als  Antwort  erhielt  ich  folgendes  Schreiben: 

Kiel,  den  25.  September  1858. 

„Von  einer  Reise  zurückgekehrt,  finde  ich  Ihren  Brief  vor,  und 
beeile  mich,  denselben  noch  in  der  Kürze  zu  beantworten.  Während 
der  zehn  Jahre,  dass  ich  Vorsteher  der  hiesigen  Gebäranstalt  bin, 
habe  ich  nach  Kräften  jede  Gelegenheit  zu  einer  Infection  der  Wöchne- 
rinnen durch  Leichengift  zu  vermeiden  gesucht,  mich  nebst  meinem 
Assistenten  von  jeder  unmittelbaren  Beteiligung  bei  Sectionen  lern 
gehalten,  und  die  Studierenden  die  bekannten  Yorsichtsmassregeln 
beobachten  lassen.  Ich  bin  in  der  That  bezüglich  des  Puerperalfiebers 
glücklicher  gewesen  als  mein  Vorgänger  und  habe  wenige  Opfer  zu 
In  klagen  gehabt. 

I  >en  Hauptgrund  dieses  günstigen  Verhältnisses  suche  ich  jedoch 
in  der  Vorsicht,  mit  der  ich  jede  Ueberfüllung  der  Anstalt  mit  Wöchne- 

semmelwei«'  gesammelte  Werke.  18 


274 


Semmelweis'  Abhandlungen  nn<l  Werk  Über  das  Kindbettfieber. 


i  innen  zu  verhüten  bemüht  gewesen  bin.  Die  Anstalt  zählt  acht  oder 
eigentlich  nur  sieben  Einzelzimmer  für  Wöchnerinnen.  Der  Regel 
nach  hat  jede  Wöchnerin  die.  ersten  5 — 7  Tage  ihr  Zimmer  für  sichT 
welches  ihr  auch  als  Geburtszimmer  gedient  hat,  erst  in  der  zweiten 
Woche  des  Puerperismus  werden  zwei  Wöchnerinnen  in  ein  Zimmer 
gelegt.  Die  Erfahrung  hat  gezeigt,  dass,  wenn  die  Zahl  der  Wöchne- 
rinnen eine  Zeit  lang  sich  über  zehn  erhob,  so  dass  schon  in  den 
ersten  Tagen  des  Wochenbettes  zwei  Wöchnerinnen  zusammengelegt 
werden  mussten,  und  die  benutzten  Zimmer  ohne  ausreichende  Lüftung 
sofort  wieder  belegt  wurden,  sofort  das  Kindbettfieber  sich  zeigte. 
Ich  habe  daher  die  Aufnahme  so  weit  zu  beschränken  gesucht,  dass 
namentlich  in  den  Wintermonaten  die  Zahl  der  Wöchnerinnen  nicht 
auf  längere  Zeit  über  zehn  stieg,  habe  im  Nothfalle  die  Gebärenden 
in  Privatlocalitäten,  die  ich  in  der  Nähe  der  Anstalt  gemiethet-  h 
verlegt,  und  dort  ihr  Wochenbett  abhalten  lassen,  und  bin  zu  Letztere! 
Massregel  immer  dann  geschritten,  wenn  Fälle  von  Kindbettfieber  in 
der  Anstalt  auftraten.  Diese  Vorsicht  hatte  Michaelis  nicht  beobachtet, 
die  Zahl  der  jährlich  vorkommenden  Geburten  betrug  unter  seiner 
Direction  160—190,  während  ich  sie  nie  über  150  habe  steigen  lassen. 
Freilich  bin  ich  ungeachtet  aller  Vorsicht  nicht  von  kleineren  Epi- 
oder  Endemien  verschont  geblieben,  und  habe  auch  zweimal  zu  einer 
zeitweisen  Schliessung  der  Anstalt  flüchten  müssen.  Die  zur  Zeit 
solcher  Endemien  in  Privatlocalitäten  verlegten  Gebärenden  blieben 
mit  Ausnahme  eines  Falles,  der  durch  Kindbettfieber  tödtlich  endete, 
während  des  Wochenbettes  sämmtlich  gesund,  oder  erkrankten  höchstens 
in  einem  leichteren  Grade.  Bemerken  will  ich  übrigens  noch,  Oase 
bisweilen  das  Kindheit  lieber  sich  zuerst  in  der  Stadt  oder  Umgegend 
zeigte,  und  erst  darnach  in  der  Anstalt  auftrat,  oder  dass  selbst  diese 
ganz  verschont  blieb." 

Prof.  Litzmann  constatirt.  in  diesem  Briefe  die  Beobachtung  von 
Massregeln  gegen  die  lnfection.  Er  constatirt  einen  günstigen  6e- 
sundheitszustand  der  Wöchnerinnen,  glaubt  aber  das  dem  Umstände 
zuschreiben  zu  müssen,  dass  er  Vorsorge  gegen  die  Ueberfiillung  des 
Gebärhauses  getroffen.  Wir  theilen  diese  Ansicht  nicht,  indem  wir 
dafür  halten,  dass  ohne  die  Massregeln  gegen  die  lnfection  die  Ver- 
hütung der  Ueberfüllung  erfolglos  geblieben  wäre.  Als  Michaelia, 
nai  hdem  das  Gebärhaus  durch  vier  Monate  geschlossen  war,  es  wieder 
eröffnete,  erkrankten  die  drei  Angekommenen,  obwohl  das  Gebärhaus 
gewiss  gelüftet  und  mit  drei  Individuen  gewiss  nicht  überfüllt  war. 
Litzmann  legt  dem  Umstände  grosses  Gewicht  bei,  dass  er  mir 
150  Wöchnerinnen  in  einein  Jahre  verpflegte,  während  Michaelia 
deren  100—190  verpflegte;  Kiwisch  verpflegte  in  einem  Jahre.  102 
Wöchnerinnen  und  davon  starben  26.47%,  in  Wien  wurden  1822 
3066  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  starben  0^4ü/o,  Litzmami  will 
nur  eine  Wöchnerin  in  einem  Zimmer  verpflegen,  au  der  I.  Gebar- 
klinik  wurden  32  Wöchnerinnen  in  einem  Zimmer  verpflegt,  und 
Während  der  Beaufsichtigung  der  Chlorwasehungen  durch  mich  hatten 
wir  zwei  Monate  gar  keine  Todte,  während  die  fünf  ungünstigsten 
Monate  vor  den  rnlorwaschungen  solche  waren,  wo  die  Anzahl  der 
verpflegten  Wöchnerinnen  eine  geringe  w ar,  also  das  Gebärhaus  ge- 
ringer überfüllt  war  als  in  den  zwei  Monaten,  wo  wir  gar  keine 
Todte  hatten.  Welche  Bedeutung  die  Ueberfüllung  hat.  haben  wir 
durch  zahlreiche  Tabellen  gezeigt. 


Die  Aetiulogie.  der  Betriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        27") 


Wir  erlauben  daher  mit  Recht  die  Behauptung  autstellen  zu 
können,  dass  der  zehn, jährige  günstige  Gesundheitszustand  der  Wöchne- 
rinnen des  Kieler  Gebärhauses  den  Massregeln  gegen  die  Infection 
zuzuschreiben  sei. 


Michaelis  titeilte   in   seinem  Briefe   mit,    dass  er  eine    \l>s. 
•It-s  Briefes  vun  Dr.  Schwarz  n;n -h  Kopenhagen  gesendet;  ich  wendete 
daher  brieflich  an  Prof.  Levy   mit   der  Bitte,  mir  mitzutheilen, 
was  er   innerhalb   der  zehn   Jahre,   die    seitdem   verflossen,   für  Be- 
obachtungen gemacht  habe;  und  erhielt  folgende  Antwort: 

Kopenhagen,  31.  Mai  1858. 

„Ihren  wvrthen  Brief,  worin  Sie  mich  freundlichst  dazu  auffordern. 
meine  Erfahrungen  über  Dura  Ansichten  von  der  Entstehung  und 
Verhütung  des  Puerperalfiebers,  als  Antwort  auf  ein  vor  zehn  Jahren 
mir  durch  den  verstorbenen  Professor  Michaelis  in  Kiel  mitgetheiltes 
Schreiben  Unten  zuzustellen,  habe  ieh  die  Ehre  gehabt,  richtig  ZD 
empfangen,  und  rechne  ich  auf  gütige  Nachsicht,  wenn  einige  Wochen 
vergangen  sind,  bevor  die  Beantwortung  derselben  hat  stattfinden 
können. 

Bevor  ich  aber  auf  die  mir  vorgelegte  Frage  eingehe,  sei  es  mir 
erlaubt.  Ihre  Vorstellung  von  meiner  bisherigen  Schweigsamkeit  in 
dieser  Beziehung  zu  berichtigen.  Kur/  nachdem  ich  nämlich  durch 
Professor  lilch&elis  Ihr  interessantes  Schreiben  vom  21.  December  1847 
erhalten  hatte,  veröffentlichte  ich  es  in  dänischer  L'ebersetzung  in 
unseren  damaligen  ..Hospitals-Mittheilungeir,  eine  Zeitschrift,  woran 
ich  selbst  als  Mitredacteur  thätigen  Antheil  nahm,  unter  Hinzufügung 
einiger  kritischer  Betrachtungen,  auf  welche,  als  auf  meine  Antwort, 
ich  den  Prof.  Michaelis  gelegentlich  hinwies.  Sieher  hatte  er  die 
Absicht,  Ihnen  eine  Uebersetzung  meiner  Bemerkungen  mit  zut  heilen, 
und  ich  gestehe»  dass  ich  in  dem  Glauben  bisher  gelebt  habe,  dasa 
TOT  seinem  Tode  geschehen  wäre.  Da  ich  aber  jetzt  das  (^egen- 
theil  erfahre,  erlaube  ich  mir  zur  eigenen  Rechtfertigung  als  Beilage 
dieser  Zeilen  eine  Uebersetzung  meiner  damaligen  Bemerkungen  zu- 
zustellen, woraus  meine  Zweifel  und  ßedenklichkeiten.  wie  sie  sich 
mir  gleich  aufdrängten,  und  noch  zum  Theil  fortbestehen,  offen  her- 
vorgehen weiden. 

Meine  eigenen  Erfahrungen  haben  den  hiesigen  Verhältnissen 
nach  nur  beschränkter  Art  sein  können.  Die  Schüler,  die  den  halb- 
jährigen clinischen  C'ursus  in  unserer  Anstalt  durchzumachen  ver- 
pflichtet sind,  sind  nicht  länger  Studenten,  aber  schon  examinirte 
Aerzte,  die  im  Laufe  des  ersten  Jahres  nach  absei  virtrm  Amtsexamen 
zur  Olinik  der  Anstalt  admittirt  werden.  Diese  haben  folglich  mit 
anatomischen  Sech  Übungen  nichts  mehr  zu  thun,  und  diejenigen  unter 
ihnen,  die  zur  selben  Zeit  den  Candidateudienst  in  den  Mildem  Hospi- 
tälern besorgen,  sind  dazu  angehalten,  w&hrend  des  Aceouchements- 
cttrsus  an  den  Leichenöffnungen  in  den  Spitälern  keinen  thätigen  An- 
theil zu  nehmen.  In  der  Gebäranstalt  selbst  werden,  wie  in  meinen 
Bemerkungen  hervorgehoben  wird,  schon  seit  mehr  als  zehn  Jahren 
in  der  Kegel  keine  Pilerperitlleichen  vun  den  Aer/.ten  oder  Clinisten 
der  Anstalt  secirt,  wogegen  wir  uns  fremder  Hilfe  dazu  bedienen. 
Nur  in  den  wenigen  Ausnah msfällen,  wo  die  Todesursache  nicht  puer- 

18* 


'_'"(»  .-^iiiiiiKltvei.*'  Abliaii'Lluiiijeu  und  Werk  über  das  Kindbett Ji' 

peraler  Natur  ist.  obduciren  wir  ^rlli>t .  mit  der  Vorsicht  doch,  äsuBfl 
der  Obducent  nicht  gerne  am  selben  Tage  die  Exploration  der 
bärenden  vornimmt.  In  einer  anderen  Richtung  aber  haben  wir 
reichliche  Gelegenheit  gehabt,  Erfahrungen  zu  Bammeln,  indem  alle 
Kinderleichen  sowohl  der  Gebar-  als  der  Pflegeanstalt  liier  obdu- 
cirt  werden. 

Derlei  Sectionen  kommen  daher  3 — 4  mal  wöchentlich  vor,  und 
werden  fast  alle  vom  Reservearzt  der  Anstalt  gemacht,  ohne  dass 
andere  Präcautionen  als  die  gewöhnlichen  Reinlichkeitsrücksichten 
dabei  beobachtet  werden.  Obgleich  derselbe  an  der  Exploration  dar 
•  ;>-i>ai<  iiilt-ri.  und  den  operativen  Geburten  häufig  bethätigt  ist.  haben 
wir  doch  nie  zur  Verdächtigung  dieser  Sectionen  den  geringsten 
Anlass  gefunden,  Chlorwaschungen  sind  hier  im  Lauft'  der  Jahre 
nur  in  äusserst  seltenen  Ausnahmsfallen,  wo  man  es  mit  sehr  fauligen 
und   übelriechenden  Präparaten    zu   thun    hatte,   angewendet    wurden. 

Indem  ich  Ihnen,  mein  verehrtester  Herr  College,  nachstehende 
Blätter  zuschicke,  werden  Sie  es  nicht  vergessen,  dass  der  Inhalt  ein 
vi  zehn  Jahren  geschriebener  Journalartikel  ist,  der  also  nur  die 
wissenschaftliche  Frage,  in  keiner  Beziehung  aber  die  Persönlichkeit 
vor  Augen  gehabt  hat.  Sie  werden  es  ferner  gütigst  bedenken,  dass 
der  Autor  Däne  ist.  und  dalier  auf  schonende  Beurtheilnng  und  mög- 
liche Berichtigung  des  siyles  wohl  rechnen  darf,  wenn  diese  Blätter 
verött entlieht  werden  sollten,  was  ich  Ihnen  gerne  gestatte,  wenn  nur 
nieine  Bemerkungen,  meine  Erfahrungen  vorangeschickt  werden,  in- 
soferne  sie  der  Veröffentlichung  überhaupt  werth  sind. 

König!.  Gebaranstalt  in  Kopenhagen,  31/5  1868,* 

—  Zu  diesem  Briefe  habe  ich  Folgendes  hinzuzufügen:  Chlor- 
waschungen sind  allerdings  überflüssig,  wenn  man  die  Hände  rein 
erhält.  Sectionen  von  Kindesleichen  sind  desshalb  minder  gefährlich, 
weil  selbe  nach  eingetretenem  Tode  früher  gemacht  werden  als  bei 
Erwachsenen,  es  hat  sich  daher  bei  Kindesleichen  noch  nicht  der  ge- 
hörige  Grad  der  Fiiuluiss  eingestellt, 

Hospitals-Mittheilungen.  1.  Band  1848,  pag.  204—211. 

„I.  Mit  oller  Achtung  und  Anerkennung  des  verdienstlichen 
Streben»,  dass  sich  in  den  Untersuchungen  des  Dr.  Semmelweis  kund- 
gibt, glaube  ich  die  durch,  dieselben  bei  mir  hervorgerufenen  Be- 
trachtungen und  Zweifel  um  so  weniger  zurückhalten  zu  dürfen,  als 
ich  mich  durch  den  mir  zugestellten  Brief  zur  Mittlieilung  desselben 
aufgefordert  fühle. 

Vor  allem  mag  es  zu  bedauern  sein,  dass  weder  die  Beobach- 
tungen selbst,  noch  die  darauf  gegründete  Ansicht  mit  der  Klarheit 
und  Präcision  hervortreten,  die  in  einer  so  wichtigen  ätiologischen 
Angelegenheit  zu  wünschen  wäre.  Denn  ungeachtet  es  sowohl  aus 
den  apriorischen  Voraussetzungen  als  aus  den  angefügten  Thatsuchen 
selbst  hervorzugehen  scheint,  dass  die  präsumirte  Leicheninfection, 
der  Annahme  nach,  stattfinden  kann,  und  stattgefunden  hat.  ohne 
Berücksichtigung,  ob  der  InfectionsstofF  aus  Puerperal-  oder  anderen 
Leichen  herrühre,  so  würde  doch  eine  strenge  Untersuchung  absolut 
fordern,  dass  diese  Verschiedenheit  der  Infectionsquellen  nicht  allein 
beachtet,  sondern  auch  eine  Sonderung  der  angestellten  Beobachtungen 
zu  Grunde  gelegt  wäre.  In  wissenschaftlicher  Beziehung,  und  nament- 
lich für   die  Contagiositätsfrage  des  Puerperalfiebers   müsste  es  näm- 


Difl  Aettologie,  der  Begriff  nnd  «lie  Prophylaxis  des  Kinrlhetttibljers.         277 


Iicli  von  grosser  Bedeutung  sein  zu  wissen,  ob  die  pr.'isumirte  l.eiihen- 
infectiOD  nur  cadaverischen  Puerperalstott'eii  oder  allen  radaverischen 
Effluvien  ttberhftupt  anzurechnen  sei.  und  allenfalls  ob  die  durch 
Leicheninfection  hervorgerufenen  Puerperalkranklieiten  sich  d 
identischen  oder  verschiedenen  Formen  manifestirten.  je  nach  der 
Verschiedenheit  der  cadaverischen  Infektionsquelle.  Es  wird  nämlich 
einleuchtend  sein,  dass,  so  lange  nur  von  ruerperalleichen  die  Rede 
ist.  sich  die  Frage  mich  auf  dem  Gebiete,  uh  auch  an  der  äusserst  hi 
Grenze,  der  Contagiosität.  beschränkt,  da  es  sich  doch  um  das  Product 
oder  Residuum  einer  bestimmten  Krankheit  handelt,  das  durch  lieber- 
fiilirung  auf  eine  dazu  besonders  disponirte  Person  dieselbe  Krankheit 
veranlassen  zu  können  angenommen  wird,  wogegen  in  den  Fällen, 
wo  der  hifeetionsstotf  von  allen  andern  Leichen  herrühren  mag,  jeder 
Gedanke  von  spezifischem  ('ontagium  aufgegeben  werden  niuss,  nnd 
statt  dessen  die  Infection  der  Blutmasse,  insoferne  eine  solche  statt- 
findet, mit  der  von  vielen  Experimentatoren  an  Thieren  durch  directe 
Einführung  putrider  animalischer  Stoffe  in  dem  Organismus  hervor- 
gerufenen  ßlutinfection  zusammengestellt  werden  muss.  Dass  hier- 
durch ein  Zustand  hervorgebracht  werden  kann,  der  mit  der  puer- 
peralen Pyaemie  viele  Aehnliehkeit  hat,  ist  unzweifelhaft;  aber  nicht 
weniger  fest  steht  die  Erfahrung,  dass  das  Puerperalfieber  unter 
mehreren  anderen  Formen  sich  manifestirt,  und  eben  deshalb  wäre 
es  wanschenswerth  gewesen,  dass  die  Untersuchung  mit  weniger  In- 
difterentismus  über  die  Frage  um  die  verschiedene  Quelle,  Natur  nnd 
Wirkung   der  cadaverischen   Infectionsstoffe  hinweggegangen  wäre.11 

Auf  diesen  ersten  Punkt  können  wir  Folgendes  antworten:  Wir 
haben  den  Brief  weder  selbst  geschrieben,  noch  vor  seiner  Absendung 
gelesen,  glauben  aber,  dass  er  so  gar  undeutlich  nicht  gewesen  sein 
mag,  weil  Michaelis  sich  vollkommen  orientirt. 

Jede  Leiche  ohne  Rücksicht  auf  die  Krankheit,  welche  den  Tod 
veranlasst,  ist  geeignet,  das  Kindbettneber  hervorzurufen;  es  ist  mit- 
hin das  Kindbettheber  keine  contagiüse  Krankheit,  sondern  das  Kind- 
bettfieber  ist  eine  Pyaemie,  wie  selbe  Experimentatoren  an  Thieren 
auch  hervorbringen,  und  obwohl  es  gewiss  ist,  dass  das  Puerperal- 
fieber auch  unter  mehreren  andern  Formen  sich  manifestirt,  so  ist  es 
doch  gewiss,  dass  diese  Fälle  auf  dieselbe  Art  entstehen,  wie  die 
Falle  von  Pyaemie.  Die  Puerperalfieber-Fornien.  welche  man  ins- 
besondere Pyaemie  nennt,  sind  seltener,  als  die  Fälle  von  Puerperal- 
fiebern, die  unter  anderen  Formen  verlaufen:  an  der  1.  Gebärklinik 
BQhwankte  die  Sterblichkeit  (siehe  Tab.  Nr.  1..  Seite  100),  innerhalb 
sechs  Jahren  zwischen  237  und  518  Todten,  durch  die  Chlorwaschunjren 
wind.'  im  Jahre  1848  die  Sterblichkeit  auf  45  Todte  herabgedrückt, 
die  198  und  473  Todesfälle  mehr  waren  gewiss  nicht  alle  durch  diese 
Form  bedingt,  welche  man  Pyaemie  nennt,  BOndem  durch  manche 
andere  Formen,  und  dt  ich  wurden  selbe  durch  die  Chlorwaschungen 
auch  verhütet,  als  Beweis,  dass  sie  dieselbe  Ursache  hatten;  warum 
ab.  r  der  zersetzte,  resorbirte  Stoff  einmal  die  Form,  welche  insbe- 
sondere Pyaemie  genannt  wird,  ein  anderesmal  aber  eine  andere  Form 
erzeugt,  das  wissen  wir  nicht. 

Vielleicht  liegt  der  Grund  in  den  verschiedenen  Fäulnissgraden 

ersetzten  Stoffes,  vielleicht  in  der  verschiedenen  Reactionsfähig- 
keit  des  Organismus. 

Wenn  Prof   Lew  fernere  sagt,  da  das  Puerperalfieber  manchmal 


278 


Seininelweis*  Abhandlungen  und  Werk  über  cUs  Kindbett  lieber. 


unter  der  Form  auftritt,  die  man  Pyaemie  nennt,  und  manchmal 
unter  anderen  Formen,  so  wäre  es  wünschenswerth  gewesen,  dass  die 
Untersuchung  mit  weniger  Indifterentismus  über  die  Frage  um  die 
verschiedene  Quelle,  Natur  und  Wirkung  der  cadaverisirten  Infeetions- 
stotfe  hinweggegangen  wäre:  so  heisst  das  nichts  anderes  als  ver- 
langen, es  mögen  directe  Versuche  an  Menschen  gemacht  werden,  um 
auf  alle  diese  Fragen  antworten  zu  kämen.  Wir  wollen  li< 
weniger  wissen,  aber  unsere  Wöchnerinnen  gesund  erhalten. 

Und  wenn  Jemanden  der  Vorwurf  des  Indifterentismus  gemacht 
werden  soll,  so  bin  ich  nicht  derjenige,  der  ihn  verdient,  sondern 
meine  Herren  Collegen,  denn  gewiss  ein  Jeder  hat  ein  oder  mehrere 
Facta  beobachtet,  die  mit  der  Lehre  vom  epidemischen  KindbetthVber 
nicht  in  Einklang  zu  bringen  sind,  und  aus  Indifterentismus  sind  sie 
trotzdem  bei  der  Lehre  vom  epidemischen  Kiudbettfieber  geblieben. 
anstatt  nachzudenken,  um  den  Widerspruch  zu  lösen. 

„IL  Die  quantitative  Begräuzung  der  speciflschen  Contagien  ist 
unberechenbar:  es  ist  möglich,  dass  schon  ein  einzelnes  Atom  unter 
günstigen  Bedingungen  zur  Fortpflanzung  des  Krankheitsproc« 
wodurch  es  producirt  worden,  genügt;  ja  in  Contagiosa ätsfragen  lässt 
sich  a  priori  kaum  irgend  einer  Möglichkeit  ein  gewisser  Grad  von 
Berechtigung  absprechen.  Hätte  daher  Dr.  Semmelweis  vom  Stand 
punkte  der  Contagiosität  seine  Ansicht  von  der  Leicheninfection  auf 
Puerperalleichen  allein  beschränkt,  würde  ich  um  so  weniger  zur  Ver- 
neinung geneigt  sein,  als  ich  selbst,  ohne  übrigens  <  'ontagionist  zu 
sein,  aber  allein  aus  scrupulöser  Berücksichtigung  der  contagionisti- 
schen  Möglichkeiten  schon  in  mehreren  Jahren  darauf  geachtet  haben, 
dass  keiner  der  Aerzte  der  hiesigen  Anstalt  am  selben  Tage,  da  er 
an  der  Obduetion  einer  Puerperalleiche  thätigen  Antheil  genommen 
hat,  mit  irgend  einer  Gebärenden  in  Berührung  gekommen  ist.  Wozu 
sich  doch  gleich  die  Bemerkung  anschliessen  mag,  dass  ich  dabei 
weniger  die  Ueberführung  eines  palpablen  Ansteckungsstoffes  durch 
die  Exploration,  als  die  mögliche  Einwirkung  des  den  Händen,  Haaren 
und  Kleidern  anhangenden  Leichendunstes  vor  Augen  gehabt  habe. 
—  Aber,  wie  schon  bemerkt,  das  specilische  Contagium  scheint  dein 
Dr.  Semmelweis  von  geringer  Bedeutung  zu  sein,  ja  es  wird  seinerseits 
si.  wenig  beachtet,  dass  in  seinem  Aufsatze  von  der  directen  Ueberführung 
der  Krankheit  von  Kranken  auf  naheliegende  gesunde  Wöchnerinnen 
gar  nicht  die  Rede  ist.  Ihm  ist  es  nur  zu  thon,  in  der  allgemeinen 
Leicheninfection  ohne  Rücksicht  auf  die  dem  Tode  vorausgegangene 
Krankheit.  Und  in  solche]-  Auffassung,  gestehe  ich,  scheint  Bi 
Ansieht  mir  nicht  die  Probabilität  für  sich  zu  gewinnen.  Denn  ab- 
gesehen von  der  ohne  Zweifel  etwas  übertriebenen  Vorstellung  FOD 
der  Absorptionsfähigkeit  des  gesunden  Muttermundes,  die  in  den 
Wirkungen  der  auf  denselben  angebrachten  Arzneistoffe  kaum  ihre 
Bestätigung  findet,  scheinen  doch  alle  mit  Ueberführung  putrider 
Stoffe  in  den  Organismus  angestellten  Versuche  darzutluin,  dass  die 
dadurch  hervorgebrachten  Wirkungen  sowohl  in  Schnelligkeit  als  In- 
tensität von  quantitativen  Verhältnissen  abhängig  sind,  und  dasa 
namentlich  die  schnell  tödtende  putride  Infectiou,  selbst  durch  dii 
Einbringung  der  putriden  Stoffe  in  die  Blutmasse,  doch  mehr  als 
homoeopatische  Dosen  der  Giftstoffe  erforderlich  macht 
höher  wird  man  doch,  aus  Achtung  für  den  Heinli«^' 
Wiener   Studirenden,   den   in   einen    Nag  el   ' 


Die  AetioLogie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers. 


steckungsstoff,  oder  die  Ausdünstung  der  bald  nach  anatomischen 
Arbeiten  zur  Expiration  an  Gebärenden  verwandten  Finger  nicht 
anschlagen  können.' 

Auf  diesen  zweiten  Punkt  haben  wir  zu  erwiedern,  dass  wir  das 
Kindbett  lieber  für  keine  contagiöse  Krankheit  halten,  dass  wir  aller- 
dings eine  allgemeine  Infection  mittelst  eines  zersetzten  Stoffes  nach- 
gewiesen haben,  und  dieser  zersetzte  Stoff  kann  nun  auch  von  Leichen 
genommen  werden. 

Der  Leser,  welcher  diese  Schrift  aufmerksam  gelesen  hat.  wird 
sich  selbst  antworten  können;  ich  will  hier  nur  bemerken,  dass,  wenn 
das  Kindbettfieber  eine  contagiöse  Krankheit  wäre,  so  müssteu  die 
Massregeln  gegen  die  Verbreitung  des  Kindbettfiebers  vorzüglich  in 
den  Wochenzimmern  getroffen  werdeu,  weil  die  Individuen  auf  dem 
Kreissezimmer  in  der  Kegel  noch  gesund  sind,  und  erst  in  dem 
Wochenzimmer  erkranken;  wir  haben  aber  unsere  Massregeln  vor- 
züglich auf  dem  Kreissezimmer  getroffen,  mit  welchem  Erfolge  ist 
bekannt,  obwohl  wir  auf  dem  Kreissezimmer  das  Contagiuni  unmög- 
lich zerstören  konnten,,  was  die  später  im  Wochenzimmer  Erkrankten 
erst  erzeugt  haben. 

Dass  der  gesunde  Muttermund  nicht  resorbirtT  behaupten  wir 
auch ;  wir  finden  im  normalen  Zustande  die  Stelle,  wo  die  Resorption 
geschieht,  in  der.  in  Folge  der  Schwangerschaft  von  Schleimhaut  ent- 
blössten  inneren  Fläche  der  Gebärmut  tri. 

Um  das  materielle  Quantum  des  zersetzten  Stoffes  zu  bestimmen, 
welches  uüthig  ist,  um  das  Kindbettfieber  hervorzurufen,  nvussten 
directe  Versuche  gemacht  werden;  wir  ziehen  es  vor,  in  diesem 
Punkte  in  Unwissenheit  zu  bleiben,  und  begnügen  uns  mit  der  Kenut- 
niss,  dass  so  viel,  als  nach  der  gewöhnlichen  Art  des  Waschens  an 
den  Händen  kleben  bleibt,  wenn  auch  vielleicht  nur  in  Gestalt  einer 
putriden  Luft,  hinreicht  das  Kindbettlieber  hervorzurufen,  und  dass 
das  wirklich  so  ist,  können  wir  dadurch  beweisen,  dass  wir  nichts 
anderes  gethan,  als  eben  nur  den  an  der  Hand  nach  der  gewöhnlichen 
Art  des  Waschens  restirend  bleibenden  zersetzten  Stoff  zerstört  haben, 
und  haben  dadurch  die  Sterblichkeit  der  I.  Abtheiluug,  welche  inner- 
halb 6  Jahren  zwischen  237  und  518  Todten  schwankte,  im  Jahre 
1 848  auf  45  Todte  beschränkt 

„HL  Um  seine  einmal  gefasste  Ansicht  zu  prüfen,  verordnete 
Dr.  Semmelweis  die  Chlorwaschungen  natürlicherweise  in  der  Absicht, 
jede  Spur  von  cadaverischen  Kesiduen  an  den  Fingern  zu  vertilgen. 
Würde  aber  das  Experiment  nicht  viel  einfacher  und  sicherer  ge- 
wesen sein,  wenn  man  sich  darüber  geeinigt  hätte,  wenigstens  für 
Zeitdauer  des  Versuches,  sich  von  allen  anatomischen  oder  anatom- 
pathologischen  Arbeiten  fern  zu  halten,  wozu  man  sogar  die  Studirenden 
tin  Im  2— 3 monatlichen  Cursus  im  Gebärhause  billigerweise  ver- 
pachten könnte.  Im  hiesigen  Gebärhause  sind  wir,  ohne  irgend  etwas 
Experimentelles  damit  zu  bezwecken,  allein  aus  Scrtipulositätsrihk- 
sii'hteii  auf  contagionistisehe  Möglichkeiten  schon  vor  mehr  als  einem 
Jahre  soweit  gegangen,  dass  vorschriftsweise  keiner  der  Aerzte.  Heb- 
ammen oder  Wärterinnen  der  Anstalt  mit  einer  obducirten  Puerperal- 
leiche  in  nähere  Berührung  kömmt;  und  ohne  zu  wiesen,  welchen 
Autheil  dieses  Präcautionsmittel  unter  mehreren  anderen  au  dem 
l  ten  Gesundheitszustand  der  Anstalt  gehabt  haben  mag.  bin 
:ch  der  Meinung,  dass  es  fortgesetzt  werden  mag,  so  dass  wir  iu  Ob- 


280 


.Semmelweis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


ductionsfallen  auf  den   wohlwollenden  Beistand  auswärtiger  Collegen 
rechnen  müssen. " 

Hierauf  haben  wir  zu  erwiedem,  dass  es  uns  auch  zweckmässiger 
scheint,  die  Hände  nicht  m  verunreinigen,  als  die  verunreinigten  wieder 
zu  reinigen.  Auf  dieser  Ueherzengung  beruht  ja  die  Bitte  um  (tag 
früher  erwähnte  Gesetz,  welches  wir  an  sämmtliche  Regieningen  ge- 
richtet. Aber  in  der  untergeordneten  Stellung  eines  Assistenten,  in 
der  ich  damals  war,  konnte  ich  wohl  nicht  als  Gesetzgeber  auftreten, 
nnd  dass  eine  Appellation  damals  an  diejenigen,  die  es  hätten  biingen 
können,  erfolglos  geblieben  wäre,  kann  der  Leser  daraus  entnehmen, 
das.«  ja  selbst  die  Conunission  des  Wiener  Profi&sorra-Collegiom, 
welche  in  dieser  Angelegenheit  ernannt  war,  ihn-  Thätjgkeit  nicht 
beginnen  durfte.  Und  wenn  Prof.  Levy  sagt,  dass  er  nicht  weiss, 
welchen  Antheil  an  dem  verbesserten  Gesundheitszustand  dieses  Prä- 
< autionsmittel  unter  mehreren  anderen  hatte,  so  können  wir  ihm  als 
tfasBBtab  zur  Reurtheilung  den  Antheil  anführen,  den  dieses  Prae- 
cautionsmittel  für  sich  allein  auf  die  Verbesserung  des  Gesundheits- 
zustandes des  Wiener  Gebärhauses  hatte;  die  Sterblichkeit  wurde 
durch  dieses  Präeautionsinittel  allein  auf  45  Todte  unter  3556  Wöch- 
nerinnen im  Jahre  1848  herabgedrückt,  während  ohne  dieses  Prä- 
cautionsmittel die  Sterblichkeit  binnen  6  Jahren  bei  einer  nicht 
(litiv-renten  Anzahl  von  Wöchnerinnen  zwischen  237  und  518  schwankte, 
und  doch  hatten  wir  dieses  Präcautionsmittel  in  einer  unvull- 
kommeneren  Form  angewendet  als  Professor  Levy,  indem  derselbe 
die  Hände  nicht  verunreinigen  Hess,  wir  das  aber  nicht  verhindern 
konnten,  und  uns  daher  auf  das  Desinficiren  so  vieler  Schüler  ver- 
lassen mussten,  und  wir  haben  an  einer  Stelle  dieses  Buches  schon 
weitläufig  nachgewiesen,  dass  darin  die  Schuld  liegt,  dass  wir  nicht 
noch  weniger  Todte  hatten. 

..  I V.  Jedoch  —  wird  man  sagen  —  scheinen  die  Resultate  des 
Versuches,  trotz  aller  Bedenklichkeiten  dagegen,  die  Ansicht  des 
Dr.  Semmelweis  zu  bestätigen,  „Scheinen",  bleibt  die  Antwort,  aber 
wenigstens  auch  nicht  mehr;  jeder  nämlich,  der  durch  eine  längere 
Reihe  von  Jahren  dazu  Gelegenheit  gehabt  hat,  das  periodische  Steigen 
und  Fallen  der  Kränklichkeit  in  Gebäranstalten  zu  beobachten,  wird 
ohne  Zweifel  eingestehen  müssen,  dass  uns  zur  Würdigung  der  ge- 
wonnenen Resultate  wesentlich  darüber  Aufschluss  mangelt,  ob  nicht 
auch  in  früheren  Jahren  die  Anstalt  ebenso  günstige  Perioden  gehabt 
hat,  als  in  den  letzten  sieben  Monaten,  wozu  eine  genaue  statistische 
Mittheilung  über  die  monatlichen  Krankheits-  und  Todesfälle  er- 
forderlich wäre.  Dieser  Mangel  bleibt  nm  so  fühlbarer,  wenn  man 
sich  erinnert,  dass  vor  ungefähr  drei  Jahren  der  Professor  Klein  in 
den  medicinischen  Jahrbüchern  der  k.  k.  österreichischen  Staaten, 
Jänner  1845,  einen  ofticiellen  Bericht  über  die  Wirksamkeit  der  Ge- 
bärklinik  in  den  sieben  Jahren  (1836 — 1843)  geliefert  hat,  wonach 
das  Sterbeverhältniss  1:15,  wenn  auch  traurig  genug,  doch  über  100% 
besser  sich  stellt,  als  das  Sterbeverhältniss,  womit  die  Resultate  der 
Chlorwaschnngsperiode  am  nächsten  verglichen  worden  sind.  Möglich, 
ja  sogar  wahrscheinlich  ist  es,  dass  dieser  Unterschied  weniger  von 
einem  constant  bessern  Gesundheitszustand,  als  von  einzelnen  be- 
sonders günstigen  Perioden  herrührt,  aber  eben  deshalb  wäre  es,  beim 
Mangel  genauer  statistischer  Mittheilungen,  denkbar,  dass  auch  die 
Resultate   der   letzten   sieben    Monate,    zum   Theil   wenigstens,   von 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  PropLylaxis  des  Kindbettfiebers.        281 


periodischen  Zufälligkeiten  abhängen  könnten,  zum  Theil  vielleicht 
von  der  eben  durch  das  Experiment  hervorgerufenen  strengem  Be- 
rücksichtigung der  Reinlichkeit  im  Allgemeinen.*' 

Diesen  Punkt  hat  die  Zeit  widerlegt  es  handelt  sich  jet/t  nicht 
mehr  um  sieben  Monate,  sondern  um  mehr  als  zwölf  Jahre.  Professor 
Levy  stellt  an  den  Brief  eines  Schülers  Anforderungen,  wie  sie  nur 
an  ein  vollständiges  Werk  gestellt  werden  können. 

Ich  glaube,  der  aufmerksame  Leser  dieser  Schrift  wird  die  Lösung 
aller  Zweifel  finden,  die  Professor  Levy  angeregt,  insbesondere  wird 
ersieh  nicht  zu  beklagen  haben  über  Mangel  an  genaueren  statistischen 
Mittheilungen.  Wir  köunen  Professor  Levy  versichern,  dass  die 
Reinlichkeit  im  allgemeinen  an  der  I.  Gebärklinik  vor  den  Chlor- 
waschungen  in  dem  Grade  geübt  wurde,  wie  es  nach  Einführung  der 
Clilurwaschungen  im  höheren  nicht  mehr  möglich  war,  wir  haben 
durch  Einführung  der  Chlorwaschungen  nur  speciell  die  Reinigung 
der  Hände  bezweckt,  und  wenn  Professor  Levy  glaubt,  dass  durch 
Reinlichkeit  Puerperalfieber  verhindert  wird,  so  sagt  er  ja  das  was 
wir  durch  diese  Schrift  zur  Anerkennung  bringen  wollen;  wir  wollen 
ja  mit  dieser  Schrift  die  Ueberzeugnng  allgemein  verbreiten,  dass  der 
Gegensatz  von  Reinlichkeit  das  erzeugt  bei  Wöchnerinnen,  was  man 
bisher  epidemischen  Einflüssen  zugeschrieben  hat. 

„V.  Wenn  die  Resultate  des  Experimentes  für  eine  Zeit,  wie  im 
September  und  October,  weniger  den  Erwartungen  entsprochen  haben, 
meint  Dr.  Semnielweis  die  Ursache  davon  nachweisen  zu  können, 
theils  in  Vernachlässigung  der  Chlorwaschungen  seitens  der  Studiren- 
den.  theils  in  Infection  der  Gebärenden  durch  ichoröse  Geschwür- 
secrete  aus  noch  lebenden  Organismen,  in  einem  Falle  nämlich  von 
einer  mit  Marksehwamra  der  Gebärmutter,  in  einem  anderen  Falle 
von  einer  mit  unreinem  Geschwüre  des  Schienbeins  beladenen  Wöchnerin ; 
so  dass  hiedurch  seine  ursprüngliche  Ansicht  nicht  bloss  eine  Be- 
stätigung, sondern  einen  unendlich  weitern  Gesichtskreis  gewonnen 
hat.  indem  allerlei  ichoröse  Secrete  noch  lebender  Organismen  da- 
runter einzurechnen  sein  werden.  Läugnen  lässt  sieh's  aber  nicht, 
dass  die  in  dieser  Hinsicht  citirten  Erfahrungen  allzu  flüchtig  skizzirt 
sind,  als  dass  die  Kritik  einen  Schluss  aus  ihnen  gestatten  möchte. 
Namentlich  uuisste  es  von  Wichtigkeit  sein  zu  wissen,  ob  die  Wöchne- 
rinnen mit  Markschwamm  der  Gebärmutter,  den  ichorösen  Geschwüren 
des  Schienbeins  zur  selben  Zeit  vielleicht  am  Puerperalfieber  erkrankt 
waren,  da  in  solchem  Falle  die  Puerperal-Contagionisten  das  speci- 
fische  Gontaginm  der  präsumirten  ichorösen  Infection  entgegen  stellen 
würden.  Im  entgegengesetzten  Falle  würde  die  erstgenannte  Patientin 
der  Infectionsansicht  offenbar  sehr  zuwider  sein,  während  es  die 
zweite  betreffend  unerklärlich  bleibt,  in  welchem  näheren  Verhältnisse 
die  ichorösen  Geschwüre  mit  der  Yaginalexploration  der  andern  Ge- 
bärenden als  mit  der  Exploration  der  Patientin  selbst  gestanden 
haben  möchte. 

Hinzufügen  kann  ich.  dass  wir  im  biedgen  Gebärhause  so  hftuÜg 
peinig  chronisch  ichoröse  FnssgeschAvüre  bei  Gebärenden  angetroffen 
haben,  ohne  irgend  eine  inficirende  Wirkung  davon  bemerkt  zu  haben, 
weder  auf  die  Patientinnen  selbst,  noch  auf  andere  Wöchnerinnen. 
Und  wenn  Dr.  Semnielweis  großes  Gewicht  auf  den  seiner  Meinung 
nach  viel  günstigeren  Gesundheitszustand  der  Gebäranstalten  legt,  die 
ichlieÄlich   für  den   Hebammenunterricht,   als  derjenigen,   die   für 


Semuielweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


den  ärztlichen  Unterricht  bestimmt  sind,  so  möchte  er  doch  be- 
denken, dass  ichoröse  Secrete  lebender  Organismen  in  gleichem  Masse 
in  beiderlei  Anstalten  vorkommen,  und  dass.  wenn  die  Infection  N 
leicht  geschähe,  wie  er  es  anzunehmen  scheint,  sich  in  einer  so 
grossen  Anstalt  wie  die  Hebammenabtheilung  in  Wien,  sehr  oft,  ob 
nicht  zu  jeder  Zeit,  eine  oder  andere  Kranke  ünden  würde,  die  als 
Infectionsquelle  hinreichen  würde,  um  den  übrigens  sehr  merklichen 
Unterschied  der  sanitären  Verhältnisse  beider  Abtheilungen  der  Wiener 
Anstalt  zu  verringern  oder  ganz  auszugleichen." 

Die  beiden  kranken  Kreissenden  litten  nicht  am  Kindbetttieber. 
die  mit  dem  verjaucheuden  Mednllarkrebse  der  Gebärmutter  starb 
an  den  Folgen  des  Krebses,  die  mit  dem  cariösen  Geschwüre  wurde 
nach  überstandenem  Wochenbette  entlassen. 

Vau  Losung  der  übrigen  Zweifel  in  Bezug  auf  diese  beiden  Fälle 
wolle  der  Leser  Seite  133  und  134  dieser  Schrift  nachlesen,  Seite  133. 
Zeile  13  beginnend. 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  drei  Quellen  angenommen 
haben,  aus  welchen  der  zersetzte  Stoff  kommt,  welcher  das  Puerperal- 
fieber erzengt  Nämlich  jede  Leiche,  jeder  Kranke,  welcher  einen 
zersetzten  Stoff  erzeugt,  und  alle  thieiisch-organischen  physiologischen 
Gebilde,  wenn  selbe  in  Fäulniss  übergegangen  sind. 

In  Gebärhäusern,  welche  dem  Unterrichte  für  Aerzte  bestimmt 
sind,  wird  der  zersetzte  Stoff  von  den  Leichen  hergenommen,  von  den 
Kranken,  welche  sich  im  Gebärhause  befinden,  und  wenn  die  Reinlich- 
keit nicht  beobachtet  wird,  können  sich  physiologische  Producte,  wie 
Blut,  in  den  Leintüchern  zersetzen,  und  dadurch  das  Puerperalfieber 
hervorrufen. 

In  Gebäihänsern,  welche  dem  Unterrichte  für  Hebammen  be- 
stimmt sind,  fällt  die  erste  Infectionsquelle  weg,  und  das  ist  die  Ur- 
sache des  günstigeren  Gesundheitszustandes  in  Hebammen-Abtheilungen, 
denn  wenn  um  h  in  Hebammenschulen  ichoröse  Secrete  vorkommen, 
so  können  doch  die  ichorösen  Secrete  der  Hebaramen-Abtheilung  nicht 
so  viele  Individuen  inliciren,  wie  auf  der  Aerzte-Abtheilung  die  icho- 
rösen Secrete  unter  Beihilfe  der  zersetzten  Stoffe,  hergenommen  von 
den  Leichen,  uud  wenn  daher  au  der  Hebammeuschule  zu  Wien  viel- 
leicht zu  jeder  Zeit  eine  Kranke  zu  finden  war,  welche  als  Infections- 
quelle diente,  so  war  diese  Quelle  doch  nicht  geeignet,  den  merklichen 
Unterschied  der  sanitären  Verhältnisse  beider  Abteilungen  zu  ver- 
ringern, oder  ganz  auszugleichen,  weil  ja  solche  Individuen  sich  Mtob 
auf  der  Aerzte-Abtheilung  befanden,  und  dazu  noch  die  zersetzten 
Stulle,  hergenommen  von  den  Leichen. 

Doch  Zahlen  werden  jeden  Zweifel  beheben.  Wir  wollen  die. 
lahresrapporte  beider  Abteilungen  seit  ihrem  Bestehen  bis  zur  Ein- 
führung der  ('hlonvast  hangen  als  Beleg  anführen. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        283 

Tabelle  Hr.  LXT. 

Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Abtheilungen  in  gleicher  Anzahl 

vertheilt. 


1833 
1834 
1835 
1836 
1837 
1838 
1839 
1840 


I.  Abtheilung. 
Geburten  3737,    Todte  197,    Percent-Antheil  5*9 


2667, 

,      205, 

,             7-76 

2573, 

143, 

i        5.S5 

2677, 

,      200, 

,        7.« 

2766, 

.       251, 

,        9.©» 

2987, 

,        91, 

2781, 

,      151, 

>» 

2889, 

,      267, 

*» 

>             9.J4 

" 

23066, 

,     1505, 

» 

,        6.M 

IL  Abtheilung. 
1833    Geburten    353,    Todte      8,    Percent-Antheil  2.M 


1834 
1835 
1836 
1837 
1838 
1839 
1840 


„        1744, 

,      150, 

„        1682, 

,        84, 

„        1670, 

,       131, 

1784, 

,       124, 

„        1779, 

,        88, 

,        2010, 

,        91, 

2073, 

55, 

J»                      • 

„      13095, 

,      731, 

»                      > 

8-ao 
4.M 

7.1,4 

6-«* 
4.94 
4.6i 

_2e<L 

5.JV8 


Durch  eine  allerhöchste  EntSchliessung  vom  10.  October  1840 
wurden  sämmtliche  Schüler  der  L.  und  sämmtliche  Schülerinnen  der 
IT.  Abtheilung  zugewiesen. 


I. 

Abtheilung. 

Klinik    füi 

Aerzte. 

1841 

Geburten  3036, 

Todte  237,    Percent-Antheil  7.80 

1842 

3287, 

ji 

518, 

1                   j>          15.7R 

1843 

3060, 

274, 

»            ii        8.9ft 

1844 

„         3157, 

»i 

260, 

t               .»          8.2j 

1845 

3492, 

»j 

241, 

1                   II             "  »0 

1846 

4010, 

459, 

I                    11          11-44 

„       20042, 

Jt 

1989, 

1                   j»             "-8S 

II. 

Abth 

eilung. 

Klinik  für  Hebammen. 

1841 

Geburten  2442, 

Todtf 

86,    Per 

cent-Antheil  3.52 

1842 

2659, 

ji 

202, 

•           >i        7.88 

1843 

2739, 

JT 

164, 

•           n        5.9H 

1844 

2956, 

68, 

•            »»        2.jo 

1845 

„        3241, 

•7 

66, 

»            ii         2.0.1 

1846 

3764, 

105, 

.»        2.7I» 

„       27791, 

II 

691, 

„       3.s„ 

Aus  dieser  Tabelle  ersieht  der  Leser,  dass  die  Sterblichkeit  an 
beiden  Abtheilungen  gleich  war,  so  lange  Schüler  und  Schülerinnen 
an  beiden  Abtheilungen  in  gleicher  Anzahl  vertheilt  waren,  das  heisst, 
an  beiden  Abtheilungen  wurde  aus  drei  Quellen  inficirt,  der  bedeu- 
tende Unterschied  zwischen  beiden  Abtheilungen  beginnt  erst  mit  der 
Zuweisung  sämmtlicher  Schüler  der  I.  Abtheilung,  und  sämmtlicher 
Schülerinnen  der  II.  Abtheilung,  oder  mit  anderen  Worten,  bei  den 


Semmelweis"  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindhettiieher. 


Hebammen  wnrde  die  eine  Quelle  gestopft,  nämlich  die  vom  Cadaver, 
während  selbe  an  der  I.  Abtheilung  noch  reichlicher  iloss. 

Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  dass  der  Gesundheitszustand  der 
Hebammen-Abtheilungen  im  allgemeinen  ein  günstiger  ist.  Der  Leser 
erinnert  sich,  dass  wir  als  gelindesten  Massstab  an  ein  Gebärhaus. 
die  Anforderung  stellen,  dass  nicht  eine  von  100  Wöchnerinnen  sterbe; 
wie  weil  nun   die  Hebaminen-Ahtlieiluiig  in  Wien  davon  entfernt  ist. 

I   eben  die  angeführte  Tabelle. 

Schliesslich  sagt  Professor  Levy:  „Dieses  sind  die  Betrachtungen, 
die  sich  mir  beim  Nachdenken  über  Dr.  Semmelweis*  Versuche  aufge- 
drängt haben,  und  die  ich  bis  Weiteres  nur  als  Motive  meines  rar* 
Läufigen  Unheils  anfgefasst  wünsche,  welches  darauf  ausgeht,  dass  seine 
Ansichten  rächt  klar  genug,  seine  Erfahrungen  nicht  sicher  genug 
scheinen,  um  aus  ihnen  wissenschaftlich  begründete  Resultate  abzu- 
leiten." 

Es  bleibt  uns  nichts  anderes  übrig,  als  Herrn  Prof.  Lew  das 
fleiesige  Studium  dieser  Schrift  zu  empfehlen,  und  wir  zweifeln  nicht, 
dass  auch  er  zur  Ueberzeugung  gelangen  wird,  dass  ich  an  Stelle  des 
kolossalen  Unsinns,  welchen  man  bisher  über  die  Entstehung  des 
Kindbetttiebers  gelehrt,  ein  auf  sichere  Erfahrungen  gestütztes,  klares, 
wissenschaftliches  Gebäude  aulgeführt  habe,  dem  nichts  mehr  als  eine 
allgemeine  Verbreitung  fehlt,  um  die  segensvolle  Vocation,  zu  der 
selbe  gerufen  ist,  auch  zu  erfüllen. 


Bevor  wir  in  der  f'orrespondenz  mit  Professor  Levy  fortfahren, 
wird  es  zweckmässig  sein,  einen  Brief  von  Professor  Dietl  in  Krakau 
zu  veröffentlichen;  in  einer  Angelegenheit,  welche  wir  später  berühren 
werden,  wendeten  wir  uns  an  Professor  Dietl,  um  die  nöthigen  Anf- 
schlOsse  zu  erlangen;  Professor  Dietl  hat,  nachdem  er  die  erbetenen 
Aufschlüsse  ertheüt,  noch  manches  andere  geschrieben,  und  das  wollen 
wir  liier  eben  veröffentlichen.    Prof.  Dietl  schreibt: 

„Allenthalben  auf  meinen  Reisen  machte  ich  die  Bemerkung,  dass 
man  Ihre  Ansichten  über  die  Genese  des  Puerperalfiebers  in  der  Ein- 
richtung der  Gebäranstalten  würdigte,  und  sowohl  Kranke  als  Aerzte 
sorgfältig  sonderte,  namentlich  letzteren  keine  Gemeinschaft  mit 
Leichen  gestattete,  wie  in  Kopenhagen.  Mit  welchem  Erfolge  kann 
ich  freilich  jetzt  nicht  berichten. 

Unmittelbare  Anfragen  an  die  ärztlichen  Vorstande  dieser  An- 
stalten dürften  Ihnen  wohl  manche  erwünschte  Aufschlüsse  verschaffen. 

Im  Ganzen  hört  man  jetzt  wohl  weniger  von  diesen  verheerenden 
Pnerperal-Epidemien. 

Vielleicht  liegt  die  Ursache  in  Beobachtung  jener  Einrichtungen, 
die  sich  auf  Ihre  Erfahrung  basiren .  ohne  dass  man  es  sich  selbst 
und  der  Öffentlichkeit  gegenüber  eingestehen  will. 

Eine  Reise  um  die  Welt  wäre  die  Erforschung  des  Wahren  wohl 
werth." 

Krakau,  28/4.  1858. 


Kehren  wir  nun  wieder  zu  Professor  Levy  zurück. 
Ich  antwortete  Professor  Levy,  indem  ich  trachtete,  die  Zweifel. 
welche  er  erhoben,  aufzuklären,  bemerkte  aber  schliesslich,  dass  es  mir 


Die  Aetiologie,  der  Betriff  und  die  Prophylaxis  de»  Eiftdbettfiatoea.        285 


wichtiger  sei  zu  wisseu,  was  er  jetzt,  nach  zehnjährigen  Beobachtungen 
für  wahr  halte,  als  zu  wissen,  was  er  vor  zehn  Jahren  für  Zweifel 
gehegt . 

Und  da  ich  nach  geraumer  Zeit  keine  Antwort  erhielt,  sehrieb 
ich  nochmals. 

In  diesem  Briefe  sagte  ich.  dass  es  mir  bekannt  sei.  dass  das 
Kopenhagener  Gebärhaus  früher  in  dem  Grade  vom  Kindbettfieber 
heimgesucht  war,  dass  dessen  Existenz  bedroht  war.  (Siehe  Seite  14)1, 
Zeile  8.)  Ich  schrieb  Levy,  was  Professor  Dietl  über  das  Kopeu- 
hagener  Gebärhaus  mir  schrieb.  Ich  schrieb  ferners.  was  Professor 
Braun  über  das  Kopenhagener  Gebärhaiis  sagt. 

Professor  Braun  sagt  nämlich:  „Da  dieses  das  treulichste  und 
merkwürdigste  neu  erbaute  Gebärhaus  ist.  in  welchem  Alles  auf- 
geboten wurde,  um  den  Puerperalfieber-Epideniien  Einhalt  zu  thun, 
80  erlauben  wir  uns,  eine  kurze  .Skizze  zu  entwerfen,  mit  der  Be- 
merkung, dass  in  diesem  neuen  Gebäude  noch  keine  Puerperalfieber- 
Epidemie  unter  Levj's  Leitung  aufgetreten  sein  soll",  und  knüpfte 
daran  die  Bemerkung,  ob  er  glaube,  dass  der  verbesserte  Gesundheit:- 
zustand  dem  Umstände  zugeschrieben  werden  könne,  dass  meine  An- 
sicht iiber  die  Entstehung  des  Kindbett  riebers  bei  der  Massnahme  zur 
Verhütung  des  Kindbettfiebers  massgebend  war. 

Darauf  erhielt  ich  folgende  Antwort: 

Kopenhagen,  21.  September  1858. 
rgestern  erhielt  ich  Ihr  werthes  Schreiben  vom  16.  d.  M.,  und 
Ihre  dringliche  Zumuthung  macht  es  mir  zur  Pflicht,  die  Beantwortung 
schon  heute  folgen  zu  lassen. 

Erstens  muss  ich  aber  referiren,  dass  ich  kein  Schreiben  von 
Ihnen  als  Antwort  auf  mein  Schreiben  vom  Mai  d.  J.  erhalten  habe, 
so  dass  ich  erst  durch  Ihren  vorgestrigen  Brie!  erfahre,  dass  mein 
Schreiben  richtig  empfangen  worden  ist  Mit  diesem  Bewusstsetn 
muss  ich  aber  gestehen,  dass  es  mir  nicht  recht  klar  ist,  wie  Sie.  die 
Frage  mir  jetzt  stellen  können,  „ob  in  Folge  Ihrer  Ansicht  über  die 
Genese  des  Puerperalfiebers  die  Veränderungen  im  Gebärhause  zu 
Kopenhagen  getroffen  worden  sind,  und  mit  welchem  Erfolge."  Ihre 
Ansicht  über  die  Genese  des  Puerperalfiebers  hauptsächlich  durch 
Leicheninfection  würde,  selbst  wenn  sie  uns  damals  bekannt  gewesen 
wäre,  auf  den  Umbau  und  die  hygienische  Reorganisation  unserer 
Gcbäranstalt  keinen  Emfluss  gehabt  haben  können,  wie  ich  überhaupt 
nicht  einsehe ,  welchen  Einfluss  sie  auf  die  Einrichtung  irgend 
einer  Anstalt  haben  könnte. 

Als  Vorsichtsmassregel  mag  es  in  die  Geschäftsordnung  der 
Anstalt  angenommen  sein,  dass  man  sich  vor  Übertragung  cada- 
verischer  Stoffe  auf  Gebärende  durch  die  Exploration  recht  hüte; 
aber  auf  weitere  Einrichtungen  der  Anstalt  kann  ich  keinen  Einfluss 
davon  fassen. 

Wie  ich  selbst  Ihre  Ansicht  aufgefasst  habe,  glaube  ich  deutlich 
genug  ausgesprochen  zu  haben.  Und  haben  Sie  meinem  Schreiben 
Aufmerksamkeit  genug  geschenkt,  werden  Sie  sich  erinnern,  dass  wir 
aus  Achtung  vor  contagionistischen  Scrupulositäten  schon  lange,  bevor 
Ihre  Ansichten  zum  Vorschein  kamen,  uns  vor  Puerperal-Leichenin- 
fection  zu  schützen  gesucht  haben. 

Dass   wir  später  aus  Achtung  vor  Ihrer  Ansicht  auch   in  Be~ 


286  Semmelweis"  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Ziehung  »Bf  nichtpuerperale  Sectionen  vorsichtiger  als  früher  geworlrrr 
sind,  mag  sein,  diese  werden  dennoch  aber  von  uns  selbst  vorgenommen, 
wahrend  wir  zu  Sectionen  von  am  Puerperalfieber  Verstorbenen  uns 
fremder  Hilfe  bedienen. 

Welchen  Antheil  solche  Vorsichtsmassregeln  an  dem  verbesserten 
I  i. -siindheitszustande  der  Anstalt  gehabt  haben  mögen,  lässt  sh'h  ja 
gar  nicht  berechnen,  wenn  zur  seihen  Zeit  höchst  wichtige  Verände- 
rungen in  baulicher  und  administrativer  Richtung  vorgenommen 
worden  sind."' 

Welcher  Unparteiische  erinnert  sich  nicht  bei  Lesung  dieses 
Briefes  an  Prof.  Dietl.  welcher  sagt:  „Im  Ganzen  hört  man  jetzt 
wohl  weniger  von  diesen  verheerenden  Puerperalepidemien.  vielleicht 
liegt  die  Ursache  in  Beobachtung  jener  Einrichtungen,  die  sich  auf 
llii.-  Erfahrungen  basiren,  ohne  dass  man  es  sich  selbst  und  der 
Öffentlichkeit  gegenüber  eingestehen  will." 

Wenn  Professor  Levy  sagt,  dass  es  sich  gar  nicht  berechnen 
lasse,  welchen  Antheil  an  dem  verbesserten  Gesundheitszustände  diese 
Voratcbtamassregeln  gehabt  haben,  weil  gleichzeitig  höchst  wichtige 
bauliche  und  administrative  Veränderungen  vorgenommen  wurden,  so 
ist  doch  gewiss,  dass  durch  bauliche  und  administrative  Verändern  ml«  n 
des  Kopenhagener  «iebärhauses  die  atmosphärisch-cosroisch-tellurisclu  11 
Verhältnisse  der  Stadt  Kopenhagen  nicht  geändert  wurden,  dass  daher 
die  frühere  grosse  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  im  Kopenhagener 
Gebärhause  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt  war,  das 
heisst.  dass  es  keine  Epidemie  war. 

Und  wenn  in  Folge  von  Massregeln,  welche  bezwecken,  den  In- 
dividuen von  Aussen  keine  zersetzten  Stoffe  einzubringen,  der  Ge- 
sundheitszustand eines  Geb&rhausea  sich  bessert,  n  ist  das  ein  Beweis 
für  die  Richtigkeit  meiner  Lehre  über  die  Entstehung  und  Verhütung 
des  Kindbettfiebers. 


C.  B.  Tilamis".  in  Amsterdam,  Brief  lautet  fulgendenmi9sen : 

„Ich   rechne   es   mir  zur  Pflicht,    im  Interesse  der    Wissens- 
Ihnen  meine  Ansichten  auf  Erfahrung  gegründet,  über  die  Ursachen 
des  epidemischen  Verhaltens  der  Puerperalfieber   in   Geharanstalteu 
nicht  vorzuenthalten,  während  ich  Ihre,  durch  Dr.  Stendrichs  an  mich 
gerichtete  Frage  beantworte. 

Ich  habe  zwanzig  Jahre  lang,  welche  ich  Vorstand  von  der  hie- 
sigen Anstalt  war.  diese  Sache  aufs  genaueste  geprüft,  und  keinen 
A&1&8S  gefunden,  von  der  Meinung  abzuweichen,  welche  hier  Bf 
lange  vor  mir  gehegt  wurde,  dass  die  Verbreitung  und  Andauer 
dieser  Krankheit  unter  den  Wöchnerinnen,  wenn  solche  einmal  aus 
epidemischen  atmosphärischen  Verhältnissen,  wozu  vorzüglich  dieCou- 
Btitntio  annua  im  Winter  und  Frühjahre  bei  häufig  abwechselnder 
Witterung  gehört,  hat  angefangen,  auf  Rechnung  der  entschiedenen 
ContagiosH&t  zu  stellen  ist. 

Einestheils  ist  meine  Ueberzeugung  gegründet  auf  den  öftere 
deutlich  nachweisbaren  Ursprung  der  Krankheit  von  einem  schon 
während  der  Geburt  kranken  Individuum,  bisweilen  schon  krank  in 
der  Anstalt  aufgenommen,  das  in  kurzem  unterlag,  und  ihre  Ueber- 
tragung  auf  gesunde,  welche  zugleich  oder  bald  nachher  entbunden 
waren,   und   Blei    in   der   Atmosphäre   der  ersten   Kranken   befunden 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  KindbeUtiebers         287 


hatten,  noch  ehe  die  ominöse  Krankheit  diagnostieirt  war.  Andern- 
the-ils  zeigte  sich  öfters  das  baldige  Ende  der  Epidemie,  wenn  die 
Geburten  einige  Tage  an  Anzahl  abnahmen  oder  gänzlich  ausblieben, 
und  die  Kranken  konnten  isolirt  werden,  so  das*  ihre  Pflege  Per- 
sonen überlassen  wurde,  welche  sieh  von  folgenden  Geburten  und  von 
neuen  Wöchnerinnen  aufs  genaueste  enthielten. 

Ba  vorsteht  sich,  dass  für  solche  Erfahrungen  eine  relativ  kJeiiie 
Anstalt  <in  der  unseren  kommen  im  Durchschnitte  400  Geburten  im 
Jahre  vor)  allein  geeignet  ist,  und  das  erklärt  aneh.  wenn  Loh  nicht 
irre,  warum  die  entgegengesetzte  Ansicht  sich  so  lange  in  grossen 
Anstalten  aufrecht  erhalten  hat,  obgleich  die  Erklürum:  durch  Mit- 
theilung eines  Contagiums  weder  in  Theorie  noch  in  Analogie  etwas 
gegen  sich  hat.  Am  auffallendsten  ist  doch  die  Analogie  mit  dem 
Eiterungsfieber  und  der  Eiteratmosphäre.  welche  in  mit  chirurgischen 
Kranken  belegten  Sälen  die  frisch  Verwundeten  bedroht,  lud  eine 
Neuentbundene  ist  doch  gewiss,  selbst  in  physiologischem  Zustand a, 
eine  frisch  Verwundete. 

Was  Ihre  Meinung  vom  Leichencontagium  als  Ursache  der  Krank- 
heit anbelangt,  so  stimme  ich  dieser  ans  meiner  innersten  Ueber- 
zeugung  bei.  In  früheren  Jahren  habe  ich  in  einzelnen  Fällen  diesen 
Ursprung  so  nachgewiesen,  dass  ich  seitdem  die  rigorosesten  Mass» 
regeln  getroffen  habe,  um  diesem  Unglücke  vorzubeugen. 

Der  Assistent  und  die  Studierenden,  welche  Totich irübungen 
machen  und  Geburten  beiwohnen,  müssen  sich  gänzlich  von  ana- 
tomischen Geschäften  enthalten.  Die  Sectionen  von  am  Puerperal- 
fieber Gestorbenen  werden  von  Individuen  der  medicinischen  oder 
chirurgischen  Abtheilung,  oder  von  anderen  Studierenden  gemacht, 
höchstens  ist  es  solchen,  die  in  den  ersten  Tagen  nicht  an  der  Keine 
sind,  erlaubt  diesen  beizuwohnen  und  die  Resultate  zu  sehen,  aber 
streng  verboten,  die  Hände  hiebei  zu  verunreinigen.  Es  ist  meine 
Ueberzeugun<r.  dass  wir  die  uns  anvertraute  Menschheit  nicht  an  die 
Wissbegierde,  welche  auch  seiner  Zeit  früher  oder  später  kann  be- 
iigt werden,  opfern  dürfen. 

Dass  die  Nachtheile  durch  sorgfältige  Reinigung  mit  Chlorkalk- 
lösung gemindert  werden  können,  will  ich  zugeben  (wir  wenden  immer 
diese  an,  sowohl  in  der  Anstalt  für  die  Wärterinnen  der  Kranken, 
als  am  Serirtisch),  aber  gänzlich  zu  lieben  durch  diese  Vorsorge  sind 
sie  nicht. 

Wir  kennen  die  Natur  der  Leichengifte  nicht,  und  können  nicht 
wissen,  ob  es  destruirt  wird  durch  unsere  üesinfectionsinittel.  Für 
diess  spricht  jedenfalls  die  Erfahrung  nicht,  wenn  wir  beachten,  dass 
weder  Puerperalfieber  noch  Eiterungsfieber  oder  Spital  brand-Effluvien 
durch  Reinigung  von  Zimmern  und  Beräueherung  mit  Chlordämpfen 
getilgt  werden,  wenn  nicht  sogleich  die  inficirten  Räume  während 
langer  Zeit  verlassen  und  einem  ununterbrochenen  Luftstrome  aus- 
gesetzt werden. 

Es  freut  mich,  zum  Schlüsse  hiebei  mitzutheilen.  dass  in  diesem 
Winter,  liuchdem  ich  das  Schreiben  vom  Herrn  Dr.  Stendrichs  er- 
halten habe,  die  Gesundheit  der  Wöchnerinnen  in  unserer  Anstalt 
im  Ganzen  günstig  war,  so  dass  wir  blos  einzelne  Fälle  von  spo- 
radischem Fieber  erlebt  haben.  Anf  133  Geburten  von  November 
bis  Februar  sind  zwei  gestorben.  Im  Decembermonat  drohte  die 
Krankheit  beim  Anfange  der  Winterkälte  epidemisch  aufzutreten,  da 


2ss 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


fünf  Neuentbnndene  innerhalb  drei  Tagen  heftig  angegriffen  wurden, 
aber  alle  wurden  durch  eine  energische  antiphlogistische  Behandlung 
glücklich  gerettet.  Seitdem  ist  nie  Witterung  hier  sechs  Wochen 
lang  beständig  geblieben,  und  hat  sich  später  kein  Frost  wieder  ein- 
gestellt. Eine  solche  nicht  oft  abwechselnde  Beschaffenheit  der 
Witterung  ist  in  unserer  Gegend  eine  Ausnahme,  besonders  im  Früh- 
jahre. Im  vorigen  Jahre  kamen  von  Jänner  bis  April  zwölf  Sterbe- 
falle  vor,  von  Mai  bis  September  kein  einziger  und  im  October  »weL 

Die  Geburten  waren  in  den  letzten  Monaten  ziemlich  gleich- 
massig  vert heilt  so  dass  keine  Ueberfüllung  stattgefunden  hat,  und 
der  Wechsel  der  Locale,  welche  in  den  letzten  Jahren  auf  meine 
dringende  Instanz  so  ausgebreitet,  sind,  dass  sie  in  gewöhnlichen 
Zeiten  nur  zur  Hälfte  belegt  sind,  regelmässig  stattgefunden  hat. 

Ich  sehliesse  mit  dem  Wunsche,  dass  Ihre  Bemühungen  im  In- 
teresse der  Menschheit  einen  kräftigen  Stoss  mögen  geben  an  dem 
verderblichen  Unglauben  an  Oontagiosität  dieser  Krankheit  und  Schäd- 
lichkeit des  Leichengiftes,  das  noch  vor  kurzem  seinen  Vertreter  ge- 
funden hat  in  dem  sonst  so  tüchtigen  Kiwisch  von  Rotteram  dessen 
Versicherung,  dass  er  gleich  nach  Sectionen  sowohl  Kreissende  als 
Entbundene  häufig  besorgte,  gewiss  schauderhaft  klingt,  gleichzeitig 
Unerfahrene  zur  verwegenen  Nachlässigkeit  treibend.  Leider  bleiben 
noch  eine  Menge  schädlicher  Einflüsse,  welche  bei  der  allgemeinen 
Disposition  der  Wöchnerinnen  die  Krankheit  hervorrufen  können, 
ausser  unserem  Bereich,  und  wird  also  keiner  dem  Glauben  Grund" 
geben,  als  wäre  bei  unseren  Ansichten  die  Ausrottung  derselben  eine 
leichte  Sache." 

Amsterdam  9.  März  1848. 


Professor  Skoda  hielt  in  der  Academie  der  Wissenschaften  zu 
Wien  einen  Vortrag  „Ueber  die  von  Dr.  Semmelweis  entdeckte  wahre 
Ursache  der  in  der  Wiener  Gebäranstalt  ungewöhnlich  häufig  vor 
kommenden  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  und  des  Mittels  zur 
Verminderung  dieser  Erkrankungen  bis  auf  die  gewöhnliche  Zahl." 
Die  kaiserliche  Academie  der  Wissenschaften  Hess  diesen  Vortrag  in 
ihre  Sitzungsberichte  aufnehmen,  und  aus  dem  Octoberhefte  des  Jahr- 
ganges 1849  der  Sitzungsberichte  noch  einen  besonderen  Abdruck 
anfertigen.  Gleichzeitig  wurden  mir  und  Professor  Brücke,  wirk- 
lichem Academiemitgliede,  je  eine  Anweisung  auf  100  fl.  CM.  zuge- 
stellt zur  Fortsetzung  der  Versuche  an  Thieren. 

Professor   Brücke   berichtet  in   der   Sitzung    der   mathemat 
naturwissenschaftlichen   Classe,   gehalten   am   31.  October   1850,   Fol- 
gendes : l) 

„Im  vorigen  Herbste  hat  mich  die  geehrte  Classe,  über  Antrag 
des  W.  M.  Herrn  Skoda,  aufgefordert,  mit  Herrn  Dr.  Ignaz  Semmel- 
weis, in  Rücksicht  auf  die  von  demselben  aufgestellte  Ansicht  über 
die  Entstehung  der  Puerperalfieber  Versuche  an  Thieren  anzustellen, 
und  zu  dem  Ende  jedem  von  uns  eine  Anweisung  von  100  fl.  CM. 
übermittelt.  Herr  Dr.  Semmelweis  hat  sich  nun  im  Frühling  und 
Sommer  diesen  Versuchen   mit  grossem  Eifer   und   grosser  Gewissen- 


')  Sitzungsbericht  der   Tiiatliematisch-aaturwissenschaftlichen    Classe.   Jahrgang 
1850,  II.  Band.  III.  Heft,  yag.  291. 


Die  Aetäologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettflebers.        289 


liaftigkeit  unterzogen,  und  die  Obduction  der  Thiere  gemeinschaftlich 
mit  mir  vorgenommen.  Dieselben  haben  aber  bis  jetzt  nur  zwei- 
deutige Resultate  geliefert,  und  es  hat  sich  für  mich  die  Ueber- 
zeugung  herausgestellt,  dass  Versuche  an  Thieren  nicht  das  geeignete 
Mittel  sind,  um  die  Zweifel  über  diesen  hochwichtigen  und  für  Jeden, 
in  dessen  Augen  das  Menschenleben  noch  einigen  Werth  hat,  so 
höchstinteressanten  Gegenstand  zu  heben,  sondern  dass  dies  nur  ge- 
schehen kann  durch  .Sammlung  von  ähnlichen  Erfahrungen,  wie  sie 
Herr  Dr.  Semmel  weis  an  hiesiger  Gebäranstalt  in  einer  für  jeden 
Menschenfreund  so  erfreulichen  Weise  machte. 

In  Anbetracht  dessen  gebe  ich,  nach  Uebereinkunft  mit  Herrn 
Dr.  Semmelweis,  der  in  diesen  Tagen  Wien  verlassen  hat.  um  seinen 
Wohnsitz  in  Peetb  aufzuschlagen,  der  kaiserlichen  Academie  der 
Wissenschaften  hiermit  die  mir  unterm  31.  October  1849  zugestellte 
Anweisung  auf  100  fl.  CM.  zurück." 

Ich  habe  ähnliche  Erfahrungen  wie  im  Wiener  Gebärhause  seit- 
dem an  zwei  anderen  Anstalten  gemacht,  ich  habe  in  dieser  Schrift 
ähnliche  Erfahrungen  Anderer  zusammengestellt,  und  glaube  in  Folge 
der  vollgiltigen  Beweiskraft  dieser  Erfahrungen  heute  Versuche  an 
Thieren  für  überflüssig  erklären  zu  können. 

Professor  Skoda  sagte  in  seinem  Tortrage:  „Eine  gegründete 
Aussicht,  die  Sache  recht  bald  ins  Klare  zu  bringen,  lag  in  dem  Um- 
stände, dass  in  der  Prager  Gebäranstalt  die  Erkrankungen!  von  Zeit 
zu  Zeit  gleichfalls  sehr  zahlreich  waren,  und  allem  Anschein  nach 
dieselbe  Ursache  hatten  als  in  Wien.  Ich  forderte  also  zur  Ein- 
führung der  Chlorwaschungen  in  der  Prager  Gebäranstalt  auf. 

Bei  den  in  Folge  dieser  Aufforderung  an  der  Prager  Lehranstalt 
gepflogenen  Verhandlungen  behielt  jedoch  die  Ansicht,  dass  die 
l'ini  pt  i  uhrki  ankiiiiiren  durch  epidemische  Einflüsse  bedingt  sind,  die 
Oberhand,  und  man  scheint  die  Chlorwaschungen  bisher  entweder  gar 
nicht,  oder  nicht  mit  Ernst  in  Anwendung  gebracht  zu  haben     ! 

Scanzoni  und  Se.yfert  haben  sich  in  Folge  dieser  Aeusserung 
Skoda's  veranlasst  gefühlt,  eine  Rechtfertigung  zu  veröffentlichen.1) 

Nachdem  die  Erfolge  der  Chlor  Waschungen  uns  nicht  mehr  zweifeln 
Hessen,  welches  die  Ursache  des  Kindbetthebers  sei,  fassten  wir  tu 
unserem  Streben,  das  Menschengeschlecht  so  schnell  wie  möglich  und 
einen  so  {rossen  Theil  desselben  als  nur  immer  möglich  dieser  Wohl? 
that  theilhaftig  zu  machen,  den  Entschluss  uns  auch  brieflich  nach 
Prag  zu  wenden,  obwohl  die  Redaction  der  Zeitschrift  der  k.  k.  Ge- 
sellschaft der  Aerzte  die  Sache  schon  veröffentlicht  hatte,  weil  wir 
wnssten,  dass  das  Prager  Gebärhaus,  wie  das  Wiener,  vom  Kindbett- 
fieber stark  heimgesucht  sei,  und  konnte  denn  die  Sache  anders  sein? 
ist  doch  die  raedicinische  Schule  in  Prag  so  gut  eine  anatomische  wie 
die  Wiener.  Und  hat  sich  die  Sache  in  Prag,  wie  zu  erwarten  war, 
auch  bewährt,  so  konnte  es  nicht  mehr  lange  dauern,  und  das 
Mens.« dfcBBg  eschlecht  ist  einer  Geissei  los  geworden,  welche  es  nur  zu 
lange  schon  gequiilt. 

Da  aber  mit  der  Anerkennung  dieser  Wahrheit  zugleich  das  Be- 
kenntniss  einer  früher  unbewusst  begangenen  Schuld  verbunden  ist, 
so  glaubten  wir  die  Sache  einem  anerkannten  Namen  anvertrauen  zu 


1    Viertdjabrauohrift   für   die    practiscbe    Heilkunde,    hemtttetgtlMII    voü   der 
niedicinischen  Facultät  zu  Prag.    Siebenter  Jahrgang  1850,  2.  Band 

BmNMlweiä'  ^namtiiftltt  Werke.  19 


290 


SemmelweiB'  Abhandlungen  nnil  Werk  über  das  Kitnibeitüeber. 


müssen,  welcher  sicli  wieder  nicht  an  die  unmittelbar  Betheiligten 
zu  wenden  habe.  Daher  hat  Skoda  an  Nadherny.  an  einen  Mann 
geschrieben,  dessen  Verdienste  um  die  Hebung  der  medicinischen 
ultät  zu  Prag  uns  Bürge  waren,  dass  er  sich  der  Sache  an- 
nehmen werde. 

Nadherny  hat  Skoda's  Brief,  nachdem  er  ihn  in  Prag  erfolglos 
mitgetheilt,  an  seinen  Schwiegersohn,  den  Professor  Hofrat.h  Kiwißch, 
nach  Würzburg  gesendet  und  Ki wisch  ist  in  Folge  dieses  Bri 
wie  er  selbst  öffentlich  in  einem  Aufsatze,  den  wir  später  beurtheilen 
werden,  erzählt,  zweimal  nach  Wien  gekommen,  um  sich  mit  mir  in 
dieser  Angelegenheit  zu  besprechen. 

Doch  hören  wir  was  Scanzoni  sagt.  Scanzoni  sagt:  „Professor 
Skoda  entwickelt  in  dem  gedachten  Vortrage  zuerst  die  Thatsachen 
und  Schlüsse,  aus  deren  Combination  die  Entdeckung  des  Dr.  Semmel- 
weis hervorgegangen  ist.  Dieser  Theil  des  Vortrages  bietet  übrigens 
zu  wenig  Neues,  als  dass  wir  es  für  nöthig  hielten,  ihn  hier  weiter 
auseinanderzusetzen,  denn  dem  grössten  Theile  des  ärztlichen  Publieums 
dürfte  es  bekannt  sein,  dass  die  Erkrankungen  und  Sterbelalle  der 
allgemeinen  Annahme  zu  Folge  in  Gebärhäusern  viel  häutiger  sind, 
als  ausserhalb  derselben." 

Die  Thatsachen  sind  allerdings  nicht  neu.  nur  die  Schlüsse,  die 
ich  aus  alten  Thatsachen  ziehe,  sind  neu;  nachdem  es  Thatsache  ist. 
dass  in  Gebärhäusern  die  Erkrankungen  nnd  Sterbefälle  viel  häufiger 
sind,  als  ausserhalb  derselben,  so  ziehe  ich  aus  dieser  alten  Thatsache 
den  neuen  Schluss,  dass  die  zahlreicheren  Erkrankungen  und  Sterbe- 
fälle im  Gebärhause  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt 
sein  können,  weil  die  Wöchnerinnen  im  Gebärhause  und  die  Wöchne- 
rinnen ausserhalb  des  Gebärhauses  denselben  atmosphärischen  Ein- 
flüssen ausgesetzt  sind,  folglich  in  gleicher  Anzahl  erkranken  und 
sterben  raiissten.  Und  wenn  Scanzoni  und  die  Legion  der  Epidemiker 
trotz  dieser  Thatsachen  das  Kindbettfieber  durch  atmosphärische 
Einflüsse  entstehen  lassen,  so  beweist  das  nur.  dass  ihnen  der  Wider- 
spruch zwischen  der  Lehre  und  den  Thatsachen  wegen  Mangel  an 
Nachdenken  noch  nicht  zum  klaren  Bewusstsein  gekommen  ist.  oder 
wenn  selbe  ja  den  Widerspruch  erkannt  haben,  sind  selbe  dennoch 
bei  dem  accreditirten  Irrthume  des  epidemischen  Puerperalfiebers  ge- 
blieben, weil  selbe  nichts  Besseres  an  deren  Stelle  zu  setzen  ver- 
mochten. 

Scanzoni  sagt:  „Skoda  macht  ferner  auf  das  Erkrankungs-  und 
Mortalitätsverhältniss  der  beiden  Gebärkliniken  des  Wiener  Kranken- 
hauses aufmerksam,  woraus  man  entnimmt,  dass  die  Zahl  der  Tu 
fälle  auf  der  für  die  Aerzte  bestimmten  Klinik  bis  Juni  18-47  constaut, 
im  Jahre  1846  sogar  um  das  fünffache  grösser  und  innerhalb  sechs 
Jahren  durchschnittlich  dreimal  so  gross  war,  als  auf  der  zum  Unter- 
richt für  Hebammen  bestimmten  Abtheilung." 

Der  Leser  erinnert  sich,  welche  neue  Schlüsse  ich  aus  dieser  alten 
Thatsache  gezogen:  diese  alte  Thatsache  lieferte  mir  sämmtliche  Hilfs- 
mittel für  meinen  Feldzug  gegen  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kind- 
bettfiebers, diese  alte  Thatsache  zeigt,  dass,  wenn  in  dem  durch  die 
Tabelle  1  repräsentirten  Zeiträume  drei  Wöchnerinnen  an  der  I,  Ge- 

linik  starben,  die  transferirten  gar  nicht  gerechnet,  man  wohl  für 
die  beiden  andern  das  ätiologische  Moment  für  das  Kindbettfieber  in 
der  bisher  gütigen  Aetiolosrie    finden    konnte.    Diese  alte   Thatsache 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  nnd  die  Prophj-Jaxis  des  Kindbettfiebers.        291 


überzeugte  mich,  das>  <js  aussei1  der  bisher  gütigen  Aetiologie  des 
Kiiidbettfiebers  noch  eine  andere  geben  müsse;  ich  habe  die  noch  un- 
bekannte Aetiologie  gesucht  und  habe  selbe  gefunden. 

Roanzoni  sagt  ferner:  Dr.  Semmehveis  kam  nun  bei  der  Kenntniss 
der  Thatsache,  dass  durch  die  Einwirkung  faulender  thierischer  Sub- 
stanzen auf  das  Blut  Pyamie  hervorgerufen  werde,  auf  den  Gedanken, 
dBSS  den  häufigen  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  in  Gebärhäusevn 
die  Uebertragung  von  derartigen  Substanzen  auf  die  Geburtstheil<-  m 
Grunde  liegen  köuue,  und  hielt  eine  solche  Infection  dadurch  ermög- 
licht, dass  seinen  und  den  Händen  der  Schüler  derartige  deletäre 
Stoffe  von  den  häufig  kurz  zuvor  gemachten  Leichenuntersuchungen 
ankleben  und  bei  der  Exploration  auf  die  Genitalien  der  Individuen 
übertragen  werden.  Zu  Gunsten  dieser  Ansicht  sprach  das  bedeutend 
günstigere  Erkrankungsverhältniss  auf  der  Abtheilung  für  Hebammen, 
welche  sich  nie  mit  Leichenuntersuchungen  beschäftigen,  und  der 
Umstand,  dass  die  Erkrankungen  zunahmen,  wenn  der  Assistent  und 
die  Schüler  die  Sectionslocalitäten  häufiger  besuchten. 

Dm  die  Richtigkeit  seiner  Ansicht  zu  erproben,  traf  Dr.  Semmel- 
weis gegen  Ende  Mai  1847  die  Verfügung,  dass  Jedermann  vor  jeder 
1  nt^rsuchnng  einer  Schwangern.  Gebärenden  oder  Wöchnerin  die 
Hände  mit  Chlorwasser  waschen  musste.  Auf  diese  Anordnung  er- 
krankten die  Wöchnerinnen  auf  der  für  die  LStudirenden  bestimmten 
Abtheilung  plötzlich  nicht  zahlreicher,  als  auf  der  Abtheilung  für 
Hebammen.  Und  gewiss,  wenn  durch  eine  Massregel,  welche  nichts 
Anderes  leisten  kann ,  als  den  an  den  Händen  klebenden  zersetzten 
Stoff  zu  zerstören,  an  einer  Abtheilung  die  Sterblichkeit  auf  45  Todte 
unter  8556  Wöchnerinnen  herabgedrückt  werden  kann,  an  welcher 
früher  durch  sechs  Jahre  die  Sterblichkeit  bei  einer  geringeren  Zahl 
von  Wöchnerinnen,  ein  Jahr  ausgenommen,  zwischen  237  und  518 
l'< mIihi  schwankt  (siehe  Tabelle  I,  Seite  100).  so  ist  unzweifelhaft 
bewiesen,  dass  der  zersetzte  Stoff  die  Ursache  der  grossen  Sterb- 
lichkeit war.  Im  Jahre  1841  starben  192,  im  Jahre.  1845  starben 
196,  im  Jahre  1844  starben  215.  im  Jahre  1843  starben  229,  im  Jahre 
1846  starben  414,  im  Jahre  1842  starben  463  Wöchnerinnen  mehr 
als  im  Jahre  1848.  wo  das  ganze  Jahr  hindurch  die  thlorwaschungen 
durch  mich  beaufsichtiget  wurden. 

Scanzoni  sagt:  Nach  dieser  historischen  Entwicklung  und  Dar- 
stellung der  von  Dr.  Semmelweis  gemachten  Entdeckung  geht  Prof. 
Skoda  zu  den  Massnahmen  über,  welche  nöthig  scheinen,  die  Ent- 
deckung des  Dr.  Semmelweis  ausser  Zweifel  zu  setzen.  Zu  diesen 
Massnahmen  gehört  auch  der  Brief,  den  Skoda  an  Nadherny  gerichtet. 

Scanzoni  sagt:  Prof.  Skoda  behauptet,  zur  Einführung  der  Chlor- 
waschungen in  der  Prager  Gebäranstalt  aufgefordert  zu  haben,  doch 
geschah  dies,  so  viel  uns  bekannt  ist,  weder  von  seiner  noch  von 
Seite  des  Dr.  Semmelweis  auf  eine  der  Wichtigkeit  des  Gegenstandes 
entsprechende  Weise,  wenigstens  erhielten  wir  die  Nachricht  über  die 
von  Dr.  Semmelweis  empfohlene  Massregel  immer  nur  auf  indirectem 
Wege  durch  Aerzte,  welche  ihr  Weg  zufällig  von  Wien  nach  Prag 
fahrte.  Eine  directe  briefliche  Aufforderung  von  Seite  der  genannten 
beiden  Aerzte  ist,  so  viel  uns  bekannt  wnrde,  an  die  Vorsteher  der 
Prager  Gebäranstalt  nie  ergangen. 

Der  Leser  wird  wissen,  was  er  Yon  dieser  Darstellung  Scanzoni's 

19« 


292 


Seuimelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiudbettlieber. 


halten  soll,  wenn  er  selbe  mit  dem  zusammenhält,  W&l  wir  über  di 
Gegenstand  gesagt 

Dem  Ausspruche  Skodas:  .Man  Boheint  die  r|il«uwaschungen 
bisher  entweder  gar  nicht,  oder  nicht  mit  Ernst  in  Anwendung  ge- 
bracht zu  haben",  stellt  Scanzoni  die  Hehauntmiir  gegenüber,  dass 
kurz  iirsrh  dam  Bekanntwerden  der  in  der  Wiener  «.ebäianstiilt  ge- 
machten Erfahrungen  auch  in  Prag  die  Chlorwas«  Illingen  rin^efiihi  t 
und  ihre  sorgfältige  Vornahme  von  Seite  der  Schiller  auf  das  eifrigste 
überwacht  wurde,  was  jene  bestätigen  können,  welche  zu  jener  Zeit 
die  Prager  Klinik  besucht. 

Und  um  das  Gerücht  zu  widerlegen,  welches  sich  nach  Scanzonifl 
Angabe  in  Wien  verbreitete,  dass  gerade  während  der  Zeit  seiner 
Assistenz  das  Mortalitätsverhältniss  ein  auffallend  ungünstiges  war. 
welches  ungünstige  Mortalitätsverhältniss  besagtes  Gerücht  dem  Um- 
stand zuschrieb,  dass  Scanzoni  die  von  Dr.  Semmel  weis  empfohlenen 
Chlorwaschungen  unterlasse. 

Im  !m  -  Gerücht  zu  widerlegen,  veröffentlicht  Scanzoni  die 
.Monat-Rapporte  des  Prager  Gebärhauses  vom  1.  Mai  1847  bis 
81.  August  1848.  also  die  Rapporte  von  In  Monaten,  innerhalb  welcher 
nur  während  vier  und  einem  halben  Monate  die  Chlurwaschungen 
geübt  wurde n. 

Aus  diesen  Rapporten  geht  hervor,  dass  innerhalb  dieser  lö  Mo- 
'L  Wöchnerinnen  verpflegt  wurden,  wovon  45  gestorben  sind, 
also  lWfl.  während  sich  auf  der  Wiener  I.  geburtshilflichen  Klinik 
in  den  Monaten  Juni  1847  bis  April  1848.  während  welchen  Monaten 
die  ( 'hlorwaschungen  unter  meiner  Beaufsichtigung  ununterbrochen 
geübt  wurden,  ein  Mortalitätsverhältniss  von  2,5%  herausstellte,  es 
tat  daher  -las  sterblichkeitsverhältniss  der  im  Prager  Gebärhause  be- 
handelten Wöchnerinnen  um  0.0"„  günstiger,  obwohl  während  zehn 
und  einem  halben  Monate  keine  Chlorwaschungen  gemacht  wurden, 
als  auf  der  Wiener  geburtshilflichen  Klinik,  wo  ununterbrochen  die 
Olllorwaschungen  durch  mich  beaufsichtigt  winden. 

Scanzoni  erzählt  ferners,  dass  von  den  ins  Krankenhaus  traus- 
ferirten  Wöchnerinnen  noch  41  gestorben  seien,  gibt  man  nun  diese 
41  zu  den  im  Gebärhause  verstorbenen  45  hinzu,  so  ergibt  .sich  ein 
Sterblichkeitsverhältniss  von  86  Todten  unter  2721  Wöchnerinneu. 
d.  i.  3./,,, 

Damit  nun.  fährt  Scanzoni  fort,  auch  hier  ein  Vergleich  zwischen 
den  Resultaten  der  Wiener  und  Prager  Gebäranstalt  durchgeführt 
werden  könne,  so  wäre  es  sehr  wünschenswert  li.  wenn  von  »Seite  der 
ersteren  Anstalt  auch  veröffentlicht  würde,  ob  und  wie  viele  Wöch- 
nerinnen auf  die  übrigen  Abtheilungen  des  Krankenhauses  transtVriit 
wurden.  Aber  selbst  in  dem  Falle,  dass  in  Wien  gar  keine  Trans- 
ferirungen  stattgefunden  hätten,  was  nicht  angenommen  werden  kann, 
da  Prof.  Skoda  selbst  erwähnt,  dass  die  erkrankten  Wöchnerinnen 
zuweilen  von  der  Gebäranstalt  in  das  Krankenhaus  übertragen  wurden, 
bo  bleibt  unser  Mortalitätsverhältniss  nur  um  0,a°„  ungünstiger  als 
jenes  der  Wiener  Klinik,  ein  Unterschied,  welcher  gewiss  in  den 
Augen  eines  jeden  Unbefangenen  viel  zu  unbedeutend  erscheinen 
wird,  als  dass  er  zu  Vorwürfen  für  unsere  Anstalt,  zu  Verdächtigungen 
und  Beschuldigungen  der  daselbst  angestellten  Aerzte  berechtigen 
könnt"'. 

Hierauf  können  wir  Scanzoni  versichern,  dass  die  Trausferirungeu, 


Die  Ätiologie,  der  Begnül  und  die  Prnphjlaus  d»-  ttftebwf.        _".».", 


von  welchen  Skoda  erzählt,  in  die  Zeit  vor  Einführung  der  Chlor- 
Waschungen  fallen.  Skoda  fuhrt  ja  diese  Transitoirungen  als  Ben 
dass  die  Sterblichkeit  an  der  L  Gebärklinik  vor  Einführung  der 
Chlorwaschnngen  noch  bedeutender  war,  als  die  Rapport«  »eigen, 
weil  von  Zeit  zu  Zeit  massenhafte'  Traiisferirnitg&n  vorgenommen 
wurden,  wodurch  d:\s  Sterbliehkeitsverhältniss  intch  dem  Rapporte 
günstiger  tat,  als  es  in  der  Wirklichkeit  war;  nach  Einführung  der 
Chlorwaschuntren  wurden  nur  einzelne  wenige  Individuen,  welche 
wegen  ihres  Zustande*  für  die  übrigen  zu  gefährlich  waren,  trans- 
fenrt,  und  Scanzoni  kann  überzeugt  sein,  dass  ich  bald  entlarvt 
worden  wäre,  falls  ich  nur  Verminderung  der  Todesfälle  an  der  I.  Ge- 
bffrklinik die  kranken  Wöchnerinnen  fortgeschickt  hatte,  und  wenn 
ich  dann  die  verminderten  Todesfälle  den  rhlorwaschuugen  zuge- 
schrieben hätte. 

t'ni  den  Leset  oben  .Massstab  an  die  Hand  zu  a-ehen.  zur  Be- 
mtheilung  der  von  Scanzoni  veröffentlichten  Rapporte,  vollen  wir 
einiges  Hierhergehörige  recapituliren. 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  die  Frage,  wenn  durch  ge- 
tn  diene  Uasaregefal  alle  Fälle  von  Infeetion  von  aussen  verhütet 
werden,  wie  viele  Wöchnerinnen  werden  immer  noch  in  Folge,  von 
nnverhiitbarer  Selbstinfection  sterben?  dahin  beantworteten,  dass  uns 
in  diesem  Punkte   unsere   eigenen  Erfahrungen  keinen  sicheren  A.UB- 

h  gestatten,  dass  wir  aber  glauben,  die  ßapporte  des  Wiener 
Gebärhauses  aus  der  Zeit,  wo  die  Medicin  in  Wien  noch  der  anato- 
mischen Grundlage  entbehrte,  seien  geeignet,  über  diesen  Punkt  Aut- 
schlnss  zu  ertheilen.  In  diesen  39  .Tahren  kommen  2">  Jahre  vor, 
wahrend  welchen  nicht  eine.  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb. 
sieh-   Tabelle  Nr.  XVII,  8.  135  u.  Tabelle  Nr.  XXIV.  s,  lsr.i 

Es  starb  nämlich  während  2  Jahren  eine  von  400  Wöchnerinnen, 
während  2  Jahren  starb  eine  von  300  Wöchnerinnen,  während  B  Jahren 
starb  eine  von  200  Wöclmeriniien  und  während  13  Jahren  starb  Dient 
eine  von  100  Wöchnerinnen. 

Wir  stellen  daher  keine  strenge  Anforderung  an  ein  Ue.bärhaus, 
wenn  wir  von  selbem  fordern,  dass  von  den  in  demselben  verpflegten 
Wöchnerinnen  nicht  eine  von  100  sterbe. 

Wenn  nun  aus  den  durch  Scanzoni  veröffentlichten  Kapporten 
hervorgeht,  dass  im  Prager  Gebärhause  während  der  angeführten 
In  Monate  3.,  "„  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber  starben,  so  ist  da- 
durch bewiesen,  dass  im  Frager  Gebärhause  Infectionsfälle  von  aussen 
vorgekommen  sind,  und  wenn  Scanzoni  sagt,  dass  zur  selben  Zeil  in 
Wien  trotz  der  Chlorwaschungen  eine  ähnliche  Sterblichkeit  vorkam, 
so  müssen  wir  den  Leser  daran  erinnern,  dass  wir  damals  allerdings 
trotz  den  f  blorwaschungen  zahlreiche  Infectionsfälle  von  aussen  hatten, 
weil  wir  damals  noch  so  unbewandert  waren,  dass  wir  uns  nach  der 
Untersuchung  eines  Medullarkrebses  der  Gebärmutter  nicht  die  Hände 
in  I  hlor  wuschen,  wir  sonderten  nicht  die  Kranken  mit  dem  oariöseu 
Knie,  und  damals  hatten  wir  uns  auch  über  Schüler  zu  beklagen, 
weihe  die  Cfolorwasehnngen  nicht  strenge  genug  beobachteten.  Im 
Wiener  Gebärhause,  in  welchem,  während  die  Median  der  anatomischen 
Grundlage  entbehrte,  innerhalb  39  .fahren  25  Jahre  nicht  eine  Wöch- 
nerin  von  100  starb,  7  Jahre  1  Wöchnerin  von  100,  &  Jahre  2  Wöch- 
nerinnen von  100.  1  Jahr  3  und  1  Jahr  4  Wöchnerinnen  von  100 
starben,  steigerte   sich   die  Sterblichkeit  in  Folge  der   anatomischen 


2U4 


Semuiehveis   Abhaudlungen  niid  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Richtung  der  Median   iu  dem  Grade,  dass  die  Sterblichkeit  des  Ge- 
barhauses als  Ganzes  genommen  im  Jahre  die  Höhe  von   12  "„  er- 
reichte,   die   J.  Gebärkltiiä   für  sieh  genommen,  die  Höhe  von  II 
und  die  Monate  der  I.  Geb&rklinik  genommen  bis  zur  Höhe  von  3]  "„. 

Die  medicinisi-.he  Schule  zu  Prag   ist  wie  die  Wiener  eine 
tmnisihe:    wenn    in  Wien   die   anatomische  Richtung   der   Mediein    M 
viel  Unglück  über  das  Wiener  Geb&rbaus  brachte,  s.»  dmub  dasselbe 
in  Prag,  da  die  Gesetze   der  Katar   in  Wien  und  in  Prag  dieselben 
sind,  auch  geschehen  sein,  der  natürliche  Schluss  ist  daher.  •' 
Prager  GebärhauB  traurigere  Zeiten  gesehen  haben  muss,  als  wahrend 
der  15   Monate,   von  welchen    uns  Scanzoni   die  Rapporte  mittheilt 
Das   Prager  Gebarhaue   ist,   sowie   das  Wiener,   iu   eine  Klinik  für 
Aerzte  und  in   eine   Klinik  für   Hebammen  eingetheilt.   und    gewiss 
wurden   wir  iu   Prag   «hisseliie    Factum  zur  Beobachtung   bekommen 
haben,   welches  wir  in  Wien  und  Strassburg  beobachteten,   nämlich 
dass  in  zwei  Abtheilungen  einer  und  derselben  Anstalt  ein  auffallend 
«lilferenter   Gesundheitsznstand,   und    zwar   m  Ungunsten   der    Klinik 
für   Aerzte   herrsehe,    wenn    nicht    durch   regelmässig  vorgenommene 
Transferirungen  «1er  Unterschied  ausgeglichen  worden  W&re. 

Für  unsere.  Behauptung,   dass   das  Prager  Gebärhaus  traurigere 
Zeiten  gesehen  haben  müsse,  als  die  15  Monate  waren,  von  welchen 
uns  Scanzoni   die  Rapporte  mittheilt,   benöthigeu  wir  keinen  an«! 
Beweis,  als  den,  dass  es  im  Wiener  Gebärhause  auch  so  war. 

Znm  (Teberfloss  erzählt  uns  Scanzoni  in  seinem  Lehrbuche  dar 
Geburtshilfe,  was  für  grossartige  Erfahrungen  er  im  Prager  Gel 
banse  in  Bezug  auf  die  Zahl  der  beobachteten  Kindbetttieberfälle 
gemacht,  Erfahrungen,  welche  nur  gemacht  werden  können  in  einem 
Gebärhause,  welches,  sowie  das  Wiener,  unbarmherzig  vom  Kindbett  - 
fieber  heimgesucht  wird. 

Doch  bevor  wir  zu  Sranzoni's  «rrossartigen  Erfahrungen  über- 
gehen, ist  es  nüthig,  seine  Eintheilung  der  Entzündungen,  wie  solche 
nach  der  Meinung  Scanzoni's  im  Wochenbette  vorkommen,  einer  Be- 
in theilung  zu  unterwerfen. 

Scanzoni  theilt  die  puerperalen  Entzündungen  ein  in  solche, 
welche  ohne  Blutentmischung  verlaufen,  und  diese  Entzündungen 
dienen  den  Namen  Puerperalfieber  nach  Scanzoni  nicht,  können  aber. 
wenn  im  Verlaufe  der  Krankheit  eine  Resorption  der  Ent/.ündungs- 
producte  Stattfindet,  zum  Puerperalfieber  dadurch  werden,  das.-*  in 
Folge  der  resorbirten  Entzündungsproducte  eine  Blutentmischung  ein- 
tritt. Hierher  gehört  Euilometritis,  die  Metritis,  die  Metrophlebitü 
puerperalis.  die  Metrolyrouhangoitis.  die  Peritonitis  pnerperalis,  die 
peritonäale  Oophoritis,  die  parenchymatöse  Oophoritis,  die  puerperale 
Entzündung  der  Puben.  «li«  Colpitis  puerperalis  und  in  solche  Ent- 
zündungen, Welchen  eine  IJlutentmischung  vorausgeht.  Diese  Fälle 
sind  das  eigentliche  Puerperalfieber,  hierher  gehört  die  Hyperinose, 
die  Pyaemie  und  die  Blutdissolutiou  der  Wöchnerinnen. 

Und  obgleich  sowohl  am  Krankenbette,  als  auch  am  SectJona- 
tische  Fälle  beobachtet  werden,  welche  zwar  unter  die  Hyperinosis, 
andere,  die  man  unter  die  Pyaemie,  und  andere,  die  man  unter  die 
Blutdissolutiou.  und  wieder  andere,  die  man  unter  keine  der  drei  ge- 
nannten   Formen    subsumiren    kann,    beobachtet,    welche    dann   nach 

zoni  unter  die  Entzündungen  zu  zählen  sind,  die  nicht  Puerperal- 
fieber sind,  so  ist  es  doch  gewiss,  dass  alle  diese  Formen  Resorptions- 


Die  Äetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfieberä,        295 


r 


oder  nach  dem  gewöhnlichen  Sprachgebrauche  Puerperalfieber  sind, 
weil  alle  diese  Formen  in  Folge  der  Resorption  eines  zersetzt .  i- 
Sfcoffea  entstehen;  warum  aber  der  resorbirte  zersetzte  .Stoff  einmal 
die  Form,  welche  man  Hyperinose,  ein  andermal  die.  welche  man 
Pyaemie,  einmal  die,  welche  man  Blutdissolution,  und  einmal  wieder 
Formen,  welche  unter  die  genannten  nicht  subsumirt  werden  können, 
erzeuget,  das  wissen  wir.  wie  wir  schon  einmal  erklärten,  als  wir 
Prof  Levy's  Zweifel  aufklärten,  nicht.  Vielleicht  hangt  das  von 
grösseren  oder  geringeren  Fäulnissgraden  des  resorbirten  Stoffes,  viel- 
leicht von  der  Reactionsfähigkeit  des  Organismus,  vielleicht  von 
anderen  Umständen  ab.  Wir  wissen  nur  gewiss,  dass  in  allen  diesen 
Fällen  ein  zersetzter  Stoff  resoibirt  wird,  welcher  das  Blut  manchmal 
augenscheinlich,  manchmal  auf  eine  für  unsere  Sinne  nicht  erkenn- 
bare Weise  entmischt  und  dass  in  Folge  der  Blutentmäseliung  die 
Entzündungen  eintreten.  Und  dass  auch  in  jenen  Fällen,  wo  eine 
augenscheinliche  Blutentmischung  fehlt,  und  welche  deshalb  von 
Scanzoni  nicht  als  Puerperalfieber  anerkannt  werden,  wirklich  ein 
zersetzter  Stoff  resoibirt  wird,  ist  dadurch  bewiesen,  dass  auch  dies«- 
alle  durch  Chlorwaschiingen  verhütet  werden  können. 

Im  Jahre  1841  starben  192,  im  Jahre  1845  starben  196,  im 
Jahre  1844  starben  215,  im  Jahre  1843  starben  229,  im  Jahre  1846 
starben  414,  im  Jahre  1842  starben  463  Wöchnerinnen  mehr  als  im 
Jahre  1848,  wo  die  Chlorwaschungen  geübt  wurden,  und  doch  waren 
gewiss  diese  1709  mehr  todte  Wöchnerinnen  in  6  Jahren  nicht  lauter 
Fälle  von  Hyperinose,  von  Pyaemie,  von  Blutdissolution,  sondern  es 
waren  gewiss  die  grössere  Zahl  der  Fälle  solche,  wo  eine  augen- 
scheinliche Blutentmischung  nicht  beobachtet  werden  konnte,  und 
doch  sind  selbe  durch  die  Chlorwaschungen  verhütet  worden,  als  Be- 
weis, dass  auch  diese  Fälle  in  Folge  der  Resorption  eines  zersetzten 
Stoffes  entstanden  sind,  dass  selbe  folglich  Resorptions-  oder  Puer- 
ralhebertalle  waren. 

Der  Leser  wolle  nicht  ungeduldig  werden,  weil  ich  immer  und 
immer  wieder  auf  den  verbesserten  Gesundheitszustand  der  I.  Gebär- 
klinik zurückkomme,  der  Erfolg  der  Chlorwaschungen  ist  aber  eben 
der  p'els,  an  dem  meine  Gegner  zerschellen. 

Nachdem  wir  durch  den  Erfolg  der  Chlorwaschungen  bewiesen 
haben,  dass  die  Entzündungen  im  Wochenbette,  welche  Scanzoni 
nicht  als  Puerperalfieber  anerkennen  will,  den  Wochen  nach  identisch 
seien  mit  jenen,  welche  Scanzoni  als  Puerperalfieber  anerkennt, 
wollen  wir  zu  den  grossartigen  Erfahrungen,  welche  Scanzoni  in 
Prag  in  Bezug  auf  die  Zahl  der  beobachteten  Puerperalfieberfälle 
gemacht,  zurückkehren, 

Scanzoni  spricht  in  einem  Gesuche,  welches  er  unterm  29.  März 
1849  an  das  böhmische  Landesgubernium  gerichtet,  von  seiner  mehr 
als  fünfjährigen  Dienstleistung  in  den  Krankenanstalten  Prags.  N>>- 
uinber  1850  begann  seine  Wirksamkeit  als  Lehrer  in  Würzburg, 
folglich  hat  S.an/oui  sieben  Jahre  in  den  Krankenanstalten  Prags 
gedient.  Wie  viele  Geburten  sich  in  Prag  während  diesen  sieben 
Jahren  ereigneten,  weiss  ich  wohl  nicht,  wenn  wir  aber  zwölf  von 
den  fünfzehn  durch  Scanzoni  veröffentlichten  Monaten  als  Basis  an- 
nehmen,  so  ist,  da  vom  1.  Juni  1847  bis  letzten  Mai  1848  sich  2210 
Gebarten  ereigneten,  anzunehmen,  dass  sich  in  diesen  7  Jahren  15.470 
Geburten  zutrugen. 


296 


Semmel  weis1  Auhnudluiigeu  und  Werk  Über  da»  Kimlbettneber. 


Wann  wir  nun  die  Forderung,  dass  nicht  eine  Wöchnerin  von 
100  Wöchnei  innen  am  Kindbetttit ibi  r  sterbe,  auch  an  das  Prager  Ge- 
b;irliaiis  Hellten,  .so  gibt  das  während  7  Jahren  beiläufig:  150  Todte. 
lud  dass  diese  Forderung  berechtiget  ist,  können  wir  dadurch  be- 
weisen, dass  wir  diese  Forderung  trotz  ungünstiger  Verhältnisse 
während  7  .Monate  im  Jahre  1848  an  der  ersten  Gebärklinik  zu  Wien, 
während  <i  Jahren  im  St  Kochusspital  zu  Pest  und  während 
Jahre*  an  der  geburtshilflichen  Klinik  zu  Pest  erfüllten.  In  Wien 
stürben  zur  Zeit  als  die  Medicin  noch  der  anatomischen  Grundlage 
entbeli ite.  innerhalb  25  Jahren  von  44.838  Wöchnerinnen  273, 
nicht  eine  von  100  (siehe  Tabelle  Nr.  XXV.  Seite  1U2)  und  innerhalb 

262  Jahre,  von  welchen  wir  die  Kapporte  von  4  Londoner  und 
2  Dubliner  Gebärhäusern  besitzen,  kommen  19  Jahre,  in  welchen  ran 
455h  Wöchnerinnen  keine  einzige  starb,  und  wahrend  105  Jahren 
st  Milien  von  109.656  Wöchnerinnen  72i*.  also  ebenfalls  nicht  eine  von 
100  (siehe  Seite  207.  Zeile  ß  von  unten). 

Wenn  nun  Scanzoni  an  einer  Anstalt,  an  welcher  innerhalb 
7  Janren  nur  150  Todesfälle  in  Folge  von  Puerperalfieber  entstanden. 
durch  Selbstinfection  vorkommen  konnten,  falls  alle  InfectionsflÜle 
von  aussen  verhütet  worden  wären,  so  grossartige  Erfahrungen  machen 
konnte  in  Bezug  auf  die  Zahl  der  beobachteten  Pnerperalfieberfälle, 
dasa Scanzoni,1)  obwohl  er  die  Entzündungen  im  Wochenbette»!  viele 
Formen  zersplittert,  dennoch  von  einer  einzigen,  nämlich  von  dir 
Endometritis  sagen  kann,  er  habe  in  der  Prager  Gebäranstalt 
legenheit  gehabt,  hunderte  von  au  Endometritis  leidenden  Wöchne- 
rinnen zu  behandeln,  und  zwar  erfolglos,  denn  Scanzoni  sagt  er  habe 
sich  überzeugt,  dass  die  Aufgabe  des  Arztes  bei  der  Behandlung-  des 
fraglichen  Leidens  nur  in  der  Bekämpfung  der  quälendsten  und 
fahrdrohendsten  Symptome  besteht  (siehe  1.  Auflage,  Band  III.,  Seite  380, 
II.  Auflage,  Band  IL,  Seite  948)  — 

Wenn  Scanzoni  bei  der  Metritis  sagen  konnte,  er  habe  hunderten 
von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen  beigewohnt  (siehe  I.  Auflage, 
Band  III.,  Seite  382,  II.  Auflage,  Band  IL,  Seite  950 1  - 

Wenn  Scanzoni  es  an  einer  anderen  Stelle  nochmals  wiederholt. 
dass  er  hunderten  von  Sectionen  am  Puerperalfieber  Verstorbener 
beiwohnte  (siehe  L  Auflage,  Band  HL,  Seite  464  und  II.  Auflage, 
Hand  IL,  Seite  1010}  — 

Wenn  Scanzoni  uns  erzählen  kann,  ,,dass  im  Verlaufe  einer 
Epidemie  einzelne  stürmische,  kaltfeuchte  Tage  einen  das  httufigere 
und  intensivere  Auftreten  von  Krankheiten  unverkennbar  begünstigen- 
den Einfluss  ausüben,  so  dass  nicht  selten  alle  in  einer  Geb&ranstalt 
an  einem  bestimmten  Tage  Entbundenen  puerperal  erkranken,  wie 
wir  dies  im  Monat  October  1846  in  der  Prager  Gebäranstalt  be- 
obachteten, wo  wir  an  einem  Tage  13  Erkrankungen  zählten11 
(L  AnHage,  Band  III..  Seite  462,  IL  Auflage,  Band  IL,  Seite  1009)  — 

Wenn  Scanzoni  so  grossartige   Erfahrungen  machen  kennte 
entnimmt  daraus  der  trauernde  Menschenfreund,  welch  eine  entsetz- 
liche Verschwendung   an  Menschenleben  auch   im  Prager  Gebärhause 
stattgefunden,    und    das   sind    nur   die  .Mütter,    und    WO    ist    gril 
Legion  der  Kinder,  die  dureh  ihre.  Mütter  inficirt,  kaum  geboren,   an 
derselben  Blutentmiscbuiig  sterben  mussten. 


l.-lirbuch  der  Geburtshilfe,  Wien. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindlettüebers.        297 


Einen  geringen  Trost  findet  der  Menschenfreund  in  dein  Um- 
stände, dass,  obwohl  die  kleinst  mOgb'che  Sterblichkeit  niehl  erreich! 
winde,  es  docli  in  den  15  Monaten,  deren  Rapporte  nns  Seanzoni 
mittheilt,  besser  ging,  als  vor  dieser  Zeit,  denn  selbst  bei  einer 
Sterblichkeit,  wie  sie  Seanzoni  während  dieser  15  Monate  dnsweiset, 
sind  so  srrossartige  Erfahrungen  nicht  zu  macheu.  abgesehen  davon, 
dass  Seanzoni  während  der  7  Jahre  seiner  Dienstleistung  in  den 
Prager  Krankenanstalten  immer  nur  einen  Theil  der  vorgenommenen 
Puerpnalfieberfälle  beobachten  konnte;  so  lange  er  Assistent  war. 
sind  seiner  Beobachtung  alle  jene  Fälle  entgangen,  welche  er  auf 
andere  Abteilungen  transferirt,  und  während  er  Vorstand  der  gyiuie- 
cologisehen  Abtheilung  war,  konnte  er  nur  die  Fälle  beobachten, 
welche  auf  diese  Abtheilung  transferirt  wurden. 

Und  wie  denn  nicht,  es  führte  ja  zufällig  viele  Aerzte  ihr  Weg 
von  Wien  nach  Prag,  welche  dort  die  von  Dr.  Semmt lwei>  em- 
pfohlenen Massregeln  zur  Verhütung  des  Puerperal  riebers  erzählten, 
und  dadurch  die  das  Prager  Gebärhaus  Besuchenden  vorsichtiger 
machten. 

Und  wer  erinnert  sich  nicht  bei  dieser  Veranlassung  an  Dietl's 
Ausspruch. 

Im  Ganzen  hört  man  jetzt  wohl  weniger  von  diesen  verheerenden 
Pnerperalepidemien,  vielleicht  liegt  die  Ursache  in  Beobachtung  jener 
Einrichtungen,  die  sich  auf  ihre  Erfahrungen  basiren  —  —  ohne 
dass  man  et  sich  selbst  und  der  Oeffentlichkeit  gegenüber  einge- 
stehen will. 

Seanzoni  sagt:  „Was  nun  den  in  der  Prager  Gebäranstalt  be- 
obachteten Erfolg  der  Chlorwaschungen  anbelangt,  so  ist  zu  erwähnen, 
8*88  dieselben  im  Monate  März  1848.  wo  das  Puerperalfieber  häufiger 
und  bOeartiger  auftrat,  zum  ersten  Male  angeordnet  und  beharrlich 
während  der  zweiten  Hälfte  des  Monates  März,  sowie  auch  in  dem 
ganzen  nachfolgenden  Monate  April  durchgeführt  wurden. 

Da  sich  aber,  ohngeachtet  wir  auch  in  dieser  Periode  die  Sections- 
h«  alitäten  nur  äusserst  selten  besuchten,  die  Zahl  der  Erkrankungen 
durchaus  nicht  minderte,  so  wurden  die  Ohlorwa»  drangen  des  Ex- 
perimentes wegen  auf  einig«  Zeil  ausgesetzt   und    was  diese  mit  der 

-ten  Sorgfalt  vorgenommenen  und  überwachten  Waschungen  triebt 
veini.-ehten,  das  vollbrachte  ein  günstiger  Genius  epidemicus :  die  Er- 
krankungen minderten  sich  plötzlich,  so  dass  wir  im  Monate  Mai  auf 
205  Wöchnerinnen  nur  einen  Todesfall  zählten,  während  in  den  Ho 
naten  März  und  April,  wo  mit  Chlorkalk  gewaschen  wurde,  auf  406 
Entbundene  zufällig  31  Todte  kamen. 

Nachdem  wir  uns  uun  die  Ueberzeugung  verschafft  hatten,  dass 
diese  Massregel  nicht  im  Stande  sei,  den  einmal  ausgebrochenen 
häufigen  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  Einhalt  zu  thun,  lag  es 
uns  ob.  zu  erforschen,  ob  sie  vielleicht  zureiche,  das  Auftreten  solcher 
Pnerperalepidemien  im  Gebarhause  hintanzuhalten.  Die  Waschungen 
winden   daher  Anfangs  -luni    neuerdings   eingeleitet,    und   ohne   dass 

od  eine  Ursache  nachweisbar  gewesen  wäre,  erkrankten  im 
.luni  21.  im  .luli  9,  im  August  26;  von  den  ersten  starben  9,  von 
den  zweiten  2,  von  den  dritten  8.  Wie  sich  diese  auffallende. 
Seh  wankung  in  der  Zahl  der  Erkrankungen  erklären  Hesse,  wenn  den 
'  hlorwaschungen  wirklich  ein  so  grosser  Eintluss  zukäme,  und  die 
Häutigkeit  der  Erkrankungen   nur  durch  die  bei  der  Untersuchung: 


298 


Scniiiielweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindljettfielur 


stattfindende  Leicheninfection  bedingt  wäre,  vermögen  wir.  jede8  An- 
haltspunktes entbehrend,  nicht  anzugeben. ■ 

Obwohl  wir  unsere  Bewunderung  dem  durchdringenden  Scharf- 
sinne Scanzoui's.  welcher  ihm  wegen  des  Experimentes  die  Chlor- 
waschungen aussetzen  Hess,  nicht  versagen  können,  denn  ein  allt  un- 
gesunder Menschenverstand  hatte  sich  mit  der  Zeit  vom  Tage  des 
Eröffnen«  des  Prager  Gebärhauses  bis  zum  Tage  der  Einführung  der 
Chlorwaschnngen  daselbst  begnügt,  als  derjenigen  Zeit,  in  welcher 
im  Prager  i-Sebärliause  Experimente  ohne  Chlorwasehuugen  gemacht 
wurden,  in  welcher  Hinsicht  wir  Scanzmii  in  Bezuu"  atit"  das  Wiener 
inliärhaus  das  fleissige  Studium  unserer  XXIV.  auf  Seite  L84  abge- 
druckten  Tabelle  empfehlen.  So  können  wir  uns  doch  nicht  verhehlen, 
dass  seine  Gewissenhaftigkeit  durch  dieses  Experiment  in  einem 
weniger  günstigen  Licht  erscheint:  denn  Sra nzoni  war  ja  damals,  als 
er  dies  scharfsinnige  Experiment  machte,  noch  nicht  vollkommen  über- 
zeugt, dass  die  chlorwasehuugen  nicht  geeignet  seien,  das  Kindbett- 
fieber zu  verhüten,  diese  Ueberzeugung  befestigte  sich  bei  ihm  ja  ei  st 
dadurch,  dass  trotz  des  Aussetzens  der  Chlorwaschungen  die  Sterblich- 
keit sich  minderte,  und  dass  trotz  den  neuerdings  vorgenommenen 
<  'hlorwaschungen  sich  die.  Sterblichkeit  wieder  steigerte. 

Wie  aber,  wenn  sich  möglicherweise  meine  Ansicht  doch  be- 
stätigt hätte,  und  wenn  in  Folge  der  Aussetzung  der  Chlor  Waschungen 
eine  grössere  Sterblichkeit  eingetreten  wäre?  Ist  es  gewissenhaft, 
solche  Experimente  zu  machen  V 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  im  April  1847  57,  im  Mai 
36  Todte  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  hatten. 

Bütte  Kai  beiläufig  führten  wir  die  Chlorwaschungen  ein.  und 
darauf  verminderte  sich  die  Sterblichkeit  auf  6  Todte  im  .Tuni.  auf 
3  im  .luli,  auf  5  im  August,  aber  im  September  steigerte  sich  die 
Sterblichkeit  wieder  auf  12»  im  October  auf  11.  im  November  auf  11 
und  im  December  auf  8  Todte.  Aus  dieser,  trotz  den  (hlorwaschungen 
gesteigerten  Sterblichkeit  zogen  wir  nicht  den  Schluss,  dass  die 
Chlorwaschungen  erfolglos  seien,  sondern  die  gesteigerte  Sterblichkeit 
erregte  in  uns  den  Verdacht,  dass  vielleicht  trotz  den  Chlorwast  Innigen 
den  Individuen  zersetzte  Stoffe  eingebracht  werden,  und  eine  deshalb 
angestellte  Untersuchung  zeigte,  dass  einige  Schüler  die  Chlor- 
waschungen vernachlässigten,  wir  erkannten,  dass  wir  nach  der  L'nter- 
suchung  einer  mit  Krebs  der  Gebärmutter  behafteten  Kreissenden  die 
Hände  nicht  in  Chlorkalk  wuschen,  so  wie  wir  das  Individuum  mit 
dem  cariösen  Knie  nicht  von  den  übrigen  sonderten,  was  ja  dem 
Leser  schon  bekannte  Dinge  sind;  wir  haben  die  Chlorwaschung<  n 
deshalb  nicht  nur  nicht  aufgegeben,  im  Gegentheil,  wir  haben  selbe 
noch  strenger  geübt,  und  haben  dadurch  im  .fahre  1848  das  glück- 
liche Resultat  erzielt,  dass  wir  während  7  Monaten  nicht  eine 
Wöchnerin  von  100  verloren,  und  wir  wären  vielleicht  im  .fahre  184Ü 
und  1850  mich  glücklicher  gewesen,  wenn  man  uns  nicht  trotz  unseren 
Bitten  die  Gelegenheit  entzogen  hätte,  auch  während  dieser  zwei 
Jahre  die  ('hlorwaschungen  an  der  L  Gebärklinik  zu  leiten. 

Auf  die  Erfahrungen,  die.  ich  in  Pest  gemacht,  und  auf  die  Er- 
fahrungen Anderer,  die  anzuführen  ich  schon  Gelegenheit  hatte, 
wollen  wir  hier  nur  hindeuten. 

Scaiizoni  hat  daher  stark  gefehlt,  dass  er  nach  nicht  ganz  sechs« 
monatlichem  unglücklichen  Experimeutiren  den  voreiligen  Schluss  /<>-. 


Die  Aetiologie,  4er  Begriff  uud  <lie  Prophylaxis  fei  KiinlVittu-liere.        299 


den  Chlorwaschungen  komme  kein  so  grosser  Ehifluss  zu,  und  die 
Häufigkeit  der  Erkrankungen  sei  nicht  bedingt  durch  die  bei  der 
Untersuchung  stattfindende  Leicheninfection. 

Der  Leser  liest  ja  eben  die  gewichtigen  Gründe,  welche  Scanzoni 
gegen    mich    anführt»    er     hat    gewiss    diese    gewichtigen    Gründe 

■  n  Schülern  nicht  verheimlicht,  und  bei  dem  Umstände  hätte 
Scanzoni  auf  den  Gedanken  kommen  können,  nachdem  es  ihm  nicht  ge- 
lungen ist,  tue  Sterblichkeit  so  plötzlich  wie  iu  Wien  zu  vermindern, 
und  nachdem  trotz  neuerdings  angewandter  Chlorwaschungen  die 
Sterblichkeit  sich  wieder  steigerte,  dass  vielleicht  gerade  diese  ge- 
wichtigen Gründe  die  Schüler  verhindern  sich  so  gewissenhaft  zu 
wuschen  als  es  nöthig  ist,  was  ja  Hin  so  wahrscheinlicher  ist,  da  sich 
ja  sogar  unter  meinen  Schülern  solche  fanden,  obwohl  ich  so  ein- 
dringlich die  Chlorwaschungen  ihnen  empfahl. 

Es  wäre  daher  viel  gewissenhafter  gewesen  des  Experimentes 
wegen,  nicht  die  Clilorwaselningeii,  sondern  das  Aufzählen  so  unwider- 
leglicher Gründe  gegen  die  Ohlorwasr  Innigen  auszusetzen. 

Scanzoni  hat  noch  in  andern  Hinsichten  gefehlt,  wofür  er  aber 
nicht  verantwortlich  gemacht  werden  kann,  weil  die  Entschuldigung 
des  Nichtwissens  ihm  zur  Seite  steht. 

Scanzoni  nämlich  kennt  von  den  drei  Quellen,  aus  welchen  der 
das  Kindbettfieber  erzeugende  zersetzte  Stoß"  genommen  wird,  nur  die 
•  ine.  nämlich  die  Leiche,  und  dies  bezüglich  sagt  Scanzoni :  Wir,  wo- 
runter er  wahrscheinlich  auch  seine  Schüler  versteht,  haben  in  dieser 
Ivriode  die  Sectiouslocalitäten  nur  äusserst  selten  besucht.  Die  gro&M 
Quelle  des  zersetzten  Stoffes,  nämlich  alle  Kranken,  deren  Krankheiten 
einen  zersetzten  Stoß' erzeugen,  war  ihm  wenigstens  damals  unbekannt. 
und  es  ist  möglicherweise  im  Prager  Gebärhause  das  geschehen,  was 
uns  im  Wiener  Gebärhause  durch  den  Krebs  der  Gebärmutter,  durch 
das  cariöse  Knie  geschah,  als  auch  wir  noch  nicht  wussten.  dass  der 
zersetzte  Stoff  auch  von  Krauken  kommen  könne,  und  wenn  Scanzoni 
damals  glaubte,  dass  der  zersetzte  Stoff  nur  von  der  Leiche  komme, 
so  hat  er  gewiss  die  Tnstituts-Oberhebanime  sammt  dem  übrigen  Wart- 
personale, da  selbe  mit  Leichen  nichts  zu  thun  haben,  nicht  angehalten. 
die  Chlorwaschungen  zu  üben,  er  hat  vielleicht  nicht  strenge  genug 
die  Utensilien,  welche  bei  Kranken  benützt  wurden,  von  den  Gesunden 
fern  gehalten,  und  dadurch  die  Erfolge  der  Chlorwaschungen  beein- 
trächtigt 

Endlich  konnte  ja  der  zersetzte  Stoff'  auch  aus  der  dritten  Quelle 
genommen  werden;  ich  habe  ja  dem  Leser  an  betreffender  Stelle  er- 
zählt, dass  trotz  meiner  Wachsamkeit  es  während  zweier  Jahre  an 
der  Fester  geburtshilflichen  Klinik  geschehen  ist,  dass  wir  Infections- 
fälle  von  aussen  hatten,  in  Folge  unreiner  Bettwäsche  und  Wäscher 
und  Wärterinnen,  die  ihre  Schuldigkeit  nicht  thun.  kann  es  ja  auch 
in  Prag  geben. 

Wenn  ich  nun  an  Scanzoni's  Stelle  wäre,  und  er  an  mein«),  könnte 
ich  ihm  nicht  mit  voller  Wahrheit  sagen,  dass  ich  die  Chlorwaschungen 
mit  Ernst  in  Gebrauch  gezogen  habe,  deshalb  wäre  doch  der  Schluss, 
iaaa  das  Kindbetttieber  nicht  durch  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes 
entstehe,  ein  falscher. 

Und  wenn  Scanzoni  sagt,  dass  er  keine  Anhaltspunkte  habe,  um 
diese  auffallende  Schwankung  in  der  Zahl  der  Erkrankungen  zu  er- 
klären,  wenn  den  Chlorwaschungen  wirklich   ein  so  grosser  Einfluss 


.".IM, 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindtietttieber 


zukäme,  und  die  Häufigkeit  der  Erkranknngen  nur  durch  die  bei  der 
I'nieTsin-hnng-  stattfindende  Leicheninfection  bedingt  wäre,  wenn  Scan- 
zoni das  fragt,  so  können  wir  ihm  ohne  Zaudern  ilas  ernste  Studium 
dieser  Schrift  empfehlen,  zur  Gewinnung  solcher  Anhaltspunkte:  ich 
glaube  aber,  Scanzoni  wäre  in  gr&SSerer  Verlegenheit,  wenn  wir  iü< 
an  ihn  richten  würden,  uns  als  Gegendienst  zu  sagen,  wo  man 
denn  eine  Belehrung  über  eine  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  findet, 
welche  lehrt,  dass  im  Monate  .März  und  April  von  406  Wöchnerinnen 
31  zufällig  gesteiften  sind,  und  dass  dieses  zufällige  Sterben  im 
Monat  Kai  durch  einen  günstigeren  Genius  epidemicns  auf  Kineo 
Todesfall  reducirt  wurde,  und  dass,  ohne  dass  irgend  eine  Ursache 
nachweisbar  gewesen  wäre,  im  Juni  wieder  9,  im  Juli  2  und  im  August 
B  starben. 

Wenn  Scanzoni,  wärend  ersieh  gegen  Skoda's  Vorwurf,  die  Chlor- 
wasrhungen  nicht  mit  Ernst  vorgenommen  zu  haben,  vertheidiget, 
uns  ein  so  sinnloses  Geschwätz  Bbir  die  Aetiologie  des  Kindbetttiebeis 
auftischt,  so  ntUBfl  der  Leser  gleich  mir  zur  Ueberzengung  gelangen, 
iaaa  Skoda  zu  milde  geurtheift. 

Wenn  das  Präger  Gebärhaus  eingestürzt  und  diese  Individuen 
erschlagen  worden  wären,  so  hätte  Scanzoni  die  Ursache  dieser 
Todesfälle  ermitteln  können,  aber  ob  der  zersetzte  Stoff  auf  eine  oder 
die  andere  Weise  den  Individuen  in  grösserer  oder  geringerer  Aus- 
dehnung eingebracht  werde,  wodurch  nicht  nur  die  Erkrankungen, 
sondern  auch  ob  viele  oder  wenige,  das  heisst  die  Schwankungen  der 
Erkrankungen  abhängig  sind,  das  ist  eine  für  scanzoni  nicht  nach- 
weisbare Ursache,  sowie  er  keine  Anhaltspunkte  hat,  um  diese 
Schwankungen  zu  erklären. 

Scanzoni  sagl  ferner:  „Nicht  unerwähnt  können  wir  es  übrigens 
lassen,  dass  auf  die  Prager  Gebäranstalt  die  von  Dr,  Senimelweis  auf- 
gestellte, von  Prof.  Skoda  verflochtene  Hypothese  schon  deshalb  keine 
Anwendung  finden  könne,  weil  daselbel  euiestheOa  nur  äusserst  wenige 
Mütter  nach  der  Entbindung,  während  welcher  di<  zur  Aufnahme  de- 
letärer  Stoffe  disponirenden  Verletzungen  der  Genitalien  entstehen, 
untersucht  werden,  anderentheils  die  im  Gebärhaus  praktieirenden 
Srhiiler  nur  ausnahmsweise,  oft  im  Verlaufe  von  mehreren  Tagen  gar 
nicht  mit  Leichen  in  Berührung  kommen,  was  gewiss  jeder  mit  den 
Verhältnissen  unserer  Anstalt   Vertraute  bestätigen  wird." 

Der  Leser  hat  gesehen,  dass  bisher  Scanzoni  immer  von  einer 
Entdeckung  gesprochen,  und  dass  er  den  Thatsachen  und  Schlüssen, 
auf  welche  diese  Entdeckung  basirt,  keinen  andern  Vorwurf  machte, 
als  den.  dass  selbe  nicht  neu  seien;  dass  die  Thatsachen  nicht  wahr, 
oder  dass  die  Schlüsse  irrig  seien,  hat  Scanzoni  nirgends  nachgewiesen. 
Nur  das  letzte  Resultat  dieser  Thatsachen  und  Schlüsse,  nämlich  dSBS 
das  Kindbettfieber  durch  die  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes  ent- 
stehe, hat  Scanzoni  durch  die  Experimente,  die  er  in  Prag  gemacht, 
nicht  bestätiget  gefunden;  seine  Experimente  haben  dargethan,  dass 
im  Monate  März  und  April  1848  im  Prager  Gebärhanse  '51  Wöch- 
nerinnen zufällig  gestorben  seien,  dass  dieses  zufällige  Sterben  im 
Mai  durch  einen  günstigeren  Genius  epidemicus  auf  Eine  Todte  be- 
BChrankt  wurde,  und  dass  im  Juni,  Juli  und  August.  16  Wöchnerinnen 
ohne  irgend  eine  nachweisbare  Ursache  verschieden  seien. 

Deshalb  nennt  er  nun  meine  Entdeckung  eine  Hypothese.  Wir 
bleiben  dabei,   dass  wir  eine  Entdeckung  gemacht,  und  glauben  den 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiehers.        301 

Grund,  warum  uusere  in  Wien  gemachte  Entdeckung  in  Prag  MT 
Hypothese  degradirt  wurde,  darin  zu  finden,  dass  Scanzoni  über  die 
wesentlichsten  Punkte  dieser  Entdeckung  nicht  aufgeklart  ist,  wir  haben 
schon  nachgewiesen,  dass  Scanzoni  von  den  drei  (Quellen  des  zer- 
setzten Stoffes  nur  eine  kennt;  und  selbst  mit  dieser  scheint  er  nicht 
ganz  im  Reinen  zu  sein,  denn  er  sagt,  dass  seine  Schüler  oft  im  Ver- 
laute von  mehreren  Tagen  nichl  mit  Leichen  in  Berührung  kommen. 
Ein  jeder  Schiller  bleibt  2  Monate  auf  dem  praktisch-geburtshilflichen 
Oorse;  i"  Wien  sind  42  Schüler,  wie  viele  in  Prag  seien,  wissen  wir 
nicht,  nehmen  aber  willkürlich  an.  es  seien  deren  20;  wenn  diese 
20  Schüler  nur  wöchentlich  einmal  mit  einer  Leiche  in  Berührung 
kommen,  so  gibt  das  100  Berührungen  für  _'  Monate  "ml  960 
1  Jahr,  hinreichend,  um  die  grossartigen  Erfahrungen  Scanzoui's  in 
Bezug  auf  die  Anzahl  der  beobachteten  Puerperaltiebei lulle  im  Präger 
Gebarhause  zu  erklären,  und  hinreichend,  um  51  Wöchnerinnen  zu- 
fällig mit  19  ohne  nachweisbare  Ursache  sterben  zu  lassen,  bei 
schlecht  beaufsichtigten  Chlorwaschungen. 

Und  wenn  Scanzoni  sagt,  dass  diese  Hypothese  auf  das  Prager 
Gebärh&tLS  auch  deshalb  keine  Anwendung  linden  könne,  weil  daselbst 
nur  äusseret  wenige  Mütter  nach  der  Entbindung,  während  welcher 
die   zur   Aufnahme    deletärer  Stoffe   disponirenden   Verletzungen   der 

Italien  entstehen,  so  können  wir  Scanzoni  versichern,  dass  auch 
in  Wien  äusserst  wenige  Mütter  nach  der  Entbindung  untersucht 
werden,  aber  durch  diesen  Ausspruch  hat  Scanzoni  bewiesen,  dass  er 
im  Irrt h um  ist  über  die  Stelle,  wo  der  zersetzte  Stoff  resoibirt  wird, 
und  über  die  Zeit,  wann  der  zersetzte  Stoff  resoibirt  wird. 

Die  Stelle,  wo  der  zersetzte  Stoff  resorbirt  wird,  ist  die  innere 
Fläche  des  Uterus  vom  inneren  Muttermunde  nach  aufwärts,  wo  der 
Uterus  in  Folge  der  Schwangerschaft  die  Schleimhaut  verloren; 
durch  Verletzungen  kann  allerdings  eine  jede  Stelle  des  Körpers, 
folglich  auch  eine  jede  Stelle  der  Genitalien  zur  Resorptionsstelle 
werden:  die  Zeit  der  Resorption  ist  die  Schwangerschaft,  wenn  die 
innere  Fläche  des  Uterus  zngängig  ist,  während  der  Geburt  wird 
durch  die  Untersuchung  am  häufigsten  in  der  Eröffnungsperiode  in- 
ficirt,  in  der  Austreibmigsperiode  kann  keine  Infection  stattfinden, 
weil  durch  den  vorrückenden  Kindestheil  die  resurbirende  innere 
Fläche  des  Uterus  unzugängig  gemacht  wird,  in  der  Nachgeburts- 
periode und  im  Wochenbette  kann  die  Infection  an  der  inneren  Fläche 
des  Uterus  oder  an  den  durch  die  Geburt  verletzten  Punkten  der 
Genitalien  geschehen,  in  der  Nachgeburtsperiode  und  im  Wochenbette 
jresehieht  aber  die  Infection  seltener  durch  die  Untersuchung,  weil  in 
diesen  Perioden  seltener  untersucht  wird,  in  der  Nachgeburtsperiode 
und  im  Wochenbette  geschieht  die  Infection  öfters  dadurch,  dass  die 
Wundstellen  der  verletzten  Genitalien  mit  Gegenständen  in  Be- 
rührung kommen,  welche  mit  zersetzten  Stoffen  verunreiniget  sind; 
hierher  gehören:  unreine  Bettwäsche,  Schwimme,  Leibschüsseln  etc.  etc., 
oder  die  Infection  geschieht  in  diesen  Perioden  dadurch,  dass  die  mit 
zersetzten  Stoffen  geschwängerte  atmosphärische  Luft  in  die  Geni- 
talien der  Individuen  eindringt. 

Scanzoni  sagt:  „Professor  Skoda  hielt  es  für  seine  Pflicht,  das 
Wiener  medicinische  Professoren-Collegium  auf  die  Wichtigkeit  der 
von  Dr.  Semmelweis   gemachten  Entdeckung  aufmerksam   zu   machen 


302 


melweis*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett lieber. 


nnd  dasselbe  aufzufordern,   eine  Kommission  zu  ernennen,   welche  fol- 
lM-n  zu  lösen  hätte: 

a)  Ks  wäre  eine  Tabelle  anzufertigen,  auf  welcher,  so  weit  die 
Daten  reichen,  die  Zahl  der  Entbundenen  und  Gestorbenen  von  Monat 
zu  Monat  anzugeben  wäre,  nnd  ein  Verzeichniss  der  Assistenten  nnd 
Ntudirenden  in  der  Reihenfolge,  in  welcher  dieselben  an  der  Obiir- 
anstall  gedient  und  prakticirt  hatten.  Es  sollten  diejenigen  Assistenten 
und  st  mutenden  herrorgesucht  werden,  welche  sich  mit  Leichenunter- 
anchnngen  befaast  haben,  —  und  aus  diesem  Verzeichnisse  wollte 
Skoda  ersehen,  ob  die  Zahl  der  Erkrankungen  in  der  GebSranstail 
mit  der  Verwendung  der  Assistenten  und  Studirenden  in  der  Sections- 
kämm  er  im  Zusammenhange  stehe. 

b)  Ks  wären  die  sogenannten  Gassengeburten  auszuheben,  weil, 
wenn  die  Ansieht  des  Dr.  Semmel  weis  richtig  ist,  die  auf  der  Gasse 
Entbundenen,  welche,  wenn  sie  in  die  Gebäranstalt  gelangen,  nur  in 
dringenden  Fälleu  untersucht  werden,  weniger  Erkrankungen  dar- 
bieten müssen. 

c)  Es  wäre  durch  eingeholte  Berichte  zu  constatiren,  ob  in  allen 
Anstalten,  worin  Infection  durch  Leichengift  nicht  angenommen 
werden  kann,  die  Sterblichkeit  geringer  ist. 

'/;  Endlich  wären  Versuche  an  Thieren  vorzunehmen. 

Der  Antrag  wurde  vom  Professoren-Collegium  mit  sehr  gr 
Majorität  angenommen,  und  sogleich  die  Commission  ernannt;  allein 
das  Ministerium  entschied  über  einen  Protest  des  Professors  der  Ge- 
burtshilfe, dass  die  cummissionelle  Verhandlung  nicht  stattfinden  dürfe. 
In  Folge  dieser  Entscheidung  forderte  Professor  Skoda  den  Dr.  Semmel- 
weis auf,  die  Versuche,  all   Thieren  selbst  vorzunehmen." 

Aus  dem  Umstände,  dass  in  Folge  einer  Entscheidung  des 
Ministeriums  über  einen  Protest  des  Professors  der  Geburtshilfe  die 
commission  eile  Verhandlung  nicht  stattfinden  durfte,  in  Verbindung 
mit  der  mir  verweigerten  zweijährigen  Dienstesverlängerung,  ersieht 
der  Leser,  mit  welchen  Schwierigkeiten  ich  zu  kämpfen  hatte  bei 
meinem  Streben,  die  Wahrheit  meiner  Ansicht  zur  Geltung  zubringen, 
um  dadurch  das  Menschengeschlecht  von  einer  so  entsetzlichen  Gel 
wie  es  das  Kindbettfieber  ist.  zw  befreien.  Warum  insbesondere  der 
Professor  der  Geburtshilfe  Protest  eingelegt,  ist  nicht  recht  einzu- 
sehen: die  ganze  Welt  hatte  nicht  üble  Lust,  ihm  die  Schuld  der 
grossen  Sterblichkeil  zuzuschieben,  durch  diese  Erhebungen  hätte  sich 
aber  unter  anderen  auch  da  gezeigt,  dass,  so  wie  er  die  Schuld  der 
grossen  Sterblichkeit  nicht  trage,  dass  es  eben  so  wenig  ein  Verdienst 
lür  die  an  der  II.  Abtheilung  Bediensteten  war.  dass  an  dieser  Ab- 
theilung  weniger  starben. 

So  wit  früher  Ncanzoni  den  Daten,  welche  ich  gegen  die  Lehre 
des  epidemischen  Kindbettfiebers  anführte,  keinen  anderen  Vorwurf 
machen  konnte,  als  den,  dass  selbe  nicht  neu  seien,  so  weiss  er  and 
nichts  einzuwenden  gegen  die  Daten,  welche  das  Wiener  medicinische 
Professorencollegium  erheben  sollte  zur  Bestätigung  meiner  Ansicht 
nur  die  Experimente  an  Thieren  erklärt  er  für  werthlos. 

Wir  haben  daher  keinen  Grund  für  die  Beweiskraft  dieser  Daten 
hier  abermals  einzustehen,   da  wir  an  den  betreuenden  Stellen  Ü 
Schrift  deren  Werth  hinreichend  würdigten. 

'  Siehe  Tabelle  Nr.  XV IL  Seite  135  und  Tabelle  Nr.  XXIV. 
Seite  184.  und  wenn  auch  in  diesen  Tabellen  die  Namen  der  firngi 


Pie  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindlk'ü  fiebern.        303 


den  Aerzte  fehlen,  so  ist  doch  die  Richtung1  bekannt,  in  welcher  in 
den  einzelnen  Zeiträumen  gewirkt  wurde,  und  die  diesen  Richtungen 
entsprechende  Sterblichkeit  ersichtlich. 

ad  b)  Siehe  Seite  124,  Zeile  28  und  Seite  139,  Zeile  29. 

ad  e)  siehe  Seite  172.  Zeile  28. 

Wir  haben  die  Experimente  an  Thieren  an  einer  anderen  Stelle 
dieser  Schrift  heute  bei  der  vollgültigen  Beweiskraft  zahlreicher  ande- 
rer Gründe  für  üliertliissig  erklärt,  glauben  uns  aber  dadurch  nicht 
der  Pflicht  entbunden,  selbe  gegen  die  Vorwürfe,  welche  ihnen  Scanzoni 
macht,  zu  vertheidigen. 

Scanzoni  sagt.  Professor  Skoda  veröffentlicht  9  von  diesen  Ver- 
suchen, aus  welchen  er  jedoch  keinen  anderen  Schlnss  ziehen  könne, 
als  dass  faulende  thieräsche  Stoffe,  wenn  sie  in  die  Genitalien  eines 
Thieres,  welches  kurz  zuvor  geworfen  hat,  in  verhältnissmassig  grosser 
(Quantität  zu  wiederholten  Malen  und  im  flüssigen  Zustande  einge- 
bracht werden,  eine  tödtliche  Pyämie  hervorzurufen  vermögen. 

8«  anzoni  leuchte  aber  nicht  ein,  wie  dieses  Resultat  der  Versuche 
als  Beweis  dienen  könnte,  dass  die  häufigen  Erkrankungen  der 
W.vhnerinnen  der  I.  Gebärklinik  durch  Leicheninfection  bedingt  seien. 

Wir  haben  gesehen,  dass  bei  Kolletschka,  wie  bei  vielen  Anderen, 
eine  Lymphangoitis,  Phlebitis,  Peritonitis,  Pleuritis  etc.  etc.  dadurch 
entstand,  dass  ihm  Cadavertheile  in  den  Kreislauf  gebracht  wurden, 
und   da  der  anatomische   Befund   bei  Kolletschka   und   bei  an  Puer- 

dleber  Verstorbenen  der-selb«.-  ist,  so  vermutheten  wir  beim  Puer- 
peralfieber dieselbe  erzeugende  Ursache ;  das  Vorhandensein  dieser  Ur- 
lache  war  nicht  schwer  au  den  Händen  der  Untersuchenden  nachzu- 

en;  wenn  nun  in  Folge  getroffener  Massregeln,  welche  bezwecken, 
die  das  Kindbettfieber  erzeugenden  Stoffe  zu  zerstören,  die  Sterblich- 
keit, welche  früher  innerhalb  6  Jahren  zwischen  237  und  518  schwankte, 
auf  45  herabgedrückt  wird  und  wenn,  da  man  nicht  wieder  mit  ver- 
unreinigten Händen  untersuchen  kann,  um  den  Beweis  der  dadurch 
gesteigerten  Sterblichkeit  zu  liefern,  sondern,  wenn  dasselbe  durch  Ex- 
perimente an  Thieren  geschieht,  und  da  45  bedeutend  weniger  ist,  als 
237  oder  gar  518,  so  ist  dadurch  bewiesen,  dass  der  an  der  Hand 
klebende  zersetzte  Stoff,  welcher  in  Wien,  weil  die  Schüler  sich  am 
häufigsten  mit  Leichen  beschäftigen,  am  häufigsten  von  der  Leiche 
herrührte,  das  häufige  Erkranken  der  Wöchnerinnen  der  I.  Gebär- 
klinik  veranlasste,  und  wenn  das  Scanzoni  nicht  einleuchtet,  so  liegt 
die  Ursache  dieses  Nichteinleuchtens  wo  anders,  als  in  der  Unklarheit 
der  Sache.  Und  wenn  Scanzoni  gar  die  Existenz  des  zersetzten 
Stoffes  an  dem  untersuchenden  Finger  bezweifelt»  so  müssen  wir  ihm 
wieder  den  Erfolg  der  t  lilurwaschuugen,  als  den  Fels,  an  dem  meine 
Gegner  zerschellen,  entgegenhalten;  wir  haben  nämlich  an  der  I.  Ge- 
biii'klinik  zu  Wien  von  unseren  übrigen,  und  den  Erfahrungen  Anderer 
gar  nicht  zu  sprechen .  weiter  gar  keine  andere  Massregel  getroffen, 
;il>  den  durch  den  Geruchssinn  an  der  Hand  anwesend  constatirten 
zersetzten  Stoff  mittelst  Chlorwaschungen  zerstört,  und  haben  dadurch 
die  Sterblichkeit,  welche  früher  innerhalb  6  Jahren  zwischen  237 
und  51 S  Todten  schwankte,  im  Jahre  1848  auf  45  Todte  herabgedrinkt, 
als  Beweis,  dass  der  zersetzte  Stoff  nicht  nur  an  der  Hand  anwesend, 
sondern  auch  die  Ursache  des  Puerperalfiebers  gewesen  sei.  Denn 
wäre  die  Sterblichkeit  innerhalb  dieser  sechs  Jahre  durch  epidemische 
Einflüsse  bedingt  gewesen,  so  hätten  wir  den  an  der  Hand  klebenden 


:m 


S.'intiit-Kveii-  .-\  liliandlungen  und  Werk  über  das  Kimll.i'tr lieber. 


i/ii  ii  Statt  wohl  durch  I  'hlorwaschuiigen  zerstören,  aber  dadurch 
die  Sterblichkeit  Dicht  vermindern  können. 

In  Belner  I  »ppoaition  gegen  die  \ 'ersuche  an  Thieren  sagt  Seanseni: 
l  >ir  deletären  Stoffe,  wenn  sie  ja  an  den  Fingern  der  Untersuchenden 
haften,  weiden  nie  in  so  grosser  Menge  eingeführt,  als  es  bei  den 
Experimenten  geschah;  das  ist  wohl  wahr,  aber  auf  die  Menge  kommt 
es  gewiss  nicht  an;  wenn  auch  viel  eingebracht  wird,  so  wird  von 
dem  Vieleingebrachten  gewiss  nur  wenig  resorliirt .  uud  die  Thiere. 
pflegt  «-n.  wenn  selbe  nach  gemachter  Einspritzung  wieder  freigelassen 
winden,  das  eingespritzte  wieder  auszupressen,  so  dass  gewiss  nur 
einzelne  Atome  zurückblieben:  uns  ist  keine  Methode  bekannt,  durch 
welche  es  gelingen  winde,  eine  so  geringe  Menge  deletärer  Stoffe, 
welche  gar  nicht  sichtbar,  sondern  nur  durch  den  lieruchssinn  erkenn- 
bar ist,  so  kleinen  Tbierea,  wie  Kaninchen,  beizubringen. 

VY'-nii  Nranzoiii  sagt,  dass  deletäre  Stoffe  den  Individuen  nicht 
so  oft  eingebracht  werden,  als  es  bei  den  Experimenten  geschah,  so 
ist  das  ein   Irrthum. 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  uns  das  Factum,  dass  K' reissende 
mit  verzögerter  Eroffnungsperiode  beinahe  ausnahmslos  sämmtlich  an 
Puerperalfieber  starben,  nicht  'erklären  konnten,  so  lange  wir  nicht 
die  w.ihie  Drsache  des  Puerperalfiebers  kannten;  dass  aber  die  Er- 
klärung diese«  Facturus  keinen  Schwierigkeiten  unterlag,  sobald  wir 
wussten,  dass  das  Puerperalfieber  auch  durch  die  Resorption  des  zer- 
setzten Stoffes  entstehe,  welcher  an  den  Händen  der  Untersuchenden 
klebt 

Wenn  eine  Kreisende  wegen  verzögerter  Eröll'nungsperiode  z.  B. 
drei  Tage  auf  dem  Kreissezimmer  zubrachte,  da  machte  selbe  sechs 
allgemeine  Visiten  mit.  während  jeder  Visite  wurde  selbe  mindestens 
von  Q  Schülern  untersucht,  das  gibt  30  Untersuchungen,  ungerechnet 
die  vielen  Uutersuchuniren.  denen  selbe  in  der  Zwischenzeit  unter- 
warfen wurde.  Wir  viel,  von  den  30  untersuchenden  Fingern  waren 
mit.  zersetzten  Stoffen  verunreinigt?  gewiss  mehr  als  einer.  Dazu 
kommt  UOCh,   dass  vermöge   des   anatomischen  Baues   der   weiblichen 

tlechtstheile  beim  Menschen  und  bei  Thieren  die  Infectiou  beim 
menschlichen  Weibe  leichter  geschieht,  als  bei  Thieren.  weil  beim 
menschlichen  Weibe  die  Stelle,  wo  im  normalen  Zustande  die  Resorp- 
tion geschieht,  nämlich  die  innere  Fläche  des  Uterus,  welche  in  Folge 
dar  Schwangerschaft  der  Schleimhaut  verlustig  ging,  leicht  erreichbar 
ist.  während  bei  Thieren  die  Schwangerschaft  in  den  Uterushoriiern 
vor  sich  geht,  die  Uterushörner  aber  münden  unter  einem  geraden 
Winkel  mittelst  einer  warzenförmigen  Hervorragung  in  die  Gebär- 
inutterhöhle.  wodurch  die  totale  Unmöglichkeit  bedingt  ist,  den  zer- 
setzten Stoff  an  die  Stelle  zu  bringen,  wo  die  Bedingungen  für  die 
Resorption  am  günstigsten  sind.  Die  eingespritzte  Hasse  gelangt  bei 
so  kleinen  Thieren.  bei  Kaninchen  in  die  Scheide,  vielleicht  zufällig 
in  die  Gebärmutterhöhle.  gewiss  aber  nicht  in  die  Uterushörner.  wo 
die  Resorption  am  leichtesten  gelingen  würde.  Daraus  ist  es  zu  er- 
klären, warum  bei  Thieren  wiederholt  zersetzte  Stoffe  eingebracht 
weiden  müssen,  bis  die  Iufection  gelingt,  während  beim  menschlichen 
Weibe  wohl  auch  oft  wiederholt  zersetzte  Stoffe  eingebracht  werden, 
dass  aber  beim  menschlichen  Weibe  bei  gehöriger  Disposition  vielleicht 
schon  ein  einmaliges  Ein  In  insren  zersetzter  Stoffe  hinreichen  mag,  eine 
l  ofection  hervorzubringen. 


Die  Aetiolog-ie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  dm  KiudUetUiebera.        305 


Scanzoni  sagt:  „Geschehen  die  Untersuchungen  der  Kreissenden 
in  der  Rege]  nur  vor  der  Entbindung,  folglich  zu  einer  Zeit,  wo  die 
beschuld  igten  Verletzungen  der  ßenitalien  noch  nicht  Platz  gegriffen 
hatten  und  Dr.  Semmelweis  hat  es  gänzlich  unterlassen,  die  zu  den 
Experimenten  gebrauchten  deletären  Stoffe  schon  vor  dem  Wurfe  in 
die  Genitaben  der  von  ihm  benutzten  Kaninchen  einzubringen,  was 
jedenfalls  hätte  geschehen  sollen,  um  eine  Analogie  mit  dem  Vor- 
gange  in   den   Gebäranstalten   zu   erzielen".     Scanzoni   beweist   mit 

m  seinem  Einwurf  nur  wieder,  dass  er  im  Int  lmm  ist  über  die 
Stelle,  wo  der  zersetzte  Stoff  resorbirt  wird,  und  über  die  Zeit,  wann 
der  zersetzte  Stoff  reeorbirt  wird.  Wenn  wir  es  gänzlich  unterlassen 
haben,  die  deletären  Stoffe  den  Kaninchen  schon  vor  dem  Wurfe 
einzubringen,  so  geschah  es,  weil  man  mit  9  Versuchen  nicht  Alles 
erschöpfen  kann,  und  es  handelte  sich  nur  um  die  Thatsui-he.  ob  ein- 
gebrachte deletare  Stoffe  bei  Thieren  denselben  Process  hervorrufen, 
den  man  bei  Wöchnerinnen  beob&cbtet,  und  es  ist  gewiss  mehr  Ana- 
logie zwischen  einem  Kaninchen,  welches  jüngst  geworfen,  dem  man 
deletare  Stoffe  einbringt,  und  zwischen  einer  Kreissenden,  welche  im 
«ieli.ü  hause  inficiri  wird,  als  zwischen  derselben  Kreissenden  und  einem 
Anatomen,  der  sich  bei  der  Section,  oder  einem  Chirurgen,  der  sich 
bei  einer  Operation  verletzt;  und  doch  trotz  dieser  geringeren  Analogie 
hege  ich  die  unerschütterliche  Ueberzeugung,  dass  der  Anatom,  der 
Chirurg  und  die  Kreissende  in  Folge  derselben  Ursache  an  derselben 
Krankheit  erkranken  und  sterben. 

nzoni  sagt:  „Eben  so  können  wir  uns  mit  Professur  Skoda 
durchaus  nicht  einverstanden  erklaren,  wenn  er  das  Puerperalfieber  als 
identisch  mit  Pyaemie  betrachtet.  Diese  seine  Ansicht  soll  in  nächster 
Zeit  von  anderer  Seite  ihre  Widerlegung  finden,  weshalb  wir  es  nicht 
für  nütliig  halten,  hier  weiter  in  diesen  Gegenstand  einzugehen,  um 
80  mein-,  als  Professor  Skoda  unterlassen  hat,  numerisch  nachzuweisen, 
data  sich  das  Puerperalfieber  in  der  Mehrzahl  der  Falle  wirklich  als 
Pyaemie  charakterisirt.  So  lauge  dies  aber  nicht  geschehen  ist,  so 
lange  ist  auch  in  Beziehung  auf  die  Ermittlung  der  Ursache  der 
häufigen  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  die  Erfahrung  ohne  Werth, 
daaa  die  Injection  deletärer  Stoffe  in  die  Vagina  Pyaemie  hervor- 
zurufen vermöge,  eine  Erfahrung,  welche  nebenbei  gesagt,  zu  ihrer 
Itaürung  nicht  erst  der  vom  Professor  Skoda  so  hoch  angeschlagenen 
Versuche  des  Dr.  Semmelweis  bedurft,  hätte.-4 

Jeder  Fall  von  Kindbettfieber,  keinen  einzigen  Fall  ausgenommen, 
ist  eine  Pyaemie  in  dem  Sinne,  dass  in  jedem  Kindbettfieberfall  ein 
letzter  Stoff  resorbirt  wird,  der  resorbirte  zersetzte  Stoff  entmischt 
das  Blut,  und  in  seltenen  Fällen  wird  die  Pyaemie  schon  in  diesem 
Stadium  tödtlich,  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  aber  bilden  sich  aus  dem 
entmischten  Blute  Exsudationen.  Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir 
dadurch  die  wahre  Ursache  des  Puerperalfiebers  entdeckt,  dass  wir 
gefunden  haben,  dass  der  Leichenbefund  bei  Kolletschka  identisch  war 
mit  dem  Leichenbefunde  der  Wöchnerinnen.  Die  Ursache  der  Krank- 
bei  Kolletschka  war  ein  zersetzter  Stoff,  deuselben  zersetzten 
«Stoff*  fanden  wir  au  den  Händen  der  Untersuchenden ;  Kolletsclika 
wurde  er  mit  dem  Messer,  den  Individuen  im  Gebärhause  wird  er  in 
der  Mehrzahl  der  Fälle  mit  dem  untersuchenden  Finger  eingebracht, 
dunh  Zerstörung  des  zersetzten  Stoffes  wurde  die  Krankheit  seltener. 
Uns  war  das  Puerperalfieber  in  Folge  dieser  Erfahrungen  keine  Krank- 

Semmelweiü'  gesammelte  Werke.  20 


306 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


heit,  welche  nur  Wöchnerinnen  zukomme,  uns  war  das  Puerperalfieber 
dieselbe  Krankheit,  welche  überall  dort  vorkommt,  wo  ein  zersetzter 
.Stoff  resörbirt  wird. 

Und  wenn  auch  das  Puerperalfieber  noch  nicht  allgemein  als 
Pyaemie  in  dem  Sinne,  wie  wir  gezeigt,  anerkannt  wird,  so  bricht 
sich  doch  bei  Pyaemien,  die  ausserhalb  des  I'uerperismus  vorkommen, 
die  Ansicht  Bahn,  dass  unter  Pyaemie  ein  resorbirt-zersetzter  Stoff 
zu  verstehen  sei.  welcher  resorbirte  zersetzte  Stoff  das  Blut  entmischt, 
und  das  entmischte  Blut  macht  wieder  die  Exsudat ionen.  Die  Zelt, 
von  welcher  Scanzoni  erwartete,  dass  sie  Skoda's  Aufriebt  widerlegen 
werde,  hat  daher  seineu  Erwartungen  nicht  entsprochen. 

Freilich  in  dem  Sinne,  in  welchem  Scanzoni  die  Pyaemie  der 
W  linerinnen  in  seinem  Lehrbuche  der  Geburtshilfe  meint,  in  diesem 
sinne  sind  nur  die  Minderzahl  der  Puerperalfieberfälle  Pyaemien,  wir 
haben  aber  schon  gezeigt,  dass  Scanzoni  deshalb  eine  so  fehlerhafte, 
durch  und  durch  werthlnse  Eintheilung  der  Entzündungen  im  Wochen- 
bette gegeben,  weil  ihm  das  Wesen  des  Kindbettfiebers  eine  terra 
incognita  ist. 

Wh  können  Scanzoni  numerisch  nachweisen,  dass  nicht  nur  in 
der  Mehrzahl  der  Fälle,  sondern  in  allen  Fällen  das  Puerperalfieber 
eine  Pyaemie  sei  in  unserem  Sinne. 

An  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  starben  im  Jahre  1841  192.  im 
Jahre  1845  starben  196,  im  Jahre  1844  starben  215,  im  Jahre  1843 
starben  229,  im  Jahre  1846  starben  414,  im  Jahre  1842  starben  463 
Wöchnerinnen  mehr  als  im  Jahre  1848  und  diese.  1709  mehr  todte 
Wöchnerinnen  waren  lauter  Fälle  von  Pyaemien,  in  dem  Sinne.  d&BS 
bei  denselben  die  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes  geschah  mit  den 
daraus  resultirenden  Folgen,  und  selbst  die  45  Todesfälle  vom  Jahre 
L848  waren  Fälle  von  Pyaemien,  indem  wir  schon  gezeigt,  dass  es 
uns  nicht  gelungen  ist,  alle  Fülle  von  Infection  von  aussen  zu  ver- 
hüten, und  in  den  Fällen,  wo  kein  zersetzter  Stoff  von  aussen  einge- 
bracht wurde,  entstand  er  im  ergriffenen  Individuum  selbst,  wurde 
resörbirt,  und  brachte  eine  Pyaemie  in  unserem  Sinne  hervor. 

Naehdem  wir  nun  numerisch  nachgewiesen,  dass  nicht  nur  die 
Mehrzahl .  sondern  alle  Fälle  von  Kindbettfieber,  Fälle  von  Pyaemie 
in  unserem  Sinne  seien,  so  wiederholen  wir  mit  Recht  unsere  Behaup- 
tung, dass  in  Beziehung  auf  die  Ermittlung  der  Ursache  der  häufigen 
Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  die  Erfahrung  von  hohem  Werth 
ist,  dass  die  Infection  deletärer  Stoffe  in  die  Vagina  Pyaemie  her- 
vorzurufen vermöge. 

Scanzoni  sagt:  „Gibt  es  übrigens  einen  Punkt,  rücksichtlich  dessen 
wir  ganz  Professor  Skoda'a  Ansicht  theilen.  so  ist  es  der,  dass  noch 
weiter  und  vielfältig  abgeänderte  Versuche  an  Thieren  vorgenommen 
werden  müssen.  Dass  dies  unsere  vollste  Ueberzeugung  ist,  dafür 
möge  der  Umstand  sprechen,  dass  wir  im  März  des  verflossenen  Jahre*. 
also  zur  Zeit,  in  welcher  Dr.  Semmelweis  seine  Experimente  begann, 
die  dringende  Bitte  an  ein  hohes  böhmisches  Landesguberninm  stellten, 
es  möge  dafür  Sorge  tragen,  dass  durch  vielfache  und  mit  der  nöthigen 
["insiclii  angestellte  Versuche  an  Thieren  das  über  die  Entstehungs- 
weise  der  im  Geb;n  Imusr  zeitweilig  auftretendem  Puerperalfieber-Ende- 
mien Bchwebende  Dunkel  einigermassen  aufgehellt  werde,  und  damit 
sich  jeder  überzeuge,  wie  sehr  uns  dieser  Gegenstand  am  Herzen  liegt, 
lassen  wir  unser  diesfälliges  Gesuch  hiemit  wörtlich  folgen." 


Die  Aetiologäe,  der  Begriff  und  die  Propbjlaxii  <ies  Kiiulbettfiebers.        307 


Der  Leser  erinnert  sich,  dass  Scanzoni  die  Gründe,  welche  Skoda 
gegen  die  Lehre  Tom  epidemischen  Kindbett fieber  angeführt,  und  die 
Gründe,  welche  Skoda  für  meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des 
Kindbett  fiebers  aufgezählt,  unangefochten  gelassen  hat.  nur  den  Ver- 
suchen an  Thieren  hat  er  die  Beweiskraft  abgesprochen;  jetzt  auf 
einmal  zu  unserem  Erstaunen  sagt  er,  dass  er  nur  in  einem  Punkte 
mit  Skoda  übereinstimmt,  nämlich  darin,  dass  die  so  werthlosen  Ver- 
suche an  Thieren  fortgesetzt  werden  müssen,  und  dass  er  selbst  viel- 
fache mit  der  nöthigen  Umsicht  angestellte  Versuche  an  Thieren 
machen  wird,  Ein  solches  Gebahren  ist  nur  denjenigen  eigen,  deren 
Rechthaberei  höher  als  die  Wahrheit  steht, 

lud  wenn  Scanzoui  noch  von  dem  Dunkel  spricht,  welches  die 
zeitweilig  auftretenden  Puerperalfieber-Endemien  in  Gebärhäusern 
umgibt,  so  liefert  er  dadurch  den  Beweis,  dass  es  ihm  an  jedem  Ver- 
v|;m<lnisse  für  die  von  Skoda  angeführten  Gründe  fehlt,  von  denen  er 
zwar  nachträglich  sagt,  dass  er  mit  selben  nicht  übereinstimme,  ohne 
uns  jedoch  die  Gründe  anzugeben,  warum  er  nicht  übereinstimme. 

nachdem  Scanzoni  es  verschmäht,  von  uns  zu  lernen,  wollen  wir 
nun  die  Art  und  Weise,  wie  er  das  Dunkel  der  Puerperalendemien 
MUtzukliiren  strebt,  einer  Beurtheilung  unterziehen.  Dazu  wird  es 
nöthig  sein,  ein  Gesuch  ScanzonFs  an  das  böhmische  Landesgubernium 
mitzutheilen. 

..Hohes  k.  k.  Landesgubernium!  Bei  dem  häufigen  und  bösartigen 
Auftreten  des  Kindbettfiebers  in  der  Prager  k.  k.  Gebäranstalt  er- 
scheint die  Beantwortung  der  Frage,  wie  dem  heftigeren  Ausbruch 
dieser  Krankheit  vorgebeugt  werden  könnte,  als  ein  Desiderat  jedes 
menschenfrettudlichen  Arztes  und  die  Humanität  hat  ein  gegründetes 
Recht,  von  einer  hohen  Landesregierung  zu  fordern,  dass  alle,  zur 
Lösung  dieser  für  das  Wohl  der  Menschheit  so  hochwichtigen  Frage 
geeignet  scheinenden  Wege  eingeschlagen,  und  kein  Mittel  unbenutzt 
assen  werde,  das  Wesen  dieser  furchtbaren  und  dabei  noch  immer 
r  ithselhaften  Krankheit  zu  erforschen. 

„Der  ehrfurchtsvoll  Gefertigte  hat  aber  während  seiner  mehr  als 
"»jährigen  Dienstleistung  in  den  Krankenanstalten  Prags  die  Ueber- 
zeugung  gewonnen,  dass  alle  in  dieser  Periode  und  auch  schon  früher 

ordneten  Maaaregein,  das  Wesen  der  besagten  Krankheit  näher 
zu  ergründen,  den  angestrebten  Zweck  gänzlich  verfehlten,  weshalb 
er.  mit  dem  objectiven  Auftreten  dieser  Krankheit  innig  vertraut,  als 
Mitglied  der  am  28.  1.  M.  im  k.  k.  Gebärhause  abgehaltenen  Unter- 
suchungscommission es  wagt,  einem  hohen  k.  k.  Landesgubernium 
die  ihm  zur  Feststellung  der  Natur  der  Krankheit  am  geeignetsten 
scheinenden  Massregeln  zur  hohen  Genehmigung  ergebenst  zu  unter- 
breiten. 

Jiie  praktische  Durchführung  derselben  erscheint  um  so  dring- 
licher, als  den  Prager  k.  k.  Kranken anstalten,  und  somit  mittelbar 
auch  einem  hohen  k.  k.  Landesgubernium  bereits  hierorts  wie  auch 
anderwärts  der  Vorwurf  gemacht  wurde,  dass  sich  dieselben  bei  den 
so  zahlreich  erfolgenden  Erkrankungen  und  Sterbefällen  im  Gebärhause 
gänzlich  indolent  verhalten,  und  keine  durchgreifenderen  Versuche 
anstellen,  ein  helleres  Licht  über  die  Wesenheit  und  Entstehungsweise 
dieser  so  bösartigen  Krankheit  zu  verbreiten. 

„Da  es  sich  aber  zunächst  darum  handelt,  mit  Bestimmtheit  zu 
ergründen,   ob  dem  so  häufig  in-  und  extensiv  heftigen  Auftreten  des 

20* 


308 


uehveis'  Abkatiri langen  und  Werk   üljer  H&t   Kiudbettfieber. 


Puerperalfiebers  in  der  Gebäransialt  ein  blos  epidemischer,  in  kos- 
mischen  und  tellurischen  Verhältnissen  begründeter  oder  ein  mias- 
matischer Einfluss  zu  Grunde  liegt,  welcher  durch  die  Zusammen- 
hüufung  mehrerer  Schwängern,  Krausenden  und  Wöchnerinnen  bedingt 
ist,  oder  ob  sich  endlich  die  Krankheit  durch  ein  eigenes  • '"iitagium, 
durch  eine  Infection  weiter  fortpflanze,  so  scheint  dem  ehrfurchtsvoll 
Gefertigtes  zur  L08UDg  «lieser  Frage  folgender  Weg  als  der  passendste 

..1  Möge  vor  Allem  eine  Commission  von  Aerzten  niedergeeetzl 
werden,  welche  wenigstens  durch  ein  ganzes  Jahr  nach  einem  zuvor 
entworfenen  Plane  die  Entstehungsanlässe  des  Puerpe i  alriebers  in- 
uml  ausserhalb  der  Gebäranstalt  strenge  prüft  Wünschenswert  h  wäre 
es  hiebe! ,  wenn  die  Mitglieder  dieser  Commission  durch  freie  Wahl 
aus  der  Mitte  Einer  löbl.  mediciuischen  Facultät  zu  Prag  hervoi 
wodurch  das  Resultat  ihrer  Untersuchungen  als  der  Ausspruch  der 
von  einer  gelehrten  Körperschaft  gewählten  Vertrauensmänner  be~ 
iiadiii'i  werden  könnte,  und  so  an  Glaubwürdigkeit  und  überzeugen- 
der Kraft  gegenüber  dem  ärztlichen  und  nichtärztlichen  Publicum  ge- 
winnen niiisste. 

.1'  Wäre  das  Erkrankungs-  und  Mortalitätsverhältniss  der  wahrend 
derselben  Zeit  in  der  Stadt,  ausserhalb  des  Gebärhauses  entbundenen 
Frauen  zu  erforschen,  weshalb  sämmtliche  angestellte  und  Privatärzte 
Prag's  anzuweisen  wären,  gleichwie  bei  andern  epidemisch  auftreten- 
den Krankheiten  dem  Bezirksvorstande  die  entsprechende  Meldung 
zu  thun.  und  diesem  Kapporte  eine  kurze  Kranken-  und  Geburt 
schichte  mit  besonderer  Rücksicht  auf  die  Causalmomente  der  Er- 
krankung beizufügen, 

„3.  Zur  Beantwortung  der  Frage,  ob  der  Fortpflanzung  und 
Weiterverbreitung  der  Krankheit  eine  Infection  zu  Grunde  liegt,  wären 
Versuche  an  weiblichen  neu  entbundenen  Thieren  (Kaninchen,  Hunden, 
Katzen,  Kühen)  anzustellen,  von  welchen  man  einzelne  theils  in  des 
mit  Puerperalkranken  belegten  Sälen,  ja  sogar  in  deren  Betten  unter- 
bringen, theils  durch  lnjectionen  verschiedener,  von  Puerperen  ge- 
lieferten Secrete  (Lochien.  Blut,  Kiter)  in  die  Genitalien,  oder  durch 
Einimpfung  derselben  der  Wirkung  des  deletären  Stoffes  aussetzen 
könnte.  Nach  der  Ansicht  des  ehrfurchtsvoll  Gefertigten  haben  nur 
Beleihe  vorurtheilsfrei  und  öffentlich  vorgenommene  Experimente  be- 
weisende Kraft,  und  sonderbar  erscheint  es,  dass  dieser  so  nahe  liegende 
Gegenstand  bis  jetzt  noch  von  keiner  Seite  angeregt  wurde. 

„Da  die  Durchführung  dieser  Vorschläge  keinen  besonderen 
Schwierigkeiten  unterliegt,  und  sich  gewiss  jeder  Arzt  mit  Vergnügen 
zur  Losung  dieser  so  wichtigen  und  interessanten  Streitfrage  bereit 
zeigen  durfte,  so  sieht  siel  Gefertigter,  wenn  vom  theoretischen 
Standpunkte  kein  Einwurf  gegen  die  empfohlenen  Massregeln  erhoben 
wnden  kann,  genöthiget,  auf  die  praktische  Durchführung  derselben 
um  so  mehr  zu  dringen,  als  wenn  die  besagte  Krankheit  wirklich 
contagiös  wäre,  sänuntliche  Gebärhäuser  als  wahre,  vom  Staate  unter- 
haltene Mörderhöhlen  betrachtet  werden  müssen.  Stellt  sich  aber 
das  i'in  i peralrieber  als  nicht  contagiös  dar,  wie  es  dem  ehrfurchtsvoll 
Gefertigten  mehr  als  wahrscheinlich  ist.  wird  vielmehr  der  Einfluss 
kosmischer  und  tel Iuris«  her  Verhältnisse  als  < 'ausalmoment  sicher 
gestellt,  so  entledigt  sich  eine  hohe  k.  k.  Landesregierung  aller  jener 
Vorwürfe,  welche  mittelbar  auch  ihr  wegen  der  Aufrechthalttuig  der 
Gebaranstalti  o  manchen  Seiten  gemacht  werden;  fest  überzeugt 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  ik«  Bindbetotfiebexs.        B09 


ist  aber  Gefertigter,  möge  das  Untersuchungsresiiltat  wie  immer  aus- 
fallen, dfl£8  sieh  ein  hohes  k.  k.  Landesyiibernimn  und  die  von  ilini 
niedergesetzte  ärztliche  Ooinniission  durch  Lösung  einer  so  hochwich- 
tigen Frage  ein  unsterbliches  Verdienst  um  die  Menschheit  und  um 
Wissenschaft  erwerben  werde. 


. 


Prag,  am  29,  März  1849. 


l»r.  Scaazoni  m.  p.* 


Aus  diesi'in  <  '«suche  ersehen  wir,  dass  ich  die  Wahrheit  In 

als  ich  sagte,    das  Präger  Uebärhaus   müsse    traurige  Zeiten  gesehen 

haben,    als   die  15  Monate  waren,   von    welchen    uns   Scanzoni   die 

parte  luittheilte.  denn  eine  Sterblichkeit,  welche  nicht  ein  Percent 

>r   ist,    ;ils   diejenige  war,   welche   wir  zur  selben  Zeit  in    Wien 

durch  Chiorwaschungen  erzielten,  ist  keine  solche,  von  welcher  man 

.so  Spricht,   wie  es  ScanZOnJ   ilmt. 

Aus  diesem  (besuche  ersehen  wir.  dass  Scanzoni s  Programm  un- 
vollständig ist.  Scanzoni  will  nämlich  ermitteln,  ob  das  Puerperal- 
fieber epidemisch  ist,  &b  miasmatisch,  ob  oentagiei  oder  ob  es  durch 
Inte.'tioii  entstehe.  Scanzoni  hat  uns  ja  durch  mehr  scharfsinnige  als 
gewissenhafte  Kxperimcnte  bewiesen,  dass  im  Monate  März  und  April 
31  Wöchnerinnen  zufällig  am  Puerperalfieber  gestorben  seien, 
und  dass  in  den  Monaten  Juni,  Juli  und  August  1848  lü  Wöchnerinnen 
ohne  nachweisbare  Ursache  am  Puerperalfieber  starben;  und  ich  glaube, 
Oaas  ätiologische  Momente  des  Iviudbettfiebers,  an  welchen  innerhalb 
9  Monaten  31  und  Innerhalb  3  Monaten  19  Wöchnerinnen  starben, 
sei,  ii  wichtig  genug,  um  in  ein  Programm  aufgenommen  zu  werden, 
welches  sich  die  Aufgabe  stellt,  die  veranlassende  Ursache  des  Kind- 
bettriebers  /.u  erforschen;  es  hätte  daher  im  Programme  noch  Baissen 
müssen:  Endlich  ist  zu  erforschen,  wann  das  Puerperalfieber   zufällig 

i.  um)  unter  welchen  Verhältnissen  die  Ursache  des  tödtenden 
Kindbettfiebera  gar  nicht  nachweisbar  ist. 

Dieses  Gesuch  beweiset,  ilass  ich  die  \\  ahrheit  gesagt,  als  ich 
behauptete,  Scanzoni  sei  <-s  weniges  um  die  Wahrheit  als  um  Recht- 
haberei zu  thun;  denn  anstatt,  unserer  Entdeckung,  dass  das  Kintl- 
bettfieber  in  jedem  Falle  durch  Infection  entstehe,  dass  dalier  jedes 
Kindbettfieber  ein  Resorptionsfieber  sei,  zu  aeeeptiren,  will  er  selbst 
die  Geheimnisse  des  Kindbett  fiebere  erforschen,  und  um  das  zu  erreichen, 
sehlagl  er  dieselben  Wege,  nur  etwas  unzweckmässiger  ein.  welche 
vir  gewandelt,  von  welchen  er  aber  nachträglich  gesagt,  dass  er  nicht 
standen  ist. 

Skoda  hat  vom  Wiener  medicinischen  Professoren -CJollegiuffl 
nicht  verlangt,  dass  es  die  Eatstehungsanlasse  des   l'u  jjieralhebers 

in-    und   ausserhalb  der  I  h  1  i;i  taust  alt    Strenge     prüfe.    8ko4fl    1 1 : 1 1    dem 

Wiener  Professoren-Collegium  nur  die  Aufgabe  gestellt,  Daten  zu 
sammeln,  und  wenn  die  Commission,  welche  durch  freie  Wahl  aus  der 
Mitte  des  Prager  medicinischen  Profeßsoren-Colleginms  hervorgegangen 
wäre,  bei  strenger  Prüfung  der  Entstehungsanlässe  des  Kindbett  liebere 

i    hätte : 

Das  Kindbettfieber  entsteht  dadurch,  dass  in  einzelnen  Fällen 
ein  zersetzter  Stotf  in  den  erkrankten  Individuen  entsteht  in  der 
wiegend  grössten  -Mehrzahl  der  Fälle  entsteht  aber  das  Kindbett- 
fieber dadurch,  dass  den  Individuen  mittelst  des  untersuchenden  Fingers, 
mittelst   der  operirenden   Hand,  mittelst  unreiner  Utensilien,   als  da 


310 


Semmelweis'  Abkaudluiigeu  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


sind  Schwämme,  Leintücher  etc.  etc.  etc.,  zersetzte  Stoffe  eingebracht 
werden,  so  hätte  die  Commission  nur  das  gesagt,  was  ich  früher  schon 
bewiesen,  hätte  selbe  aber  etwas  anderes  gesagt,  so  hätte  es  nicht 
das  Wahre  gesagt;  und  wenn  Scanzoni  glaubt,  der  Ausspruch  einer 
solchen  Kommission  hätte  überzeugende  Kraft  gehabt,  so  muß  ich  bei 
aller  Achtung  für  die  Glieder  des  Piager  medicinischen  Pndessoren- 
Collegiums  gegen  eine  solche  Zumuthung  verwahren;  überzeugende 
Kraft  hat  nur  die  Wahrheit,  und  eine  medicinische  Facultät  hat  nur 
überzeugende  Kraft,  wenn  selbe  die  Wahrheit  lehrt  und  alle  medici- 
nischen Facultaten  der  Welt  zusammengenommen  haben  für  mich 
keine  überzeugende  Kraft,  iusofeme  selbe  Irrthümer  lehren,  was  ich 
ja  mit  dieser  Schrift  beweise,  denn  ich  sage  allen  medicinischen 
Facultaten  der  Welt,  ihr  lehrt  Irrthum.  wenn  ihr  etwas  anderes  lehrt, 
als  dass  das  Puerperalfieber  in  allen  Fällen  ein  Resorptionsfieber  aei 
Was  speeiell  die  Prager  medicinische  Facultät  anbelangt,  so  theilt. 
so  viel  ich  weiss,  nur  ein  Mitglied  desselben  meine  Ueberzeugung, 
und  das  ist  Prof.  Jaksch,  das  frühere  Mitglied  dieser  Facultät  rlam- 
mernjk  hat  gegen  mich  geschrieben,  Prof.  Seyfert,  gegenwärtig  Profei 
der  Geburtshilfe  für  Aerzte,  hat  schon  als  Assistent  gegen  micb 
schrieben,  Prof.  Streng,  gegenwärtig  Professor  der  Geburtshilfe  für 
Hebammen,  hat  sich  in  seinem  Bericht  über  die  Ergebnisse  seiner 
Klinik  als  Epidemiker  der  Welt  vorgefahrt.  Wir  werden  es  nicht 
versäumen,  die  Ansichten  dieser  Gegner  zu  betrachten. 

s< .'anzoni  glaubt  seine  Aufgabe,  nämlich  Erforschung  der  wahren 
Ursache  des  Puerperalfiebers,  auch  dadurch  v.w  lesen,  dass  er  säiuiut- 
lichen  angestellten  und  Privatärzten  Prag's  den  Auftrag  ertheüt,  die 
Ursache  des  von  ihnen  in  ihrer  Privat-Praxis  behandelten  Puerperal- 
fiebers den  Bezirksvorständen  zu  melden:  Scanzoni  setzt  also  voraus, 
dass  die  angestellten  und  die  Privatärzte  Prag's  mehr  wissen  über  die 
Aetiologie  des  Kindbettfiebers  als  er  selbst,  denn  wenn  man  gerade 
nicht  scherzen  will,  fragt  man  in  der  Regel  nur  solche  um  Rath,  bei 
denen  man  ein  besseres  Wissen  voraussetzt.  Ich  inuss  gestehen,  dass 
ich  diese  Ansicht  Scanzonis  nicht  theile,  ich  glaube  vielmehr,  dass 
die  angestellten  und  Privatärzte  Prag's  das  berichtet  hätten,  was 
selbe  in  der  Schule  gelernt.  Sie  hätten  nämlich  berichtet,  so  un- 
viele  sind  in  Folge  des  Genius  epidemicus  erkrankt  und  gestorben. 
die  Frau  N.  N.  ist  am  Puerperalfieber  erkrankt,  weil  sie  zu  frühe  das 
Bett  verlassen,  Frau  N.  N.  ist  erkrankt  weil  sie  eiuen  Diaetfehler 
begangen,  Frau  N.  N.  ist  erkrankt,  weil  sie  zu  viele  Visiten  empfangen 
etc.  etc.  Von  Dingen,  die  beim  Puerperalfieber  keine  Rücksicht  ver- 
dienen, haben  selbe  in  der  Schule  natürlich  nichts  gehört,  weil  in  der 
Schule  die  Zeit  mit  heilsameren  Dingen  zugebracht   wird. 

Die  angestellten  und  Privatärzte  Prag's   hätten  es  daher  in  ihre 
Berichte  nicht  aufgenommen,  dass  die  Hebamme  der  Frau,  welche  zu 
viele  Visiten  empfangen,  zur  selben  gerufen  wurde,  als  sie  eben  nach 
Hause  kam  von  einer  kranken  Wöchnerin,  der  sie  wegen  Endometritis 
septica  Injectionen  gemacht;  bei  der  Frau,  welche  einen  Diaetfehler 
begangen,  hätte  man  als  überflüssig  nicht  erwähnt,  dass  der  gerufene 
("iebnrtshelfer  eine  halbe  Stunde  früher  bei  einer  anderen  Frau  durcb 
Untersuchung    einen  versuchenden    Medullarkrebs    der  Gebärmn 
diagnostkirte ;  bei  der  Frau,  welche  zn  früh  das  Bett  ve 
man  als  überflüssig  nicht  erwähnt,  dass  ihr  Geburt1 
einem  seiner  übrigen  Kranken  eiuen  gangraenosa 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Piopfyüudi  des  Kiudbettfiebers.        311 


Ich  glaube  daher  mit  Recht  bezweifelt  zu  haben,  dass  es  Scanzoni 
Dicht  gelingen  wird,  aus  dem  Berichte  der  angestellten  und  der 
Privatärzte  Prags  die  wahre  Ursache  des  Kindbettfiebers  zu  ent- 
nehmen, ist  es  ja  Scanzoni  nicht  einmal  gelungen,  aus  dem  Vortrage 
Skoda's,  der  doch  die  nicht  zum  Puerperalfieber  gehörigen  Dinge  er- 
wähnt, die  wahre  Ursache  des  Puerperalfiebers  herauszulesen. 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  Scanzoni  unseren  Versuchen  an 
Thieren  auch  den  Vorwurf  machte,  dass  wir  es  gänzlich  unterlassen, 
die  deletären  Stoffe  den  Kaninchen  schon  vor  dem  Wurfe  in  die 
Genitalien  zu  bringen,  und  er  stellt  uns  nun  Versuche  an  weiblichen 
neu  entbundenen  Thieren  in  Aussicht,  welche  übrigens  nie  gemacht 
wurden,  was  ich  aufrichtig  bedauere,  denn  ich  hätte  gewiss  erfahrent 
wie  Scanzoni  eine  so  geringe  Menge  von  deletären  Stoffen,  in  welcher 
dieselben  an  der  Hand  vorkommen,  an  welcher  selbe,  wie  bekannt, 
nicht  gesehen,  sondern  nur  durch  den  Geruchssinn  erkannt  werden, 
wie  Scanzoni  eine  so  geringe  Menge  den  Thieren  eingespritzt  hätte, 
mehr  hätte  er  gewiss  nicht  genommen,  denn  dass  wir  mehr  einge- 
spritzt, maoh.1  er  uns  ja  zum  Vorwurfe.  Den  wiederholten  Ein- 
spritzungen einer  nicht  sichtbaren  Menge  von  deletären  Stoffen  wider- 
setzen wir  uns  nicht,  weil  wir  nachgewiesen,  dass  den  Individuen 
auch  wiederholt  nicht  sichtbare  Mengen  deletärer  Stoffe  eingebracht 
werden. 

Aber  wenn  auch  in  Folge  dieser  Einspritzungen  bei  Thieren 
Pvaemie  entsteht,  so  hat  doch  diese  Erfahrung  in  Beziehung  auf  die 
Ermittlung  der  Ursache  der  häufigen  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen 
keinen  Werth,  weil  Skoda  nicht  nachgewiesen,  dass  sich  das  Puer- 
peralfieber in  der  Mehrzahl  der  Fälle  wirklich   als  Pyaemie  charak- 

lert.  Und  wenn  Scanzoni  diese  deletären  Stoffe  nur  von  Puerperen 
nehmen  will  (Lochien,  Blut,  Eiter),  so  werden  die  Contagionisten 
sagen,  Seanzonfs  Versuche  sind  überflüssig,  denn  dass  das  Puerperal- 
fieber contagiüs  sei,  wissen  wir  schon  hinge. 

Scanzoni  will  von  den  Thieren  (Kanincheu,  Hunden,  Katzen, 
Kühen)  einzelne  in  den  mit  Puerperalkranken  belegten  Sälen,  ja  sogar 
in  deren  Betten  unterbringen ;  da  man  in  Sälen  und  Betten  Puerperal- 
kranker  nur  dadurch  das  Puerperalfieber  bekommen  kann,  dass  ent- 
weder die  atmosphärische  mit  zersetzten  Stoffen  geschwängerte  Luft 
in  dh  Gabärmutterh&hle  eindringt,  oder  dass  die  durch  die  Geburt 
verletzten  äusseren  Genitalien  mit  zersetzten  Stoffen  des  puerperalen 
Bettes  in  Berührung  kommen:  so  würden  die  zu  diesen  Versuchen 
verwendeten  Thiere,  da  die  äussern  Genitalien  durch  den  Wurf  nicht 
verletzt  werden,  und  da  die  atmosphärische  Luft  nicht  bis  ins  Uterus- 
hoi  n  dringen  kannT  wenn  ihnen  nichts  anderes  zustossen  würde,  wahr- 
scheinlich den  Experimentator  überleben. 

Und  wenn  Scanzoni  sagt,  dass  die  Erfahrung,  dass  die  Injection 
deletärer  Stoffe  Pyaeinie  erzeuge,  zu  ihrer  ( 'onstatirung  nicht  erst  der 
v.mi  Prof.  Skoda  so  hoch  angeschlagenen  Versuche  des  Dr.  Semmel  weis 
benöthigte.  uud  wenn  er  von  seinen  Versuchen  sagt,  dass  nur  solche 
vorurtheilsfrei  und  öffentlich  vorgenommene  Experimente  beweisende 
Kratt  besässen,  und  dass  es  sonderbar  scheine,  dass  dieser  so  nahe 

ade  Gegenstand  bis  jetzt  noch  von  keiner  Seite  angeregt  wurde, 
schlagender,   als   es  selbst    seinem  bittersten  Feinde 
<s  er  Rechthaber«  der  Wahrheit  vorzieht. 

enn  es  sich  bei  Durchführung  der  von  ihm  vor- 


312 


ueUveis"  Ahlmuilliinwen  und  Werk  über  das  Kindbetttipher. 


presch lagenen  Hassregeln  herausstellen  sollte,  dass  das  Puerperalfieber 
cOBtagiöe  Bei,  so  sind  sämmtliche  vom  Staate  unterhalt ene  'iebär- 
hftnser  wahre  M örd erhöh len ;  Scanzoni  hat  hiermit  ein  zwar  wahr« .■>. 
aber  entsetzliches  Wort  ausgesprochen. 

Scanzoni  sagt  zwar  schon  vor  Durchführung  der  von  ilini  \  i- 
geschlagenen  Massiegeln,  dass  es  ihm  mehr  als  wahrscheinlich  scheine, 
dass  das  Puerperalfieber  nicht  eontagiG«  sei,  dass  es  vielmehr  durch 
cosmisch-tellurische  Einflüsse  bedingt  sei.  dass  mithin  die  Verheerungen 
des  Puerperalfiebers  ein  unverhfitbares  Unglück  seien,  für  welches 
Niemand  verantwortlich  gemacht  werden  könne,  aber  Scanzoni  hat 
hiebei  ganz  vergessen,  dass  er  in  seinem  Programme  auch  die  Fragen 
gestellt:  Ist  das  Kindbettheber  miasmatischen  Ursprungs?  oder 
steht  das  Kindbettheber  auch  durch  Infection? 

Das  Kindbettfieber  ist  nicht  miasmatischen  Ursprungs,  aber  das 
Kindbettfieber  entsteht  durch  Infection,  folglich  ist  das  Kindbettfieber 
eine  verliütbare  Krankheit,  und  fhr  die  Verheerungen  des  Kindbett- 
fiebers ist  derjenige  verantwortlich,  der  diese  \  erheernngen  nicht 
verhütet  Dass  das  Kindbettfieber  eine  verliütbare  Krankheit  ftfti, 
habe  ich  durch  Verminderung  des  Kindbettfiebers  an  der  L  Gebär- 
klinik zu  Wien  schon  im  Jahre  1847  bewiesen;  um  diese  Ueberzeug 
zur  allgemeinen  zumachen,  veröffentliche  ich  ja  gegenwärtige  Seh 
und  wenn  Scanzoni  noch  im  .lahre  1849  meiner  Lehn;,  dass  das  Kind- 
in  ttfieber  eine  verhütbare  Krankheit  sei,  opponirt,  so  stellt  er  sich 
in  die  Reihe  jener  Strafbaren,  welche  verhindern,  dass  die  Gebär- 
häuser endlich  aufhören  mögen  wahre  Mürderliöhlen  zu  sein. 

Eine  geringe  Entschuldigung,  dass  Scanzoni  unbewusst  über  sich 
selbst  ein  so  fatales  Urtheil  gesprochen,  liegt  in  seiner  freilich  sei 
verschuldeten  Unwissenheit  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers. 
und  ich,  der  ich  von  dem  Momente,  als  ich  erkannt,  dass  das  Puer- 
peralfieber eine  verhütbare  Krankheit  sei,  alles  gethaur  was  in  meiner 
Fähigkeit  lag,  um  die  Zahl  der  Kindbettlieberfälle  zu  vermindern, 
ich  habe  es  nicht  gewagt,  die  Gebärhäuser  bei  ihrem  grauslichen 
wahren  Namen  zu  nennen,  ich  habe  nur  gesagt,  dass  die  endlose 
Reihe  der  Puerperalepidemien,  wie  solche  in  der  medicinischen  Lite« 
ratnr  angeführt  werden,  lauter  verliütbare  Infectinnsfälle  von  aussen 
waren,  und  Scanzoni,  welcher  das  Seinige  gethan,  um  es  zu  verhindern, 
data  die  Gebärhäuser  aufhören  mögen  wahre  Mürderlinhlen  zu  sein. 
spricht  im  unwissenden  Leichtsinn  ein  so  urässlicLe»  W&ti  aus, 
welches  ihn  selbst  in  so  hohem  Grade  anklagt.  Und  wenn  Scanzoni 
sagt,  dass  sich  ein  hohes  k.  k.  Landesgubernium  und  die  von  ihm 
niedergesetzte  ärztliche  Commission  durch  die  Lösung  einer  so  hoch- 
wichtigen Kraue  ein  unsterbliches  Verdienst  um  die  Menschheit  und 
um  die  Wissenschaft  erwerben  werde,  so  nehmen  wir,  da  die  durch 
ein  k.  k.  Landesgubernium  niedergesetzte  ärztliche  Commission  diese 
hoch  wichtige  Frage  nicht  gelöst  hat,  dieses  Verdienst,  jede  Bescheidenheit. 
warum,  haben  wir  schon  motivirt,  bei  Seite  setzend,  für  uns  in  An- 
spruch, weil  wir  diese  hochwichtige  Frage  gelöst  haben,  wie  gegen- 
wärtige Schrift  beweist,  und  überlassen  es  der  Mit-  und  Nachwelt 
zu  bestimmen,  was  sieh  Scanzoni  durch  seine  Opposition  gegen  meine 
Lahre  erworben. 

Endlich  sagt  Sianz.nii.  dass  unterm  20.  Juli  1849  die  Erlaubnis» 
zur  Vornahme  der  Versuche  an  Thiereu  von  Seite  des  k.  k  Lamles- 
guheriiiums  anlangte,  und  dass  er  gleich  die  Versuche  in    Angriff  ge- 


Die  Aetii>li>irii\  der  BeßTiff  und  die  Propl  i  S  Kindbettliebers.        313 


• 


, 


1.» 


nommen  hätte,  aber  Professor  Jungmann  sprach  die  Ansicht  aus,  der 
sich  auch  die  Krankenhausdirection  anschloss.  dass  die  Versuche  HB 
Tliieren  zur  Zeit  einer  Epidemie  im  Gebfifhaue  vorgenommen  werden 
sollen,  und  dadurch  wurde  diesen  Versuchen  sehen  im  vorhinein  jeder 
Werth  den  hartnäckigen  Epidemikern  gegenüber  genommen,  Carl  Braun 
z.  B,  würde  über  solche  Versuche  mitleidig  lächeln  und  Baffen:  ihr 
habt  gut  den  Tbieren  zersetzte  Stoffe  einzuspritzen,  nicht  diese  zer- 
setzten Stoffe,  sondern  die  epidemischen  Einflüsse,  welche  im  Gebar- 
banss  wüthen,  tödten  auch  die  Thiere.  Wia?  haben  unsere  Versuche 
zu  einer  Zeit  gemacht,  wo  im  Wiener  Gebärhause  keine  Epidemie 
herrschte, 

Scanzoni  erhielt  daher  erst  am  4,  Februar  1850.  wahrscheinlich 
eil  damals  eiue  Epidemie  im  Präger  Gteb&rh&ose  henachte,  den 
Aul  trag  und  die  Bevollmächtigung,  die  Versuche  an  Thiereu  vor- 
nehmen zu  dürfen,  aber  seine  Hoffnung,  dass  er  bald  in  den  Stand 
gesetzt  sein  werde,  die  Resultate  dieser  Versuche  zu  veröffentlichen, 
ging  nicht  in  Erfüllung,  denn  wir  leben  im  Jahre  1859  und  die  .Re- 
sultate dieser  Versuche  sind  noch  nicht  veröffentlicht  worden. 

Das  Resnme  der  Scanzonischen  Opposition  gegen  meine  Lehre  ist 
aber,  dass  er  die  Gründe,  welche  wir  gegen  die  Lehre  des  epide- 
mischen Kindbettfiebers,  und  die  Gründe,  welche  wir  für  unsere  Leine 
augeführt,  unangefochten  gelassen,  er  zahlt  seihe  auf,  um  selbe  dann 
zu  ignoriren.  Meine  Grunde  gegen  die  Lehre  des  epidemischen  Kind- 
bettflebers  und  die  Lehre  des  epidemischen  Kindbettfiebers  können 
aber  unmöglich  beide  gleichzeitig  wahr  sein,  wir  halten  unsere  Gründe 
tVu  wahr  und  halten  die  Lehre  vom  epidemischen  Kindbettfleber  für 
einen  gefährlichen  Irrthum,  und  da  Scanzoni  es  unterlasset!  hat,  das 
Gegentheil  zu  beweisen,  so  bleiben  wir  bei  unserer  l'ebei 'zeugung. 

Scanzoni  hat  eben  so  wenig  bewiesen,  dass  unsere  Gründe  für 
unsere  Lehre  falsch  seien,  folglich  bleiben  wir  auch  bei  der  Lehre. 
welche  wir  auf  diese  Gründe  aufgebaut  haben. 

Nur  das  Argument,  welches  wir  den  Versuchen  an  Thieren  ent- 
nommen, hat  er  angefochten,  Scanzoni  hat  sich  aber  gleich  selbst  da- 
durch widerlegt,  dass  er  selbst  zwar  solche  Versuche  nicht  vorge- 
nommen, aber  wenigstens  vorzunehmen  versprochen  hat  und  zwar  auf 
ine  Weise,  deren  Mangel  wir  nachgewiesen. 

Selbst  das  hochwichtige  Factum  der  Verminderung  des  Kindbett- 
fiebers  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  bezweifelt  er  nicht,  glaubt 
aber  nicht  denselben  Erfolg  an  der  Prager  Klinik  beobachtet  zu 
haben:  wir  haben  aber  nachgewiesen,  dass  das  Kindbettfieber  auch  in 
Prag  seltener  als  früher  geworden,  und  wenn  Scanzoni  nicht  einen 
vollkommenen  Erfolg  erzielte,  so  haben  wir  gezeigt,  dass  Scanzoni 
iel  zu  wenig  Kenntnisse  über  die  wichtigsten  Punkte  unserer  Lehre 
atte.  um  alle  Missgriffe  vermeiden  zu  können,  welche  die  Erreichung 
eines  vollkommenen  Erfolges  vereitelten. 

lud  wenn  Scanzoni  die  Prager  (  oniniissiim  einen  anderen  Weg 
traten  Hess,  um  zur  Wahrheit  zu  gelangen,  als  den.  der  der  Wiener 
mmission  vorgeseichnet  wurde,  m  sind   aasere  Zweifel   ftber  die 

weefemtssigkeit  üesrs  Weges  dadurch  gerechtfertigt,  dass  die  Prager 
ommission  anf  diesem  Wege  noch  im  Jahre  1860  die  Wahrheit  nicht 
fanden  hat,  för  welche  wir  mit  dieser  Schrift,  einstehen. 

Wir  glauben  daher  nur  die  Wahrheit  zu  sagen,   wenn   wir  he- 


314 


Seniinelweis'  Abliandlungea  und  Werk  über  du*  Kindbett fi eher. 


haupteu,  dass  Scanzoni's  Opposition  unsere  Lehre  unerschüttert  ge- 
lassen. 

Wir  wollen  nun  die  Gegenprobe  machen  und  wollen  sehen,  ob 
der  überlieferte  Unsinn,  den  man  bisher  Aetiologie  des  Kindbett  hebt -i  > 
nannte,  und  welchen  Scanzoni  in  beiden  Auflagen  seines  Lehrbuches 
der  Geburtshilfe  ruminirt,  ob  der  unseren  Angriffen  widerstehen  wird, 
oder  aber  einem  Kartenhause  ähnlieh  zusammenstürzen  wird. 

Zuerst  stossen  wir  auf  die  fehlerhafte  Eintheiluug  der  Ent- 
zündungen im  Wochenbette,  welche  Scanzoni  deshalb  von  früheren 
Schriftstellern  abgeschrieben,  weil  auch  ihm  das  Wesen  des  Puerperal- 
fiebers unbekannt  ist.  Wir  haben  durch  den  Erfolg  der  Chlor- 
Waschungen  bewiesen,  dass  auch  die  Entzündungen  im  Wocheuhen. , 
welche  Scanzoni  nicht  als  Puerperalfieber  anerkennen  will,  in  Folge 
der  Resorption  eines  zersetztem  Stoffes  entstehen,  folglich  genuines 
Puerperalfieber  sind,  weil  wir  auch  diese  Fälle  durch  ChlorwaschUDgen 
verhütet.  Mit  demselben  Factum  können  wir  die  ganze  Aetioi 
der  Entzündungen  im  Wochenbette,  welche  nicht  Puerperalfieber  Bind, 
über  den  Haufen  werfen,  denn  würden  diese  Entzündungen  in  jenen 
aetiiili'gisrhen  Momenten  begründet  sein,  welche  Scanzoni  für  die- 
selben in  Anspruch  nimmt,  so  könnten  diese  Entzündungen  durch 
<  hlorwaschungen  nicht  verhütet  werden,  denn  durch  Chlorwaschungen 
kann  zwar  dasjenige  Kindbettfiebei  verhütet  werden,  welches  in  Folge 
der  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes  entsteht,  aber  die  Wirksam- 
keit derjenigen  aetiologischen  Momente,  denen  Scanzoni  diese  Ent- 
zündungen zuschreibt,  kann  durch  Chlorwaschungen  nicht  eingeschränkt 
werden.  Unter  anderen  aetiologischen  Momenten  dieser  Entzündungen 
glaubt  Scanzoni  vorzüglich  das  Trauma  der  Geburt  beschuldigen  zu 
müssen,  so  zwar,  dass  er  diese  Entzündungen  auch  traumatische  nennt. 
Wie  kann  das  Trauma  der  Geburt  durch  Chlorwaschungen  der  Hände 
unschädlich  gemacht  weiden? 

Um  aber  zu  keinem  Missverständnisse  Veranlassung  zu  geben, 
ist  es  nöthig,  Einiges  zu  recapituliren.  was  wir  von  den  aetiologischen 
Momenten  für  das  Kindbett  ftebei  sagten,  welches  durch  Selbstinfect  in 
entsteht. 

Wir  haben  gesagt:  wird  den  Individuen  ein  Trauma  beigebracht. 
entweder  durch  die  verzögerte  Austreibungsperiode,  oder  durch  eine 
Operation,  so  können  Theile  der  Genitalien  in  Folge  der  Quetschung 
neerosiren,  hiemit  ist  ein  deletärer  Stoff  gegeben,  welcher,  wenn  er 
resorbirt  wird,  das  Puerperalfieber  durch  Selbstinfect  ion  hervorbringl 
wir  haben  gesagt,  es  können  Üecidua-Placentareste,  Blutcoagula  in 
der  Gebärmutterhöhle  zurückbleiben,  welche  durch  ihren  Uebergang 
in  Fäulniss  den  deletären  Stoff  liefern,  welcher,  wenn  resorbirt,  das 
Kindbett tieber  durch  Selbstinfection  hervorbringt;  das  erste  ist  die 
Resorption  des  zersetzten  Stoffes,  das  zweite  ist  die  Blutentmiseliung 
und  das  dritte  sind  die  Exsudationen;  das  aber  geschieht,  wie  wir 
schon  gezeigt,  wenn  es  oft  geschieht,  nicht  einmal  bei  hundert  Wöch- 
nerinnen; und  diese  Lehre  ist  eine  ganz  andere,  als  die  Lehre 
Scanzoni's.  wh  kiter  glaubt,  dass  das  Trauma,  die  faulen  Decidua- 
Placent.areste.  die  faulen  Hlutcoagula  eine  örtliche  Entzündung  er- 
zeugen, welche  dann  allerdings  in  eigentliches  Puerperalfieber  über- 
leben könne  dadurch,  dass  die  Producte  der  örtlichen  Entzündung 
resorbirt  werden,  bei  Scanzoni  ist  daher  das  erste  die  örtliche  Ent- 
zündung, und  bei  dieser  kann  es  auch  bleiben,  oder  als  zweites  wird 


Die  Aetiotogie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebeirs.        315 


das  Product  örtlicher  Entzündung  resorbirt,  das  resorbirte  Product 
der  örtlichen  Entzündung-  erzeugt  eine  Bluteiitmisehung,  und  mm 
folgen  aus  dem  entmischten  Blute  neue  Exsudationen,  und  solche 
Fälle  habe  er  im  Prager  (4ebärhaus  blos  von  der  Endometritis  hunderte 
beobachtet. 

Da  wir  aber  bewiesen,  dass  man  diese  hundert«  vun  örtlichen 
Entzündungen  verhüten  kann,  so  ist  damit  zugleich  bewiesen,  dass 
diese  hunderte  von  Entzündungen  auch  durch  Resorption  eines  zer- 
setzten Stoffes  entstehen. 

Nun  wollen  wir  zur  Aetiologie  des  eigentlichen  Puerperalfiebers 
Scauzoni's  übergehen.  Scanzoni  sagt:  „Wennsich  Kiwisch  dahin  aus- 
spricht, dass  der  puerperale  Zustand  des  Weilies  als  die  erste  not- 
wendige Bedingung  für  die  Entstehung  des  Puerperalfiebers  zu  be- 
trachten sei,  so  wird  ihm  gewiss  Niemand  beistimmen,  der  Gelegen- 
heit gehabt  hat,  ausgedehntere  Erfahrungen  und  Beobachtungen  über 
diesen  Gegenstand  zu  sammeln." 

Der  Leser  weiss,  dass  wir  im  Jahre  1847  bewiesen,  dass  das 
Kindbettfieber  eine  verhütbare  Krankheit  sei,  dass  daher  derjenige 
Im  die  Verheerungen  des  Kindbetttiebers  verantwortlich  ist,  welcher 
diese  Verheerungen  nach  dem  Jahre  1847  nicht  verhütete. 

Scanzoni  brüstet  sich  noch  im  Jahre  1853  mit  ausgedehnteren 
Erfahrungen  über  das  Kindbettfieber,  als  sie  selbst  Kiwisch  gemacht, 
Er  bat  also  alles  das,  was  bis  zum  Jahre  1853  zu  Gunsten  meiner 
Lehre  über  die  Entstehung  des  Kindbettliebers  erschien,  mit  so  wenig 
Veiständniss  gelesen,  dass  er  nicht  einmal  ahnt,  welch  ein  Urtheil  er 
über  sich  selbst  fällt,  wenn  er  sich  noch  im  Jahre  1853  mit  aus- 
gedehnteren Erfahrungen  brüstet. 

Wir  stimmen  mit  Scanzoni  überein,  wenn  er  gegen  Kiwisch  be- 
hauptet, dass  der  puerperale  Zustand  des  Weibes  nicht  die  erste  noth- 
wendige  Bedingung  für  die  Entstehung  des  Puerperalfieb  wir 

theilen  aber  seine  Ansicht  nicht,  wenn  er  behauptet,  die  eigentliche 
prädisponirende  Ursache  des  Puerperalfiebers  sei  die  eigenthümliche 
Blutmischung  der  Schwangeren. 

Dass  der  puerperale  Zustand  des  Weibes  nicht  die  erste  noth- 
wemlige  Bedingung  für  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  sei,  geht 
nicht  nur  daraus  hervor,  wie  Scanzoni  richtig  bemerkt,  dass  das 
Puerperalfieber  schon  während  der  Geburt,  ja  schon  während  der 
Schwangerschaft  nicht  nur  beginnt,  sondern  sogar  tödten  kann;  —  den 
* irstei  Kaiserschnitt  in  mortua  habe  ich  an  einem  in  der  Schwanger- 
schaft an  Puerperalfieber  verstorbenen  Individuum  gemacht,  —  sondern 
auch  daraus,  dass  wir  die  Krankheit,  welche  wir  Puerperalfieber 
nennen,  nämlich  die  Krankheit,  welche  in  Folge  der  Resorption  eines 
di  lftiii-en  Stoffes  entsteht,  auch  bei  Individuen  entstehen  sehen, 
welche  mit  dem  puerperalen  Zustande  des  Weibes  nicht  die  geringste 
Aehnlichkeit  habe;  der  Anatom,  der  Chirurg,  die  an  <-hininh.schen 
Abtlieilungen  operirten  männlichen  und  weiblichen  Individuen  be- 
finden sich  nicht  im  puerperalen  Zustande,  und  doch  erkranken  selbe, 
wenn  bei  ihnen  ein  deletärer  Stoff  resorbirt  wird,  an  derselben 
Krankheit. 

Dass  aber  Scanzoni  auch  nicht  das  Wahre  sagt,  wenn  er  die 
eigenthümliche  Blutmischung  der  Schwangeren  als  die  eigentliche 
prädiaponirendfi  Ursache  des  Kindbettfiebers  angibt,  können  wir  unter 
vielen  Gründen  mit  zwei    hinreichend   beweisen.   Dämlich,    wenn  dem 


316 


Semmel  weis"  Abhandlungen  und  Werk  über  dus  Kiu'lliettfieber. 


so  wäre,  so  könnte  das  Puerperalfieber  durch  Chlor  Waschungen  der 
Bände  nicht  vermindert  werden,  denn  es  ist  nicht  einzusehen,  wie 
Chlorwaschnngen  der  Hände  die  eigenthümliche  Blutmischung  der 
Schwangeren  ändern  sollten;  nicht  die  eiireiitliiimliche  Blutmischung. 
wie  selbe  den  Schwangeren  im  physiologischen  Zustande  zukommt. 
wird  durch  Chlor  Waschungen  verändert,  sondern  durch  Zerstörung 
der  deletären  Stoffe  mittelst  Chlorwaschungen  wird  die 
mischung    verhütet,  entstanden    wäre,    falls    zersetzte    Stoffe 

resorbirt  worden  wären.  Und  eben  so  wenig-,  als  sich  dir  Anatom, 
ilti  Chirurg,  die  chirurgischen  Operirten  im  Piierperalzttstande  be- 
iluden, eben  so  wenig  haben  selbe  eine  den  Schwangeren  ähnliche 
Blutmischung. 

Die  eigentliche  prädisponirende  Ursache  des  Kindbettfiebers  ist 
alles  das.  was  eine  resorbirende  Fläche  für  den  zu  resorbirenden 
deletären  Stoff"  schafft. 

Sieher  gehört  die  Schwangerschaft,  aber  nichl  wegen  der  eigen- 
thüm  liehen  Blutmischung  der  Schwangeren,  sondern  deshalb,  weil 
durch  die  Schwangerschaft  die  innere  Fläche  der  Gebärmutter  der 
Schleimhaut  verlustig  wird,  und  dadurch  eine  resorbirende  Fläche 
tin  den  zu  resorbirenden  deletären  Stoff  geschaffen  wird;  hieher  ge- 
hört das  schlechte  Unterstützen  des  Mittel tleisches.  wodurch  in  1 
des  Kittelfleischrisses  eine  resorbirende  Fläche  geschaffen  wird,  hieher 
gehört  der  Stich  bei  Anatomen  und  Chirurgen,  hieher  gehört  die 
durch  eine  Operation  gebildete  Wundfläche  etc.  etc.  etc. 

Tanzoni  geht  nun  zur  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  über  und 
sagt,  vor  allem  Andern  komme  das  epidemische  Auftreten  des  Kind- 
bettfiebers in  Betracht,  und  um  zu  beweisen,  dass  das  Puerperalfieber 
auch  epidemischen  Ursprungs  sein  könne,  beruft  er  sich  auf  die 
schichte  des  Puerperalfiebers,  welche  lehre,  dass  das  Puerperalfieber 
zu  gewissen  Zeiten  in  grösserer  oder  geringerer  geographischer  Aus- 
breitung vorkomme.  Wenn  Scanzoni  sich  auf  die  Geschichte  des 
Puerperalfiebers  beruft,  um  zu  beweisen,  dass  das  Puerperalfieber 
epidemischen  Ursprungs  sei,  so  entnehmen  wir  daraus,  dass  Scanzoni 
entweder  nie  eine  Geschichte  des  Puerperalfiebers  gelesen,  oder  wenn 
er  eine  gelesen,  so  hat  er  selbe  mit  demselben  Verständnisse  gelesen, 
mit  welchem  er  alles  das,  was  zu  Gunsten  unserer  Lehre  bis  zum 
Jahre  1853  erschien,  gelesen  oder  nicht  gelesen  hat. 

Die  Geschichte  des  Puerperalfiebers  stellt  im  Gegent  heile  fest, 
dass  das  Puerperalfieber  vorzüglich  an  Sebarhanser  gebunden  suä, 
und  dass  es  nie  in  solcher  Ausdehnung  ausserhalb  der  Gebärhäuser 
vorkomme,  wie  innerhalb  der  Gebärhäuser:  das  Puerperalfieber  kommt 
innerhalb  des  Gebärhauses  wohl  nicht  in  dieser  Ausdehnung  vor, 
urie  innerhalb  der  Gebarbauser,  aber  das  Kindbettfieber  kommt  auch 
ausserhalb  der  Gteb&rhäuser  von  Zeit  zu  Zeit  in  grösserer  Ausdehnung 
vi.  als  es  gewöhnlich  ausserhalb  des  Gebärhauses  vorzukommen 
pflegt,  aber  die  Aerzte  und  Hebammen,  welche  in  geographischer 
Verbreitung  ihre  Thatigkeit  entfalten,  sind  bis  zum  Jahre  1847  in 
Unwissenheit  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  von  den  ge- 
burtshilflichen Lehranstalten  Infi  praktische  Leben  gesendet  wurden, 
und  i>t  >s  da  zu  wundern,  dass  selbe  in  ihrer  Unwissenheit  Ver- 
heerungen unter  den  Wöchnerinnen  in  geographischer  Verbreitung 
anrichteten? 

\\ 'an  die  grossere  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  an  Puerperal- 


M-rie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetifiebers.        317 


lieber  innerhalb  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  durch  epidemische 
Einflüsse  beding,  so  müsste  die  grössere  Sterblichkeit  innerhalb  und 
ausserhalb  der  Gebärhäuser  immer  gleichzeitig  und  immer  iu  gleicher 
Ausdehnung  vorkommen,  weil  die  Wöchnerinnen  innerhalb  der  Ge- 
härhiiuser  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  nur  denselben  und  nicht 
verschiede  neu  cosmiscli-tellurischeu  Einflüssen  unterworfen  sein  können. 
Aber  innerhalb  und  ausserhalb  der  Gebiirhauser  wird  nicht  immer 
gleichzeitig  inlicirt.  und  daher  geschieht  es.  dass  ausserhalb  der  Ge- 
D&rh&user,  wo  gerade  damals  nicht  inticirt  wird,  die  Wöchnerinnen 
sich  eines  guten  Gesundheitszustandes  erfreuen,  während  die  Wöchne- 
rinnen des  Gebftrhauses,  wo  inticirt  wird,  vom  Kindbettfieber  deeimirt 
werden;  winl  aber  im  Gebärhause  nicht  inticirt,  zur  Seit  all  ausser- 
halb der  Gebärhäuser  inlicirt  wird,  so  geschieht,  das  Umgekehrte, 
nämlich  die  Wöchnerinnen  des  Gebärhauses  sind  gesund,  während  die 
Wöchnerinnen  ausserhalb  des  Gebärhauses  dein  Kiiidbettfieber  er- 
liegen. Wird  gleichzeitig  in  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  inri<  irt. 
so  sterben  innerhalb  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  die  Wöchne- 
rinnen gleichzeitig  am  Kindbettfieber  in  grösserer  Anzahl,  da  aber 
innerhalb  der  Gebärhäuser  häufiger  Gelegenheit  geboten  ist,  die  Gegen- 
stände, welche  mit  den  Genitalien  der  Individuen  in  Berührung  kommen, 
zu  verunreinigen,  so  erklärt  das.  warum  in  den  Gebärhäusern  häufiger 
ein  ungünstiger  Gesundheitsznstand  unter  den  Wöchnerinnen  herrsche, 
als  ausserhalb  der  Gebärhäuser,  und  ist  einmal  ein  Gegenstand, 
welcher  innerhalb  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  mit  den  Genitalien 
der  Individuen  in  Berührung  gebracht  wird,  mit  deletärcn  Stoffen 
verunreinigt,  so  kann  dieser  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigte 
Gegenstand  ausserhalb  der  Gebärhäuser  weniger  Individuen  inficiren, 
als  derselbe  Gegenstand  im  Gteb&rhanse  innVirt  haben  würde,  weil 
ausserhalb  der  Gebärhäuser  nie  Gelegenheit  ist,  dem  verunreinigten 
Gegenstand  mit  den  Genitalien  so  vieler  Individuen  in  Berührung  zu 
bringen,  als  dazu  im  Gebarhanse  Gelegenheit  geboten  ist,  und  daraus 
igt  zu  erklären,  warum  ausserhalb  der  Gebärhäuser  das  Puerperal- 
fieber nie  in  dieser  Ausdehnung  vorkommt,  als  es  in  den  Gebärhätisern 
vorzukommen  pflegt.  Wir  haben  es  zwar  schon  gesagt,  aber  wir 
finden  es  nicht  überflüssig,  es  nochmals  zu  wiederholen,  dass,  wenn 
in  zwei  Gebärhäusern,  welche  in  grosser  Entfernung  von  einander 
liegen,  die  Wöchnerinnen  gleichzeitig  an  Puerperalfieber  in  grosser 
Anzahl  sterben,  selbe  deshalb  sterben,  weil  selbe  gleichzeitig  inticirt 
werden,  dass  es  kein  atmosphärisch-eosniisch-tellurischer  Eiufluss  ist, 
welcher  in  solcher  geographischer  Verbreitung  vorhanden  ist;  dass  er 
zwei  in  grosser  Entfernung  liegende  Gebärhäuser  gleichzeitig  trifft, 
geht  daraus  hervor,  dass  die  Wöchnerinnen  der  dazwischenliegenden 
Bevölkerung  sich  eines  guten  Gesundheitsznstandes  erfreuen:  ja  nicht 
die  Wöchnerinnen  der  dazwischenliegenden  Bevölkerung  allein  er- 
freuen sich  eines  guten  Gesundheitszustandes,  sondern  seihst  die 
Wöchnerinnen  der  Stadt,  in  welcher  sich  das  vom  Kindbettfieber 
leimgesuchte  Gebärhaus  befindet,  denn  111:111  kann  bekanntlich  das 
Kindbettfieber  im  Gebärhause  dadurch  unterdrücken,  dass  man  das 
Gebär haoa  schliesst,  und  die  Individuen  zerstreut  in  der  Stadt  ent- 
binden Jässt.  also  der  atmosphärische  Einfluss.  welcher  gleichzeitig 
zwei  entfernt  liegende  Gebärhäuser  erreicht,  reicht  nicht  bis  zu  den 
Umgebungen  des  Gtebätfeanses;  Hess  Massregel  nützt  dadurch,  d 
der  Unterricht  in  Folge  dieser  Massregel  aufhört,  folglich  das  Unter- 


318 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


suchen  der  Schüler  aufhört,  welche  sieh  behufs  ihrer  anderweitigen 
nicdicinischen  Ausbildung  sehr  häutig  ihre  Hände  mit  zersetzten 
Stoffen  verunreinigen. 

Wenn  die  grosse  .Sterblichkeit  in-  und  ausserhalb  der  Gebär- 
häuser durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt  wäre,  so  wäre  das 
Kindbettfteber  eine  unverhütbare  Krankheit,  dass  aber  das  Puerperal- 
fieber verhütbar  sei,  habe  ich  schon  im  Jahre  1847  bewiesen,  und 
um  diese  Ueberzeugung  zur  allgemeinen  zu  machen,  veröffentliche 
ich  ja  gegenwärtige  Schrift. 

Leider,  sagt  Scanzoni,  haben  aber  die  Untersuchungen,  diese 
atmosphärischen,  tellurischen  und  cosmischen  Verhältnisse  näher 
kennen  zu  lernen,  bis  jetzt  zu  keinem  positiven  Resultat  geführt; 
natürlich,  was  nicht  exisiirt.  kann  man  nicht  kennen  lernen,  denn  in 
allen  Jahreszeiten,  in  den  verschiedensten  Klimat.en.  unter  allen  Arten 
von  Witterungsverhältnissen  wurden  Pnerperalepidemien  beobachtet. 
und  wie  denn  nicht,  denn  in  allen  Jahreszeiten,  in  den  verschiedensten 
Kliniaten  und  unter  allen  Arten  Witteruiigsverhältnissen  kann  inficirt 
und  dadurch  eine  sogenannte  Puerperalepidemie  hervorgerufen  werden ; 
und  wenn  Scanzoni  sagt,  unser  ganzes  Wissen  über  diesen  Gegenstand 
beschränkt  sich  darauf,  dass  derartige  Epidemien  häufiger  und  bös- 
axtiger  in  den  Winter-  als  in  den  Sommermonaten  auftreten,  dass 
•■in«  (Während  des  Winters  herrschende  Epidemie  mit  dem  Eintreten 
der  wärmeren  Jahreszeit  nicht  selten  plötzlich  aufhöre,  so  ist.  die 
Beobachtung   dieser    Facta   sehr   richtig,    und    die   Erklärung    die» n 

b  liegl  in  dem  Umstände,  dass  der  Winter  die  Zeit  des  Fleisses 
für  die  Schüler  ist,  während  mit  beginnender  warmer  Jahreszeit  die 
Landpartien  beginnen,  und  dem  entsprechend  der  Fleiss  der  Schüler 
nachlässt,  und  demjenigen,  der  nicht  glauben  will,  dass  nur  die  Art 
der  Beschäftigungen  der  das  Gebärhaus  Besuchenden,  wie  solche 
durch  die  Jahreszeil  bedingt  wird,  die  Ursache  dieser  Facta  sei,  der 
alsu  glaubt,  dass  der  Winter  als  solcher  die  grosse  Sterblichkeit  ver- 
anlasse, dann  fragen  wir,  wie  es  denn  komme,  dass  an  der  I.  Gebär- 
ktinik  zu  Wien  im  October  2,  im  November  2,  im  December  1.  im 
Jänner  2,  im  Februar  0  Percent.  und  im  März  gar  keine  Wöchnerin 
gestorben  ist?  Während  im  April  18,  im  Mai  13,  im  Juni  10,  im 
Juli  20,  im  August  25,  im  September  18  Percent  Wöchnerinnen  starben 
(siebe  Tabelle  XIX.  Seite  171);  dann  bitten  wir  um  die  Erklärung, 
wie  denn  der  schädliche  Einnuss  des  Winters  durch  Chlorwaschungen 
der  Hände  gemildert  werden  könne,  da  wir  in  Folge  der  Cbfer- 
wa.scliungen  durch  mehrere  Winter  keine  epidemischen  Puerperal- 
fieber hatten, 

Wir  fragen  ihn:  hat  es  in  Wien  durch  25  Jahre,  in  London  und 
Dublin  durch  124  Jahre  keinen  Winter  gegeben,  weil  in  Wien  durch 
25  Jahre  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb,  weil  in 
des  sechs  zu  London  und  Dublin  befindlichen  Gebärhänsern  während 
LG  keine  Wöchnerin  starb,  und  während  105  Jahren  nicht  eine 
Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb. 

Wenn  Scanzoni  glaubt,  dass  stürmische,  kaltfeuchte  Taue  du 
häufigere  und  intensivere  Auftreten  des  Kindbettfiebers  begünstigen, 
und  wenn  er  als  Beweis  hiefür  das  Factum  anführt,  dass  nicht  selten 
alle  in  einer  (-iebäraiistalt  an  einem  bestimmten  Tage  Entbundenen 
puerperal  erkranken,  so  glauben  wir  an  den  schädlichen  Einfluss 
Btünnischer,  kAltfeuchter  Tage  nicht,  sind  vielmehr  der  l'eberzeugung, 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  nud  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        319 


U 


dass  alle  an  einem  bestimmten  Tage  Entbundenen,  welche  puerperal 
erkranken,  inficirt  wurden,  und  dass  dem  so  sei,  ist  dadurch  bewiesen, 
dass  man  durch  Chlorwaschungen  das  Erkranken  aller  an  einem  Tage 
Entbundenen  verhindern  kann,  trotz  stürmischer,  kaltfeuchter  Tage, 
und  es  wird  wohl  Niemand  glauben,  dass  es  in  Wien  durch  25  Jahre 
und  in  London  und  Dublin  durch  124  Jahre  keine  stürmischen,  kalt- 
feuchten Tage  gegeben  habe,  weil  während  dieser  Zeit  in  diesen  Qe- 
bärhäusern  die  Sterblichkeit  so  klein  war,  dass  die  Erkrankungen 
gewiss  nur  sehr  vereinzelt  vorkommen  konnten.  Wenn  Scanzoni  auf- 
merksamer beobachtet  hätte,  so  hätte  er  gewiss  gefunden,  dass  das- 
selbe Factum  sich  auch  an  Tagen  niederholt  hat,  wo  man  über 
stürmische,  kalt  feuchte  Witterung  sich  nicht  zu  beklagen  hatte. 

Wir  haben  dieses  Factum  unter  der  Benennung  des  reihenweisen 
Erkrankens  abgehandelt,  der  Leser  wolle  dies  bezüglich  Seite  126, 
Zeile  23  und  Seite  139,  Zeile  6  von  unten  nachlesen. 

Scanzoni  sagt:  der  epidemische  Einfluss  gebe  sich  nicht  nur  in 
der  Zahl  der  Erkrankungen,  sondern  auch  in  der  Art  der  Erkrankungen 
kund,  so  zwar,  dass  in  manchen  Epidemien  alle  Fälle  den  Charakter 
der  Hyperinose,  in  andern  die  Charaktere  der  Pyaemie  und  in  andern 
die  Charaktere  der  Blntdissolution  tragen,  ja  selbst  in  den  Locali- 
>a!  innen  zeige  sich  der  epidemische  Einfluss.  indem  zu  gewisser  Zeit 
die  Lymphangoitis,  zu  einer  anderen  die  Phlebitis  etc.  etc.  den  eon- 
stanten  Sectiunsbefund  abgeben ;  alle  diese  angeführten  Umstände 
lassen  nach  Scanzoni  keinen  Zweifel  übrig,  dass  gewisse,  uns  freilich 
ihrer  Wesenheit  nach  nicht  bekannte  atmosphärische  Einflüsse  eines 
der  beachtenswerthesten  Causalmomente  des  Puerperalfiebers  darstellen. 

Was  Scanzoni  über  die  Formen  des  Puerperalfiebers  hier  sagt, 
ann  man  zwar  in  vielen  Lehrbüchern  der  Geburtshilfe  lesen,  aber 
in  der  Natur  nicht  beobachten;  wir  haben  leider  vor  dem  Jahre  1847 
auch  (Telegenheit  gehabt,  zahlreichen  Sectionen  von  Puerperen  bei- 
zuwohnen, wir  sind  speciell  auf  die  Formen,  unter  welchen  sich  das 
Puerperalfieber  am  Sectionstische  darstellt,  auch  deshalb  aufmerksam 
gewesen,  weil  sich  damals  an  der  pathologisch-anatomischen  Anstalt 
ein  sonst  ausgezeichneter  Assistent  befand,  welcher  aus  der  Be- 
v.halfenheit  der  in  Puerperalleichen  vorgefundenen  Krankheits- 
producte  die  Prognose  stellen  wollte,  ob  die  Epidemie  sich  im  Beginnt' 
befinde,  ob  in  der  Acme  oder  im  Stadium  des  Nachlassens,  ob  die 
Epidemie  Rezidiven  inachen  werde  etc.  etc.  etc.  Seine  Prognosen  gingen 
natürlich  nie  in  Erfüllung,  und  wir  hatten  auch  deshalb  jeden  Glauben 
für  diese  Prognosen  vollkommen  verloren,  weil  wir,  um  uns  zu  über- 
zeugen, ob  denn  wirklich  je  nach  dem  Stadium  der  Epidemie  nur 
gewisse  Formen  vorkommen,  wie  besagter  Assistent  meinte,  durch 
längere  Zeit  alle  verstorbenen  Wöchnerinnen  secirt,  und  da  hat  es 
sich  gezeigt,  dass  an  Tagen,  an  welchen  leider  Gelegenheit  war, 
mehrere,  ja  viele  Puerperalleichen  zu  seciren,  sich  die  Formen  vor- 
fanden, welche  den  Beginn  der  Epidemie,  welche  der  Acme,  welche 
dem  Nachlassstadium  zukommen,  und  BS  hat  auch  nicht  an  Formen 
gefehlt,  welche  eine  Recidivi-  der  Epidemie  anzeigen  sollten;  eine 
konstant  wählend  einer  Epidemie  vorherrschend  vorkommende  Form 
haben  wir  nie  beobachtet,  und  nachdem  wir  endlich  erforscht,  welches 
wahre  Ursache  des  Kindbettfiebers  sei,  landen  wir  es  ganz  be- 
greiflich,  dass  es  nicht  gelungen  ist,   von  Folgen   auf  eine  Ursache 


320 


Bemmelweis'  A.bhudlaqgwi  uu<l  WVrk  über  das  Kimlbeitfieber. 


einen  Schluß  zu  zielten,  weiche  Ursachen  diese  Folgen  nicht  hervor- 
gerufen. 

lud  wenn  Sranzmii  noch  im  .Tahre  1853  in  den  versrhiedenen 
Formen,  unter  welcheu  das  Puerperalfieber  vorkommt,  die  keinem 
Zweifel  unterliegende  Wirkung  atun^pliärischer  Einflüsse  erkennt 
können  wir  durch  eine  einfache  Bemerkung  beweisen,  dass  Scanzoni 
in  einem  strafbarem  gefährlichen  Irrthume  befangen  ist,  denn  unter 
den  170ÜI  innerhalb  sechs  Jahre  melir  als  im  Jahre  1848  an  der 
1.  <;.  bärklinik  verstorbenen  Wöchnerinnen  befanden  sich  gewiss  zahl- 
reiche solche  Formen,  in  denen  Scanzoni  die  Wirkung  atmosphärischer 
Einflüsse  nicht  verkennen  kann,  und  doch  haben  wir  selbe  verhütet, 
und  Scanzoni  hat  fünf  Jahre  Zeit  gehabt,  über  dieses  Resultat  nach- 
zudenken. 

Wenn  Scanzoni  dadurch  beweisen  will,  dass  die  atmosphärischen 
Einflüsse  nicht  immer  erst  im  Puerperio  ihre  Wirkung  entfalten,  da 
das  Puerperalfieber  schon  in  der  Schwangerschaft  entstehe,  da 
während  einer  Epidemie  häutig  äusserst  träge  und  schwache  oder 
krampfhaft  anssergewohulich  schmerzhafte  Wehen  beobachtet  werden 
mit  daraus  resultirendem  langsamen  Geburtsverlaufe;  da  während 
einer  Epidemie,  während  und  nach  der  Geburt  häufiger  Metrorrhagien 
auttreten,  da  die  Kinder  jener  Mütter,  welche  später  am  Puerperal- 
fieber erkranken,  oft  unter  den  Erscheinungen  einer  rasch  verlaufenden 
Bluterkrankung  ebenfalls  zu  Grunde  gehen;  so  sind  die  Tliatsa«  In  u 
allerdings  ganz  richtig  beobachtet)  aber  die  Erklärung,  dass  di 
Unheil  durch  atmosphärische  Einflüsse  bedingt  sei,  ist  irrig. 

Nicht  atmosphärische  Einflüsse  sind  es,  welche  dieses  Unheil  an- 
stiften, sondern  der  resoi  bitte  zersetzte  Stoff  verschuldet  das  alles. 
Der  zersetzte  Stoff  kann  schon  in  der  Schwangerschaft  resorbirt 
werden,  und  erzeugt  dann  in  der  Schwangerschaft  schon  das  Puer- 
peralfieber. 

Wird  der  zersetzte  Stoff  schon  in  der  Schwangerschaft  resorbirt 
oder  verzögert  sich  die  Geburt,  nachdem  während  der  Geburt  der 
zersetzte  Stoff  resorbirt  wurde,  ist  mithin  die  Geburt  noch  nicht 
vollendet  zum*  Zeit  als  bei  der  Kreissi  ulm  die  Bluteutmisehung  in 
Folge  der  Resorption  des  zersetzten  Stoffes  eintritt,  so  wirkt  das  >■> 
entmischte  Blut  paralysirend  auf  den  Uterus,  und  dadurch  ist  die  Be- 
dingung zu  äusserst  trägen  und  schwachen,  oder  krampfhaften  und 
außergewöhnlich  schmerzhaften  Wehen  mit  daraus  resultirendem  lang- 
samen Gebnrtsverlaufe,  zu  Blutungen  gegeben.  Ist  das  Kind  zur  Zeit 
als  bei  der  Mutter  die  Blutentmischung  in  Folge  der  Resorption  des 
zersetzten  Stoffes  eintritt,  mittelst  der  Placeuta  noch  in  Verbindung, 
so  wird  dein  Kinde  die  Blutenlmischung  von  Seite  der  Mutter  mi 
theilt,  und  es  sterben  beide  an  derselben  Krankheit.  Dass  sich  die 
Sache  so  verhalte,  wie  wir  es  sagen,  ist  dadurch  bewiesen,  dass  all 
das  Unheil  durch  Chlorwaschungen  verhütet  werden  kann.  In  Bezug 
auf  die  Blutentmisclmng  der  Kinder  wolle  der  Leser  Seite  122  Zei 
und  Seite  137,  Zeile  21  bis  Seite  139  nachlesen. 

"Wenn  Scanzoni  auch  die  faul-todtgebornen  Kinder  hieher  zählt, 
so  ist  das  abermals  ein  hrthura;  es  sind  allerdings  alle  Mütter  ohne 
Ausnahme,  deren  Kinder  an  einer  Blutentmischung  erkrankten,  auch 
am  Puerperalfieber  erkrankt,  und  wie  denn  nicht,  wurde  ja  die  Blut- 
entmischung  nie  selbstständig  im  Kinde  erzeugt,  die  Blutentmischung" 
wird  ja  immer  dem  Kinde  durch  die  schon  kranke  Mutter  mitgetheilt, 


au 

> 


z 

be 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  I'nplivlaxis  des  Kindbett (ielieis.         321 

die  tägliche  Erfahrung  lehrt  aber,  dass  faul-todte  Kinder  von  den 
gesündesten  Kreissenden  geboren  werden,  welche  auch  Im  Wochen- 
bette gesund  bleiben,  als  Beweis,  dass  der  Tod  dieser  Kinder  nicht 
durch  das  mittelst  des  zersetzten  Stoffes  entmischte  Blut  der  Mutter 
bedingt  war,  sondern  in  Folge  anderer  Ursachen  eintrat.  Gewiss, 
wenn  in  der  Schwangerschaft  schon  die  Resorption  eines  zersetzten 
Sri  lies  geschieht,  und  sich  in  Folge  dessen  das  Blut  der  Mutter  ent- 
mischt, welches  entmischte  Blut  das  Kind  in  der  .Schwangerschaft 
tüdtet,  so  kann  die  Schwangerschaft  unmöglich  so  lange  noch  bestehen. 
bis  das  Kind  in  Fäulniss  übergeht,  dann  entweder  wird  die  .Schwangere 
als  Schwangere  sterben,  bevor  das  Kind  in  Fäulniss  übergegangen 
oder  die  Schwangerschaft  wird  durch  die  Geburt  unterbrochen,  was 
das  Gewöhnliche  ist,  bevor  das  Kind  in  Fäulniss  übergegangen  ist. 
So  wie  es  nicht  begreiflich  wäre,  dass  eine  Mutter,  welche  ihr  Kind 
durch  Blutentmischung  schon  vor  so  langer  Zeit  getödtet  hat.  voll- 
kommen gesund  die  Geburt  und  das  Wochenbett  überstehen  könne. 
Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  dass  eine  solche  Mutter  nicht  auch  in 
Folge  einer  Infection  erkranken  könne. 

Und  dass  faul-todtgeborene  Kinder  und  an  Blutdissolution  Bter- 
bende  Kinder  nicht  an  derselben  Krankheit  sterben,  ist  auch  dadurch 
bewiesen,  dass  die  Zahl  der  Todesfälle  an  Blutdissolution  durch  Chlor- 
waschungen  vermindert  werden  könne,  während  auf  die  Verminderung 
der  Zahl  fanl-todtgeborner  Kinder  die  t  'hlorwaschungen  keinen  Ein- 
tluss  üben. 

Nachdem  wir  gezeigt,  dass  alles  das.  was  Scanzoni  als  Beweis 
für  die  Existenz  der  epidemischen  Einflüsse  vorgebracht,  einzelne 
Facta  ausgenommen,  alles  Uebrige  Irrthiim  und  Täuschung  ist,  wollen 
wir  zur  Beurtheilung  der  übrigen  aetiotogischen  Momente  des  Kind- 
bettfiebers schreiten,  wie  solche  Scanzoni  als  Kindbettfieber  erzeugend 
anführt 

Von  der  Individulität  sagt  Scanzoni  Folgendes:  „Während  des 
errschens  einer  Epidemie  komme  die  durch  die  Individualität  be- 
dingte Krankheitsanlage  weniger  in  Betracht,  während  einer  Epidemie 
schütze  kein  Alter,  keine  Körperconstitutioii,  keine  Art  von  Lebens- 
verhältnissen, und  sehr  häufig  erkranken  gerade  die  gesündesten, 
jüngsten,  kräftigsten  und  blühendsten  Frauen  an  dieser  bösartigen, 
heimtückischen  und  mörderischen  Krankheit." 

Der  aufmerksame  lieser  dieser  Schrift  weiss,  dass  das  Wesen 
einer  Puerperalfieber-Epidemie  darin  bestehe,  dass  vielen  Individuen 
ein  zersetzter  Stoff  auf  eine  oder  die  andere  Weise  von  aussen  ein- 
gebracht werde,  und  ein  zersetzter  Stoff  ist  ein  so  furchtbares  Gift, 
dass  davor  allerdings  keine  Individualität  Schutz  gewähren  kann. 

Ausser  einer  Epidemie  aber,  meint  Scanzoni.  erkranken  leichter 
an  Puerperalfieber  sehwäcliliehe.  srhlerht  genährte,  während  der 
Schwangerschaft  dem  Elende  und  der  Notli  ausgesetzte  und  unter 
dem  Einflüsse  deprimirender  Geroüthsaft'ecte  lebende  Frauen;  wir  sind 
der  Ueberzeugung,  dass  durch  alle  diese  Umstände  den  Individuen 
weder  von  aussen  ein  zersetzter  Stoff  eingebracht  wird,  noch  entsteht 
Folge  dieser  Umstände  ein  zersetzter  Stoff  in  den  Individuen. 
umstände  sind  daher  keine  aetiologischeu  Momente  des  Kind- 
etthebers.  Auf  wie  viele  von  den  im  Jahre  1S48  an  der  I.  Gebiu- 
klinik    verpflegten    3556    Wöchnerinnen    passte    diese    Beschreibung 

BtnuMhrelB'  gesammelte  Wej  21 


322 


Semmel  weis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  «las  Kindbettfieber. 


Scanzoni's,  und  doch  haben  wir  nur  45  Wöchnerinnen  am  Puerperal- 
fieber verloren. 

Im  Wiener  Gebärhause  wurden  während  der  25  .laln  e.  wo  nicht  Eine 
von  100  Wöchnerinnen  starb,  44.838  Individuen  verpflegt,  davon  Btarben 

in  den  vier  Londoner  und  den  zwei  Dubliner  Gebärhäuseru  starb 
während  19  Jahren  von  4558  YVni  hnerinnen  keine,  und  während  105 
fahren  starben  von  109.656  verpflegten  Individuen  762.  Wie  ungeheuer 
mag  die  Zahl  derjenigen  unter  diesen  159.052  Individuen  gewesen 
sein,  auf  welche  die  Beschreibung  Scanzoni's  passt,  und  könnte  die 
Sterblichkeit  auf  999  Todte  beschränkt  geblieben  sein,  wenn  diese 
Umstände  aetiologische  Momente  des  Kindbettfiebers  wären. 

Leichter  erkranken  am  Puerperalfieber  nach  Scanzoni  auch  solche 
Individuen,  welche  schon  während  der  Schwangerschaft  an  einer 
Krankheit  leiden,  welche  mit  einer  den  verschiedenen  Puerperalfieber- 
formen  analogen  Blutmischung  einherschreiten :  hieher  gehören  Frauen, 
welche  mit  Pneumonien.  Pleuritiden,  mit  Entzündungen  des  Pericardiums, 
mit  acutem  Rheumatismus  ins  Puerperium  kommen. 

Wenn  Scanzoni  glaubt,  dass  bei  den  genannten  Entzündungen 
eine  analoge  Blutmixehiing  wie  beim  Puerperal  lieber  si<  h  vorfinde,  so 
beweiset  das  nur  wieder,  dass  er  noch  im  Jahre  1853  nicht  weiss, 
worin  das  Wesen  des  Puerperalfiebers  bestehe:  bei  Anatomen.  !• 
Chirurgen,  bei  Operirten  an  chirurgischen  Abteilungen,  bei  Neu- 
geborneu,  die  an  Pyaeniie  sterben,  findet  sich  eine  identische  Blnt- 
mischiuiir  wie  beim  Puerperalfieber,  aber  nicht  bei  des  von  Scanzoai 
genannten  Kut  Zündungen.  Im  GegentheiL,  diese  Entzündungen  schützen 
die  Individuen  vor  dem  Puerperalfieber  dadurch,  dass  selbe  aus 
Humanitätsrücksichten  nicht  zum  unterrichte  benützt,  folglich  nicht 
inficirt  werden.  Und  wenn  Scanzoni  beobachtet  hat,  dass  eine  m 
vorgeschrittene  Lungentuberculose  Schutz  gewähre  gegen  das  Puer- 
peralfieber, weil  er  hunderten  von  Sectiunen  von  an  Puerperalfieber 
Verstorbenen  beigewoliut.  ohne  darunter  ein  einziges  Mal  eine  weiter 
fortgeschrittene  Lungentuberculose  zu  treffen,  so  liegt  der  Grund  ein- 
i,i«  ii  darin,  dass  diese  Individuen  nicht  zum  Unterrichte  benützt,  folg- 
lieh  nicht  inficirt  werden.  Wenn  Scanzoni  sagt,  das  Puerperalfieber 
trete  bei  Anaemischen.  Hydropischen .  an  einem  acuten  Exant 
[Mattem-,  Masern-,  Scharlach.-)  Leidenden,  bei  Typhösen  oder  v 
butischen  seltenerauf,  so  liegt  der  Grund  wieder  nur  darin,  dass  der- 
artige Individuen  nicht  zum  Unterrichte  benützt,  folglich  nicht  inficirt 
werden,  und  wenn  Scanzoni  dasselbe  nicht  auch  bei  den  von  ihm  *-re- 
nanuten  Entzündungen  beobachtet  hat,  so  hat  er  eben  schlecht  be- 
obachtet, was  uns  nicht  überrascht;  Scanzoni  hat  ja  so  viele  Wöchne- 
rinnen sterben  sehen,  hat  vom  Jahre  1847  bis  zum  Jahre  1853  Zeit 
zum  Nachdenken  und  Gelegenheit  gehabt,  vieles  zu  Gunsten  meiner 
Lehre  Erschienenes  zu  lesen,  und  das  Alles  war  nicht  hinreichend, 
ihn  die  Beobachtung  machen  zu  lassen,  dass  das  Puerperalfieber  nicht 
epidemischen  Ursprungs  sei. 

Die  von  Scanzoni  genannten  Krankheiten,  mit  einem  Worte  alle 
schweren  Krankheiten,  schützen  die  Individuen  vor  Puerperalfieber 
dadurch,  wodurch  die  Gassengeburten  und  die  vorzeitigen  Geburten 
die  Individuen  an  der  I.  Gebärklinik  vor  Puerperalfieber  Behüteten, 
nämlich  die  Gassengeburten  wurden  zum  Unterrichte  nicht  verwendet, 
weil  an  ihnen  nichts  mehr  zu  lernen  war,  und  die  vorzeitigen 
borten  durften  zum   Unterrichte    nicht   verwendet   werden,   um   wo 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Propliykzü  dea  Kindbettfiebers.        323 


möglich  die  vorzeitige  Geburt  noch  aufzuhalten,  die  Gassengeburten 
und  4ie  vorzeitigen  Geburten  wurden  daher  nicht  inficirt  (siehe  Seite 
125,  Zeile  21  und  .Seite  139.  Zeile  29). 

Schwere  Krankheiten  schützen  daher  vor  Puerperalfieber  dadurch, 

die  Humanität  verbietet,  solche  Iudividuen  zum  Unterrichte  zu 
beofttzen,  sie  werden  daher  nicht  inficirt,  damit  ist  aber  nicht  ge 

selbe  das  Puerperalfieber  nicht  bekommen  könnten,  falls  selbe 
einer  [nfection  ausgesetzt  würden. 

Kine  Ausnahme  macht  nur  die  Eclainpsie,  weil  Eclamptisehe 
wiederholt  untersucht  werden,  um  den  Zeitpunkt  zur  Beschleunigung 
der  Geburt  rechtzeitig  zu  erspähen,  und  an  der  I.  Gebärklüiik  starben 
vor  Einführung  der  Chlorwaschungen  beinahe  alle  Ecl am p tischen,  bei 
welchen  die  Anfälle  aufhörten,  im  Wochenbette  am  Puerperalfieber, 
nach  Einführung  der  Ohhirwasehnngen  war  Jas  Puerperalfieber  nach 
Eclampsien  eine  »Seltenheit. 

Wir  stimmen  mit  Scanzoni  überein,  wenn  er  die  lange  Dauer 
der  Geburt  für  ein  aetiologisches  Moment  des  Kindbettfiebers  hält, 
wir  stimmen  aber  nicht  überein  mit  der  Ansicht,  wie  er  das  Puer- 
peralfieber bei  verzögerten  Geburten  entstehen  lii 

Vor  allem  muss  unterschieden  werden,  ob  sich  die  Kn'itfnnugs- 
oder  ob  sich  die  Anstreibungsperiode  verzögert. 

Verzögert  sich  die  Erntfuungsperiode.  so  bleibt  der  Verzögerung 
entsprechend  die  innere  resorbirende  Fläche  der  <  ö-barmutter  längere 
Zeit  zugängig,  und  es  ist  begreiflich,  dass  ein  solches  Individuum 
der  Gefahr  einer  Infection  von  aussen  mehr  ausgesetzt  ist,  als  ein 
anderes,  dessen  resorbirende  innere  Fläche  des  Uterns  wegen  raschem 
Vi  rlauf  der  Eröttitungsperiode  nur  kurze  Zeit  zugäugig  ist. 

Verzögert  sieh  die  Geburt,  nach  geschehener  [nfection  noch  so 
lange,  dass  die  secuudäre  Blntentmisehung  früher  eintritt,  als  die 
Trennung  des  Kindes  von  der  Mutter  durch  die  Geburt,  so  participirt 
«Im-;  Kind  von  der  Infection  (siehe  Seite  121-123,  Zeile  34  und  »Sehe 
137     139.  Zeile  21). 

Verzögert  sich  aber  die  Austreibungsperiode,  so  kann  zwar  keine 
Infection  von  aussen  geschehen,  weil  der  vorliegende  Kindestheil  die 
innere  resorbirende  Fläche  des  l'teius  unzugängig  macht,  aber  die 
verzögerte  Austreibungsperiode  kann  zur  Entstehung  des  Kind) 
liebers  durch  Selbstiufection  dadurch  Veranlassung  geben,  dass  dureli 
di  n  lungere  Zeit  dauernden  Druck  theilvveises  Necrosiren  der  zer- 
gnetsehten  Weichtheüe  eintritt,  und  hiemit  ist  der  zersetzte  Stoff 
gegeben,  welcher,  wenn   resorbirt,  das  Puerperalfieber  hervorbringt. 

Eine  auf  diese   Weise   erkrankte   Mutter  kann   ihr   Kind   nicht 
inficiren,  weil  das  Kind  durch  die  Geburt  früher  von  der  Mutter 
trennt  wird,  als  bei  der  Mutter  die  secuudäre  Blutentmischung  eintritt. 

Die  Erzeugung  des  zersetzten  Stoffes  kann  unter  solchen  Ver- 
hältnissen auch  dadurch  unterstützt  werden,  dass  bei  solchen  Fällen 
noch  eine  oder  die  andere   operative  Hilfeleistung  nothwendig  wird 

Was  die  i  Gefährlichkeit  anbelangt,  so  ist  die  verzögerte  Eröltnungs- 
periode  ungemein  gefährlicher,  weil  bei  gegebener  Gelegenheit  Alle, 
bei  welchen  eine  verzögerte  Eröffnungsperiode  stattfindet,  inficirt 
werden  können. 

Die  verzögerte  AußtreibungBperiode,  und  die  dadurch  bedingten 
Operationen  sind  minder  gefährlich,  der  Leser  weiss  ja,  dass  war    In 

'gelte  Austreibungsperiode  und  die  dadurch  bedingten  Operationen 

21* 


324 


Semmclweis'  Abhandlungen  mi>l  W  UM  Ettndbettfiebef, 


unter  die  aetiologiechen  Momente  dos  Kindbettflebers,  entstanden 
durch  Selhstinfecr.ion,  aufgenommen,  und  der  Leser  weiss  auch,  d&flfi 
alle  aetiologischen  Momente  der  Selbst  inJütfai  zusammengenommen 
nicht  eise  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  tödten. 

Wenn  daher  Scanzoni  eine  Tabelle  8impson's  veröffentlicht,  aus 
welcher  hervorgeht,  dass  die  Sterblichkeit  der  Mütter  im  geraden 
Verhältnisse  mit  der  l>auer  der  «iehurtsarbeit  zunimmt,  so  hat  dies«' 
Tabelle  den  Wert h  nicht,  den  selbe  haben  wiml.-.  wenn  darauf  Rück- 
sieht  genommen  worden  wäre,  welche  Geburtspertode  sich  verzögert. 
Und  wenn  Scanzoni  glaubt,  dass  die  Ursache  der  «Gefährlichkeit  ver- 
muten in  dein  freilich  unbekannten  Einflüsse  des  Gebär- 
actes  auf  das  Nervensystem  und  mittelbar  auf  das  Blut  lieg-e,  go 
können  wir  beweisen,  dass  nicht  das  Nervensystem,  sondern  ein  zer- 
setzter Stofl*  auf  das  Blut  wirke,  weil  unter  den  3556  an  der  I.  Gebar- 
klinik im  .Jahre  1848  vorgekommenen  Geburten  Gott  weiss  wie  viele 
zögernd  verliefen,  und  wir  haben  nur  4ö  Wöchnerinnen  am  Puerperal- 
fieber verloren,  weil  bei  der  Häufigkeit  des  Vorkommens  verzögerter 
Geburten  es  nicht  hätte  geschehen  können,  wenn  das  Nervensystem 
und  nicht  der  zersetzte  Stoff  auf  das  Blut  wirken  würde,  dass  von 
den  schon  oft  erwähnten  159.052  Wöchnerinnen  nur  999  gestorben 
wären,  d.  i,  0,„a  Perc.  Antheil  oder  von  159.211  999  erat  Eine. 

Bei  der  Häufigkeit,  in  welcher  verzögerte  Geburten  in  der  ganzen 
Welt  vorkommen,  hätte  es  nicht  geschehen  können,  wenn  das  Nerven- 
system und  nicht  der  zersetzte  Stoff  auf  das  Blut  wirken  würde,  dass 
das  Puerperalfieber  auf  das  mittlere  Europa  beschränkt  geblieben 
wäre;  endlich  halle  bei  der  Häufigkeit  des  Vorkommens  verzögerter 
Geburten  zu  allen  Zeiten  die  Geschichte  des  Puerperalfiebers  nicht 
nachweisen  können,  wenn  das  Nervensystem  und  nicht  der  zersetzte 
Stoff  auf  das  Blut  wirken  würde,  dass  das  Puerperalfieber  in  der 
Häufigkeit,  wie  wir  selbes  gegenwärtig  beobachten,  erst  seit 
siebenzehnten  Jahrhundert  vorkomme. 

Aller  Orten  und  zu  allen  Zeiten  ist  das  Kindbettfieber  in  seltenen 
Füllen  durch  Selbst  infeetion  in  Folge  verzögerter  Austreibungsperi öde 
entstanden 5  aber  in  unbeschränkter  Anzahl  werden  die  Individuen  in 
Folge  verzögerter  Eröffnimgsperiode  nur  im  mittleren  Kuropa  und 
erst  seit  dem  siebenzehnten  Jahrhunderte  von  aussen  inficirt. 

Wenn  Scanzoni  die  traumatische  Reizung  in  Auschlag  bringt, 
welche  mit  einer  verzögerten  Austreibungsperiode  und  mit  operativen 
Hilfeleistungen  verbunden  ist,  so  stimmen  wir  mit  ihm  überein. 
glauben  aber  nicht,  dass  diese  Umstände  zuerst  eine  örtliche  Ent- 
zündung hervorrufen,  und  dass  dann  das  Puerperalfieber  dadurch 
entstehe,  dass  die  Producte  dir  örtlichen  Entzündung  durch  Resorption 
•bis  Blut  entmischen.  Diese  Umstände  erzeugen  das  Puerperalfieber 
dadurch,  dass  in  ihrem  Gefolge  ein  zersetzter  Stoff  entstellt,  welcher 
resorbirt  wird,  das  Blut  entmischt,  und  als  drittes  entstehen  erst  die 

BntzQndnngfsprodnete. 

Auch  darin  stimmen  wir  mit  Scanzoni  überein,  dass  der  wr- 
rte  <;<'hurtsverlauf  auch  manchmal  Folge  des  schon  vorhandenen 
Puerperalfiebers  sein  könne,  denn  geschieht  die  Blutentmiscliung  in 
Folge  des  resorbirten  zersetzten  stoiles  schon  vor  der  Ausschliessung 
des  Kindes,  so  wirkt  das  so  entmischte  Blut  paralysirend  auf  den 
Uterus,  und  dem  entsprechend  muss  sich  die  Geburt  verzögern. 

Durch  Gemütlisaftecte  wird  den  Individuen    weilet   ein  zersetzter 


Die  Atitiologfe,  «ler  Begriff  iiml  die  lVo[ihyl;i\is  lies  Kiudbettfiebers.       325 


ort  aQ8§Gffli  eingebracht,  noch  entstehl  in  Folge  von  Gemi'uhs- 
affecten  ein  zersetzter  Stoff  in  den  Individuen.  Gemäthsaffecte  sind 
demnach  keine  aeti< »logischen  Momente  des  Kindbettfiebers.  Soanzoni 
sagt:  ..Jedem  beschäftigten  Arzte  werden  aus  leiner  Praxis 
Beobachtungen  zu  Gebote  stehen,  ans  welchen  er  die  Ueberzeugung 
schöpfen  Dtuss.  dass  der  Gesundheitszustand  einer  Wöchnerin  nicht 
leicht  durch  eine  andere  auf  sie  einwirkende  Schädlichkeit  mehr 
droht  wird,  als  durch  einen  heftigen,  aufregenden  oder  deprimireudeu 
I  lenrüthsaitect." 

Ich  bin  auch  ein  beschäftigter  Arzt,  ich  beobachte  auch,  dass 
Hiebt  nur  Krsl-,  sondern  auch  wiederholt  Gebärende  von  depriniireiideii 
Gemüthsafi'ecten,  vorzüglich  von  Todesfurcht  gegen  Ende  der  Schwanger- 
schaft geplagt  werden,  aber  das  Puerperalfieber  beobachte  Loh  bei 
den  meiner  ärztlichen  Vorsorge  anvertrauten  Individuen  so  selten  im 
Vergleich  zur  Häufigkeit  der  Gemüthsaft'ecte,  dass  ich  vernünftiger 
Weise  keinen  Zusammenhang  annehmen  kann  zwischen  dem  seltenen 
Puerperalfieber  und  den  häufigen  Gemtithsafl'ecten. 

Wenn  Scanzoni  durch  flelssiges  Studium  dieser  Schrift  endlich 
erkennen  wird,  was  die  wahre  Ursache  des  Puerperalfiebers  ist.  so 
wird  er  gewiss  selbst  erschrecken  über  die  Grösse  der' Gefahr,  welcher 
er  die  der  1'nVge  seiner  Schüler  und  Schülerinnen  anvertrauten  Indi- 
viduen dadurch  aussetzte,  dass  er  seine  Schüler  und  Schülerinnen  als 
so  crasse  Ignoranten  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  ins 
praktische  Leben  gesendet,  and  das  geschah  ja  bis  zum  Jahre  1847 
an  allen  geburtshilflichen  Lehranstalten. 

Li  es  bei  solchen  Verhältnissen  zu  wundern,  dass  auch  BOlche 
inüiiir  werden,  bei  welchen  ein  Gternftthsaffecl  stattgefunden? 

Scanzoni  sagt  ferner:  „Wir  für  unseren  Theil  fürchten,  gestützt 
auf  wiederholte  Erfahrungen  in  dieser  Beziehung,  nichts  so  sein,  als 
wenn  eiiH-  Wöchnerin  plötzlich  einem  heftigen  Schrecken,  Ansei  oder 
Kummer  anagesetzt  wird,  denn  es  gibt  vielleicht  keine  Lebensphase, 
in  welcher  derartige  Aftecte  nachtheiliger  wirken,  als  das  Puerperium. 

Wir  könnten  eine  ansehnliche  Zahl  genau  beobachteter  Fälle 
namhaft  machen,  in  welchen  es  keinem  Zweifel  unterliegt,  dass  eine 
solche  Gemüthsaufregnng  die  wesentliche  Ursache  der  puerperalen 
Erkrankung  darstellt,  und  zwar  geschieht  das  gewöhnlich  in  der 
Weise,  dass  gleich  nach  der  Einwirkung  jener  Schädlichkeit  ein  hef- 
tiger Schüttelfrost  eintritt,  die  Physiognomie  sich  eigenthttmlich  ent- 
stellt, unter  raschem  Tollapsus  der  Kräfte  alle  Erscheinungen  einer 
rapidverlaufenden  Llutdissnlutinn  auftreten.  Besonders  zu  furchten 
sind  aber  die  genannten  Gemütsbewegungen  dann,  wenn  sie  sine 
bereits  erkrankte  Wöchnerin  befallen,  denu  hier  ist  mehr  als  unter 
allen  anderen  Umstanden  der  Eintritt  einer  lethaleu  Blntentmisehnng 
zu  gewärtigen." 

Si nnzoni  hat,  sich  uns  schon  zu  oft  als  schlechter  Beobsr 
zeigt,  als  dass  wir  seine  Beobachtung  Aber  den  orsachlichen  Zusammen- 
hang zwischen  Gernftthsaffectior  und  Puerperalfieber  für  wahr  halten 
nten,  wir  <u\>\  vielmehr  der  Ueberzeugung,  dass  in  der  ansehnlichen 
Zahl  von  Fällen  eine  Infection  entweder  von  ihm  selbst,  oder  von 
jemanden  Anderen  gemacht  wurde,  und  dass  in  der  Zwischenzeit 
zwischen  der  Infecticn  und  dem  Ausbruche  des  Kindbettfiebers  noch 
eine  Genrftthsaffection  hinzutrat,  wo  aber  das  Puerperalfieber  auch 
ausgebrochen  wäre,  wenn  kein  ßemuthsaffecl  hinzugetreten  wäre:  nmi 


32K 


Alihaii'üuucxMi  uuil  Werk  Über  das  Kindbettfii 


da  der  Gemütsaffeet  in  Bezug  auf  die  Zeit  dem  Resorptious-  oder 
dem  Ausbruchstadium  näher  liegen  kann,  so  yeschieht  es  auch,  dass 
gleich  nach  stattgehabtem  Gemüthsaffect  ein  Schüttelfrost  etc.  Bfce, 
eintritt.  Wenn  Scanzoni  nicht  ein  gar  so  schlechter  Beobachter 
wirft,  so  könnte  er  ja  nicht  glauben,  dass  eine  Wöchnerin  am  Puer- 
peralfieber erkranken  könne  ohne  Blutentmischung,  und  dass  erst  durch 
Hinzutritt  eines  Gemüt  hsafi'ectes  der  Eintritt  einer  lethalen  Blut- 
entmischung zu  gewärtigen  sei. 

Wir  klagen  den  zersetzten  Stoff  als  diejenige  Ursache  an,  welche 
das  l'uet'V'eralnVlier  hervorbringt,  und  dieser  Stoff  bringt  ja  bei 
Mannern.  bei  Frauen,  welche  nicht  Schwangere,  nicht  Kreissende, 
nicht  Wöchnerinnen  sind,  dieselbe  Krankheit  hervor.  Wenn  Geinütlis- 
affecte  so  eine  fruchtbare  Schädlichkeit  sind,  wie  Scanzoni  glaubt.  »• 
fragen  wir.  warum  bringen  denn  Gemüthsaifecte  bei  Männern,  bei 
Frauen,  welche  nicht  Schwangere,  nicht  Kreissende,  nicht  Wöchnerinnen 
sind,  nicht  auch  dieselbe  Krankheit  hervor;  nachdem  es  aber  Factum 
ist.  dass  Gemüthsaffecte  bei  Männern  und  bei  Frauen,  welche  nicht 
im  Puerperio  sind,  keine  Pyaemie  hervorrufen,  so  wolle  uns  Seanzoni 
erklären,  in  welchen  Verhältnissen  es  liege,  dass  im  Puerperio  der 
schädliche  Eintluss  von  Gemüthsaffecten  derart  modificirt  werde,  dass 
er  bei  Wöchnerinnen  Pyaemie  hervorzubringen  im  Stande  ist 

Aufs  Puerperium  oder  auf  die  den  Schwangeren  eigeuthümliche 
Blutmischung  kann  Scanzuni  sich  nicht  berufen,  denn  wir  haben 
schon  bewiesen,  dass  in  diesem  Verhältnisse  die  praedisponirende  Ur- 
sache des  Puerperalfiebers  nicht  liege,  wir  haben  bewiesen,  dass  die 
praedisponirende  Ursache  des  Puerperalfiebers  eine  resorbirende  Fläche 
sei;  wie  verhalten  sich  nun  Gemüt hsatt'ecte  zur  resorbirenden  Fläche V 

Mittelst  Zahlen  können  wir  zwar  nicht  beweisen,  dass  das  Puer- 
peralfieber ausserhalb  der  Gebärhäuser  nicht  durch  Gemilthsatt'ecte  her- 
vorgerufen werde,  weil  uns  über  das  ausserhalb  der  Gebärhäuser  vor- 
kommende Puerperalfieber  keine  Zahlen  zur  Disposition  stehen.  Aber 
Scanzoni  hält,  wie  es  die  <'onsequenz  mit  sich  bringt,  Gemnthsaflf<  <  te 
auch  für  einen  aetiologischen  Moment  des  Kindbetthebers,  weh  lies  in 
Gebärhäusern  vorkommt;  er  glaubt  in  Gemüthsaffecten  eine  der  Ur- 
sachen gefunden  zu  haben,  welche  es  machen,  dass  die  Sterblichkeit  an 
der  I.  Gebärklinik  zu  Wien   grösser  ist,  als  an  der  II.  Gebärkütiik. 

Nun  dass  dem  nicht  so  sei,  dass  Gemüthsaifecte  an  der  I.  GeLn 
klinik   kein   Puerperalfieber   hervorgebracht  haben .  das   können    wo- 
durch Zahlen   beweisen,  und   von   der  I,  Gebärklinik   wird  dann  der 
Schluss  auf  die  übrigen  Gebärhäuser,  so  wie  auf  das  Puerperalfieber, 
welches  ausserhalb  der  Gebärhäuser  vorkommt,  erlaubt  sein. 

Vor  allem  ist  es  daher  nothwendig.  die  Jahresrapporte  der  beiden 
Wiener  Kliuiken  seit  ihrem  Bestehen  hier  raitzutheilen. 

Das  Wiener  Gebärhaus  wurde  im  Jahre  1833  in  zwei  Abteilungen 
getrennt,    und  Schüler  und  Schülerinnen  wurden  beiden  Abtheilan 
in  gleicher   Anzahl   behufs  des   geburtshilflichen   Unterrichtes   zuge- 
wiesen.   Die  Sterblichkeit  verhielt  sich  auf  beiden  Abtheilungen  wie 
nachfolgende  Tabelle  zeigt 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kind  betriebe«.        327 

I.  Abtheilrtnß-. 

Im  Ja 

Geburten  8787,  Todte 

187, 

tf.  P.  b.t9 

•  • 

..       1834 

2657,      „ 

805, 

n      7.71 

fj 

..      1835 

„          2573, 

143. 

• 

H 

.,    i&se 

2677. 

aoo, 

7 

l.,7 

lj 

..      1837 

-          2765.       .. 

251. 

n      9.oi> 

„      1888 

2987.       ,. 

01, 

8  ru 

ftf 

:. 

8787,      „ 

151. 

1  1  • 

ii 

„      1840 
Sumi 

2889.      „ 

267, 

ir       9.t4 

na     „        23066.       ,. 

1505. 

6.ft- 

IL  Abtheilung. 
Gebnrten    353,  Todte 

Im  h 

8, 

M.  P.  2*, 

tj 

,r      1*»* 

"44,      H 

150, 

,r        S.a0 

pi 

„      1835 

1682,       „ 

84, 

4*i 

j« 

..       1XW 

„         1670.      „ 

131. 

,.            1  ■•  : 

r 

L      MW 

„          1784,       m 

124. 

r          6.w 

n 

,,    1838 

1779,       „ 

88, 

-          4,„ 

>! 

„     1888 

2010.       „ 

91. 

,.       4.r,_. 

rl 

„      1840 

„         2073,       . 

55, 

»r         2.„ 

Summa    „       130Ü5. 

731, 

n      &■»« 

Durch   eine   allerhöchste   Entschliessung  rom    10.   October   1840 

wurden   sämmtliche  Schüler  der  I.  und  sämmtliche  Schülerinnen  der 

Ii.  Abteilung  zugewiesen 

Die  Sterblichkeit  verhielt   sich  wie  folgt: 

I.  Abtheilung. 

Klinik    für   Aerzte. 

Im  Jal 

Geburten  8088.    Todte  237, 

M.  P.  7.,0 

ff 

.,     1842 

3287; 

518, 

..    1&» 

„      1843 

3060, 

274, 

»i      8  Bft 

f| 

,,       1844 

3157, 

880. 

•1       8.., » 

•  ■ 

.,      1845 

„         3492, 

24!, 

,,         fo.[(0 

31 

..    im 

„         4010,         „ 

469, 

1989, 

ii      9.(,a 

,.       -0042. 

II.  Abtheilung-. 

Klinik  für  Hebammen 

Im  Jai 

Geburten  2442,    Todt 

■     86, 

M.  P.  3  .„ 

n 

„      1813 

2659, 

808. 

ii       ' 

n 

H      1843 

27M!». 

164, 

„       D*l 

n 

..      1H44 

.        29itf.        „ 

68 

H        8/W 

n 

„      1845 

3241. 

M. 

Jl          ■•«■ 

« 

„      1846 

„         3754.         „ 

106, 

n         2.79 

n       17791,         n 

«v.u. 

r       3.m 

Mitte  Mai 

1847  wur 

den  die  Chlorwaschungen  auf  der  Klinik  für 

Aerzte   eingefü 

hrt.     Die 

Sterblichkeit    verhielt  sich  folgender  Weise: 

I.  Abtheilung. 

Klinik    für    Atizt  • 

Im  Jal 

Geburten  3490.    Todt 

B  176, 

M.  P.  5,„ 

tl 

-      1848 

„        3556, 

45, 

n         ! 

ff 

r       1849 

3858, 

103, 

r        *-«w 

M 

„      1860 

*        3745.         „ 

74, 

-   u 

n 

..        1851 

4194, 

75. 

T           1-711 

w 

„      1882 

„        4471,        „ 

181. 

r         4.04 

ft 

„      1853 

■        4221,        „ 

94. 

„     2-1. 

•i 

•      IBM 

„        4393,        „ 

400, 

p 

n 

.      1858 

„             .XK>J,             „ 

198, 

fl      - 

H 

„       (866 

„        3925.        „ 

I6ft 

-      1 

"      «W 

„         4220. 

124. 

n           "-0« 

H 

„       1858 

*        4203,        . 

86, 

*      2.04 

Summa          48938, 

1712, 

3.B7 

Summa  aller  2ß  Jährt 

Geburten  91.046,    Todte  5206, 

M.  P. 

5-7, 

Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  (loa  Kindbettfieber. 


IL  Abtheil 

u  n  g. 

Klinik  für   1h  Gammen. 

Im  Jahre 

1047 

Gebnrten  3306, 

Todte 

39, 

M.  P. 

0^ 

it          n 

1H4K 

3219, 

1, 

48. 

.. 

1,, 

»           r> 

I84G 

„       8871, 

87, 

F| 

3H 

n            n 

1850 

326 1, 

H 

54. 

n 

l,. 

»r           pi 

1851 

3395. 

*l 

121, 

•* 

'»               11 

1852 

3360, 

>i 

102, 

ii 

&w 

1»               » 

1853 

„ 

•I 

87, 

U 

••                       '? 

1854 

„       3396, 

II 

210, 

»i 

II                      1* 

1855 

2938, 

■  « 

174. 

•  • 

o.V( 

||             M 

1856 

3070. 

II 

125, 

•■ 

*07 

«p             I) 

3795, 

pj 

83, 

n 

«:                   || 

4171'. 

60, 

u 

Snmma 


40760. 


1248. 


Summa  aller  26  Jahre: 
Geburten  71646,     Todte  2660,     M.  P.  3.,,. 


Der  Leser  weiss,  dass  es  unsere  Ueberzeugung  ist,  dass  alle 
Fälle  von  Kindbettheber,  keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  dadurch 
entstellen,  dass  ein  zersetzter  Stoff  resorbirt  wird;  um  diese  Ueber- 
■/j mgnng  zur  allgemeinen  zu  machen,  veröffentlichen  wir  diese  Sei u 

Der  zersetzte  Stoff,  welcher  das  Kindbett  lieber  hervorbringt,  ent- 
steht aber  entweder  im  erkrankten  Individuum  selbst,  und  diese 
Fälle  nennen  wir  die  Selbstinfection,  und  diese  Fälle  können  nicht 
immer  verhütet  werden,  und  diese  Fälle  von  Selbstinfection  werden 
vorkommen,  so  lange  das  menschliche  Weib  gebären  wird. 

Aber  diese  Fälle  sind  so  selten,  dass  in  Folge  von  Selbstinfection 
nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  stirbt. 

Oder  der  zersetzte  Stoff  wird  den  Individuen  von  aussen  einge- 
bracht, und  von  aussen  her  können  die  Individuen  in  unbeschränkter 
Zahl  inficirt  werden,  die  Infection  von  aussen  kann  aber  durch  ent- 
sprechende Massregelu  verhütet  werden. 

Wenn  wür  nun  mit  dieser  nnserer  Ueberzeugung  die  Rapporte 
der  beiden  Kliniken  während  der  26  Jahre  ihres  Bestehens  prüfen. 
su  zeigt  si'h,  dass  nur  im  Jahre  1847  an  der  Hebammenschule  blos 
Selbst infectionsfälle  vurgi ki  mimen  sind,  weil  blos  im  Jahre  1847  Dicht 
rin<-  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  an  der  Hebammenschiile  starb. 
Während  in  den  übrigen  Jahren  an  beiden  Abtheilungen  lnfec.tioiis- 
fälle  von  aussen  in  grösserer  oder  geringerer  Ausdehnung  vorgekommen 
sind.  So  z.  B.  wurden  während  der  acht  Jahre,  wo  Schüler  und 
Schülerinnen  an  beiden  Abtheilungen  in  gleicher  Anzahl  vertheilt 
waren,  au  der  I.  Abtheilnug  23.066  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon 
sind  gestorben  1505,  und  obwohl  wir  an  der  l 'eberzenguug.  das.-»  in 
Folge  von  Selbstinfection  nicht  Eine  von  100  Wöchnerinnen  starb, 
festhalten,  so  nehmen  wir  blos  der  leichteren  Berechnung  wegen  an, 
dass  in  Folge  von  Selbstinfection  Eine  von  100  Wöchnerinnen  stirbt. 
Es  sind  demnach,  diese  Basis  angenommen,  von  den  23.006  verpflegten 
Wöchnerinnen  230  in  Folge  von  Selbstinfection  und  1275  in  Folge 
von  Infection  von  aussen  gestorben.  In  demselben  Zeitraum  worden 
an  der  II.  Abtheilung  13.095  Wöchnerinnen  verpflegt;   von  731  ver- 

benen  Wöchnerinnen  starben  130  in  Folge  von  Selbstinfection  und 
601  in  Folge  von  Infection  von  aussen.  Während  der  sechs  Jahre, 
■wo   die   I.   Abtheilung   Klinik    für   Aerzte    war,   und   keine   Chlor- 


Die  AirtioloL'ie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  «Irs  Kindbett  fiebere.        929 

Waschungen  geübt  wurden,  wurden  daselbst  verpflegt  20,042  Wöch- 
nerinnen: von  den  1989  verstorbenen  Wöchnerinnen  starben  200  in 
Folg«-  von  Selbstinfection,  und  1789  in  Folge  von  [niection  von  aussen. 
Während  desselben  Zeitraumes  starben  an  der  HebammenabtheiluiiL; 
vuii   17.791  Wöchnerinnen   091.  und  zwar  177  in  Folge  von  Selbst- 

rion  und  514  in  Folge  von  Infection  von  aussen.  In  den  zwölf 
Jahren  nach  Einführung  der  Chlorwa  schunden  starben  an  der  Klinik 
i  n  Aerzte  von  47.93*  \\  >«  linerinnen  1712,  und  zwar  479  in  Folge 
von  Selbstinfection  und  1283  in  Folge  von  Infection  von  aussen.  In 
demselben  Zeiträume  starben  an  der  Klinik  für  Hebammen  vmii 
4i» .700  Wöchnerinnen  1248.  nnd  zwar  407  in  Folge  von  Selbstinfection 
und  841  in  Folge  von  Infection  von  aussen,  Es  starben  mithin  von 
den  an  der  I.  Abtheilung  während  der  26  Jahre  ihres  Bestehens 
91.046  verpflegten  Wöchnerinnen  5206.  und  zwar  910  in  Folge  von 
Selbstinfection  und  4296  in  Folge  von  Infection  von  aussen.  In  dimi- 
selben  Zeitraum  starben  von  den  an  der  IL  Abtheilung  71.646  ver- 
pflegten Wöchnerinnen  2660,  und  zwar  71(5  in  Folge  von  Selbst- 
infection und  1944  in  Folge  von  Infection  von  aussen. 

Es  wurden  mithin  an  beiden  Ahthoilungen  Während  der  26  Jahre 
ihres  Bestehens  162.692  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  sind  gestorben 
7866.  und  zwar  1626  in  Folge  von  Selbstinfertil m  und  6240  in  Folge 
FOD  Infection  von  aussen.  Lud  in  dieser  Zahl  fehlen  die  Transferirten, 
uud  wie  gross  mag  die  Zahl  der  Kinder  gewesen  sein,  welche  durch 
ihre  Mütter  inncirt,  ebenfalls  an  Blutdissolution  starben? 

Wahrlich,  meiner  Hand  würde  die  Feder  entgleiten  bei  Constatirung 
eines  so  immensen  rngliiekes,  welches  in  dem  kurzen  Zeiträume  von 
26  Jahren  in  einem  einzigen  <ieli;ii  hause  sich  zugetragen,  wenn  mir 
nicht   die  Ueberzengung   Kraft   geben   würde,  dass  in  Folge  dieser 

ift  früher  oder  später  dieses  Unglück  aufhören  wird. 

Der  Leser  kann  der  eben  yegebenen  Tabelle  entnehmen,  dass  die 
Sterblichkeit  an  beiden  Abteilungen  während  der  8  Jahre,  in  welchen 
an  beiden  AhTheilungen  Schüler  und  Schülerinnen  in  gleicher  Zahl 
unterrichtet  wurden,  nicht  wesentlich  verschieden  war.  auf  der  f.  Ab- 
theilung;  starben    nämlich  6,-fl  P.-Antheil   und  an  der  IL  Abtheilung 

P.-Antheil,  es  ist  daher  die  Sterblichkeit  an  der  I.  Abtheilung 
nur  nm  0,M  P.-Antheil  grosser  gewesen,  während  der  Jahre  1834, 
1836  und  1838  war  aber  die  relative  Sterblichkeit  auf  der  II.  Ab- 
teilung sogar  grösser  als  in  denselben  Jahren  an  der  I.  Abtheiliing. 

Während  der  sechs  Jahre,  während  welcher  die  1.  AbtheHnng 
Klinik  für  Aerzte  war,  ohne  Chlorwaschuugen,  war  die  Sterblichkeit 
au  dieser  Abtlieiliinir  '.».,,,_,  P.-Antheil.  während  Alf  der  Hebammen- 
abtheilung  in  demselben  Zeit  räume  die  Sterbliehkeil  3«.  P.-Antheil 
betrag.  Es  war  mithin  in  diesem  Zeiträume  die  Sterblichkeit  an  der 
Klinik  für  Aerzte,  die  Transferirten  ungerechnet,  um  6.-.,  P.-Antheil 
grösser,  als  aal  der  Hebanmienabtheilung.  In  den  zwölf  Jahren  nach 
Kinfülirung  der  <1ilonvas< dnnigen  war  die  Sterblichkeit  an  der  Klinik 
tiu  Aerzte  '■>..,-  P.-Antheil,  und  in  demselben  Zeiträume  war  die 
Sterblichkeit  an  der  Abtheilung  für  Hebammen  3,0?  P.-Antheil.  Es 
war  mithin  in  diesen  zwölf  Jahren  die  Sterblichkeit  an  der  Klinik 
für  Aerzte  nur  um  0«,  P.-Antheil  grösser,  als  an  der  Abtheilung  für 
Hebammen,  aber  im  Jahre  1851  and  1862  war  die  absolute  Sterblich- 
keit an  der  Klinik  für  Hebammen  grösser,  als  in  denselben  Jahren 
au  der  Klinik  lür  Aerzte;  und  in  den  Jahren   1848,  1851.  1852,  1855 


330 


Semmeiwels'  Abhandinnejen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


un<l  1856  war  die  relative  Sterblichkeit  an  der  HebammenabtheiluuL' 
grösser  als  in  denselben  Jahren  an  der  Klinik  für  Aerzte. 

Die  Erklärung,  warum  in  den  acht  Jahren,  wahrend  welcher 
Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Abt  Heilungen  vertheilt  waren, 
die  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen  nicht,  wesentlich  verschieden 
war.  ja  die  relative  .Sterblichkeit  zwischen  beiden  Abtheilungen  sogar 
schwankte  :  die  Erklärung,  warum  in  den  sechs  Jahren,  in  welchen 
die  Schüler  nach  dem  Geschlechte  ohne  Chlorwaschungen  getrennt 
waren*  an  der  Klinik  für  Aerzte  die  Sterblichkeit  constant  im  Jahre 
1846  sogar  mehr  als  fünfmal  und  innerhalb  der  sechs  Jahre  durch- 
schnittlich mehr  als  dreimal  so  gross  war.  als  in  der  Hebammen- 
abtheilung;  die  Erklärung,  warum  in  den  zwölf  Jahren  nach  Ein- 
führung der  Chlorwaschungen  die  Sterblichkeit  wieder  an  beiden  Ab- 
theilungen nicht  wesentlich  verschieden  war,  ja  sogar  die  absolute  und 
relative  Sterblichkeit  zwischen  beiden  Abtheilungen  schwankte.  Diese 
Erklärung  ist  sehr  leicht  gegeben:  der  Leser  weiss,  dass  es  drei 
Quellen  gibt,  aus  welchen  der  zersetzte  Stoff  genommen  wird,  welcher 
den  Individuen  von  aussen  eingebracht,  das  Kindbettfieber  hervorbringt. 
So  lange  Schüler  und  Schülerinnen  au  beiden  Abtheilungen  vertheilt 
w:iren.  wurden  an  beiden  Abtheilnngen  aus  allen  drei  Quellen  inticiit. 

Es  konnte  daher  kein  wesentlicher  Unterschied  in  der  Grösse  der 
Sterblichkeit  der  beiden  Abtheilungen  sein,  und  je  nachdem  an  einer 
Abtheiluntr  mehr  oder  weniger  inficirt  wurden,  schwankte  die  relative 
'Sterblichkeit  zwischen  beiden  Abtheilungen. 

Der  Grund,  warum  in  diesem  Zeiträume  nicht  auch  die  absolute 
Sterblichkeit  zwischen  beiden  Abtheilungen  schwankte,  liegt  darin, 
dass  in  diesem  Zeiträume  jährlich  im  Durchschnitte  1246  Wöchnerinnen 
an  der  I.  Abtheilung  mehr  verpflegt  wurden;  es  wurden  mithin  an 
der  I.  Abtheilung  jährlich  beinahe  zweimal  so  viele  Wöchnerinnen  als 
an  der  II.  Abtheilung  verpflegt,  und  bei  gleicher  Infeetionsmöglichkeit 
muss  nothwendig  die  absolute  Sterblichkeit  an  derjenigen  Abtheilung 
grösser  sein,  au  welcher  für  die  Infection  eine  grössere  Anzahl  von 
Individuen  zur  Disposition  steht. 

Durch  Zuweisung  sä lnmtlicher  Schüler  der  I.  Abtheilung  floss  der 
zersetzte  Stoff,  welcher  seine  Quelle  in  der  Leiche  hat,  au  der  Klinik 
für  Aerzte  reichlicher  als  früher,  während  er  an  der  Klinik  für 
Hebammen  zum  Theile  versiegte,  und  daher  die  vermindert«  Sterb- 
lichkeit an  der  Klinik  für  Hebammen  um  2,,,,  P.-Antheil,  und  die 
ling  der  Sterblichkeit  an  der  Klinik  für  Aerzte  um  3.,«  P.-An- 
theil; die  Durchschnittszahl  der  alljährlich  mehr  an  der  Klinik  für 
Aerzte   verpflegten  Wöchnerinnen    beträgt   in    diesem  Zeiträume  375. 

In  den  zwölf  Jahren  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen 
minderte  sich  die  Sterblichkeit  an  der  Klinik  für  Aerzte  um  6,ss  P.- 
Antheil  und  an  der  Klinik  für  Hebammen  um  0LS  P.-Antheil,  und 
je  nachdem  an  der  einen  oder  der  anderen  Abtheilung  die  Infeethms 
fälle  von  aussen  strenger  oder  minder  streng  verhütet  wurden, 
schwankte  in  diesem  Zeiträume  die  absolute  und  relative  Sterblich- 
keit zwischen  beiden  Abtheilaugen,  die  Durchschnittszahl  der  mehr 
an  der  Klinik  für  Aerzte  in  diesem  Zeiträume  jährlich  verpflegten 
Wöchnerinnen  beträgt  598.  Der  Leser  sieht,  dass  die  glückliche  Zeit 
des  Wiener  Gebärhauses,  wo  innerhalb  25  Jahren  nicht  eine  Wöch- 
nerin von  100  Wöchnerinnen  starb,  durch  die  Einführung  der  Chlor- 
waschungen nicht,  wiedergekehrt  ist.    l'nd  diese  glückliche  Zeit  wir! 


Die  Aetiologie,  <ler  Begriff  und  die  PnpfylttU  des  Kindbettliebera.        331 


im  Wiener  (ieli.iiliau.se  und  iü  allen  Gebärhäusern,  WO  ähnliche  Ver- 
hältnisse herrschen,  in  so  lauge  nicht  wiederkehren,  bis  nicht  du  ran 
mir  erbetene  Gesetz  durch  die  Regierungen  in  Kraft  tritt  dass  es 
iedem  ein  Gebärhaus  Besuchenden  bei  strafe  der  Ausschliessung 
geradezu  verboten  wird,  sich  wahrend  der  Zeit  seines  Studiums  im 
Gebärhause  mit  Dingen  zu  beschäftigen,  welche  geeignet  sind,  eine 
Infection  hervorzurufen. 

Mir  wird  der  Leser  gewiss  glauben,  dass  ich  gethau,  was  nur 
immer  möglich  war.  um  alle  Fälle  von  Infection  von  aussen  zu  ver- 
hüten, und  es  ist  mir  nicht  gelungen,  denn  ich  verlor  im  Jahre  1848, 
wo  das  ganze  Jahr  hindurch  von  mir  die  Chlorwaschungen  so  streng 
wie  nur  möglirli  beaufsichtiget  wurden,  von  3556  Wöchnerinnen  4.Y 
folglich  sind  selbst  die  nicht  wahre  Basis  angenommen,  dass  eine 
Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  in  Folge  von  unverhütbarer  Selbst- 
infection  stirbt,  noch  immer  10  Fälle  in  Folge  verhütbarer  Infection 
von  aussen  vorgekommen.  Im  Jahre  1847,  wo  Mitte  Mai  die  Chlor- 
Waschungen  eingeführt  wurden,  starben  von  den  3490  an  der  Klinik 
für  Aerzte  verpflegten  Wöchnerinnen  176.  und  zwar  34  in  Folge  von 
fielbfttinfection  und  142  in  Folge  von  Infection  von  aussen. 

Und  dass  nach  mir.  obwohl  <li<-  Sterblichkeit  sich  um  6.SÖ  P.-An- 
theil  minderte,  doch  sehr  zahlreiche  verhütbare  lnfectionsfälle  von 
aussen  vorgekommen  sind,  findet  seine  Erklärung  darin,  dass  alle  an 
beiden  Abtheilungen  officiell  fungirenden  Aerzte  Gegner  meiner  Ueber- 
zeugung  waren,  und  sind. 

.Mein  Nachfolger  in  der  Assistenz,  Carl  Braun,  hat  gegen  mich 
geschrieben,  während  seiner  fünfjährigen  Assistenz  in  den  Jahren 
1849 — 1853  wurden  an  der  Klinik  für  Aerzte  20,48!»  Wöchnerinnen 
verpflegt,  davon  sind  gestorben  527,  also  204  in  Folge  unverhUtbarer 
Selbst  infection  und  323  in  Folge  verhütbarer  Infection  von  aussen. 

Im  Jahre  1858.  in  welchem  Carl  Braun  als  Professor  an  der 
Klinik  für  Aerzte  zu  fnngiren  begann,  wurden  4203  Wöchnerinnen 
verpflegt,  davon  starben  86,  also  42  in  Folge  von  Selbstinfection  und 
44  in  Folge  von  verhütbarer  Infection  von  aussen. 

Gustav  Braun.  Carl  Braun's  Bruder  und  Nachfolger  in  der 
Assistenz,  hat  zwar  seine  Stimme  öffentlich  noch  nicht  erhoben,  aber 
die  400  Todten  im  Jahre  1854  verkünden  lauter  als  eine  Stentorstimme, 
welch  ein  tüchtiger  Epidemiker  er  ist.    0  Michaelis  1  0  Michaelis!!! 

In  den  vier  Jahren  1854—1857,  in  welchen  Gustav  Braun  an 
der  Klinik  für  Aerzte  als  Assistent  und  als  supplirender  Professor 
fungirte.  wurden  16.197  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  sind  gestorben 
«^78.  und  zwar  161  in  Folge  von  Selbstinfeetion  und  717  in  Folge 
von  verhütbarer  Infection  von  aussen. 

Was  die  Hebammenklinik  anbelangt,  so  wurden  die  Chlor- 
waschungen,  so  lange  ich  als  Assistent  fungirte.  dort  nicht  eingeführt ; 
aus  einer  Stelle  in  Carl  Braun's  Oppositionsschrift  gegen  mich  geht 
hervor,  dass  nach  mir  die  ChlorwuM-hungen  auch  dorr  eingeführt 
winden,  mit  welcher  Gewissenhaftigkeit  aber  die  Chlorwaschungen  an 
der  Hebammenschule  in  Anwendung  gezogen  wurden,  geht  daraus 
hervor,  dass  sich  die  Sterblichkeit  in  den  letzten  zwölf  Jahren  nur 
um  0-,  P.-Antheil  minderte. 

Und  zwar  ganz  natürlich,  die  Aerzte  der  Hebammensrhule 
konnten  unmöglich  von  den  Aerzten  der  I.  Klinik  lernen,  wie  man 
das  Puerperalfieber  verhindern  kann,  denn  die  Aerzte  der  Hebammen- 


332  Semmelweis*  Abhamlluutren  and  Werk  über  clits*  Kiudbettiieber. 


dieser  Unterschied  dadurch  be- 
der  aus  der  Quelle,  welehe  dei 
sechs  Jahren   an  der  I.  Klinik 


schule  haben  ja  durch  sechs  Jahre  bewiesen,  dass  sie  das  Puerperal- 
fieber zu  verhüten  besser  verstehen,  als  die  Aerzte  der  1.  Klinik. 
denn  sie  haben  durch  sechs  Jahre  eine  dreimal  kleinere  Sil JrbÜCfl- 
keit  gehabt 

Die  eben  gegebene  Tabelle  zeigt,  dass  an  den  beiden  Abtheilungen 
wahrend  der  26  Jahre  ihres  Nebeneinunderbeatehens  durch  80  Jahre 
die  Sterblichkeit  an  beiden  Abteilungen  gleich  war.  und  zwar  war 
die  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen  durch  acht  Jahre  gleich 
gross  und  dnreh  zwölf  Jahre  gleich  klein,  und  nur  durch  sechs  Jahre 
war  i  in  greller  Unterschied  in  der  Sterblichkeit  zu  Ungunsten  der 
I.  Klinik,  Wir  haben  gezeigt,  dass 
dingt  war,  dass  der  zersetzte  Stoff, 
Cadaver  darstellt,  Häesst,  in  diesen 
durch  Zuweisung  sämmtlicher  Schüler  reichlicher  geflossen  ist,  als  an 
der  II.  Klinik,  dass  demnach  das  Plus  der  Sterblichkeit  an  der 
[,  Klinik  im  Vergleich  zur  II.  Klinik  in  diesen  sechs  Jahren  in  den 
Cadavertfteüen  zu  suchen  ist,  mit  welchem  die  Hände  der  an  li 
I.  Abtheilung  Untersuchenden  verunreiniget  waren. 

Nachdem  ich  den  Leser  mit  der  Thatsache  bekannt  gemacht 
habe,  dass  das  Plus  der  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  während  sechs 
Jahren  im  Vergleiche  zur  IL  in  den  ("adavertheilen  begründet  war, 
mit  welchen  die  Hände  der  an  der  L  Klinik  Uiitersuclu.-nd»-n  verun- 
reiniget werden,  wollen  wir  wieder  zu  Scanzoni  zurückkehren.  Scao- 
zonisagt:  „Nicht  umhin  Rönnen  wir  hier  darauf  aufmerksam  machen, 
dass  ein  Grund  der  so  häufigen  und  bösartigen  Erkrankungen  der  In 
grösseren  Gebaranstalteu  verpflegten  Wöchnerinnen  wohl  auch  in  der 
Angst  und  Besorgniss  zu  suchen  ist,  mit  welcher  sie  ein  Haus  be- 
treten, von  dem  es  ihnen  bekannt  ist,  dass  es  alljährlich  ein  grosses 
(  iiiiringent  an  Todten  stellt. 

So  wurde  uns  mehrseitig  versichert,  dass  im  Wiener  Gebärhause, 
wo  die  Aufnahme  in  den  beiden  Abheilungen  von  24  zu  21  Stunden 
wechselt,  die  Schwangeren  nnd  Kreissenden,  we  es  nur  halbwegs  an- 
ging, sich  ni«-ht  früher  zur  Aufnahme  meldeten,  als  bis  die  Stunde 
für  die  Aufnahme  in  die  /.weite,  zum  Unterrichte  für  die  Hebammen 
bestimmte  Abtheilung  schlug,  zum  Theile  vielleicht  deshalb,  um  sich 
dem  auf  der  I.  Abtheilunir  den  Studirenden  ertheilten  Unterrichte  zu 
unterziehen,  mehr  aber  wohl  aus  dem  Grunde,  weil  es  allgemein  be- 
kannt ist.  dass  der  öeeundheitezustand  der  in  dieser  letztgenannten 
Abtheilung  verpflegt en  Wöchnerinnen  im  Allgemeinen  ein  ungleich 
ungünstigerer  ist.  Erlauben  es  aber  die  Umstände  nicht,  die  ersehnte 
Stunde  abzuwarten,  so  kann  man  sich  denken,  mit  welchen  Gefühlen, 
mit  welcher  Angst  die  Kreissende  die  Anstalt  betritt,  und  berib-k- 
sichtigt  man  noch.  dftfiS  sie  kaum  angelangt,  sich  zum  Untersuchung  - 
und  Beobachtnngsobjecte  einer  grüsseren.  nicht  immer  mit  dem  gr&ssten 
Zartgefühle  vorgehenden  Anzahl  männlicher  Individuen  hergeben 
muss,  so  wird  man  uns  wühl  keine  Ungereimtheit  vorwerfen,  wenn 
wir  in  diesem  Umstände,  eine  der  Ursachen  gefunden  zu  haben 
glauben,  welche  die  nicht  zu  läuguende  Differenz  in  den  Mortaliräts- 
verhältnisseii  der  angeführten  zwea  Gratisabtheilungen  bedingt!!-  Scan- 
zoni hat  allerdings,  eine  Ungereimtheit  behauptet,  wenn  er  in  \\^r 
Furcht  der  Individuen  eine  der  Ursachen  fand,  «reiche  das  Plus  der 
Sterblichkeit  an  der  I.  Gebärklinik  im  Vergleich  zur  IL  hervorgebracht 
haben,   die   eben  gegebene  Tabelle  hat  etwas  Anderes   gelehrt,   die 


I>ie  Aotiolüjfie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettüebon.        333 

Individuen  haben  sich  allerdings  vor  der  I.  Klinik  gefürchtet,  wie  wir 
dies  selbst  in  dieser  Schrift  Seite  117,  Zeile  10  von  unten  erzählten. 
Aber  in  Folge  der  Furcht  ist  kein  einziges  Individuum  am  Puerperal- 
fieber gestorben.  Die  Je  rem  i  ade,  die  Scauzoni  über  die  I.  Klinik  in  Wien 
anstimmt,  passf  Wort  für  Wort  auch  auf  die  Klinik  für  Aerzte  in 
Prag,  und  wenn  das  Prager  Gebärhans  keine  solche  Tabelle  aufzu- 
weisen  hat.  wie  wir  unter  Tabelle  Nr.  I.  Seite  100,  wob  dem  Wiener 
Gebärhaus  veröffentlichten,  so  liegt  der  Grund  nicht  darin,  dass   in 

Klinik  für  Aerzte  zu  Prag  nicht  bedeutend  zahlreichere  Tod» .'stalle 
vorgekommen  wären,  als  an  der  Klinik  für  Hebammen,  und  zwar  be- 
dingt dadurch,  dass  an  der  Klinik  für  Aerzte  zu  Prag  aus  der  Quelle, 
welche  der  Cadaver  darstellt,  häufigere  Infectionen  geübt  wurden,  als 
aus  derselben  Quelle  an  der  Klinik  der  Hebammen,  sondern  der 
Grund  liegt,  wie  wir  schon  einmal  nachgewiesen,  in  den  an  der  Klinik 
für  Aerzte  zu  Prag  regelmässig  vorgenommenen  Tran sferirun gen  er- 
krankter Wöchnerinnen,  wodurch  der  diflerente  Gesundheitszustand 
der  beiden  Kliniken,  und  zwar  zu  Ungunsten  der  Klinik  für  Aerzte 
nicht  in  die  Erscheinung  treten  konnte. 

Wer  wagt  es  zu  leugnen,  dass  dieselben  Ursachen  in  Wien,  in 
Strassburg  und  Prag  nicht  dieselben  Folgen  hatten  in  Prag,  welche 
Folgen  selbe  in  Wien  und  Strassburg  hatten? 

In  der  Aufzählung  der  aetiologischen  Momente  des  Kindberttiebers 
fortfahrend  sagt  Scanzoni:  ..Von  vielen  Seiten  werden  Diätfehler,  wie 
z.  B.  Erkältungen,  der  Genuss  schwer  verdaulicher  Speisen,  erhitzender 
Getränke  U.  S.  w.,  als  hervorragende  Ursachen  der  puerperalen  Er- 
krankungen angesehen.  Wir  wollen  die  Möglichkeit  einer  derartigen 
Entstehungsweise  des  Puerperalfiebers  keineswegs  in  Abrede  stellen; 
doch  ist  der  EinHuss  der  genannten  Schädlichkeiten  gewiss  nur  ein 
untergeordneter 

Wir  läuguen  auch  die  Möglichkeit,  dass  Puerperalfieber  in  Folge 
dieser  Schädlichkeiten  entstehen  könne,  weil  durch  diese  Schädlich- 
keiten den  Individuen  weder  ein  zersetzter  Stoff  von  aussen  eingebracht 
wird,  noch  entsteht  in  Folge  dieser  Schädlichkeiten  ein  zersetztet 
Stoff  in  den  Individuen. 

Schliesslich,  sagt  Scanzoni.  ,.wollen  wir  noch  die  Ansichten  be- 
leuchten, welche  über  die  Ursache  des  so  unverhältnissmässig  häutigen 
und  bösartigen  Auftretens  der  Puerperalfieber  in  Gebäranstalt  in 
herrschen," 

Bevor  wir  jedoch  zu  diesen  Ansichten  tibergehen,  dürfte  es  zweck- 
mässig  sein,  hier  meine  Ansicht  über  diesen  Gegenstand  auszusprechen, 
und  zu   diesem  Zwecke  bitte  ich  den  Leser,  sich  recht  deutlich  zu 

gegenwärtige  it.  was  im  Wiener  Gebärhnnse  vor  Einführung  der 
("hlurwaschungen  geschah:  dort  befanden  sich  4*2  Schüler,  welche  sich 
vermöge  des  Systems,  nachdem  sie  zu  Aerzten  erzogen  wurden,  die 
Hände  sehr  häutig  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen  musstec.  und 
weil  sie  von  Niemanden  gewarnt  wurden,  so  untersuchten  sie  auch  mit 
von  zersetzten  Stuften  riechenden  Händen  die  10  bis  30  Individuen, 
welche  ihnen  täglich  im  Gebärhause  als  Kelehrungsobjecte  zur  Dis- 
position standen,  und  da  ausserhalb  der  liebärhäuser  nie  Gelegenheit 
ist,  sich  sn  regelm&asig  die  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  zu  verun- 
reinigen, und  wenn  die  Hand  ausserhalb  der  Gebärhäuser  mit  z.r 
setzten  Stoffen  verunreiniget  wird,  so  hat  doch  diese  Hand  ausserhalb 
des  Gebärhauses  keine  Gelegenheit,  nacheinander  10  bis  30  Individuen 


:;84 


SemraelweiB'  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


zu  unrei-suchen.  Und  wenn  nun  der  Leser  vom  Wiener  Gebärhause 
einen  Schluss  auf  die  übrigen  Gebärhäuser,  in  welchen  ähnliche  Ver- 
hältnisse herrschen,  macht,  so  hat  der  Leser  die  Ursache  des  so  ver- 
bUtttisamlBaig  häutigen  und  bösartigen  Auftretens  des  Puerperalfiebers 
in  Gebäranstalten. 

äcanzoni  glaubt,  die  Ursache  des  so  verhältnismässig  häufigen 
und  bösartigen  Auftretens  des  Puerperalfiebers  in  Gcbaranstalten  sei 
im  Puerperalmiasma  begründet.  Wir  haben  an  der  betreuenden 
.stelle  dieser  .Schritt  erklärt,  dass  allerdings  ein  zersetzter  Stoff  in 
der  atmosphärischen  Luft  des  Wochenzimmers  schweben  kann,  und 
dass  dadurch  das  Puerperalfieber  entstehen  könne,  wenn  die  so  yer- 
iinivinigte  Luft  in  die  iTtdiürmntterhöhle  eindringt,  haben  aber  zu- 
gleich behauptet,  dass  es  ein  Puerperalmiasma  in  dein  Sinne,  wie  es 
bisher  genommen  wurde,  nicht  existire,  und  haben  als  überzeugenden 
Beweis  den  Erfolg  der  Chlorwaschungen  angefahrt;  denn  Chlor- 
waschungen der  Hände  im  Kreissezimmer  geübt,  hätten  erfolglos 
bleiben  müssen,  wenn  i\as  Puerperalfieber  durch  ein  Miasma  bedingt 
gewesen  wäre,  welches  siel  in  dem  Wochenzimmer  entwickelt  Wir 
haben  sehr  zahlreiche  Tabellen  censt  ririrt.  um  zw  beweisen,  »lass  die 
Ceberfüllnng  eines  Gebärhauses  nicht  im  iirsäehlh dien  Zusammenhange 
stehe  mit  den  sich  in  demselben  (icbärhause  ereigneten  Todesfällen, 
uiiii  glauben  mit  Recht,  dass  dieselben  Tabellen  sogleich  beweisen, 
dass  die  Ansicht  falsch  ist.  welche  glaubt,  dass  sich  ein  Puerperalmiasma 
beim  Vorhandensein  einer  gewissen  Anzahl  von  Wöchnerinnen  entwickeln 
müsse,  lud  um  nicht  Wasser  in  die  Donau  7.n  tragen,  wollen  wir 
nur  auf  das  eine  Factum  hindeuten,  dass  die  fünf  ungfmstigten  Monate 
innerhalb  97  Monaten  ander  I.  Gtebärklinik  solche  waren,  wo  weniger 
Wöchnerinnen  ferpflegt  wurden,  als  in  den  zwei  günstigsten  Monaten 

rhalb  dieser  97  Monate,  wo  an  der  1.  Gebärklinik  gar  keine 
Wöchnerin  starb  (siehe  Tabelle  XXXVI.  Seite  230).  Dieses  Factum 
gibt  der  Gefährlichkeit  der  Leberfullwig  und  der  Existenz  des  Pner- 
peralmiasiiiiis  den  Todesstuss. 

Zum  Ueberfluss  wollen  wir  die  Gründe,  welche  Scanzoni  für  die 
Existenz  des  Puerperaliniasina.s  aufzählt,  widerlegen.  Für  die  Kxistmz 
des  ruci|irialuiiastnas  spricht  nach  Scanzoni  der  Umstand,   „da« 

häranstalt  ungewöhnlich  häufige  Erkranknngen  vorkommen, 
während  die  in  derselben  Stadt  und  der  Umgebung  entbundenen 
Frauen  sieh  eines  guten  Gesundheitszustandes  erfreuen."  Der  I 
weiss,  dass  die  Irsache  dieser  Erscheinung  darin  liegt,  dass  in-  und 
ausserhalb  der  Gehäi diauser  nicht  immer  gleichzeitig  inficirt  wird, 
„dass  die  abnorme  Häufigkeit  der  Erkrankungen  sehr  oft  mit  einer 
allzugrossen  Fe b erfüll  mag  der  Wochenziinmer  zusammenfällt"  Auch 
li.i  überfüllten!  Gebärhause  wird  inficirt.  ^Dass  sie  vorzüglich  in 
den  Wintermonaten  beobachtet  wird,  wo  die  Erneuerung  der  Luft  in 
den  Krankensälen  aof  grössere  Schwierigkeiten  at&asi.*  Weil  in 
Winter  die  Schüler  sich  mehr  mit  Dingen  beschäftigen,  welche  ihre 
EFände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen,  als  im  Sommer,  und  es 
wurde  sicii  der  Main-  lohnen,  die  Schwierigkeiten,  welche  der  Er- 
neuerung der  Luft  in  den  Krankensälen  entgegenstehen,  zu  über- 
winden, wenn  das  die  Ursache  so  zahlreicher  Erkrankungen  ist. 
„J)aa  gerade  nur  die  tu  gewissen  Zimmern  befindlichen  Wöchnerinnen 
erkranken."  Wenn  15  oder  20  Individuen  nacheinander  auf  dem 
Kreissezimmer  inficirt  werden,    so  füllen   diese  Individuen  schon   ein 


Die  Ätiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        335 


Wochen zimmer  aus,  in  welchem  selbe  dann  erkranken.  Und  wenn 
Scanzoni  endlich  sagt,  dass  an  mehreren  Orten  durch  das  Beziehen 
eines  neuen,  -  ranmigen,  zweckmässig  eingerichteten  Hauses,  durch 
t-ine  sorgfältige  Ueberwachung  der  Pflege  der  ~\\  öchnerinnen,  und  der 
Reinhaltung  des  Zimmers  und  der  verschiedenen  Utensilien  ein 
günstigerer  Gesundheitszustand  erzielt  wurde,  so  sind  wir  mit  ihm 
-tlir  einverstanden,  vorausgesetzt,  dass  Scanzoni  zu  den  rein  zu 
haltenden  Utensilien  auch  den  untersuchenden  Finger  zählt,  wo  nicht, 
so  glauben  wir,  dass  in  dem  neuen  Gebäude  das  Puerperalfieber  fort- 
untlien  wird,  wie  uns  das  vom  Strassburger  Gebärhaus  bekannt  ist. 

Wenn  Scanzoni  sagt,  dass  der  Hospitalbrand,  der  Typhus,  die 
Dysenterie  durch  Miasma  entstehen,  folglich  anch  das  Puerperalfieber, 
weil  eine  verhältnissmässig  grosse  Anzahl,  meist  der  armen  (lasse 
aii-i  li  Uiger,  die  Reinhaltung  ihres  Körpers  in  der  Regel  vernach- 
lässigender Frauen  im  Wochenzimmer  untergebracht  sind,  in  welchem 
die  Luft  durch  die  ununterbrochene  Secretion  der  Lochien,  durch  die 
daselbst  stattfindenden  rOxcre.tionen  der  Mütter  und  Kinder  verun- 
reiniget wird,  so  lassen  wir  uns  in  keine  Erörterung  über  die  Ent- 
stehung des  Hospitalbrandes,  des  Typhus  und  der  I  »y.senterie  ein. 
glauben  aber,  dass  diese  Umstände  kein  Puerperalmiasma  erzeugen, 
weil  alle  diese  Imstande  an  der  I.  Gebarklinik  zu  Wien  im  Jahre  1848 
vorhanden  waren,  und  sich  doch  kein  Puerperalmiasma  entwickelt 
bat)  denn  wir  verloren  nur  45  Wöchnerinnen. 

Wenn  Scanzoni  aber  sagt,  äaee  sich  in  dem  Zimmer  eine  oder 
mehrere  bereits  erkrankte  Wöchnerinnen  befinden  können,  welche 
durch  den  oft  unterbrochenen  Ausflnss  jauchiger,  übelriechender 
Secrete  ans  den  Genitalien  die  Luft  verunreinigen,  so  Bind  wir  mit 
ihm  vollkommen  einverstanden,  wenn  er  glaubt,  dass  dadurch  bei  den 
Gesunden  das  Puerperalfieber  erzeugt  werden  könne,  nur  glauben  wir 
nicht,  dass  ein  so  entstandenes  Puerperalfieber  miasmatischen  Ur- 
sprungs sei. 

Natürlich,  sagt  Scanzoni,  steigern  sich  diese  Nachtheile  mit  der 
Menge  der  in  einem  Zimmer  untergebrachten  Kranken,  und  wir 
kennen  kein  widersinnigeres,  ja  straf  würdigeres  Gebahren,  als  wenn 
Verstände  von  fiehäranstalten  eigene  Gemächer  zur  Aufnahme  der 
erkrankten  Wöchnerinnen  bestimmen,  wo  sie  an  einander  gehäuft,  den 
Einwirkungen  einer  wahrhaft  verpesteten  Luft  ausgesetzt  sind. 

Wir  kennen  Vorstande  von  Gebäranstalten,  welche  ein  wider- 
sinnigeres, ja  strafwürdigeres  Gebahren  beobachten,  und  das  sind  jene 
Versande  von  Gebäranstalten,  zu  welchen  auch  Scanzoni  zählt,  die 
durch  ihre  widersinnige,  ja  strafwürdige  Opposition  gegen  meine  Lehre 
sich  in  die  Notwendigkeit  setzen,  viele  kranke  Wöchnerinnen  unter- 
bringen zu  müssen,  während  bei  Beobachtung  meiner  Lehre  die  Räume 
zur  Unterbringung  kranker  Wöchnerinnen  bestimmt,  sehr  wenig  be- 
völkert sein  würden. 

Scanzoni  sagt  am  Schlüsse  seiner  Abhandlung  über  die  Ätiologie 
des  Kindbettfiebers:  „Aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  dass  wir  den 
miasmatischen  EinHuss  iiir  denjenigen  halten,  welcher  in  Gebär- 
anstaltea  seine  mörderische  Kraft  so  häufig  entfaltet,  wobei  wir  jedoch 
besonders  hervorheben  müssen,  dass  auch  hier  atmosphärische  oder 
anders  ausgedrückt  epidemische  Einwirkungen  nicht  gelängnet  werden 
können,  wofür  wir  nur  in  Kürze  anführen  wollen,  oasfl  die  häufigen 
Erkrankungen  in  Gebailiausern  nicht  selten  mit  ausserhalb  derselben 


336 


SemmelweLs'  Abhandlungen  und  Werk  \iber  das  Kindbettti-- 


umsehenden  Puerperalepideuiieu  zusammenfallen,  der  letzteren  ent- 
sprechend zu-  und  abnehmet))  und  wie  wir  dies  wiederholt  beobachteten, 
nicht  selten  mit  dem  Eintritte  eines  plötzlichen  Witterungswechsels 
'Min  sonstiger  atmosphärischen  Veränderungen  bei  sonst  gleichge- 
bliebenen localen  Verhältnissen  ebenso  plötzlich  aufhören!!  Die 
mörderische  Kraft  in  Qebäranstalten  finden  wir  nicht  wie  scanzoni 
im  Puerperalmiasma.  sondern  im  zersetzten  Stoff,  und  dass  dem  so 
ist,  können  wir  dadurch  beweisen,  dass  wir  selbst,  von  den  Er- 
fahrungen Anderer  gar  nicht  zu  sprechen,  an  drei  Anstalten  diese 
mörderische  Kraft  getroffen  haben,  nicht  durch  Massregeln,  gerichtel 
gegen  das  Puerperalmiasma.  sondern  durch  Hassregeln,  gerichtet 
gegen  den  zersetzten  .Stoff.  Wenn  Scanzoni  die  mörderische  Kraft  in 
den  Gebäranstalten  im  Puerperalmiasma  begründet  findet,  so  stempelt 
er  sich  selbst  und  alle  Vorstände,  in  deren  Gebäranstalten  data  J'm  1- 

Imiasma  seine  mörderische  Kraft  entfaltet,  zu  Verbrechern,  denn 
es  wäre  ihre  heiligste  Pflicht  gewesen,  die  Entwicklung  des  Puer- 
peralmiasmas  zu  verhindern,  oder  das  trotzdem  entwickelte  Miasma 
wieder  zu  zerstören.  Die  ßebärhäuser  sind  wahre  vom  Staate  unter- 
haltene Mörderhöhlen  nicht  nur  dann,  wenn  das  Puerperalfieber  con- 
tagiös  ist,  die  Gebärhäuser  sind  wahre  vom  Staate  unterhaltene 
Mörderhöhlen  auch  dann,  wenn  das  Puerperalfieber  miasmatischen  Ei- 
sprunges ist.  wenn  das  Puerperalfieber  durch  Infection  entsteht.  Wir 
sind  der  l/eberzeugung,  dass  das  Puerperalfieber  nie  anders,  als  durch 
Infection  entsteht,  dieser  Ueberzeugung  entsprechend,  tluin  wir  seit 
1847  alles  was  in  unseren  Fähigkeiten  liegt,  um  die  Gebärhäuser  auf- 
hören zu  machen,  wahre  .YL"u -derhühleu  zu  sein.  Und  wenn  Scanzoni 
im  Puerperalmiasma  die  mörderische  Kraft  in  den  Gebärhäusern  be- 
gründet findet,  und  trotzdem  mit  keiner  Silbe  erwähnt,  wie  man  die 
Entwicklung  des  Puerperalmiasmas  verhindern,  oder  wie  man  das 
entwickelte  Puerperalmiasma  zerstören  soll,  so  zeigt  das  nur  von  der 
Gedankenlosigkeit,  mit  welcher  Scanzoni  über  Dinge  schreibt,  die  i r 
nicht  versteht. 

Wem)  Scanzoni  dadurch,  dass  den  häufigen  Erkrankungen  in  Ge- 
biirhäusern  manchmal  eine  Epidemie  ausserhalb  der  Gebärhäuser  ent- 
Bpriehtj  den  Beweis  führen  will,  dass  nebst  dem  Puerperalmiasma 
auch  etwas  Epidemisches  unterläuft,  so  theilen  wir  diese  Ausloht 
nicht,  und  erklären  vielmehr  die  zahlreichen  Erkrankungen  in-  und 
ausserhalb  der  Gebärhäuser  dadurch,  dass  die  Individuen  in-  und 
ausserhalb  der  ßebärhäuser  gleichzeitig  inficirt  werden. 

Wenn  Scanzoni  sogar  wiederholt  beobachtet  haben  will,  dass  die 
Epidemien  in-  und  ausserhalb  des  Gebärhauses  entsprechend  ab-  und  zu- 
nehmen, so  begreifen  wir  nicht,  wie  eine  solche  Beobachtung  möglich 
ist,  da  doch  gewiss  Niemand  Scanzoni  Zahlen-Rapporte  über  das  ausser- 
halb des  Gebärhauses  vorkommende  Kindbettfieber  eingesendet  hat, 
und  endlich  glaubt  Scanzoni  auch  das  als  Beweis  anführen  zu  können. 
dass  nebst  dem  Miasma  auch  etwas  Epidemisches  bei  Puerperal- 
Epidemien  im  Spiele  sei.  das  bei  Eintritt  eines  plötzlichen  Witterungs- 
wechsels oder  sonstiger  atmosphärischer  Veränderungen,  das  beisst, 
wenn  der  kalte  Winter  aufhört  und  mit  dem  Frühjahr  die  Landpartien 
der  Studenten  beginnen,  dass  bei  sonst  gleichgebliebenen  localen  Ver- 
hältnissen die  Epidemie  aufhört,  dass  wegen  geänderter  Jahreszeit  die 
mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigten  Hände  seltener  werden,  ist 
natürlich  ein  keiner  Beachtung  weither  Gegenstand. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttieber*.        337 


Die  Frage,  ob  das  Puerperalfieber  eine  contagiöse  Krankheit  sei 
oder  nicht,  beantwortet  Scanzoni  mit  Neifi.  und  mit  diesem  Nein  sind 
wir  einverstanden,  Scanzoni  sagt:  „Alle  ttie  Gründe,  welche  die  Vn  - 
theidiger  der  Contagiosität  des  Puerperalfiebers  zu  Gunsten  ihrer  An- 
lt  vorbrachten,  sind  entweder  nicht  nachgewiesen,  oder  sie  sprechen 
nur  für  die  Existenz  einer  miasmatischen  oder  epidemischen  Ent- 
stehungsweise dieser  Krankheit,  oder  lassen  endlich  auch  noch  die 
Annahme  zu,  dass  ein  deletärer  Stotf:  Eiter,  Jauche,  u.  8.  w.  von 
einer  kranken  Wöchnerin  in  den  Organismus  einer  gesunden  einge- 
bracht wurde,  lind  so  eine  allgemeine  Bluterkrankung  hervorrief,  wo 
jedoch  gewiss  Niemaud  von  einem  eigentlichen  Contagium  wird 
sprechen  können." 

Wh  halieu  nachgewiesen,  dass  das  Puerperalfieber  weder  mias- 
matischen noch  epidemischen  Ursprunges  sei,  sondern  dass  es  in  allen 
Fällen  durch  die  Resorption  eines  deletäreu  Stolfes  entstehe,  und  zu 
den  Quellen,  woher  der  deletäre  Stoff  genommen  wird,  gehören  aller- 
dings auch  Wöchnerinnen,  welche  einen  deletären  Btolf  erzeugen. 

Scanzoni  sagt:  „Was  die  letztgenannte  Art  der  Entstehungsweise 
des  Puerperalfiebers,  nämlich  die  eiterige  oder  jauchige  Infection  des 
Blutes  durch  in  den  Organismus  eingebrachte  deletäre  Stoffe,  anbe- 
langt, so  haben  in  neuester  Zeit  Semmel  weis  und  Skoda  die  Aufmerk- 
samkeit des  ärztlichen  Publicums  auf  diesen  Gegenstand  gelenkt, 
indem  sie  behaupteten,  dass  das  so  ungünstige  SterMscnkeitsverhältniss 
auf  der  ersten  geburtshilflichen  Klinik   zu   Wihi  nur  durch  den  1 3m- 

I  bedingt  sei,  dass  die  daselbst  prakticirenden  Aerzte  sich  kurz 
wir  den  Untersuchungen  der  Schwangeren  und  Kreissenden  in  der 
Leichenkammer  aufhalten,  und  so  zur  rehert.ru  gung  verschiedener, 
ihren  Händen  anklebender  deletärer  Stoffe  in  die  Genitalien  der 
Untersuchten  Veranlassung  geben.  Wir  waren  der  Erste,  der  die 
Richtung  dieser  Behauptung  in  Zweifel  zog.  uns  schlossi.-n  sich  .später. 
wenigstens  in  den  wesentlichsten  Punkten.  Sfl(j  fei  t.  Kiwisch.  Lumpe 
und  Zipfl  an,  und  auch  in  Paris  fand  die  von  Arneth  in  der  Akademie 
publicirte  Entdeckung  von  Semmelweis  keinen  Beifall.  Es  wurde  uns 
zu  weit  führen,  hier  alle  (Münde  geltend  zu  machen,  welche  der  An- 
sicht des  letztgenannten  Arztes  entgegentreten,  und  wir  begnügen  uns 
daher,  mit  Hinweisung  auf  die  betreuende  Literatur  blos  zu  bemerken. 
dass  wir  die  Möglichkeit  einer  derartigen  fnfeetion  lin  einzelne  Fälle 
nicht  in  Abrede  stellen  wollen,  dass  man  aber  jedenfalls  zu  weit  ge- 
gangen ist.  wenn  man  die  Häufigkeit  und  Bösartigkeit  der  puerperalen 
Erkrankungen  in  Gebärunstalteii  einzig  und  allein  auf  diesem  Wege 
piklaren  zu  können  glaubte." 

Wahrlich,  es  erregt  mein  ganzes  Mitleid,  wenn  ich  sehe,  wie 
Boanzoni  in  seiner  selbstverschuldeten  Unwissenheit  sich  ganz  naiv 
noch  im  Jahre  1853  auf  eine  Schrift  beruft,  in  welcher  er  gegen 
meine  Lehre  über  die  Entstehung  und  Verhütung  des  Kindbettfiebers 
ankämpft,  in  der  er  aber  die  Hebärhänser  nur  deshalb  von  dem  Vor- 
wurfe, dass  >;imnitlirlie  «iebärhäuser  wahre,  vom  Staate  unterhaltene 
Mörderhöhleii  seien,  freispricht,  weil  es  ihm  mehr  als  wahrscheinlich 
ist,  dass  die  Sterblichkeit  durch  kosmische  und  tellurische  Verh&ltn 
bedingt  wird.  Wir  haben  aber  schon  im  Jahre  1847  bewiesen,  dass 
alle  Fälle  von  Puerperalfieber  durch  Infectiou  entstehen,  dass  demnach 
das  Puerperalfieber  eine  verhütbare  Krankheit  sei.  Im  diese  Wahr- 
heit zur  allgemeinen  zu   madben,  veröffentlichen  wir  gegenwärtige 

BraUMlWtia'  genammelte  Werls«.  22 


338 


Semmel  weis"  Abhandlungen  an<l  Werk  über  das  Kindbettli- 


Schrift,  und  wenn  Scanzoni  dieser  Lehre  noch  im  Jahre  1*53  Opposition 
macht,  so  stellt  er  Bicl  selbst  in  die  Reihe  jener  schwer  Belasteten, 
welche  es  durch  ihre  Opposition  dahin  gebracht  haben,  dass  nach 
Verlauf  \«>n  dreizehn  Jahren  erst  so  wenige  Gebärhänser  aufgehüit 
haben,  wahre  Mörderholden  zu  sein. 

Und  wie  eifersüchtig:  Srnnzt.ni  auf  das  Verdienst  ist,  der  Erste  ge- 
wesen zu  sein,  der  sich  meiner  Lehre  über  die  Verhütung  des  Puerperal- 
fiebers widersetzt,  geht  daraus  hei  vor,  dass  er  selbst  Seyfert  unter 
denjenigen  anführt,  welche  sich  ihm  später  angeschlossen,  obwohl 
Scanzoni  und  Seyfert  in  einer  gemeinschaftlichen  Publication  mir 
entgegengetreten  sind,  wie  dies  im  26.  Bande  der  Prager  Viertel]; 
schritt  7M  lesen. 

'  Jen  iss,  es  wird  eine  Zeit  kommen,  wo  Scanzoni,  gelinde  gesprochen, 
es  wenigstens  bedauern  wird,  dass  es  ihm  nicht  möglich  ist.  das 
Factum  aus  dem  Gedächtnisse  'I>t  Menschen  zu  verwischen,  dass  et 
der  Ebnete  war,  welcher  sich  meiner  Lehre  über  die  Verhütung  des 
Puerperalfiebers  widersetzt. 

Gewiss,  Scanzoni  wird  nie  und  nimmermehr  einen  Ehrenplatz  in 
der  Geschichte  des  Puerperalfiebers  einnehmen,  und  zwar  nicht  des- 
halb, weil  er  mir  opponirt,  sondern  deshalb,  weil  er  mir  so  opponirt, 
wie  er  eben  opponirt  hat.  Wir  haben  schon  einigemale  Gelegenheit 
gehabt,  den  Leser  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  Scanzoni  mit 
seiner  Opposition  nicht  die  Wahrheit  gesucht,  sondern  dass  ier  Zweck 
seiner  Opposition  der  war,  immer  selbst  Recht  zu  haben,  und  dass  es 
ihm  nicht  darauf  ankam,  die  Wahrheit,  zu  verläugnen.  um  diesen 
Zweck  zn  erreichen;  eine  solche  \\  ahrheitsverläuguung  hat  er  sich 
eben  zu  Schulden  kommen  lassen. 

Scanzoni  sagt,  Lumpe  und  Zipfl  haben  sich  seiner  Ansicht  an- 
geschlossen. Die  Sache  verhalt  sich  so:  Ich  habe  in  der  k.  k.  QeseU- 
schalt  der  Aerzte  zu  Wien  in  der  allgemeinen  Versammlung,  gehalten 
am  15.  Mai  1850,  einen  Vortrag  über  meine  Ansicht  über  die  Ent- 
stehung und  Verhütung  des  Kindbettnebeis  gehalten,  worüber  sich 
eine  Discuasion  entspann,  welche  sich  in  der  allgemeinen  Versammlung 
vom  18.  Juni  fortgesetzt  und  in  der  allgemeinen  Sitzung  vom  15.  Juli  1850 
geendet  wurde.  Bei  dieser  Discussion  sprachen  sich  allerdings  Lumpe 
und  Zipfl  gegen  mich  aus,  aber  Chiari,  Arneth.  Helm  und  Harne  be- 
kannten sieh  zu  meiner  Ueberzengung,  und  Dr.  Herzfelder,  erster 
Secretär  dieser  Gesellschaft,  sagt  in  seinem  Berichte  über  die.  Leis- 
tungen der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien  wahrend  des 
Jahres  1850  Folgendes: 

..Angelangt  bei  der  allgemeinen  Pathologie,  begegnen  wir  hier 
vor  Allem  der,  wie  es  scheint,  auch  praktisch  gelungenen  Lösung 
einer  der  grössten  Aufgaoen  in  der  Median,  es  ist  dies  die  Entstehungs- 
tirsache  der  bisher  so  verheerend  gewesenen  Puerperal-Epidemien  durch 
I'i  Srmnielweis;  seiner  Ansicht  nach  wird  das  Wochenbettfieber  nur 
durch  die  Aufsaugung  fanler  organischer  Stoffe  in  das  Blut  der  Mutter 
erzeugt,  und  diese  Stoffe,  ohne  deren  Selbstentwicklnng  im  eigenen 

»er  von  Pkicenta-Resten  und  anderen  Bedingungen  hei  völlig  zu 
läugnen,  von  aussen,  und  zwar  zum  grössten  Theile  von  in  Zersetzung 
begriffenen  Leichen  her,  in  den  mütterlichen  Organismus  durch  die 
Geburtshelfer  selbst  eingeführt,  weswegen  Dr.  Semmelweis  den  Letz- 
teren die  fleissige  Waschung  vor  jeder  Entbindung'  mit  Chlorkalk- 
lösuugen  angeordnet  hat,  und  hiedurch  so  glücklich  war,   die  weitete 


I'ie  Aeüologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettrieljers.        339 

Entwicklung1  stärkerer  Epidemien  bisher  hintanzuhalten.  Gegen  die 
so  gegebene  Entstellungsweise  der  Krankheit  fanden  sieh  kräftige  und 
ehren werthe  Gegner  in  den  Doctoren  Zipfl  und  Lumpe,  welche  aus 
statistischen  Daten  mehr  den  miasmatischen  Ursprung  des  Uebels 
vindicirt  wissen  wollten,  in  den  Aufklärungen  jedoch  des  Dr.  Semtnel- 
weis  ebenso  wie  die  Doctoren  Scanzoni  und  Seyfert  zu  Prag  eine  hin- 
reichende Widerlegung  fanden,  so  dass  die  in  Bezeichneter  Weise  auf- 
gefaa&te  Krankheltsidee,  welche  auch  an  den  Doctoren  Arueth,  Cbiari 
and  dem  provis.  Director  Helm,  sowie  viun  tierärztlichen  Standpunkte 
aus  in  Prof.  Hayne  ihre  wärmsten  Vertheidiger  fand,  als  wahrer 
Triumph  medicinischer  Forschung  angesehen  werden  kann." 

Wenn  Scanzoni  diesen  Verhandlungen  weiter  nichts  entnommen, 
als  dass  sich  Lumpe  und  Zip  11  ihm  angeschlossen ,  so  hat  er  wieder 
einmal  die  Wahrheit  verläugnet,  weil  sie  geeignet  war,  ihm  Unrecht 
zu  geben,  und  Scanzoni  gefährdet  durch  solche  Verläusrnnng  der  Wahr- 
heit das  Leben  zahlreicher  an  diesem  Streite,  nicht  Beteiligter.  Denn 
wie  viele  Aerzte  mag  es  geben,  welche  nur  bei  Scanzoni  Belehrung 
ober  das  Kindbettfieber  suchen;  wahrlich,  der  .Menschenfreund  muss 
zittern  für  das  Leben  derjenigen,  welches  den  Händen  so  Getäuschter 
riTivtj traut  wird.     Eine  solche  Opposition  wird  gewiss  in  der  Geschichte 

Puerperalfiebers  verzeichnet  werden.  Wir  werden  auf  Seyfert, 
Lumpe,  Zipfl  und  die  Akademie  in  Paris  später  zurückkommen.     Üeber 

Verhandlung  in  der  Gesellschaft  der  Aerzte  wolle  der  Leser  den 
2.  Band  des  6.  Jahrganges,  und  beide  Bände  des  7.  Jahrganges  der 
Zeitschrift  dieser  Gesellschaft  nachlesen. 

Wir  bleiben  trotz  Scanzoni  bei  unserer  Ueberzeugung,  dass  alle 
Fälle  von  Puerperalfieber,  keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  welche 
»in  standen  sind  seit  das  menschliche  Weib  gebärt,  dadurch  entstanden 
sind,  dass  in  seltenen  Fällen  in  den  Individuen  ein  zersetzter  Stoft' 
entstanden  ist,  und  dass  in  der  überwiegend  gröesten  Zahl  von  Puer- 
peral he  ber-Fällen  den  Individuen  ein  zersetzter  Stoff  von  aussen  ein- 
gebracht worden.  Wir  bleiben  bei  unserer  Ueberzeugung,  dass  in 
seltenen  Fällen  das  Puerperalfieber  durch  Entstehung  eines  zersetzten 
Stoffes  in  den  Individuen  entstehen  wird,  so  lange  das  menschliche 
Weib  gebären  wird. 

Ob  aber  das  Puerperalfieber,  welches  durch  Einbringung  eines 
zersetzten  Stoffes  von  aussen  entsteht,  aufhören  wird,  oder  in  welcher 
Ausdehnung  das  so  entstandene  Puerperalfieber  vorkommen  wird,  das 
hängt  davon  ab,  ob  meine  Lehre  über  die  Verhütung  des  Puerperalfiebers 
eine  allgemeine  praktische  Anwendung  finden  wird,  oder  ob  selbe 
nur  in  grösserer  oder  geringerer  Ausdehnung  Beobachtung  finden  wird. 

Als  Beweis  für  die  Ewigkeit  dieser  Wahrheit  führen  wir  unsere 
gegenwärtige  Schrift  an. 

Wenn  Scanzoni  sagt,  dass  er  die  Möglichkeit  einer  derartigen 
Infection  für  einzelne  Fälle  nicht  in  Abrede  stellen  wolle,  so  ist  er 
wieder  in  einem  Irrtlvume  befangen,  welcher  uns  schon  nicht  mehr 
überrascht,  denn  die  In  itiiinier  drängen  sich  bei  Scanzoni  zu  sehr,  als 
dass  uns  ein  neuer  noch  überraschen  könnte,  und  um  Scanzoni  diesen 
seinen  neuen  Irrthum  selbst  einsehen  zu  lernen,  wollen  wir  Um  Hin- 
auf ein  einziges  Factum  aufmerksam  machen.  Im  Jahre  1841  starben 
an  der  I.  Klinik  zu  Wien  237  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber,  im 
Jahre  1845  starben  241.  im  Jahre  1844  starben  200.  im  Jahre  1843 
starben  274,  im  Jahre  184H  starben  459.   im  Jahre  1842  starben  518 

22* 


340 


>  •niiiielweia1  Abhandlungen  und  Werk  über  «las  Kindliettfieber. 


Wöchnerinnen  am  Kindbett fieber.  Im  Jahre  1848  haben  wir  den  zer- 
setzten 8toff,  welcher  die  Infeetion  bedingt,  durch  Chlorwaschangen 
zerstört,  und  dadurch  haben  wir  die  Infectkmsfalle  auf  45  beschränkt. 
Ist  das  Kindbettfieber  durch  Infeetion  entstanden,  an  der  I.  Klinik  zu 
Wien  nur  in  einzelnen  Fällen  vorgekommen?  Ist  aus  dem.  was  an 
der  I.  Klinik  zu  Wien  geschehen,  nicht  erlaubt  zu  sehliesseu  auf  das. 
was  in  der  Vergangenheit  geschehen  ist.  und  auf  das.  was  in  der 
Zukunft  geschehen  wird? 

Uebrigens  für  Scanzoni  ist  es  immerhin  ein  Fortechritt,  dass  ei 
die  Möglichkeit  einer  derartigen  Iufeotion  für  einzelne  Fälle  nicht  in 
Abrede  stellen  will.  Hiermit  srind  wir  am  Ende  der  Scanzonis*  shen 
Aetiologie  des  Kindbetttiebers  angelangt,  und  der  Leser  liat  gesehen, 
wie  schlecht  die  Scauzonische  Aetiologie.  unsere  Kritik  vertrage,  es  hat 
sich  herausgestellt,  dass  ausgenommen  einige  Facta,  die  übrigens  schon 
vor  Scanzoni  beobachtet  wurden,  und  ausgenommen  die  einzelnen  Fälle, 
wo  Scanzoni  eine  Infeetion  nicht  in  Abrede  stellen  will,  «las  Debrige 
alles  Irrthum  und  Täuschung  ist,  und  es  wäre  ein  Glück  für  das 
gebärende  Geschlecht,  wenn  es  ansser  der  Scanzonischen  nicht  noch 
eine  andere  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  geben  würde.  Denn  ge- 
wiss in  Folge  epidemischer  Einflus.se  ist  noch  nie  eine  Wöchnerin 
am  Kindbettfieber  gestorben,  in  Folge  der  Individualität  ist  noch  nie 
eine  Wöchnerin  am  Kindbettfieber  gestorben,  in  Folge  der  laugen 
Geburtsdauer  sind  /war  viele  Mütter  und  Kinder  schon  am  Kindbett- 
lieber  gestorben,  aber  im  Sinne  Scauzonfs  ist  noch  nie  eine  Mutter 
oder  ein  Kind  am  Kindbettfieber  gestorben,  weil  noch  nie  das  Nerven- 
system in  Folge  langer  Geburtsdauer  auf  das  Blut  entmischend  ein- 
gewirkt hat,  in  Folge  von  G  emüth  saften  i  n  ist  noch  nie  eine  Wöchnerin 
am  Kindbettfieber  gestorben,  in  Folge  Diätfehler  ist  noch  nie 
WOchnerin  am  Kindbettfieber  gestorben,  in  Folge  von  Puerperal- 
miasma  ist  noch  nie  eine  Wöchnerin  am  Puerperalfieber  gestorben, 
weil  das  Puerperalmiasma  im  Sinne  Scanzoni's  nicht  existiil. 

■n  Sie  uns  doch  endlich  um  Gotteswillen.  Herr  Hofrath.  WM 
war  denn  das  aetiologische  Moment  des  Kindbettfiebers,  an  dein  so 
viele  hundert  Wöchneriunen  im  Prager  Gebärhause  gestorben  sind. 
deren  Seitionen  beizuwohnen  Sie  daselbst  (Telegenheit  hatten?  Der 
Leser  erinnert  sich,  dass  8canzoni  durch  seine  so  genialen  als  ge- 
wissenhaften Experimente,  welche  er  im  Prager  Gebärhanse  mit  den 
< 'hlorwaschungen  anstellte,  zwei  wichtige  aetiologische  Momente  des 
Kindbetttiebers  entdeckte,  nämlich  den  Zufall;  im  Monate  Miirz  und 
April  1848  wurde  ermittelt,  dass  31  Wöchnerinnen  zufällig  starben, 
und  im  .liini.  Juli  und  August  184S  wurde  i  imittelt,  dass  19  Wöchne- 
rinnen ohne  irgend  eine  nachweisbare  Ursache  starben;  wenn  iahet 
diese  vielen  hundert  \\  öchnerinneu.  deren  Sectionen  Scanzoni  beizu- 
wohnen Gelegenheit  hatte,  zum  Theil  zufällig,  zum  Theile  aber  ohne 
irgend  eine  nachweisbare  Ursache  gestorben  sind,  und  wenn  dadun  h 
der  Vorwurf,  den  ick  der  Scanzonischen  Aetiologie  mache,  dass  in 
Folge  seiner  Aetiologie  die  Wöchnerinnen  nicht  massenhaft  am  Puer- 
peralfieber sterben  können,  widerlegt  ist ,  so  trägt  au  diesem  meinen 
Errthume  nur  die  Geheimnisstliuerei  Scanzoui's  Schuld,  welche  ihn 
verhinderte,  mir  und  der  übrigen  Welt  in  Beiner  Aetiologie  über  dieee 
beiden  von  ihm  entdeckten  so  hochwichtigen  netiologischen  Momente 
des  Kindbettfiebers  nähere  Belehrung  zukommen  zu  lassen. 

Im    Jahre    1847    habe    ich    die    Entdeckung    gemacht,    dass    das 


Die  Aetiologie,  der  Betriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiiulkttfiebers.        341 


Puerperalfieber  durch  ImWtion  entstehe.  Im  Jahre  1850  erklärte 
Scanzoni  im  2»5.  Bande  der  Prager  Yierteljahi  schritt  meine  Ent- 
deckuntr  für  eine  Hypothese.  Im  Jahre  1852  Bagft  Scanzoni  in  der 
I.  Auflage  seines  Lehrbuches  der  Geburtshilfe,  dass  er  die  Möglichkeit 
einer  derartigen  Infeetion  für  einzelne  Fälle  nicht  in  AJbrede  stellen 
wolle.  In  der  II.  Auflage  seines  Lehrbuches  der  Geburtshilfe,  welche 
1853  erschien,  bleibt  er  dabei,  die  Möglichkeit  einer  derartigen  In- 
feetion für  einzelne  Fälle  nicht  zu  läugnen. 

Im  Jahre  1854  erschienen  Kiwiseh's  klinische  Vorträge  über 
spet'ielle  Pathologie  und  Therapie  der  Krankheiten  des  weiblichen  Ge- 
Bchlechte«,  in  vierter  Auflage,  besorgt  und  durch  Znsätze  vermehrt 
von  Scanzoni.  Bei  der  Prophylaxis  des  kindbetttieber  sagt  Kiwisch 
unter  Anderem  auch  Folgendes:  „Zudem  ist  in  jenen  Anstalten,  wo 
die  Möglichkeit  irgend  einer  Infeetion  der  Gebärenden  und  Wöch- 
nerinnen durch  zersetzte  animalische  Stoffe  (Leichengift,  Wundsecrete, 
zersetzte  Wochenbett effluvien)  geboten  ist.  deren  Einfinss  mit  aller 
Sorgfalt  hintanznhalten,  und  es  dürften  sich  zu  diesem  Zwecke  die 
von  den  Engländern  und  Dr.  Semmelweis  in  Gebrauch  gezogenen 
Chlorwaschungen  und  Räucherungen  empfehlen u. 

Obwohl  dieser  Ausspruch  Kiwisch's  nur  auf  die  Infectionsfälle 
von  aussen,  welche  in  Gebärhänsei  n   vorkommen,   Rücksicht  nimmt, 

iend  die  Selbst  infectionsfälle  in  den  Gebärhäusero  und  das  Puer- 
peralfieber ausserhalb  der  Gebärhätiser  nicht  inbegriffen  sind  in  diesem 
Ausspruche  Kiwiseh's.  und  obwohl  alle  Infectionsfälle  von  aussen  in 
Geb&ro&nsem  blos  durch  t'hloi  Waschungen  und  Raucherungen  nicht 
verhütet  werden  können,  so  überholt  dieser  Ausspruch  Kiwiseh's  doch 
Scanzoni's  Ansicht,  welcher  eine  solche  Infeetion  nur  für  einzelne 
Fälle  nicht  in  Abrede  stellen  will,  um  ein  Bedeutendes,  und  nachdem 
Scanzoni  dennoch  diesem  Ausspruche  Kiwisch/s  sich  in  einer  Zusatz- 
annierkung  nicht  widersetzt,  wie  er  es  bei  andern  Gegenständen,  über 
welche  er  ein«-  von  Kiwisch  ditferente  Ansicht  hatte,  that,  so  zogen 
wir  aus  dieser  unterlassenen  Opposition  den  für  uns  erfreulichen 
s.hluss.  dass  Scanzoni  ach  zu  unserer  Ansicht  bekehrt,  und  da  wir 
voraussetzten,  dass  Scanzoni  sich  gewiss  nur  in  Folge  Qherzengender 
Beobachtungen  zu  unserer  Ansicht,  welche  v.r  so  lange  bekämpft,  be- 
kehrt haben  konnte,  so  warteten  wir  mit  Sehnsucht  auf  das  Erscheinen 
einer  Brochüre,  oder  wenigstens  eines  Artikels,  allenfalls  in  den  „Bei- 
tragen zur  Geburt skunde  und  Gynaecologie",  in  welcher  er  der  medi- 
zinischen Welt  seine  geänderte  Leberzeugung  mit  den  überzeugenden 
Beobachtungen  niittheilt;  aber  nachdem  ein  Jahr  verflossen,  und  das 
zweite,  und  das  dritte  und  vierte,  nnd  Scanzoni  sich  noch  immer  nicht 
den    in-  licinischen   Publicum  als    medicinischen    Konsseau   darstellte, 

invanden  mit  jedem  Jahre  natürlich  unsere  Hoffnungen  immer 
mehr,  und  das  fünfte  Jahr  war  bestimmt,  uns  Gewissheit  zu  bringen, 
welch  Illusionen  wir  uns  hingegeben. 

eii  Ende  des  Jahres  1859  erschien  eine  Schrift  unter  dem 
Titel:  -Historisch-kritische  Darstellung  der  Pathologie  des  Kindbett- 
titlirr.s,  vnii  den  ältesten  Zeiten  bis  auf  die  unsere."  Von  Dr.  H. 
Silberschmidt.  lud  diese  Schrift  wurde  von  der  med.  Facnltät  zu 
Würzburg  mit  einem  Preise  gekrönt.  Der  Autor  dieser  Schrift  spri cht 
sieh  treten  meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers 
ans.  und  da  diese  Schrift  dennoch  von  eiuer  Corporation,  deren  Mit- 
glied Scanzoni  ist.  welchem  gewiss  in   dieser  Angelegenheit  ein  enr> 


342 


Seiamelwei-   JUtirtndluBgen  und  Werk  über  das  Kindbettiieter. 


Bcheidender  Einfiass  gegönnt  war.  mit  einem  Preise  gekrönt  wurde, 
so  ist  es  mehr  als  gewiss,  dass  es  unsererseits  Illnsion  war.  wenn  wir 
hofften,  dass  Seanzoni  sich  zu  unserer  Ueberz eu g  1111?  bekehrt,  weil  er 
die  für  uns  günstige  Aeusserung  Kiwiseh'x  nicht  angegriffen. 

Ja,  diese  Schrift  erwähnt  nicht  einmal  die  einzelnen  Fa  11h.  in 
welchen  selbst  s  mizoni  eine  derartige  Infection  nicht  in  Allrede 
stellen  will. 

Doch  hören  wir,  was  Dr.  .Silberschmidt  sagt.  Er  sagt:  „Skoda 
und  Seminelweis  glaubten,  die  nächste  Ursache  des  Puerperalfiebers 
sei  Leichengift."  Als«,  schon  der  erste  Satz  beweist,  dass  Dr.  Silber- 
schmidt sich  «-in  Unheil  über  meine  Ansicht  anmasst.  die  er  gar 
nicht  aufgefasst.  Die  nächste  Ursache  des  Puerperalfiebers  ist  ein  zer- 
setzter thierisch-organischer  Stoff,  und  eine  von  den  drei  (Quellen, 
aus  welchen  dieser  Stoff  genominen  wird,  ist  allerdings  die  Leiche, 
und  da  vermöge  der  Verhältnisse  der  zersetzte  Stoff  an  der  I.  Gebär  - 
klinik  zu  Wien  häufiger  aus  der  Leiche  als  aus  den  zwei  anderen 
Quellen  genommen  wurde,  so  war  an  der  I.  Geburtsklinik  ZU  v 
vorzüglich  das  Leichengift  die  Ursache  der  grossen  Sterblichkeit,  tffid 
special]  in  den  sechs  Jahren,  wo  die  I.  Klinik  blos  für  Aerzte.  bestimmt 
war  ohne  Chlor  waechungen,  war  das  Plus  der  Sterblichkeil  der  1. 
Klinik  im  Vergleiche  zur  II.  Klinik  ausschliesslich  durch  Leichengift 
bedingt.  Im  Gebärhause  des  St.  Rochnsspitals  in  Pest  war  die  grosse 
Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  durch  zersetzte  Stoffe  der  chirurgischen 
Abtheilung  dadurch  bedingt,  dass  ein  chirurgischer  Primarius  zugleich 
geburtshilflicher  Primarius  war.  die  Sterblichkeit  dieses  Gebärhnuses 
war  demnach  durch  den  zersetzten  Stoff  bedingt,  der  aus  der  Quell«- 
fliesst,  welche  die  Kranken,  deren  Krankheiten  zersetzte  Stoffe  er- 
zeugen, darstellen.  Die  grosse»  Sterblichkeit  der  beiden  Jahre  an 
dei  Pester  geburtshilflichen  Klinik  war  bedingt  durch  den  /.ersetzten 
Stoff,  welcher  aus  der  dritten  Quelle  rliesst.  Der  zersetzte  Stoff  für 
zwei  Epidemien  im  Prager  Gebärhaus  unter  Chiari  kam  von  zw.  i 
Kreissenden,  deren  Genitalien  während  der  Geburt  wegen  Mi9sver- 
hältniss  gangruenös  wurden.  Und  der  zersetzte  Stoff  für  die  erste 
Epidemie,  welche  die  Geschichte  des  Puerperalfiebers  als  solches  an- 
erkennt, kam  von  Verwundeten. 

Und  dass  dem  so  sei,  das  glaube  weder  ich.  noch  Professor  Skoda, 
solidem  das  wissen  wir,  das  ist  meine  und  Skoda's  Ueberzeugung, 
und  wenn  Herr  Dr.  Silberschmidt  einer  Ueberzeugung  fähig  ist»  wenn 
er  nicht  blos  schriftstellert  auf  Bestellung,  wenn  sich  gerade  Jemand 
lobhudeln  lassen  will,  so  empfehlen  wir  ihm  das   grüi  Studium 

dieser  Schrift,  und  ich  bin  überzeugt,  dass  er  zur  selben  Deberzeugung 
gelangen  wird. 

It.  Silin  ixliniidt  sagt;  „Skodn  und  Semmelweis  glauben,  dass 
das  Leichengift  von  den  Aerzteu.  die  kurze  Zeit  vorher  Sectionen 
gemacht  hatten,  bei  der  Untersuchung  in  den  Organismus  der 
Gebärenden  eingeführt  werde."  Herr  Silberschmidt  hat  nicht  be- 
wiesen, dass  dem  Dicht  so  sei 

Dr.  Silberschmidt  sagt.:  „Zu  dieser  Meinung  brachte  sie  die 
Beobachtung,  dass  auf  der  zur  Untersuchung  Fftr  die  studierenden 
bestimmten  Abtheilung  das  Kindbettfieber  viel  mörderischer  auftrat, 
als  auf  der  für  die  Hebammen  eingerichteten.0  Dr.  Silbersehmidi 
nicht  bewiesen,  dass  die  Sterblichkeit  an  der  Aerzteabtheilnng  nicht 
grösser  war.   als  an   der  Hebammenabtheilung,   Dr.  Silberschmidt  hat 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Ki&dttittfteben.        343 


n 

17 


s 


In 


nicht  bewiesen,  dass  durch  Zerstörung  de*  zersetzten  Stoffes,  reicher 
an  der  Hebammensehule  nicht,  wohl  aber  an  der  Schule  für  Aerzte 
anwesend  war.  die  Sterblichkeit  sich  an  der  Schule  für  Aerzte  sieht 
mindei  1 1  ■.. 

Dr.  Silbersehmidt  hat  nicht  bewiesen,  dass  deletäre  thierisehe 
toffe  in  Wnnden  gebracht,  keine  Pyaemie  verursachen. 

Dr.  Silbersr.hmiilt  lia»  dicht  bewiesen,  dass  (Jhlorwaschung-en  zur 
Verhütung  der  uns  beschäftigenden  Allrrtion  ungeeignet  seien;  und 
wenn  Dr.  Silbersehmidt  den  Erfolg,  mit  welchem  ich  die  Chlor* 
Waschungen  an  der  I.  öebarklinik  leitete,  verschweigt,  und  dafür  die 
Erfolglosigkeit  der  Chlorwaschungen,  \\\<-  selbe  Scanzoni  in  Prag 
beobachtet,  anführt,  sii  thut  er  das,  was  so  mancher  nndere  meiner 
Gegner  auch  thut,  er  verschweigt  einfach  die  Wahrheit,  damit  selbe 
ihm  nicht  Unrecht  geben  könne 

Was  die  Erfolglosigkeit  der  Chlorwaschuugen  anbelangt,  wie 
solche  Scanzoni  beobachtete,  so  haben  wir  schon  im  Verlaufe  dieser 
Beurtheilung  Scanzoni's  nachgewiesen,  dass  nach  Einführung  der  Ohlor- 

hungen  in  Wien  sich  <!ic  Sterblichkeit  auch  in  Prag  minderte, 
dadurch,  data  die  das  Prager  Gebärhaus  Besuchenden  durch  Aerzte, 
deren  Weg  selbe  von  Wien  zufällig  nach  Prag  führte,  erfahren,  was 
Di.  Semmelweis  für  Massregeln  empfehle,  um  das  Puerperalfieber  zu 
vermindern,  wodurch  auch  die  Prager  vorsichtiger  wurden.  Wenn  es 
aber  «Scanzoni  nicht  gelungen  ist.  die  Infectionsfälle  auf  die  Falle 
on  Selbstinfection  zu  beschränken,  so  haben  wir  die  Ursache  davon 
n  dem  Umstände  gefunden,  dass  Scanzoni  über  die  wichtigsten  Lehr- 
sätze meiner  Lehre  in  Unwissenheit  befangen  ist,  wodurch  natürlich 
der  Erfolg  ein  unvollkommener  sein  musste,  und  den  sechs  Monaten, 
in  welchen  Scanzoni  wegen  Mangel  der  nötbigen  Vorkenntnisse 
unglücklich  experimentirt,  stelle  ich  die  zwölf  Jahre  der  I.  Gebär- 
klinik  nach  Einführung  der  Uhlorwaschungen  gegenüber,  in  welchen 
sich  die  Sterblichkeit  um  tk8r,  P.-Antheil  minderte,  trotz  dem,  dass 
immer  Gegner  meiner  Lehre  dort  fungirten,  die  sechs  Jahre  das 
EtochUBSpital,  wo  die  Sterblichkeit  nicht  I  i'-Aiitheil  betrug,  die  Er- 
fahrungen des  Primarius  Dr.  Bednar  im  Findelhause  zu  Wien,  der 
Folge  der  Chlorwaschungen  die  Sepsis  des  Blutes  der  Neugeborneu 
seltener  werden  sah,  die  vier  Jahre  der  Pester  geburtshilflichen 
Klinik,  die  Gebärhauser  zu  Kiel,  zu  Kopenhagen.  Und  weun  ich  nun 
nach  zwölf  Jahren  noch  immer  nicht  sagen  kann,  das  Puerperal  Heber 
ist  in  Folge  meiner  Lehre  über  die  Entstehung  und  Verhütung  dieser 
Krankheit  aus  sämmtlichen  Gebärhäusern  und  aus  der  Privatpraxis 
)>\<  auf  die  Fälle  von  Selbstinfection  verschwunden,  so  liegt  der 
Grand  nicht  darin,  dass  das  durch  die  Beobachtung  meiner  Lehre 
über  die  Verhütung  des  Kindbettfiebers  nicht  zu  erreichen  ist.  sondern 
darin,  dass  die  Professoren  der  Geburtshilfe,  einzelne  ausgenommi-n. 
noch  immer  Irrthümer  über  die  Aetiologie  des  Kindbett  fiebers  lehren, 
und  dadurch  verschulden,  dass  die  so  irrebelehrten  Schüler  und 
s«  hülerinnen  inn-  und  ausserhalb  der  Gebärhauser  noch  immer  so 
sahireiche  Infectionsfälle  hervorrufen.  Bin  Grund  liegt  auch  in  der 
Unredlichkeit  der  Schriftsteller,  welche  gegen  mich  geschrieben,  und 
welche  nicht,  so,  wie  wir  es  in  dieser  Schrift  thun.  alles  anführen. 
WM  tär  uns,  was  gegen  uns  geschrieben  wurde,  sondern  welche  den 
löblichen  Usus  beobachten,  alles  zu  ignoriren,  was  für  uns  geschrieben 
wurde,   und  nur  das   anführen,  was  gegen   uns  geschrieben   wurde. 


;44 


Semmflweii'  Abhandlungen  und  Werk  über  du  KindbetrfieW. 


wodurch  der  Leser,  welcher  mit  der  Literatur   weniger   vertrau! 
irregeführt    werden    muss.      Hieher    gebärt    auch    Dr.   .Silberschmidt, 
welcher   die   ganze  Literatur  über  Puerperalfieber  durchstöbert    und 
nichts  gefunden  hat,  was  für  meine  Lehre  spricht,   und  wir  doch  so 
manches  aus  der  Literatur  uns  günstiges  in  dieser  Schrift  zusammen- 

■n  konnten. 

Was  die  beiden  Gegner  Kiwisch  und  Seyfert  anbelangt  die 
Sflberachmidt  anführt,  so  werden  wir  an  einer  anderen  Stelle  dieser 

tft  Gelegenheit  haben,  ihre  Zweifel  zu  widerlegen,  nur  wollen  wir 
bemerken,  dass  Silberschmidt  diese  Schrift  nicht  als  denkender  Forscher, 
sondern  als  »Schreibmaschine  zusammengetragen  hat,  denn  hätte  er 
ata  denkender  Forscher  Seite  6.  Zeile  10  Folgendes  niedergeschrieben: 
..Es  ist  aber  dessen  ungeachtet  sehr  wafarBcbemliefi,  dass  das  Puerperal- 
fieber zu  jener  Zeit  und  selbst  im  Mittelalter  nicht  so  häufig  vor- 
komme, als  in  der  neueren  und  neuesten  Zeit,  woran  vielleicht  die 
Errichtung  von  Entbindungsanstalten  keine  kleine  Schuld  ti; 

Hätte,  wie  gesagt,  Dr.  Silberschmidt  dies  als  denkender  Forscher 
niedergeschrieben,  so  hätte  er  sich  nicht  Seite  118  auf  Kiwiach'a 
Autorität  hin  auf  Puerperalepidemien  berufen,  welche  sich  über  ganze 
Land  erstrecken  ausbreiten. 

BchlieaaUch  proclamirt  Dr.  Silberschmidt  als  befriedigendes 
Resultat  der  Bemühungen  so  vieler  Jahrhunderte  die  Pathologie  des 
Puerperalfiebers  zu  erforschen,  Scanzonis  Hyperinose  der  Wöchnerinnen, 
die  Pyaemie  der  Wöchnerinnen  und  die  Blutdissolution  der  Wöchnerinnen. 
Der  Leser  erinnert  sich,  daßfl  wir  im  Verlaufe  unserer  Beurtheilung 
Bcanzeni'fl  numerisch  nachgewiesen  haben,  dass  die  Entzündungen 
im  Wochenbettt,  welche  Scauzoni  nicht  zum  Puerperalfieber  zählt, 
dass  diese  Entzündungen  mit  eben  dem  Kerbte  Puerperalfieber  sind. 
wie  die  Hyperinose,  die  Pyaemie  und  die  Blutdissolution,  weil  die  Ent- 
zündungen im  Wochenbette,  welche  Scanzoni  nicht  zum  Puerperal- 
fieber zählt,  gerade  so  wie  die  Hyperinose,  die  Pyaemie  und  die 
Blutdissolution  durch  die  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes  entstellen. 
Scanzoni  zersplittert  die  Entzündungen,  welche  nicht  Puerperalfieber 
sind,  in  zahlreiche  Formen,  und  eine  einzige  Form,  namentlich  die 
Endometritis,  will  er  in  hunderten  von  Fällen  beobachtet  haben. 
Wenn  daher  hunderte  von  Puerperalfieberfällen  nicht,  in  dieScanzoiiisrhe 
Pathologie  des  Puerperalfiebers  gehören,  so  hat  der  Leser  einen  Begriff 
von  der  Vollkommenheit  der  Scanzoniscben  Pathologie  des  Puerperal- 
fiebers, und  um  den  Unsinn  coniplet  zu  machen,  sagt  Scanzoni  in 
seinem  Lehrbuche  der  Geburtshilfe.  I.  Autlage,  Band  o.  Seite  470, 
und  IL  Auflage,  Band  2,  Seite  1014,  was  die  Symptomatologie  der 
örtlichen  Affectionen  des  Puerperalfiebers,  die  Complicationen,  den 
Einfluss  der  verschiedenen  Blutanomalien  auf  die  Idealen  Proo 
äie  Prognose  und  die  Therapie  des  Puerperalfiebers  anbelangt,  so 
wolle  sich  über  diese  Gegenstände  der  Leser  dort  Belehrung  suchen, 
wo  er  von  Dingen  gesprochen,  welche  nicht  Puerperalfieber  sind. 
Dämlich  bei  den  Entzündungen  im  Wochenbette,  welche  nicht  Puerperal- 
fieber sind. 

Die  medicinische  Fae.ultät  zu  Würzburg  hat  sich  demnach  blamirt, 
dass  sie  der  Schrift  des  Dr.  Silberschmidt  einen  Preis  zugesprochen, 
welche  als  das  nun  plus  ultra  der  Pathologie  des  Puerperalfiebers  die 
Scanzonische  Pathologie  proclamirt.  von  der  die  überwiegend  grössere 
Mehrzahl  der  Puerperal  ti  eberfalle  ausgeschlossen  ist,  und  welche  dem 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  and  die  Prophylaxis  des  Kindbettliebers.        345 


wahren  Schlnsssteine  aller  Forschungen  über  die  Pathologie  des 
Puerperalfiebers,  nämlich  meiner  Pathologie  des  Puerperalfiebers,  feind- 
lich entgegengetreten  ist. 

Es  wird  Urnen,  Herr  Hofrath,  noch  frisch  im  Gedächtniss  sein, 
dass  ich  bei  Beurtheilung  der  Tabellen,  mittelst  weicher  ich  bewiesen 
habe,  dass  im  Wiener  Gebärhause  nicht  eine  einzige  Wöchnerin  an 
Gemüthsatteeten  gestorben  seir  gleichzeitig  zur  Kenntnis*  der  traurigen 
Thatsachen  gelangt  bin,  dass  ungerechnet  der  Transferirten,  unge- 
rechnet der  Kinder,  und  der  leichteren  Berechnung  wegen  eine  zu 
386  Zahl  der  Selbst infection  annehmend .  noch  immer  6240 
\\ öchnerinnen  innerhalb  26  Jahren  an  den  beiden  Abteilungen  des 
Wiener  Gebärhauses  in  Folge  von  Infection  von  aussen  gestorben 
sind,  oder  mit  anderen  Worten,  diese  6240  Wöchnerinnen  sind  am 
Puerperalfieber  gestorben,  welches  hätte  verhütet  werden  können. 
Und  ich  bin  überzeugt,  dass,  wenn  man  die  innerhalb  26  Jahren  an 
beiden  Abtheilungen  durch  sämmtliche  geburtshilfliche  Hilfeleistungen 
Geretteteu  durch  eine  Zahl  ausdrücken  könne,  dass  sich  diese  Zahl 
der  Zahl  von  6240  gegenüber  recht  bescheiden  ausnehmen  würde, 
sie  wissen  ja.  Herr  Hofrath,  dass  ich  mir  vorgenommen,  mich  selbst 
zu  loben,  weil  es  meine  Gegner  nicht  thun ;  in  meinem  Selbstlobe 
gehe  ich  so  weit,  zu  behaupten,  dass,  die  Kuhpockenimpfung  Jenner's 
ausgenommen ,  es  in  der  gesammten  Medicin  nichts  Drittes  gibt, 
welches  geeignet  wäre,  durch  Verhütung  einer  Krankheit  so  zahl- 
reiche Menschenleben  zu  retten,  als  meine  Lehre  über  die  Verhütung 
des  Kindbetttiebers.  Und  der  lange  Zeitraum  vom  Jahre  1847  bis 
zum  Jahre  1860  hat  nicht  hingereicht.  Sie.  Herr  Hofrath.  der  Sie  für 
den  ersten  Geburtshelfer  Deutschlands  gelten,  ob  mit  Recht  oder 
nicht,  will  ich  nicht  untersuchen,  es  genügt  zu  wissen,  dass  das 
geglaubt  wird,  zur  Erkennung  und  Anerkennung  dieser  ewigen  Wahr- 
heit zu  bringt  n. 

Denn  eine  Corporation,  in  \vi  !•  li.r  Sic.  Herr  Hofrath.  in  dieser 
Angelegenheit  gewiss  entscheidenden  Eiufluss  geübt,  hat  Ende  des 
Jahres  1859  eine  Schrift  mit  einem  Preise  gekrönt,  welche  in  stupider 
Weise  gegen  die  von  mir  entdeckte  ewige  Wahrheit  ankämpft. 

Um  vielleicht  der  beleidigten  Menschheit  zu  nützen,  will  ich 
Ihnen,  Herr  Hofrath.  einen  Spiegel  vorhalten,  in  welchem  Sie  sich 
beschauen  können,  vielleicht  erschrecken  Sie  vor  sich  seilst,  wenn 
Sie  sich  in  Ihrer  wahren  Gestalt  schauen  und  bessern  sich. 

Joseph  Steiner,  ein  Candidat  der  Chirurgie  und  mein  Schüler  in 
den  theoretischen  Vorträgen  der  Geburtshilfe,  schrieb  mir  unter  ddo. 
Pest,  den  30.  März  1858  folgenden  Brief: 

„Euer  Hochwohlgeborew  Herr  Professor! 

„Durchdrungen  von  der  Wahrheit  Ihrer  Vorträge  über  Puerperal- 
fieber, welche  ich  zu  besuchen  im  Laufe  des  \Viutersemest<rs  das 
Klink  hatte,  fühle  ich  mich  veranlasst.  Muihninssungen  hier  anzu- 
führen, in  wiefern«  es  möglich  ist,  dass  auch  an  der  Gratzer  Gebär- 
anstalt Infectionen  aller  Art  stattfinden  konnten. 

..Als  ich  in  Gratz  das  erste  Jahr  Chirurgie  hörte,  war  im  allge- 
meinen Krankenhause  ein  Gasthaus,  welches  die  Verpflegung  der 
Kranken  versah,  und  auch  der  Sammelplatz  aller  Stmlirenden  war; 
später  aber  ging  die  Leitung  der  Küche  in  die  der  barmherzigen 
Schwestern  aber,  und  das  Gasthaus  wurde  entfernt.    Die  Studirenden 


346 


Seramelweis'  Abbaudhmgeu  und  Werk  über  -las  Ktodbettfletar 


mussten  dalier  den  Sectionssaal  als  den  Ort  ihrer  Zusammenkunft 
wählen,  der  Sectionssaal  war  somit  jener  Ort.  wo  sich  <  "ollegen  trafen, 
und  wo  sie  gemeinschaftlich  die  Zeit  abwarteten,  um  zu  den  verschie- 
denen Vorlesungen  zu  gehen.  Nachmittags  müssen  die  Studirenden 
des  I.  Jahrganges  seciren.  für  welche  das  Seciren  obligat  ist,  die 
Studirenden  der  anderen  Jahrgänge  hingegen  und  die  Rigomsanten 
sollten  der  Verordnung  gemäss  auch  praeparjren,  doch  kommen  diese 
nur.  um  den  Anfängern  zu  zeigen,  wie  sie  zu  praepariren  haben;  die 
Rigorosanten  sind  daher  fieissige  Besucher  des  Sectionss;<a>-.  und 
unterlassen  es  auch  nicht,  die  Anfänger  in  allen  Zweigen  der  Ana- 
tomie zu  unterweisen,  bis  sie  von  der  Zeit  abberufen,  die  einen  sich 
tili  das  Rigorosum  vorbereiten,  die  andern  aber  ihre  Inspection  im 
Gebärliause  fortsetzen.  Was  die  letzteren  betrifft,  so  waren  diese 
stets  die  fleissigsten  Besucher  des  Sectionssaales,  indem  das  Gebär- 
haus  nur  durch  eine  Strasse  vom  Krankenhaus  getrennt  ist;  bb 
den  Inspection irenden  daher  nicht  zu  verargen,  wenn  sie  anstatt 
*24  Stunden  nacheinander  im  Gtebftl  hause  zu  bleiben,  in  diu  Sections- 
saal kommen,  um  hier  eine  Zerstreuung  zu  finden,  oder  (und  was  sehr 
oft  geschah)  ein  armer  Rigorosant  Inspection  hatte,  WO  er  sich  auf 
lange  Zeit  vi. m  «iebüthause  nicht  entfernen  durfte,  daher  in  den 
Sectionssaal  kam,  um  sich  hier  Geld  aufzutreiben,  um  dann  ein  Nacht- 
mahl u.  s.  w.  zu  haben,  worauf  er  sich  dann  entfernte,  um  seine  In- 
spection fortzusetzen.  Doch  musste  er  sich  um  das  erhaltene  Geld 
früher  verdient  machen,  und  zwar  dadurch,  das.--  er  irgend  einem 
Studirenden  sein  Praeparat  verfertigen  half.  Sehr  oft  geschah  es. 
dass  mein  Bruder,  welcher  damals  practische  Geburtshilfe  stndirt< 
mir  in  den  Sectionssaal  kam,  um  mit  mir  Anatomie  an  der  Leiche  /u 
studiren,  oder  er  half  mir  das  Praeparat,  welches  ich  zur  bestimmten 
Zeit  abgeben  musste.  verfertigen,  worauf  er  sich  entfernte,  um  N 
Inspection  fortzusetzen,  Ich  erinnere  mich  mit  meinem  Kruder  einmal 
ins  Gebärhaus  gegangen  zu  sein,  er  legte  Hut  und  Stock  weg,  und 
untersuchte  eine  Kreissende;  ich  fragte  ihn.  warum  er  sich  früher 
die  Hand  mit  Fett  eingeschmiert  habe?  Damit  die  Hand  schlüpfrig 
werde,  gab  er  mir  zur  Autwort.  Ich  bin  überzeugt,  dass,  würde  ich 
gesehen  haben,  dass  mein  Bruder  sich  mit  einer  Flüssigkeit  seine 
Hand  gewaschen  hätte  (was  nichts  anders  gewesen  wäre  als  eine 
CMorkalklosung),  ich  eben  SO  neugierig  gewesen  wäre,  zu  wissen,  wa- 
das  fiii  eine  Flüssigkeit  sei;  da  ich  aber  das  nicht  bemerkte,  so  be- 
durfte es  auch  keiner  Frage  meinerseits,  es  musste  nur  eine  Nach- 
lässigkeit von  meinem  Binder  gewesen  sein,  welche  Nachlässig 
aber  die  Folge  einer  völligen  Unwissenheit  über  die  Entstehung  des 
Puerperalfiebers  Ist,  welche  Nachlässigkeit  aber  allen  Gratzer  Kigoro- 
santen  zugemuthet  werden  darf,  die  wieder  in  einer  anderweitigen 
l  i  sache  zu  suchen  wäre.     Es   ist    somit   ein   solcher  Rigurusant 

r  gesagt  ein  solch  fleissiger  Besucher  des  Sectionssaales  ein 
höchst  gefährliches  Individuum  für  die  Wöchnerinnen,  denn  sie  be- 
werkstelligen jene  Communi  ;ni"H  zwischen  Gebärhaus  und  Sectimi 
ja  ich  möchte  sagen  zwischen  letzterem  und  den  inneren  Geschlechta- 
theilen  der  Wöchnerinnen  derart,  als  sie  nur  zwischen  zwei  Zimmern 
sein  kann,  die  eine  gemeinschaftliche  Thnre  haben,  und  wahrhaftig 
die  Wöchnerinnen  würden  im  Secii-saale  keiner  solchen  Gefahr 
gesetzt  sein,  als  sie  es  im  Gebärhause  selbst  sind,  denn  der  önter- 
suchende  würde  sich  gewiss  scheuen  eine  Gebärende  mit  jener  Hand 


I'ie  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        347 

untersuchen,  welche  früher  nasse,  blutige  Muskelschichten  geordnet 
hat.  er  Würde  sich  dabei  gewiss  die  Hände  früher  reinigen:  da  aber 
die  Wöchnerinnen  unglücklicher  Weise  im  Gebärhause  sein  müssen, 
und  nicht  im  Sectionssaale,  daher  ein  solcher  Rigorosant  sich  vom 
Sectionssaal  entfernen  muss,  um  seine  Inspectkm  fortzusetzen.  BO 
trocknet  die  Hand  an  der  Luft,  oder  sie  wird  dadurch  trocken,  äaSB 
er  sie  einige  Mal  in  die  Tasche  gesteckt  hat,  bis  er  ins  üebärhaus 
kommt,  und  untersucht  dann  ebenfalls  mit  jener  Nachlässigkeit,  wie 
mein  Bruder.  Dabei  es  mir  auch  jetzt  nicht  mehr  r&thselbaft  ist, 
warum  bei  einer  stattgehabten  Untersuchung  der  Ken-  Stadt  physicus 
v..n  Grats  ausrief:  Die  Ci'barhauser  sind  wahre  Mordanstalten.  Ich 
fragte  hierauf  den  Schuldiener,  was  das  zu  bedeuten  habe.  Kr  ant- 
wortete mir,  als  handelte  es  sich  um  die  geringste  Sache  von  der 
Welt:  ,.N<>  jo,  es  liegen  halt  wieder  a  paar  Wöchnerinnen  auf  der 
Pritschen  drin.  wie  die  Löwen."  Es  sind  zwar  nur  Muthmasaungen, 
die  ich  hier  angeführt,  aus  welchen  aber  hervorgeht,  das.s  man  voll- 
kommen berechtiget  ist  zu  sagen,  das  Puerperalfieber  ist  die  Folge 
einer  Resorption. 

„Und  nun  erlauben  Sie  mir.  Euer  Hocliwohlgeboren  Herr  Pro- 
fessor, die  Bitte  hinzufügen  zu  dürfen,  es  zu  entschuldigen,  data  ich 
s<i  frei  war,  Sie  mit  diesem  meinem  Schreiben  belastiget  zu  haben, 
aber  die  Wahrheit  Ihrer  Vorträge  weckten  diese  Muthmassungen  in 
mir,  und  ich  konnte  nicht  umhin,  Sie,  Werthester  Herr  Professor,  da- 
von zu  be  na  citri  chtigeu. 

..Ich  verbleibe  mit  Achtung  Ihr  stets  dankbarer  Schüler." 

Sie  sehen,  Herr  Hofrath.  dass  einige  Wochen  dauernde  theoretische 
Vorträge  über  die  Entstehung  und  Verhütung  des  Kindbettfiebers 
hingereicht  haben,  diesen  Candidaten  der  Chirurgie  in  dem  Grade  auf- 
zuklaren, dass  er  gleich  eine  vollkommen  gelungene  Anwendung  des 
eben  Gelernten  machen  konnte,  und  für  Sie.  Herr  Hofrath,  der  Sie 
für  den  ersten  Geburtshelfer  Deutschlands  gelten,  waren  beinahe  13 
Jahre  nicht  hinreichend,  .Sie  von  den  einmal  einstudirteii  Inthümern 
zu  befreien. 

Freilich  ist  der  gewaltige  Unterschied,  welcher  zwischen  Ihnen, 
Bferr  Hofrath,  und  zwischen  diesem  Candidaten  der  Chirurgie  besteht, 
nicht  zu  übersehen,  dieser  Candidat  der  Chirurgie  kommt  in  die  Schule 
mit  dem  Bewusstsein,  dass  er  über  die  Aetiologie  und  die  Prophylaxis 
9e&  Kindbettfiebers  nichts  weiss.  Ihnen.  Herr  Hofrath.  fehlt  wie  natür- 
lich dieses  Bewusstsein.   und  deshalb  sind  Sie  so  schwer  zu  belehren. 

Und  wenn  ich  mir  in  meiner  Phantasie  vergegenwärtige,  was 
denn  geschehen  wäre,  wenn  das  Schicksal  diesen  Candidaten  der 
Chirurgie  in  Ihre  Stellung,  Herr  Hofrath.  gebracht  hätte,  so  glaube 
ich,  dass  die  Gauen  Deutschlands  weniger  wiederhallen  winden  vom 
Stöhnen  der  an  Kindbettfieber  sterbenden  Wöchnerinnen,  erzeugt,  durch 
Ihre  Schüler  und  .Schülerinnen,  die  Nie  aus  der  Prager  und  Würzburger 
geburtshilflichen  Lehranstalt  als  so  kolossale  Ignoranten  über  die  Ent- 
stehung und  Verhütung  des  Kindbettfiebers  in's  praktische  Leben  ge- 
sendet haben.  Als  Schriftsteller  würde  er  den  überlieferten  Unsinn. 
den  man  bisher  die  Aetiologie  des  Puerperalfiebers  nannte,  nicht  so 
gläubig  nachgeschrieben  haben,  er  würde  daher  Aer/.ie.  welche  in 
seinen  Schriften  Belehrung  über  Puerperalfieber  suchen,  nicht  in  ihrem 
gefahrlichen  Irrthume  zum  Verderben  ihrer  Pflegebefohlenen  bestärkt 
haben,  er  würde  als  Schriftsteller  so  hartnackig  an  meiner  Seite  ge- 


348  Semmel  weis'  Abhandlungen  und   Werk   urier  «Jas  K  in<  Ibott  rieber. 

kämpft  haben,  als  Sie  es  gegen  mich  thiin,  als  Mitglied  der  medici- 
ihm  lun  Facultät  zu  Würzburg  hätte  er  die  Krönung  der  Dr.  Silber- 
schmidt'schen  Schrift  verhindert,  und  was  Sie.  Herr  Hofrath  als  prak- 
tischer Arzt  an  der  Menschheit  gefrevelt,  darüber  kann  ich  nickte 
berichten,  denn  das  schweigt  in  der  Stille  des  Grabes.  Ihre  lebens- 
rettende Thütigkeit  als  Kliniker  zu  Prag  hat  der  trauernde  Menschen- 
freund  erkannt,  in  den  hunderten  von  verstorbenen  Wöchnerinneu, 
deren  Sectionen  Sie  im  Prager  Gebärliause  beizuwohnen  Gelegenheit 
hatten. 

Und  je  länger  ich  über  Ihre  'Wirksamkeit  als  Kliniker  zu  Würz- 
bnig1)  nachdenke,  desto  möglicher  scheint  es  mir,  das*  ihn  Opposition 

n  mich  nicht  so  sehr  aus  Ihrer  Unwissenheit  über  die  Entstehung 
und  Verhütung  des  Kiuclbettfiebers.  als  vielmehr  aus  bösem  Willen 
entspringt,  denn  Sie  haben.  Herr  Hoi'rath,  von  den  in  der  Würzburger 
Klinik  innerhalb  serh.s  Jahren  163H  verpflegten  Wöchnerinnen  nur 
20  am  Kindbettfieber  verloren,  also  sind  innerhalb  sechs  .lalnen.  die- 
selbe Basis  für  die  Selbstinfectionsfälle  angenommen  wie  im  Wiener 
Gebärhause,  nur  vier  Infectionsfälle  von  aussen  vorgekommen,  ein 
Resultat,  welches  meiner  gelungensten  Leistung  nahe  kommt .  <1-  im 
ich  habe  innerhalb  sechs  .Jahren  im  Gebärhause  des  St.  Rochns- 
spitales  zu  Pest  von  933  Wöchnerinnen  icht  am  Kindbettfieber  ver- 
loren, und  darunter  war  ein  Fall  eine  Infection  von  aussen. 

Kiwisch  hat  an  der  Würzburger  Klinik  in  einem  .lahre.  in  welchem 
sagt  er  nicht,  von  102  Wöchnerinnen  27  am  Puerperalfieber  verloren, 
es  Stellt  daher  Ibre  Sterblichkeit  zur  Sterblichkeit  Kiwisch's  wie  20 
Todte  zu  432  Todten. 

Und  als  Kliniker  zu  Prag  haben  Sie  innerhalb  der  15  Monate, 
von  welchen  8ie  uns  die  Rapporte  mittheilen,  noch  59  Fälle  von  In- 
fection von  aussen  gehabt. 

Herr  Hofrath  sind  der  Welt  Rechenschaft  schuldig,  wie  > 
kommt,  dass  Sie  durch  sechs  Jahre  einen  so  günstigen  Gesundheits- 
zustand der  Wöchnerinnen  hatten,  an  derselben  Anstalt,  an  welcher 
Kiwisch  eine  grössere  Sterblichkeit  hatte,  als  selbe  je  an  der  L  Ge- 
bfi]  klinik  zu  Wien  vorgekommen.  Kiwisch  hatte  26  Percent  Sterblich- 
keit. An  der  I.  Gebärklinik  war  die  Sterblichkeit  in  .Jahren  nie  über 
15  Percent. 

Ich  habe  der  Welt  mitgetheilt,  dass  ich  die  15  Percent  Sterblich- 
keit der  I.  Gebärklinik  auf  ein  Percent  dun  h  Zerstörung  des  be- 
schuldigten faulen  Stoffes  herabgedrückt  habe.  Was  haben  Sie  gethan, 
Herr  Hofrath? 

Haben  die  1639  in  sechs  .lalnen  in  Würzburg  verpflegten  Wochne- 
rinnen  nicht  die  den  Schwangeren  eigenthümlkhe  Blutmischung  ge- 
habt, welche  selbe  zum  Puerperalfieber  disponirt  hätte? 

Kit  der  günstige  Genius  epidemicus.  welcher  im  Prager  Gebär- 
hause  nach  Aussetzung  der  Chlorwaschungen  nur  ein  Monat  dauerte, 
in  Wüizburg  durch  sechs  Jahre  geherrscht? 

Hat  es  durch  sechs  Jahre  in  Würzburg  keinen  Winter,  keine 
stürmischen,  kaltfeuchten  Tage  gegeben? 

Hat  es  unter  den  1639  in  Würzburg  verpflegten  Wöchnerinnen 


l)  Beiträge  znr  Geburtsknmle  nu<\  GruMCOlogie.    Herausgegeben  von  Dr.  T,  W. 
von  SttnBOHi     Wttraburg  IßW,  QI  Band 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  irad  die  Prophylaxis  des  Kindbettfieber.*.        349 


; 


keine  Individualitäten  gegeben,  welche  zum  Puerperalfieber  dispo- 
nirten? 

Waren  unter  den  1639  Individuen  keine  schwächlichen,  schlecht 
genährten,  während  der  Schwangerschaft  dem  Elende  und  der  Noth 
ausgesetzten,  unter  dem  Einflüsse  denrimirender  Geraüthsuffecte  lebende 
rauen  ? 

Gab  es  in  diesen  sechs  Jahren  keine  verzierten  Geborten? 

Waren  nur  vier  Individuen  unter  diesen  1639  heftigen,  aufregen- 
den oder  deprimirenden  Gemiithsaffccten  ausgesetzt? 

Waren  diese  1639  Individuen  jeden  Schamgefühles  baar?  oder 
dienten  selbe  nicht  zum  Untersuchung^-  oder  Beobachtungsobjecte  ? 
Tutersuchen  die  Würzburger  männliche  Individuen  mit  grösserem 
Zartgefühle? 

Haben  diese  Wöchnerinnen  keine  Diätfehler  begangen?  Was 
haben  Herr  Hofrath  gethan.  dass  das  Puerperalmiasma  seine  mörde- 
rische Kraft  im  Würzburger  Gebärhause  nicht  entfalten  konnte? 

Wie  haben  Herr  Hofrath  die  zwei  von  Ihnen  entdeckten  aetio- 
logischeu  Momente  des  Kindbettfiebers  unschädlich  gemacht  ?  Warum 
ist  keine  Wöchnerin  zufällig?  warum  ist  keine  Wöchnerin  ohne  irgend 
einer  nachweisbaren  Ursache  gestorben? 

Oder  mit  anderen  Worten,  fehlte  im  Würzburger  Gebärhause  Ehre 
Aetiologie  des  Kindbetthebers,  welche  Ihnen  im  Prager  Gebärhause 
Gelegenheit  verschaffte,  hnnderten  von  Sectionen  verstorbener  Wöchne- 
rinnen beizuwohnen? 

Oder  sind  Herr  Hofrath  seit  der  Zeit,  als  Sie  eine  solche  Infection 
in  einzelnen  Fällen  nicht  mehr  in  Abrede  stellen  wollen,  privative 
i  in  so  glücklicher  Beobachter  meiner  Lehren  und  nur  öö'entlich  mein 
Gegner? 

Chlorwaschungen  haben  Herr  Hofrath  wahrscheinlich  nicht  machen 
lassen,  sagen  Sie  uns  doch,  Herr  Hofrath,  unter  welcher  Maske  haben 
Sie  denn  meine  Lehren  in  das  Würzburger  Gebarhaus  eingeschmuggelt, 
damit  es  Ihre  Aetiologie.  welche  Ihnen  im  Präger  Gebärhause  Gelegen- 
heit verschaffte,  hunderten  von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen 
beizuwohnen,  unschädlich  mache?  Haben  Sie,  Herr  Hofrath,  einen 
solchen  Abscheu  vor  der  Wahrheit,  daaa  Sie  die  Dr.  silberschmidt'sche 
Schrift  mit  einem  Preise  krönten,  obwohl  Dr.  Silberschmidt  Ihren, 
die  Wahrheit  meiner  Lehre  beweisenden  sechsjährigen  günstigen  Er- 
folg in  Würzburg  verschwieg,  und  sich  lieber  auf  Ihre  Experimente 
in  Prag  berief,  welche  das  Unwahre  meiner  Lehre  beweisen  sollten? 

Oder  Leben  Herr  Hofrath  in  der  Ueberzeugung,  dass  Sie  nur 
nizen,  wenn  es  rings  um  sie  finster  ist?  und  haben  Sie  deshalb  als 
.schwarzen  Xebel,  welcher  die  Strahlen  der  erhellenden  Sonne  nicht 
durchlässt,  die  Dr.  Siibersehmidt'sche  Schrift  in  die  Welt  gesendet? 
Bauen  Sie  Ihre  Grösse,  Herr  Hofrath.  auf  «lie  Verdammung  derer,  die 
bei  Ihnen  Belehrung  suchen,  dann  bauen  Sie  Ihre  Grösse  auf  die 
Leichen  jener  unglücklichen  Wöchnerin nen,  welche  von  denen,  die  Sie 
verdummt  hüben,  in  den  Tod  gestossen  werden. 

Sollte  auch  die  menschliche  Gerechtigkeit  einem  solchen  unheil- 
sHiwangereu  Gebahren  gegenüber  sich  indolent  verhalten,  der  gött- 
lichen Gerechtigkeit  werden  Sie  Herr  Hofrath  nicht  entgehen. 


360 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  Über  fl.is  K  im!  bett  lieber. 


Bin  anderes  Mitglied  «1er  medicinischen  Facultät  zu  Würzburg 
ist  Heinrich  Bamberger,  Professor  der  medicinischen  Klinik  daselbst. ') 
Der  Leser  weiss,  dass  wir  das  Puerperalfieber  für  ein  Resorptions- 
fieber halten;  das  erste  ist  die  Resorption  eines  zersetzten  Stoffes. 
«las  zweite  ist  die  Blutentmischnng,  und  das  dritte  sind  die  F.x- 
suilationen. 

Heinrich  Bambergs  glaubt,  dass  wir  folgende  Ansicht  über  die 
Entstehung  des  Kindbett  liebers  haben;  das  eist»-  ist  eine  Endometritis, 
das  zweite  ist  die  Resorption  der  Producte  der  Endometritis, 
dritte  ist  die  Bluteiitmischung,  und  das  vierte  sind  neue  Exsudationen ; 
so  dachten  wir  uns  nie  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers,  und  wir 
unterschreiben  alle  Gründe,  welche  Bamberger  gegen  ein  so  ent- 
standenes Puerperalfieber  anführt. 

Wir  haben  ja  numerisch  nachgewiesen,  dass  Scanzoni  im  Irrthume 
ist.  wenn  er  glaubt,  dass  es  Entzündungen  im  Wochenbette  gibt, 
welche  nicht  Puerperalfieber  sind,  und  dass  diese  Entzündungen  erst 
später  zum  Puerperalfieber  werden,  wenn  die  resorbirten  Producte 
der  Entzündungen  eine  Bluten  tmisehung  hervorrufen. 


Wollen  wir  wieder  nach  Prag  zurück  kehren,  und  zwar  zuerst  zu 
Josef  Hiimernik. '■'  als  einem  Mitglieds  jener  Commiseion,  welcher 
Scanzoni  im  Jahre  1849  die  Aufgabe  gestellt  hat.  diese  rathselhafte 
Kmnkheit  zu  erforschen,  und  wie  |  rundlich  diese  Kommission  forscht» 
entnimmt  der  Leser  daraus,  dass  diese  (  'ommission  im  Jahre  1860  die 
Lösung   dieses  Räthsels  der  Welt  noch  immer  nicht  mitgetheilt   hat; 

mir  darin  begründet  sein  kann,  dass  die  Forschungen  noch  nicht 
beendet  sind. 

Nachdem  Hamernik  es  beklagt,  dass  unser  Wissen  über  Aetiologie 
so  mangelhaft  sei.  Bfltgl  er  Seile  Ml  Folgendes:  „Soll  irgend  eine  so- 
genannte Veranlassung  als  Ursache  einer  vorhandenen  Krankheit  be- 
trachtet werden  können,  so  missen  jedesmal  die  folgenden  Fragen 
bejahend  beantwortet  werden:  Hat  diese  Veranlassung  immer  dieselben 
Folgen?  kann  man  auf  dem  Wege  des  Versuches  die  genannte  Krank- 
heit auf  diese  Weise  jedesmal  hervorrufen?  können  in  denjenigen 
Killen,  wo  auf  diese  Veranlassung  die  genannte  Kranheit  nicht  her- 
vorgerufen wird,  die  jedesmaligen  Ursachen  des  misslungeuen 
Baches  angegeben  werden  ?u 

Wollen  wir  nun  sehen,  ob  unsere  Aetiologie  des  Kiubettfiebers 
den  Anforderungen  Kamernik's  entspricht.  Die  erste  Forderung  ist 
unbegründet,  der  Leser  weiss,  dass  wir  Kaninchen  zersetzte  Stoffs 
eingespritzt,  und  dass  einige  in  Folge  dessen  an  Pyaemie  zu  Grunde 
gegangen  sind,  und  einige  nicht. 

war  der  zersetzte  Stoff  nicht  die  Ursache  der  Pyaemie  bei  den 
zu  Grunde  gegangenen  Kaninchen,  weil  er  nicht  bei  allen  Kaninchen 

mie  hervorgerufen  hat? 

Die  zweite  Forderung  haben  wir  erfüllt,  wir  haben  auf  dem 
Wege  des  Experimentes  bei  Kaninchen  das  Puerperalfieber  hei  vor- 
gebracht. 


Im    Klinik  8—1-2.  1*50. 
*)  Die  Cholera  epidemica,  Prag  1850. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kiudbettfieliers.        351 


Die  dritte  Forderung  haben  wir  nicht  erfüllt,  denn  wir  können 
nicht  die  Ursachen  angeben,  warum  bei  einigen  Kaninchen  keine 
.  lemie  eingetreten  ist;  dafür  haben  wir  aber  eine  Forderung  erfüllt, 
reiche  Hamernik  gar  nicht  gestellt,  welche  aber  meine  Aetiologie 
des  Kindbettfiebers  zur  beglückenden,  ewig  wahren  Aetiologie  macht, 
nämlich  wir  haben  durch  Unschädlichmachung  der  von  uns  be- 
schuldigten Veranlassung  diese  Krankheit  vermindert.  Und  obwohl 
unsere  Aetiologie  mehr  geleistet,  als  Hamernik  von  einer  Aetiologie 
fordert,  um  selbe  für  wahr  halten  zu  können,  sagt  er  dennoch 
Seite  265  Folgendes:  ..Die  Angabe,  dass  das  Wochenbettfieber  durch 
I  '-liertragung  von  Leichentheilen  aus  Wöchnerinnen  bei  den  Lnter- 
snchungen  derselben  erzeugt  werde,  ist  dun  haus  irrthümlicli,  ist 
durchaus  willkürlich.*' 

„Denn  die  Woehenbettfieber-Epidemieu  sind  in  der  ärztlichen 
fahrung  viel  älter,  als  die  Leichenöffnungen. ,s 

Welch  erasse  Ignoranz  spricht  in  dieser  Angelegenheit  mit!  Die 
Geschichte  des  Kindbett fiebers  lehrt,  dass  das  Puerperalfieber  erst 
seit  der  zweiten  Hälfte  des  siebenzehnten  Jahrhunderts  in  grosserer 
Zähl  vorkomme. 

Seite  _>•'*  sagt  Er:  ..Das  Absperren  von  Ländereien,  von  Be- 
zirken, die.  Cordotie,  die  l  imtumazanstalten  und  ähnliche  Einrichtungen, 
stammen  aus  Zeiten,  in  welchen  die  Aerzte  nicht  einmal  so  weit 
waren,  um  zur  Zeit  einer  herrschenden  Epidemie  die  epidemischen 
Erkrankungen  von  anderen  gleichzeitig  vorkommenden  zu  unterscheiden ; 
sie  waren  der  Ansicht,  dass  zur  Zeit  einer  Epidemie  so  ziemlich  alle 
Erkrankungen  der  Epidemie  angehören.  Ja  man  kann  sogar  noch 
zweifeln,  ob  unter  den  damaligen  VerhHltnh*en  jemals  eine  Epidemie 
vorhanden  war,  so  oft  eine  solche  als  vorhanden  angegeben  wurde: 
auch  zur  Feststellung  der  Thatsache  einer  vorhandenen  Epidemie 
sind  nicht  selten  solche  Kenntnisse  nothwendig,  wie  sie  vor  noch 
nii-lit  gar  langer  Zeit  nicht  zu  den  gewöhnlichen  gehörten l* 

ti'-ire n waitige  Schrift  hat  den  Zweck  zu  beweisen,  dass  es  keine 
Puerperal  epidemie  gibt,  wenn  daher  die  .Mehrzahl  der  Aerzte  heute 
noch  von  Puerperalepidemien  sprechen,  so  ist  damit  bewiesen,  dass 
selbst  heute  noch  die  Mehrzahl  der  Aerzte  nicht  die  Kenntnisse 
lial.eii.  welche  nothwendig  sind,  um  das  Nichtvorhandensein  einer 
Puerperalepidemie  zu  erkennen;  welchen  Werth  können  daher  die 
Beobachtungen  über  Puerperalepidemien  haben,  welche,  wie  Hamernik 
meint,  gemacht  wurden   zu  Zeiten,  die  Elter  sind,   als  die  Sectionen. 

„Sie  waren  von  Jeher  «1er  Schrecken  der  Mütter,  auch  zu  Zeiten 
und  in  Ländern.  WO  man  an  Leielienötln  Linien  noch  gar  nicht  gedacht 
hat."  Es  i-t  wirklich  zu  bedauern,  dass  Harniernik.  welcher  so  viel 
Talent  für  die  Geschichte  der  Sfedicin  verrate,  sich  noe.h  nicht  die 
Aufgabe  gestellt  hat,  diesem  Zweige  speciell  seine  Talente  zuzu- 
wenden. 

Vorläufig  bleiben  wir  dabei,  dass  zu  Zeiten  und  in  Landern,  wo 
die  von  uns  beschuldigte  Aetiologie  nicht  thätig  ist,  das  Kindbett  - 
tieber,  einzelne  Fälle  ausgenommen,  nicht  vorkommt. 

„Wir  wollen  nur  anführen,  dass  die  Furcht,  vor  dem  Wochenbett- 
aber  nirgends  so  gross  ist.  wie  in  England  und  Kussland,  was  an 
ld  für  sich  auf  grosse  und  mörderische  Epidemien  hinweiset,  welche 
die  Bevölkerung  und  Aerzte  so  entsetzen.  In  England  und  Russland 
wurden  jedoch  durch  lange  Zeiträume  keine  Leichenöffnungen  vorge- 


352  Sriiüi^luvis    .Uii.uirllnuc'Mi  imil   Work   ül.er  das  Kinrll 

nommen,  und  insbesondere  wird  in  England  keine  Leiche  einer  Puer- 
pera  geöffnet." 

Dass  es  ein  Irrtlium  ist.  wenn  man  glaubt,  dass  England  vorzugs- 
weise vom  Kindbett  lieber  heimgesucht  sei.  haben  die  von  uns  ver- 
öffentlichten Rapporte  englischer  Gebärhauser  bewieselt;  wir  haben 
Mich  die  Erklärung  gegeben,  warum  die  Sterblichkeit  am  Kindbett- 
lieber in  England  eine  so  geringe  sei.  und  wenn  sich  trotz  der  ge- 
ringeren .Sterblichkeit  englische  Aerzt-e  mehr  ?or  Kindbettfieber 
fürchten,  als  die  Aerzte  anderswo,  so  ist  das  nur  ein  Beweis,  dass  die 
englischen  Aerzte  gewissenhafter  sind,  als  die  Aerzte  anderswo. 

I  iid  dass  sich  die  Bevölkerung  auch  anderswo  über  das  Kind- 
fieber entsetzt,  das  hat  ja  Scanzom  speciell  von  \\ rien  so  ergreifend 
geschildert. 

Wie  sich  das  Kindben  tu  >ber  in  Russland  verhält,  weiss  ich  nicht, 
Hamernik  würde  mir  daher  einen  grossen  Dienst  erweisen,  wenn  er 
die  Quellen  angeben  wollte,  ans  welchen  er  seine  Kenntnisse  aber 
das  Vorkommen  des  Kindbettflebers  in  Kussland  geschöpft. 

DaflS  er  speciell  über  das  Kindbettfieber  in  England  sein  genau 
unterrichtet  ist.  beweiset  ja  die  Bemerkung,  dass  in  England  keine 
Leiche  einer  Wöchnerin  geöffnet  wird. 

„Ueberdies  beweisen  die  Umstände,  dass  die  Wöchnerinnen  nach 
der  Entbindung  in  der  Regel  nicht  untersucht  werden."'  Die  Infection 
kann  schon  während  der  .Schwangerschaft  geschehen,  und  geschieht 
am  häufigsten  während  der  Geburt. 

..Dass  Wöchnerinnen,  welche  weder  im  Verlaufe  ihrer  Gravidität 
noch  vor  oder  während,  oder  nach  der  Entbindung  nntersncht  worden 
sind  (wie  dies  bei  den  meisten  (lassengeburten  der  Fall  ist),  eben  so 
gut  am  Wochenbettfieber  erkranken,  wie  Andere.* 

Wir  haben  bewiesen,  dass  die  Individuen,  welche  nicht  untersucht 
werden,  wohin  die  Gassengeburten,  die  vorzeitigen  Geburten  und  alle 
Schwer  erkrankten  Kivissenden  gehören,  gerade  dadurch,  dass  selbe 
nicht  untersucht  weiden,  vor  dem  Puerperalfieber  geschützt  sind. 

..Dass  das  Wochenbettfieber  epidemisch  vorkömmt  (die  spora- 
dischen seltenen  Erkrankungen  können  hier  nicht  besprochen  werden  | 
(1.  i.  nur  durch  eine  gewisse  Zeit  beobachtet  wird,  während  in  Wien 
und  Prag  die  Leichenöffnungen  täglich  vorgenommen  werden."  Aber 
die  Schüler  des  Gebärhauses  wohnen  nur  durch  eine  gewisse  Zeit 
und  nicht  täglich  den  Leichenöffnungen  bei. 

nDass  das  Wochenbettfieber  auf  dem  Lande  und  in  anderen 
Städten*  wo  keine  Leichenöffnungen  gemacht  werden,  gleichfalls  /u 
bestimmten  Zeiten  vorkömmt,  ist  mehr  als  hinreichend:  dass  die  VVochen- 
bettfieber-Epidemien  auf  keine  Weise  von  einer  Uebertragung  von 
Leichentheilen  (Semmelweis.  Skoda)  abgeleitet  werden  können 

Das  Wochenbettfieber  kömmt  allerdings  auch  auf  dem  Lande  und 
in  Städten  vor,  in  welchen  keine  Sectionen  gemacht  werden,  aber 
überall  kommen  Kranke  vor,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten  Stoff 
erzeugen,  und  überall  gibt  es  Medicinalpersonen  mannlichen  und  weib- 
lichen Geschlechts,  welche  sich  mit  Geburtshilfe  und  mit  derartigen 
Kranken  beschäftigen,  und  welche  aus  Unwissenheit  Infectionen  her- 
vorrufen. 

pli  Hamernik  w;ir  Mitglied  der  Commission,  von  welchen 
Scanzoni  Folgendes  sagte:  „Wünschenswert.!  wäre  es  hiebei,  wenn 
die  Mitglieder  dieser  Commission  durch  freie  Wahl  aus  der  Mitte  einer 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindhefttiebers.        ,:.",;> 


löblichen  mediciniseben  Facultät  zu  Prag  hervorgingen,  wodurch  das 
Resultat  ihrer  Untersuchungen  als  der  Aussprach  der  von  einer  ge- 
lehrten Körperschaft  gewühlter  Vertrauensmänner  betrachtet  werden 
könnte,  und  so  an  Glaubwürdigkeit  und  überzeugender  Kraft  gegen- 
über dem  ärztlichen  und  nicht  ärztlichen  Publicum  gewinnen  nrQJ 
<h  protestire  feierlichst. 
Bevor  wir  zu  Bernard  Seyfert  übergehen,  willen  wit  einiges  vom 
reiherrn  Gustav  Liebig  mittheilen,  weil  wir  seiner  Autorität  Seyfert 
gegenüber  benöthigen. 

Liebig  sagt  im  achtzehnten  Briefe  seiner  chemischen  Briefe 
State  312  Folgendes:  ,. Es  ist  Thatsache,  dass  Leichen  auf  anatomischen 
Theatern  häufig  in  einem  Zustand  der  Zersetzung  übergehen,  der  sich 
dem  Blute  im  lebenden  Körper  mittheilt.  Die  kleinste  Verwundung 
mit  Messern,  die  zur  Seetlon  gedient  haben,  bringt  einen  oft  lebens- 
gefährlichen Zustand  hervor  (Fälle,  in  denen  Pereonen  dieser  furcht- 
baren Vergiftung  zum  Opfer  fallen,  sind  nicht  selten,  so  noch  vor 
kurzem  Dr.  Kolletschka  in  Wien,  Dr.  Bender  in  Frankfurt  a.  M._). 

Der  von  Magendie  beobachteten  Thatsache,  dass  in  Fäulniss  be- 
griffenes Blut.  Gehirnsubstanz,  Galle,  faulender  Eiter  etc.,  auf  frische 
Wunden  gelegt,  Erbrechen.  Mattigkeit  und  nach  längerer  oder  kürzerer 
Zeit  den  Tod  bewirken,  ist  bis  jetzt  nicht  widersprochen  worden»" 
Im  dritten  Anhange  zu  dieser  Stelle  sagt  Liebig,  nachdem  er  einen 
kurzen  Auszug  aus  Skoda's  Vortrag  in  der  kaiserlichen  Academie.  zu 
Wien  gegeben,  Seite  714.  Folgendes:  „Aus  diesem  Vortrage  ergibt 
■>icli  nebenbei,  wie  gering  die  Anerkennung  gewesen  ist.  welche  diese 
grosse,  praktisch-wichtige  Entdeckung  ausserhalb  der  Academie  ge- 
funden hat.  Gewiss  werden  sich  noch  mehrere  Ursachen  des  Kind- 
betttiebers  namhaft  machen  lassen,  dass  aber  die  von  Dr.  Semmelweis 
mit  allem  Scharfsinn  eines  vorurtheilireien  Forschers  in  der  Gebär- 
anstalt  zu  Wien  ermittelte  Ursache  eine  derselben  ist,  daran  kann 
wohl  kein  Unbefangener  zweifeln."  Die  alleinige  Ursache  des  Kind- 
bettfiebers  ist  ein  zersetzte]-  Stoff,  der  Quellen  des  zersetzten  Stoffes 
bt  es  drei,  eine  derselben  ist  die  Leiche. 

Nachdem  Liebig  diese   mir  günstige  Bemerkung  in  der  zweiten 

läge  Beiner  chemischen  Briefe  wegliess,  erlaubte  ich  mir  deshalb. 
mich  brieflich  anzufragen,  und  benützte  zugleich  die  Gelegenheit,  ob* 
wohl  nicht  ohne  Furcht,  eine  Antwort  voll  Verwunderung  über  die 
Naivität  meiner  I  rage  zu  erhalten.  Liebig's  Ansicht  über  die  Desin- 
t'ec tion.skraft  des  Chlorkalkes  zu  erfahren.  Hierauf  verpflichtete  mich 
Liebig  mit  folgender  Antwort: 

München,  2L  März  1859. 

Euer  Wohlgeboren ! 

Beehre  ich  mich  auf  Ihr  Schreiben  zu  erwiedern,  dass  die  Hin- 
weglassung  Ihrer  Beobachtung  über  das  Kindbettfieber  aus  dar  neuen 
Auflage  meiner  chemischen  Briefe  nicht  den  Grund  hat,  dass  ich  die 
Wichtigkeit  Ihrer  Erfahrung  nicht  wie  früher  anerkenne,  sondern 
weil  sie  jetzt  so  bekanut  und  verbreitet  ist,  dass  ihre  Beibehaltung 
in  meinem  Buche  zwecklos  erscheint;  in  einem  eigentlichen  Zusammen- 
hange damit  steht  sie  nicht.  Es  ist  dies  mit  anderen  Nachträgen 
ebenfalls  geschehen. 

S>niiiielw«is"  gesammelte  Werke.  23 


354 


Semme]w<-is,  Abhandlungen  °nd  Werk  über  «las  Kimtl.eiTtleber, 


Der  Chlorkalk  besitzt  unzweifelhaft  eine  desinficirende  Eigenschaft. 
Ergebenst  hochachtungsvoll  der  Ihrige 

I  nstav  Liebig. 

Bernhardt  Seyfert 

hat   ergänzende  Bemerkungen    zu   dem    früher    benrtheilten    Aufsatze 
Sranzoni's  geliefert. 

Der  Leser  erinnert  sieh,  dass  Scanzoni  die  Absicht  hatte,  während 
einer  herrschenden  Puerperalepidemie  im  Gebärhause  Versuche  an 
Thieren  zu  machen;  der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  die  Ansicht  aus- 
gesprochen, dass  Versuche  an  Thieren  während  einer  Epidemie  den 
hartnäckigen  Epidemikeni  gegenüber  ihren  Werth  verlieren,  wvil 
Selbe  sagen  werden,  nicht  die  Injectionen,  sondern  die  epidemischen 
Einflüsse  haben  die  Thiere  und  die  Wöchnerinnen  getödtet. 

Seyfert  macht  es  gerade  umgekehrt.  Er  sagt:  „Im  Monate 
October  1849  erkrankte  und  starb  von  186  Entbundenen  gar  keine, 
uns  schien  dies  der  günstigste  Augenblick  zu  sein,  dem  Werth  der 
('hlonvaRi.'hunjren  nrTs  volle  Licht  zu  stellen*" 

Seyfert  hat  sieh  durch  diesen  Ausspruch  entweder  ein  so  voll- 
giltiges  Testimonium  Paupertatis  mentis,  oder  ein  so  vollgilt iges  Zeng- 
nias  seines  bösen  Willens  selbst  ausgestellt,  dass  wir  ihn  füglich  mit 
Stillschweigen  zu  übergehen  berechtiget  wären.  Aber  Seyfert  i>T 
gegenwärtig  Professor  der  Geburtshilfe  an  der  Klinik  für  Aetzte  zu 
Prag;  es  überläuft  mich  eiskalt  bei  der  Erinnerung  an  die  grossartigen 
Erfahrungen  über  die  Menge  der  an  dieser  Klinik  von  Scanzoni  be- 
obachteten Puerperallieberfälle ;  Seyfert  ist  der  Mann,  dieselben  Er- 
fahrungen zu  machen. 

Im  Angesicht  einer  solchen  entsetzlichen  Möglichkeit  wollen  wir 
uns  keine  Fflichtvertressenheit  zu  Schulden  kommen  lassen,  wir  fühlen 
die  Verantwortlichkeit,  welche  uns  treffen  würde,  falls  wir  die  Auf- 
gabe, die  uns  das  Schicksat  gestellt,  nicht  zu  erfüllen  trachten  würden. 
Gegen  den  bösen  Willen  Seyfert's  können  wir  wohl  nicht  an- 
kämpfen, wir  können  uns  nur  bemühen,  ihn  zu  belehren. 

Seyfert    theilr    die    Rapporte   von    lö    Monaten   mit.   in    welchem 
Zeiträume  3056  Geburten   und   105   Todesfälle  sich  ereigneten,  und 
fragt  dann,  ob  diese  105  Todesfälle  ausser  dem  Bereiche  der  Leichen- 
infection  liegen,  und  wenn  dem  so  sei,  so  müsse  für  diese  105  F 
noch  eine  andere  Potenz  erfunden  werden. 

Der  Leser  weiss,  dass  für  alle  Fälle  von  Puerperalfieber  die 
Potenz  erfunden  ist,  nämlich:  die  Potenz  für  alle  Puerperalfieberfälle 
ist  ein  zersetzter  Stoff.  Dieser  zersetzte  Stoff  entsteht,  der  leichteren 
Berechnung  wegen  angenommen,  einmal  in  hundert  Wöchnerinnen. 
von  den  3056  verpflegten  Wöchnerinnen  sind  dennoch  30  Wöchnerinnen 
"leshall)  gestorben,  weil  sich  in  ihnen  ein  zersetzter  Stuft'  entwickelt 
hat.  7")  Wöchnerinnen  sind  aber  deshalb  gestorben,  weil  ihnen  der 
zersetzte  Stoff  von  aussen  eingebracht,  wurde,  und  eine  der  drei  Quellen, 
aus  welchen  der  zersetzte  Stoff  genommen  wird,  welcher  den  Individuen 
von  aussen  beigebracht,  das  Puerperalfieber  hervorbringt,  ist  aller- 
dings der  « 'adaver. 

Der  Leset  rieht,  dass  75  Wöchnerinnen  gestorben  sind,  welche 
hätten  gerettet  werden  können,  und  diese  Zahl  ist  gewiss  in  der 
Wirkliebkeil  übertreffen  worden,  da  Seyfert  die  Transterirten  dieser 


!>fe  Aetinlogie.  der  Kegriff  und  die  Prophylaxis  des  Kirirlhettritlters.         355 


t  Monate  verschweigt,  und  wie  viele  Kinder  mögen  in  dieser  Periode 
von  ihren  Müttern  inficirt  worden  sein. 

Angesichts  dieser  Thatsache  sagt  Seyfert:  „Wir  haben  auch  so 
viel  Verstand  und  Herz,  als  dass  wir  einen  Gegenstand  von  so  hoher 
Wichtigkeit  hartnäckig  von  uns  gewiesen  hätten ,  einen  Gegenstand, 
von  dem  wir  wussten,  dass  auf  denselben  in  Wien  ein  so  grosses  Ge- 
wicht gelegt  wurde,  und  wegen  dessen    wir,  wenn   er  sich  bewährt 

« .  mit  Recht  hätten  zur  Verantwortung  gezogen  werden  müssen   II 

Seyfert  sagt,  dass  im  Monate  Februar  1849  in  der  Stadt  Trag 
eine  bedeutende  Puerperalepidemie  geherrscht  habe,  während  der  Ge- 
sundheitszustand der  Wöchnerinnen  des  Gebärhauses  in  diesem  Monate 
ein  günstiger  war,  Das  Factum,  dass  im  Februar  die  Sterblichkeit 
unter  den  Wöchnerinnen  der  Stadt  Prag  eine  grosse  war,  will  ich  als 
wahr  gelten  lassen,  ich  kann  es  aber  nicht  gelten  hissen,  wenn  Seyfert 
das  eine  Epidemie  nennt. 

Die  im  Prager  Gebärhause  im  Monate  Februar  Entbundenen  sind 
ja  gewiss  zum  grossen  Tlieil  eist  unmittelbar  vor  der  Geburt  aus  der 
Stadt  in\s  Gebärhaiis  gegangen,  warum  sind  denn  selbe  gesund  ge- 
blieben, wenn  selbe  vor  ihrer  Aufnahme  den  epidemischen  Einflüssen 
der  Stadt,  ausgesetzt  gewesen  waren?  Wenn  aber  im  Monate  Februar 
nur  solche  Individuen  geboren  haben,  welche  schon  im  Jänner  als 
Schwangere  aufgenommen  wurden,  so  ist  ihr  besserer  Gesundheits- 
zustand wieder  nicht  begreiflich,  da  ja  das  Prager  Gebärhaus  und 
die  Stadt  Prag  denselben  epidemischen  Einflüssen  unterworfen  sein 
müssen, 

Aber  die  Erklärung  liegt  darin,  dass  im  Monate  Februar  in  der 
Stadt  mehr  inficirt  wurde,  als  im  Prager  Gebärhause,  und  wie  denn 
nicht,  sind  doch  die  Aerzte  und  die  Hebammen,  welche  in  Prag  die 
geburtshilfliche  Praxis  ausüben,  in  dieselbe  Schule  gegangen,  in  die 
Sran/oui  und  SevltrT  gingen,  und  wenn  Scanzoni  und  Seyfert,  die 
doch  s<i  ausgezeichnete  Schüler  waren,  ä&SS  sie  Professoren  der  Ge- 
burtshilfe wurden,  in  dieser  Schule,  wie  wir  gesehen,  nicht  gelernt 
haben,  wie  das  Puerperalfieber  entsteht  und  wie  es  verhütet  werden 
kann:  wie  kann  man  solche  Kenntnisse  bei  praktischen  Aerzten  oder 
gar  bei  Hebammen  voraussetzen? 

Seyfert  sagt :  er  habe  von  der  Art  und  Weise,  wie  durch  Leichen- 
gitt  (zersetzte  Stoffe)  das  Puerperalfieber  eingeimpft  werde,  k*-ine 
Vorstellung,  denn  1.  gehöre  dazu  eine  wunde  Stelle,  diese  Wunde 
nxislire  aber  in  der  Scheide  nicht  (die  resorbirende  Fläche  ist  im 
Normalzustände  die  innere  Fläche  des  Uterus).  II,  der  zu  übertragende 
Stuft.  Seyfert  hält  es  aber  für  übertrieben,  anzunehmen,  dass  durch 
Waschen  mit  Wasser  und  Seife  der  faule  Stoff  nicht  gänzlich  entfernt 
werde. 

Dies«-  Aensaemng  zeigt  für  grosses  Beobachtungstalcnt.  Nebst- 
dem  spricht  Seyfert  dem  Chlorkalke  jede  desinficireiule  Eigenschaft 
ab.  Es  kömmt  mir  mehr  als  lächerlich  vor.  mich  Seyfert  2-egeniiber 
auf  Liebig's  Autorität  in  Bezog  auf  die  desinficirende  Eigenschaft  des 
Chlorkalkes  berufeu  zu  sollen.  Ich  habe  die  desinflcirende  Eigenschaft 
«lrs  Chlorkalks  nicht  entdeckt,  ich  habe  aus  dieser  Eigenschaft  nur 
Nutzen  gezogen,  und  glaube,  wenn  der  Chlorkalk  nie  etwas  anderes 
geleistet  hätte,  als  ftas,  was  ex  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  leistete, 
SO    war*'    dadurch  allein    seine    desinticireude   Eigenschaft    hinreichend 

bewiesen, 

28» 


356 


Si'inntr-U.-U'  AlihandlüDgeu  und  Werk  Über  das  Kindbei 


III.  Dieser  eingebrachte  Stoff  nuiss  eine  locale  Entzündung,  von 
da  durch  Eiterbildung  in  den  Lvmphgefässen  und  Venen- Pyaemie 
hei  vni  l»i  iiiffen.  Xie  haben  wir  bei  einer  Seetion  eines  solchen  Proeesa 
im  Rereiche  derjenigen  Theiie  der  Genitalien  gesehen,  welche  vor 
der  Geburt  mit  dem  Finger  erreichbar  sind.  (Wir  haben  schon  zu 
oft  iTHsa^t,  wie  das  Puerperalfieber  entstellt,  als  dass  es  uttthig  wäre. 
es  iHH'lunals  zu  Silben). 

Endlich  sagt  Seyfert  wenn  dem  so  wäre,  so  müsste  .ja  auf  der 
Franenabtheilung  Pyaemie  viel  häufiger  sein,  als  im  Gebärhaus,  denn 
auf  Frauenabtheilungen  kommen  wunde  Stellen  in  der  Scheide  und 
dem  Muttermunde  viel  häufiger  vor,  ihm  sei  aber  kein  einziger  Fall 
bekannt,  wo  auf  diese  Art  Pyaemie  auf  der  Frauenabtheilung  ein- 
geimpft worden  wäre. 

Was  die  Pyaemien  auf  Frauenabtheilungen  anbelangt  so  habe 
ich  darüber  keine  Erfahrungen.  Ich  habe,  wie  ich  schon  einmal  erzählt, 
nie  eine  gynaecologische  Abtheilung  besucht,  ich  habe  meine  ß 

irischen  Studien  in  der  Todtenkammer  gemacht,  ich  habe  .hu*  h 
ti  Jahre  selbst  eine  gynaecologische  Abtheilung  geleitet,  jedoch  zu 
einer  Zeit,  wo  ich  schon  wusste,  was  zu  thun,  um  keine  Veranlassung 
zu  Infectionen  zu  geben,  bin  aber  überzeugt,  dass  die.  innere  Fläche 
der  Gebärmntter.  und  die  Gebärmutter  während  der  Schwangerschaft, 
während  der  Geburt   während   des  Wochenbettes  geeigneter  ist   zur 

irption,  als  die  wunden  Stellen,  und  der  Uterus  im  nicht  puer- 
1"  ralen  Zustande,  dass  demnach  die  Infection  im  Gebärhause  leichte! 
gelingt,  als  auf  einer  Franenabtheilung;  wenn  Seyfert  sagt,  er  habe 
nie  eine  Infection  auf  der  Frauenabtheilung  beobachtet,  so  beweiset 
ja  das  nur,  dass  er  ein  schlechter  Beobachter  ist  er  sajrt  ja  dasselbe 
vom  Gebärhause,  und  wir  haben  ihm  ja  doch  75  Infectionsfälle  vou 
Aussen  innerhalb  15  Monaten  nachgewiesen. 

Dadurch,  dass  ein  Blinder  die  Farben  nicht  sieht,  ist  ja  die  Nicht 
existenz  der  Farben  nicht  bewiesen. 

Als  ich  Schüler  der  praktischen  Geburtshilfe  an  der  I.  Klinik  zu 
Wien  war,  war  Chiari  Assistent:  in  seinen  Vorträgen  über  Puerperal- 
fieber sagte  er.  dass  die  epidemischen  Einflüsse  manchmal  so  basaltig 
seien,  dass  selbst  nicht  im  Pu crperulzustande  befindliche  Individuen 
vom  Puerperalfieber  ergriffen  würden.  Als  Beweis  führte  er  eine 
Kranke  an,  welche  an  fibrösen  Gebärmutterpolypen  leidend,  in  die 
Gebärklinik  aufgenommen  wurde,  und  vor  der  Operation  starb,  die 
Seetion  wies  die  pathologisch-anatomischen  Befände  des  Kindbettfiel 
nach.  Nachdem  die  Erfolge  der  Chlorwaschungen  gezeigt,  wie  das 
Puerperalfieber  entsteht,  machte  Chiari  selbst  mich  nochmals  auf  diesen 
Fall  aufmerksam,  mit  der  Bemerkung,  jetzt  wisse  er,  dass  dieses 
Individuum  so  gut  wie  die  Wöchnerinnen  durch  einen  zersetzten  Stoff 
infieirt  wurde. 

lud  wie  beklagenswert]]  auch  die  ingynaecologischenAbtheilunges 
verpflegten  Individuen  sind,  dass  verkünden  die  Berichte  ober  die 
Leistungen  der  gynaecologischeu  Abtheilungen,  und  um  beim  Gebär- 
mutterpulv|irn  eu  bleiben,  wie  oft  sterben  solche  Individuen  an  Pyaemie 
vor  der  Operation,  wie  oft  sterben  solche  Individuen  an  Pyaemie  selbst 
nach  Excisionen;   ich   habe   durch  sechs  Jahre  eine  gyn  isehe 

Abt  Heilung   geleitet,   ich   nehme   während   der   fünf  Jahre,   seit    leh 
Professor   bin,  alle   mit  Gebärmutterpolypen  sich  meldenden  Kranken 


Die  Aerihlogie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        357 

auf,  ii  h  habe  in  der  Privatpraxis  oft  Gelegenheit,  Gebärmutterpolypen 
ED  Operiren,  ich  habe  diese  namhafte  Zahl  Polypen,  einen  einzigen 
ausgenommen,  alle  durch  die  Excision  entfernt,  ich  habe  nicht  nur 
keinen  einzigen  Todesfall  zu  beklagen,  ich  habe  selbst  nicht  eine  einzige 
bedentendere  Erkrankung  nach  der  Kxoisioii  j  obwohl  darunter 

auch  Polypen  waren  mit  handtellerbreitera  Stiele,  und  diesen  günstigen 
Erfolg  schreibe  ich  nnr  dem  Umstände  zu,  dass  ich  mit.  reinen  Händen 
operire. 

Nachdem  wir  so  Seyfert  belehrt,  und  nachdem  ihm  diese  Schrift 
als  Beweis  gelten  miiss.  dass  sich  meine  anaichl  oberere  Entstehung 
und  Verhütung  des  Kindbettuebers  bewährt  hat,  so  hotten  wir,  dass 
Seyfert  so  viel  Verstand  und  Herz  haben  wird,  um  einen  Gegenstand 
von  so  hoher  Wichtigkeit  nicht  hartnäckig  von  sieh  zu  weisen,  weil 
ar  mit  Recht  für  die  Verheerungen,  welche  dadurch  unter  den.  seiner 
Pflege  anvertrauten  Wöchnerinnen    entstehen   wurden,   verantwortlich 

L'-iii.-ii-in  verdau  müsste. 


De  mortuis  nihil,  nisi  beue;  kann  sich  nur  auf  die  moralischen 
Eigenschaften  des  Verstorbenen  beziehen. 

Die  wissenschaftliche  Thätigkeit  des  Verstorbenen  ist  dem  Ur- 
i heile  der  folgenden  Generationen  so  gut  unterworfen,  als  selbe  dem 
Urtheile  der  Zeitgenossen  unterworfen  war.  Es  würde  traurig  mit 
der  Wahrheit  stehen,  wenn  der  Irrthum  durch  den  Tod  desjenigen 
welcher  den  Irrthum  gelehrt,  zur  Wahrheit  gestempelt  würde. 

Dies  vorausgeschickt,  wollen  wir  zur  ßeurtheilung  Kiwisch's 
übergehen. 

Ki  wisch  v.  Rotternu ')  bespricht  Skodas  Vortrag  in  der  Academie 
der  Wissenschaften  zu  Wien  über  meine  Ansicht  über  die  Entstehung 
und  Verhütung  des  Kindbettfiebers,  und  erklärt,  mit  Skoda's  An- 
schannngsweise  nicht  einverstanden  zu  sein,  welcher  von  einer  neuen 
Entdeckung  spreche;  die  Behauptung,  dass  das  Puerperalfieber  aus 
Infection  zersetzter,  animalischer  Stoffe,  und  namentlich  auch  durch 
Leichengift  hervorgerufen  werde,  ist  eine  seit  vielen  Jahren  und  von 
vielen  Seiten  aufgestellte  und  lebhaft  vertheidigte,  iiikI  es  wäre  diese 
Ansicht  schon  lange  durchgedrungen,  wenn  es  den  betreffenden  Aerzten 
gelungen  wäre,  für  dieselbe  schlagendere  Beweise  zu  liefern.  Für 
Dr.  Semraelweis  erübrigte  demnach  nur  die  Aufgabe  für  die  Wiener 
Gebäi  anstalt  den  Beweis  zu  liefern,  dass  in  derselben  die  Veranlassung 
Zur  Heftigkeit  der  Krankheit  zunächst  aus  der  Uebertragung  von 
deletären.  animalen  Stoffen  auf  die  gebärenden  Wöchnerinnen  hervor- 
gehe. l>ass  er  sich  diesfalls  mit  BO  grosser  Ausdauer,  und  wie  es 
scheint,  mit  so  viel  Erfolg  bemühte,  kann  ihm  als  grosses  Verdienst 
von  Niemand  streitig  gemacht  werden. 

Es  ist  allerdings  richtig,  dass  englische  Aerzte  vor  mir  die  Be- 
obachtung gemacht  haben,  dass  zersetzte,  animalische  st« iffe  das  Puer- 
peralfieber hervorzubringen  geeignet  seien.  Aber  in  wie  beschränkter 
Weise  englische  Aerzte  dies  gelten  Hessen,  und  waten  wesentlicher 
Unterschied  zwischen  meiner  und  der  Ansicht  englischer  Aerzte  über 

Zeitschrift  der  tc.  k.  Gesell*' ln.tr    Irr  Aertze  zu  Wien.   6.  Jahrcang,  1.  Band. 
Seite  300. 


oöS 


semmdweia'  Abhandlungen  und  Werk  Dlver  Aas  Kindbettfiebei. 


Entstellung  des  Kindbettfiebers  herrsche,  das  haben  wir  von 
Seite  210  bis  Seite  221   weitläufig  erörtert. 

Dan  aber  Kiwisch  selbst  in  der  beschränkten  Weise  der  Eng- 
länder diese  Wahrheit  nicht  erkannt,  das  hat.  er  schlagend  bewic- 

Ki  wisch  hat  in  seinen  Referaten  für  die  Canstattisi  \u m  Jahres- 
berichte der  Jahre  1842,  1843,  1844,  1845  dieselben  Beobachtungen 
englischer  Aerzte  initgetheilt,  welche  auch  wir  nach  Arneth  initge- 
theilt haben. 

Das  Referat  des  Jahres  1842  schliesst  Kiwisch  ohne  jede  Be- 
merkung. Wäre  sich  Kiwiseh  bewusst  gewesen,  welch'  segensreiche 
Wahrheit  in  diesen  Erfahrungen  enthalten  ist,  hätte  er  nicht  unwill- 
kürlich rreiulenäusserungen  gethan,  dass  es  endlich  gelungen,  das  ge- 
bfirende  lieschledit  von  ihrer  grössteu  Geisel  zu  befreien? 

I >;is  Heferat  ?om  Jahre  1*43  schliesst  Kiwisch  mit  folgender 
Bemerkung:  „Nach  des  lief.  Ansicht  bedürfen  die  Behauptungen  des 
Verf.  wohl  noch  einer  genaueren  Nach  Weisung  und  mehrseitiger  Be- 
richtigung." 

Das  Referat   vom  Jahre   1844   schliesst    Kiwisch   mit  folgender 
Bemerkung:    „Ref.   erlaubt   sich  bezüglich  dieser   Mittheihingen    \m 
Elkington  keine  Bemerkungen,  da  ihm  nicht  bekannt  ist,  in  wie  i 
sie  vollkommen  verlässlich  sind." 

Zum  Referat«  für  das  Jahr  1845  macht  er  folgende  Bemerkung: 
.  Ki  f.'  Ks  muss  jedenfalls  auffallen,  dass  derartige  Beobachtungen. 
von  englischen  Aerzten  so  häufig  initgetheilt  werden,  auf  dem  Con- 
tinente  im  Verhältniss  sehr  selten  und  von  einzelnen  sehr  erfahrenen 
Aerzten  gar  nicht  gemacht  werden.  So  muss  Ref.  anführen,  dasf 
ihm,  ohngeachtet  er  seit  mehreren  .Jahren  dieser  Untersuchung  viel 
Sorgfalt  zugewendet  hat.  bei  gebotener  reichlicher  Gelegenheit  nie 
möglich  wurde,  Erfahrungen,  die  für  jene  Behauptungen  nur  halb- 
wegs entscheidend  gewesen  wären,  zu  sammeln.  So  häufig  derselbe 
nach  vorgenommenen  Sectionen  von  an  septischem  Puerperalfieber 
Verstorbenen  sich  ohne  angewandte  besondere  Vorsicht  zu  Ent- 
bindungen und  zu  Wöchnerinnen  begeben  musste,  so  konnte  er  doch 
in  keinem  einzigen  Falle  wahrnehmen,  dass  dies  für  die  Wöchnerinnen 
von  irgend  einem  bemerkbaren  Nachtheile  gewesen  wäre.  Nie  konnte 
er  den  Ursprung  des  Puerperalfiebers  durch  Infectiou  von  einem  gan- 
graenHsen  Erysipel  entdecken,  und  ebensowenig  in  den  Gebäranstalten, 
in  welchen  er  functionirte,  jemals  eine  Erkrankung  einer  Nicht wfich- 
nerin  wahrnehmen,  die  man  nur  mit  'Wahrscheinlichkeit  durch  ein 
Puerperalfieber  veranlasst  hätte  ansehen  können. 

Die  nähere  Deutung  dieser  abweichenden  Erfahrungen  und  An- 
sichten dürfte  vielleicht  die  Zukunft  bieten." 

Die  Deutung  dieser  abweichenden  Erfahrungen  und  Ansichten 
dürfte  folgende  Anekdote  geben. 

Ea  wollte  einmal  ein  Engländer,  ein  Franzose  und  ein  Deutscher 
sich  die  Idee  des  Löwen  verschaffen. 

Was  Unit  der  Engländer?  er  Unternimmt  eine  Hei.se  nach  Afrika 
und  holt  sich  dort  die  Idee  des  Löwen,  der  Franzose  geht  in  den 
Pflanzen  garten,  um  sich  dort  die  Idee  des  Löwen  zu  holen,  was  thut 
der  Deutsche?  der  Dentsche  sperrt  sich  in  seine  Studierstube  ein, 
setzt  sieh  an  den  Schreibtisch,  und  construirt  aus  sich  heraus  die 
Idee  des  Löwen.  Hirngespinnsie  vei iinstern  in  dem  Grade  den  Blick, 
dass  die  Wirklichkeil  nicht  gesehen  wird.    Hie  höchste  Sterblichkeil 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettrteliers.        359 


an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  war  im  Jahre  lö%.  Kiwiscli  rechnet 
mir  es  als  grosses  Verdienst  an,  dass  ich  diese  durch  Infection  be- 
dingte Sterblichkeit  reducirt  habe;  er  hatte  in  Würzburg  eine  Sterb- 
lichkeit vnii  26°/,,  lind  sagt  dennoch,  dass  er  häutig  nach  Neetionen 
von  an  septischem  Puerperalfieber  Verstorbenen  zu  Entbindungen  ging, 
ohaa  in  einem  einzigen  Falle  einen  Nachtheil  beobachtet  zu  haben. 
An  Nachtheilen  hat  es  nicht  gefehlt,  wie  die  26°/,,  Sterblichkeit  be- 
weiset, aber  an  der  Fähigkeit  den  Xachtheil  zu  erkennen,  hat  es  ge- 
fehlt. Und  dass  Kiwiscli  keine  Ahnung  hatte  von  der  heilbringenden 
Wahrheit,  welche  in  den  Beobachtungen  englischer  Aerzte  liegt,  die 
er  in  den  Canstattischen  Jahresberichten  von  1842 — 45  veröffentlichte, 
geht  unzweifelhaft  auch  daraus  hervor,  dass  noch  in  der  1854  durch 
Scanzoni  unverändert  besorgten  Aisgabe  seiner  klinischen  Vorträge 
die  Thatsache,  dass  das  Puerperalfieber  auf  die  Praxis  eines  Ar/t.  > 
oder  einer  Hebamme  beschränkt  bleibt,  dadurch  erklärt  wird,  dass 
das  eben  die  beschäftigsten  Aerzte  und  Hebammen  sind,  als  ob  es 
möglich  wäre,  in  der  Privatpraxis  bo  viele  Wöchnerinnen  gleichzeitig 
zu  behandelu,  dass  selbst  mehrere  Todesfälle  nur  Fälle  von  Selbst- 
infection  sein  könnten.  Wenn  ein  Arzt  oder  eine  Hebamme  z.  B.  in 
kurzer  Zeit  nur  4  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber  verlieren,  war  es 
ihnen  möglich,  in  dieser  Zeit  400  Wöchnerinnen  in  der  Privatpraxis 
zu  behandeln? 

In  demselben  Aufsätze^  in  welchem  er  es  mir  als  grosses  Ver- 
dienst anrechnet,  dass  ich  durch  Verhütung  der  Infection  die  Sterb- 
lichkeit auf  der  I.  Gebärklinik  verminderte,  in  demselben  Aufsatze 
sagt  er,  dass  er  keine  Rücksicht  nimmt,  ob  Beine  Schüler  aus  der 
naheliegenden  Todtenkammer  kommen  oder  nicht.  Wenn  Kiwiscli  es 
auch  nicht  gesagt  hätte,  dass  er  auf  diesen  Umstand  keine  Rücksicht 
nimmt  bo  würden  wir  es  doch  wissen,  dass  dem  so  sei,  denn  eine 
260/„  .Sterblichkeit  kann  sich  nur  in  einem  solchen  Gebärhaiist  er- 
eignen, in  welchem  keine  Rücksicht  genommen  wird,  ob  die  Unter- 
suchenden aus  der  Todtenkammer  kommen  oder  nicht. 

Wie  spurlos  die  Beobachtungen  englischer  Aerzte  an  Kiwiscli 
vorübergegangen,  geht  auch  daraus  hervor,  dass  in  seinen  1854  er- 
schienenen klinischen  Vorträgen  das  Kindbettfieber  als  eine  Krank- 
heit miasmatischen  Ursprungs  definirt  wird;  und  dass  er  sich  seiner 
eigenen  Lehre  nicht  klar  bewusst  war.  geht  daraus  hervor,  dass  W 
vergessen  hat  zu  lehren,  wie  die  Entwicklung  des  Miasmas  zu  ver- 
hindern sei,  und  wie  das  schon  entwickelte  Miasma  zu  zerstören  sei 
Kiwisch  war  sich  nicht  bewusst,  dass  eine  miasmatische  Krankheil 
eine  verhütbare  Krankheit  sei. 

\\  BS  Kiwiscli  zu  Gunsten  der  früher  giltigen  Aetiologie,  und  zu 
Ungunsten  meiner  Aetiologie  gesagt  hat,  das  zu  widerlegen  ist  über- 
flüssig, weil  wir  nur  Wiederholungen  geben  könnten  dessen,  was  wir 
schon  gesagt,  und  wer  diese  Schritt  aufmerksam  gelesen,  wird  sich 
selbst  zurechtfinden.  Nur  zwei  Punkte  sind  es,  die  wir  nochmals  be- 
leiKiitiii  wollen,  weil  I>r.  Silberschmidt  sich  darauf  beruft.  Dr.  JSilber- 
Mlmiidt  sagt:  „Ebensowenig  Hessen  sich,  wie  Kiwiscli  bemerkt,  die 
aber  ganze  Länderstrecken  ausgebreiteten  Epidemien  durch  das  Ein- 
bringen von  Leichengift  erklären.  Der  genannte  Autor  beobachtete 
selbst  viele  Puerperalheberkranke  auf  dem  Lande  und  in  der  Stadt, 
wo  dieÖeburt  ganz  normal,  und  nie  eine  derartige  Einwirkung  voran- 
gegangen war." 


360 


Semmelweis'  Alibari(itiin£en  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Kiwisch  war  zweimal  blos  deshalb  in  Wien,  um  sich  mit  mir  in 
dieser  Angelegenheit  zu  besprechen,  und  dennoch  spricht  er  immer 
nur  von  der  Leiche:  über  ganze  Lftnderfltrecken  gibt  es  verbreitet 
Kranke,  deren  Krankheiten  einen  zersetzten  Stoß*  erzeugen,  und  über 
ganze  Länderstrecken  verbreitet  gibt  es  Aerzte  und  Hebami i 
welche  sich  mit.  solchen  Krauken,  und  mit  Schwängern.  Kreissenden 
und  Wöchnerinnen  beschäftigen,  und  die  über  ganze  Länderstrecken 
verbreiteten  Aerzte  und  Hebammen  haben  in  der  Schule  nicht  gelernt, 
wie  das  Puerperalfieber  entsteht,  und  wie  es  verhütet  werden  kann, 
und  deshalb  kommt  das  Puerperalfieber  über  ganze  Landet  strecken 
verbreitet  vor. 

Dr.  Silberschmidt  beruft  sich  auf  die  Behauptung  Kiwisch's, 
welcher  sagt:  „dass  er  keine  Rücksicht  nehme,  ob  die  Studirenden  vi  n 
der  naheliegenden  Todtenkammer  kommen  oder  nicht,  und  trotzdem 
war  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  den  letzten  '1  vjt  Jahren 
ein  sehr  befriedigender,  wogegen  am  Schlüsse  des  Jahres  1846,  wo 
zufällig  wegen  seiner  Abwesenheit  kein  klinischer  Besuch  stattge- 
funden, und  von  Seite  des  anwesenden  Assistenten  keine  Sectionen 
gemacht  wurden,  das  Puerperalfieber  plötzlich  auf  die  fürchterlichste 
Weise  auftauchte,  und  ungeachtet  aller  vorskbtsmassregeln  im  folgenden 
Jahre  erst  dann  vollkommen  erlosch,  als  die  warme  Jahreszeit  weiter 
vorgeschritten  war,  wo  doch  die  klinischen  Untersuchungen  von  ihm 
in  gewöhnlicher  Weise  fortgesetzt  wurden." 

Ich  habe  bewiesen,  dass  in  Wien  das  Puerperalfieber  in  der 
grössten  Mehrzahl  der  Fälle  durch  Einbringung  eines  zersetzten 
Stoffes  von  Aussen  entstanden  ist.  Nachdem  die  Gesetze  der  Natur 
in  der  ganzen  Welt  dieselben  sind,  so  wird  wohl  das  Puerperalfieber 
in  Würzburg  ebenso  entstehen  wie  in  Wien,  und  dass  in  Würzburg 
wirklich  das  Puerperalfieber  nicht  durch  unverhütbare  atmosphärische 
Einflüsse  entstanden  ist,  das  hat  ja  Scanzoni  bewiesen,  denn  Scanzoni 
hat  in  6  Jahren  von  1639  Wöchnerinnen  nur  20  am  Kindbettfieber 
verloren.  E)ie  Sterblichkeit  Scanzoni's  steht  daher  zur  Sterblichkeit 
Kiwischs,  wie  wir  schon  früher  nachgewiesen,  wie  20  Todte  zn 
432  Todten. 

Schliesslich  erlauben  wir  uns  noch  folgende  Betrachtungen  über 
I  n .  Bfiberschmidfa  Opposition  gegen  meine  Lehre  über  die  Entstehung 
des  Kindbettfiebers.  Um  die  Unrichtigkeit  meiner  Ansicht  zu  be- 
weisen, beruft  sich  Dr.  Silberschmidt  auf  die  Erfolglosigkeit  der 
Chlorwaschungen,  wie  solche  Scanzoni  in  Prag  beobachtete;  diese  Be- 
obachtungen umfassen  fünf  und  einen  halben  Monat. 

Dr.  Silberschmidt  ignorirt  den  sechsjährigen  Erfolg,  den  Scanzoni 
in  Würzburg  wahrscheinlich  nicht  durch  Chlorwaschungen,  jedenfalls 
aber  mittelst  meiner,  ich  weiss  nicht  unter  welcher  Form  beobachteten 
Lehre  erzielte. 

Dax  was  für  S.anzoni  als  Verdienst  gelten  könnte,  das  ignorirt 
Dr.  Silberschniidt,  den  Fehler  aber,  den  Scanzoni  begangen,  den  ent- 
reisst  er  der  Vergessenheit;  ist  es  nicht  ein  Fehler,  wo  nicht  mehr, 
wenn  Scanzoni.  indem  es  Biet  handelt,  zu  bestimmen,  ob  das  Puer- 
peralfieber durch  atmospn&risoae  Einflüsse  oder  durch  Resorption 
eines  zersetzten  Stoffes  entstehe,  durch  Experimente  mit  Chlor- 
waseliungen  herausbringt,  dass  die  Wöchnerinnen  zufällig  und  QDH0 
nachweisbare   Ursache  am   Puerperalfieber  sterben. 

Dr.  Silberschmidt   beruft   sich   auf  gegenteilige   Beobachtung«-!!. 


CO 


Die  Äetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiml bei t lieber &        ;:!i,] 

e  Kiwis« -li  an  der  Würzburger  Klinik  gemacht;  obwohl  Kiwiscli'«. 
Beobachtungen  durch  den  sechsjährigen  Erfolg  Scanzoni's  wider- 
legt sind. 

Obwohl  Dr.  Silberschmidt  Scanzoni's  Verdienste  verschweigt,  und 
dafür  seine  Fehler  der  Welt  wieder  in's  Gedächtniss  ruft.  Würde  doch 
die  Schritt  Silherschmidt's  mit  einem  Preise  vnn  einer  Körperschaft 
gekrönt,  deren  Mitglied  Scaiizoni  ist.  Die  Erklärung  dieser  Erschei- 
nung ist  sehr  leicht. 

Silberschmidt  musste  ja  zeigen,  dass  meine  Ansiciit  über  die  Ent- 
stehung des  Kindbettfiebers  eine  irrige  sei. 

I'-  nn  ist  meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers 
wahr,  so  ist  die  Scanzonische  Pathologie  des  Kindbettfiebers  .in 
lossaler  Unsinn,    wie  wir    das    au    der  betreffenden  Stelle  bewiesen. 

Diese.  Pathologie  musste  aber  der  Welt  als  die  Blüthe  der  Be- 
mühungen der  Jahrhunderte  dargeboten  werden,  und  was  diesem  Vor- 
haften im  Wege  steht,  findet  keine  Gnade,  selbst  die  Wahrheit  Dicht 
eine  solche  Opposition  nur  aus  einer  gewissenlosen  Unredlichkeit 
entspringen  kann,  wird  dem  unbefangenen  Leser  einleuchten;  Du 
lieber  Gott,  wann  wird  das  Puerperalfieber  aufhören  über  ganze 
Länderstreeken  verbreitet  vorzukommen,  wenn  durch  solch  eine  ge- 
wissenlose unredliche  Opposition  die  über  Länderstreeken  verbreiteten 
Medicinal-Iudividuen  verdummt  werden  ? 

Die  meditiuäsche  Facultiit.  zu  Würz  bürg  kann  sich  bei  Scanzoni 
bedanken,  dass  er  sie  so  aufs  Eis  geführt, 

Dr.  Hermann  Lebert,  Professor  in  Breslau. 

Wir  würden  Lebert  nicht  anführen,  da  er  zu  unbedeutend  als 
Opponent  ist,  als  dass  es  sich  der  Mühe  lohnen  würde,  ihn  zu  berück- 
sichtigen; aber  Lebert  ist  ein  Beleg  dafür,  dass  Ki wisch  nicht  das 
Recht  hat,  zu  behaupten,  er  habe  schon  1842  gewusst,  dass  das  Puer- 
dfleber  so  entstehe,  wie  ich  es  erst  1847  lehre,  denn  Lebert  sein 
Schüler  weiss  noch  1859  nicht,  wie  das  Puerperalfieber  entsteht. 
Lebert  definirt  das  Kindbettfieber  noch  1859  folgender  Weise:  „Das 
Puerperalfieber  ist  eine  fieberhafte,  den  'Wöchnerinnen  eigen thimiliche 
Krankheit,  welche  miasmatischen  Ursprungs,  zuletzt  ein  Blutleiden 
setzt,  das  nach  seiner  verschiedenen  Eigenthümlichkeit  mannigfache 
örtliche  (meist  entzündliehe)  Erscheinungen  hervorruft,  welchen  jedoch 
das  gemeinschaftliche  Merkmal  zukommt,  dass  sie  sich  im  Krankheit  s- 
beginne  vorzugsweise  im  Gebärorgane  localisiren,  und  selten  gleich- 
zeitig, ineist  erst  später,  in  jenen  Gebilden  des  übrigen  Organismus 
auftreten,  welche  mir  der  zunächst  ergriffenen  Parthle  aar  Gebärmutter 
organisch  verbunden  oder  anatomisch-analog  sind."  Und  über  das, 
was  Kiwisch  schon  im  Jahre  L842  gewusst  haben  will,  über  meine 
Lehre  nämlich,  spricht  sich  Lebert  folgenderweise  aus:  „Ob  directe 
Inoculation  durch  Leichengift  der  an  diesem  Uebel  Verstorbenen  statt- 
finden könne,  wie  dies  Semm«  hveis  förmlich  zu  einem  System  erhoben 
hat.  ist  zweifelhaft;  jedenfalls  wäre  auch  dieses  nur  eine  der  vielen 
Möglichkeiten  der  lebert  Tagung;11     Wann  Lebert    in    die  Sache  nicht 

rig  eingeweiht  ist,  so  wäre  es  besser  gewesen,  zu  schweigen,  als 
sich  ein  L'rtheil  anzumessen;  oder  wnsste  Lebert.  dass  die  Sterblich- 
keit der  I.  Klinik,  welche  bis  518  Todte  im  Jahre  stieg,  durch  Ver- 
hütung der  directen  Inoculation  bis  auf  46  Todte  im  Jahre  1848 
herabged rückt  winde,    und    hall    es   dennoch  für  zweifelhaft,  ob   das 


362  Semmelweis'  Abhandlungen  «ud  Werk  über  das  Eiiidbetttieber, 

Puerperalfieber  durch  directe  Inoculation  entstelle,   so  hat  er  seinem 
Scharfsinn  kein  glänzendes  Zeugniss  ausgestellt 

Als  Schüler  Kiwisch's  bekennt  sich  Lebert  durch  folgenden  Aus- 
spruch: „Nach  dem  Beispiel  Kiwisch's.  welchem  wir  weitaus  die  reich- 
hakigsten,  besten  und  gründlichsten  Arbeiten  über  diesen  Gegenstand 
verdanken,  werden  wir  zuerst  das  Puerperalfieber,  welches  man  vielleicht 
besser  als  puerperale  Intoxication  bezeichnen  würde,  beschreiben,  und 
dann  seine  wichtigsten  Localisationen  nacheinander  durchnehmen. 

Mehrfach  werden  wir  uns  hiebei  auch  auf  die  im  vorigen  Jahre 
(1858)  vor  der  Pariser  medicinischen  Academie  stattgehabte  Discussion 
fili'-r  diesen  Gegenstand  stützen,  bemerken  aber  hier  im  Allgemeinen. 
dass  dieselbe  eigentlich  wenig  Neues  zu  Tage  gefordert  hat,  dass  die 
jetzt  bereits  über  12  Jahre  alte  Beschreibung  von  Kiwiseh  in  seinen 
klinischen  Vorträgen  noch  immer  weit  über  Allem  dem  steht,  was 
in  dem  Schlussberichte  über  diese  Discussion  von  Guerard  mitgetheilt 
worden  ist.  und  dass  wir  namentlich  in  jener  Discussion  eigentlich 
sowohl  neue  Gesichtspunkte,  als  neue  Beobachtungen,  so  wie  auch 
chemische  und  experimental-pathologische  Versuchsreihen  ganz  ver- 
missen. Wir  fügen  hinzu,  dass  der  Ausspruch,  in  Bezug  auf  das 
Allgemeinleiden  von  Seiten  der  Academie,  am  Ende  doch  nur  eine 
von  besseren  Pathologen  längst  angenommene  Thatsache  best* 
und  dass  der  Vorschlag,  alle  grosseren  Gebäranstalten  zu  schliessen, 
offenbar  eine  jener  voreiligen  und  leichtfertigen  Inspirationen  des 
Augenblickes  zu  sein  scheint,  welche  lebhaft  an  das  banale  Sprich- 
wort „das  Kind  mit  dem  Bade  ausschütten"  erinnert.  Mit  einem 
Worte,  es  war  dies  wieder  ein  Mal  ein  Tournier  schöner  Im- 
provisationen, aber  wohl  kaum  eine  Quelle  wahrer  Belehrung." 

I<  h  hoffe,  class  meine  Schüler,  wenn  selbe  über  PuerperaMebei 
schreiben,  eine  andere  Definition  dieser  Krankheit  geben  werden, 
als  Lebert  gegeben,  ich  hoffe,  dass  selbe  Kiwisch's  Arbeiten  Ober 
diese  Krankheit  nicht  mehr  für  die  weitaus  reichhaltigsten,  besten 
und  gründlichsten  halten  werden,  so  wie  es  zu  erwarten  steht,  dass 
selbe  mit  Lebert's  Urtbeil  über  die  Discussion  dieser  Krankheit  in 
der  Academie  der  Medicin  in  Paris  einverstanden  sein  werden. 


in  der  allgemeinen  Versammlung  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte, 
gehalten  den  15.  Mai  18B0.  hielt  ich  einen  Vortrag  filier  meine  Ansieht 
über  die  Entstehung  des  SKjndbettfiebers,  über  welchen  Vortrag  sieb 
eins  Discussion  entspann,  welche  in  den  allgemeinen!  Versammlungen 
vom  18.  Juni  und  15.  Juli  1850  fortgesetzt  wurde.  An  diese! 
Discussion  betheiligte  sich  zuerst  Dr.  Zipfl  als  Gegner  meiner  Ansicht 

Dr.  Zipfl  war  Assistent  in  den  Jahren  1842  und  1843  an  der 
Klinik  für  Hebammen,  in  dieser  Zeit  war  ich  Aspirant  für  die 
Assistenz  an  der  Klinik  nir  Aerzte  und  machte  Morgens  meine 
gynaecologischen  Studien  au  den  weiblichen  Leichen  in  der  Todten- 
Kammer;  I>r.  Zipfl  sah  ich  ungemein  häufig  zur  selben  Zeit  die 
Seetionen  der  an  der  Kebammenkliiiik  veistorbenen  Wöchnerinnen 
machen. 

Als  ich  später  einmal  mit  Dr.  Zipfl  zusammentraf,  v.w  einer  Zeit, 

1    Zeitschrift    der   k.    k.    (■e-rll>cliaft   'kr    Aerzte    in    Wien.     VI.    Juli 
II.  Band,   VII.  .lahrjjang,  I.   Bund. 


Dlfl  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  deg  Kindbetirtebers.        363 

wo  die  Erfolge  der  (hlorwaschnngeti  schun  bekannt  waren,  gratulirte 
er  mir  und    versicherte   mir,   dass   auch   ihm   dir   Sache   dunkel    vi 

hwebt  sei;  dass  er  die  Sache  nicht  klar  ertä>st.    liege  nur  darin, 
dass   die    Facta  auf  der  Hebammenklinik   nicht  so  schlagend  seien, 
als   an    der   Klinik   für  Aerzte;    wäre   er   an   der   Klinik   rar   Aeizte 
Assistent  gewesen,  wo  die   Facta   so   überzeugend  seien,  er   und 
gewiss  dieselbe  Deberwugung  ausgesprochen  haben. 

Durch  solche  Aeusserungen  ermuthigt,  erlaubte  ich  mir  die  Be- 
merkung, dass  ich  überzeugt  sei,  dass  die  Sectionen.  welche  ich  ihn 
machen  sah,  die  Ursache  seien,  dass  während  seiner  Assistenz  die 
Sterblichkeit  an  der  Hebammenklinik  die  grosste  war  (siehe  Tabelle  I 
Seite  100).  Gleichzeitig  appellirte  ich  an  seine  Wahrheitsliebe,  mit  der 
Bitte,  mir  zu  gestatten,  dieses  Factum  im  Zusammenhange  mit  seinem 
Namen  benützen  zu  dürfen,  was  Dr.  Zipfl  bereitwilligst  zugestand, 
mit  der  Bemerkung,  dass  es  keine  Schande  sei,  ein  Verehrer  der 
pathologischen  Anatomie  zu  sein. 

Ich  war  nicht  wenig  überrascht,  als  Dr.  Zi{ih\  nachdem  ich  von 
seiner  Erlaubniss  in  meinem  Tortrage  Gebrauch  gemacht  hatte,  stell 
mir  als  Gegner  gegenüber  stellte,  und  sich  auch  deshalb  besehwerte, 
dass  ich  seinen  Namen  mit  einer  so  Sterblichkeit  in  ursäch- 

lichen Zusammenhang  bringe. 

Um  zu  beweisen,  dass  die  von  ihm  gemachten  Sectionen  nicht 
die  Ursache  des  an  der  Hebammenklinik  beobachteten  Puerperal- 
fiebers  waren,  hat  Dr.  Zipft  alle  im  Jahre  1842  unter  seinem  Namen 
protocollirten  Sectionen  ausgehoben,  es  sind  deren  4L  diese  Sectionen 
mit  den  Geburtsprotocollen  verglichen,  und  dadurch  gefunden,  dass 
eine  grosse  Zahl  Verstorbener  nicht  an  den  Tagen  geboren,   wo  er 

ionen  gemacht,  dass  von  jenen  Entbundenen,  welche  kurze  Zeit 
nach  gemachten  protocollirten  Sectionen  geboren,  gerade  die  wenigsten 
erkrankten,  während  die  am  spätesten  nach  den  protocollirren 
Sectionen  (24  bis  36  Stunden)  Entbundenen  am  häutigsten  starben. 

Ich  habe  Dr.  Zipfl  so  häutig  Sectionen  machen  sehen,  dass  ich 
überzeugt  bin,  dass  von  den  202  im  Jahre  1842  an  der  Hebammen- 
klinik verstorbenen  Wöchnerinnen  nur  sehr  wenige  unsecirt  geblieben 
sind.  Wenn  nur  41  Sectionen  protocollirt  sind,  so  ist  das  darin  ge- 
legen, dass  die  grösste  Anzahl  der  Sectionen  von  Puerperal leichen 
wegen  dem  gleichbleibenden  Secdonsbefunde  nicht  protocollirt  werden. 

Die  Wöchnerinnen,  welche  an  Tagen  geboren,  wo  keine  Section 
protocollirt  ist,  sind  von  unprotoeollirten  Sectionen  her  inficirt  worden, 
und  wenn  Dr.  Zipfl  sagt,  dass  gerade  jene  Individuen,  welche  un- 
mittelbar na.  h  protocollirten  Sectionen  geboren,  gesund  geblieben,  und 
jene,  welch«-  später  geboren,  erkrankten  und  starben,  so  sagt  er  Btwaa, 
was  meine  Lehre  bestätiget;  die,  welche  unmittelbar  nach  proto- 
collirten Sectionen  geboren,  waren  bei  der  Untersuchung  nach  ge- 
machter Section  schon  in  der  Anstreibungsperiode,  und  konnten  des- 
halb wegen  der  Unzagangigkeit  der  resorbirenden  inneren  Flache  der 

irmntt.r  nicht  infieirt  werden,  wahrend  jene  Individuen,  welche 
BBftter  geboren,  bei  der  Untersuchung  nach  der  protocollirten  Section 
in  der  Eröflnnngsperiode  sich  befanden,  und  daher  wegen  Zugängig- 
keit  der  resorbirenden  inneren  Fläche  des  Uterus  inticirt  worden. 

Obwohl  Dr.  Zipfl  die  Wahrheit  meiner  Ansicht  angreift)  nimmt 
er  doch  die  Priorität  tili  sich  und  für  Fergusson  in  Anspruch,  der- 
selbe Dr.  Zipfl,   welcher  so   viele  Sectionen  gemacht,   sich    nicht  des- 


:;tu 


Bemnelweig'  Abhundlungen  tinrl  Werk  über  du  Kindbett lieber. 


iiififin.  und  deshalb  von  den  innerhalb  zwei  Jahren  5398  Wöchnerinnen 
366  Wßchneriimen,  also  313  oder  beinahe  jeden  zweiten  Tag  eine 
Wöchnerin  in  Folge  verhttt barer  Infectinn  vnn  Aussen  verloren  bat» 
die  Kinder  nicht  gerechnet 

Welch'  eine  Strafe  ist  gross  genug  für  solch'  ein  Verbrechen  ? 

Docli  ich  will  jede  Strafe  von  Dr.  Zipfl  dadurch  abwenden,  dass 
ich  beweise,  dass  er  zur  Zeit,  als  er  beinahe  jeden  zweiten  Tag  eine 
Wöchnerin,  die  hatte  gerettet  werden  können,  verlor,  ungerechnet  die 
geopferte!)  Kinder,  in  tiefster  Unwissenheit  über  die  Entstellung  des 
Kindbettfiebers  lebte. 

1'eiLjiisson  sagt,  Gaspard  und  Ouvelhier  haben  zersetzte  Stoffe 
Thieren  in  das  <Telässsvstefll  gespritzt,  daduich  sind  bei  Thieren  die- 
selben Entzündungen  entstanden,  welclie  wir  hei  Wöchnerinnen  finden. 
Beide  Experimentatoren  haben  das  Gefässsj'stein  der  Thiere  mechanisch 
verletzt  durch  Einbringung  von  Holzstückchen  in  das  Gefässsystem, 
es  entstand  derselbe  Process.  Beide  diese  Schädlichkeiten,  sagt 
Fergusson.  finden  wir  bei  den  Wöchnerinnen,  und  deshalb  entsteht 
bei  denselben  dieselbe  Krankheit. 

Durch  Trennung  der  Placenta  werden  viele  Gefasse  zerrissen, 
während  der  Heilung  der  Wunde,  welclie  die  Placentastelh-  des  Uterus 
darstellt,  kann  das  Wundsecret eine  jauchige  Beschaffenheit  annehmen. 
und  dadurch  das  Puerperalfieber  hervorrufen;  nach  FergUSSOU  sind 
demnach  alle  Fälle  von  Puerperalfieber  Selbstinfectiousfülle.  nach  mir 
entsteht  das  Puerperalfieber  in  der  überwiegend  grössten  Mehrzahl 
der  Fälle  durch  Infection  von  Aussen.  Im  Ja  lue  1846  sind  an  der 
Klinik  für  Aerzte  zu  Wien  518  Wöchnerinnen  gestorben,  im  Jahre 
1848  starben  45;  sind  im  Jahre  1848  die  zersetzten  Stoffe  zerstört 
worden,  welche  von  aussen  eingebracht  wurden?  oder  die  zersetzten 
Stoffe,  welche  sich  an  der  Placentastelle  bildeten? 

Wann  daher  Dr.  Zipfl  Fergnsson'fi  und  meine  Lehre  für  identisch 

halt.  BÖ  Weiss  er  ebensowenig   was  Fei  Glisson,  im«  di   WSS  ich  lehre. 

Prof.  Hayne  ')  spricht  seine  Verwunderung  aus,  dass  sogar  über 
die  Priorität  ein  Streit  entstehen  kann,  indem  die  nun  für  die  Genesis 
des  Wochenbettfiebers  beim  Menschen  als  neu  aufgestellte  Erklärungs- 
weise von  ihm  bereits  im  J.  1830  in  seinen  tierärztlichen  Schriften 
für  das  dem  Wesen  nach  gleiche  Fieber  der  Rinder  veröffentlicht 
worden  s.i. 

Prof.  Hayne  sagt  Seite  618  Folgendes:  ..Da  allenthalben  Local- 
Aftectionen  nur  in  Folge  nn m dianisch-chemisch  und  dynamisch  ver- 
letzend wirkender  Einflüsse  stattfinden,  so  wird  dieses  auch  bei  den 
Wuritieber  der  Fall  sein,  daher  kaun  denn  auch  ein  schweres,  lang 
dauerndes,  bei  sehr  angestrengter  Natur,  insbesondere  aber  roher, 
vereiliger  und  unpassender  Knnsthilfe  vorsichgehendes  Werfen,  die 
dabei  vorkommenden  zufälligen  oder  absichtlichen  Verletzungen,  die 
übermässigen  Anhäufungen  des  Futters  in  den  Mägen  und  Gedärmen, 
des  Harns  in  der  Blase,  der  Genuas  reizender  verdorbener  Nahrung 
oder  der  Gebrauch  erhitzender,  mituntei  speeifisch  auf  die  Geschlechts- 
und Harnwerkzeuge  wirkender.  ßcharfer,  balsamischer,  heftig  reizender 


']  Handlmrb  über  die  besondere  KrftnkheStfierbenntniss  und  HeUungslehre  der 
sporadischen  und  »6achenftrtigeB  Kraiiklmun  der  nutzbaren  Han-tbiere  v««n  Antun 
H»vne.     Wien.  184t. 


Die  A'  äer  Betriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers,       365 


Mittel,  vor  allem  aber  die  unterdrückte  Bautausdünstung  in  Felge 

«U-r  Verkühlungen  einer  nasskalten  Witterung,  r'iittemrrg.  Localitat  u.  s.w. 

Ungeachtet   meistens    irgend  einer  der  obigen   Widrigen  Hintb 
der  Entstehung  des  Leidens  die  Schuld  trägt,  so  bann  doch  auch 

_er  Fall  eintreten,  dass  keine  Schädlichkeit,  welcher  entschieden  «las 
Erkranken  zugeschrieben  werden  könnte,  gefunden1  wird,  daher  denn 
auch  so  ein  Ergebnis«  zur  Annahme  entweder  eines  Miasma  oder 
i  ontaginm  berechtigen  dürfte,  in  welchem  Falle  auch  da»  Leiden 
seuehennrti«"  um  .><>  eher  vorkommen  kann,  als  gemeinschaftlich  zu 
gleicher  Zeit  das  Werfen  erfolgt,  die  betreffenden  Thiere  gleichförmig 
disponirt,  und  denselben  Anfeindungen  ausgesetzt  sind.  Indessen  muas 
jedoch  auch  bemerkt  weiden,  dass  solche  Ergebnisse,  welche  für  die 
Ansteckung  sprechen  würden,  hei  den  Thieren.  sowie  hei  den  Kind- 
1m  Herinnen  in  den  F'ntbindungsanstalten  der  Fall  ist,  vielleicht  darum 
nicht  vorkommen,  ata  nirgends  so  wie  in  diesen  das  Gebären  unaus- 
gesetzt Stattfindet,  auch  im  Falle  sich  ein  Contagium  entwickelt,  durch 
das  übliche  häufige  untersuchen  dei  Qefeurtstheüe  (was  bei  den  Thieren 
nicht  geschieh!  i  vielleicht  eine  Uebertragung  von  einem  Kranken  auf 
den  anderen  zwar  gesunden,  aber  äusserst  empfindlichen  und  leichter 
verletzbaren  Uterus  erfolgen  dürfte." 

Seile  612  sagt  Prof.  flayne.  ..dass  das  Folien-.  Kälber-  u.  s.  f. 
Fieber  gleich  dem  Purperalfieber  ist,  darf  wohl  kaum  erinnert  werden; 
man  hat  jedoch,  wie  bereits  erwähnt  wurde,  noch  keine  Erfahrung 
gemacht  welche  für  eine  (  ontagiosität  sprechen  würde,  somit  auch 
in  veterinar-polizeilicher  Hinsicht  nichts  anzuführen  und  nur  hinzu- 
zufügen ist  dass  dort,  wo  das  Leiden  seuchenartig  erscheinen  sollte, 
jeder  Art  Verkühlung  und  Ueberfütterung  aasgewichen  werden  mus>. 
eine  Vorsicht,  die  um  so  unverlasslicher  ist.  als  jene  sowohl  bei 
Menschen,  als  auch  bei  den  Thieren  als  das.  meistens  das  Leiden 
Veranlassende,  im  Rufe  steht,  üb  wohl  mitunter  auch  etwas  miasmatisch 
Wirkendes  in  der  Luft  zu  sein  scheint,  das  zu  entfernen  und  un- 
schädlich  zu  machen,  meist  ausser  dem  Bereiche  der  menschlichen 
Kräfte  liegt." 

Der  Leser  wird  selbst  benrtlieileii.  ob  Prof.  Harne  schon  im 
Jahr  1830  das  Puerperalfieber  bei  Thieren  so  entstehen  liess.  Wie  ich 
es  im  Jahre  L847  beim  Menseben  entstehen  lehrte, 

Als  zweiter  Gegner  betheiligte  sich  Dr.  Lumpe. 

Dr.  Lumpe 'i  sagt:  „Wenn  man  bedenkt  wie  s.it  dem  ersten 
Auftreten  von  Puerpera IIb  bn- Epidemien  die  Beobachter  aller  Zeitoll 
sich  die  Kopfe  zerbrochen,  um  die  Ursache  derselben  aufzufinden,  und 
ihre  Entstehung  zu  verhüten,  sc  mnss  uns  die  Semmelweis'sche 
Theorie  geradezu  wie  das  Ki  des  <  olunibus  erscheinen.  Ich  gestehe, 
dass  ich  selbst  anfangs  hocherfreut  war,  als  ich  von  den  glücklichen 
Resultaten  der  Chlorwaschungen  holte,  und  es  ist  es  mit  mir  gewiss 
Jeder  gewesen,  der  das  l'nglück  hatte.  Zeuge  zu  sein,  wie  so  viele 
in  jugendlicher  Frische  erblühende,  kraftige  Individuen  der  rer- 
li-i enden  Seuche  eben  so  schnell  zum  Opfer  fielen,  als  manche  ent- 
nervte, gebrechliehe  Jammergestalt.  Allein  da  ich  während  meiner 
zweijährigen  Assistentenzeit  an  der  1.  (iebärklinik  BO  ungeheure 
Schwankungen   der   Erkrankungs-    und    St  ei  befalle    beobachtet    habe, 


J)  Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte.  VI.  Jahrgang,  2.  Ban.I,  Seite  392, 


366 


nielweis1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiudln  miik- 


musste  wohl  mancher  gerecht«'  Zweifel  gegen  die  beliebte  Entstehungt- 
nnd  Yerhiitungsart  in  mir  erwachen.  Je  schärfer  ich  diese  Zweifel 
ins  Auge  fasste,  desto  deutlicher  standen  sie  Üfl  logische  Widersprüche 
vor  mir,  gegen  welche  die  pia  desideria  der  Humanität  auf  dem 
Felde  der  exacten  Wissenschaften  nicht  Stand  zu  halten  vermögen.* 

Ich  bin  ganz  mit  Dr.  Lumpe  einvei-standen,  wenn  er  sagt.  dftSB 
meine  Theorie  ihm*  das  Ei  des  Columbus  zu  sein  scheine.  Ich  selbst 
habe  oft  und  oft  meine  Verwunderung  nicht  darüber  ausgesprochen, 
data  der  grolle  Widerspruch  zwischen  den  täglichen  Henbachtungen 
und  der  Lehre  mir  meine  gegenwärtige  Ueberzeugung  aufgedrungen 
hat.  sondern  darüber,  dass  dieses  nicht  schon  lange  vor  mir  ge- 
schehen  sei. 

Wenn   aber  Lumpe   sagt,  dass   die   pia  desideria   der  Humanität 
vor  der  Logik  und  der  exacten  Wissenschaft  nicht  Stand  ha 
bin  ich  anderer  Meinung. 

Wahrend  der  zweijährigen  Dienstzeit  des  Dr.  Lumpe  vom 
September  1K40  bis  September  1K42  ereigneten  sich  an  der  I.  Klinik 
6663  Schürten,  in  welcher  Zahl  die  Schürten  vom  December  1841 
nicht  inbegriffen  sind,  weil  mir  die  Rapporte  dieses  .Monates  verii 
gingen.  Davon  starben  ß82  Wöchnerinnen,  es  starben  mithin  606 
Wöchnerinnen  in  Folge  verhiitbarer  Infection  von  aussen  oder  mit 
anderen  Worten,  in  diesen  2B  Monaten  starb,  ungerechnet  der 
Transf erirten ,  ungerechnet  der  dnreh  die  Mutter  inficirten  Kinder, 
beinahe  täglich  eine  Wöchnerin,  die  hätte  gerettet  werden  können; 
es  ist  ein  I  (esiderium  der  Humanität,  dass  eine  solche,  grauenerregend»' 
Verschweiiilunir  von  Menschenleben  anfhöre.  Wir  erfüllen  mit  dieser 
Schrill  »Urses  Desiderium  der  Humanität,  wir  haben  in  dieser  Schrift 
eine  logische,  exaete  Wissenschafi  über  die  Entstehung  and  Verb&tuog 
des  Kindbettfiebers  aufgebaut:  was  Lumpe  Logik  nennt,  ist  k« 
Logik,  und  was  Lampe  exaete  Wissenschaft  nennt,  ist  ein  Conglomerat 
ran  Irrthümern. 

Lumpe  sagt,   er   war  hoch   erfreut,  als  er  von   den  glücklichen 
Resultaten   der  <  'hlnrwaschungen    liürte.  aber  er  habe  einige  Zweifel, 
und    anstatt    durch    Studien    diese    Zweifel    zu    lösen,    hält    er    s< 
Zweifel  für  wahr,  and  das  unzweifelhafte  Factum  des  Erfolges  dei 
i'hlorwaschungeii    für   falsch,   den   Erfolg  dem  Zufalle   zuschreibend. 

ist  Logik,  das  ist  exaete  Wissenschall  nach  Lumpe,  und  di 
Logik,   dieser   exacten    Wissenschaft    müssen    die   pia   desideria   der 
Humanität   weichen,  und   in  alle   Ewigkeit  muss  an  einer  einzigen 
geburtshilflichen  Lehranstalt  dieser  Logik  und  dieser  exacten  Wis 
schafi  beinahe  täglich  eine  Wöchnerin  zum  Opfer  fallen. 

Die  Monatsrapporte  von  Dr.  Lumpes  Dienstzeit  in  den  Jahren  1841 
und  1842  findet  der  Leser  Seite  100,  Tabelle  Nr.  III,  die  Rapporte 
lern  .lahre  1840  folgen  hier: 

im  Banal  September,  Öeburten  270.  Todte  88,  lt.  P.  ll.M 

„       «'-'t •,  „         21Ö.  BS,       „       29.,«, 

Nv.nilMr  2\G,       ,.       42,       „       14. M 

Decembei  Sil,      ,.      4s.      „      ■ 

Dr.  Lumpe  sagt:  „Wenn  das  Leichengift  die  Ursache  einer  Krauk- 
heif  ist,  90  rnusa  noth wendig  die  Wirkung  desselben  (da  man  logischer 
Weise  keine  speeifische  Disposition  dafür  annehmen  kann)  in  einem 
directen  Verhältnisse  zu  dieser  Ursache  stehen,  also  je  häufiger  das 
Leichengift  durch  den   untersuchenden  Pinger  etc  auf  Wöchnerinnen 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbett  fiebere.         367 


• 


G 


: 


übertragen  wird,  desto  häufiger  müssen  die  Erkrankungen  und  Sterbe- 
fälle sein  und  umgekehrt." 

leb  bin  mit  Lumpe  einverstanden,  wenn  er  BOgt,  dass.  je  häufiger 
as  Leichengift  eingebracht  wird,  desto  häufiger  die  Erkrankungen 
und  umgekehrt.  Aber  die  Behauptung,  dass  es  keine  speeifische 
Disposition  für  das  Leichengift  gebe,  ist  wieder  eine  exacte  Lumpe- 
sche Wissenschaft.  Die  tägliche  Erfahrung  lehrt,  dass  nicht  immer 
nach  Verletzungen  bei  Sectionen  Pyaemie  folgt,  sowie  nicht  alle 
Kaninchen,  denen  wir  zersetzte  Stoffe  einspritzten,  an  Pyaemie  zu 
i runde  gingen. 

Dr.  Lumpe  sagt:  „Sehen  wir  nun,  wie  sich  die  Thataachen  mit 
dieser  Forderung  der  unerbittlichen  Logik  vertragen.  Lumpe  Sagt, 
wahrend  seiner  Dienstzeit  sei  ein  solcher  Unterschied  zwischen  dem 
Maximo  und  Minimo  der  Sterblichkeit  vorgekommen,  dass  man  dabei 
an  alles  andere,  als  an  eine  gemeinsame  sich  gleichbleibende  Ursache 
denken  könne." 

Die  gemeinsame  Ursache  aller  Puerperalfiebertilli .  welche  je 
aren,  und  welche  noch  entstehen  werden,  ist  allerdings  ein  zersetzter 
thierisch-organischer  Stoff,  wenn  aber  Dr.  Lumpe  behauptet,  dass  der 
zersetzte  Stoff  eine  gleichbleibende  Ursache  sei,  das  heisst,  dass  die 
im  Gebärhause  Beschäftigten  immer  im  gleichen  Grade  mit  zersetzten 
Stoßen  verunreiniget  sind,  dass  demzufolge  die  Sterblichkeit  keine 
Schwankungen  erleiden,  sondern  immer  eine  gleiche  sein  müsste. 
ist  das  eine  Behanptung,  die  alle  Merkmale  der  Lunipe'sclien  exaeten 
Wissenschaft  an  sich  trägt. 

Daaa  das  Puerperalfieber  wirklich  nur  im  Verhältnisse  zur  Ein- 
bringung zersetzter  Stoffe  von  Aussen  entstehe,  haben  wir  weitläufig 
genug  durch  fast  vier  Druckbögen  hindurch  in  dieser  Schrift,  nämlich 
on  Seite  167  bis  Seite  228,  bewiesen 

Dr.  Lumpe  sagt:  „Stellen  wir  nun  damit  das  Maximum  der 
Sterblichkeit  beim  Gebrauch  der  Chlorwaschungen  zusammen  —  es 
starben  im  März  1*49  20  Wöchnerinnen  ')  —  so  können  wir,  wenn 
Semmel  weis'  Theorie  wahr  ist,  nur  die  über  dieses  Maximum  hinaus- 
gehenden, nach  logischen  Gesetzen  als  Vergiftungsfälle  gelten  lassen, 
und  wir  werden  in  consequenter  Schlussfolge  zu  der  Behauptung  ge- 
drängt, dass  ein  Gift,  welches  so  intensiv  ist.  dass  die  geringst« 
materielle,  kaum  nachweisbare  Menge  die  gesundeste  Wöchnerin  zu 
todten  vermag,  sich  durch  lange  Zeit  mild,  wie  Mandelmilch  verhall. 
dann  wieder  wie  verheerender  Pesthauch  durch  die  Wochenzimmer 
streift.  Denn  vom  Februar  1841  bis  inclusive  September  1841.  also 
durch  volle  acht  Monate,  dann  vom  Mai  bis  inclusive  Juli  1842  blieb 
die  Zahl  der  Sterbefälle  immer  und  —  mit  Ausnahme  zweier  .Monate  — 
sogar  sehr  weit  unter  20." 

Es  zeugt  von  exaeter  Wissens,  liaft,  wenn  Lumpe  nur  die  absolute 
Sterblichkeit  berücksichtigt  Kiwiseh  hatte  27  Todte.  im  Wiener  Ge- 
bärhause starben  730  Wöchnerinnen;  folglich  zweifelt  Dr.  Lumpe 
nicht,  dass  Kiwisch  einen  günstigeren  Gesundheitszustand  hatte,  als 
das  Wiener  Gebärhaus. 


',  It.  Sein  im-]  weis  erklärt   zwar,  dass,   wie   mau   ihm   sagte,   zur  Zeit  dieser 
grossen  Sterblichkeit  die  Chlürwaschimgen  nachlässig  gemacht  wurden;  ob  und  »rie- 
fen! dies  richtig  sei,  darüber  muss  Dr.  Braun,  in  Senes    I  Monat 
i'.iiu,  zur  eigenen  Rechtfertigung  genauen  Lutkinifl  geben,  ieh  kann  auf  ei»  bl 
"ii  dit  keine  Rücksicht,  nehmen. 


StailBelw'eis'   Aliliuiullii  1   Werk  Über  dM  Kiiiill»'t1lii-l'iM. 


Grundfalsch.   Kiwisch  verpflegte  102  Wöchnerinnen,  folglich  hatte 
er  2<i"11  Sterblichkeit,  im  Wiener  Gebärhause  wurden  im  Jahre  L84S 
verpflegt   0024    Wöchnerinnen,   folglich  starben   iL' "  „  Wöchnerini 
die  Sterblichkeit  war  da  Ihm    im  Wiener  Gebärhau-e   bei   780  Todten 
am  14  "„  günstiger  als  bei  öwieoh  mit  27  Todten. 

Im  M8rz  1S4'.i  wurden  verpflegt  406  Wöchnerinnen,  davon  starben 
20,  d.  i.  4..,.>  ",,.     l>ie  wahre   exaete  Wissensehalt    furdert,    dass  nicht 
1   Wöchnerin    von  100  Wöchnerinnen  am  Ivindbettfieber  sterbe,   wenn 
daher  von  40<5  Wöchnerinnen  20  am  Kindbettfieber  gestorben  sin«: 
sind  wenigstens  17  Wöchnerinnen  gestorben,  welche  hätten  gere 
werden  können.    Wenn  wir  diese  Forderung  der  wahren  Wissenschaft 
über  die  Entstehung'  des  Kindbettfiebers  an  die  Leistungen  Lun 
stellen,  so  zeigt  sich,  dass  nur  einmal,  im  Hai  LB41.  nicht  eine  Wöch- 
nerin vun  mo  Wöchnerinnen  starb,  dass  in  den  übrigen  Monaten  mehr 
weniger  in  dem  Krade  infieirt  wurde,  dass   durchschnittlich  beinahe 
täglich   eine  WOchnerin  starb,   welche  hätte  gerettet  werden  können. 
Der  Leser  weiss,  dass  an  der  I.  Gebärklinik  von  Zeit  zu  Zeil  massen- 
hafte Transferirungen  erkrankter  Wöchnerinnen  vorgenommen  wurden. 

Die  Einsichtnahme  der  Acten  über  diese  Transferirungen  wurde  ver- 
weigert :  wenn  es  mir  gestattet  gewesen  wäre,  von  diesen  Acten  Kenntnis« 
zu  nehmen,  so  könnte  ich  vielleicht  der  unerbittlichen  Lumpe'schen  Logik 
und  der  Lumpe 'sehen  exaeten  Wissenschaft  sagen,  gerade  in  den  Monaten 
wo  sieh  das  Leichengift  so  milde  wie  Mandelmilch  verhalten,  wurden  so 
und  so  viele  hundert  erkrankte  Wöchnerinnen  ins  Krankenhans  b 
ferirt  Dass  während  Lumpes  Dienstzeit  massenhafte  Transferirungen 
vorgenommen  wurden,  ist  Thataache;  eine  Sterblichkeit  wo  beinahe 
eine  Wöchnerin  täglich  stirbt,  die  hätte  gerettet  werden  können,  ist 
zu  entsetzlich,  als  dass  selbe  nicht  zu  Massregeln  hätte  Veranlassung 
geben  sollen,  nur  weiss  ich  nicht  die  Monate,  in  welchen  die  Trans- 
ferirungen geschahen;  die  Acten  existiren  noch,  und  der  Leser  kann 
überzeugt  sein.  dass.  falls  die  Acten  gegen  mich  sprechen  sollten, 
deren  Veröffentlichung  nicht  auf  sich  warten  lassen  wird,  unterbleibt 
die  Yeiötieiitlii  hiuiü.  so  kann  der  Leser  sicher  sein,  dass  selbe  für 
mich  zeugen. 

Di.  Lurape  sagt:  „Suchen  wir  noch  die  weiteren  Consequenzen. 
die  sich  aus  dem  Anpassen  der  angeregten  Erklärungsart  auf  fest- 
gestellte, unläugbare  und  —  ich  brauche  wohl  nicht  hinzuzufügen  — 
mit  gewissenhafter  Treue  zum  Beweise  benutzte  Thatsachen  ergeben.'* 

Dr.  Lumpe  gibt  nun  eine  Tabelle,  aus  welcher  hervorgeht,  dass, 
je  seltener  die  Gelegenheit  war,  die  Hände  zu  verunreinigen,  desto 
grösser  war  die  Sterblichkeit,  und  je  häutiger  die  Gelegenheit  war, 
die  Hände  zu  verunreinigen,  desto  geringer  war  die  Sterblichkeit; 
und  sagt:  „Wir  waren  somit  in  der  Beweisführung  ad  absurdum  ge- 
kommen.* 

Die  festgestellte,  uuläugbaie,  mit  gewissenhafter  Treue  zum  Be- 
weise benutzte  Thatsaehe.  welche  hei  dieser  Tabelle  als  Basis  dient. 
ist  die  Annahme,  dass  die  Bchfiler  nur  bei  den  geburtshilflichen  Cursen 
mit  Hebungen  an  Leichen  Gelegenheit  haben,  sich  die  Hände  zu  ver- 
unreinigen; wie  gänzlich  falsch  diese  Annahme  sei.  ist  ja  selbst  Lump,. 
bekannt,  denn  ei  sagt  in  demselben  Aufsatze,  dass  die  Candidaten 
zur  Morgenvisite  directS  aus  der  Leiclieiikammer  von  den  Sectionen 
kommen,    Lumpes  Onrse  bestanden  in  sechswöche&tlichen  theoretischen 


Die  Äetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        3ß9 


Vorträgen,  welche  durch  je  einstündige  Hebungen  am  Cadaver  in  den 
letzten  3  Tagen  geschlossen  wurden. 

Lumpe  sagt,  die  grösste  Sterblichkeit  war  im  October  1840,  es 
starben  von  l'1  »  Wöchnerinnen  63,  und  er  habe  in  diesem  Monate 
keinen  Curs  mit  Uebungen  an  Leichen  gehabt,  während  der  acht 
Monate  aber,  binnen  welchen  nicht  20  Wöchnerinnen  starben,  habe  er 
ein  bis  zwei  Uebungen  am  Cadaver  gehabt,  ja  im  Mai  1842  habe  er 
4  Cnrse  gehabt  und  doch  nur  10  Wöchnerinneu  verloren,  während  im 
Jänner  1842  in  einem  Curse  64  Wöchnerinnen  starben. 

Wenn  Lumpe  auch  im  October  1840  keinen  Curs  mit  Uebungen 
an  Leichen  hatte,  so  kamen  doch  die  Schüler  von  den  Ferien  mit 
frischem  Eifer,  besuchten  die  Sectionen.  gingen  direct,  wie  Lumpe 
selbst  sagt,  aus  der  Leichenkammer  von  deu  .Sectionen  zur  Visite  ins 
Gebärhaus;  das  dauert  so  lange,  bis  in  Folge  der  wärmeren  Jahreszeit 
der  Aufenthalt  sowohl  in  der  Todtenkanuner  als  im  Gebärhause  un- 
angenehm wird,  da  lässt  der  Fleiss  bedeutend  nach,  und  nur  Folge 
i|.-  I-'].'isM-s  der  Schüler  in  der  kälteren  .Jahreszeit  ist  die  grosse 
Sterblichkeit  in  der  kälteren  .Jahreszeit,  und  Folge  des  verminderten 
Fleiss«  s  ist  die  geringere  Sterblichkeit  während  der  wärmeren  Jahres- 
zeit, Die  geburtshilflichen  I  urse  mit  Uebungen  an  Leichen  in  der 
wärmeren  Jahreszeit  —  in  welche  die  Cnrse  bei  gleichzeitiger  geringer 
Sterblichkeit  fallen  —  werden  nach  der  Nachmittagsvisite  gehalten, 
und  sind  deshalb  minder  gefährlich,  weil  die  Schüler  nach  vollendeter 
Tagesarbeit  sich  zerstreuen,  und  erst  kommenden  Tags  wieder  das 
Gebärhaus  besuchen. 

Lumpe  sagt,  der  grössten  Gefahr  einer  Infection  sind  besonders 
die  künstlichen  Geburten  ausgesetzt,  wegen  der  häutigen  Unter- 
st» hnngen.  denen  selbe  unterworfen  sind,  und  doch  war  in  den  8 
Monaten  die  Zahl  der  Todesfälle  viel  kleiner,  als  die  Zahl  der  künst- 
lichen Geburten.  Natürlich,  weil  diese  8  Monate  in  die  warme  Jahres- 
zeit fallen,  wo  mit  reineren  Händen  untersucht  wird.  Hätte.  Lumpe 
die  künstlichen  Geburten  der  Wintermonate  excerpirt,  so  hätte  es  sieh 

igt,  dass  die  Sterblichkeit  nach  künstlichen  Geburten  eine  sehr 
grosse  sei. 

Dr.  Lumpe  sagtr  „Wenn  die  Folgen  eines  Giftes  bei  der  nach- 
gewiesenen Wirklichkeit  der  Uebertragung  durch  volle  8  Monate  nicht 
zur  Aeasserung  kommen,  so  existirt  kein  vernünftiger  Grund  gegen 
die  Annahme,  dass  dies  auch  mehrere  Jahre  hindmvh  der  Fall  sein 
kann.    Die  Chlorwaschungen  werden  seit  3  .fahren  gemacht." 

Wir  haben  nachgewiesen,  dass  nur  im  Mai  1841  das  Leichengift 
nach  den  Gebärhausrapporten  sich  nicht  geäussert  hat,  wir  halten  es 
.ilier  für  möglich,  dass  vielleicht  gerade  im  Mai  1841  60  bis  80  er- 
krankte Wöchnerinnen  ins  Krankenhaus  trausferirt  wurden.  Wir  leben 
jetzt  im  Jahre  1860,  folglich  sind  es  nicht  mehr  blos  3,  sondern  13 
Jahre,  und  das  zufällige  Aufhören  der  Sterblichkeit  hat  sich  an  mehreren 
Orten  wiederholt. 

Mit  der  Theorie  des  Puerperalfiebers  geht  es  wie  mit  allen 
Theorien,  sagt  Lumpe ;  z,  B.  die  Physiker  erklärten  die  Erscheinungen 
Lichtes  früher  mit  der  Enianationstheorie,  und  jetzt  mit  der 
Vibrationstheorie,  wer  bürgt  dafür,  dass  auch  diese  die  richtige  ist?" 
Das  Lieht  thut.  was  es  thun  soll,  unbekümmert  um  die  Erklärungen 
der  Physiker,  aber  das  Puerperalfieber  ist  von  der  Erklärung  der 
Lerzte  sehr  abhängig. 

Senimrlwi'is"  gesammelte  Werke.  -* 


370 


Semmel  weis'  Abhandlungen  and  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Dr.  Lumpe  erklärte  sich  die  Entstehung:  des  Puerperalfiebers 
durch  epidemische  Einflüsse  und  schickte  beinahe  taglich  ein»-  todte 
Wöchnerin  in  die  Leichenkammer;  ich  erklärte  mir  die  Entstehung 
des  Puerperalfiebers  durch  die  Einbringung-  zersetzter  Stoffe  von  aussen, 
und  habe  im  Jahre  1848  45  todte  Wöchnerinnen  in  die  Leichen- 
karomer  geschickt,  und  unter  diesen  45  Wöchnerinnen  beklage  ich 
wenigstens  10.  die  noch  hätten  gerettet  werden  können,  wenn  ich 
nicht  mit  ungünstigen  Verhältnissen  hätte  kämpfen  müssen. 

Wenn  es  sich  bei  gleichbleibender  Sterblichkeit  blos  um  eine 
andere  Erklärung  handeln  würde,  dann  würde  ich  meine  Zeit  besser 
zu  verwenden  wissen,  als  mich  mit  den  Irrthümern  und  dem  bösen 
Willen  meiner  Gegner  herumzubalgen. 

Dr.  Lumpe  sagt:  „Einen  schlagenden  Beweisgrund  für  seine  An- 
sicht glaubt  Semmelweis  in  dem  Umstände  zu  sehen,  dass  auf  der 
I.  Klinik  die  Sterblichkeit  auffallend  grösser  ist  als  auf  der  IL,  ob- 
wohl die  Verhältnisse  auf  beiden  gleich  sind.  Semmelweis  ignorirt 
hier  offenbar  einen  Lbmstand,  der  mir  von  hoher  Wichtigkeit  »eheint. 
Ete  ist  folgender:  Da  auf  der  I.  Klinik  durch  4  Tage  der  Worin-,  und 
/war  zweimal  aufeinanderfolgend,  auf  der  II.  nur  durch  3  Tage  die 
Aufnahme  stattfindet,  so  ist  eine  vollkommene  Lüftung  der  Wochen- 
zimmer auf  der  I.  Klinik  höchst  selten  im  Jahre  möglich,   während 

auf  der  IL  regelmässig  durchgeführt  wird.*1 

Ich  habe  diesen  Umstand  nicht  erwähnt,  weil  er  in  Bezug  auf 
die  Sterblichkeit  der  I.  Klinik  vollkommen  gleichgiltig  ist:  nur  eine 
so  exaete  Wissenschaft,  wie  sie  Lumpe  eigen  ist,  kann  diesem  Um- 
stände eine  hohe  Wichtigkeit  beilegen,  und  wenn  Lumpe  wirklich 
überzeugt  ist.  dass  er  dieses  Umstandes  wegen  beinahe  täglich  eine 
todte  Wöchnerin  in  die  Leichenkammer  gesendet,  ungerechnet  der 
Transferirten.  ungerechnet  der  durch  die  Mütter  inficirten  Kinder,  so 
frage  ich  ihn,  wie  wird  er  das  Verbrechen  verantworten,  welches  er 
dadurch  begangen,  dass  er  die  so  leichte  Hilfe,  die  Abschaffung  dieses 
Umstandes  nämlich,  nicht  einmal  in  Vorschlag  gebracht  hat? 

Doch  der  Leser  wolle  sich  beruhigen,  bei  Lumpe  kann  von  keinem 
Verbrechen,  es  kann  nur  immer  von  seiner  exaeten  Wissenschaft  die 
Rede  Bein,  denn  die  Lumpe'sche  Assistenz  fällt  in  die  Zeit  vor  dem 
entdeckten  puerperalen  Columbus-Ei. 

Die  exaete  Wissenschaft  Lumpe's  hält:  Aufnahme  haben,  und: 
nicht  lüften  köuneu,  für  gleichbedeutend,  deshalb  wird  auch  in 
häusern.  welche  nicht  vier  Tage  die  Woche,  sondern  täglich  Aufnahme 
haben,  nie  gelüftet;  doch  bleiben  wir  bei  den  Wiener  Abtheilun 
Ich  finge,  welche  Abtheilung  hat  mehr  lüften  könuen,  die  IL.  welche 
wöchentlich  3  Aufnahmetage  hatte,  und  doch  sehr  oft  die  Aufnahme 
wegen  UeberftUlung-  nicht  übernehmen  konnte,  oder  selbe  wieder  vh 
der  gesetzlichen  Zeit  abgeben  musste?  oder  die  I.,  welche,  obwohl 
selbe  4  Tage  Aufnahme  hatte,  immer  noch  Raum  genug  hatte,  die 
Aufnahme  zu  behalten,  oder  wieder  zu  übermessen,  wenn  selbe  auf 
der  IL  Aotheilung  hätte  statthaben  sollen? 

Die  Wöchnerinnen  der  I.  Abtheilung  erhielten  den  7.  oder  8.  Tag 
Sin  anderes  Zimmer;  ich  war  5  Jahre  an  der  I.  Klinik,  und  in 
5  Jahren  ist  es  auch  nicht  einmal  geschehen,  dass  die  Wochenzimimi 
mit  neuen  Wöchnerinnen  belegt  worden  wären,  ohne  dass  nii 
wenigstens  einen  Tag  gelüftet  worden  wäre,  nicht  zu  erwähnen  die 
Beobachtung  der  übrigen  Heinliohkeitsrücksichten. 


Die  Aetiolog-ie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  fa  Kfadböttfifiberk 


Die  beiden  Abtheilungeu  des  Wiener  Gebärhauses  bestehen  seit 
1833  nebeneinander,  bis  zum  Jahre  1859  bestanden  selbe  demnach 
durch  26  Jahre  nebeneinander,  durch  alle  26  Jahre  hatte  die  I.  4 
und  die  II.  3  Tage  wöchentlich  Aufnahme,  während  der  ersten  8  Jahre 
war  die  durchschnittliche  Sterblichkeit  der  L  6..,,  %  die  der  IL  5,S8, 
jährlich  wurden  durchschnittlich  an  der  I.  1246  Wöchnerinnen  mehr 
verpflegt.  Die  folgenden  6  Jahre  war  die  Sterblichkeit  der  L  9„„ 
der  II.  3,ag,  das  plus  der  verpflegten  Wöchnerinnen  an  der  1.  betrog 
376.  Die  letzten  12  Jahre  war  die  .Sterblichkeit  der  I.  3,ft;  %,  der 
IL  3.06  °/n  das  P'ns  der  verpflegten  Wöchnerinnen   der  L  betrug  598. 

Kinn  wohl  die  unerbittliche  Lumpe'sche  Logik  und  die  exacte 
Lumpe'sche  Wissenschaft  den  Grund  angeben,  warum  der  vierte  Anf- 
nahmetag  mit  nur  37fi  plus  Wöchiieriim.-n  in  sechs  Jiihren  eine 
dreimal  so  grosse  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  hervorgebracht  hat, 
nachdem  derselbe  vierte  Tag  durch  20  Jahre  bei  1246  und  598  plus 
Wöchnerinnen  keinen  Unterschied  in  der  Sterblichkeit  der  beiden  Ab- 
theilungeu hervorgebracht?  Die  wahre  Logik  und  die  wahre  exacte 
Wisseiischafl  über  die  Kutstehunir  und  Verhütung  des  Kindbett  riebers 
ist  in  der  Lage  diesen  Grund  anzugeben. 

\\  iihrend  der  ersten  8  Jahre  waren  an  beiden  Abtheilungeu 
Schüler  und  Schülerinnen  in  gleicher  Anzahl  vertheilt.  daher  wurde 
an  beiden  Abteilungen  aus  allen  Quellen  inttcirt,  daher  eine  gleiche 
Sterblichkeit.    In  den  folgenden  6  Jahren  hörten  die  lnfectionen  vom 

iver  her  auf  der  IL  Abtheiltnig  zum  grossen  Theile  auf.  auf  der 
I.  floßfl  diese  Quelle  reichlicher  durch  Zuweisung  aller  Schüler  der  I. 
und  aller  Schülerinnen  der  IL  Abtheilung,  und  daher  die  Differenz 
in  der  Sterblichkeit;  in  den  folgenden  zwölf  Jahren  wurde  durch  Chlor* 

drang  der  Unterschied  der  Sterblichkeit  aufgehoben. 

hi.  Lumpe  sagt:  „.Schliesslich  muss  ich  nur  noch  gegen  die  Be- 
hauptung, duss  Ins  Puerperalfieber  ausser  dem  Gelmi hause  nicht 
epidemisch  vorkommt,  einige  ernste  Einwendungen  machen.  Ich  kann 
ans  meiner  Praxis  eine  hinreichende  Anzahl  von  Fällen  aufzählen 
«und  gewiss  können  es  Viele  mit  min,  wo  die  Erkrankung  sowohl  als 
der  rapide  Verlauf  und  die  unaufhaltsame  Tödtliebkeit  die  grösste 
Heimlichkeit,  ja  volle  Identität  mit  jenen  Fällen  darbieten,  die  während 
einer  verheerenden  Spitulemlemk  vorkommen."  Ich  glaube  es  Lumpe 
ftufa  Wort,  dass  er  eine  hinreichende  Anzahl  von  Puerperalfieber- 
ÄUen  in  seiner  Privatpraxis  hatte,  wir  haben  ja  gesehen,  dass  Lumpe 
als  Assistent  beinahe  täglich  eine  Todte  geliefert,  und  im  Jahre  1850, 
nachdem  im  Jahre  1847  das  puerperale  Üohimbus-Ei  entdeckt  wurde, 
findet  er,  dass  die  pia  desideria  der  Hiinnuiitat  der  unerbittlichen 
Logik  und  der  exacten  Wissenschaft  gegenüber  nicht  Stand  halten, 
ein  i  lebnrtshelfer  mit  solcher  exacten  Wissenschaft  muss  einer  hin« 
i  eichenden   Zahl   Wöchnerinnen  anstatt  Rettung  Verderben   bringen. 

Falls  Lumpe  verbesserlich  ist,  wird  eine  Zeit  kommen,  wo  er, 
wenn  auch  nicht  der  Welt,  doch  sich  selbst  wird  gestehen  müssen: 
Semmelweis  hat  Recht,  wieselten  im  Vergleiche  mit  früher  beobachte 
ich  jetzt  das  Puerperalfieber. 

Nachdem  Dr.  Lumpe  gesagt  dass  das  Leichengift  durch  8  Monate 
kein  8fft  war.  und  dass  es  dann  wieder  eines  war,  wofür  es  in  der 
Ranzen  Natur  keine  Analogie  gebe,  nachdem  er  nachgewiesen,  dass 
die  Sterblichkeit  desto  grosser  war.  je  geringer  die  Gelegenheit  zur 
Verunreinigung   der    Hände    war,    und   dass    die  Sterblichkeit  desto 

24* 


372  Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  KindhettfieWr. 

kleiner  war.  je  grösser  die  Möglichkeit  zur  Verunreinig  hol»;  der  Hände, 
Nachdem  er  nachgewiesen,  dass  gerade  die  am  häufigst  untersuchten 
am  seltensten  sterben,  zieht  er  den  Schluss.  dass  er  meine  Lehre  ad 
absurdum  gebracht,  uud  dass  er  in  alle  Ewigkeit  behaupten  wird, 
dass  der  mit  Leichengift  imprägnirte  untersuchende  Finger  nicht  ler 
eigentliche  Faden  sei,  an  dem  die  Infectionskrystalle  anschienen. 
Nachdem  Lumpe  ilas  alles  klar  bewiesen,  sagt  er  Folgendes:  „Wenn 
ich  durch  alles  bisher  Gesagte  die  Infection  durch  Leichengift,  als 
einzigen  und  wahren  Erzeuger  des  Puerperalfiebers,  widerlegte,  so 
kann  ich  doch  die  Chlorwaschungen  nicht  für  überflüssig  erklären; 
denn  wenn  unter  den  vielen  zur  Erzeugung  der  Puerperalfieber 
concurrirenden  Factoren  nur  der  kleinste  dadurch  für  immer  vertilgt 
wird,  so  bleibt  das  Verdienst  der  ersten  Einführung  noch  g) 
genug.  Ob  dies  aber  wirklich  der  Fall  ist,  darüber  muss  erst  eine 
spätere  Zukunft  entscheiden. 

Bis  dahin,  glaube  ich.  sollen  wir  —  warten  und  W8 sehen." 

Der  Leser  sieht  die  unerbittliche  Lumpe'sche  Logik  in  ihrer 
Blflthe,  es  ist  ein  grosses  Verdienst,  etwas  Absurdes  behauptet  zu 
haben;  Lumpe  wird  in  alle  Ewigkeit  behaupten,  dass  der  unter« 
suchende  Finger  nicht  das  Puerperalfieber  erzeugt,  aber  darüber 
wird  die  Zukunft  entscheiden,  die  Zukunft:  nach  der  Ewigkeit?  l'nd 
wie  klein  der,  das  Kindbettfieber  erzengende  Factor  ist,  welcher  durch 
Cnlorwaschnngen  zerstört  wird,  ersieht  der  Leser  daraus,  daea  den 
übrigen  vielen  zur  Erzeugung  des  Puerperalfiebers  concnrrirenden 
Lumpe'schen  Factoren  es  nicht  einmal  gelingt,  eine  Wöchnerin  von 
100  Wöchnerinnen  zu  tCdten. 

Dr.  Lumpe  setzte  seinem  Aufsätze  «las  Motto:  „Der  Wahrheit 
eine  Gtasae"  vor;  das  Motto  wäre  mehr  im  Einklänge  mit  dem  Auf- 
satze, wenn  es  hiesse: 

,.Der  Doppelzüngigkeit  eine  Gasse.*1 

Als  Anhänger  meiner  Ansieht  beteiligten  sieh  an  der  Discu 
Dr.  Chiari,  Dr.  Helm,  Dr.  Arneth,  Prof.  Rokitansky. 

Dr.  Chiari,  emeritirter  Assistent  der  1.  Klinik,  sagt:  Die  .Sterb- 
lichkeit der  I.  Klinik  ist  von  den  Verhältnissen  abhängig,  wie  solche 
von  Dr.  Semmel  weis  näher  bezeichnet  worden  sind. 

Der  prov.  Director  des  allgemeinen  Krankenhauses,  Dr.  Prof. 
Helm,  ebenfalls  emeritirter  Assistent  der  L  Klinik,  tritt  zuerst  jenen 
gegenüber,  welche  mir  die  Priorität  streitig  machen  wollen,  und  jenen, 
welche  meine  Ansicht  für  ganz  nngegründet  halten,  legt  er  die 
Frage  zur  Beantwortung  vor.  woher  es  denn  komme,  dass  Beil 
3  Jahren,  seit  Einführung  der  Chlorwaschungen,  die  sonst  ungewöhn- 
liehe  Häufigkeit  der  Puerperalfieber,  die  sogenannten  Epidemien  uf- 
■reliüit  haben. 

Zu  Ende  erklärt  Dr.  Helm  jeden  einzelnen  Arzt,  sowie  jede  ärzt- 
liche Corporation  dem  Dr.  Semmelweis  für  seine  Entdeckung  zu  grossem 
Danke  verpflichtet 

Dr.  Ameth,   Assistent  der  Tl.  Klink,  findet   den  Unterschied   in 
der  Sterblichkeit  der  beiden  Abtheilungen  begründet  in  dem  Leichen 
gift,  welches  an  der  I.  Klinik  mehr  als  an  der  IL  Klinik  vorhanden  Bei 

Als  directen  Beweis  für  die  Richtigkeit  meiner  Ausicht,  den  Einige 
von  mir  verlangen,  der  aber  nicht  gegeben  werden  kann  und  darfj 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  de«  Kintlbettfiebers.        37H 

glaubt  Dr.  Arneth  den  Fall  von  Carcinoma  uteri  auffahren  zu  müssen 
(siehe  Seite  133,  Zeile  13). 

Zum  Schlüsse  erklärt  sieh  Dr.  Arneth  gleichfalls  dahin,  dass  man 
dem  Dr.  Semmel  weis  allein  Dank  schulden  k<'inne,  da  er  nicht  nur 
eine  neue  Idee  zu  Tage,  sondern  eben  so  dieselbe,  was  die  Hauptsache 
ist,  zur  folgenreichen  Anwendung  und  Geltung  gebracht  habe. 

Präses  Professor  Rokitansky  fasst  nun  die  Hauptmomente  der 
Discussion  zusammen,  und  weist  auf  den  unbestreitbaren  Nutzen  der 
Chlorkalkwaschungen  hin,  der  selbst  von  dem  Gegner  der  Semmelweis' 
sehen  Ansichten  zugegeben  wird. 

Dr.  Arneth  hielt  in  der  Academie  der  Meüein  zu  Paris  einen 
Vortrag  über  meine  Ansichten  von  der  Entstehung  und  Verhütung 
des  Kindbetttiebers;  in  Folge  dieses  Vortrages  wurde  eine  Prüfungs- 
commission ernannt,  welche  es  aber,  wie  mir  Dr.  Arneth  mündlich 
mittheilte,  unterlassen  hat.  ihn  von  dem  Resultate  der  Prüfung  zu 
verständigen,  und  als  Dr.  Arneth  sich  brieflich  au  den  Präsidenten 
der  Prüfungscommission  wendete,  wurde  sein  Schreiben  unbeantwortet 
gelassen. 

Der  Name  des  Präsidenten  der  Prlifungscommission  ist  mir  ent- 
fallen, weder  mir  noch  Dr.  Arneth  ist  ein  Ürtheil  dieser  Commission 
zu  Gesichte  gekommen.  Scanzoni  sagt  in  seinem  Lehrbuche:  „und 
auch  in  Paris  fand  die  von  Arneth  in  der  Academie  pnblicirte  Ent- 
deckung von  Semmehveis  keinen  Beifall,"  ohne  die  (Quelle  zu  nennen. 

Carl  Braun  sagt:  „Die  Academie  der  Mediän  in  Paris1)  sprach 
unter  Orfila's  Vorsitz  im  Jahre  1851  sich  mit  grösster  Entschiedenheit 
gegen  die  Theorie  der  cadaverösi  n  Jnfection  aus.  nnd  machte  darauf 
aufmerksam,  dass  in  der  Maternite  und  in  der  Klinik  der  Facultät 
bei  den  Wöchnerinnen  in  Paris  genau  dieselben  Verhältnisse  sich 
finden  wie  in  den  beiden  Geburtskliniken  in  Wien,  dass  in  beiden 
sehr  heftige  Puerperal fieber- Epidemien  vorkommen,  und  dass  dem 
Chlorkalk  alle  Eigenschaften  abzusprechen  seien,  die  cadaverösen 
Molecüle  zu  zerstören." 

Ob  sich  dieses  ürtheil  der  Academie  auf  Arneth's  Vortrag  bezieht» 
oder  ob  auch  ohne  Arneth's  Anregung  meine  Ansicht  beurtheilt  wurde, 
weiss  ich  nicht,  da  es  mir  selbst  im  Wege  des  Buchhandels  nicht 
gelang,  mir  die  betreffende  Quelle  zu  verschaffen;  nur  das  weiss  ich 
gewiss,  dass  Arneth  mir  nicht  Orfila  als  Präsidenten  der  Prüfungs- 
commiaston  nannte. 

Der  Leser  erinnert  sich,  dass  wir  Seite  175  etc.  bewiesen,  dass 
das  Unterrichtssystem  für  die  Hebammen  der  Maternite  zu  Paris  so 
beschaffen  sei,  dass  sich  dort  die  Hebammen  die  Hände  so  häufig  mit 
zersetzten  Stoffen  verunreinigen,  wie  anderswo  nur  die  Aerzte,  und 
(lein  entsprechend  die  Sterblichkeit  der  Maternite  eben  so  gross 
sei.  wie  in  Dnbois'  Klinik,  wo  Aerzte  gebildet  werden.  In  Wien 
haben  die  Hebammenschitlerinnen  nicht  nur  mit  Leichen  nichts  zu 
ttjiin.  sie  kommen  nicht  einmal   mit  den  kranken  Wöchnerinnen  in 


x)  Gazette  des  Höpitanx,  Nr.  3,  ö  Jauvier  1851    S.'-ancea  des  Acadlmies'i. 


374 


melweisT  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


Berührung,  denn  der  Visite  im  Krankenzimmer  der  Hebammenab- 
theilung  zu  Wien  dürfen  die  Schülerinnen  nicht  beiwohnen,  der  Visite 
des  Professors  bei  den  Kranken  wohnt  nur  der  Assistent  und  die  In- 
st itutsmadame  bei,  und  diesem  Umstände  ist  der  bessere  Qesnndheits- 
zustand  der  Wöchnerinnen  der  Hebammenabtheilung  im  Vergleich  zu 
dem  schlechtem  Gesundheitszustande  der  Wöchnerinnen  der  I,  Gebär- 
kliuik  während  des  durch  Tabelle  Nr.  I  repräsentirten  Zeitraumes 
zuzuschreiben  gewesen.  Die  Academie  der  Medicin  zu  Paris  ist  daher 
im  Inthum,  wenn  sie  glaubt,  dass  die  Verhältnisse  der  Pariser  und 
der  Wiener  Hebammensehule  dieselben  seien.  In  Bezug  auf  das  Puer- 
peralfieber sind  die  Verhältnisse  beider  Schulen  wesentlich  verschieden, 
und  daher  der  wesentlich  verschiedene  Gesundheitszustand  beider 
Schulen. 

In  Dubois7  Kliuik  und  an  der  I.  Klinik  in  Wien  sind  die  Ver- 
hältnisse in  Bezug  auf  das  Puerperalfieber  identisch,  und  deshalb  eine 
ideutische  Sterblichkeit, 

Dass  der  Chlorkalk  die  cadaverösen  Molecüle  nicht  zu  zerstören 
im  Stande  ist,  darüber  haben  wir  leider  im  Jahre  1847  und  1H4<*  an 
der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  die  ersten  traurigen  Erfahrungen  gemacht. 

Die  Academie  der  Medicin  zu  Paris1)  hat  im  Jahre  1858  in  ihren 
Sitzungen  vom  23.  Februar  bis  G.  Juli  das  Puerperalfieber  abermals 
zum  Gegenstande  einer  Discussion  gemacht,  aber  das  dürre  Stroh, 
was  dabei  zu  Tage  gefördert  wurde,  wollen  wir  unged  roschen  lassen, 
Körner  sind  nicht  herauszuklopfen;  wir  begnügen  uns  einen  Ausspruch 
Dubois'  anzuführen,  wollen  aber  früher  Dubois*  wissenschaftliche 
Stellung  erwähnen,  wie  selbe  uns  von  Arneth,  Seite  67,  geschildert 
wird,  „In  der  Geburtshilfe  stellen  Frankreichs  Gelehrte  eigentlich 
keine  Republik  dar.  ein  Einziger  scheint  zu  herrschen.  Ihm  senken 
sieb  alle  Fahnen.  Seine  Ansicht  wünscht  man  bei  allen  neu  auf- 
tauchenden Erscheinungen  zu  wissen.  Männer,  die  selbst  so  viel  ge- 
leistet, verkünden,  ihre  Arbeiten  seien  die  Frucht  seiner  Lehren,  und 
Stellen  seinen  Namen  hin.  wo  sie  meinen  eine  besonders  kühne,  gegen 
das  französische  Herkommen  verstossende  Ansicht  geäussert  zu  haben. 
Selbst  in  der  Academie  lauscht  man  athemlos  seiner  Worte;  durch 
ihn  gewinnen  dem  Auslande  entlehnte,  seinen  Landsleuten  bisher 
widerstrebende  Lehren  in  der  Geburtshilfe  das  französische  Bii : 
recht" 

Hören  wir  nun,  wie  Dubois.  das  summum  forum  obstetricium  in 
Frankreich,  meine  Ansicht  heurtheilt.  Er  sagt:  „Auch  die  in  Deutsch- 
land und  England  so  lebhaft  attfjgßnommens  Theorie  von  Semmelweis, 
dass  die  Cebertragmig  durch  Blut,  Ausflüsse  der  Kranken,  ja  durch 
jeden  in  Verwesung  begriffenen  Stoff  geschehen  könne,  bat  sich  nicht 
als  richtig  bewährt,  und  ist  wahrscheinlich  schon  an  derselben  Schule 
vergessen,  von  wo  sie  ausging.  Damit  soll  nun  freilich  durchaus  nicht 
gesagt  sein.  dass  man  deshalb  die  sorgfaltigen  Vorsichtsmassregeln 
nicht  nöthig  habe,  sondern  nur.  dass  die  contagiosa  Eigenschaft  weder 
so  constant.  noch  SO  tlüitig.  noch  so  beharrlieh  ist.  als  es  nach  den 
zahlreichen  Berichten  geglaubt  werden  mttsste.  Ware  sie  wirklich 
so.  so  müsste  das  ganze  Personal  der  Gebärhäuser  um  jeden  Preis  in 
strengster  </uarantaine  gehalten  werden,   das  Publicum   wäre  sonst 


»)  Monatsschrift  tiir  Ueburtsknnde  1858.  Octoberheft. 


■ 


Die  Aetiulogie,  der  Begriff  uml  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        375 

fortwährend  in  der  grössten  Gefahr.  Man  sei  es  deshalb  dem  Pub- 
licum gegenüber  schuldig,  die  übertriebenen  Annahmen  auf  ihre  wahre 
Bedeutung  zurückzuführen.  Bei  einer  grossen  Zahl  von  Frauen  be- 
stehen schon  tot  der  Entbindung  Zustände,  welche  für  die  Eutwicke- 
lung  des  Puerperalfiebers  günstig  sind,  wie  man  dies  häufig  in  der 
Privatpraxis  und  in  Gebärhäusern  erkennen  kann.  Im  Letzteren 
kommen  oft  schwangere  oder  gebärende  Frauen  mit  deutlich  ausge- 
sprochenen Zeichen  des  Puerperalfiebers,  welche  sich  dann  meist  sehr 
heftig  ausbilden." 

Das  sagt  Dubois  im  Jahre  18Ö8.  Arnetli  sagt  von  Dubois  im 
Jahre  1850,  Seite  52:  „Dubois  erlebte  einen  Fall,  wo  ein  ihm  be- 
freundeter Arzt,  der  ein  kleines  Gebärhaus  in  der  Provinz  leitete, 
nach  einer  vorgenommenen  Section,  wie  ihm  ausser  allen  Zweifel  ge- 
setzt schien,  zwei  Frauen  ansteckte  und  sterben  sah.  Seitdem  lässt 
Dubois  zum  Behufe  der  Touchirübungen  (in  seiner  Klinik)  gegen  Ent- 
gelt Weiber  aus  der  Stadt  kommen,  um  zu  verhindern,  dass  die  baldigst 
zur  Geburt  Gehenden  untersucht  werden." 

Und  von  diesem  gewissenlosen  Menschen  wird  die  franzüsisrhe 
Geburtshttlfe  beherrscht. 

Arme  Menschheit,  wem  vertraust  du  dein  Leben  an? 

Meine  Lehre  ist  an  der  Schule,  von  wo  sie  ausging,  noch  nicht 
vergessen,  und  damit  selbe  auch  in  Zukunft  nicht  vergessen  werde. 
dafür  wird  gegenwärtige  Schrift  sorgen.  Meine  Lehre  wird  an  der 
Schule,  von  wo  sie  ausging,  nur  verleumdet,  aber  meine  Lehre  rächt 
sieh  wie  alles  Edle  an  ihren  Verleumdern  dadurch,  dass  sie  die  Sterb- 
lichkeit dieser  Schule,  die  früher  trotz  massenhaften  Transferirungen 
".. ,,. "0  betrug,  durch  zwölf  Jahre  ohne  massenhafte  Transferirungeii 
auf  3.-, "„  herabdruckte,  folglich  um  6.2,°n  minderte;  dass  meine  Lehre 
nicht  noch  mehr  geleistet,  das  haben  eben  ihre  Verleumder  zu  verant- 
worten. Und  diese  Rache  giebt  mir  die  Waffe  in  die  Hand,  dass  ich 
meinen  Gegnern  an  der  Schule,  von  wo  sie  ausging,  zurufen  kann: 
eure  eigene  verminderte  Sterblichkeit  ist  eure  schlagendste  Wider- 
legung. 


'■ 


Joseph  Hermann  Schmidt,  Prof.  der  Geburtshilfe  zu  Berlin,  sagt 
n  einem  Aufsatze:1)  „Die  geburtshilflich -klinischen  Institute  der 
königlichen  Charite"  Seite  498  Folgendes:  „So  kann  doch  nicht  be- 
stritten werden,  dass  eine  regelmässige  Geburt,  zumal  bei  einer  Erst- 
gebärenden, oft  ein  recht  langweiliger  Process  ist,  und  dass  es  ein 
übermenschliches  Ansinnen  an  junge  Männer  sein  würde,  wenn  jeder 
zu  einer  solchen  Geburt  gehörige  von  der  ersten  losenden  Eihauls- 
wehe  bis  zur  vollendeten  Ausschliessung  der  Nachgeburt  im  Kreisse- 
zimmer  verweilen  sollte.  Sehr  bequem  zu  statten  kommt  daher  in 
dieser  Beziehung  der  Umstand,  dass  die  Gebäranstalt  mit  mehreren 
anderen  klinischen  Instituten  unter  einem  Dache  liegt.  Die  Studirenden 
der  Geburtshilfe  gehen  daher  abwechselnd  in  eine  medicinisehe  oder 
chirurgische,  oder  in  eine  der  Specialkliniken,  und  kehren  in  den 
wischenpausen  derselben  zui  ück»  inn  sich  von  etwaigen  Fortschritten 


')  Annalen    des    Charit«- Krankenhauses    zu    Berlin      I.    Jahrgang.    •!.    Heft. 
Eerlto,  1850. 


376 


Semmel weia*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettn 


zu  überzeugen,  oder  anch  sie  gehen  ins  Leiebenbaus.  um  sich  schnell 
rufen  zu  lassen,  wenn  wesentliche  Veränderungen  eintreten. 
fit  gehen  IM  Leichenhaus.** 

Alterniren   zwischen   beiden    Polen  des   Lebens,   zwischen 
der  Wiege   und   der  Bahre,   führt   mich   zu  einer  Episode;  ich  meine 
dfc    in   öffentlichen    Blättern    vielfach    besprochene   Seninn-1 
Wahrnehmung  und  Vermnthung, 

Von  meinem  lieben  Freunde  und  Collegen.  Hm.  Professor  Brücke 
in  Wien,  erhalte  ich  in  dieser  Angelegenheit  folgenden  Brief,  den  ich 
um  sei  mehr  wörtlich  mittheile.  als  Herr  Brücke,  wie  die  ganze  Welt 
weiss,  kein  leichtgläubiger  Mensch,  sondern  ein  gründlicher  exacter 
Forscher  ist,  und  sein  Interesse  für  die  Sache  eine  neue  Aufforderung 
bilden  muss,  diese  wichtige  Angelegenheit  nicht  mit  Hume'schem 
Scepticismns  zurückzuweisen. 

„In  der  hiesägen  Gebäranstalt  (Wien)  sind  durch  eine  Reihe  vn 
Jahren  sein-  viele  Wöchnerinnen  am  Puerperalfieber  zu  Grunde  m» 
gangen,  und  zwar  nur  auf  der  Abtheilung,  welche  von  den  Studirenden 
besucht  wurde,  während  die  Sterblichkeit  an!  der  Lehrabtheilung  der 
Hehammen  gering  war.  Dieser  grossen  Sterblichkeit  hat  der  Dr.  Semmel- 
weis dadurch  Einhalt  gethan,  dass  er  keinen  Studirenden  während 
und  nach  der  Geburt  zum  Touchiren  zuliess,  ehe  er  sich  mit  einer 
Lösung  von  untercblorichtsaurem  Natron  gewaschen  baue.  Er  glaubt 
deshalb,  dass  viele  Puerperalfieber  dadurch  erzeugt  wurden  sind,  dass 
die  Studirenden,  nachdem  sie  Leichenöffnungen  vorgenommen  hatteu, 
mit  nicht  sorgfältig  gereinigten  Hunden  touchirten. 

In  der  That  ist  es  auffallend,  dass  sich  die  grosse  Sterblichkeit 
erst  eingefunden  hat,  seitdem  hier  mit  Eifer  pathologische  Anatomie 
getrieben  wird,  und  dass  sie  auf  der  zweiten  Abtheilung  des  Qebir- 
hauses  aufgehört  hat,  seitdem  diese  ausschliesslich  für  den  Unterricht 
vi m  Hebammen,  die  keine  Leichenöffnungen  vornehmen,  bestimmt  ist 
ES  hat  mir  nun  die  Academie  der  Wissenschaften  anfge tragen,  mich 
näher  um  diesen  Gegenstand  zu  kümmern,  und  ich  erlaube  mir  des- 
halb, im  Interesse  der  Wissenschaft  und  der  Humanität  au  Sie  die 
Frage  zu  stellen,  ob  sich  in  Ihrer  Anstalt  oder  in  der  vom  Herrn 
Geli.  Rath  Prof.  Busch  irgend  welche  Erscheinungen  gezeigt  haben, 
Welche  geeignet  sind,  die  Ansicht  des  Dr.  Semmelweis  zu  unterstützen.' 

Zu  meinem  Bedauern  habe  ich  Herrn  Brücke  nicht  viel  mehr 
bringen  können,  als  meinen  Glauben  an  die  Möglichkeit 

I'ie  einzige  directe  Thatsache,  die  ich  nach  hiesigen  Erfahrungen1  I 
bringen  konnte,  war  jene  oben  bemerkte  auffallende  Antithese  bei 
meinen  früheren  und  jetzigen  geburtshilflichen  Operationen  und  jenen 
Erfolgen.*) 


\l  Bei  meiner  knrzlichen  Anwesenheit  im  Bade  Lippsp  ringe  erzählte  mir  mein 
Paderborner  Amtsnachfolger.  Herr  Dr.  Everken,  dass  in  seiner  Gebäranstalt  du 
Wochenbettfieber  gerade  zn  einer  Zeit  geherrscht  babe,  als  er  im  Krankeubanse  be- 
sonders hantige  Gelegenheit  zu  Sectionen  gehabt  und  ohne  damals  die  Serunielweis'Bcae 
Erfahrung  zu  kennen,  keinen  Anstand  genommen  habt,  oft  unmittelbar  nach  den- 
selben die  Tonchirübongen  der  Hebammenschölerinnen  an  Schwangeren  an"! 
hurenden  zn  leiten.  Aach  er  glaube  an  die  Möglichkeit.  Natürlich  habe  er  später 
solche  Unmittelbarkeit  vermieden,  anch  die  unterchlorichtsnure  Natronaufltfsung  nicht 
vergessen. 

9i  Ais  ich  ans  meiner  früheren  westphälischea  Privatpraxis  in  meinen  jt-r 
Wirkungskreis  versetzt  wnrde,  bemerkte  ich  bald  einen  seltsamen  Gegensau  zwischen 
der  Leichtigkeit  geburtshilflicher  Operationen  und  den  Erfolgen  dort  und  hier.    Die 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbett  hebers.        377 

Man  konnte  auf  den  ersten  Blick  sagen,  Jene  weatpfaUischen 
^andfrauen  der  Privatpraxi.s  haben  vor  den  Berlinerinnen  des  Hospitals 
den  Vorzug  gehabt,  dass  niemals  Leichenmiasma  in  ihre  lebendige 
Vagina  gekommen  sei.  während  hier  die  Zeigefinger  der  tonchirendeu 
Studiosen  solches  aus  dem  Leichenhause  mitgebracht  haben.  Aber 
näher  betrachtet  stellt  sich  dieser  Hypothese  die  einfache  Frage 
gegenüber,  warum  denn  die  vielen  normal  Entbundenen  Verhältnisse 
massig  so  selten  von  Metritis  septica  u.  dgl.  befallen  werden,  da  sie 
doch  eben  so  häufig  von  Stttdirenden  untersucht  sind?  Dieserhnlb 
glaube  ich  doch,  dass  die  Nosokomial- Atmosphäre  der  Wochenzimmer 
und  nicht  die  (adaver  des  Leichenhauses  auf  unseren  Vorwürfen 
hängen  bleiben  wird,  wenn  nach  auffallend  leichten  Wendungen 
anderen  Tages  Metritis  oder  Peritonitis  sich  einstellt.  Der  relative 
Gegensatz  der  Hebammen  und  Geburtshelfer  hat  zwar  auch  hier  stets 
bestanden,  aber  bis  zum  Jahre  1846  nicht  in  bestimmter  räumlicher 
Srlieidiuig;  auf  einen  Unterschied  in  den  Sterblkhkeitsverhältnissen 
beider  Abtheilungen  ist  wohl  überdies  nicht  so  genau  geachtet,  weil 
man  erst  durch  «Semmelweis  auf  diese  Fährte  gekommen  ist.  Dieser 
hat  die  Probe  an  Kaninchen  gemacht,  an  Menschen  wird  man  sie 
nicht  machen   dürfen,   und  eben   deshalb  sind  nachträgliche   directe 


Mühewaltung  eines  klinischen  Lehrers  der  Geburtshilfe  lässt  sich  mit  der  viel 
BtPwewn  eines  beschäftigten  Geburtshelfers  de»  platten  Landes  gar  nicht  vergleichen. 
Wurde  ich  früher  ans  meiner  Vaterstadt  in  ein  benachbartes  Dorf  gerufen,  so  war 
von  einer  sogenannten  ..Zeit  der  Wald11  zur  Wendung  niemals  die  Rede.  Nur  die 
reo  und  jüngeren  Hebammen  erkannten  die  fehlerhaften  Kindeslagen  vor  dem 
nsprunge,  alle  alteren  behaupteten,  dies  «ei  erst  nach  dem  Blasenspmnge 
BBglich.  um]  früh  genug.  Mit  dem  Wasserabflüsse  war  nun  der  Arm  hervor- 
getrieben;  die  Hebamme  forderte  den  Geburtshelfer,  aber  —  die  erfahrenen 
Nachbnrfrauen  muaten  es  besser.  Stundenlang  wurde  jetzt  versucht,  was  Frauen- 
kräfte  vermögen;  endlich  begreift  man.  dass  das  Kind  beim  hervorgezogenen  Arme 
nicht  zu  «langen  «U.  Nim  entschied  sich  .1er  „Rath  dpr  Alten"  für  den  Geburts- 
helfer: der  Bote  hin.  der  Geburtshelfer  zurück  gebrauchte  abermals  .stunden,  und 
nicht  selten  war  eine  stundenlange  Arbeit  nötbig.  um  die  Wandung  auf  die  Füsse 
in  dem  eng  um  das  Kind  zusammengeschnürten  Uterus  zu  Stande  Ell  bring«!.  Das 
Kind  war  natürlich  todt;  der  Tod  der  Mutter  wurde  erwartet,  Tags  darauf  erschien 
der  Ehemann,  um  —  das  völlige  Wohlsein  der  Letzteren  zu  melden,  und  wenige 
Wi.rlieii  später  ilie  Wöchnerin  selber,  um  freundlichst  zu  danken!  —  Wer  sollte  da 
nicht  glauben,  dass  der  Uterus  ein  maltraitables  Organ  sei.  und  noch  ferner  fragen 
^mulierem  fortem  quis  iuveniet?"  Hit  meinen  zarten  Berlinerinnen  geht  es  umge- 
kehrt. Jene  seltenen  Falle  abgerechnet,  welche  im  Momente  des  Gebarens  hergefahren 
kommen,  oder  bei  denen  die  Wendung  uns  Gtd>Ur^be4WhlennigUtJÄttpiJndeo  o 
ist,  habe  ich  bei  allen  Wendungen  die  sogenannte  „Zeit  der  Wahl",  richtiger  die 
Wahl  der  Zeit.  Die  fehlerhafte  Kiiuleslage  wird  oft  schon  während  der  Schwanger- 
si  liüit  mit  boher  Wahrscheinlichkeit,  immer  im  zweiten  Geburtszeitmiim  mit  (iewisa- 
heit  djagnosticirt  Der  zur  Grosse  eines  Silbergroscheus  geöffnete  Muttermund  IHsst 
durah  die  erschlafften  Eihäute  im  wehenfreien  Zeiträume  den  vorliegenden  Ellen- 
bogen, die  vorliegende  Schulter  u.  s.  w.  wahrnehmen;  nun  weiss  man  genug.  Man 
bleibt  zu  Hanse,  geht  ab  und  zu,  erwartet  geduldig  nicht  den  Blasensprung,  sondern 
die  springfertige  Blase,  um  dir-  Wendung  nach  der  IicIriirycVehcn  Methode  vorzu- 
nehmen. Koramt  der  natürliche  Blasenspmng  dieser  Absicht  znvor,  so  ist  dies  auch 
kein  Unglück,  man  idt  zu  Hause  und  das  Wendungslager  im  Voraus  fertig.  Die 
Wmdu&g  selbst  ist  eine  wahre  Bagatelle,  einige  Znhörer  sehen  nach  der  l'br,  in 
einer,   zwei,    bis  du      Minuten  sind  beide  Füsse  an    d;i.s  Tjil"'  -i,.    die  Ex- 

pulsion  des  Kindes  wird  der  Natur  üherlasseu.  auch  sie  folirt,  ohne  Beschwerde,  die 
Nachgeburt  desgleichen;  die  Entbundene  dankt  und  befindet  sich  vortrefflich.  An- 
deren Tags  bat  sie  —  anhaltende  LHIiscliiin-r/.en,  verträgt  den  Fingerdruck  nicht, 
sie  fängt  an  zu  brechen,  bekommt  Ammoninm  carbonicnm  und  30  Blütegel.  wird  in 
die  Sehälein'sche  oder  Wolff'sche  Klinik  verlegt,  und  dort  au  der  exquisitesten 
Metritis,  Peritonitis  n,  8.  w,  weiter  behandelt.  Hier,  wo  der  Uterus  nicht  im  ge- 
ringsten mahraitirt  ist,  glaube  ich  an  eine  „Nosocomial-Atmosphäre-'. 


Semraelweis'  Abhandluiisjeu  and  Werk  über  das  Kiudbetttieber. 


Erfahrungen  im  möglich,  zumal  Semmel  weis  selbst  mit  der  hypotheti- 
schen Aetiologie  und  zugleich  die  ziemlich  sichere  Prophylaxis  im 
unterchlorichtsaureu  Natron  gebracht  hat.  Jeder  kann,  wird  und 
muss  sich  durch  dieses  desinnViren.  wenn  et  in  den  Eingeweiden  der 
Leichen  gearbeitet  hat,  bevor  er  seine  Hand  in  die  Eingeweide  der 
Lebendigen  führt.  Diese  billige  Forderung  wird  forthin  jede  geburts- 
hilfliche Klinik  an  ihre  Zöglinge  machen,  und  ihnen  die  Gelegenheit 
dazu  in  den  eigenen  Waschtischen  erleichtern. 

Wie  gesagt,  ich  glaube  an  die  Möglichkeit,  und  die  Wiener  Er- 
fahrungen sind  für  mich  vollkommen  genügend,  Vorsicht  zu  empfehlen; 
die  eigenen  verlange  ich  nicht. 

Üs  mag  dieser  Weg  immerbin  einer  von  den  vielen  sein,  welcher 
zum  Wochenbettfieber  führt,  der  alleinige  ist  es  gewiss  nicht" 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwiedern:  Wenn  Prof.  Schmidt 
deshalb  nicht  glauben  will,  dass  das  Leichenmiasma  des  Zeigen1  n: 
des  touchiremlen  .Studiosus  der  Berlinerin  das  Puerperalfiebei 
weil  derselbe  Finger  den  normal  Entbundenen   nicht  auch  das  Kind- 
ItHtitieber  bringt,   so  können  wir  unser  Staunen   über  solch    eint 
hauptung  nicht   unterdrücken.      Prof  Schmidt  sagt  Seite  491 :    „Seit 
mir  die  ärztliche  Leitung  der  GebÄraustalt  vom  September  1844  an- 
vertraut wurde,  bis  inclusive  Mai  1850.  sind  von  2631  Wöchnerinnen 
überhaupt  442  auf  andere  Stationen   verlegt,    7  sind  in  den  ersten 
5  Tagen  nach  der  Geburt.  6  sind  nach  längerer  Zeit   in  der  Gebär- 
anstalt  selbst    gestorben.      Und    eben  in   dem    Imstande,   dass  jede 
Wöchnerin  verlegt  wird,    sobald   sie   verdächtig  zu  werden   anfängt, 
scheint   mir  ein  Grund   zu  liegen,    weshalb   dieser  grosse  Würgengel 
der  Gebäranstalten  in  der  1  liarite  selten  vorkommt.* 

Prof.  Schmidt  schickt  von  2631  Wöchnerinnen  442  auf  andere 
Stationen,  und  trotz  dem  Unglücke  so  vieler  hundert  Wöchnerinnen 
macht  Prof.  Schmidt  nicht  einmal  die  Erfahrung,  dass  auch  normal 
Entbundene  häufig  am  Puerperalfieber  erkranken. 

Der  Leser  weiss,  dass  in  Folge  unverhütbarer  Selbstinfection  nicht 
eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  stirbt,  folglich  konnten  von 
2631  Wocherinueii  höchstens  25  in  Folge  von  Selbstinfection  sterben. 

In  d«r  ßebirangtalt  selbst  sind  13  Wöchnerinnen  gestorben,  wie 
viele  mögen  von  den  442  an  anderen  Stationen  gestorben  sein? 

Der  Tod  so  vieler  Wöchnerinnen  war  nicht  geeignet,  Prof.  Schmidt 
die  Erfahrung  machen  zu  lassen,  dass  der  Würgengel  der  Gebär- 
anstalten auch  in  der  Charite  nur  zu  reichliche  Beute  halt. 

Unser  Staunen  steigert  sich  noch  durch  die  Behauptung  Prof. 
Schmidt's.  dass  die  Nosoeomial-Atmosphäre  der  Wochenziraraer,  und 
nicht  die  Uadaver  des  Leichenhauses  auf  unseren  Vorwürfen  hängen 
bleiben,  wenn  nach  auffallend  leichten  Wendungen  anderen  Tags 
Metritis  oder  Peritonitis  sich  einstellt ;  als  ob  die  normal  Entbnndeiien. 
die  doch  nacli  Schmidt  's  Annahme  so  Betten  an  Puerperalfieber 
kranken,  nirlir  auch  den  Einflüssen  der  iSosoconiial-Atmosphäre  ans* 
'jVM'i/t  waren? 

Nach  solchen  Prämissen  ist  es  begreiflich .  dass  man  erst  durch 
mich  in  Berlin  erfahren  hat,  dass  an  der  Aerzte- Abtheilung  mehr  als 
<ui  der  Hebammen-Abtheilung  sterben. 

Prof.  Schmidt  sagt  nämlich :  „Der  relative  Gegensatz  der  He- 
bammen und  Geburtshelfer  hat  zwar  auch  hier  stets  bestanden,  aber 
bis  zum  .Talne   isii>   nicht    bj    bestimmter  räumlicher  Scheidung;   auf 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        3?9 


einen  Unterschied  in  den  Sterblichkeits  Verhältnissen  beider  Abthei- 
lungen ist  wohl  überdies  nicht  so  genau  geachtet  worden,  weil  man 
erst  durch  Semmel  weis  auf  diese  Fährte  gekommen  ist." 

Wenn  daher  Prof.  Schmidt  Prof.  Brücke  keine  eigenen,  meine 
Ansicht  bestätigenden  Erfahrungen  bringen  konnte,  so  lag  das  nicht 
darin,  dass  Schmidt  keine  Gelegenheit  hatte.  Erfahrungen  zu  machen, 
sondern  darin,  dass  Schmidt  nicht  die  Fälligkeit  besitzt,  Erfahrungen 
zu  machen. 

Prof,  Schmidt  schreibt  im  Jahre  1850:  ,,.Teder  kann,  wird  und 
muss  sich  durch  dieses  (Chlorkalk)  desinficiren.  wenn  er  in  den  Ein- 
geweiden der  Leichen  gearbeitet  hat,  bevor  er  seine  Hand  in  die  Ein- 
a -«-weide  der  Lebendigen  führt.  Diese  billige  Forderung  wird  forthin 
jede  geburtshilfliche  Klinik  an  ihre  Zöglinge  machen,  und  ihnen  die 
Gelegenheit  dazu  in  den  eigenen  Waschtischen  erleichtern,  wie  gesagt, 
ich  glaube  an  die  Möglichkeit,  und  die  Wiener  Erfahrungen  sind  für 
mich  vollkommen  genügend,  Vorsicht  zu  empfehlen,  die  eigenen  ver- 
lange ich  nicht."  Wie  vorsichtig  Prof.  Schmidt  wurde,  und  wie  er 
wirklich  eigene  Erfahrungen,  die  er  nicht  verlangt,  auch  nicht  ge- 
macht, geht  aus  einer  Sitzung  der  Gesellschaft  für  Geburtshilfe  in 
Berlin  gehalten  am  9.  Mai  1H5H,  hervor'),  es  heisst  nämlich:  ,.Herr 
Virchow  tlieilte  der  Gesellschaft  die  Resultate  seiner  Studien  über  die 
in  der  Charite  vorgekommenen  Puerperalerkrankungen  mit.  Die  Be- 
obachtungen umfassen  den  Zeitraum  vom  Herbste  1856  an  bis  jetzt. 
In  diesen  18  Monaten  kamen  83  Todesfälle  im  Puerperium  vor,  von 
denen  jedoch  ein  nicht  geringer  Theil  der  Section  entzogen  wurde. 
Wenn  es  auch  nicht  schwer  ist.  ein  gruppen weises  Auftreten  der  Er- 
krankungen festzustellen,  so  kann  man  doch  nicht  von  begränzten 
Epidemien  sprechen,  da  leider  die  Charite  im  Verlaufe  der  genannten 
Zeit  fast  beständig  einzelne  Fälle  von  Puerperalfieber  aufzuweisen 
hatte,  und  jeder  Monat  sein  (Ymtingent  an  Todesfällen  lieferte.  In- 
dess  zeichnen  sich  die  beiden  Wintersemester  durch  grossere  Zahlen 
von  Todten  aus.  und  unter  diesen  namentlich  der  Winter  1857—1858, 
wo  der  November  mit  20  Todesfällen  als  der  gefährlichste  Monat  der 
Höhe  der  Epidemie  zu  entsprechen  scheint.'' 

20  Todte  entsprechen  einer  Anzahl  von  2000  Geburten,  wie  viele 
Geburten  im  November  1857  sieh  in  der  Charite  ereigneten,  weiss  ich 
wohl  nicht,  ich  weiss  nur,  dass  die  Grösse  der  Sterblichkeit  in  dem- 
selben Verhältnisse  sich  steigert,  in  welchem  sich  die  wirklich  statt- 
gehabten Geburten  im  Monate  November  von  der  Zahl  2000  entfernen. 
Eine  solche  entsetzliche  Verschwendung  an  Menschenleben  ereignet  sich 
in  Berlin,  nachdem  schon  zehn  Jahre  früher  in  Wien  gelehrt  wurde,  wie 
das  Puerperal  lieber  zu  beschränken  sei.  l'nd  Prof.  Schmidt  hat  keine  Er- 
fahrungen gemacht,  und  verlangt  keine  eigenen  Erfahrungen  zumachen. 

Beate  523  sagt  Prof.  Schmidt :  „Ehe  ich  sterbe,  hoffe  ich  noch  ein 
Langes  und  Breites  über  meine  geburtshilflichen  Fehler  zu  schreiben; 
an  glücklichen  Geburtsgeschichten  ist.  kein  Mangel.*'  Ich  hoffe  Profi 
Schmidt  wird  sich  nicht  blos  auf  seine  geburtshilflichen  Fehler  in 
Bezug  auf  die  Geburt  beschränken,  ich  erwarte,  dass  er  auch  seine 
folgenschwangern  Fehler  in  Bezug  auf  das  Puerperalfieber  der  Welt 
preisgeben  wird,  um  durch  sein  gutes  Beispiel,  welches  er  dadurch 


Mniiat.-wlirifi    für    QeburtikiiiKle     und     ^»nenkwiiikheiteii       Berlin    1W5H. 
XI.  Band.    6.  Heft, 


380 


Semmelweis'  Ahhandhiug-en  und  Werk  über  das  Kiadbettfieber. 


anderen  Geburtshelfern  geben  wird,  an  der  Menschheit  wieder  gut  zu 
machen,  was  er  an  derselben  gesimdigct. 

Ich  habe  mich  brieflich  an  Dr.  Everken  gewendet  mit  der  An- 
frage, ob  er.  seit  er  solche  Unmittelbarkeit  vermieden,  auch  die 
iinicv«  iii.nirhtsaure  Natronlßsnng  nicht  vergessen  habe,  ob  er  seit 
dieser  Zeit  das  Puerperalfieber  seltener  beobachtet,  und  erhielt  folgende 
Antwort : 

V e r e h r I e aier  He r r  C  m  1 1  e  ga! 

Die  durch  den  Geh.  Med.  Rath  Dr.  Schmidt  an  angegebener 
stelle  damals  veröffentlichte  Aeusserung  über  den  Ausbruch  des  Puer- 
peralfiebers in  dem  meiner  Leitung  ubergebenen  Gebärbause  beruht 
auf  Thatsacheu,  deren  ursächliches  Verhältniss  wenn  auch  nicht  die 
Gewissheit,  wenigstens  doch  mehr  als  die  Möglichkeit  zum  Grande  hat. 

Wiederholt  kamen  einzelne  Fälle  von  Puerperalfieber  tot,  als 
Baue  Verbreitung  desselben  über  mehrere  Wöchnerinnen  stattfand:  Leb 
muss  gestehen,  dass  mit  dem  Ausbrechen  der  Krankheit  ein  Umstand 
sich  vereinigt  hatte,  der  durch  Ihre  Mittheilung  als  ursächliches 
Moiueni  dargestellt  wurde.  Von  Zeit  zu  Zeit  hatte  ich  in  dem 
Leichenhause  des  Hospitals  dem  das  Gebarhans  adhaerirte  Leichen 
secirt.  Es  konnte  mir  nicht  einfallen,  diesen  Umstand  als  alleinige 
Ursache  aufzustellen,  aber  es  musste  mich  veranlassen,  nach  Leichen- 
I1U1  ei snebungen  keine  Verrichtungen  an  Schwangeren.  Gebärenden 
und  Wöchnerinnen  vorzunehmen.  Es  kamen  keine  Puerperalfieber 
ferner  vor,  ich  muss  aber  hinzufügen,  dass  kurze  Zeit  darauf,  als  ein 
Umsichgreifen  der  Krankheit  stattgefunden  hatte,  das  Gebärhaus  von 
dem  Krankenhause  getrennt  wurde,  dass  seit  diese]-  Zeit  ein  spora- 
disches Vorkommen  seihst  nicht  beobachtet  wurde.  — 

Sie  werden  mir  zugeben,  vereintester  Herr  College,  dass  die  Ent- 
scheidung schwer  ist,  dass  vielleicht  nirgends  der  Schluss  mehr  täusch! 
posi  li"r,  ergo  propter  hoc,  als  in  der  Mediein. 

Ich  habe  nichts  dagegen  einzuwenden,  wenn  sie  von  den  ver- 
stehenden Mittheilungen  jeglichen  Gebrauch  machen. 

Mit  vorzüglicher  Hochachtung 

Ihr  ergebenster 
Paderborn  den  17.2.  1858.  D.  Everken, 

I'irector  des  künigl.  Uebammeiimfititutes. 

Ich  Stehe  nicht  an  das  Paderborner  königl.  Hebammeninstitut  zu 
jenen  Gehiirhäiisern  zu  zählen,  in  welchen  sieh  meine  Lehre  bewährt 
hat,  und  bin  meinem  vereintesten  Oollegen  selir  dankbar  für  den 
guten  Rath,  den  er  mir  schliesslich  ertheilt,  nur  kann  ich  für  diesmal 
keinen  Gebrauch  davon  machen,  denn  ich  bleibe  dabei,  post  Be- 
schaftignngen  mit  zersetzten  Steven,  aryo  propter  Beschäftigungen  mit 
zersetzten  Stoffen  viele  Puerperalfieber,  posi  Einführung  der  Chlor- 
Waschungen  wenig  Puerperal  rieber,  ergo  propter  Einführung  der  Chlor- 
wasch nagen  wenig  Puerperalfieber. 

Aber  in  dei  Zukunft  wird  dies«  ßath  meines  verehrtesten  Collegen 
immer  die  Bichtschnur  meiner  Schlüsse  sein,  um  gegen  Täuschungen 
geschützt  zu  sein. 


Di«  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        381 


Rudolf  Virchow  sagt  in  seinen  „gesammelten  Abhandlungen  zur 
wissenschaftlichen  Mediein,"  Frankfurt  a.  M.  1856,  Seite  7.;?,  Folgendes: 
Naturforsehimg  kennt  keinerlei  Schreckbilder,  als  den  Kerl,  der 
sspeculirt.'-  ßoer  hat  dieselbe  Wahrheit  folgenderweise  formulirt: 
.Ware  jedem  Jahrhundert  anstatt  so  vieler  Systemgelehrter  nur  ein 
solcher  beobachtender  Arzt  (Hippokrates)  geworden,  wie  viel  würde 
die  Menschheit  und  die  Anitmilität  überhaupt  gewonnen  haben." 

Boer,  der  Verfasser  der  sieben  Bücher  über  natürliche  Geburts- 
hilfe, hatte  ein  Recht  so  zu  sprechen. 

Aber  Virchow.  der  wegen  seiner  vielen  Spekulationen  selbst  ein 
Schreckensbild  für  die  Xaturlorschung  ist,  Virchow,  der  ein  so  schlechter 
Beobachter  ist,  dass  er  als  pathologischer  Anatom  selbst  im  Jahre  1858 
noch  immer  nicht  die  Sj-mptome  eines  Kesorptionstiebers  in  dem  Leichen- 
befunde der  am  Kindbettfieber  verstorbenen  Wöchnerinnen  erkennt. 
Virchow  hat  kein  Recht  so  zu  sprechen,  ausgenommen,  Virchow  hat 
«einem  Humor  entsprechend  in  einem  Augenblicke  jovialer  Aufrichtig- 
keit sich  selbst  characterisiren  wollen. 

In  dieser  Schrift  müssen  wir  uns  natürhch  nur  auf  die  Bpecnla- 
tionen  beschränken,  welcher  sich  Virchow  in  Bezug  auf  das  Puerperal- 
fieber schuldig  machte. 

Der  Ausspruch  Virehuws,  die  Xaturfurschnng  kennt  keinerlei 
Sclueckbilder,  als  „den  Kerl,  der  speculirt!4i  steht  mitten  unter  Specu- 
lationen ;  er  steht  nämlich  in  einer  Einleitung  zu  einer  längeren  Reihe 
von  Mittheilungen  über  Puerperaleikrankungen.  welche  Virchow  liefern 
wollte,  aber  nicht  geliefert  hat;  in  welcher  Einleitung  von  der  Men- 
struation, ('onception,  von  der  Schwangerschaft,  als  von  Dingen  ge- 
sprochen wird,  welche  in  einem  ursächlichen  Zusammenhange  mit  dem 
Puerperalfieber  stehen. 

Der  Anatom,  der  Chirurg,  der  chirurgisch  Operirte,  der  neugeborne 
Säugling,  ob  Knabe  oder  Mädchen,  welcher  an  Puerperalfieber  oder 
Pyaemie  in  meinem  Sinne  stirbt,  hat  nie  menatroirt  hat  nie  concipirt, 
noch  war  er  schwanger,  und  stirbt  doch  an  derselben  Krankheit,  an 
welcher  die  Wöchnerinnen  sterben,  und  nieine  Lehre,  welche  das  Puer- 
peralfieber auf  nicht  eine  todte  Wöchnerin  unter  100  Wöchnerinnen 
zu  beschränken  lehrt,  basirt  nicht  auf  der  Kunst,  die  .Menstruation. 
die  I  onception  und  die  Schwangerschaft  aufhören  zu  machen. 

Die  Schwangerschaft  liefert  für  das  Puerperalfieber  nichts  als 
die  resorbirende  Fläche,  aber  beim  Anatomen,  beim  Chirurgen,  beim 
chirurgisch  Operirten,  beim  neugebornen  Knaben  oder  Mädchen  hat 
die  Schwangerschaft  keine  resorbirende  Fläche  gebildet,  und  das  Puer- 
peral lieber  entsteht  dennoch;  bei  Wöchnerinnen  bringt  die  resorbirende 
Flache  kein  Puerperalfieber  hervor,  wenn  diese  Fläche  nicht  mit  einem 
zersetzten  Stoff  verunreinigt  wird,  und  wie  unwesentlich  die  innere 
resorbirende  Fläche  des  Uterus  für  die  Entstehung  des  Kindbettnehera 
sei,  geht  daraus  hervor,  dass  die  geringste  Verletzung  an  welch  immer 
einer  Stelle   des  männlichen   und  weiblichen  Körpers  dasselbe  leistet. 

Virchow  sagt :  ..Für  das  Vorkommen  von  Puerperallieber-Epidemien 
sind  wesentlich  zwei  Umstände  reu  Interesse:  die  Witterungszustande 
und  die  gleichzeitigen  Erkrankungen.  In  ersterer  Be&ehung  scheint 
es,  dass  die  grösste  Menge  der  Epidemien  in  den  Wintermonaten  vor- 
gekommen ist. 

Zu  den  gleichzeitigen  Erkrankungen  gehören  nebst  acuteu  Exan- 


382 


Semmelweit'  Abhüiullnngen  und  Werk  ftbw  daa  Kindbettfieber, 


themen  hauptsächlich  ausgedehnte  erysipelatöse,  croupöxe,  jauchige  und 
eiterige  Entzündungen. 

Es  jst  ganz  richtig,  dass  die  grösste  Menge  der  Epidemien  in 
den  Wintermonaten  vorgekommen  ist,  aber  nicht  wegen  der  Witteruugs- 
zustände  des  Winters,  sondern  weil  der  Winter  vorzüglich  die  Zeit 
für  die  Beschäftigungen  mit  zersetzten  Stuften  ist.  Als  Beweis  dass 
die  Witterungszustände  keinen  Einfluss  auf  die  Hervorbringung  des 
kindbettüebers  tlben,  diäten  Tabelle  Nr.  II,  Seite  104  und  Tabelle  Nr. 
MX.  Seite  171  dieser  Schrift. 

Es  ist  eben  so  richtig,  dass  mit  acuten  Exanthemen,  mit  aus- 
gedehnten erysipelatösen,  croupösen,  jauchigen,  eitrigen  Entzündu 
gleichseitig  Puerperalfieber  vorkommt,  und  die  Ursache  dieses  gleich- 
zeitigen Vorkommens  ist,  dass  derartige  Kranke  von  Äerzten  and 
Hebammen  behandelt  und  gepflegt  werden,  welche  Aerzte  und  Heb- 
ammen auch  Schwangere.  Kreissende  und  Wöchnerinnen  behandeln 
und  pflegen. 

Sollten  die  zwei  citirten  Tabellen  Virchow  nicht  überzeugen,  so 
ert  heilen  wir  ihm  den  Rath,  er  möge  sich  bei  seinem  Minister  lies 
Unterricht.es  dahin  verwenden,  dass  der  geburtshilfliche  Unterricht 
für  so  viele  Winter  unterdrückt  werden  möge,  als  nöthig  sind,  um 
Virchow  durch  das  Gesundbleiben  der  Wöchnerinnen  im  Winter  zu 
überzeugen,  dass  die  Witterungszustände  des  Winters  nicht  dasjeni^' 
ist.  welches  die  Kindbetthebci -Epidemien  hervorbringt;  den  Einwurf 
dass  der  geburtshilfliche  Unterricht  nicht  unterdrückt  werden  dürfe, 
kann  ich  nicht  gelten  lassen,  denn  ein  geburtshilflicher  Unterricht, 
welcher  so  beschatten  ist,  dass  Yiivliuw  die  Beobachtung  marin  n 
könnte,  obwohl  wir  ihn  beim  Puerperalfieber  als  schlechten  Beobachter 
kennen  Lernten,  dass  die  grusele  Menge  der  Epidemien  in  den  Wii 
monaten  vorkomme,  dass  mit.  erysipelatösen.  cnmpösen,  jauchigen  und 
eitrigen  Entzündungen  gleichzeitig  Puerperalfieber-Epidemien  vor- 
kommen: ein  geburtshilflicher  Unterricht^  welcher  so  beschauen 
dass  Virchow  im  Jahre  1858  einen  Vortrag  halten  konnte  in  der  Ge- 
sellschaft fiir  Geburtshilfe  in  Berlin  über  Puerperaltieber-Epidemien*  ohne 
dass  sich  auch  nur  eine  einzige  Stimme  dagegen  erhoben  hätte,  ein 
solcher  geburtshilflicher  Unterricht  ist  so  grundschlecht,  dass  er 
unterdrückt  werden  muss.  wenn  er  dadurch  geläutert  werden  kann. 
Wie  soll  denn  der  geburtshilfliche  Unterricht  nicht  schlecht  sein 
in  Berlin,  wenn  Professor  Schmidt   an  Nusoconiialluft  glaubt? 

Professor  CredÄ ')  ist  Epidemiker.  und  zur  Bestätigung  seiner 
Lein  e  schickte  er  im  Wintersemester  185-1 — 55  von  33t>  Wöchnerinnen 
58  in  andere  Stationen,  um  dort  zu  sterben;  seine  Uebersiedelnng 
nach  Leipzig  hat  in  seinen  Ansichten  nichts  geändert,  in  Leipzig 
starben  in  drei  Jahren  von  594  Wöchnerinnen  20. 

Busch's  Nachfolger.  Professor  E.  Martin.*)  hat  mir  durch  seinen 
Vortrag,  gehalten  am  9.  November  1858  in  der  Gesellschaft  fiir  0e- 
burtshilfe  in  Berlin  „über  Mutten  Ohrenentzündung  und  Erguss  des 
eiterigen  Secretes  in  die  Bauchhöhle  als  eine  Ursache  der  Bauchfell- 
entzündung bei  Wöchnerinnen'',  die  UeberzengURg  verschafft,  dass  die 
puerperale  Sonne,  welche  in  Wien  im  Jahre  1847  aufgegangen,  seinen 
noch  nicht  erleuchtet  hat. 


■i  Animk'ii  dea  Charitö- Krankenhauses.  8.  Jahrgang1.  1.  Hefr 
Muii-xlir.i!   :  ii    I  nl.urtskunde.  1.  Band,  1.  Heft,  18öy. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettiiebers.        383 


Die  puerperalen  Thrombosen  (Seite  597). 

Die  puerperale  Thrombose  existirt  im  physiologischen  Zustande 
nur  in  den  Öpeculationen  Virchow's,  aber  nicht  im  Uterus  der  Wöch- 
neriimen;  im  pathologischen  Zustande  existirt  allerdings  die  Puer- 
peralthromhose  als  Product  des  durch  den  resorbirten  zersetzten  Stoff 
entmischten  Blutes,  im  pathologischen  Zustande  ist  die  puerperale 
Thrombose  eine  Localisation  des  durch  den  resorbirten  zersetzten 
Stoff  entmischten  Blutes,  wie  alle  übrigen  Localisationen.  als  da  sind 
die  Peritonitis,  die  Endometritis  etc.  etc.  etc. 

Virchow  glaubt,  dass  die  Contractionen  des  Uterus  nach  pel" 
Placenta  nicht  hinreichend  seien,  eine  Blutung1  zu  verhindern,  und 
(Lose  eine  physiologische  puerperale  Thrombose  den  vollständigen  Ver- 
schloss  der  Gefässe  bewirkt.  Die  Contractionen  des  Uterus  nach  ge- 
löster Placenta  sind  für  sich  allein  vollkommen  genügend,  jede  Blutung 
dadurch  zu  verhindern,  dass  durch  die  Contractionen  des  Uterus  nicht 
nur  das  Rohr  der  Gefässe  verengert  wird,  sondern  zugleich  wird  durch 
Verkürzung  der  Längenachse  des  Uterus  die  Strecke  verkürzt,  welche 
die  Gefässe  durchlaufen,  dadurch  wird  der  Verlauf  der  Gefässe  ein 
mehr  geschlängelter,  dadurch  ist  eine  Einstülpung  der  Gefttsswand  in  das 
Gefässrohr  bedingt-  und  die  so  entstandenen  Klappen  bewirken  den 
vollständigen  Verschluss  der  Gefässe.  Das  geschieht  im  Momente  der 
Oontnwtion;  bis  zur  Gerinnung  des  Blutes  von  so  hoher  Temperatur, 
in  einer  so  hohen  Temperatur  würden  sich  die  Wöchnerinnen  alle 
verbluten. 

Dass  die  puerperale  Thrombose  im  physiologischen  Zustande  nirl.it 
existirt,  das  beweisen  die  Sectionen.  obwohl  Virchow,  um  das  Gegen- 
theil  zu  beweisen,  sich  auch  auf  Sectionen  beruft:  es  wird  sich  ja 
zeigen,  wer  schlecht  gesehen.  Stirbt  eine  W.xlnimu  nicht  in  Folge 
von  Puerperalfieber,  so  findet  man  nie  eine  Thrombose  im  Uterus, 
stirbt  eine  Wöchnerin  an  Puerperalfieber,  so  kann  sich  im  Uterus  ein»- 
Thrombose  als  Product  des  durch  den  resorbirten  zersetzten  Stoff  ent- 
aschten Blutes  vorfinden,  oder  auch  nicht,  und  findet  sich  wirklich 
eine  Thrombose  vor,  so  sind  doch  so  viele  Gefässe  thrombenfrei,  dass 
au.-  diesen  thrombenfreien  Gefässen  eine  Verblutung  hätte  eintreten 
müssen. 

Da  die  puerperale  Thrombose   im  physiologischen  Zustande  i 
existirt,   so    kann    auch  die  physiologisch-pnerperale  Thrombose  nicht 
Veranlassung  zum  Puerperalfieber   dadurch  werden,  dass  die  physio- 
logische Thrombuse    unter   gewissen   Bedingungen    zu   Eiter  zerfällt, 
und  dadurch  das  Puerperalfieber  hervorruft. 

Dass  auf  diese  Weise  das  Puerperalfieber  nicht  entsteht  ist  da- 
durch bewiesen,  dass  meine  Lehre,  welche  das  Puerperalfieber  auf 
nicht  eine  todte  Wöchnerin  unter  100  Wöchnerinnen  beschränken 
leint,  nicht  auf  Massregeln  basirt  ist,  welche  geeignet  sind,  die  Bildung 
der  physiologischen  Thrombose  oder  das  Zerfallen  der  physiologischen 
Thrombose  zu  Eiter  zu  verhindern. 

Um  zu  beweisen,  dass  die  physiologische  Thrombose  zum  Puer- 
peralfieber führt,  sagt  Virchow:  ,,Je  besser  der  Uterus  contrahirt  ist, 
desto  günstige!-  sind  die  Verhältnisse  für  die  Uteringelasse  und  um- 
gekehrt :  die  Gefahr  ist  immer  etwas  grösser,  wenn  die  Contraction 
unvollständig  ist.  Die  besten  Beobachter  sind  darüber  einig,  dass  bei 
Uterinphlebitis  der  Uterus  gewöhnlich  in  einem  vergiösserten  Zu- 
stande verharrt." 


m 


N; in mel  weis"  Alihaiidlutlgeu  und    Werk  über  das  Kimlbettfieljer. 


Es  ist  allerdings  richtig,  dass  bei  Uterinphlebitis  der  Uterus  in 
einem  vergrßsaerten  Zustande  verharrt,  aber  das  Verharren  in  eineni 
verdrossenen  Zustande  ist  nicht  die  Ursache  der  Uterinphlebitis,  sondern 
umgekehrt,  die  Uterinphlebitis  ist  Ursache,  d&sfl  der  Uterus  in  einem 
vergrösserten  Znstande,  verharrt,  so  wie  die  Wöchnerin  nicht  deshalb 
eine  Peritonitis  hat,  weil  sie  einen  Meteonsmus  hat.  sondern  die 
Wöchnerin  hat  einen  Meteorismus  weil  sie  eine  Peritonitis  hat. 

Dass  die  schlechte  Contraction  des  Uterus  nicht  zur  physiologischen 
Thrombose,  und  diese  wieder  zum  Puerperalfieber  führe,  sondern  dass 
die  schlechte  Contraction  des  Uterus  Folge  der  vorhandenen  Uterin- 
phlebitis >ei,   und  diese  wieder  die  Localisation  des  durch  den  reaoT* 

n  zersetzten  Stoff  entmischten  Blutes  sei,  ist  dadurch  bewiesen, 
dass  diese  Uterinphlebitis  durch  Chlorwaschungen  der  Hände  verhütet 
werden  kann ;  durch  ( "hlorwaschungen  der  Hände  kann  der  zersetzte 
Stoff  zerstört  werden,  welcher  in  die  Genitalien  gebracht  das  I 
peralfieber  hervorgebracht  hätte;  wie  wird  durch  Chlorwaschungeu 
dei  Hände  die  Bildung  der  physiologischen  Thrombose  verhindert? 
wie  wird  durch  UhUn-waschungen  der  Hände  die  Metamorphose  des 
physiologischen  Thrombus  verhindert,  welche  zum  Puerperalfieber 
l'ühi  t  ? 

Welch  hochkomische  Dinge  zu  Tage  gefördert  werden,  wenn 
Mehrere  über  einen  Gegenstand,  den  sie  nicht  verstehen,  ein  Unheil 
fällen;  dazu  habe  ich  eben  Gelegenheit,  ein  Beispiel  anzuführen. 

Der  Leser  weiss,  dass  Virchow  der  Ansicht  ist,  je  schlechter  die 
Gontraction  des  Uterus  und  der  Gefässe,  welche  den  Uterus  umgeben, 
desto  grosser  die  Gefahr  der  Bildung  einer  physiologischen  Thrombose 
und  des  Deberganges  der  Thrombose  in  Puerperalfieber  und  umge- 
kehrt. Um  nun  eine  gute  Contraction  hervorzurufen,  dazu  gehört, 
wie  Virchow  sagt:  „aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ein  besonderer 
Nerveneinfluss,  und  es  dürfte  insbesondere  das  Eintreten  einer  recht- 
zeitigen Lartation,  zumal  das  Milchfieber,  in  dieser  Beziehung  einen 
grossen  Einthlss  haben,  während  alle  paralysirenden  und  schwächenden 
Einflüsse,  wie  sie  schon  für  die  ('ontraction  des  Uterus  selbst  sehr 
nachtheilig  wirken,  auch  die  Gefäss Verengerung  beeinträchti 
Sollte  es  sich  nicht  auf  diese  Weise  erklären,  dass  gerade  bei  heim- 
lich Gebärenden,  bei  denen  eine  so  grosse  Aufregung  des  Nerven- 
apparates stattfindet,  so  selten  gefährliche  Zufälle  eintreten,  wahrend 
wir  sie  bei  schwächlichen  Frauen  trotz  der  besten  Pflege  und  noch 
mehr  in  überfüllten  Gebäranstalten  unter  miasmatischen  Einflüssen 
so  oft.  erfolgen  sehen." 

Virchow  glaubt  also,  dass  die  Lactation  und  eine  grosse  Auf- 
regung des  Nervenapparates  das  Puerperalfieber  verhüte, 

Ki  wisch  sagt:  ,.In  Bezug  auf  die  Milchsecretion  machte  ich  die 
Erfahrung,  dass  nichtsäugende  Wöchnerinnen  während  der  Epidemie 
weniger  zahlreich  ergriffen  wurden,  als  die  Säugenden.  So  war  in  der 
Prager  Gebäranstalt  die  Anzahl  der  Erkrankten  auf  der  Abtheilung 
für  Zahlende,  wo  keine  Kntbuudene  nährt,  im  Verhältnisse  zu  jener 
auf  der  Abtheilung  für  Sängende  immer  eine  geringere.'4 

nzoni  findet  gerade  in  der  Nerveuaufregnng  die  Ursache  der 
grosseren  Sterblichkeit  an  Bildungsanstalten  für  Geburtshelfer  im  Ver- 
gleiche zu  ßildiin^sanstalten  für  Hebammen.  Und  Prof.  Braun  ist  mit 
Seanzoni  einer  Ueberzengung. 

Die  heimlich  Gebärenden  und  die  Zahlenden  zu  Prag  sind  seltener 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  l'rophylaxis  des  Kindbettfiebers,        385 


erkrankt,  weil  selbe  nicht  dem  Unterrichte  gewidmet,  folglich  nicht 
inficirt  wurden;  an  Bildimgsanstalten  für  Geburtshelfer  wird  häufiger 
infiiirt  als  au  Bildung;saiist  alten  der  Hebammen,  und  deshalb  der  un- 
günstigere Gesundheitszustand  der  ersteren. 

Die  nach  dem  Jahre  1N47  erschienenen  Schritten  über  Puerperal- 

r  haben  mich  je  nachdem  glücklich  gemacht,  wenn  ich  erfuhr, 
dass  dort  und  dort  sich  meine  Ansicht  bewährt,  mein  Glück  wurde 
getrübt,  wenn  ich  wahrnahm,  dass  trotz  des  Erfolges  die  Sache  doch 
angezweifelt  wurde,  es  erregte  meine  Indignation,  wenn  ich  sah,  wie 
sich  Unfähigkeit,  Unredlichkeit,  Gewissenlosigkeit  breit  machte,  lange 
Todtenlisten  erpressten  mir  tiefe  Seufzer:  aber  diese  Schriften  hatten 
das  Angenehme,  dass  selbe  auch  mitunter  meine  Lachmuskeln  mehr 
in  Thätigkeit  setzten,  als  selbst  eine  Nestroy'sche  Posse. 

Virchow  schickt  nicht  blos  auf  eigene  Faust  Irrthümer  in  die 
Welt;  Virchow  leiht  auch  die  Autorität  seines  Namens  fremden  Irr- 
thüniern.  Virchow  hat.  die  Irrthümer,  in  welchen  Prof.  Veit  in  Rostock 
in  Bezug  auf  das  Puerperalfieber  lebt,  dadurch  zu  den  seinigen  ge- 
macht, dass  er  »"ine  Abhandlung  desselben  über  Puerperalfieber  in 
sein  Handbuch  der  speziellen  Pathologie  und  Theorie  aufgenommen 
hat.  in  welcher  Abhandlung  für  die  epidemische  und  gegen  meine 
Lehre  über  die  Entstellung  des  Puerperalfiebers  gekämpft  wird.  Ich 
kann  hier  nicht  abermals  die  Lehre  vom  epidemisch,  u  Kindbettfieber 
widerlegen,  so  wie  ich  hier  nicht  abermals  meine  Lehre  begründen 
kann,  denn  ich  miisste  gegenwärtige  Schrift  hier  nochmals  abschreiben: 
wir  begnügen  uns  daher  mit  einer  einfachen  Appellation  an  diese 
Schrift,  dass  die  Wahrheit  auf  meiner  und  der  Irrthnm  auf  Virchou- 
Veifa  Seite  stehe. 

Nur  den  Ausspruch  Veit's:  „dass  die  Mortalit&tscurse  des  Wiener 
Gebärhauses  ein  erschreckendes  Beispiel  liefern,"  weise  ich  mit  der 
ganzen   Indignation,   deren   ich   fähig   bin,   zurück.     Die   Sterblichkeit 

Wiener  Gebärhauses  \v;tr  nicht  erschreckender  als  an  allen  anderen 
Anstalten,  in  «eichen  ähnliche  Verhältnisse  herrschten,  und  für  ein 
Unglück,  welches  aus  allgemeiner  Unwissenheit  entspringt,  kann 
Niemand  verantwortlich  gemacht  werden.  Aber  die  erschreckende 
Sterblichkeit  des  Wiener  Gebärhauses  hat  zur  Entdeckung  der  Lehre 
geführt,  wie  das  Puerperalfieber  auf  nicht  eine  todte  Wöchnerin  unter 
LOO  Wöchnerinnen  zu  beschränken  sei.  während  eine  ebenso  erschreckende 

Idichkeit  andererorts  keine  andere  Folge  hatte,  als  die  Füllung 
des  Leicheuhauses.  Mit  welchem  Hechte  spricht  Veit  von  der  er- 
schreckenden  Sterblichkeit  des  Wiener  Gebärbanses,  derselbe  Veit, 
welcher  der  Lehre,  wie  diese  erschreckende  Sterblichkeit  abzuschaffen 
sei.  noch  im  Jahre  1865  Opposition  macht?  Derselbe  Veit,  welcher 
diese  erschreckende  Sterblichkeit  atmosphärischen,  unserer  Einwirkung 
entzogenen  Einflössen  zuschreibt,  und  dadurch  die  Wöchnerinnen  für 
alle  Ewigkeit  zu  dieser  erschreckenden  Sterblichkeit  vernrtbeilt? 

Mit  welchem  Rechte  leiht  Virchow  diesem  Ausspruche  die  Autorität 
seines  Namens,  derselbe  Virchow,  welcher  zwar  meine  Lehre  noch 
nicht  angegriffen,  weil  er  selbe  in  seiner  Ueberhebung  vornehm  ign 
und  deshalb  in  solcher  Unwissenheit  über  die  Entstehung,  den  Begriff 
und  ili<  Verhütung  des  Kindbettfiebers  steckt  dass  er  im  Jahre  lsös 
in    der  Gesellschaft   für    Geburtshilfe    in   Berlin   einen    Vortrag    über 

rperalerkrankungen  in  der  Charit  e  Italien  konnte,  in  welchem  er 
die  Epidemie  im  Monate  November  mit  20  Todten  die  höchste  Höhe 

Semmelweia'  gesammelle  Werke. 


386 


Semmel  weis'  Abhandlungen  and  Werk  über  das  KifidbettAetar. 


erreichen  lässt.  ohne  auch  nur  zu  ahnen,  welch  erschreckende  und 
zugleich  welch  verbrecherische  Sterblichkeit  dies  sei.  nachdem  diese 
Sterblichkeit  sich  ereignete  eilf  .lahre  später,  als  man  in  Wien  die 
Sterblichkeit  in  Folge  des  Puerperalfiebers  auf  nicht  eine  Todte  um  m 
100  Wöchnerirnen  zu  beschränken  lehrte. 

Seit    1847    gibt    es    tur    mich    nichts   Erschreckendere-,,    als    ilen 
trostlosen  Zustand,   in  welchem  sich  noch  immer  der   geburtshilfliche 
Unterricht  in  Betreff  des  Kindbetthebers  an  der  überwiegend  : 
Anzahl  der  geburtshilflichen  Lehranstalten  befindet. 

In  welch  erschreckendem  Zustande  sich  der  geburtshilfliche  Unter- 
richt in  R?m%  auf  das  Puerperalfieber  in  Berlin  befindet,  hatten  mr 
eben  Gelegenheit  zu  schildern. 

V<m  meinen  Schillern,  von  den  Medianem  und  den  Chirurgen  gar 
nicht  zu  sprechen,  üben  bis  jetzt  823  Schülerinnen  von  mir  als  Hebammen 
die  geburtshilfliche  Praxis  in  Ungarn  aus.  welche  besser  wissen  als 
\  irchow,  warum  die  grösste  Anzahl  der  Puerperalepidemien  im  Winter 
vorkommen,  welche  besser  wissen  als  Vireliuw.  was  zu  thun,  um  nicht 
gleichzeitig  Puerperalfieber  zu  haben,  wenn  Kranke  mit  erysipelat<i>en. 
cruupüseu,  jauchigen  und  eitrigen  Entzündungen  ihrer  Pflege  an- 
vertraut werden;  und  welche  aufgeklärter,  als  die  Mitglieder  der 
Gesellschalt  tür  Geburtshilfe  in  Berlin.  Virchow  auslachen  würden, 
wenn  er  ihnen  einen  Vortrag  über  epidemisches  Puerperalfieber 
halten  würde. 


Zur  Erforschung  der  Ursachen  des  epidemischen  Puerperalfiebers. 

Mitgetheilt  ron 

Prof.  Dr.  A  n  s  e  1  m  Martin1),  königl.  Director  der  Gebäranstalt 

Münchens. 

Eine  bedauemswerthe  Schattenseite  für  die  kurz  vorher  in  allen 
Theilen  neu  bestellte  Gebäranstalt  Münchens  bildete  im  Jahre  1 861 
die  Erscheinung  des  epidemischen  Puerperalfiebers,  das  mit.  kurzen 
Unterbrechungen  von  Mitte  December  1856  bis  Ende  Juni  1&57  zu 
bekämpfen  war.    Ihre  Statistik  ist  folgende; 

Vom  1.  Oktober  bis  Ende  Juli  wurden  in  der  Gebäranstalt  1090 
Pfleglinge  behandelt.  Von  diesen  sind  am  Puerperalfieber  und  ver- 
wandten pathologischen  Erscheinungen  (Metritis,  Phlegmasia  alba 
dolens.  Phlebitis  brachialis  u.  s.  w.i  erkrankt,  genesen  oder  gestorben. 


In  der  QtUmutaU 

Ins  Krankenhaus  rransferirt 
Nach  der  Entlassung  aus  der  Gebäranstult  ins 
Krankenhaus  gekommen 


erkrankt  43,  genesen  SO,  gestorben   l.'i 
..        -MV)      „       14. 


&, 


8, 


„        S$         .,       47,  „         37 

Es    ist    diese   Thatsache  einer    Erinnerung   wohl    auch    desslialb 
werth,   weil  man   gewöhnlich  die  Ungunst  der   Loyalitäten   der 
bäranstalten.  ihre  UeberfÜllung,    Unreinlichkeit  n.  s.  w.  als   eine    der 
vorzüglicheren  Ursachen  benennt ;  nun  aber  das  Leiden  in  einem  gauz 

b  Monatsschrift  für  Geburtskunde.     X.  Band.     4.  lieft.     Berlin  1857. 
-i  Noch  4  sind  iu  Behandlung. 


I>äe  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettüebers,         387 


vom  Grunde  aus  neugebauten  Hause  aufgetaucht  ist.  das  wenige 
Monate  vorher  erst  bezogen,  allenthalben  trocken,  reinlich  und  von 
SanitÄts-  wie  van  den  Baubehörden  bewohnbar  erklärt  worden  war. 

Dem  Lichte  und  der  Luft  allenthalben  zugänglich,  geräumig  und 
jeder  Anforderung  entsprechend,  war  das  ganze  Haus  mit  durchaus 
iiouen  Gerätschaften,  überhaupt  in  allen  Theilen  seiner  inneren  Ein- 

üujr  ganz  neu  bestellt.  Die  sehr  geräumigen  einzeln  getrennten 
Wochensäle  enthalten  nur  6  Betten,  mit  diesen  Sälen  und  ihren  Betten 
wird  beständig  gewechselt,  selbst  ganze  Flügel  des  grossen  Gebäudes 
werden  oft  längere  Zeit  freigelassen,  abgesperrt,  sowie  denn  der  ganze 
Flügel,  alle  Betten  u.  s.  w.  vollständig  gereiniget  und  einer  allge- 
meinen Lüftung  unterzogen  werden. 

Ueberhaupt  ist  nicht  nur  mit  der  äussersteu  Sorgfalt  und  Wach- 
samkeit,  sondern  selbst  mit  der  mühevollsten  Aengstlichkeit  jede  nur 
immer  mögliche  Erzeugivngsursache  der  Krankheit  in  den  baulichen 
und  inneren  Organisationen  des  Hauses  ebenso,  wie  bei  dem  Dienste 
des  Personals,  dann  auch  bei  jeder  einzelnen  Verpflegten,  Tag  und 
Nacht  aufgesucht,  überwacht  und  angekämpft  worden.  Auch  sind 
fast  alle  Kranken  jeder  Art  alsbald  in  das  Krankenhaus  gebracht 
worden,  nur  jene  wenigen,  die  nicht  mehr  überschickt  werden  konnten, 
hat  man  im  Hause  behandelt. 

Leichen  winden  schon  nach  wenigen  Stunden  aus  der  Anstalt 
entfernt.  Die  Leidenden  sind  in  den  bestbestellten  separirten  Kranken- 
zimmern unter  besonderer  Pflege  behandelt  worden.  Das  Dienstper- 
sonal der  Kranken  war  nur  für  diese  bestimmt,  und  durfte  kein  Local 
der  Gesunden  betreten,  mit  dem  übrigen  Hauspersonale  nicht  zu- 
sammen leben.  Die  Krankenwäsche  ist  gesondert,  gereiniget  und  für 
Kranke  erst  nach  sorgfältiger  Reinigung  und  Lüftung  gebraucht 
worden.  Klystirspritzen,  Katheter  n.  8.  w.  sind  nur  für  die  Kranken- 
zimmer und  in  diesen  benutzt,  stets  sorgfältig  gereinigt  und  gesondert 
aufbewahrt  worden.  Auch  die  eine  Kranke  besuchenden  Aerzte  hatten 
sich  bei  dem  Austritte  aus  dem  Krankenzimmer  stets  mit  Cblorwasser 
die  Hände  zu  reinigen,  sowie  in  Lebeusordnung,  Eeinlichkeit  und 
Diät  u.  s.  w..  alle  Pfleglinge  des  ganzen  Hauses  einer  emsigen  Auf- 
sicht Tag  und  Nacht  unterzogen,  und  in  dieser  stündig  überwacht 
worden  sind. 

Aerzte  des  In-  und  Auslandes,  die  während  der  Dauer  der  Epi- 
demie die  Anstalt  besucht,  und  alle  diese  Einrichtungen,  Ordnungen 
und  Ueberwachungen  erfahren,  wollten  es  kaum  glauben,  dass  bei  dem 
bestehenden  Vereine  so  selten  zu  findender  glücklicher  Verhältnisse 
eines  Gtabärhanses,  wie  sie  nach  den  gemeinsamen  Aussagen  nicht 
besser  bestellt  sein  könnten,  dennoch  eine  Epidemie  des  Puerperal- 
fiebers auftauchen,  überhaupt  eine  solche  in  dieser  Anstalt  je  möglich 
geworden  sein  soll.  Die  Erscheinungen,  der  Verlauf  u.  B.  W.  der 
Krankheit,  waren  die  allbekannten  mit  vorherrschend  adynamischem 
Character,  die  typhöse  Form  in  der  Mehrheit. 

Das  epidemische  Puerperalfieber  ist  bereits  in  grösster  Vollständig- 
keit in  der  Literatur  ausgestattet  worden.  Es  liegt  daher  nicht  in 
Absicht,  hier  in  Variationen  nochmals  zu  bringen,  was  längst  bekannt 
ist.  So  hohen  Wert  diese  Literatur  auch  besitzen  mag.  so  ist. 
uns  die  Kninkheit  doch  dabei  nicht  seltener,  ihre  Statistik  nicht  er- 
freulicher, die  Therapie  nicht  eine  glücklichere  geworden. 

Es  dürfte  daher  vollste  Pflicht  grösserer  Gebäranstalten  sein,  von 

25* 


388 


■SpinmelweH"  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbett  tieber. 


Zeit  zu  Zeit,  und  mehr  als  bisher,  jene  Thatsachen  zu  berichten,  die 
bei  Aufsuchung  möglicher  ursächlicher  Momente  der  Forschung"  sich 
ergeben  haben.  Die  Erfahrungen  sind  hierin  noch  mangelhaft.  Nicht 
viele  Gebflranstalten  bieten  hierzu  ein  gleiches  Material,  nicht  zu 
allen  Zeiten  sind  klare  Beobachtungen  möglich  und  glückii 
Locale  u.  B.  w.  erfreuen  sich  die  wenigsten  Gebärhänser.  Eben  in 
diesen  Verhältnissen  glauben  wir  nun  die  Berechtigung  zu  finden,  aus 
der  neubestellten  Gebäranstalt  Münchens  vorläufig  einige  Beiträge  für 
weitere  Forschungen  aetiologischer  Momente  mit  dem  Wunsche  geben 
zu  sollen,  da&e  sie  dort,  wo  Gleiches  möglich  ist,  geprüft  nnd  rer- 
warthet  werden  möchten. 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwiedern :  „Die  Zeit  für  weitem 
Forschungen  nach  aetiologischen  Momenten  des  Kindbettfiebers  ist 
vorüber,  da  das  alleinige  aetiologische  Moment  für  alle  Fälle  von 
Kindbettfieber,  keinen  einzigen  Fall  von  Kindbettfieber  ausgenommen, 
in  den  zersetzten  thierisch  organischen  •Stoffen  entdeckt  wurde.  Jetsl 
ist  die  Zeit  gekommen,  für  die  Anstrengungen  dieses  alleinige  aetio- 
logische  Moment  des  Kindbettfifiben  unschädlich  zu  machen,  damit  in 
der  ganzen  Welt  in-  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  die.  Krankheit 
seltener  werde,  damit  ihre  Statistik  erfreulicher  werde,  und  damit 
ihre  Therapie  in  dem  Sinne  glücklicher  werde,  dass  man  der  Therapie 
die  Gelegenheit  entzieht,  oft  unglücklich  zu  werden. 

An  welchen  i>rten  schon  jetzt  in  der  That  in  Folge   der   An 
sti'-ngungen    gegen    den    zersetzten    tMerisch-organischen    Stofl 
Krankheit  seltener,   ihre  Statistik  erfreulicher  und  ihre  Therapie  in 
dem  Sinne  glücklicher  geworden  ist,  dass  man  der  Therapie   die  Ge- 
legenheit entzogen  hat,  oft  unglücklich  zu  werden,  das  haben  wir  in 
dieser  Schrift  an  betreffender  Stelle  mitgetheilt. 

„Nachdem  wir  in  dem  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffe  die 
alleinige  Ursache  des  Kindbettfiebers  anerkennen,  wollen  wir  die 
übrigen  aetiologischen  Momente  des  Kindbettfiebei  s,  wie  solche  ran 
Prof.  Martin  angeführt  werden,  als  nicht  astrologische  Momente  des 
KiiullM-ttfiebers  ignoiin  n.  und  nur  das  anführen,  was  er  von 
cadaverüsen  Infection  sagt 

„Es  ist  bekannt,  dass  sie  als  Ursache  der  Puerperalfieber  be- 
sonders in  Gebaranstalten  benannt  und  von  einigen  als  solche  awre- 
nommen  worden  ist.  Die  an  den  Händen  der  Aerzte  und  Studirenden 
(nach  Untersuchungen  oder  Hebungen  an  Leichen»  klebenden  Leichen 
theile,  oder  der  selbst  nach  Waschungen  mit  Seifenwasser  noch  an 
denselben  haften  bleibende  cadaverose  Geruch  soll,  als  putride  Luft 
eingeimpft,  die  Eigenschaft  haben.  Puerperalprocesse  zu  erzen 
Selbst  der  Leichengeruch,  an  Kleidungen,  Wäsche  u.  s.  w.  soll  die 
liihitiim  veranlasst  haben. 

..Wenn  auch   von   vielen  Bewährten    der  Wissenschaft   diese 
zeugende  Ursache   nicht  will   angenommen  werden,   so   glauben    vir 
doch,    und  ohne  uns  jetzt  schon  dabei   auf  eine  oder  die  andere  Seite 
neigen  zu  wollen,  folgende  Thatsache  hier  erwähnen  zu  müssen. 

..Nachdem  im  Monate  Januar  und  Februar  längere  Zeit  keine  er- 
heblichen Erkrankungen  mehr  unter  den  Wöchnerinnen  der  Qeb&T- 
anstalt  aufgetaucht,  erkrankten  plötzlich  wieder  an  einem  und  dem- 
selben Tage  zwei  Wöchnerinnen  unter  den  Erscheinungen  des  epl* 
demischen  Puerperalfiebers, 

„Beide  hatten  an  einem  und  demselben  Tage  und  fast  zur  selben 


Die  Aetiologic,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kimlbeittieberü.        389 


Stunde  normal  geboren;  bei  Beiden  war  eben  sowenig  wie  im  ganzen 
Hause  irgend  eine  für  die  Erkrankung  bekannte  Ursache  zu  gewinnen. 

„Bei  dieser  so  auffallenden  Erscheinung  gelang-  es  endlich  durch 
esetzte  Nachforschung  zu  erfahren,  fli  Lastatenl  ohne  Wissen 

Standes  der  Anstalt  die  Oefthung  einer  Kindesleiche,  zwar  im 
I- ii t lernten  Leichenzimmer  des  Kanses,  vorgenommen,  auch  sich  hierauf 
nach  Aussage,  sorgfältig  und  mit  Oilonvasser  gewaschen,  unmittelbar 
nachher  aber  nur  diese  zwei  Gebärenden  allein  explorirt  habe. 

„Da  die  beiden  Erkrankungen  ungewöhnlich  schnell  nach  der 
Geburt,  und  von  allen  Wöchnerinnen  des  Hauses  nur  diese  zwei  er- 
krankt sind,  gestand  der  Schuldige  die  Thatsaehe,  zugleich  mit  dem 
Anhange,  das  von  ihm  das  Gleiche  im  December,  am  Tage  des  ersten 
Erscheinens  des  Puerperalfiebers  in  der  Gebäranstalt  vollzogen 
worden  sei.  Auch  damals  sind  nur  die  vmi  ihm  nach  einer  Leichen- 
ftflhnng  Explorirten  allein  zuerst  erkrankt. 

„Den  im  December  und  Mitte  Februar  (durch  cadaveröse  In- 
fection?)  erzeugten  Erkrankungen  folgten  jedesmal  bald  auch  mehrere 
leichtere  oder  schwerere  Pnerperalfiebertalle.  sie  verbreiteten  sich 
schnell  durch  weitere  Räume  des  Hauses.  Es  begleitete  sie  immer 
ein  Kränkeln  mehrerer  Wöchnerinnen,  und  es  bedurfte  eines  Zeit- 
raumes von  16  bis  21  Tagen,  bis  endlich  wieder  glücklichere  Ver- 
hältnisse zu  sehen  waren. 

„Diesen  Erlebnissen  dürfte  noch  anzureihen  sein,  dass  die  ge- 
burtshilfliche Universitätsklinik  der  Gebäranstalt  Münchens  täglich 
Morgens  von  10-11  Ihr  gehalten  wird;  dass  in  diese  eine  gr 
Anzahl  von  Practicirenden  unmittelbar  von  den  mediciaischen  mit 
Typbuskrankeu  belegten  Kliniken  des  Krankenhauses,  manchmal  auch 
von  den  anatomischen  Sälen  kommen;  dass  der  Gehärsaal  dann  häufig, 
ebenso  die  Wochensäle  der  Klinik,  die  Nachweisung  der  Luft  der 
Anatomie  geben,  auch  dass  einige  Practkirende  bei  den  Leichen- 
öffnungen Leicheutlieile  berühren  und  dieses  Verhältniss  zu  über- 
wachen und  zu  beseitigen  unmöglich  ist. 

.1  einer  dürfte  hier  zu  erinnern  seiu,  dass  bisher  die  Gebär- 
anstalt Münchens  nur  immer  während  der  Dauer  der  geburtshilflichen 
Universitätsklinik,  und  nur  seit  diese  mit  ihr  verbunden  isl  (seil  dem 
Jahre  18241,  Aufsein •eibungen  von  epidemischen  Puerperalfiebern,  die 
in  der  Anstalt  aufgetaucht  sind,  in  ihren  I.Ygistiaturen  besitzt,  und 
die  früheren,  sehr  genauen  Listen,  diese  Krankheit  kaum  erwähnen. 
ferner  dass  Practicirende,  die  im  Hause  wohnen,  nicht  selten  patho- 
logische Anatomie  mit  mikroskopist  heu  wie  chemischen  l'ntersuehtingen 
betreiben,  und  von  diesen  oft  schnell  zu  Gebärenden,  ihren  Explora- 
tionen u.  s.  w.  abgerufen  werden  u.  s.  w.;  auch  eine  genaue  Deber- 
wacliung  vor  diesen  riii.rsuchungen.  bekanntlich  dem  IV reiche  der 
Unmöglichkeiten  zugezählt  werden  muss.  Ebenfalls  dürfte  zu  er- 
wähnen sein,  dass  alle  diese  Verhältnisse  auch  in  den  früher  be- 
wohnten Localen  während  und  bei  den  misslichen  Verhältnissen  des 
Hauses  ohne  Erscheinungen  epidemischer  Puerperalfieber  bestanden 
haben. 

„In  Folge  Befehles  der  fcßnigl.  Regierung  wurde  mit  Anfang 
April  bis  12.  Juni  die  geburtshilfliche  Universitätsklinik  geschlossen. 
Die  Erkrankungen  haben  zwar  nicht  geendet,  doch  sind  sie  seltener 
und  minderen  Grades  geworden, 


390 


Semmel  weis'  Abliandiuugen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


..}lit  iitin  Eintritte  der  besseren  Jahreszeit  (Anfangs  Juni)  haben 

sie  ganz  aufgehört. 

..Als  die  Klinik  im  Juli  wieder  von  Studirenden  besuch i  wurde, 
tauchten  zwar  nochmals  einige  rasch  und  tödtlich  verlaufende  Krank- 
heitsfälle auf.  Doch  haben  auch  sie  wieder  geendet,  als  die  Klinik 
durch  den  Schluss  des  .Semesters  nicht  mehr  von  Studirenden  besucht 
worden  ist.  Kin  Zusammenhang  mit  einer  Infection  durch  die  Stadiren* 
den  ist  bei  diesen  wenigen  Erkrankungen  nicht  anzunehmen.  Sie 
erscheinen  als  sporadische  Fälle,  wie  sie  oft  am  Schlüsse  von  Epidemien 
sich  finden." 

Diese  Beobachtungen  sprechen  so  laut   für  sich  selbst,  da&fl 
eines  Commentars  nicht  benßthigen,  ich  setze  voraus,  dass  die  Schüler 
angehalten   Bind,   ror  jeder  Untersuchung  sich   die   Hände   in 
wasser  zu  waschen,  obwohl  es  ausdrücklich   nicht  gesagt   wird. 

Das  Gebärhaus  in  München  ist  ein  schlagender  Beweis,  da.-- 
trotz  der  vortrefflichsten  Einrichtungen  für  die  Grebärhauser  in  Bo 
lauge  kein  vollständiges  Heil  geben  wird,  bis  nicht  das  von  mir  von 
s üiiimtlichen  Regierungen  erbetene  Gesetz,  nämlich  dass  es  jedem 
Gebärhause  Beschäftigten  geradezu  verboten  wird,  sich  mit  zer- 
setzten Stoffen  zu  beschäftigen,  in  seiner  vollsten  Strenge  gehandhabt 
werden  wird. 

Ist  es  gerechtfertiget,  den  guten  Gesundheitszustand  eines  lie- 
bärhauses  von  dem  guten  Willen  der  Schüler  abhängig  zu  machen? 
kann  nicht  bei  dem  besten  Willen  Aller  der  Leichtsinn  eines  Einzigen 
grosses  Unheil  stiften? 

i  ;n!   Braun. 

mein  Nachfolger  in  der  Assistenz,  and  gegenwärtig  Professor  der 
Geburtshilfe  an  der  I.  Klinik  zu  Wien,  an  derselben  Klinik,  deren 
schlagende  Daten  mir  das  Unwahre  der  bisher  giltigen  Aetiologie  See 
Kindbettfiebei s  .1  kennen  Hessen,  und  an  der  ich  die  ewig  wahn- 
Aetiologie  des  Kindbettfiebers  entdeckte,  ist  Gegner  dieser  von  mir 
ent  leckten  ewig  wahren  Aetiologie  des  Kindbettfiebers1).  Dieser 
Verhältnisse  wegen  dürfte  der  Leser  geneigt  sein,  seinem  ürtheile  ein 
grösseres  Gewicht  beizulegen,  als  dem  eines  jeden  Anderen  meiner 
Gegner,  es  erwächst  hieraus  für  mich  die  Verpflichtung,  in  der  Wider- 
legung Carl  Brauns  muh  gründlicher  zu  Werke  zu  gehen,  als  wir 
das  bei  unsern  früheren  Gegnern  gethan,  aber  Carl  Braun  macht  uns 
die  Arbeit  leicht;  Carl  Braun  sagt  in  dem  Grade  ungereimte  Dinge 
Schlag  auf  .Schlag,  dass  wir  besorgen,  uns  dem  Verdachte  auszusetzen, 
als  würden  wir  seine  Opposition  nicht  getreu  geben,  wenn  wir  selbe 
nur  dem  Sinnt  nach  geben  winden,  wie  wir  es  zum  grossen  Theil  bei 
den  übrigen  Gegnern  gethan;  um  uns  nun  gegen  diesen  Verdacli 
selnitzen,  bleibt  uns  nichts  anders  übrig,  als  seine  Opposition  Wort 
tiir  Wiirt  abdrucken  zu  lassen. 

Gar]  Brann's  Opposition  gegen  die  von  mir  entdeckte  ewig  wahre 
Aetiologie  des  Kindbetttiebers  entspringt  nicht  seiner  Ueberzeuguug. 
dass  meine  Aetiologie  nicht  wahr  sei;  seine  Opposition  ist  begründet 
zum  Theil  in  seiner  Unwissenheit  über  die  wichtigsten  Lehrsätze 
meiner  Aetiologie.  zum    Theil  in  seinem  bösen  Willen. 


1    Klinik    der  Gehuitslulle  und  Gynaekologle    von   Chiari,   Brann,  Spaeth.     Er- 
laogen,  1855.    Lehrbuch  flez  Gebuitahifie  von  Bnut,  Wien  1H57. 


Die  Aetiologie.  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kiudbettliebers.        391 


Zeigt  es  nicht  von  bösem  Willen,  wenn  <.'arl  Braun  an  zahlreichen 
stallen  meine  Lehrsätze  wiedergibt,  und  dann  in  der  Klinik  durch  12 
im!  in  seinem  Lehrbuche  durch  4  Drucksachen  hindurch  denselben 
L' -In -sitzen  Opposition  macht? 

Wir  werden  bei  Beurtlieilung  Carl  Braun 's  diese  Stellen  berühren, 
vorlaufig  genüge  als  Beispiel  eine  einzige.  Carl  Braun  sagt  bei  der 
Prophylaxis  des  Kindbettfiebers  |  Klinik.  Seite  533;  Lehrbuch.  Seite  971): 

„Da  das  Puerperalfieber  oder  Pyaemie  durch  Einimpfung  vom 
Leichengift  erzeugt  werden,  und  durch  Uebertragung  von  septischen 
■hinten ,  sowie  durch  das  Zusamnienwohneu  mit  Andern  an  einer 
der  verschiedenen  zvmotischen  Krankheiten,  wie:  Typhus.  Cholera, 
Scharlach,  Masern  u.  s.  w.  Leidenden  verbreitet  werden  könne,  so  ist 
es  die  strenge  Pflicht  der  Aerzte.  auf  die  Absonderung  der  gesunden 
Wöchnerinnen  von  zymotisch-erkrankten  Individuen,  sowohl  in  Privat- 
wohnungen, als  in  Gebärhäusern  genau  zu  sehen,  und  niemals  eine 
Untersuchung  oder  eine  Operation  bei  einer  Schwangeren.  Gebärenden, 
Wöchnerinnen  zu  gestatten,  wenn  kurze  Zeit  zuvor  ein  irilfeleisteudes 
Individuum  mit  Leichentheüen  oder  septischen  Exsudaten  zu  thun 
hatte."  Ohi  in  der  Klinik  für  Geburtshilfe  und  Gyuaekologie  B6ta1 
Carl  Braun  in  einer  Anmerkung  noch  hinzu:  ,rEs  ist  daher  die  löb- 
lichste Vorsicht  eines  jeden  Klinikers,  die  klinischen  Explorationen 
in  den  frühesten  Morgenstunden  vornehmen  zu  lassen,  bevor  noch 
]!«jM-häftigungen  an  Cadavern  vorgenommen  werden."  Kann  Carl 
Braun  aus  Ueberzeugung,  dass  meine  Leim'  falsch  sei.  mir  opponiren? 

Aus  der  Tabelle,  welche  sich  in  gegenwärtiger  Schrift,  Seite  184, 

EULter  Nr.  XXIV  befindet,  ersieht  der  Leser,  dass  während  der  eisten 
39  Jahre  des  Bestehens  des  Wiener  Gebärhnusis  die  Sterblichkeit 
ohne  anatomische  Grundlage  der  Medicin  l..,5  Percent  betrug.  Durch 
Annahme  der  anatomischen  Grundlage  der  Medicin  stieg  die  Sterin 
Henkelt   in   den  nächstfolgenden  10  Jahren  auf  5,3„  P.-A. 

Nun  wurde  das  Gebärhaus  in  zwei  AMlipilungen  getrennt  und 
beiden  Abtheilungen  wurden  Schüler  und  Schülerinnen  in  gleicher 
Anzahl  zngewiesen.  Die  Sterblichkeit  der  I.  Abtheilung  steiget te  sieh 
in  den  nächstfolgenden  8  Jahren  auf  6.M  P.-A.  Durch  Zuweisung 
sämmtlicher  Schüler  der  T.  Abtheilung  steigerte  sich  in  den  nächst- 
folgenden 6  Jahren  die  Sterblichkeit  auf  '.*.,,..  P.-A.  Durch  Einführung 
der  Chlorwasehungen  beiläufig  Mitte  Mai  1847  au  1  der  I.  Klinik  ver- 
minderte sich  die  Sterblichkeit  auf  5.,u  P.-A.,  und  im  Jahre  1848,  wo 
das  ganze  Jahr  hindurch  durch  mich  die  Chlorwasehungen  beauf- 
sichtiget wurden,  sank  die  Sterblichkeit,  auf  1,...  P.-A.  In  den  folgen- 
den 5  Jahren,  in  welchen  Carl  Braun  Assistent  war,  hinzugenonmien 
tel  Jahr  1858.  in  welchem  Carl  Braun  als  Professor  an  dieser  Klinik 
fumrirte.  ereigneten  sich  24,092  Geburten,  davon  starben  fil3,  also 
L\ls  P.-A..  es  minderte  sich  die  Sterblichkeit  daher  im  Vergleiche  der 
«.  Jahre,  innerhalb  welcher  an  der  Klinik  für  Aerzte  keine  ChlOf- 
Wi  M-luingen  gemacht  wurden,  um  7MI  Proc.-Antlieil  oder  mit  andern 
Worten,  wären  die  l'hloi  Waschungen  nicht  eingeführt  worden,  so  hätte 
sich  die  Sterblichkeit  der  Klinik  der  Aerzte  in  der  Ausdehnung  fort- 
gesetzt, in  welcher  Ausdehnung  die  Sterblichkeit  sieh  an  dieser  Klinik 
ereignete  während  der  6  Jahre  ohne  Chlorwasehungen.  es  wären  mit- 
hin 24.JO  Individuen  gestorben;  da  aber  BIS  Individuen  starben,  so 
wurden  in  Folge  meiner  Lehren  über  die  Entstehung  und  Verhütung 


392 


Semmelweis'  Abhandlung-eu  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


des  Kindbettfiebers  837  Individuell  in  diesen  6  Jahren  gerettet .  In 
dieser  Zahl  fehlen  die  Kinder,  welche  von  diesen  887  geretteten  Indi- 
viduen das  Puerperalfieber  uiitgei  heilt  bekommen  hätten. 

Zur  besseren  Orient!  rung  tlieile  ich   dem  Leser   mit.   ieilfl 
Üraun  die  rhln  Waschungen  längst  aufgegeben  und  dafür  seinen  Schülern 
den  liath  ertheilt,  nicht  zu  untersuchen,  bo  lange  die  Hände  eada- 
verösen   Geruch   verbreiten.    Ist   das   nicht   bfiser   Wille,   wenn  Carl 
Braun  meine  Leine  verleumdet,  welche  ihm  in  6  Jahren  837  Mütter 
gerettet  hat?  ungerechnet  die  geretteten  Kinder.     Freilich  hat  m 
Lehre  innerhalb  dieser  G  Jahre  nicht  das  geleistet,  was  sie  zu  leisten 
berufen  ist.    Oder  mit  andern  Worten:  in  diesen  6  Jahren  sind  Dicht 
blos  Fälle   von   Kindbettfieber   in   Folge   von   Selbstinfection    vorge- 
kommen, sondern  es  sind,  da  von  24,692  Wöchnerinnen  G13  gesto* 
sind.  367  Fälle  von  verhütbarer  Infection  von  aussen   vorgekommen, 
und  wenn  wir  jährlich  10  Infectionsfalle  vuii  aussen  den  ungünstigsten 
Verhältnissen  der  I.  Gebärklinik  zuschreiben,  weil  ja  auch   wir  in 
Jahre    1848    zehn  Infectionsfalle   von   aussen  nicht  verhüten  konnten, 
so  bleiben  noch   immer  für  6  Jahre   317  Individuen   und  die  Rinder, 
welche   von  diesen  317  .Müttern   inncirt  wurden,  welche  dem   bi 
Willen  Carl  Brauns  dadurch  zun  fielen,   dass  er,   gegen   seine 

bessere  Ueberzeugung.  nicht  nur  gegen  meine  Lehre  ttber  die  Ver- 
hütung des  Kindbettflebers  geschrieben,  sondern  auch  seinen  Schülern 

Lehre  Vorträge  gehalten  hat  und  dadurch  seine  Sei 
ZU  einem  gefährlichen  Leichtsinn  verleitet  hat.  Lud  was  werden  d 
BO  BCblecht  belehrten  Schüler  Carl  Brauns  für  l'nheil  stiften  in  ihrer 
selbst  st  an  digen  Thätigkeit.  Die  Entsetzen  erregende  Thätigkeit  eines 
sriuer  Schüler  sind  wir  in  der  traurigen  Lage  constatiren  zu  können. 
Gustav  lliiiun,  i'arl  Brauns  Schüler.  Bruder  und  Nachfolger  in  der 
Assistenz,  hat  während  seiner  vierjährigen  Assistenz  von  16,197  Wöch- 
neriunen  K78  an  Puerperalfieber,  und  zwar  161  in  Folge  von  Selbst- 
infection  und  717  in  Folge,  verhütbarer  Infection  von  aussen  verloren, 
und  wie  gross  mag  die  Zahl  der  Kinder  sein,  welche  von  diesen  717 
Müttern  inficirt,  gleichfalls  an  Puerperalfieber  gestorben  sind. 

I h  hören  wir.  was  Carl  Braun,  und   zwar  in  der  Klinik   <U'v 

Geburtshilfe  und  t-iynaekologie  sagt.    Nach  Carl  Braun   gib!    es   30 
Ursachen  des  Eindbettfiebers;  die  achtundzwanzigste  ist  die  cadaverose 
Infection.     Von  derselben  sagt  er  Folgendes:    „Als  die  vorzüglich 
ja  fast  als  die  einzige  Ursache  der  Puerperalfleber-Epideiraen  suchte 
Bemmetweis    im  Jahre  1847   die  Theorie   der  cadaverösen  Infection 
aufzustellen,  nach  welcher  die  an  den  Händen  nach  Untersuchungen 
oder  Cebungen  am   Cadaver  klebenden  Leichenteile  oder  dei    nach 
Waschungen  mit  Seifenwasser  an  demselben  haften  bleibende  tü-ruch. 
als  putride  Luft,  die  Eigenschaft,  haben  sollen  durch  die  innere 
ploration   der  Gebarenden   Pucrperalprocesse    einimpfen   zu   können. 
Seiumelweis    fand   hierin    in   Professor  Skoda    einen   Vertheidige 
Der  Leser  sieht,  wie  schlecht  Carl  Braun  die  Gelegenheit  benützt  hat. 
die  ihm  geboten   war.  etwas  zu  lernen,  da   er  nur  eine  Quelle 
zersetzten  Stoffes,  cimlich  die  Leiche,  da  er  nur  einen  Träger  des 
zersetzten  Stoffes,  nämlich  den   untersuchenden   Finger,   kennt,   und 
wie  heilig  ihm  die  Wahrheil  ist.  geht  daraus   hervor,  dass  er  in  der 
Literatur  nebst  der  Acadeinie  der  Mediein  in  Paris  noch  zehn  •;. 
angetroffen,  aber  nur  einen  einzigen  Vertheidiger. 

Die  einzige  Ursache   aller  PuerperaMeberfälle  ist  ein   zersetzter 


i'i'    Axiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbettfleben.        393 


Nntf.  über  ni.hr  d(  sr  zersetzte  Stoff  allein,  welcher  vom  Cadaver  kommt; 
iler  Leser  weiss,  dass  ea  drei  Quellen  des  zersetzten  .Stoffes  gibt,  und 
hier  wird    mehr   aus  dieser,   dort  mehr  aus  jener  Quelle   inficirt.     In 

Wien  war  es  onzweif elhaft  derOsdaver,  von  welchem  her  am  häufigsten 
inficirt  wurde;  vor  ln->$  gab  i  s  in  Wien  auch  medicinische  und  chirur- 
gische  Abteilungen,  der  Leser  weiss,  in  welchem  Grade  sich  nach 
dieser  Zeit  in  Folge  der  anatomischen  Richtung1  der  Medicin  die 
Sterblichkeit  des  Wiener  Gebärhauses  steigerte.  Im  Fester  St.-Roilnis 
Spinde  war  es  der  zersetzte  Stoff  einer  Chirurgischen  Abtheilnug, 
mittelst  welchen  am  häufigsten  inficirt  wurde,  an  der  geburtshilflichen 
Klinik  zu  Pest  waren  es  zweimal  unreine  Leintücher,  woher  die 
Infection  kam;  von  Prag  erzählt  Chiari,  dass  zwei  Kreissende,  deren 
Genitalien  während  der  Gebun  fauche  absonderten,  zweimal  eine 
Puerperalfieber-Epideurie  hervorbrachten  etc.  etc.  etc. 

Der  Träger  des  zersetzten  Stoffes  ist  nicht  Mos  der  untersuchende 
Kiuger,  sondern  jeder  Gegenstand,  welcher  mit  einem  zersetzten  Stoffe 
verunreinigt  ist  und  mit  den  Genitalien  der  Individuen  in  Beruh rnng 
kommt. 

Zur  Begründung'  seiner  Ansicht  stellt  Semmelweis  folgende  Sätze  auf: 

a)  Die  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  ist.  in  der  Wiener  Schule, 
in  welcher  Aerzte.  die  sich  mit  pathologisch-anatomischen  Unter- 
suchungen beschäftigen,  unterrichtet  werden,  constanl  viel  grosser  als 
in  der  Hebammenachule. 

b)  Das  Waschen  der  Hände  der  Aerzte  vor  den  Untersuchungen 
der  Gebärenden  mit  einer  Auflösung  von  Chlorkalk  zerstöre  allen  an 
Jen  Händen  zurückbleibenden  caday erösen  Gerach  und  *-i  ein  Schutz- 
mittel gegen  Puerperal processe,  wenn  nach  Beschäftigungen  aui  Cadaver 
geburtshilfliche  Untersuchungen  vorgenommen  werden  müssen. 

Auf  diese  zwei  Punkte  erwiedert  0.  Braun  Folgendes:  Ad  a)  «nid 
b)  Während  des  Wim  eis  1840  herrschte  an  der  I.  Gebärklinik  unge- 
achtet der  anbefohlenen  Chlorwaschiingen  einePm  1 1  ei  alfieber-Epidemie, 
welche  im  Beginne  der  besseren  Jahreszeit  im  April   ohne  eruirbare 

tche  aufhörte.     Im  Sommersemester  kamen  unter   181H  Gebnrts- 
tällen  blos  2t*  Sterbefälle,  mithin  l.t ",;„  vor,  ungeachtet  vom  klinischen 
Vorstände  Professor  Klein  der  Unterricht  ununterbrochen  ertheilt  und 
die  Opeiaiiiisiil  Hingen  an  Cadaverm  mit   den  Studirenden   vom  A 
stenten  fleissig  vorgenommen  wurden. 

Im  Wintersemester  184'.I5U  trat  wie  gewöhnlich 
Puerperalfieber  mit  Heftigkeit  auf,  so  dass  auf  1888 
ßterbefälle,  somit  2.ft ",,  kamen. 

Diese  Erscheinungen  mussten  den  Glauben  auf  die  Schutzkrafl 
des  Chlorkalks  wesentlich  erschüttern. 

Da  nach  Semmelweis"  Vorschlag  eine  Chlorkalklösuug  in  ein  offenes 
Gefass  (Lavoir)  gebracht  wurde,  in  welches  alle  anwesenden  Studirenden 
ihre  Hände  einzutauchen  uu-i  mit  einer  Nagelbürste  zu  reinigen  hatten, 
ein  sehr  schwacher  Chlorgerach  an  diesem  Desinfectionswasser,  aber 
desto  mehr  Gyps  im  Bodensatze  desselben  angetroffen  wurden,  so  Hess 
man  eine  mit  einem  Pipette  versehene  und  auch  oben  verschliessbare 
Kanne  aus  Glas  im  Grhitrl s/iunner  anbringen,  in  welche  vor  dt'V 
Visite  eine  frische  Chlorkalklösiing  eingebracht  wurde,  damit  jeder 
Studirende  iror  oder  nach  jeder  Untersuchung'  mit  reinem,  nach  i'hlor 

aendera  Wasser  die  Hände  sich  reinige.    Bei  der  gewiBsenhafteeten 


im    Herbste  das 
Geburtsfälle  77 


394 


Semiuelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber, 


allseitigen  Desinfection   aller  explorirendeu  Hände  steigerte  sich  die 
Epidemie  vom  Jänner  bis  März  von  3.,,",,  bis  5,,,",,. 

Mir  einbrechendem  Sommersemesur  L850  hörten   die  Pnerpe 
proeesse  auf.  bo  dasa  auf  1725  Geburtsfalle  10  Sterbefälle,  d.  i.  o. . 
kamen.    Da  die  Zersetzung  der  Cadaver  im  Sommer  Fiel  rascher  vm 
stell  geht  als  im  Winter,  und  an  den  Händen  nach  Operationsübungen 
der  Leichengeruch  länger  haftet,  so  wurde  beobachtet,   dass  derselbe 
nach  oftmaligem  Touchiren  und  Reinigen  der  Hände  mit  Chlorwa« 
im  Sommer  an  den  Händen  (nach  Ableiriiim'  des  Rockes,  der  bekannt- 
lich viele  Stunden  deutliche  Spuren  des  Leichengeruches  nachweist 
nicht   zerstört   wurde.     Es  durfte  daher  der  Desinfectionskru  ft 
Chlorkalkes  in   der  eingeführten  Anwendungsweise   nicht  mehr  blind- 
lings vertraut  weiden,  und  es  musste  jedem  Studirenden  auf  das  Se- 
wiisi-iiljafteste  anbefohlen  werden,  keine  Gebärende  oder  Schwangere 
zu  untersuchen,   wenn  an  demselben  Tage  ein  Cadaver  von  ihm  be- 
rührt wurde. 

1'ngeachtet  der  grössten  Vorsicht  raffte  das  Puerperalfieber  im 
Jänner  und  December  1851  3— 5°,(„  im  März  aber  sogar  7.,%  dahin. 

In  den  Jahren  1841)  bis  1852  wurden,  wie  gewiss  auch  der  frühe- 
ren Zeit,  alle  damals  bekannten  Mittel  mit  der  grössten  Aufmerksam- 
keit angewandt,  und  dennoch  machten  wir  an  der  Schule  für  Hebammen, 
an  welcher  eine  Leicheninfection  nicht  leicht  möglich  ist,  an  %vel 
die  Chlorwaschungen  auf  das  strengste  auch  überwacht  winden, 
welcher  derselbe  umsichtsvnlle  Vorstand  und  derselbe  wohlerfahrene 
Assistent  fungirten,  und  keine  eruirbaren  Veränderungen  in  dem 
Loyale  vorkamen,  die  traurige  Erfahrung,  dass  im  Jänner  und  März 
1859  von  10  bis  12%  Wöchnerinnen  au  Puerperalfieber  verloren 
gingen.  Diese  Thatsachen  müssen  die  Hypothesen  der  cadavci 
Infection.  die  sich  meistens  auf  die  Vergangenheit  stützte  und  daraus 
sehr  kühne  Schlösse  zog,  vollends  erschüttern  und  uns  ermahnen,  auch 
anilere.  aetiolugiselie  Momente  zu  erwägen.  lieber  die  verschiedensten 
Kinttiisse.  welche  auf  den  Krankheitszustand  eines  Gebärhauses  in 
mehreren  Deeennien  eingewirkt  haben  können,  kann  der  Geburtshelfer 
im  Augenblicke  eben  so  weuig  Rechenschaft  geben,  als  der  Chirurg 
über  alle  Fälle  von  Pyaemie  und  Hospitalbrand,  die  sich  während 
vieler  Jahre  unter  seinen  Operirten  ereigneten,  einen  genügenden 
Aufschluss  würde  geben  können,  wenn  ihm  plötzlich  insinuirt  würde, 
dasa  diese  Leiden  stets  daher  rührten,  weil  aie  Operationszöglinge  auf 
Operationsübungen  am  Cadaver  inner-  oder  ausserhalb  des  klinischen 
Hörsaales  sich  beschäftigten! 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwiedem.  Wenn  Carl  Braun 
mir  den  Satz  zur  Begründung  meiner  Ansicht  unterschiebt:  ..  I>ie 
Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  ist  in  der  Wiener  Schule,  in  wel 
Atrzte,  die  sich  mit  pathologisch-anutmiiiseheii  Untersuchungen  be- 
schäftigen, unterrichtet  werden,  con stallt  viel  grösser  als  in  der 
Hebainini  nschule,"  so  unterschiebt  er  mir  ein  Falsuni.  Der  Leser  weiss, 
dasa  die  beiden  geburtshilflichen  Schulen  in  Wien  seit  dem  Jahre  1H33 
bestehen  [siehe  Tabelle  Nr.  XXII  Seite  182,  Tabelle  Nr.  I  Seite  100 
Tabelle  Nr.  XXIII  Seite  183),  während  der  ersteu  acht  Jahre  ihres 
Bestehens  bis  zum  Jahre  1841  waren  Schüler  und  Schülerinnen  an 
beiden  Abtheilungen  in  gleiche)-  Anzahl  vertheilt,  die  durchschnittliche 
Sterblichkeit  dieser  acht  Jahre  war  an  der  I.  Abtheilung  ci..«",,.  die 
der  II.  Abtheilnng  5,:>s%.  die  absolute  Sterblichkeit  war  an  der  I.  Ab- 


Die  Aetiologte,  der  Begriff  und  die  Prophjlaxia  des  Kiudbetttiebers.        3^5 


theilung  in  diesen  acht  Jahren  immer  grösser,  die  relative  Sterblich- 
keit  war  in  den  Jahren  34,  36,  38  an  der  II.  Ahtheilung  grösser  al> 
an  der  I.  Abtheilung;  die  jährliche  Durchschnittszahl  des  Plus  der 
verpflegten  Wöchnerinnen  an  der  I.  Abtheilung  betrug  1246  Wöchne- 
rinnen. Bei  gleicher  Infeetionsinögliehkeit  konnte  an  den  beiden  Ab- 
teilungen keine  wesentlich  differente  Sterblichkeit  vorkommen. 

In  den  nächstfolgenden  6  Jahren  bis  zum  Jahre  1847  war  die 
I.  Abtheilung  ausschliesslich  Klinik  für  Aerzte.,  und  die  II.  Abtheünng 
ausschliesslich  Klinik  für  Hebammen  ohne  <  hloi  Waschungen,  und  bloss 
in  diesen  6  Jahren  war  die  absolute  nnd  relative  Sterblichkeit  an  der 
Klinik  für  Aerzte  constant  grösser:  die  durchschnittliche  Sterblichkeit 


dieser  6  Jahre  war  an   der  Klinik  ti'ir  Aerzte  9« 
für  Hebammen  3Ä6°/0 


,  die  der  Klinik 
das  Plus  der  verpflegten  \\  'ochnerinnen  an  der 
L  Klinik  betrug  375.  Das  Plus  der  Sterblichkeit  dieser  fi  Jahre  war 
bedingt  durch  die  pathologisch-anatomischen  Untersuchungen  der 
Schüler.  In  den  12  Jahren  nach  Einführung  der  Chiorwaschungen 
bis  zum  Jahre  1859  war  die  absolute  Sterblichkeit  an  der  Hebammen- 
schule  im  Jahre  1851  mit  4(5  und  im  Jahre  lSfid  mit  11  Todten  grössei. 
als  in  demselben  Jahre  an  der  Klinik  für  Aerzte.  Im  Jahre  1851 
wurden  an  der  Klinik  für  Aerzte  799,  im  Jahre  L862  wurden  1111 
WOchnerinnen  mein-  verpflegt,     hie  relative.  Sterblichkeit  war  wahrend 

5  Jahren  an  der  Klinik  für  Hebammen  grösser  als  an  der  Klinik  für 
Aerzte.  Die  Durchschnittszahl  des  Plus  der  verpflegten  Wöchnerinnen 
an  der  Klinik  für  Aerzte  in  diesen  12  Jahren  betrug  598  jährlich. 

Die  Ohlorwa*«  hmiiaii  haben  das  constante  Plus  der  Sterblichkeit 
an  ier  Klinik  für  Aerzte  aufgehoben. 

Mein  Satz:  „Die  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  ist  in  der 
Wiener  Schule,  in  weh  hei-  Aerzte.  die  sich  mit  pathologisch-ana- 
tomischen Untersuchungen  beschäftigen,  unterrichtet  werden,  constant 
viel   grösser,    als    in   der   Hebaramensehule/'    bezieht   sich   auf  die 

6  Jahre,  während  welchen  die  I.  Klinik  ausschliesslich  für  Aerzte 
und  die  IL  Klinik  ausschliesslich  für  Hebammen  bestimmt  war.  ohne 
( Ittlorwaschungen. 

Wenn  daher  C.  Braun  diese  Zeit  ignorirt,  und  mit  dein  Winter 
1849  beginnt)  wo  in  Folge  der  rhlurwaschungen  kein  Unterschied 
mehr  war  in  der  Grösse  der  Sterblichkeit  der  beiden  Abtheilungen« 
wo  die  Grösse  der  absoluten  und  relativen  Sterblichkeit  zwischen 
beiden  Abtheilungen  schwankte,  wo  die  zwölfjährige  dun -hsi  hnittliöhe 
Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  3,»%,  an  der  II.  Klinik  3.llft"„  betrog1, 
so  hat  C.  Braun  durch  dieses  Manöver  nicht  die  Wahrheit  meines 
Satzes  mngestossen,  er  hat  einfach  ein  Falsuni  begangeil. 

(.'.  Braun  sagt,  nach  Semmel  weis  sollen  die  an  der  Hand  klebenden 
Leichentheile  die  Eigenschaft  haben,  durch  innere  Exploration  Ier 
Gebärenden.  Puerperalfieber  hervorzurufen;  und  diese  meine  Ansicht 
ii» 'kämpft  er  auf«)  Druckblättem;  dessenungeachtet  sagt  er,  als  er 
über  die.  desinficirende  Eigenschaft  des  Chlorkalkes  zu  sprechen  kommt, 
der  Chlorkalk  schütze  nicht  gegen  cadaveröse  Infection,  es  müsse  da- 
her jedem  Schüler  auf  das  Gewissenhafteste  anbefohlen  werden,  keine 
Gebärende  oder  Schwangere  zu  untersuchen,  wenn  er  an  demselben 
Tage  einen  Cadaver  berührt  hat. 

Vir  dem  Jahre  1847  war  mir  die  Eigenschaft,  dass  Cadavertheile 
das  Pnerperalflebi  hervorrufen,  nicht  bekannt,  ich  habe  daher  bei 
geburtshilflichen  Untersuchungen   keine  Rücksicht   darauf  genommen, 


396 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  \Y<  rk  über  d»s  Kinduettfi- 


ob  meine  Hände  von  Cadavern  rochen  oder  nicht.  Uie  Folgren.  welch« 
dieses  Nichtwissen  hatte,  habe  ich  an  den  betreffenden  Stellen  dies« 
Schrift  lnitgetheilt.  Üeberzeugt  sein  ist  doch  sicherer  als  nicht  Wissen, 
Kreon  daher  G.  Br&tm  überzeugt  ist,  dass  der  Carlaver  nicht  infinit. 
wann)  verliess  er  sich  denn  nicht  einmal  auf  die  Sehutzkraft  des 
Chlorkalkes,  warum  befiehlt  er  dem  seinen  Schülern  auf  das  Qewiasen- 
hafteste.  kein«*  Gebärende  zu  untersuchen,  wenn  an  demselben  Tage 
ein  Cadaver  von  ihnen  berührt  wurde? 

Aber  etwas  längnen  und  es  dennoch  beobachten,  heisst  ein  Fal- 
sum  begehen. 

Ilass  (Ist  Cadaver  intirirt  und  daSS  dei'  Chlorkalk  desiufirirl .  hat 
selbst  0.  Braun  bewiesen. 

Wir  haben  schon  Gelegenheit  gehabt  zu  erzählen,  dass  wahrend 
dei  fünfjährigen  Assistenz  und  der  einjährigen  Professur  C.  Braun's 
sich  24,692  Geburten  ereigneten,  davon  starben  613,  also  2.1S°„;  es 
verminderte  sich  daher  die  Sterblichkeit  im  Vergleiche  zu  den 
fi  Jahren  der  Klinik  für  Aerzte  ohne  Chloi  Waschungen,  durch  Ver- 
hütung der  radaverösen  lnfection  mittelst  Chlorwaschungen  um  7,4 , 
und  wenn  wir  die  Sterblichkeit  der  einzelnen  Monate  nehmen,  so 
selbe  während  der  6  Jahre  ohne  Chlorwaschungen  bis  31",,.  während 
in  den  einzelnen  Monaten  die  Sterblichkeit  während  der  vierjährigen 
Assistenz  C.  Braun's  7%  nicht  überstieg.  Vom  fünften  Jahre  und 
vom  ersten  Jahre  der  Professur  stehen  uns  die  Monatsrapporte  nicht 
ZU  Gebote. 

Wir  haben  gesehen,  dass  C.  Braun  die  cadaveröse  Lnfection  be- 
kämpft, und  dass  er  dennoch  gegen  die  cadaveröse  lnfection  Schutz 
sucht;  denselben  Widerspruch  finden  wir  auch  beim  Chlorkalk  wieder, 
er  spricht  dem  Chlorkalk  jode  desinficirende  Eigenschaft  ab.  und  lehrt 
eine  vollkommenere  .Methode  der  Anwendung  des  Chlorkalkes,  als 
ich  gelehrt 

Ich  habe  im  Jahre  1848  von  der  desinticirenden  Eigenschaft  des 
Chlorkalkes  nach  einer  vollkommenen  Methode  Gebrauch  gemacht, 
und  habe  10  Fälle  von  verhütbarer  lnfection  von  aussen  gehabt  . 
C.  Braun  hat  nach  einer  vollkommenen  Methode  von  der  desinticirenden 
Eigenschaft  des  Chlorkalkes  Gebrauch  gemacht  und  hatte  im  Jahre 
1849  66,  im  Jahre  1850  37,  im  Jahre  1851  34,  im  Jahre  1852 
137,  im  Jahre  1853  52.  im  Jahre  1858  44  verliütbare  Infeetioiisialle 
v.>n  aussen. 

Den  Grund,  warum  C.  Braun  trotz  der  Anwendung  einer  voll- 
kommeneu  Methode  mehr  Infectionsfälle  von  aussen  hatte  als  ich, 
finde  ich  in  der  Opposition  C.  Braun's  gegen  meine  Lehre,  wodurch 
die  Vorsicht  der  Schüler  eingeschläfert  wurde.. 

Und  wie  competent  OL  Braun  bei  der  Aetiologie  des  Kindbett- 
fiebers mitspricht,  geht  daraus  hervor,  dass  er  die  Puerperalfieber- 
Kpidemien  ohne  eruirbai.  Veränderungen  beginnen  und  ohne  eruir- 
bare  CTrsachen  aufhören  laset;  obwohl  ihm  30  Ursachen  des  Kind- 
bettfiebers bekannt  sind  Scanzoni  lässt  doch  wenigstens  die 
Wöchnerinnen  nur  zum  Theil  ohne  eruirbare  Ursache  am  Kindbett- 
fieber sterben,  für  den  andern  Theil  hat  er  ein  sicheres  aetiolögisches 
Moment  für  das  Kindbett  lieber  in  dem  Zufalle. 

So  lange  ich  als  Assistent  fangirte,  wurden  an  der  II.  Klinik 
die  Chlorwaschungen  nicht  eingeführt  C.  Braun  behauptet,  dass  mit 
dem  Jahre  1849  die  Chlorwaschungen   auch   auf  der   zweiten  Klinik 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebe».        397 

eingeführt  und  auf  das  strengste  überwacht  wurden;  wie  strenge 
diese  üeberwactaung  war,  geht  daraus  hervor,  dass  die  Sterblichkeit, 
welche  au  der  l.  Klinik  in  Folge  der  Ohlorwaschnngen  von  9,M°/o  in 
den  12  .Taliren  nach  Einführung  der  Chlorwasehungen  auf  .'i,,-"{)  sank, 
an  der  II.  Klinik  in  demselben  Zeiträume  von  3tMft° „  nur  auf  3n)tt°/0 
sieh    minderte.      Der    wohlerfahrene    Assistent,    welcher    die    i'hlor- 

hungen  an  der  IL  Klinik  auf  das  strengste  überwachte,  und 
dennoch  eine  Sterblichkeit  im  Jänner  1852  von  10%  und  im  März 
1852  von  187»  hatte,  war  Dr.  Spaeth,  gegenwartig  Professor  der  Ge- 
burtshilfe an  der  k.  k.  Josephs-Akadeniie  in  Wien.  leb  nenne  hier 
Dr.  Spaeth's  Name  nicht  desshalb,  um  ihn  dadurch  zu  verunglimpfen, 
dass  ich  seinen  Namen  mit  einer  grossen  Sterblichkeit  in  Verbindung 
bringe,  sondern  desshalb,  weil  mir  der  Leser  das,  was  ich  von  wohl- 
erfahrenen Assistenten  sagen  werde,  glauben  müsste,  während  er  sich 
überzeugen  kann  von  dem,  was  ich  von  Dr.  Spaeth  erzähle. 

Wer  mit  der  geburtshilflichen  Literatur  vertraut  ist,  wird  wissen 
dass  Dr.  Spaeth  Arbeiten  gemacht,  bei  welchen  er  sich  seine  Hände 
mir  zersetzten  Stullen  verunreinigen  musste;  als  Gegner  meiner  Lehre 
setzte  ich  Zweifel  in  die  strenge  Beaufsichtigung  und  strenge  eigene 
Beobachtung  der  Chlorwaschungen,  dadurch  ist  die  Möglichkeit  von 
Infectionen  gegeben,  und  was  wir  nur  als  möglieb  nachgewiesen,  das 
erzahlt  uns  Chiari  als  wirklich  geschehen.  Nachdem  Chiari  erzählt. 
wie  zweimal  in  der  Prager  Gebärklinik  Ar  Anrate  dadurch  Puerperal- 
Epidemien  ausgebrochen  seien,  dass  die  Genitalien  zweier  Kreissender 
gangraenös  wurden,  sagt  er:  „Und  auch  an  der  hiesigen  Klinik  für 
Hebammen  wurde  in  diesem  Herbste  eine  ähnliche  ReobarliiiniLi  ge- 
macht,   wie    mir    mein    Freund    Dr.  Spaeth    vertraulich    mittheilte. " 

(Seite    1 ;')().    Zeile    9.) 

Wenn  C.  Braun  sagt,  dass  au  der  Hebammeiischule  nicht  leicht 
eine  Leicheninfection  möglich  sei,  so  hat  ihn  Dr.  Zipfel  schon  la&gsl 
gründlich  widerlegt. 

C,  Braun  sagt,  diese  Thatsachen,  nämlich  die  7U,„  der  I.  Klinik 
und  die  12%  der  II.  Klinik  trotz  Chlorwaschungen,  mussten  die 
Hypothese  der  cadaverösen  hifeetion  vollends  erschüttern  und  ihn 
ermahnen,  sich  noch  nach  anderen  astrologischen  Momenten  uinzu- 
sehen.  C  Braun  hat  sieh  umgesehen  und  noch  29  aetiologische  Mo- 
mente des  Kindbett  Hebers  gefunden.  Wir  werden  später  Gelegenheit 
haben  nachzuweisen,  dass  die  Mehrzahl  dieser  Momente  gar  keine 
ätiologischen  Momente  des  Kindbettfiebers  sind,  und  die.  welche 
wirklich  aetiologische  Momente  des  Kindbettfiebers  sind,  sind  es  nur 
dadurch,  dass  durch  selbe  entweder  ein  zersetzter  Stuft  im  ergriffenen 
Individuum  entsteht,  oder  dadurch,  dass  durch  selbe  ein  zersetzter 
Stoff  den  Individuen  von  aussen  eingebracht  wird. 

Diese  Thatsachen  haben  bei  mir  die  Hypothese  der  cadaverösen 
liitectioii  nicht  erschüttert,  im  Gegentheil.  diese  Thatsachen  haben  die 
Hypothese  der  cadaverösen  Infection  bekräftigt,  denn  es  spricht  für 
die  Wahrheit  der  cadaverösen  Infection,  wenn  Gegner  der  cadaverösen 
Infection  eine  grössere  Sterblichkeit  haben,  als  der  Knliehter  der 
cadaverösen  Infection,  denn  die  Gegner  beaufsichtigen  die  Chlor- 
wasebungen  nicht  so  gewissenhaft,  als  der  Erdichter  der  cadaver&sen 

Infection. 

C  Braun  macht  es  mir  zum  Vorwurfe,  dass  ich  mich  meistens 
auf  die  Vergangenheit  stütze,  und  daraus  sehr  kühne  Schlüsse  ziehe. 


398  Semmel  weis'  Abhandinngen  und  Werk  ilber  dag  Kindbettfieber. 

Ich  mache  es  C.  Braun  zum  Vorwurfe,  dass  er  sich  meistens  auf  die 
Gegenwart  stützt,  und  daraus  sehr  falsche  Schlüsse  zieht. 

In  welche  Barbarerei  würde  das  Menschengeschlecht  versinken, 
wenn  die  Vergangenheit  für  folgende  Generationen  verloren  wäre. 
Kann  eine  Generation  die  Schifffahrt  erfinden  und  einen  Great-Eastern 
bauen  ?  wie  viele  Generationen  inussten  sich  abmühen,  bis  man  es  zu 
Locomotiven  brachte,  welche  den  Semmering  befaluvu. 

Doch  bleiben  wir  bei  dem  Puerperalfieber.  C.  Braun  sagt:  „Im 
Wintersemester  184950  trat  wie  gewöhnlich  im  Herbste  das  Puer- 
peralfieber mit  Heftigkeit  auf/  und  aus  dieser  Beobachtung,  die  sich 
auf  die  Gegenwart  stützt,  zieht  er  den  falschen  Schluss.  dass  der 
Winter  dasjenige  sei.  welches  das  Puerperalfieber  erzeuget;  die  Ver- 
gangenheit lehrt,  dass  im  Wiener  Gebärhause  wahrend  2ö  Jahren 
nicht  eine.  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb;  die  Vergangen- 
heit lehrt,  dass  in  England  in  19  Jahren  keine  Wöchnerin  und  in 
L06  fahren  nicht  eine  von  100  Wöchnerinnen  in  den  dortigen  Gebiir- 
häuseni  starb;  ich  stütze  mich  auf  die  Vergangenheit  und  ziehe  daraus 
den  wahren  Schluss,  dass  der  Winter  nicht  das  Kindbettiieber  er- 
zeuget. (.Siehe  Tabelle  Nr.  XV U,  Seite  135  und  Tabelle  Nr.  XXXIV. 
Seite  208.) 

Und  wenn  C.  Braun  desshalb  die  Vergangenheit  nicht  gelten 
lassen  will,  weil  der  Geburtshelfer  nicht  im  Stande  sei.  über  die  Ein- 
flüsse Rechenschaft  abzulegen,  welche  auf  den  Gesundheitszustand 
eines  Gebärhauses  wiihrend  mehrerer  Derennien  eingewirkt  haben 
mögen,  so  habe  ich  diesen  Ausspruch  Carl  Brauns  dadurch  gründlich 
widerlegt,  dass  ich  in  dieser  Schritt  oft  Gelegenheit  hatte  anzugeben. 
welches  die,  Einflüsse  waren,  von  welchen  der  Gesundheitszustand  des 
Wiener  Gebärhauses  während  der  74  Jahre  seines  Bestehens  ab- 
hängig war. 

C.  Braun  möge  sich  nur  erinnern,  wie  viel  er  in  der  Vergangen- 
heit sieh  umgesehen,  als  er  sein  Lehrbuch  der  Geburtshilfe  zusammen- 
getragen. Denn  gewiss,  ich  bin  der  Ueberzeutruiig,  wenn  wir  ans 
diesem  Lehrbuche  alles  das  streichen  würde,  was  Vergangenheit  ist. 
nichts  übrig  bleiben  würde,  als  der  Einband,  als  Prodnct  der  i-^gen- 
wart  Denn  selbst  die  dun  li  ('.  Braun  im  erweiterten  Umfange  ein- 
gefiihrt  i*.  -las  geburtshilfliche  Studium  und  das  geburtshilfliche  Vi 
stftndniflfl  so  sehr  erleichternde  griechische  Terminologie  wurzelt  in 
der  Vergangenheit, 

Meine  Sätze:  Die  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  ist  in  der 
Wiener  Schule,  in  welcher  Aerzte,  die  sich  mit  pathologisch-anato- 
mischen Untersuchungen  beschäftigen,  unterrichtet  werden,  in  dem 
durch  Tabelle  Nr.  I.  repräsent  im  m  Zeiträume  <  «instant  viel  grösser 
als  in  der  Hebammenschule  gewesen. 

Der  Chlorkalk  zerstört  den  zersetzten  Stoff,  und  ist  desshalb  ein 
Schutzmittel  gegen  Pue.rperalproeesse,  sind  durch  die  Angriffe  C.  Brauns 
nicht  erschüttert  worden. 

c)  Das  Hinbringen  von  Jauche  oder  Exsudaten  aus  weiblichen 
oder  männlichen  ( "adavern.  die  von  verschiedenartigsten  Kranken  her- 
rührten, mittelst  Injection  oder  Bepinseln  der  Innenfläche  des  Uterus 
erzeugt  bei  Kaninchen  nach  dem  Wurfe  oftmals  den  Tod  durch  Pyämie; 
manchmal  wirkt  aber  ein  woch^nlanges  Bepinseln  der  puerperalen 
Uterus  Hache   bei  Kaninchen   nicht  schädlich  ein,  die  Thiere  bleiben 


Die  Aeticilogte,  der  Begriff  nur]  die  Pruphvlavis  Sei  Kindbettfiebert.         399 


gesund,  empfangen  bald  nach  dem  Aufhören  des  Experimentes  und 
werfen  wieder  lebendige  Junge. 

All  et  antwortet  t\  Braun:  ..Die  Experimente  an  Thieren  haben 
dargethan,  dass  dnrcft  Injectionen  FOD  Jauche  oder  Bepinseln  des 
l'terns  mit  verschiedenen  Exsudaten  oftmals  Kaninchen  nach  tteifi 
Würfe  getödtet  werden  können,  machmal  aber  auch  nicht,  und  dass 
Pyaemie  bei  den  Sectionen  derselben  oft  nachgewiesen  wurde. 

Bei  diesen  Versuchen,  die  übrigens  in  der  Art  und  Zeit  der 
Ausführung  von  der  beschuldigten  cadaverösen  Infection  der  Se« 
bürenden  sehr  weit  verschieden  sind,  entsteht  die  Frage,  ob  durch 
eine  Misshandlung  der  Thiere  nach  dem  Wurfe  allein  nicht  der  Tod 
und  dieselben  Seetionsresultate  herbeigeführt  werden  können,  da  das 
Einbringen  von  Eiter  manchmal  den  Tod  nicht  herbeiführen  konnte, 
und  da  erfahrene  Thierärzte,  wie  Hayne  u.  a.,  es  bestätigen,  dass  bei 
allen  Hausthieren  Puerperalprocesse  spontan  in  manchen  Zeiten  in 
grösserer  Häufigkeit  vorkommen." 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwidern:  Wenn  Carl  Braun 
zugibt,  dass  die  Section  bei  den  Kaninchen  Pyaemie  nachgewiesen 
hat,  so  hat  er  das  zugegeben,  was  wir  mittelst  dieser  Experimente 
beweisen  wollten,  nämlich,  dass  das  Kindbettlieber  dieselbe  Krankheit 
sei,  welche  überall  dort  entsteht,  wo  ein  zersetzter  Stoff  in  den  Kreis- 
lauf gebracht  wird. 

\\  BS  die  Unälmlichkeit  dieser  Experimente  und  der  cadaverösen 
Infection  der  Gebärenden  anbelangt,  darüber  haben  wir  uns  schon  bei 
Nan/nni  weitläufig  genug  ausgesprochen. 

Die  Frage  C.  Braun's,  ob  denn  durch  die  Misshandlung  der  Thiere 
nach  dem  Wurfe  allein  nicht  der  Tod  und  dieselben  Seetionsresultate 
hervorgerufen  werden  konnten,  beantworten  wir  mit  einem  entschie- 
denen Nein;  die  nicht  an  Pyaemie  zu  Grunde  gegangenen  Thiere 
wurden  noch  mehr  misshandelt  wegen  der  Verzögerung  des  Experi- 
mentes. Der  Leser  erinnert  sieh,  dass  Professor  Hayne  in  den  Ver- 
handlungen der  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien  die  Priorität  meiner 
Ansicht  in  Bezug  auf  die  Thiere  für  sich  in  Anspruch  nahm,  d&98 
wir  aber  eine  Bestätigung  dessen  in  seinen  Schriften  nicht  gefunden. 
Professor  Hayne  sagt  nur,  das  Kindbettfieber  komme  bei  Thieren 
seltener  vor  als  beim  Menschen,  und  findet  den  Grund  des  selteneren 
Vorkommens  darin,  dass  die  Thiere  nicht  so  oft  untersucht  werden 
als  die  Individuen  in  den  Gebaihäuserii.  wo  durch  Uebertragung  des 
Contagiums  die  Krankheit  vervielfältigt  werde.  Hayne  constatirt  also 
ein  selteneres  Vorkommen  dieser  Krankheit  bei  Thieren;  Hayne  lässt 
angeblich  bei  Thieren  diese  Krankheit  so  entstehen*  wie  ich  beim 
Menseben;  und  Carl  Braun  beruft  sich  auf  denselben  Professor  Hayne, 
um  zu  beweisen,  dass  Puerperalprocesse  auch  beim  Thiere  epidemisch 
vorkommen.     Diff'icife  est  Mtyram  non  scrihere. 

Auch  das  Argument,  welches  wir  von  den  Experimenten  an 
Thieren  hergenommen  haben,  hat  Call  Braun  nicht  erschüttert. 

d)  Puerperalh'eber-Epidemien  kommen  nur  in  Gebärhäuserm  und 
nicht  ausserhalb  derselben  vor. 

Ad  d)  erwiedert  Carl  Braun  Folgendes:  „Zu  deutlich  spricht  sich 
die  Geschichte  des  Puerperalfiebers  auch  über  die  Ausbreitung  der 
Puerperalfiebei -Epidemien  über  verschiedene  Länder,  Städte,  Öerter 
des  Bachen  Landes  und  hoher  Gebirge  aus,  so  wie  die  Erfahrung  der 
Gegenwart  jeden  beschäftigteren  Geburtshelfer  diese  gefiirchtete  Krank- 


400 


Saunehraia1  AtbundluHgen  und  Werk  des  Kindbettliebers. 


heit  in  den  verschiedensten  Kreisen  der  Gesellschaft   erblicken  I 
als  das.s  darüber  ein  Zweifel  besteben  könnte. 

Die  statistischen  Kurilen  sind  aber  Ober  die  lethalen  Puerperal- 
processe  bei  Privaten  schwerer  zu  ersculiessen,  weil  die  Todesfälle 
durch  Puerperalprocesse  aus  verschiedenen  Gründen  unter  andern 
Namen,  wie:  NervennVber.  Typhös,  Lungenlähmung  u.  s.  w.  in  den 
durch  Zeitungen  veröffentlichten  Sterbelisten  von  den  Aerzten  aus- 
gewiesen werden,  und  weil  in  manchen  Ländern,  wie  auch  in  Oesi>  r- 
reich  durch  eine  humane  Gesetzgebung  es  verboten  ist,  die  durch  das 
Wochenbett  und  andere  Frauenkrankheiten,  wie  Carcinom  etc.,  er- 
folgten Sterbefalle  mit  den  Namen  ihrer  Krankheiten  öffentlich  zu 
bezeichnen/ 

Nachdem  Carl  Braun  es  früher  so  entschieden  getadelt,  dass  ich 
mi«  h  auf  die  Vergangenheit  stütze,  und  er  selbst  sich  aber  jetzt  auf 
die  Geschichte  des  Puerperalfiebers  beruft,  so  bin  ich  in  der  grössten 
Verlegenbett,  d;i  ich  nicht  weiss,  ob  Carl  Braun  sich  eines  Wider- 
spruches si  huldig;  machte,  oder  ob  er  vielleicht  der  Ueberzeuguug  i>t, 
dass  die  Beschichte  des  Kindbettfiebers  von  der  Zukunft  d*'s  Pue-rpi 
fiebers  handelt.  Doch  wir  wollen  dieses  Zweifel  ungelöst  lassen,  da 
wir  wichtigere  Zweifel  ZU  lösen  haben.  Ich  bin  mit,  Carl  Braun  voll- 
kommen einverstanden,  dass  Puerperalfieber-Epideniieu  über  ver- 
schiedene L&ader,  Städte,  Dörfer  des  flachen  Landes  und  hoher  Ge- 
birge ausgebreitet  vorkommen,  dass  man  Puerperalfieber  in  den  ver- 
schiedensten Kreisen  der  Gesellschaft  erblickt  und  wie  denn  nicht  J 
Carl  Braun  bildet  jährlich  150  bis  200  Geburtshelfer,  und  wie  gründ- 
lich die  Schüler  C.  Braun's  das  Puerperalfieber  m  perhüten  verstehen, 
das  beweisen  die  in  sechs  Jahren  vorgekommenen  HOT  verhütbaren 
Infectionsfälle  von  aussen.  Das  beweisen  die  717  verbütbaren  In- 
tel -t ionstalle  von  aussen,  welche  während  der  vierjährigen  Assistenz 
Gustav  Braun's.  ( 'arl  Braun's  Schüler,  vorgekommen  sind.  Dr.  Spaeth 
bildete  an  der  Hebamniensehule  jährlich  260  bis  300  Hebammen,  und 
wie  gründlich  die  Schülerinnen  Dr.  spaeth's  das  Puerperalfieber  zu 
verhüten  verstehen,  das  beweiset  die  I2°/fl  Sterblichkeit  im  Monate 
März  1852.  Dr.  Spaeth  theilt  wohl  seinem  Freunde  Chiari  vertrau- 
lich  mit.  wie  das  Puerperalfieber  entsteht;  aber  was  mau  einem  Freunde 
vertraulich  mittheilt,  das  theilt  man  doch  Schülerinnen  nicht  mit. 

So  werden  Infectoren  gebildet  für  verschiedene  Lffnder.  Städte. 
Dfirfer  des  flachen  Landes.  für  hohe  Gebirge,  für  die  verschiedenen 
Kreise  der  Ge Seilschaft. 

lieber  die  Puerperal-Epidemien.  welche  ausserhalb  der  Gebär- 
häuser  vorkommen,  haben  wir  uns  in  dieser  Schrift  an  betrett'endei 
Stelle  ausgesprochen.     (Siehe  Seite  209.  Zeile  9.) 

Auch  das  Argument,    welches  wir  für   unsere  Ansicht   ans 
Verschiedenheit  der  Puerperalfieber-Epidemien  in-  und  ausserhalb  der 
Gebärhauser  genommen,  hat  Carl   Braun  nicht  erschüttert. 

ei  Die  Jahreszeiten  üben  keinen  Einfluss  auf  die  Entstehung  des 
Puerperalfiebers. 

Ad  e)  erwiedert  Carl  Braun  Folgenden:  „Die  JabreazeiteB  und 
die  damit  eintretenden  Luealverhültnisse  üben  nicht  den  wesent- 
lichsten, aber  einen  doch  nicht  unbedentenden  Einfluss  auf  die 
Pnerperalprocease  aus.  in  Wien  weiset  der  Wintersemester  niemals 
so  günstige  Eeeultate  wie  der  Sommersemester  aus.  und  au  anderen 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  dea  Kindbettfiebeni.        401 


n  und  in  fremden  Gebärhäusern  macht  man  häufig  dieselbe  Be- 
obachtung." 

Dass  die  Jahreszeiten  keinen  Kinfluss  haben  auf  die  Entstehung 
des  Kindbettfiebers,  das  beweisen  Tabelle  Nr.  II.  Seite  104  und  Tabelle 
Nr.  XIX,  Seite  171.  Aus  dieser  Tabelle  ersieht  der  Leser,  dass  in 
jedem  Monate  des  Jahres  eine  kleine,  und  in  jedem  Monate  des 
Jahres  eine  grosse  Sterblichkeit  vorgekommen  sei. 

Wenn  Carl  Braun  sagt,  dass  in  Wien  der  Wintersemester  niemals 
so  giinstige  Resultate  wie  der  Sommersemester  ausweise,  so  zeugt 
das  von  dem  ungeheuren  Leichtsinn,  mit  welchem  C.  Braun  ins 
Blaue  hineinschreibt:  eine  Einsicht  in  die  Almiatsrapporte  des  Wiener 
Gebärhauses  würde  ihm  gezeigt  haben,  dass  allerdings  in  den  Winter- 
monaten  häutiger  ein  schlechter  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen 
und  seltener  ein  guter,  in  den  Sommermonaten  aber  häutiger  ein  guter 
und  seltener  ein  schlechter  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  zu 
beobachten  war.  Aber  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  war 
manchmal  in  Wintermonaten  ein  ausgezeichnet  guter,  und  manchmal 
in  den  .Sommermonaten  ein  sehr  schlechter,  wie  die  Tabellen  Nr.  XLIV, 
Seite  240,  und  Nr.  XLV,  Seite  241  beweisen. 

Warum  in  den  Wintermonaten  häutiger  ein  schlechter  und  seltener 
ein  guter,  in  den  Sommermonaten  häufiger  ein  guter  und  seltener  ein 
schlechter  tiesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  zu  beobachten  war. 
darüber  wolle  der  Leser  Seite  170  nachlesen. 

Audi  das  Argument,  welches  wir  zur  Begründung  unserer  Ansicht 
Yim  den  Jahreszeiten  genommen,  hat  Carl  Braun  nicht  erselmltert. 

I  i  Hei  sogenannten  Gassengeburten  kommt  das  Puerperalfieber 
seltener  vor. 

Ad  ft  „Die  in  Wien  sogenannten  Gassengeborten  erkranken  nicht 
häufiger  an  Puerperalfieber  als  diejenigen,  welche  Monate  lang  vor 
der  Entbindung  im  Gebärhause  zubringen.  Zur  Aufklärung  darüber 
dürfte  es  aber  dienen,  dass  zu  dieser  Kategone  Personen  gezählt 
werden,  die  entweder  wirklich  auf  der  Strasse  von  Wehen  iiberrasrhi. 
werden,  und  meistens  Frühgeburten  erleiden,  worauf  ohnedies  auch 
bei  deu  im  Gebärhaus  Verpflegten  viel  seltener  Poerperalprocesee  zu 
folgen  pflegen,  oder  solche,  die  unter  besseren  Vermögensumständen 
rieh  befinden,  in  den  geheimen  i'nhincten  bei  Hebammen  ausserhalb 
des  Gebärhauses  gebären,  hierauf  sich  mittelst  einer  Dsieechfl  oder 
Tragbahrein  die  Grat  isabtheilung  überbringen  lassen,  um  eine  unent- 
geltliche Aufnahme  und  lebenslängliche  Verpflegung  ihres  Kindes  im 
k.  k.  Findelhause  mit  Geheimhaltung  ihres  ZuStandes  SU  veranlassen, 
und  um  der  Verwendung  zum  Unterrichte  sich  dadurch  gleichzeitig 
zu  entziehen.  Die  Zahl  der  letzteren  ist  die  höhere,  übersteigt  monat- 
lich an  beiden  Kliniken  nicht  selten  die  Zahl  von  hundert." 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwiedern :  Der  Leser  erinnert 
Sich,   dass  es   uns    iii.-ln  tet   wurde,    nachträglich    die  Protoeolle 

zu  excerpiren,  um  durch  Zahlen  zu  beweisen,  dass  die  Gassengebnrten 
autfallend  seltener  erkrankten  als  diejenigen,,  welche  bei  uns  geb 
i  ;ii  1  Braun,  welcher  nahezu  fünf  Jahre  Assistent  war,  hatte  Gelegen- 
heit gehabt,  diese  Zahlen  zu  erheben,  er  hat  es  nicht  geChan  und 
begnügt  sich  zu  sagen,  die  Gasseimeburten  erkrankten  nicht  häufiger 
als  diejenigen,  welche  Monate  lang  vor  der  Entbindung  im  Gebär- 
hause  zubrachten;  die  Gassengeburten  erleiden  meistens  Frühgeburten, 
worauf  ohnediess  auch  bei  den  im  Gebärhause  Verpflegten  viel  seltener 

Semmelweis'  gesammelte  Werk«.  -'' 


402 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettheber. 


Puerperalprocesse  zu  folgen  pflegen.  Gassen geborten  erleiden  meistens 
Frühgeburten  'ist  aeqnale),  in  Wien  weiset  der  Wintersemester  niemals 
sn  günstige  Resultate  wie  der  Soinnierseinester  aus,  ausgenommen 
C.  Braun  versteht  unter  Frühgeburten  die  wirklichen  Gassengeburten, 
welche,  wenn  eine  halbe  Stunde  später  eingetreten,  im  Gebiirhaiise. 
vor  sich  gegangen  wären. 

lieber  Gassengeburten  siehe  Seite  124,  Zeile  28  und  .Seite  l :■','.} , 
Zeile  29. 

Heber  Frühgeburten  siehe  Seite  126,  Zeüe  4  und  Seite  189,  Zeile  13 
von  unten. 

Auch  das  Argument,  weh  lies  wir  zur  Begründung  unserer  Lehre 
den  Gassengeburten  entnommen,  hat  Carl  Braun  nicht  erschüttert. 

g)  Mutlmiasslich  kommen  in  allen  Gebäranstalten,  in  welchen 
Hebammen  unterrichtet  werden,  und  wo  eine  cadaveröse  Jnfection 
nicht  leicht  möglich  ist,  weniger  Sterbefälle  vor  als  in  jenen,  in 
welchen  Aerzte  unterrichtet  werden. 

Ad  g)  erwiedert  Carl  Braun:  ..Auch  die  Frage,  ob  denn  wirklh-ii 
die  ausgedehnteste  Gebäranstalt  in  der  Welt,  in  welcher 
Wöchnerinnen  sammt  ihren  Kindern  bis  jetzt  eine  ganz  unentgeltliche 
Versorgung  vom  Staute  genossen  haben,  an  einer  ganz  ungewöhn- 
lichen Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  leide,  müssen  wir  verneint  nl 
beantworten. 

An  der  Wiener  Gratisabtheilung,  welche  wegen  Puerperalfieber- 
Epidemien  niemals  geschlossen  wurde,  wie  es  sonst  in  allen  angeführten 
fremden  Gebärhäusern  durch  Monate  lang  Öfters  geschah   betrügt  das 
Miirtalilätsprocent  im  Durchschnitte  3,3  (an  der  Schule  für  Aerzti 
an   der  Schule  für   Hebammen  3„),   zu    Paris   in   der   Mnternit«'-. 
keinem  Studirenden  der  Zutritt  erlaubt  ist,  4,,,  in  Dubois'  Klinik 
im  Hospital   Beaujou,  wo  gar  kein  Unterricht  er th eilt   wird.    I 
Die  brittisrheu  Gebä]  weisen  geringere,  die  deutschen  ein  ähn- 

liches, die  scanilinavisehen  Gebärhäuser  ein  höheres  Mort  all  tat  BprO 
aus,    und  zwar  ohne  Unterschied,   ob  Aerzte  oder  Hebammen   um  er- 
richtet  werden,  wie   wir  im   stilistischen    Theile  nachzuweisen    ver- 
suchten. 

Bedenkt  mau  ferner,  dass  die  Wiener  Klinik  für  Aerzte  nicht 
blos  die  lethalen  Poerperalprocesse,  sondern  auch  die  acuten  Leiden, 
wie:    Eclampsie,    Pneumonie,   Meningitis.   Apoplexie   etc.    die    zum 
Studium  für  Männer  von  Wichtigkeit  sind,  ausweiset,  dass  imbedingt 
alle    Ankömmlinge,    auch    die    ans    dem     Krankenhause    entlassenen 
siechen  Schwangern  aufgenommen  werden  müssen,   dass  die  Zahl  der 
Aufnahmstage    um    52    bis    70   jährlich    hier    höher    ist    als    an    der 
Hebammenschule,  während  alle  verunglückten  Geburtsfälle  der  Residenz 
und  Umgebung  aus  der  ärmsten  Volksciasse  den  Gratisabtheilnneeo 
zugeschoben   weiden,  dass  Transferirungeu  von  Puerperaltieberkiankiii 
in  der  Regel  nicht  stattfinden,  dass  im  Wintersemester,   der  Zeil 
Epidemien,  die  T.  Gebärklinik  monatlich  oft  um  100— 200  Geburt >■ 
mein    aufnehmen  musste  als  die  IL  Klinik,  während  im  Sommer,    der 
Zeit  des  besseren  Gesundheitszustandes,  aber  beide  Kliniken  diese]' 
die  Klinik  der  Aerzte  ja  zuweilen   sogar  noch  geringere  Ziffern 
GeburTsfälle  in  den  monatlichen  Rapporten  ausweiset  als  die  Hebammen- 
schule,    wie  aus   Tabelle   Nr.    XVII   zu    ersehen   ist,   dass    gefährlich 
verlaufende  Gebnrtsfälle  behufs   eines  erfolgreichen  Unterrichtes   für 
Doctoren   auf  die  1.  Gebärklinik  nach   Möglichkeit  gesogen   worden 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  \ind  die  Prophylaxis  des  Kiodbetttiebers.        403 


und  werden,  dass  keine  spontane  Ventilation  beim  Oeffnen  der  Tliüren, 
wegen  der  Bauverhältnisse  an  der  Klinik  für  Aerzte  stattfindet,  dass 
diese  Abtheilung  bis  zum  Jahre  1849  viel  näher  an  die  Kraukensäle 
des  jährlich  über  20,000  Patienten  verpflegenden  Krankenhauses 
gränzte,  so  lässt  sich  daraus  an  der  Schule  für  Aerzte  ganz  unge- 
zwungen eiue  um  einige  Procent  höhere  Differenzzahl  der  Mortalii 
listen  erklären,  ohne  zu  der  des  direkten  Beweises  entbehrenden,  auf 
Vermutbnngen  basirten  Hypothese  der  cadaverösen  Infection  flüchten 
zu  müssen. 

Wir  können  daher  keine  zur  Begründung  der  Hypothese  der 
cadaverösen  Infection  vorgebrachte  These  nach  den  im  Wiener  Gebär- 
hause  gemachten  Beobachtungen  in  ihrem  ganzen  Umfange  bestätigen, 
wir  können  die  Beschäftigungen  am  Cadaver  durchaus  nicht  als  eine 
vorzügliche  Ursache  von  PuerperalhVber-Kpidemien  in  Gebärhänsern 
beschuldigen;  wir  würden  es  aber  für  die  grösste  Vermessenheit 
halten,  mit  Händen,  die  selbst  nur  nach  der  emsigsten  Reinigung 
einen  Leichengeruch  bemerken  lassen,  eine  Untersuchung  oder  Operation 
bei  einer  Schwangeren,  Gebärenden  oder  Wöchnerin  zu  erlauben  oder 
selbst  vorzunehmen." 

Hierauf  haben  wir  Folgendes  zu  erwiedern:  Um  aus  unserm 
Thema:  „muthmasslich  kommen  in  allen  Gebärhäusern.  in  welchen 
Hebammen  unterrichtet  werden,  und  wo  eine  cadaveröse  Infection 
nicht  leicht  möglich  ist,  weniger  Sterbefälle  vor  als  in  jenen,  in 
welchen  Aerzte  unterrichtet  werden",  die  Frage  heraus  zu  lesen:  ob 
denn  wirklich  die  ausgedehnteste,  Gebäranstalt  der  Welt  an  einer 
ganz  ungewöhnlichen  Sterblichkeit  leide?  Dazu  gehört  ein  .Scharf- 
sinn, wie  er  nur  Carl  Braun  eigen  zu  sein  seheint.  Wenn  Carl 
Braun  dafür  in  die  Schranken  trat  dass  das  Wiener  Gebärhaus  an 
keiner  ganz  ungewöhnlichen  Sterblichkeit  leide,  so  hat  er  an  mir 
einen  Kampfgenossen;  wir  selbst  haben  mit  Entrüstung  die  Virchow- 
Veitsche  Beschuldigung  einer  erschreckenden  Sterblichkeit  des  Wiener 
Gebärhauses  zurückgewiesen;  die  Sterblichkeit  des  Wiener  Gebär - 
hauses  ist  nicht  grösser  als  in  allen  Gebärhäusern,  in  welchen  ähn- 
liche Verhältnisse  herrschen,  und  wenn  in  Gebärhäusern,  in  welchen 
ähnliche  Verhältnisse  herrschen,  weniger  Wöchnerinnen  sterben  als 
im  Wiener  Gebärhause,  so  liegt  der  Gtond  darin,  dass  solche  Gebär- 
luiuser  wegen  grosser  Sterblichkeit  oft  Monate  lang  geschlossen  sind, 
was  in  Wien  nie  geschah,  und  darin,  dass  jede  Wöchnerin,  sobald  sie 
verdächtig  wird,  in  ein  Krankenhaus  transportirt  wird,  während  solche 
Transferirungen  in  Wien  immer  nur  ausnahmsweise  geschahen. 

Wenn  aber  Carl  Braun  Umstände  anführt,  welche  das  Plus  der 
Sterblichkeit  an  der  Klinik  für  Aerzte  zu  Wien  im  Vergleiche  zur 
Klinik  für  Hebammen  erklären  sollen,  ohne  zu  der  jeden  directen 
Beweises  entbehrenden,  auf  Vemmthungen  basirten  Hypothesen  der 
cadaverösen  Infection  flüchten  zu  müssen,  so  findet  er  in  uns  den  ent- 
schiedensten Gegner.  Der  Leser  weiss,  dass  die  beiden  Wiener  Gebär- 
kliniken seit  18Ü3,  also  bis  zum  Jahre  1859  durch  26  Jahre  neben 
einander  bestehen,  dass  in  den  ersten  8  .fahren  ihres  Bestehens  bis 
zum  Jahre  1841  ilie  Grösse  der  relativen  Sterblichkeit  zwischen  beiden 
Abtheilungen  schwankte,  und  dass  die  durchschnittliche  Sterblichkeit 
beider  Abheilungen  fast  gleich  war.  In  den  nächstfolgenden  6  Jahren 
bis  zum  Jahre  1847  war  die  absolute  und  die  relative  Sterblichkeit 
an  der  I.  Klinik  constant  grösser,  und  die  durchschnittliche  Sterblich- 

20* 


404 


Semmelweiä1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  KindbettÜeber. 


keit   war   an  der  I.  Klinik   mehr  als   dreimal   so  gross  als  an   der 
IL  Klinik. 

In  den  letzten  12  Jahren  von  1847  bis  1869  schwankte  die  Gtefioe 
der  absoluten  und  relativen  Sterblichkeit,  zwischen  beiden  Kliniken, 
und  die  durchschnittliche  »Sterblichkeit  war  an  beiden  Kliniken  bei- 
nahe gleich. 

Die  Dienstzeit  Carl  Brauns,  während  welcher  er  die  ungünstigen 
Umstände  der  I.  Klinik  kennen  lernte,  und  welchen  er,  und  nicht  der 
cadaverösen  Infection  das  Plus  der  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  zu- 
schreibt, fällt  in  die  Jahre  1849,  1850,  1851,  1852  und  185B,  also  in 
eine  Zeit,  wo  die  absolute  und  die  relative.  Sterblichkeit  /wischen 
beiden  Abtheilungen  schwankte,  wo  die  durchschnittliche  Sterblichkeit 
der  beiden  Abteilungen  fast  gleich  war;  wenn  daher  diese  ungünstigen 
Umstände  während  der  fünfjährigen  Dienstzeit  Carl  Braun's  nicht  nur 
keine  constant  grössere  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  hervorbringen 
konnten,  wenn  sogar  trotz  dieser  ungünstigen  Umstände  sogar  die 
absolute  Sterblichkeit  an  der  IL  Klinik  im  Jahre  1851  mit  46.  im 
Jahre  1852  mit  11  Todten  grösser  sein  konnte  als  an  der  I.  Klinik 
ist  mit  mathematischer  öewissheit  bewiesen,  dass  diese  Ungunst  igen 
Umstände  die  dreimal  grössere  Sterblichkeit  der  6  Jahre,  nämlich 
vom  Jahre  1841  bis  1847.  auch  nicht  hervorgebracht  haben. 

Wir  könnten  uns  daher  die  Mühe  ersparen,  in  eine  Widerlegung 
dieser  ungünstigen  Imstande  einzugehen;  aber  wir  würden  uns  dadurch 
eine  Gelegenheit  entgehen  lassen,  dem  Leser  zu  zeigen,  mit  welch" 
ungeheuerem  Leichtsinne  Carl  Braun  in  der  Opposition  gegen  meine 
Lehre  vorgegangen. 

Carl  Braun  sagt:  Die  Klinik  für  Aerzte  weiset  aus:  lethale 
Puerperalprocesse,  Eclampsie,  Pneumonie,  Meningitis,  Apoplexie  etc., 
dieselben  Krankheiten  weiset  auch  die  IL  Klinik  aus. 

Dass  unbedingt  alle  Ankömmlinge,  auch  die  aus  dem  Kranken- 
hause  entlassenen  siechen  Schwangeren,  auf  der  1.  Klinik  aufgenommen 
werden  müssen.  Wenn  die  Aufnahme  an  der  IL  Klinik  stattfindet, 
werden  auch  auf  der  II.  Klinik  unbedingt  alle  Ankömmlinge,  und 
auch  die  aus  dem  Krankenhause  entlassenen  siechen  Schwangeren 
aufgenommen.  Dass  die  Zahl  der  Aufnahmstage  um  52  bis  70  jähr- 
lich höher  ist  an  der  I.  Klinik  als  an  der  IL  Klinik. 

Die  I.  Klinik  hat  gesetzlich  wöchentlich  einen  Aufnahmstag, 
folglich  jährlich  52  Aufnahmstage  mehr;  ich  frage,  welche  Klinik 
war  mehr  überfüllt,  die  II.  Klinik,  welche,  obwohl  seihe  52  Aufnahms- 
tage weniger  hatte,  dennoch  18  mal  die  Aufnahme  nicht  übernehmen 
konnte?  oder  die  I.  Klinik,  welche  trotz  der  52  Aufnahmstage  mehr, 
dennoch  18  mal  die  Aufnahme  behalten  konnte,  weil  die  IL  Klinik 
wegen  Ueberfüllung  die  Aufnahme  nicht  übernehmen  konnte. 

Werden  alle  verunglückten  Geburtsialle  der  Residenz  und  Um- 
gebung den  Gratisabtheilungen  zugeschoben?  Das  bedingt  dann 
wenigstens  keinen  Unterschied  in  der  Sterblichkeit  der  beiden  Gratis- 
abtheilungen. Zur  Ehrenrettung  der  beiden  Gratisabtheilungen  als 
Unterrichtsanstalten  theile  ich  dem  Leser  mit,  dass  wählend  meines 
fünfjährigen  Aufenthaltes  an  der  I.  Klinik  dieser  nur  ein  venm 
gl  tickt  er  Oeburtsfall,  nämlich  eine  vernachlässigte  Querlage,  zuge- 
schoben würde, 

Transferirungen  von  Puerperal  fieberkranken  finden   in  der  Regel 
an  beiden  Abtheilungen  nicht  statt. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        405 


*,£ 


Eh  S         **  **  ^ 


|.ls  8SS888SSSSSSSSSSBg385SSSeSa 


3  a 
«  S: 


tf 


0       P^        *,0?fl>r,*C,<??-"*     a 

•    t 


,      „      „      _      .  _      _      ..       _  .»     o     •     ©     •»•••••«•••«^     — 

's    ^  eri  ^'  ^'  ©  ^ "^  i^  ^'  ctf  *  Ö  oö  »o  c<i  "*  ""»•  »o  cä  »Q  ö  ©i  c*i  '*  »■*  '-' 


tarf  5       HAH  W    H    H    N    «  »■*  ©I*-«  r*    r*    T*  C*  «■* 


SS  Ö 

:*    j?  3  <n  (n 

a     0 


fc. 

£ 

4) 

8 

2 
s 
5 

s 

2 

=2 

S 

o 

> 

.^ 

S 

*M 

p«    JS 

3  2 

£ 

«<  »5 

3 

•-s 

Q 

B 

*    o    o    o 
«  O  O  O 

*> 

03 

w    o'iOMdf'Wcc^red-'biöNd'-N'-OHOHr'-oo 


•2 

•O      «iOOS1'Q-<N!Cffi9JiO-'C>e5NiOOO>OCOtC-(8'l,1lN- 

5  ©J  35  •—  *■*  ^h  »-h  »— 

E-» 


s    ^^«HiHinS5c5mmmnci5'iin«ci5neo«§)M5''*,NN 


a 

5 


8§g£883§g&&gg3$g£S£g&g3|§3| 
•   -^   '   '   's-   '   "  J   'I   "  •»  ^   "^   '  -S   "   '  *;  ^  m  -I 

t»    SJ  es    es    fc.        *S        'S    im    ee    s         a         =  .   S   S   v    S 

j  s  |  'jjagssjijjSsElsi:!:    II I S 


406 


Seramelweift'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettrieber. 


38  im  Wintersemester,  der  Zeit  der  Epidemien,  die  I.  Gebär- 
klinik monatlich  oft  um  100  bis  200  Geburtsfälle  mehr  aufnehmen 
muss  als  die  IL  Klinik,  während   im  Sommer,  der  Zeit  des  besseren 

indheitszustandes,  aber  beide  Kliniken  dieselben,  die  Klinik  für 
Aerzte  ja  zuweilen  sogar  noch  geringere  Ziffern  der  Geburtsfälle  in 
den  monatlichen  Rapporten  ausweiset  als  die  Hebammenschule,  ist 
ans  Tabelle  \r.  XVII  zu  ersehen. 

Die  Tabelle  Nr.  XVII,  auf  welche  sich  Carl  Braun  beruft,  um 
mitreist  Zahlen  zu  beweisen,  dass  im  Wintersemester]  der  Zeit  der 
Epidemien,  die  I.  Klinik  monatlich  oft  um  100—200  Geburtst'älle 
mehr  aufnehmen  muss  als  die  II.  Klinik,  während  im  Sommer,  der 
Zeit  des  besseren  Gesundheitszustandes,  aber  beide  Kliniken  dieselben, 
die  Klinik  für  Aerzte  ja  zuweilen  sogar  noch  geringere  Zittern  der 
Geburtsfälle  in  den  monatliehen  Rapporten  ausweiset,  als  die  Heb- 
amroensehule»  enthält  die  Monatsrapporte  beider  Kliniken  aus  den 
Jahren  1849,  1850,  1851  und  1852,  also  die  Rapporte  von  48  Monat  ea 

Innerhalb  dieser  48  Monate  war  während  43  Monaten  die  An- 
zahl der  verpflegten  Wöchnerinnen  grösser  an  der  I.  Klinik,  und 
während  5  Monaten  war  die  Anzahl  der  verpflegten  Wöchnerinnen 
grösser  an  der  IL  Klinik.  Während  der  43  Monate,  in  welchen  an 
der  I.  Klinik  mehr  Wöehnerinnen  verpflegt  wurden,  war  in  2fi  Monaten 
die  absolute  Sterblichkeit  kleiner  als  an  der  IL  Klinik,  in  welcher 
weniger  Wöchnerinnen  verpflegt  wurden. 

In  diesen  2ü  Monaten  sind  mit  Ausnahme  des  August  alle  Monate 
vertreten,  und  zwar  der  Jänner  3r  der  Februar  3,  März  2,  April  2, 
Mai  2,  Juni  2,  Juli  2.  September  2,  Oetober  4?  November  1,  l»e- 
eember  3  mal. 

Innerhalb  dieser  43  Monate,  in  welchen  an  der  I.  Klinik  mehr 
Wöchnerinnen  verpflegt  wurden  als  an  der  II.  Klinik,  war  die  relative 
Sterblichkeit  in  29  Monaten  an  der  L  Klinik  kleiner  als  an  der 
IL  Klinik. 


Klinik  für  Aerzte. 


Klinik  für  Hebftin in eu. 


Oflbart 

MoTl.-PrcL 

Gp.hurt 

Todte 

M'.Lt.- 

p.-ll 

Geburt, 
wen. 

gering  relative 
.Sli-rblieht.  um 

April.  .  .  1851     889 
Mai.  .  .  .  1852    388 
Hfi,t.M.iberl849    281 

7 

18 

2 

U 

5,0 

0-7 

302 
248 

6 

18 

2 

u 

5,, 

87 
86 
83 

In  diesen  29  Monaten   sind  mit  Ausnahme  des  August  verti 
alle  Monate,  und  zwar  Jänner  3,  Februar  8,  März  2,  April  3,  Mai  3, 
Juni  2.  Juli  2.  September  3,  Oetober  4,  November  1.  December  3  mal. 

Diese  2  Tabellen  zeigen  uns  16  Monate  des  Wintersemesters  dt  i 
Zeit  der  Epidemien,  wo  an  der  I.  Klinik  bei  bis  138  Plus  verpflegten 
Wöchnerinnen  die  Sterblichkeit  kleiner  war  als  an  der  IL  Kli 
Diese  2  Tabellen  zeigen  uns  gleichzeitig  13  Sommermonate,  die  Zeit 
des  besseren  üeMnidheitszustaudrs,  wo  an  «1er  IL  Klinik  bei  bis  154 
weniger  verpflegten  Wöchnerinnen  die  Sterblichkeit  grosser  war  als 
an  der  I.  Klinik. 

Nur  in  14  Monaten  war  an  der  I.  Klinik  bei  einer  grösseren  An- 
zahl verpflegter  Wöchnerinnen  auch  eine  grössere  Sterblichkeit. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        407 


Klinik  für  Aerzte. 


März   .    . 

1846    Geburten  4«HJ, 

Todte 

20, 

Mort.-Prct 

4.« 

Juli     .    . 

1&V2 

,        357, 

in. 

|p 

4.4 

Jänner 

. 

1850 

„ 

1  • 

14. 

P| 

3„ 

Beptembe* 

1852 

r, 

11. 

n 

3.o 

Februar    . 

p, 

•' 

15, 

v 

4-, 

Ml»    .     . 

1850 

Min 

»' 

17, 

n 

November 

1850 

329, 

pi 

9. 

r? 

-'.. 

April  .     . 

1850 

819, 

8, 

■  . 

". 

December 

1849 

,.        891, 

ii 

lt 

Anglist    . 

1851 

,        386, 

9, 

»1 

2-: 

Augu-t 

ISO.' 

321, 

., 

22, 

ii 

6., 

.N.vtmber 

1849 

890, 

.. 

16, 

PI 

5., 

Juni     .     . 

1850 

26Ö, 

ii 

2, 

"; 

JnJi     .    . 

1849 

„      an, 

»i 

3, 

»i 

1, 

Klinik  für  Hebammen. 

Geburten 

Todte    Hort.-Pret. 

Gebrt.  wen 

f,  Tod« 

1849 

311 

13 

4.1 

;»;> 

7 

■Ulli 

1852 

2M 

11 

4-, 

94 

5 

JlODBT    

1851) 

275 

3 

l.o 

81 

11 

Septembei  .... 

Februar      .... 

1862 

283 

4 

1.4 

S9 

7 

1850 

'272 

7 

25 

74 

8 

Mär« 

l  SS  1 

m  | 

8 

*., 

m 

9 

.November  .... 

1850 

888 

4 

1., 

47 

5 

1850 

272 

! 

47 

) 

December  .    .    ,    . 

IM'.i 

246 

2 

". 

46 

11 

Anbist 

1851 

287 

1 

ü 

5 

Angibt 

1862 

282 

h 

1-7 

89 

17 

N.ivr-mher  ,     .     .     , 

1849 

254 

3 

L| 

88 

13 

Juni  ...... 

1850 

146 

1 

">. 

23 

1 

Juli 

184 

D 

269 

1 

o3 

2 

2 

Mit.  Ausnahme  des  Mai  und  October  sind  vertreten  der  Jänner  1. 
Februar  1,  März  2,  April  1,  Juni  1,  .Tiili  g,  August  2,  September  i, 
N&vemtter  -!.  December  1. 

I  tase  Tabelle  zeigt  uns  7  Monate  des  Wintersemester,  der  Zeit 
der  Epidemie,  in  welchen  bei  bis  96  Plus  verpflegten  Wöchnerinnen 
gleichzeitig  eine  grössere  Sterblichkeit  herrschte  an  der  I.  Klinik  als 
im  der  II.  Klinik. 

Ich  erlaube  mir  «lit*  Frage,  mit  welchem  Rechte  kann  man  die 
grossere  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik,  während  dieser  7  Monate  des 
\\ 'mier.semesters,  der  Zeit  der  Epidemien,  dem  Plus  95  verpflegten 
WOchnerinnen  zuschreiben?  wenn  in  16  Monaten  des  Wintersemesters, 
der  Zeit  der  Epidemien,  bei  138  Plus  verpflegten  Wöchnerinen  die 
Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  kleiner  sein  konnte  als  an  der 
IL  Klinik. 

1  liese  Tabelle  zeigt  uns  gleichzeitig  7  .Sommermonate,  der  Zeit 
des  besseren  Gesundheitszustandes,  wo  aber  an  der  11.  Klinik  weder 
gleich  viel,  noch  mehr,  sondern  bis  '.M  weniger  Wörlmerinnen  ver- 
pflegt wurden. 

In  ä  Monaten  war  die  Anzahl  der  verpflegten  Wöchnerinnen  an 
der  II.  Klinik  grosses   als  an  der  I.  Klinik. 


November 
August  . 
Augast  . 


Klinik  für  Aerzte. 

1862    Geburten  228,  Todte  14,  Murt.-Prct.  4,. 

18511          „                       ..         1.  „            ", 

184!i          „         224,      „        6,  „           2.,. 

1850          ,,          308,       .,         1,  o 

1848         „                    ..6,  L, 


408 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kitidbettneber. 


November 
August  . 
Aug-nst  . 
Mai  .  . 
Juni    .    . 


Klinik  für  Hebammen. 
Geburten    Todte    Mmt   Irt     Qablirtefl  mehr    Todte  wenig. 


1852 

265 

13 

4.» 

37 

1 

1860 

L'rfll 

1 

Ol, 

20 

1 

lHlil 

229 

4 

1-7 

5 

2 

1850 

aia 

1 

o.« 

4 

^K-i.-h 

1849 

307 

6 

U 

3 

gleich 

Aber,  oh  Schicksal!  die  I.  Klinik  hatte  bei  weniger  Geburten  im 
Sommer,  der  Zeit  des  besseren  Gesundheitszustandes,  zweimal 
grössere  und  zweimal  eine  gleiche  Sterblichkeit  im  Vergleiche  zur 
IL  Klinik,  und  nochmals,  oh  Schicksal!  es  findet  sieh  unter  diesen 
5  Monaten  auch  ein  Monat  des  Wintersemesters  der  Zeit  der  Epi- 
demien, wo  die  I.  Klinik  bei  37  weniger  verpflegten  Wöchnerinnen 
ein*'  Todte  mehr  hatte  als  die  II.  Klinik. 

..Dass  gefährlich  verlaufende  Geburt  stalle,  behufs  eines  erf 
reichen  Unterrichtes  für  Doctoren  auf  der  I.  Klinik  nach  Möglichkeit 
gezogen  wurden  und  werden. "  Ist  wahrend  der  5  .fahre,  als  ich 
der  I.  Klinik  war,  nie  geschehen  und  wenn  es  unter  Braun  geschehen 
ißt,  so  hat  das  an  der  L  Klinik  keine  grössere  Sterblichkeit  bedingt, 
weil  im  Jahre  1851  mit  46  und  im  Jahre  1852  mit  11  Trotten  die 
Sinnlichkeit  an  der  IL  Klinik  grösser  war. 

„Dass  keine  spontane  Ventilation  beim  Üeffnen  der  Thüren  wegen 
der  Bauverhältnisse  an  der  Klinik  für  Aerzte  stattfindet.  Dass  diese 
Abtheilung  bis  zum  Jahre  1849  viel  naher  an  die  Krankensäle  des 
jährlich  über  20,000  Patienten  verpflegenden  Krankenhauses  grenzte  " 

Im  Jahre  1848  starben  45  Wöchnerinnen  an  der  I.  Klinik  bei 
Vorhandensein  derselben  Liebelstände. 

Der  Leser  hat  gesehen,  dass  keiner  dieser  von  C.  Braun  ange- 
führten l'ebelstände  stichhaltig  sei,  und  doch  sagt  er:  „Daraus  lässt 
sich  an  der  Schule  für  Aerzte  ganz  ungezwungen  eine  um  eil 
Procent  höhere  Differenzzahl  der  Mortalitätslisten  erklären,  ohne  zu 
der  des  directen  Beweises  entbehrenden,  auf  Vermnthungen  basirten 
Hypothese  der  cadaverösen  Infection  flüchten  zu  müssen.4 

Ebenso  hat  der  Leser  gesehen,  dass  die  Gründe  für  meine  An- 
sieht über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  durch  Carl  Braun's 
Angriffe    nicht    im   geringsten    erschüttert   wurden,    und    Carl    Braun 

dennoch:    „Wir   können  daher  keine  zur  Begründung  der  Hypo- 
these  der   ra<l  iv  ioshi   Infection   vorgebrachte  These   nach   den    im 
Wiener  Gebärbause  gemachten  Beobachtungen   in  ihrem  ganzen   Im- 
fange  bestätigen,  wir  können  die  Beschäftigungen  am  Cadavci  durchaus 
nicht  als  eine  vorzügliche  Ursache  der  Puerperalneber-Epidemien  in 
Gebarhünsern  beschuldigen:  wir  würden  es  aber  für  die  grösste  Vef- 
messenheit  halten,    mit    Händen,   die  selbst    nur   nach   der   emsig 
Reinigung  einen  Leichengeruch  bemerken  lassen,  eine  Untersuch 
oder  Operation   bei   einer  Schwangeren.   Gebärenden  oder  Wöchn 
zu  erlauben  oder  selbst  vorzunehmen." 

Welch*  monströse  Heuchelei!!! 

Warum  hat  man  vor  dem  Jahre  1847  nicht  gesagt  und  nicht  ge- 
schrieben: „dass  es  die  grösste  Vermessenheit  sei,  mit  Händen,  die 
selbst  nach   der  emsigsten  Reinigung  einen  Leichengeruch  bemerken 

i!.  eine  Untersuchung  oder  Operation  bei  einer  Schwangeren,  0e- 

aden  oder  Wöchnerin  vorzunehmen?" 

Wir  müssen  nochmals  ad  g)  zurückkehren.    Wie  wir  unsere  These. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        409 


„Mnthmasslich  kommen  in  allen  Gebärhäusern,  in  welchen  Hebammen 
unterrichtet  werden,  und  wo  eine  eadaven'ise  Infertil >n  nicht  leicht 
möglich  ist.  weniger  Sterbefälle  vor  als  in  jenen,  in  welchen  Aerzte 
unterrichtet  werden."  begründeten,  darüber  wolle  der  Leser  Seite  172, 
Zeile  28,  angefangen,  nachlesen. 

Wir  wollen  sehen,  was  Carl  Braun  gegen  unsere  These  in  dem 
statistischen  Theile  seines  Aufsatzes  einzuwenden  hat. 

Um  zu  zeigen,  dass  in  Hebammenschnlen  ebenso  gross  die  Starb» 
liebkeit  sei.  als  in  Schulen  für  Aerzte,  führt  er  die  Maternite  zu  Paris 
an,  in  welcher  nur  Hebammen  gebildet  werden,  ihm!  WO  »'ine  Leichen- 
infection  durch  Aerzte  und  Hebammen  nicht  stattfinden  kann,  und 
Dubois'  Klinik,  wo  sich  die  Schüler  während  des  Curses  mit  Operations- 
übungen beschäftigen,  in  dessen  Nähe  sich  auch  die  Sectionskammer 
befindet,  und  dennoch  herrsche  in  beiden  Anstalten  eine  gleich  grosse 
Sterblichkeit. 

Wir  haben  n&chgewii  '.-i n.  dass  sich  die  Schülerinnen  der  Matern ite 
die  Häiide  in  dem  Grade  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen  wie  die 
Schüler  Dubois',  und  daher  die  gleich  grosse  Sterblichkei 

Um  zu  zeigen,  dass  Gebärhäuser,  welche  keine  Unterricht  san- 
Btalten  sind,  auch  eine  grosse  Sterblichkeit  haben,  führt  Carl  Braun 
das  Hospital  Beaujon  in  Paris  an,  in  welchem  UV\„  Wöchnerinnen 
starben,  ungeachtet  Niemanden  Unterricht  ertheilt  wird.  Es  werden 
hier  aber  anch  alle  von  der  Geburt  Ueberraschten  aufgenommen. 

Der  Leser  weiss,  dass  ilas  St.  Rochus-Gebärhaus  zu  Pest  anch 
keine  Unterrichtsanstalt  ist.  und  dass  es  dennoch  eine  grosse  Sterb- 
lichkeit hatte,  weü  der  Primar-Geburtsarzt  gleichzeitig  chirurgischer 
Primarius  und  Gerichtsanatom  war. 

Da  ich  in  der  Literatnr  nirgends  einen  näheren  Aufschluss  über 
die  Verhältnisse  dieser  Anstalt,  finden  konnte.  BO  wendete  ich  miili 
brieflich  in  dieser  Angelegenheit  an  Professor  Dietl  in  Krakau,  und 
erhielt  folgende  Antwort:  „Meines  Wissens  besitzt  Beaujou  in  Paris 
durchaus  keine  geburtshilfliche  Abtheilung.  Vermöge  einer  humanen 
Bestimmung  besteht  dort  nur  der  Usus,  dass  erkrankte  Säugende 
selbst  mit  ihren  Säuglingen  aufgenommen  werden,  wenn  sie  dieselben 
mit  ins  Spital  nehmen  wollen,  um  eben  hiedurch  eine  eventuelle  Ex- 
clnsion  solcher  Krauken  zu  verhüten.  Sie  besitzen  abgesonderte  Heine 
Säle  zu  4  bis  6  Betten,  und  sind  von  anderen  Kranken  ganz  abge- 
sondert, um  diese  durch  die  Kinder  nicht  zu  beunruhigen. 

So  viel  ich  mich  zu  erinnern  weiss,  ist  es  ein  Medicus  der  \1>- 
theilnng,  dem  zugleich  diese  kleine  Abtheilung  solcher  Kraukenmiitter 
zugewiesen  ist. 

Obwohl  Carl  Braun  30  Ursachen  des  Kindbettfiebers  aufzählt,  hat 
er  doch  die  31.  vergessen,  denn  dass  das  Ue  her  ras  cht  werden  von  der 
Geburt  auch  ein  aetiologisches  Moment  des  Kindbettfiebers  sei.  hat 
er  vergessen  in  seiner  Aetiologie  zu  erwähnen,  Wir  glauben  freilich 
in  Erinnerung  der  Gassengeburten  zu  Wien,  dass  das  Ueberrascht- 
werden  von  der  Geburt  gegen  Puerperalfieber  Schutz  gewfthrt  Den 
günstigeren  Gesundheitsznstand  der  englischen  Gebärhäuser  im  Ver- 
gleiche zu  französischen  und  deutschen  Gebärhansern  findet  Carl 
Braun  darin  begründet,  dass  in  englischen  Gebarhäusern  nur  ver- 
heiratete Frauen  aufgenommen  werden,  während  in  französisches  und 
deutschen  Gebärhäusern  bl©S  Ledige  entbinden.     Worin  der  günstigere 

mdheitszustand   der  englischen  Gebärhauser  begründet,  sei.  haben 


410  Semmel  weis*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Wir  weitläufig  nachgewiesen,  vorläufig  glauben  wir  nicht,  dass  un 
Prophylaxis   des   Kindbettfiebers   desshalb  mangelhaft    sei.    weil    wir 
die  Ehe  nicht  als  Schutzmittel  gegen  Puerperalfieber  empfohlen. 

Wenn  Call  Braun  die  scandinavischen  Gebärhäuser  anführt,  um 
20  /eigen,  dass  trotz  des  ausgedehntesten  Gebrauches  des  Chlors 
dennoch  Puerperalfieber-Epidemien  ausbrechen  konnten,  so  beweiset 
das  nichts  gegen  meine  Lehre,  es  beweiset  nur,  dass  es  für  die  liehar- 
häuser  insolange  kein  Heil  geben  wird,  insolange  die  Intoleranz  eines 
einzigen  Schülers  die  trefflichsten  Anordnungen  erfolglos  machen 
kann.    Wir  deuten  wieder  auf  das  vou  uns  erbetene  Gesetz. 

Von  Siebold's  Klinik  in  Göttingen  wird  gesagt,  dass  sich  in  drei 
Jahren,  1850 — 1852,  349  Geburten  ereigneten,  davon  starben  6,  mit- 
hin 2.rt"1(l.  Bekanntlich  wird  hier  eine  grosse  Anzahl  von  Studirenden 
unterrichtet.  349  Geburten  auf  3  Jahre  vertheilt,  gibt  jeden  dritten 
Tag  eine  Geburt:  es  trifft  sich  in  Göttingen  wahrsclieiniich.  dass  die 
(Trosse  Anzahl  von  Studirenden  an  Tagen,  wo  selbe  eine  Geburt,  haben, 
keinen  Cadaver  haben,  und  umgekehrt.  Ki wisch  hat  zwar  von  102 
Wöchnerinnen  27  um  Kindbettfieber  verloren,  aber  Kiwisch's  geburts- 
hilfliche Klinik  war  in  Verbindung  mit  einer  gynäkologischen  Ab- 
theilung 6  Todte  von  349  Wöchnerinnen  gibt  mindestens  4  verhütbare 
Infectionsfälle  von  aussen. 

Vom  Wiener  Gebärhause  gibt  Carl  Braun  folgende  Besehreibu tu 
„Das  Gebärhaus  liegt  im  grossen  allgemeinen  Krankenhause  und  zer- 
fällt  in   3   Abtheilungen:   in   die   Klinik  für  Aerzte,  für  Hebammen 
und  in  die  Abtheilung  der  heimlich  Gebärenden. 

Die  Abtheilung  /um  Unterricht  für  Aerzte  nahm  bis  zum  Jahre 
18ö0  acht  Säle  im  ersten  und  zweiten  Stockwerke  mit  einem  Beleg- 
rauine  von  ungefähr  200  Betten  ein,  die  der  Art  angebracht  waren, 
dass  3  Säle  des  Krankenhauses,  die  mit  typhösen  und  anderen  inneren 
Krankheiten  Behafteten  belegt  waren,  ober  den  Wocheiizimmern  sich 
befanden,  und  an  drei  anderen  Orten  die  Krankensale  von  den  übrigen 
Wiiehenzimmern  blos  durch  eine  Thür  getrennt  waren. 

Jede  Wöchnerin  hatte  drei  Stunden  nach  einer  regelmässigen 
Geburt  einen  50  bis  100  Schritt  weiten  Weg  durch  ein  oder  mehrere 
Wochenzimmer  zu  Fuss  bis  zu  dem  ihr  bestimmten  Bette  zu  wandern. 
wobei  sie  einen  zur  Haupttreppe  fahrenden,  mit  Glas  verschlossenen 
Gang  zu  passireu  hatte,  der  im  Winter  zwar  geheizt  wird,  aber  nie 
die  regelmässige  Temperatur  der  Wochenzimmer  erhält.  Ein  Woehen- 
zimmer  leiht  sich  (durch  eine  kleine  Küche  oder  zwei  kleine  Zimmerchen 
nur  getrennt)  an  das  andere  an,  ohne  dass  ein  Corridor  angebracht 
ist;  daher  durch  das  Oeffnen  der  Thüre  eine  zufällige  Ventilation 
nicht  eintreten  kann. 

Die  Säle  sind  geräumig,  die  Betten  stehen  in  einer  ähnlichen 
Entfernung  wie  in  den  übrigen  Kliniken.  Die  Beheizung  geschieht 
mit  den  MeissnerVhen  Mantelöfen,  durch  welche  die  kalte,  zwischen 
(Uta  und  Mantel  einströmende  Luft  erwärmt  wird,  eine  Klafter  hoch 
ober  dem  Fussboden  in  den  Saal  eintritt,  während  die  Zimmerlufl 
durch  eine  am  Fussboden  neben  dem  Ofen  einen  Quadratiuss  weite 
(auch  verschliessbare)  Oetrnung  entweichen  soll. 

Diese  Ventilation  ist  im  Sommer  nicht  zu  benützen  und  im 
Winter  nicht  hinreichend,  da  während  einer  mehrstündigen  Heizung 
und    Ventil irung   der  Puerperulgerueh    nicht    entfernt    werden    kann. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  KinitattftstetBi        411 


Es  müssen  zu  diesem  Zwecke  noch  immer  mehrere  Fenster,  die  erst 
C  bis  7  Fuss  Jioch  ober  dem  Fussboden  anfangen,  geöffnet  werden. 

Die  Betten  stehen  unter  den  Fenstern.  Der  weiche  Boden  ist 
nicht  geölt.  Die  Wände  werden  jährlich  weiss  getüncht.  Die  wollenen 
Ober-  und  Unterdeckel  werden  oft  alle  8  bis  4  Tage,  die  Bettleinen 
t&glich  gewechselt.  Die  Aborte  sind  offen,  mit  Eisengittern  zur  Ver- 
meidung des  Kindesmordes  geschützt,  und  dürfen  von  Wöchnerinnen, 
die  von  den  Wärterinnen  mit  Leibschüsseln  bedient  werden  müssen, 
in  den  ersten  acht  Tagen  nicht  gebraucht  werden. 

Die  Waschanstalt  war  bis  zum  Jahre  1852  einem  Pächter  Ibar- 
lassen.  der  die  Bettwäsche  des  Gebärhauses  und  des  Krankenhauses 
su-rs  vermengte.  Jetzt  hat  jede  Anstalt  ihren  eigenen  Pächter.  Am 
siebenten  bis  achten  Tage  mussten  wegen  Uebenftüuiig  die  meisten 
\\  Uchneriiinen  zum  zweiten  Male  überlegt  werden,  wobei  sie  in  das 
/weite  Stockwerk  über  eine  mit  einer  Glaswand  geschützte  Treppe 
theils  zu  Fuss  wanderten  oder  dahin  auch  übertragen  wurden.  Am 
neunten  Tage  musste  wegen  .stetem  Andrängen  Neuankommender 
jede  gesunde  Wöchnerin  entlassen  werden.  Nach  je  acht  Tagen  werden 
daher  alle  Wöchnerinnen  ans  einem  Saale  entfernt,  dessen  Boden  ge- 
scheuert, die  schadhaft <  ii,  beschmutzten  Strohsäeke  und  Wollendecken, 
sowie  alle  Leinenwäsche  darin  ausgewechselt,  und  dann  wird  das  ge- 
reinigte Wochenzimmer  so  viele  Stunden  oder  Tage  hindurch  gelüftet, 
als  die  Zahl  der  Neuaufgenommenen  es  eben  gestatten.  Im  Winter 
bestehen  zwei  geheizte  Kammern  zum  wiederholten  Trocknen  und 
Wärmen  der  Wolldecken  und  Leintücher  seit  mehreren  Jahren,  weil 
bei  dem  grossen  Verbrauche  der  Pächter  der  Wäscherei  diesem  imth- 
wendigen  Bedürfnisse  nicht  nachkommen  konnte.  Im  Jahre  1850  wurde 
eine  andere  Anordnung  der  Wnehenzimmer  getroffen;  daher  sich  gegen- 
wärtig fünf  Zimmer  im  ersten,  und  vier  Zimmer  im  zweiten  Stockwerke 
befinden.  Dadurch  wurden  die  Patienten  des  Krankenhauses,  welche 
si'li  ober  dem  Wochenzimmer  befanden,  entfernt,  und  die  Nachtlpile 
des  zweimaligen  Umlegens  eiuigermassen  auch  dadurch  vermieden, 
indem  «in*  Wöchnerinnen  gut  bedeckt  durch  zwei  Träger  mittelst  eines 
Tragbettes  aus  dem  Gebärzimmer  in  das  zweite  Stockwerk  und  theil- 
weise  auch  in  «Ii'1  Zimmer  des  ersten  Stockwerkes  übertragen  wurden. 
wm  sie  bis  zum  Entlassungstage  verbleiben  konnten.  Die  Puerperal- 
fieberkranken  werden  von  den  Gesunden  abgesondert,  und  in  einem 
dazu  bestimmten,  mit  der  Anstalt  in  nächster  Verbindung  stehenden 
Zimmer  untergebracht.  Die  Aufnahme  der  Gebärenden  geschieht 
hier  wöchentlich  während  vier  Tagen  und  an  der  II.  Klinik  während 
zwei  Tagen.  Der  klinische  Unterricht  und  die  Visite  in  den  Wochen- 
zimmern findet  in  den  Morgenstunden  von  h  bis  11  Uhr  statt,  ausser 
dieser  Zeit  dürfen  die  Candidaten  nur  im  Beisein  des  Professors  oder 
des  Assistenten  exploriren.  Alle  Tage  wechseln  zwi -i  I Kandidaten  ab, 
welche  das  Journal  führen  und  alle  Neuaufgenommenen  exploriren.  Zehn 
angestellte  diplomirte  Hebammen  versehen  im  Geburtszimmer  die  Hilfe- 
leistung bei  regelmässigen  Geburten. 

Dem  bisherigen  Usus  zur  Folge  werden  Puerperalfieberkranke  in 
der  Regel  nicht  in  das  Krankenhaus  transferirt  Ein  genauer  Aus- 
weis über  die  geschehenen  Transferirungen  auch  der  mit  Syphilis  und 
Blattern  Behafteten  ist  nicht  möglich.  <la  alle  gesund  und  krank  Aus- 
Retretenen  in  eine  gemeinschaftliche  Rubrik  „Entlassen"  in  den 
früheren  .Jahren  aufgenommen  winden,   und  erst  seit  drei  Jahren  die 


412  Semmelweis'  Abhandinngen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber 

Ursache  der  Transferirung  der  Direktion  im  Tagsrapport  bekannt  ge- 
macht werden.  In  den  letzten  fünf  Jahren  wurden  jährlich  nn  Durch- 
schnitt nicht  über  15  Puerperalfieberkranke.  welche  wegen  ausge- 
breitetem Decubitus  den  Gesunden  besonders  gefährlich  wurden,  in 
das  Krankenhaus  übersetzt. 

In  der  Mittagsstunde  werden  die  zahlreichen  Studirenden  in  den 
geburtshilflichen  Operationen  am  kindlichen  und  weiblichen  Cadaver 
eingeübt,  wahrend  die  Hebammen  zur  selben  Zeit  Touchirübungen  am 
kindlichen  Cadaver  und  Phantome  ausserhalb  der  Gebäranstalt  vor- 
nehmen. 

Bedenkt  man.  dass  an  der  Gebärklinik  für  Aerzte  ein  täglicher 
Stand  von  50  bis  120  Schwangeren  sich  befindet,  und  dass  für  «las 
Geburts-  und  Krankenzimmer  30  Betten  hinwegfallen,  dass  beim 
höchsten  Tagesstande  alle  Schwangeren  dieser  Schule  in  einem  Saale 
mit  50  Betten  untergebracht  werden  m nssen,  und  dass  mithin  auf 
120  Betten  über  400(1  Wöchnerinnen  durch  acht  Tage  jährlich  ver- 
pflegt werden  müssen,  so  ergibt  sieh  der  Grad  der  Ueberfiillung  und 
der  daraus  überall  entspringenden  Folgen. 

Die  Klinik,  welche  zum  Unterrichte  für  Hebammen  bestimml  ist, 
hat  eine  der  vorerwähnten  analoge  Einrichtung,  ist  aber  nach  den 
Zellensystemen  gebaut,  und  es  läuft  neben  den  Wnrhenzimmern  ein 
langer  Oorridor,  aus  welchen  in  die  übrigen  auch  unter  sich  comniu- 
nicirenden  Wochenzimmern  eingetreten  werden  kann.  Ober  den  Thüren 
sind  einige  Quadratfuss  weiter  Fenster  angebracht,  daher  durch  diese, 
so  wie  das  oftmalige  Oefthen  der  Thüren  eine  zufällige  Ventilation 
mittelst  des  O  rridors  zweckmässig  eingeleitet  wird.  Die  Wöchnerinnen 
können  die  Woehenzimmer  leichter  erreichen,  ohne  einen  meistens 
erkalteten  Gang  passiren  zu  müssen.  Die  Klinik  grenzt  nicht  so  un- 
mittelbar an  die  Abtheüungen  des  Krankenhauses  und  wird  meistens 
von  gartenähnlichen  Höfen  umgeben,  in  welchen  sich  die  Wohnungen 
der  Chefärzte  und  Beamten  befinden. 

Die  Bettenzahl  ist  hier  Mos  um  20  bis  30  ungefähr  geringer  als 
auf  der  I.  Klinik  und  hat  aber  meistens  auch  um  sechs-  bis  eilf  hundert 
Wöchnerinnen  jährlich  weniger  zu  versorgen.  Auch  ist  der  Umstand 
nicht  zu  übersehen,  dass  diese  Klinik  jährlich  um  52  Aufnahmstage 
weniger  hat,  daher  viermal  wöchentlich  Zeit  gewinnt,  die  zur  Unter- 
bringung Neuangekommener  bestimmten  Zimmer  zu  reinigen  und  durch 
liinyere  Zeit  lüften  zu  können,  als  dies  auf  der  I.  Klinik  wegen  zu 
grosser  Ueberfiillung  möglich  ist.  Die.  Placenten  werden  auf  beiden 
Kliniken  täglich  ausser  Haus  gebracht.  Hie  Säuglinge  belinden  sich 
bei  Tag  und  Nacht  in  den  Betten  der  Mütter.  Wegen  Puerperalfieber» 
Kpidemien  wurden  die  beiden  geburtshilflichen  Schulen  niemals  den 
Gebärenden,  so  viel  wir  wenigstens  in  Erfahrung  bringen  konn 
verschlossen.  Der  Unterricht  findet  seit  der  (Erfindung  dieses  Gebär- 
haoees  ununterbrochen  auch  während  der  Ferialzeit  statt.  In  den 
letzten  Decennien  wurden  hier  jährlich  150  bis  200  Geburtsheiter  lund 
260  bis  300  Hebammen  ausgebildet." 

Mit   dieser  Schilderung  der  beiden   Kliniken   wollte  Carl  Braun 
den   Leser    wieder    mit    einigen  Uebelständeu    der  I.  Klinik   bekannt 
machen,  aus    welchen    an    der  Schule  für  Aerzte  ganz  ungezwungen 
eine   um   einige  Procent   höhere   Differenzzahl   der   Mortalität^  i- 
erklärt  werden  kann,  ohne  zu  der  des  direeten  Beweises  entbehrend -n, 


Die  Aettologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  de«  EmlMN  413 


an!  Yermuthtingen  basirten  Hypothese  der  cadarerösen  Infection 
flüchten  zu  müssen. 

Wir  halien  schon  einmal  erwähnt,  dass  Carl  Braun  mit  den  un- 
günstigen Verhältnissen  der  I.  Klinik  in  einer  Zeit  Bekanntschaft 
machte,  in  welcher  diese  ungünstigen  Verhältnisse  nicht  nur  keinen 
Unterschied  in  der  Grösse  der  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen 
bedingen  konnten,  sondern  in  welcher  Zeit  die  Sterblichkeit  trotz  der 
ungünstigsten  Verhältnisse  der  I.  Klinik  manchmal  an  der  IL  Klinik 
grösser  war.  80  starben  im  Jahre  1851  an  der  II.  Klinik  bei  799 
weniger  verpflegten  Wöchnerinnen  46,  im  Jahre.  1852  starben  an  der 
II.  Klinik  bei  1111  weniger  verpflegter  Wöchnerinnen  11  Wöchnerinnen 
mehr  als  an  der  1.  Klinik, 

Es  ist  mithin  mit  mathematischer  Gewissheit  bewiesen,  dass  diese 
ungünstigen  Umstände  der  L  Klinik  die  grössere  Sterblichkeit  nicht 
hervorgebracht  haben  zur  Zeit,  als  an  der  I.  Klinik  in  Wirklichkeit 
eine  grössere  .Sterblichkeit  herrschte. 

Wir  fühlen  uns  daher  der  Verpflichtung  enthoben,  Punkt  für  Punkt 
nachzuweisen,  wir  Carl  Braun  zum  Tlieil  diese  Uebelstände  entstellt, 
um  selbe  an  der  1.  Klinik  noch  ungünstiger,  an  der  II.  Klinik  günstiger 
erscheinen  zu  laasen,  als  selbe  in  Wirklichkeit  sind;  nur  mit  zwei 
Punkten  machen  wir  eine  Ausnahme. 

Die  1.  Klinik  hatte  zu  meiner  Zeit  H  Säle,  jetzt  hat  selbe  9  Säle, 
die  II.  Klinik  hatte  1  oder  2  Säle  weniger  als  die  L,  wegen  einen 
weniger  Aufhahmstag  per  Woche.  An  der  I.  Klinik  werden  jährlich 
4000  Wöchnerinnen  verpflegt,  an  der  IL  nach  Braun  6  bis  11  hundert 
jahrlich  weniger. 

Der  Leser  sieht,  was  Gar]  Braun  liir  einen  Begriff  TOB  Zellen- 
Bysteme  hat.  wenn  er  die  IL  Klinik,  welche,  sagen  wir,  in  9  Sälen 
2900  Wöchnerinnen  jährlich  verpflegt,  nach  dem  Zellensysteme  gebaut 
sein  Hlflflt 

Wir  haben  früher  gesehen,  dass  die  Tabelle,  auf  welche  sieh 
Carl  Braus  beruft  um  seine  Behauptung.  ..dass  im  Wintersemi 
der  Zeit  der  Epidemien,  die  I.  Klinik  monatlich  oft  um  100  bis  200 
Geburtsfälle  mehr  aufnehmen  muss,  als  die  II.,  während  im  Sommer, 
der  Zeit  des  besseren  Uesuudheitszustandes,  aber  beide  Kliniken  die- 
selben, die  Klinik  für  Aerzte  ja  zuweilen  sogar  noch  geringere  Zittern 
der  öeburtsfälle  in  den  monatlichen  Kapporten  ausweist,  als  die 
Hebanmii  ii-rlnilf"  nninei  iacs  zu  bekräftigen,  diese  seine  Behauptung 
auch  vollständig  bestätigt   li 

Ebenso  finden  Wir  bestätigt,  was  Carl  Braun  von  der  an  ÜBT 
I.  Klinik  herrschenden  Ueberfiillung  und  den  daraus  überall  ent- 
springenden Folgen,  während  an  der  IL  Klinik  jährlich  6  bis  11  hundert 
Wöchnerinnen  weniger  vernflegl  werden,  sagt,  wenn  wir  die  Jahres- 
rapporta  beider  Kliniken  einsehen. 

Während  der  ersten  8  Jahre  war  die  durchschnittliche  Sterblich- 
keit fast  gleich,  das  Plus  der  jährlich  verpflegten  Wöchnerinnen  betrug 
an  der  I.  Klinik  1246. 

Im  Jahre  1*34  war  bei  913  weniger  verpflegten  Wöchnerinnen 
die  relative  Sterblichkeit  an  der  IL  Klinik  grosser  um  0.89",, 

Im  Jahre  1836  war  bei  HX)7  weniger  verpflegten  Wöchnerinnen 
die  relative  Sterblichkeit  an  der  IL  Klinik  um  3.S7%  grösser. 

Im  Jahre  1838  war  bei  1208  weniger  verpflegten  Wöchnerinnen 


414 


Semmelweis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  das  Kimlbettfieber. 


die  relative  Sterblichkeit  an  der  IL  Klinik  um  1.90°,,  glöUPCt  als  an 
der  I.  Klinik  (siehe  Tabelle  XXII.  Seite  182). 

In  den  6  Jahren,  in  welchen  die  Sterblichkeil  an  der  I.  Klinik 
dreimal  so  gross  war.  als  an  der  II.  Klinik,  betrug  «las  Plus  der 
jährlich  an  der  I.  Klinik  verpflegten  Wöchnerinnen  nur  375  (siehe 
Tabelle  I.  .Seite  100). 

In  den  12  nächstfolgenden  Jahren  war  die  durchschnittliche  Sterb- 
lichkeit beider  Abtheilungen  fast  gleich,  das  Plus  der  verpflegten 
Wöchnerinnen  betrug  598,  In  zwei  Jahren  war  die  absolute,  in 
•  »  Jahren  die  relative  Sterblichkeit  bei  bis  1111  weniger  verpflegten 
Wöchnerinnen  an  der  II.  Klinik  grösser,  als  an  der  1.  Klinik  (siehe 
Tabelle   XXIII.  Seite  183). 

Carl  Braun  sagt:  „Da  seit  dem  Bekanntwerden  der  Theorie 
cadaverösen  Inl'ection  über  5  Jahre  verstrichen  sind,  so  wollen  wir 
die  in  der  Literatur  bisher  hierüber  laut  gewordenen  Stimmen  einiger 
Aerzte,  die  mit  den  Zuständen  von  Gebärhäusern  vertraut  sind,  an- 
führen."' Carl  Braun  führt  nun  die  Stimmen  an  von:  Seanzoni.  den 
er  speciell  einen  strengen  Widersacher  dieser  Theorie  nennt.  Seyfert, 
Kiwiseh.  Lumpe.  Blande,  Bamberger,  Hammernjk,  die  Academie  der 
Medicin  in  Paris,  Retzius,  Faye,  Chiari,  und  sagt  schliesslich:  „Wir 
finden  in  der  Literatur  nirgends  eine  Bestätigung  über  die  Zuver- 
lässigkeit der  Infectäonstheorie  in  ihrer  practiachen  Anwendung,  wir 
treffen  sogar  die  entschiedensten  Behauptungen  nnd  ErfahrangssStze 
angeführt  an,  welche  diese  Hypothese  ihrer  wichtigsten  stützen 
berauben." 

Wenn  Carl  Braun  behauptet,  dass  seihst  nach  mehr  also  Jahren 
die  Literatur  noch  immer  keine  Bestätigung  über  die  Zuverlässigkeit 
der  Jnfectionstheorie  in  ihrer  practis.  in  n  Anwendung  ausweist,  -o 
wird  der  aufmerksame  Leser  dieser  Schrift  wissen,  dass  dem  nicht  so 
ist.  Aber  nehmen  wir  an,  es  wäre  wirklieh  wahr,  iasa  nach  5  Jahren 
sich  meine  Ansicht  über  die  Entstehung  des  Kindbettfiebers  noch 
nirgends  practisch  bewährt  hatte,  so  wäre  das  kein  Beweis,  iass 
meine  Ansicht  irrig  sei  sondern  das  ist  Hin  Beweis  von  Unfähigkeit 
aller  Jener*  welche.  Gelegenheit  hatten,  meine  Ansicht  in  ihrer 
practischeD  Anwendung  zu  bestätigen,  und  selbe  dennoch  nicht  be- 
stätigen. 

Denn  dass  sich  meine  Ansicht  in  ihrer  practischen  Anwendung 
in  Wien  während  meiner  Dienstzeit  bestätigte,  das  ist  ein  ewig 
wahres  Factum;  wäre  meine  Ansicht  irrig,  so  hatte  sie-  sich  in  ihrer 
praktischen  Anwendung  während  meiner  Dienstzeit  nicht  bestätigen 
können. 

Was  in  Wien  wahr  ist,  ist  in  der  ganzen  Welt  wahr,  und  wenn 
die  Wahrheit,  welche  in  Wien  zur  Geltung  gebracht  werden  konnte, 
anderswe  nicht  zur  Geltung  gebracht,  werden  kann,  so  ist  dadurch  die 
Wahrheit  nicht  zur  Lüge  geworden,  sondern  Derjenige  welcher  die 
Wahrheit  nicht  zur  Geltung  bringen  konnte,  hat  seine  Unfähigkeit 
bewiesen. 

Hat  Auenbrugger  oder  haben  die  Zeitgenossen  Auenbrugger's  sieh 
als  unfähig  bewiesen,  wefl  Auenbrugger  eine  allgemeine  Anwendung 
der  Percussiou  nicht  erlebt? 

In  der  Xoth  lernt  man  seine  Freunde  kennen,  und  in  der  Noth, 
in  welcher  ich  mich  Inland,  weil  sieh  meine  Ansicht  nirgends  in  i 
practischen  Anwendung  bestätigte,    fand  ich  einen  wahren  Freund  in 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kinilbcttfrehtrs         415 


Carl  Braun:  denn  Carl  Braun  hat  nach  mir  die9.BJ°„  Sterblichkeit 
der  [.  Klinik  auf  2.|K"  „  herahgedriickt,  er  hat  daher  zur  Bestätigung 
meiner  Ansicht  in  ihrer  practischen  Anwendung  die  Sterblichkeit  der 
I    Klinik  um  7.44"/,,  vermindert. 

Natürlich  ist  es  blos  Bescheidenheit,  dass  Carl  Braun  dieses  sein 
Verdienst  der  Welt  nicht  preisgibt,  aber  die  verschämte  Tugend,  wenn 
sie  noch  so  im  Verborgenen  steckt,  findet  ihren  Verehrer,  der  sie  an's 
Tageslicht  zieht. 

Noch  von  einer  andern  Seite,  woher  ich  es  am  wenigsten  er- 
wartet, ist  mir  ein  Freund  geworden,  Scanzoni,  der  strenge  Wider- 
sacher dieser  Theorie,  wie  ihn  Carl  Braun  nennt,  hat  sich  zum  ge- 
heimen Beobachtet  dieser  Theorie  entpuppt.  Scanzoni  hat  zur  Be- 
stätigung der  Infectionstheoi  ie  in  ihrer  practischen  Anwendung  während 
6  Jahren  in  Würzbürg  von  1639  Wöchnerinnen  nur  20  am  Kindbi  tt- 
lielitr  verloren.  Es  ist  auch  bei  Scanzoni  nur  Bescheidenheit,  dass  er 
dies  sein  Verdienst,  in  der  SilberschmidCschen  Schritt  verschweigen  liess. 

Wenn  Carl  Braun,  Scanzoni.  Semmelweis  für  eine  Wahrheit 
kämpfen,  so  ist  der  Triumph  gewiss,  und  die  befreite  Menschheit  wird 
den  Alliirten  die  Siegespalme  nicht  versagen. 

Was  die  Stimmen  anbelangt,  welche  Carl  Braun  aus  der  Literatur 
anführt ,  so  haben  wir  die  Scanzoni's,  Seyfert's,  Kiwisch's,  Lumpe's, 
Bamberger's,  Hammernjk's.  der  Academie  der  Medicin  in  Paris  schon 
beurtheilt. 

Mende  bezweifelt  die  Richtigkeit  der  Theorie  der  cadaverösen 
Infection  und  glanbt  die  Ursache  der  Häufigkeit  des  PuerperalfiVI  >. a  • 
in  Wien  in  der  erschwerten  Ventilation,  der  Anhäufung  vieler  \\  Tu  line- 
rinnen  in  den  eng  zusammenliegenden  Gebäulichkeiten  des  allgemeinen 
Krankenhauses  und  in  der  dadurch  begünstigten  Erzeugung  von 
Miasmen  suchen  zu  müssen.  Aber  Carl  Braun  weiss  BO  uut  wir  Seh, 
dass  diese  Verhältnisse  nicht  geändert  wurden,  und  die  Sterblichkeit 
wurde  doch  bedeutend  gemindert,  und  zwar  von  ihm  seihst  dadurch 
gemindert,  dass  er  gegen  die  cadaveröse  Infection  ankämpfte;  warum 
also  eine  .Stimme  anführen,  von  deren   Unrichtigkeit  "  tui  über- 

zeugt sein  musste? 

Ketzius  in  Stockholm  verlor  3.3",„;  Fa.ve  in  Christiania  verlor  16% 
Wöchnerinnen  trotz  Chlorwaschnngen. 

Wir  haben  schon  gesagt,   dass  auch  die  scandinavischen  Ge 
banser  ein  Beleg  dafür  sind,  äans  trotz  der  vortrefflichen  Einrichtungen 
in  so  lange   kein  Heil  für  die  Gebärhäuser  zu   hoffen   ist,   bis  nicht 
das  von  mir  erbetene  Gesetz  in  seiner  vollen  Strenge  in  Wirksamkeit 
getreten  sein  witd. 

Wenn  Carl  Braun  sagt,  dass  eine  so  enorme  Sterblichkeit  wie 
selbe  bei  Faye  vorgekommen,  sich  in  der  zwanzigmal  ausgedehnteren 
Wiener  Klinik  für  Aerzte  nur  ein  einzigesmal,  im  Jahre  1842,  ohne 
Chlorwaschungen  ereignete,  so  ersehen  wir  daraus,  das  •  r  wohl  zur 
Bestätigung  der  Zuverlässigkeit  der  cadaverösen  Infection  in  ihrer 
practischen  Anwendung  die  Sterblichkeit  in  Folge  des  Puerperalfiebers 
zu  mindern  versteht,  aber  dass  er  mit  allen  Verhältnissen  der  ca- 
daverösnn  Infection  noch  nicht  vollkommen  vertraut  ist;  denn  sensl 
würde  Carl  Braun  wissen,  dass  au  einer  zwanzigmal  atisgedehnteren 
Anstalt  viele  hundert  und  hundert  Individuen  gar  nicht  dem  Unter- 
richte  gewidmet  werden,  welche  dann  die  enorme  Sterblichkeit  der 


41  ß  8eamdwei»'  AbfaaiK»nngen  und  Werk  aber  di 

wirklich  zum  Unterrichte   benützten   Individuen   weniger   enorm 

-f  h<  Ml'  I. 

BT  an  einet  Anstalt,  wo  150  bis  200  Geburten  vorkommen, 
wird  ein  Jeder  Pell  zum  Unterrichte  benutzt  und  ist  nutz  der  vor- 
i  reiflichen  Anordnungen  nur  ein  indolentes  Individuum  vorhanden,  so 
teigl   ilch  «-im-  enorme  Sterblichkeit 

Zu  meiner  schmerzlichsten  I'eherraschung  linde  ich  Chiari  meinen 

Gegnern  angereiht^  ohne  dass  Chiari  dem  widersprochen  hatte:  der 

Chiari,  nachdem  er  mit  meiner  Ansicht  über 
die  Entstehung  des  kimlbettflebers  bekannt  wurde,  Bici  den  Tod  der 
Kraiik<n  mit  » inem  fibrösen  Gebärmutter-Polypen  nicht  mehr  durch 
epidemische  BünflBme,  sondern  duirh  Infection  erklärte. 

Dm    tu        erinnert   sich,  daaa  Ohiari  in  der  Gesellschaft  ■  i »j i 

Aei/.le  zn  Wien  erklärte,  die  Sterblichkeit  der  L  Klinik  ist  abhängig 
von  Verhältnissen,  wie  solche  vnii  Dr.  8emmelweis  näher  bezeichnet 
worden  Bind;  nnd  Chiari  hatte  den  Aufsatz,  in  welchem  er  mittheilt. 
dais  in  Prag  zweimal  ein»'  Puer|>eralfieber-Epidenn<  ausgebrochen  ist. 
zweier  kreissenden  Jauche  lieferten,  schon  in 
Beinen  Schreibtische,  als  er  es  duldete,  unter  meinen  Gegnern  genannt 
zu  werden  (siehe  188). 

Damit  Biet  der  Leser  überzeugen  könne,  dass  Chiari  mit  dem 
\ul  ;il/.\  airl   welchen  sich  Citri  Jiraun  beruft,    am  Chiari  ;ils  Gegner 

von  mir  zu  charactei fairen,  keine  Opposition  gegen  mich  beabsichtigte, 

wollen  wir  diesen  Aufsatz  hier  wörtlich  geben: 

Protokoll 

der  SectionsBstznng  fttr  Physiologie  und  Pathologie 

\.un  87,  Jnni  1851  M. 

Docenl  und  aupplirender  Primararzt  Dr.  Chiari  hall  einen  Vortrag 
Uhu-  Pyaemle  im  Puerperio  ohne  Gefe&nnutterleiden. 

Ks  kommen  bei  W  cVlmerinneu  nicht  selten  Erkrankungsfälle  mit 

Bannten  typhösen  Erscheinungen  vor,  wobei  wegen  Abwesenheit 
nachweisbaren  I  terusleirfens  die  Diagnose  sehr  häufig  auf 
Typhus  gestelll  wird,  Der  Verlauf  dieser  Krankheitsfälle  ist  meial 
folgender: 

Nach  anscheinend  geringer  Qnpasaliehkeit  in  der  eisten  Woche 

iir>    Wochenbettes    Iritl    mit    heftigem    Fruste  sehr    starkes   Fieber   auf. 
das  Bauchfell  sowohl  als  der  Uterus   zeigen    keine  .Schmerzhaftigkeit : 
der  l.oeliiallluss  weicht  nicht  von  der  Norm  ab;  die  Milz  wird  gros 
in    den    Lungen    finden   sich   häutig  die  Zeichen    eines    bedeutendem 
Katarrhen;  oer  Barn  enthüll  manchmal  Kiter;  die  Hitze  der  Hau 
bedentend,  letztere  trocken:   Delirien  sind  meist  vorhanden, 
diesen   Erscheinungen   tritt   nach   sechs-   bis  achttägiger  Dauer  der 

nkli.it   rascher   Verfall  der  Kräfte  und  meist  baldiger  Tod  ein. 
In  einzelnen  Pillen  treten   noch  in  den  letzten  Tagen  Schot 
fräste  and  gelbliche  Hautfarbe  als  Zeichen  der  Pyaemie  auf 

den  Sectionen  finden   sich  in  verschiedenen  Organen   nieta- 

st.mschc    t&ntzundnngen,    ohne    das-»    man    im    Lterus    Phlebitis    oder 


^  k   k.  Ctrsell^hnft  der  Aerate  Ifl  Wien.    7.  .Uhrgang. 

Mt  l  .  \ l 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebere.        417 


Endometritis  ata  Ausgangspunkt  der  Pyaeurie  auffinden  kann.  Die 
Milz  ist  immer  gross,  matsch,  wenn  auch  von  Entzündungsherden  frei. 

Es  fragt  sich  nun,  wie  die  Entstehung  fl.Gr  nutastatischen  Ent- 
zündungen zu  erklären  sei? 

In  einzelnen  Fällen  müsse  man  allerdings  annehmen,  dass  eine 
Entzündung  der  Venen  des  Uterus  oder  seiner  Innenfläche  Toraus- 
gegangen und  bereits  wieder  abgelaufen  sei,  wofür  einmal  die  zurück- 
bleibende Verdickung  der  Häute  der  grösseren  GebÄnnnttervenen, 
sodann  auch  jene  Fälle  sprechen,  wo  nach  unzweifelhaft  constatirter 
M» -1 1  <  iplilebitis  Heilung  zu  Stande  kommt.  Für  die  anderen  Fälle 
dagegen,  in  denen  sich  keine  Spur  einer  Uterusatfection  auffinden 
lässt.  müsse  man  die  Frage  aufwerten,  ob  hier  die  Blutmasse  an  sich 
zur  eiterigen  Zersetzung  neige? 

Wo  steckt  der  Angriff  gegen   meine  Lehre  in  diesem  Aufsatze? 

Meine  Lehre  sagt:  Das  Erste  bei  dem  Kindbettfieber  ist  die  Re- 
sorption eines  zersetzten  Stoffes,  das  Zweite  ist  die  Blutentrnischung, 
und  in  diesem  Stadio  kann  die  Krankheit  schon  tödtlich  werden,  und 
mit  diesen  zwei  Dingen  ist  das  Wesen  des  Kindbettfiebers  gegeben; 
die  Exsudationen.  die  Metastasen  können  vorhanden  sein  und  können 
auch  fehlen,  gewöhnlich  sind  bei  vorhandenen  Metastasen  locale  Ent- 
zündungen als  (Quellen  der  Metastasen  nachzuweisen;  wenn  Metastasen 
vorhanden  sind,  ohne  nachweisbare  locale  Entzündungen,  als  Quellen 
der  Metastasen,  so  spricht  das  nicht  gegen  meine  Ansicht;  in  eine 
Erklärung  dieser  Zufälligkeiten  wollen  wir  uns  in  dieser  Schrift  nicht 
einlassen;  diese  Schrift  ist  bestimmt,  die  Entstehung,  die  Verhütung 
und  den  Begriff  des  Kindbettfiebers  zu  lehren. 

Nachdem  wir  den  zersetzten  Stoff,  als  alleinige  Ursache  des  Kiud- 
betttie.bers,  gegen  die  Angriffe  Carl  Braun's,  wie  wir  glauben,  sieg- 
ivirli  vi'i  tlieidigte.ii.  wollen  wir  zur  Beurtheilung  der  30  Ursachen  des 
Kiitdbettfiebers  übergehen,  wie  solche  von  Carl  Braun  aufgezählt 
werden;  es  wird  sich  zeigen,  dass  viele  dieser  Uism.Ih  n,  welche  von 
Carl  Braun  aufgezählt  werden,  gar  keine  Ursachen  des  Kindbettfiel  texs 
sind,  und  die  Ursachen,  welche  von  Carl  Braun  aufgezählt  und  welche 
wirklich  Ursachen  des  Kindbettnebers  sind,  sind  es  nur  dadurch,  dass 
durch  selbe  entweder  ein  zersetzter  Stoff  in  den  ergriffenen  Individuen 
entsteht,  oder  dass  in  Folge  dieser  Ursachen  den  Individuen  ein  zer- 
setzter Stoff  von  aussen  eingebracht  wird,  dass  mithin  die  Braun'sche 
Aetiologie  zum  Theil  Irrthum,  zum  Theil  Wahrheit  ist;  dass  die 
Braun'sche  Aetiologie  Irrthum  ist,  wo  selbe  etwas  Anderes  leint  als 
ich;  dass  die  Braun'sche  Aetiologie  zur  Wahrheit  wird,  sobald  selbe 
dasselbe  lehrt,  was  ich  lehre. 

Zu  den  aetiologischen  Momenten  des  Kindbettfiebers,  welche  als 
solche  vciti  Carl  Braun  aufgezählt  werden,  aber  keine  aetiologischen 
Momente  sind,  gehört:  1.  die  Oonceptiou  und  die  Schwangere  halt; 
2.  die  Hyperinose;  3.  die  Hydraemie;  4.  die  Uraemie;  5.  eine  allge- 
mein« Plethora  der  Schwangeren;  6.  eine  Disproportion  in  der  Vege- 
tation der  Mutter  und  des  Foetus;  7.  die  durch  die  Schwangerschaft 
veranlassten  Blutstauungen  und  Stasen;  8.  ob  die  Inopexie  des  Blutes 
Veranlassung  zu  Pnerperalprocesse.it  werden  könne,  bleibt  ferneren 
Beobai  litimgen  zur  Entscheidung  vorbehalten ;  9.  das  Schwaugerschafts- 
fieber  ist  keine  Ursache  des  Puerperalfiebers,  sondern  ein  in  der 
Schwangerschaft  verlaufendes  wahres,  genuines  Puerperalfieber;  11.  die 
Ausgleichuug   der   Hyperinose;    12.   die   Inopexie   des  Wochenbettes. 

Semmel weia1  gesammelt*'  Wetke.  27 


418 


famfllweSt1  Abhandlungen  nn«l  Werk  Über  das  KbÜMtÜebM 


Existirt  iro  physiologischen  Zustande  gar  nicht,  im  pathologischen  Zu- 
stande ist  es  ein  Product  des  schon  vorhandenen  Puerperalfiebers,  und 
nicht  eine  Ursache  des  Puerperalfiebers. 

13.  Der  durch  Verkleinerung  des  Uterus  anfgehobene  Druck  anf 
die  Nachbarorgane  desselben. 

15.  Verwundung  der  Innenfläche  des  Uterus  durch  die  Lostrenming 
der  Placenta. 

16.  Die  puerperale  Thrombose  und  Metrorrhagien.  Die  puerperale 
Thrombose  existirt,  wie  wir  nachgewiesen,  im  physiologischen  Zn- 
stande nicht,  im  pathologischen  Zustande  ist  die  puerperale  Throm- 
bose keine  Ursache  des  Kindbettfiebers .  sondern  das  Prodnct  des 
BChon  vorhandenen  Kindbettfiebers.  Metrorrhagien  sind  keine  Ur- 
sachen   des    Kindbettfiebers.     Vor  Einführung   der  Uhlorwaschun 

an  der  I.  Klinik  zu  Wien   trat   wenige  Fälle  ausgenommen,  im  Ge- 
folge von  Metrorrhagien  immer  Puerperal fieber  auf:  nach  Einfühiuri- 
der  Chlorwaschungen  war  Puerperalfieber  nach  Metrorrhagien 
selten  zu  beobachten. 

Vor  Hin t'iili rang  der  Chlorwasclningen  wurde  die  innere  Unter- 
suchung, aek-lie  bei  lilutungen  nothwendiir  ist.  die  Entfernung  der 
Placenta,  der  Bluteoagula  etc.  mit.  unreinen  Händen  vorgenommen, 
Dach  Einführungen  der  Chlorwaschungen  mit  reinen  Binden;  es  waren 
mit  hin  die  Metrorrhagien  nicht  die  Ursache  des  Kindbettfiebers,  die 
.Metrorrhagien  waren  blos  die  Veranlassung  zur  Einbringung  zersetzter 
Stoffe  von  aussen  mittelst  des  untersuchenden  Fingers,  mittelst  der 
"i « iii'iiden  Hand. 

18.  Unterdrückung  der  Milchsecretion. 

20.  Individualität  der  Wöchnerinnen. 

22.  ttemUthsaffecte. 

23.  Diätfehler.    26.  Erkältung.    29.  Epidemische  Einfln-s--. 
Zur   Begründung    der  epidemischen    Einflüsse  weiss   Carl   Braun 

weiter  nichts  anzuführen,  als  dass  man  von  Alters  her  zur  Erklärung 
der  durch  das  Puerperalfieber  veranlassten  Verheerungen  seine  Zuflucht 
zu  epidemischen  Einflüssen  genommen  hat;  Carl  Braun  macht  es  mir 
zum  Vorwurfe,  dass  ich  mich  auf  die  Vergangenheit  stütze  und  daraus 
kühne  Schlüsse  ziehe;  ich  mache  es  ihm  nicht  zum  Vorwurfe,  dass  er 
sich  auf  die  Vergangenheit  stützt,  sondern  ich  mache  es  ihm  zum 
Vorwurfe,  wenn  er  aus  der  Vergangenheit  falsche  Schlüsse  zieht. 

Von  Alters  her  wurden  epidemische  Einflüsse  zur  Erklärung  der 
Verheerungen  des  lündbettflebers  angenommen,  folglich  existiren  epi- 
demische Ursachen  des  Kindbettfiebers  —  ist  ein  falscher  Nehluss.  Welche 
Erklärung  ist  alter?  und  welche  Erklärung  ist  wahr?  Die,  welche 
sagt:  die  Erde  steht,  und  die  Sonne  bewegt  sich  um  die  Erde,  oder 
die,  welche  das  Gcgeutheil  behauptet? 

Nachdem  Carl  Brann  die  Existenz  der  epidemischen  Einflösse  so 
unerschütterlich  begründet,  liefert  er  eine  Abhandlung  durch  \  ier 
IM  iirklilätter  über  Contajriosität  oder  Nichtcontagiosität  des  Kindb-n- 
flebers,  ftber  Oontagien,  Miasma,  Infection  als  abschreckendes  Beispiel, 
zu  welchen  Monstrositäten  es  fuhrt,  wenn  man  ohne  Verständnis* 
compilii  t :  dieses  Ghana  wollen  wir  unbeurtheüt  lassen. 

Zu  den  Ursachen,   welche   wirklich  Ursachen  des  Kindbettfiebers, 
aber  in  meinem  Sinne  sind,  gehören  10.  der  Geburtsact  selbst:   14.  zu 
lange  Dauer  natürlicher  Geburten;  i'l.  operative  Eingriffe    Dei 
bnrtsact,  die  lange  Dauer  der  Aiistivibungsperiode.  operative  Eingriffe 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers.        419 


können  Quetschungen  der  Genitalien,  nnd  dadurch  die  Entstehung  des 
zersetzten  Stolfes  veranlassen,  welcher  durch  Selbstinfection  das  Kiiul- 
1  ii  it lieber  hervorbringt. 

17.  Aufgehobene  Se-  und  Excretion  der  Lochien.    Aufgehobene 
iSecretion    der  Lochien   ist  keine  Ursache  des  Kindbettfiebers;   aufge- 
hobene Excretion   der  Lochien   kann   durch  Selbstinfection  das  Kiul 
bettfieber  erzeugen. 

19.  Der  schädliche  Einfluss  todter  Früchte.  Faul-todte  Früchte 
sind  keine  Ursache  des  Kindbettfiebers;  Fruchte,  welche  während  der 
GHnm  absterben  und  nach  dem  Blasensprunge  unter  Zutritt  von 
atmosphärischer  Luft  im  Uterus  in  Fäulnis«  übergehen,  erzeugen  durch 
Selbstinfection  das  Kindbetttieber. 

24.  Andauernder  Durst  soll  nach  Carl  Braun  dadurch  Puerperal- 
fieber hervorrufen,  dass  durch  Durst  die  Resorption,  folglich  auch  die 
Resorption  der  in  der  <ii  lümmln  rliühle  befindlichen  zersetzten  Stoffe 
lebhafter  wird,  wodurch  Puerperalfieber  durch  Selbstinfection  erzeugt 
werden  soll. 

2&  Zu  hohe  Zimmertemperatur  und  mangelhafte  Ventilation  er- 
zeugen dadurch  Kindbetttieber.  tlass  die  puerperalen  Excretionsstofle 
rascher  eine  faulige  Zersetzung  eingehen. 

27.  Wie  Sumpf  luft  Puerperalfieber  erzeugen  könne,  ist  einleuchtend. 

28.  Cadaveröse  Infection. 

30.  Die  verschiedenartigsten,  den  Gebärhäuseru  eigen thümlichen 
unzweckmäßigen  Verhältnisse.  Die  Lage  der  Gebärhäuser  äussert 
auf  den  Gesundheitszustand  ihrer  Bewohner  den  mächtigsten  Einfluss. 

Diejenigen  Gebärhäuser,  welche  entfernt  von  angrenzend  i;  Ge- 
binden und  umgeben  von  weitläufigen  Gärten  sind,  ergeben  die  ge- 
ringsten Mortalitätsverhältnisse.  Die  innige  Berührung  derselben  mit 
Krankenhäusern  verursacht  den  gross» eu  Nachtheil,  daher  auch  alle 
Gebärhäuser,  die  mit  einem  Krankenhause  zusammengebaut  sind, 
höhere  Mortalitätsproeente  im  Durchschnitte  ausweisen.  Die  An- 
grenzung an  Locali  täten,  die  mit  zersetzten  thierischen  Stoffen  erfüllt 
sind,  wie  Leichenkammern,  ein  Zusammenfluss  von  grösseren  Abzugs- 
;  iiiilen,  unrein  gehaltene  Aborte,  schlechte  oder  mangelhafte  Uanali- 
sirung  derselben,  und  Versenken  der  Placenten  in  dieselben  erleichtert 
die  Ausbreitung  der  Epidemien. 

Die  fehlerhafte  Bauart  der  meisten  i  leblirhäuser  mit  ungenügender 
Ventilation  äussert  sich  dann  schädlich,  wenn  die  Woehenzimmer  un- 
unterbrochen eommuniciren  und  ein  diesen  parallel  laufender  Corridor 
fehlt;  wenn  von  einem  schlecht  ventilirten  Gange  aus  die  Zimmer 
rechts  und  links  angebracht  sind;  wenn  die  Fensterbrüstungen  zu 
hoch,  die  Fenster  einander  gegenüber  stehen  nnd  die  Betten  au  den 
Seitenwänden  unter  den  Fenstern  angebracht  sind;  wenn  die  Wnehen- 
zimmer  au  die  Krankenzimmer  grenzen  und  ober-  oder  unterhalb  der- 
selben sich  befinden;  wenn  du  Ventilation  im  Winter  durch  Oeftnen 
der  Fenster  vollzogen  werden  muss,  die  Erneuerung  der  Zimmerluft 
durch  Luftheizung  ungenügend  geschieht:  wenn  keine  Dunstschlöte 
an  der  Decke  der  Zimmer  angebracht  sind,  und  wenn  diese  zur  Er- 
zeugung einer  raschen  Luftströmung  nicht  als  Foyer  d'appelle  zum 
Erwärmen  eingerichtet  sind ;  wenn  die  Puerperalkianken  in  der  Nähe 
der  Wochenzimmer  untergebracht,  wenn  die  Wöchnerinnen  aus  «lern 
Geburtszimmer  in  die  Wochenzimmer  über  kalte  Gänge  oder  Stiegen- 

27* 


420 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


i  in  nie  gebracht  werden  müssen,  oder  wem)  die  Säle  der  Wur.lm.-nimen 
sehr  gross  sind  und  die  Ankommenden  in  den  Wochenzimmem  der 
Reihe  nach  gebären. 

Die  Ausdünstung  der  faulenden  Excremente,  so  wie  die  Lungen - 
ausdlinstung  der  mit.  putriden  Fiebern  behafteten  Wöchnerinnen,  der 
durch  £as  Zusammenleben  vieler  Wöchnerinnen  erzeugte  Puerperal- 
geruch,  die  Nichtabsonderung  der  Kranken  von  Gesunden,  die  Unter- 
lassung der  Absperrung  der  Krankenzimmer,  der  freie.  Verkehr  der 
Wärterinnen  der  Krauken  mit  denen  der  Gesunden,  die  Hilfeleistung 
der  Hebammen  oder  der  Aerzte  bei  Gesunden  nach  Explorationen 
oder  Injectionen  bei  kranken  Wöchnerinnen,  die  gemeinschaftliche 
Verwendung  der  Wäsche,  der  Schwämme,  LefbschftBsein,  bei  Gesunden 
und  bei  Kranken,  vieljährig  benützte  und  mangelhaft  gereinigte 
Wäsche,  Vermengung  der  Wäsche  der  Gebärhäuser  mit  jener  der 
Krankenhäuser,  seltener  Wechsel  der  Matratzen,  Strohsäcke  und 
Unterdecken,  stete  Benützung  aller  Räume  eines  Gtob&rnaoseB,  der 
ununterbrochene  Unterricht  iu  überfüllten  GebärhäUBern,  die  er- 
schwerte Ueberwachung  einer  grösseren  Zahl  von  Schülern  und 
Schülerinnen,  die  Ueberfiillung  der  Gebärhäuser  im  Winter,  zur  Zeit 
der  Epidemien,  die  unbeschränkte  Anfhahme  aller  gesunden  und 
kranken  Schwängern  und  Gebärenden,  der  Monate  lange  Aufenthalt 
der  Schwängern  in  den  Gebärhäusern,  die  Anfiillung  der  Gebärlm 
mit  ledigen,  der  trostlosesten  Bevölkerung  entnommenen  Weihern,  das 
mehrmalige  Ueberlegen  der  Wöchnerinnen  in  den  ersten  acht  Tagen, 
das  zu  lange  Aufbewahren  der  Leichen  verstorbener  Säuglinge  oder 
der  Placenten  neben  den  Wochenzimmem.  die  meistens  sehr  geringe 
Anzahl  der  überwachenden  Aerzte,  der  stete  Verkehr  der  Schwang) 
mit  den  Patienten  der  Krankenhäuser  in  gemeinschaftlichen  Höfen, 
die  Unterbringung  der  mit  zyanotischen  Krankheiten  behafteten  Ge- 
bärenden in  dem  Kreissezimmer  der  Gesunden,  mangelhafte  oder  be- 
schwerliehe Zufuhr  des  Wassers  in  die  obersten  Stockwerke,  das  zu 
lange  oder  nächtliche  Verweilen  einer  grösseren  Anzahl  von  Menschen 
im  Gebarzimmer,  die  zu  oft  wiederholte  Exploration  verzögerter 
burten,  Mangel  eines  Locales,  um  einer  Ueberfüllung  vorbeugen  zu 
können.  Mangel  eines  Uebereinkoinmens  zur  Zeit  der  Epidemien  und 
der  Ueberfüllung,  Gebärende  und  Wöchnerinnen  in  Privatwohnungen 
auf  oftentliehe  Kosten  verpflegen  zu  können,  die  unterlassene  oder 
nicht  gestattete  Entfernung  der  Pnerperalkranken  aus  den  Gebär- 
häusern,  während  gleichzeitiger  häufiger  Erkrankungen.  Alle  diese 
inde.  welche  vereinzelt  in  den  verschiedeneu  Gebärhäusem  vor- 
kommen, erklären  die  theils  günstigeren  oder  schlechteren  Resultate 
mancher  Gebürhüuser.  veranlassen  die  grössere  Gefahr  der  Erkrankung 
in  denselben,  als  in  Privatwohnungen,  und  stellen  uns  die  Thatsachen 
vor  Augen,  dass  die  Localverhältnisse  in  manchen  Gebärhäuseru.  die 
aber  oft  nur  mit  grossen  Kosten  abzuändern  sind,  einen  mächtigen 
Einfluss  auf  das  Entstehen,  die  Gefährlichkeit  und  Ausbreitung  der 
Pnerperalprocesse  ausüben. 

Diese  von  Carl  Braun  aufgezählten  unzwerkmässigen  Verhältnis- 
der  Gebärhäuser  sind  entweder  keine  Ursachen  des  Kindhettfiebers, 
oder  wenn  selbe  Ursachen  des  Kindbett  Hebers  sind,  so  sind  es  selbe 
nur  dadurch,  dass  durch  diese  unzweckmässigen  Verhältnisse  der 
Gebärhäuser  den  Individuen  von  aussen  ein  zersetzter  Stoff  einge- 
bracht wird. 


Die  Aetiologie,  der  Begriff  nnd  die  Prophylaxis  des  Kindbetttiebers.        421 

Diese  nnzwcrkmässigen  Verhältnisse  erzeugen  daher  das  Kind- 
bet.tfieber  durch  Infectiou  von  aussen. 

In  eine  weitere  Beurtheilung  des  Carl  Braun'schen  Aufsatzes 
„Zur  Lehre  und  Behandlung1  der  Puerperalprocesse  und  ihrer  Be- 
ziehungen zu  einigen  zyanotischen  Krankheiten"  wollen  wir  uns  nicht 
einlassen ;  der  Leser  wird  aus  dem.  was  wir  bisher  gesagt,  die  Ueber- 
zeugung  geschöpft  haben,  dass  Carl  Braun  immer  Irrthum  lehrt,  wenn 
er  etwas  lehrt,  was  mit  meiner  Lehre  nicht  übereinstimmt,  und  dass 
<  arl  Braun  nur  dann  Wahrheit  lehrt,  wenn  er  meine  Lehre  wieder- 
gibt. Nur  die  Definition  des  Kindbetttiebers  wollen  wir  geben,  weil 
sie  ein  abermaliger  Beweis  ist.  wohin  indigeste  Compilation  führt. 
Nach  Carl  Braun  ist  das  Kindbettfieber  eine  zyanotische  Krankheit 
acuten  Charakters,  welche  bei  starker  Prädisposition  eines  Indi- 
viduums auch  durch  allgemeine  Schädlichkeiten,  wie  durch  Gemüths- 
erschütterungen,  Erkaltung  u.  s.  w.  hervorgerufen,  in  der  Regel  aber 
durch  eigenthiiiiiHrhe  Einflüsse,  durch  Miasmen,  Contagien^  zersetzte 
thierische  Stoffe  erzeugt  werden  kann,  wobei  das  fremdartige  Eigen- 
tümliche als  Ferment  wirkt  und  durch  Contact  die  Blutmasse  in 
Gährung  versetzt. 

Der  Leser  wird  mit  Staunen  sehen,  dass  Carl  Braun,  derselbe 
Carl  Braun,  welcher  die,  jedes  directen  Beweises  entbehrende,  auf 
Vermuthungen  basirte  Hypothese  der  cailaverfisen  Inlection  80  glänzend 
bekämpft,  welcher  zur  Befriedigung  jedes  wahren  Mens« •hcnfretindes 
den  epidemischen  Einflüssen  ihre  uneingeschränkte  \\ 'irksamkeit  so 
siegreich  zurückerobert  hat;  da.ss  derselbe  Carl  Braun  wohl  den  zer- 
setzten thierischen  Stoffen,  aber  nicht  den  epidemischen  Einflüssen  in 
dem  Begriffe  des  Puerperalfiebers  einen  Platz  anweiset.  Oh  Logik!! 
Oh  Logik!!  Wir  ertheilen  daher  unserem  Wiener  Oollfigen,  indem 
wir  von  ihm  Abschied  nehmen,  den  dringenden  Rath.  es  ja  nicht  zu 
verabsäumen,  früher  wenigstens  einige  Semester  über  Logik  mitzu- 
machen, falls  er  wieder  in  sich  den  edlen  Beruf  fühlen  sollte,  für  den 
epidemischen  Tod  der  Wöchnerinnen  zu  kämpfen. 


Ende. 


Nachwort. 


Dass  es  nicht  Zanksucht  ist,  welche  mir  diese  Polemik  dictirt. 
dafür  kann  ich,  als  auf  eiuen  vollgültigen  Beweis,  auf  mein  vieljähriges 
Schneiden  deuten. 

Aber  der  unbefangene  Leser  wird  aus  der  Opposition,  welche  ich 
ihm  Vorzuführen  Gelegenheit   hatte,   nicht  nur  die  Ueberzengung 
srhopt'i   haben,  dass  die  Zeit  des  EfchwesgenS  vorüber  sei,  sondern  er 
wird  sich  zugleich  auch  davon  überzeugt  haben,  dass  es  meine  Pflicht 
und  mein  Recht  war.  so  zu  polemisiren,  wie  ich  eben  polemisirt  habe. 

Wenn  ich  mit  meiner  gegenwärtigen  leberzeugung  in  die  Ver- 
gangenheit zurückblicke,  so  kann  ich  die  Wehmuth,  die  mich  befallt, 
nur  durch  einen  gleichzeitigen  Blick  in  jene  glückliche  Zukunft  ver- 
scheuchen, in  welcher  in-  und  ausserhalb  der  Gebärhüuser  in  der 
ganzen  Welt  nur  Fälle  von  Selbstinfection  vorkommen  werden.  Int 
Verirlfiehe  niii  diesen  beiden  ctngeheuren  Zahlen  ist  üe  Zahl  der- 
jenige]!, welche  mir  und  denen,  welche  meine  Lehre  befolgen,  bis  jetzt 
schon  zu  retten  gelungen  ist,  verschwindend  klein. 

Sollte  es  mir  Biber,  was  Gntt  verhüten  möge,  nicht  gegönnt  sein, 
diese  glückliche  Zeit  mit  eigenen  Augen  zu  schauen,  wird  die  Ueber- 
zeugiing,  dass  diese  Zeit  früher  oder  später  nach  mir  unaufhaltsam 
kommen  muss.  noch  meine  Todesstunde  erheitern. 


Nachtrag 

zur  Seite  148,  Zeile  37  von  oben  bis  inclusive  Seite  löH 


Im  Schuljahr«-  1868/0,  in  welchem  sich  die  Klinik  noch  in  den 
von  Seite  148  bis  Seite  158  als  so  sanitätswidrig  geschilderten  Locali- 
t&ten  befand,  wurden  verpflegt  578  Individuen,  darunter  waren  '77 
Wöchnerinnen  und  ein  gynaecologischer  Fall.  Vor  den  577  Wöchne- 
rinnen starben  lti,  und  zwar  11  an  Febris  puerperalis  also  l.8tt  ",„,  3  au 
Pneumonie,  1  an  Tuberculosis  pulmonum,  1  mit  Typhus  abdominalis 
wurde  von  der  raedicinischen  Klinik  zu  uns  transierirt .  welche  un- 
mittelbar nach  der  Geburt  starb.  Die  erste  Geburt  ereignete  sich 
den  5.  October  1858,  die  letzte  den  19.  Juli  1K59.  53  Geburtshelfer 
erhielten  einen  zweimonatlichen  uucl  189  Hebammen  einen  fünfmonat- 
lichen praktisch-geburtshilflichen  Unterricht. 

Im  Schuljahre  1850/60  wurde  die  Klinik  in  ein  neues  Lnral  ver- 
legt. Verpflegt  wurden  524  Individuen;  darunter  waren  520  Wöchne- 
rinnen. 2  gyn aecologi sclie  Falle  und  zwei  Schülerinnen,  welche  wegen 
Armuth  in  der  Klinik  verpflegt  wurden.  Sie  starben  beide,  die  eine 
an  Tuberculosis  pulmonum,  die  andere  an  Typhus  abdominalis. 

Von  den  520  verpflegten  Wöchnerinnen  starben  11.  und  zwar  5 
an  Febris  puerperalis,  also  0.0-  "/,„  darunter  ein  Fall  von  Perforation 
bei  einer  Conjugate  von  3".  wo  die  Extraction  wegen  ungewöhnli«  h<t 
Grosse  des  Kindes  ungemein  schwierig  war. 

4  Wöchnerinnen  starben  an  Pneumonie,  l  au  Tuberculosis,  1  an 
Eclampsie.  Die  erste  Geburt  ereignete  sich  den  8.  October  1859,  die 
letzte  den  17.  Juli  1860.  58  Geburtshelfern  und  199  Hebammen 
wurde  Unterricht  ertheilt. 

Obwohl  wir  im  neuen  Locale  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchne- 
rinnen am  Kindbettlieber  verloren  haben,  sind  wir  doch  nichts  weniger 
als  beruhigt  darüber,  dass  diese  fünf  Fälle  wirklich,  mir  Selbstinfections- 
falle  seien,  weil  das  neue  Local  nicht  allen  Sanitätsanfordernngen 
entspricht;  die  neue  geburtshilfliche  Klinik  befindet  sich  im  2.  Stocke 
und  hat  unter  sich  im  1.  Stocke  die  chirurgische  Klinik,  und  was 
noch  nachtheiliger  ist:  die  Räume  der  Klinik  sind  wieder  so  be- 
schränkt,  dass  kein  Zimmer  als  Krankenzimmer  reservat  werden 
kann,  und  wenn  auch  ein  puerperal  erkranktes  Individuum  in  Bezug 
auf  Wartpersonale   und  Utensilien   vollkommen    isolirt   werden  kann, 


424  Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

so  kann  doch  die  Atmosphäre  des  kranken  Individnnms  von  der 
Atmosphäre  der  gesunden  desselben  Zimmers  nicht  isolirt  werden, 
und  in  welcher  Ausdehnung  das  Puerperalfieber  mittelst  der  Atmo- 
sphäre verbreitet  werden  kann,  das  hat  uns  das  caiiöse  Knie  im 
Monate  November  1847  au  der  I.  Geburtsklinik  zu  Wien  gelehrt. 

Diese  Uebelstände  der  neuen  Klinik  gestatten  mir  nicht,  ent- 
scheidende Beobachtungen  zu  machen  über  die  Zahl  der  unvermeid- 
lichen Selbstinfectionsfölle,  über  diesen  Punkt  muss  ich  Belehrung 
erwarten  von  einem  Collegen,  welcher  glücklicher  als  ich,  ein  Gebär- 
haus leitet,  welches  den  Anforderungen  meiner  Lehre  über  die  Ver- 
hütung des  Kindbettfiebers  entspricht. 


Inhalt. 


Bt  1 1  i 

Einleitung .    .      99 

Die  Sterblichkeit  war  an  der  I.  Gebarklinik  zu  Wien  in  dem  durch  die  Tabelle 
Nr.  I    repräsentirten  Zeiträume  durchschnittlich   dreimal  so  gross  als  an 

der  11.  Gebärklinik 100 

Dieses  Plus  der  Sterblichkeit  kann  durch  die  bisher  giltige  Aetiologie  des  Kind- 

betttiebers  nicht  erklärt  werden 101 

Nicht  durch  endemische  Einflüsse 101 

Grunde  gegen  epidemische  Einflüsse  im  Aligemeinen 102 

Nicht  dnrcb  endemißche  Einflüsse    .    .    . 105 

Nicht  dnrcb  die  flbrigeu  bisher  gütigen  ätiologischen  Momente  des  Kindbettiiebers    120 
Nebstdeni,  dass  das  Plus  der  Sterblichkeit  ans  der  bisher  giltigen  Aetiologie 
des  Kindbettiiebers  nicht  erklärt  werden  konnte,  waren  an  der  I.  Gebir- 
klinik  Erscheinungen  zu  beobachten,  für  welche  die  Erklärung  fehlte 
Diese  Erscheinungen  waren: 

Da«  Erkranken  der  Mütter  und  deren  Kinder  in  Folge  verzögerter  Eröffnungs- 
periode  

Das  Nicbterkranken  der  Gassengebnrten _ 

Das  Nichterkranken  der  Wöchnerinnen  nach  vorzeitigen  Geburten 126 

Das  reibenweise  Erkranken  der  Wöchnerinnen 126 

Die  nichtandauernde  Verminderung  der  Sterblichkeit  in  Folge  Verminderung 

der  Zahl  der  Schüler  .    .    .    , 127 

Entdeckung  des  ätiologischen  Momentes  des  Plus  der  Sterblichkeit  der  I.  Klinik  129 
Beobachtungen,  welche  unsere  Aetiologie  des  Kindbettiiebers  erweiterten  .  .  , 
Die  Rapporte  des  Wiener  Gebärhauses  vom  Tage  der  Eröffnung  bis  in  die  neneste 
Zeit  bestätigen  die  Richtigkeit  meiner  Aetiologie  des  Kindbettiiebers .  . 
In  der  von  mir  entdeckten  Aetiologie  des  Kindbettiiebers  liegt  die  Erklärung, 
warum  in  Folge  verzögerter  Erüffnungsperiode   Mntter   nnd    Kind   am 

Kindbettheber  erkrankten 137 

Dr.  Bednar 189 

Warum  die  Gassen geburten  seltener  erkrankten 139 

Warum  die  Wöchnerinnen  nach  vorzeitigen  Geburten  seltener  erkrankten    .    ,     l.i.i 

Warum  die  Wöchnerinnen  reihenweise  erkrankten 139 

Warum  die  Verminderung  der  Zahl  der  Schüler  die  Sterblichkeit  minderte,  und 
warum    trotz   der  Verminderung  der  Zahl    der  Schüler  die  Sterblichkeit 

sich  wieder  steigerte 140 

Versuche  an  Thiereu 14H 

Die  geburtshilfliche  Abtbeilnng  des  St.  Rochus-Spitals  zu  Pest 146 

Die  geburtshilfliche  Klinik  der  Universität  zn  Pest 148 

II*  griff  des  Kindbettiiebers IN 

Da  zersetzte  tuiertsch-orgauische  Stoff,  welcher  das  Kiudbettlieber  hervorbringt, 
wird  den  Individuen  entweder  tou  aussen  eingebracht,  oder  er  entsteht 

in  ergriffenen  Individuen I.V.» 

Quelle  des  zersetzten   thierisrh-orgnnischen  Stoffes,   welcher  die  Infection   von 

HUMUM  bedingt Iö9 

Träger  des  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes 160 


131 


L22 
124 


132 
135 


426  Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Seita 

Stelle,  wo  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  resorbirt  wird 160 

Zeit,  wann  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  resorbirt  wird 160 

Qnellen  fttr  die  Selbstinfection 161 

Das  Kindbettlieber   ist  keine  den  Wöchnerinnen   ausschliesslich   zukommende 

Krankheit 161 

Das  Kindbettfieber  ist  eine  Varietät  der  Pyaemie 162 

Das  Kindbettfieber  ist  keine  contagiosa  Krankheit 162 

Das  Kindbettfieber  ist  eine  übertragbare  Krankheit 162 

Wie  viele  Wöchnerinnen  werden  immer  in  Folge  unverhütbarer  Selbstinfection 

sterben 163 

Nochmalige  Beurtheilung  der  bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindbettfiebers,  den 

Massstab  des  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes  an  selbe  angelegt   .  167 

Die  endemischen  Einflüsse 168 

Die  endemischen  Ursachen  des  Kindbettfiebers 229 

Prophylaxis  des  Kindbettfiebers 260 

Correspondenzen  und  Stimmen  in  der  Literatur  für  und  gegen  meine  Lehre     .  264 

Die  Redaction  der  Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien.    .    .  266 

Haller 268 

Simpson 270 

Ronth 270 

Michaelis 272 

Litzmann 273 

Lew 275 

Dietl 284 

Tilanus 286 

Skoda 288 

Brücke 288 

Scanzoni 289 

Silberechraidt 343 

Bamberger 350 

Hamernik 350 

Liebig ■ 354 

Seyfert 354 

Kiwisch 357 

Silberschmidt 359 

Lebert 361 

Zipfl 362 

Hayne 364 

Lumpe 365 

Arneth,  die  Academie  der  Median  zu  Paris  und  Dubois 373 

Schmidt 375 

Everken 380 

Virchow 381 

A.  Martin 386 

Carl  Braun 390 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der 

Geburtshilfe. 


Zwei  offene  Briefe 


an 


Dr.  J.  Spaeth, 

Professor  der  Geburtshilfe  an  der  k.  k.  Josefs-Akademie 
in  Wien 


und  an 

Hofrath  Dr.  F.  W.  Scaiizoni, 

Professor  der  Geburtshilfe  zu  Würzburg. 


von 


Dr.  J.  Pli.  Semmelweis, 

Professor  der  Geburtshilfe  an  der  königl.  ungar.  Universität  zu  Pest. 


Fest. 

Gustav  Emich,  Buchdrucker  der  ungar.  Akademie 
1861. 


An 

Dr,  J.  Spaetli, 

Professor  der  Geburtshilfe  an  der  k.  k.  Josefs-Akademie  in  Wien. 


Ich  habe  in  meiner  Schrift  über  Kindbettfieber1)  bewiesen,  dass 
auch  in  Berlin,  BO  wie  anderorts,  der  geburtshilfliche  Unterricht  in 
Betreff  des  Kindbettfiebers  deshalb  grundschlecht  sei.  weil  auch  in 
Berlin  die  Professoren  der  Geburtshilfe  selbst,  so  wie  die  Professoren 
der  Geburtshilfe  anderorts,  nicht  wissen,  was  Puerperal-Fieber  sei. 

Dieses  Nichtwissen  habe  ich  in  Bezug  auf  Trof  Eduard  Martin 
in  Berlin  folgender  Weise  stylisirt. -) 

„Bu.sch's  Nachfolger,  Prof.  Eduard  Martin  8)  hat  mir  durch  seinen 
Vortrag,  gehalten  am  9.  November  1868  in  der  Gesellschaft  für  Ge- 
burtshilfe in  Berlin:  „Ueber  Mutterröhrenentzündung  und  Erguß  des 
eiterigen  Secretes  in  der  Bauchhöhle  als  eine  Ursache  der  Bauchfell- 
entzündung bei  Wöchnerinnen",  die  Ueberzeugung  verschanzt,  dass  die 
puerperale  Sonne,  welche  in  WlflD  im  Jahre  1K47  aufgegangen,  seinen 
Geist  iio.li  nicht  erleuchtet  hat" 

Gewiss,  hätte  die  puerperale  Sonne,  welche  in  Wien  im  Jahre 
1847  aufgegangen  ist,  seinen  Geist  erleuchtet,  so  würde  Prof.  Martin 
wissen,  dass  das  Puerperal- Fieber  in  allen  Fällen,  keinen  einzigen 
Fall  ausgenommen,  ein  Eesorptions-Firl.tr  sei,  daß  dieses  Resorptions- 
Fieber  dadurch  entstehe,  daß  eiu  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff 
resorbirt  wird. 

Der  resorbirte  zersetzte  thjerisch- organische  Stoff  entmischt  das 
Blut;  in  seltenen  Fällen  tödtet  die  Krankheit  schon  in  diesem 
Stadium;  gewöhnlich  entstehen  aber  ans  dem  entmischten  Blute  mehr 
weniger  zahlreiche  Exsudationen.  Sämmtliche  Exsudationen  haben 
daher  ihre  gemeinschaftliche  Entstehnngs-Ursache  in  dem  durch  den 
resorbirteu  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entmischten  Blute, 
Die  Exsudationen  bedingen  sich  daher  nicht,  gegenseitig. 

Die  puerperale  Meningitis  entstellt  nicht  deshalb,  weil  die  Tuba 
ihr  eiteriges  Contentum  in  die  Höhle  der  Meningen  ergiesst  sondern, 
weil  in  den  Meningen  das  dtin-h  den  resnrbirten  /ersetzten  thien 

l'ie   Aetiologie,   der  Begriff   und    die   Prophylaxis   des   Kindbettfleben;  von 
Prof.  Semmehveis.    Pest,  Wien  und  Leipzig  1861. 

n  Die  Aetiologie  etc.  Seit'."  471  Im  vorlieyendi-r  Ansynbe;  Seite  B8SI 
Monatsschrift  für  Gebnrts künde.    Berlin  1H59.    Band  XIII,  Seite  11. 


432 


yemuielweia*  Abbomlluugeii  nud  Werk  über  das  Kindbetttie'ber, 


organischen  Stoff  entmischte  Blut  circulirt;  die  puerperale  Pleuritis 
ein  steht  nicht  deshalb,  weil  die  Tuba  ihr  eiteriges  Contentum  in  die 
Pleura-Höhle  ergiesst,  sondern  deshalb,  weil  in  der  Pleura  das  dnrch 
den  resorbirten  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entmischte  Blut 
circulirt:  die  puerperale  Periearditis  entsteht  nicht  deshalb,  weil  die 
Tuba  ihr  eiteriges  Contentum  in  die  Höhle  des  Pericardiums  ergiesst, 
sondern  weil  im  Pericardio  das  durch  den  resorbirten  zersetzten 
thierisch-organischen  »Stoff  entmischte  Blut  circulirt ;  die  Endometritis, 
die  Metritis,  die  Metrophlebitis,  die  Metrol.vmphangoitis,  die  Perit"- 
nitis  haben  ihre  gemeinschaftliche  Eutstehungsursache  in  dem  durch 
den  resorbirten  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entmischten 
Blute;  und  selbst  die  Salpingitis  entsteht  aus  dem  durch  den  resor- 
birten zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entmischten  Blute. 

Im  Dezember  1842  starben  an  der  ersten  Geburtsklinik  zu  Wien 
von  239  Wöchnerinnen  75,  im  Oktober  1842  starben  von  242  Wöchne- 
rinnen 71,  im  August  1842  starben  von  216  Wöchnerinnen  55,  im  No- 
vember 1842  starben  von  209  Wöchnerinnen  48.  im  November  L84J 
starben  von  235  Wöchnerinnen  53. 

Per  Scharfsinn  des  Prof.  Martin  hätte  in  diesen  302  Leichen 
zahlreiche  Salpingitides  entdeckt,  welche,  ihr  eiteriges  Contentum  in 
die  Bauchhöhle  ergiessend.  zu  einer  Ursache  der  Peritonitis  wurden; 
im  Jahre  1848  haben  wir  im  Monate  März  und  August  durch  getroffene 
Massregeln  die  Resorption  des  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes 
so  glücklich  verhütet,  daß  keine  Blutentmischung  entstand;  dadurch 
entstand  keine  Peritonitis ;  aber  nicht  deshalb  weif  wir  die  Salpingitis 
verhütet,  sondern,  weil  wir  die  gemeinschaftliche  Ursache  sämmtlicher 
Exsudationen.  nämlich  die  Blutentmisebung,  verhüteten:  es  starh 
nämlich  im  März  1848  von  276  Wöchnerinnen,  und  im  August  1848  von 
261  Wöchnerinnen  keine  einzige 

Meine  Schrift  ist  Ende  Oktober  1860  erschienen,  und  in  dein  am 
20.  Mäiz  1861  ausgegebenen  zweiten  Hefte  der  ..Medizinischen  Jahr- 
Im.  her"  sagen  Sie,  Herr  Professor,  Seite  229,  Folgendes:  „Zum  Ver- 
ständnisse der  eigentlichen  Wochenhettkjnnkheiten  haben  Buhl.  Martin, 
Klaproth,  Wagner  und  Förster  einen  wesentlichen  Beitrag  geliefert 
durch  Bestimmung  des  Verhältnisses  der  Salpingitis  zur  Peritonitis.- 
Durch  diesen  Ausspruch  haben  Herr  Professor  mir  die  Uefe-i- 
Zeugung  verschafft,  dass  auch  Ihren  Geist  die  puerperale  Sonne,  welche 
im  Jahre  1847  in  Wien  aufgegangen,  nicht  erleuchtet,  obwohl  selbe 
Ihnen  so  nahe  geschienen. 

Ich  hebe  es  nochmals  hervor,  dass  ich  nur  jene  Salpingitis  für 
keine  Ursache  der  Peritonitis  halte,  welche  eine  der  Localisationen 
ist,  deren  so  zahlreiche  bei  dem  Resorptions-Fieber  in  der  Fort 
pflanzungsperiode  des  Weibes  (Pnerperal-Fieber)  vorhanden  sein  können. 
jene  Salpingitis  nämlich,  welche  aus  dem  durch  den  resorbirten  zer- 
setzten thierisch-organischen  Stoff  entmischten  Blute  entsteht. 

Dieses  hartnäckige  Ignoriren  meiner  Lehre,  dieses  hartnäckige 
Ruminiren  von  Irrthümern  veranlasst  mich  folgende  Erklärung  ab- 
zugeben : 

Ich  trage  in  mir  das  Bewusstsein,  dass  seit  dem  Jahre  1847 
tausende  und  tausende  von  Wöchnerinnen  und  Säuglinge  gestorben 
sind,  welche  nicht  gestorben  wären,  wenn  ich  nicht  geschwiegen, 
sondern  jedem  Irrthume,  welcher  über  Puerperalfieber  verbreitet 
wurde,  die  nöthige  Zurechtweisung  hätte  zu  Theil  werden  lassen:  und 


Die  offenen  Briefe  au  Professoren  der  Geburtshilfe. 


433 


damit  Sie  sich  überzeugen  können.  Herr  Professor,  dass  ich  nicht 
übertreibe,  wenn  ich  von  tausenden  und  tausenden  verstorbenen 
Wöchnerinnen  und  Säuglingen  spreche,  die  seit  1847  gestorben,  aber 
gerettet  hätten  werden  können,  so  erlaube  ich  mir,  Ihnen  ins  Gedächt- 
nis* sD  rufen,  was  blos  an  der  ersten  und  zweiten  Geburtski  in  ik  in 
Wien  vom  1.  Jänner  1849   bis  letzten  Dezember  1858  geschehen  ist. 

In  diesen  zehn  Jahren  wurden  an  der  ersten  Geburtsklinik  40.889 
Wöchnerinnen  verpflegt;  davon  starben  1491;  an  der  zweiten  Klinik 
wurden  verpflegt  34.245  Wöchnerinnen;  davon  starben  1183.  In  Folge 
meiner  Lehre  kann  das  Kindbettfieber  in  dem  Grade  beschrankt 
werden,  daß  in  Folge  unverhütbarer  Selbst-Infection  nicht  eine 
Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  stirbt 

Von  wieviel  Hundert  erst  eine  in  Folge  unverhütbarer  Selbst- 
infection  stirbt,  muss  erst  fernere  Beobachtung  lehren ;  das  günstigste 
Resultat,  welches  ich  bis  jetzt  erzielt,  war,  dass  ich  im  Monate  März 
1848  von  271).  und  im  Monate  August  von  261  Wöchnerinnen  keine 
einzige  verlor.  Und  zur  Zeit,  als  die  Medicin  in  Wien  der  anatomischen 
Grundlage  noch  entbehrte,  folglich  mit  reinen  Händen  untersucht 
wurde,  starb  innerhalb  39  Jahren  während  25  Jahren  nicht  eine 
Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen.  Es  starb  nämlich  zwei  Jahre  1 
röchnerin  von  400  Wöchnerinnen ;  zwei  Jahre  starb  1  Wöchnerin  von 
300  Wöchnerinnen ;  8  Jahre  starb  1  Wöchnerin  von  200  Wöchnerinnen, 
und  13  Jahre  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen. 

Wenn  wir  selbst  blos  der  leichteren  Berechnung  wegen  annehmen, 
dass  1  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  in  Folge  unverhütbarer 
Selbstinfection  stirbt,  so  sind  an  der  ersten  Geburtsklinik,  da  von 
40.889  Wöchnerinnen  1491  gestorben  sind,  1083  verhütbare  Infections- 
fälle  von  Aussen  vorgekommen;  und  an  der  zweiten  Klinik  sind  841 
verhütbare  Infectionsfälle  von  Aussen  vorgekommen,  weil  von  34,245 
verpflegten  Wöchnerinnen  1183  starben;  es  sind  mithin  blos  an  den 
zwei  Gratisabtheilungen  des  Wiener  Gebärhauses  nach  dem  Jahre  1847 
in  zehn  Jahren  1924  verhütbare  Infectionsfälle  von  Aussen  vorgekommen, 
obwohl  wir  eine  zu  grosse  Zahl  von  unverhütbaren  SeJbstinfections- 
fällen  angenommen,  und  in  dieser  Zahl  fehlen  ausserdem  noch  die 
Transferirten  und  die  Kinder,  welche  von  ihren  Müttern  die  Blut- 
entmischung mitgetheilt  erhielten,  und  ebenfalls  starben ;  und  an  diesem 
Massacre  sind  Sie,  Herr  Professor,  betheiligt.  Das  Morden  muss  auf- 
hören, und  damit  das  Morden  aufhöre,  werde  ich  Wache  halten,  und 
ein  Jeder,  der  es  wagen  wird,  gefährliche  Irrthümer  über  das  Kind- 
bettfieber zu  verbreiten,  wird  an  mir  einen  rührigen  Gegner  finden. 

Für  mich  giebt  es  kein  anderes  Mittel,  dem  Morden  Einhalt  zu 
thun.  als  die  schonungslose  Entlarvung  meiner  Gegner,  und  Niemand, 
der  das  Herz  auf  dem  rechten  Flecke  hat,  wird  mich  tadeln,  dass  ich 
dieses  Mittel  ergreife. 


Semmehveis'  gesammelte  Werke. 


434  Semmelweis1  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

An  Hofrath 

I)i\  F.  W.  Scanzonu 

Professor  der  Geburlsbilfe  zu  Würzburg. 


Herr  Hofrath  werden  aus  meinem  Briefe  an  Professor  Sp&eth 
entnommen  haben,  dass  ich,  um  dem  Morden  ein  Ende  zu  machen, 
den  unerschütterlichen  Entschluss  gefasst  habe,  Jedem,  der  es  «ragt, 
Im  Immer  über  das  Pnerperal-Fieber  zu  verbreiten,  schonungslos  gegen- 
über zu  treten. 

In  Folge  dieses  Entschlusses  werde  ich  den  Aufsatz  von 
Dr.  Otto  v.  Frauque,  welcher  in  dem  4.  Bande  Ihrer  Beitiüge  zur 
Geburtskunde  und  Gjnäcologie  unter  der  Aufschrift:  ,.Die  puerperalen 
Erkrankungen  in  der  Entbindungsanstalt  zu  Würzbnrg  während  der 
Monate  Februar,  März  und  AprU  1859''  enthalten  ist,  einer  Kritik 
unterziehen. 

Mit  Dr.  Otto  v.  Franqne  kann  ich  nicht  rechten;  ich  kann 
Dr.  Otto  v.  Franque  nur  bedauern  als  einen  Betrogenen,  welcher  in 
gutem  Glauben  sich  alle  Ihre  Irrthümer  und  Täuschungen  so  gründ- 
lich einstudirt. 

Die  Verantwortung  für  die  Irrthümer  ihrer  Schüler  trifft  nui 
Herr  Hofrath;  ich  habe  es  daher  nicht  mit  Dr.  Otto  v.  Franque.  LCD 
habe  es  nur  mit  Ihnen,  Herr  Hofrath,  zu   thun;  und   in  Bezug  auf 
Puerperal- Fieber  sind  Sie  so  mit  Irrthümern  und  Täuschungen   voll- 
gepfropft, dass  ich  in  meine]-  Schrift  über  Kindbettfieber  103  Druck- 
seiten, von  Seite  315  bis  Seite  417*)  nöthig  hatte,  um   alle  Ihre  Jn- 
thümer  und  Täuschungen  zu  widerlegen;  ich   kann   deshalb  Ihre  Irr- 
thiimer  und  Täuschungen  hier   nicht   abermals  widerlegen;   ich    1, 
selbe  hier  nur  andeuten;  in  Betreff  der  Beweise,   dass   die  Wahl 
auf  meiner  Seite,  der  Inthum  und  die  Täuschung  auf  Ihrer  Seite 
berufe  ich  mich  auf  meine  Schrift. 

In  diesem  Aufsatz  lesen  wir,  dass  in  der  Würzburger  Km- 
bindnngsanstalt  vom  1.  Februar  bis  15.  April  1859  99  Geburten  sich 
ereigneten,  dass  von  den  99  Wöchnerinnen  30  an  puerperalen  Prozessen 
erkrankten,  wovon  9  starben. 

Diese  Erkrankungs-  und  Sterbefälle  werden  eine  Epidemie  ge- 
nannt, welche  durch  gewisse,  atmosphärische  epidemische,  freilich  nicht 
näher  zu  bestimmende  Einflüsse  hervorgebracht  wurde. 

Ich  läugne,  dass  diese  Erkrankungen  epidemischen  Ursprungs 
waren  und  behaupte,  dass  diese  Erkrankungen  dadurch  hervorgerufen 
wurden,  dass  diesen  Individuen  auf  eine  oder  die  andere  Weise  zer- 
setzte Stoffe  von  Aussen  eingebracht  wurden,  dass  diese  Erkrankungen 
demnach  Eesorptions-Fieber  waren;  und  damit  Herr  Hofrath  zur  seihen 
Ueberzeugung  gelangen,  empfehle  ich  Ihnen  das  gründliche  Studium 
meiner  Schrift  über  Kindbetttieber ,  wo  ich  vorzüglich  von  Seite  116 
bis  Seite  213**)  die  Gründe  zusammengestellt  habe,  welche  mit  mathe- 
matischer Gewissheit  beweisen,  dass  nie  atmosphärische  Einflüsse, 
sondern  immer  nur  die  Medicinal-Individuen   männlichen   und    v 


In  vorliegender  Ausgabe:  von  Seite  289  bis  349] 
**)  [Vu,,  Seite  116  bis  228.1 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


435 


liehen  Geschlechtes  aus  Unwissenheit  die  grosse.  Sterblichkeit  unter 
den  Wöchnerinnen  hervorgerufen  haben. 

Ihre  in  Unwissenheit  begründete  Eintheilung  der  Entzündungen 
im  Wochenbette,  in  solche,  welche  nicht  Puerperal-Fieber  sind,  und  in 
solche,  welche  Puerperal-Fieber  sind,  ist  erwähnt.  Ich  habe  aber  in 
meiner  Schrift  bewiesen,  dass  Ihre  Entzündungen,  welche  nicht.  Puer- 
peral-Fieber sind,  gerade  so  genuines  Puerperal-Fieber  sind,  wie  Ihre 
Hyperinose,  Ihre  Pyaemie  und  Ihre  Blut-Dissolution,  weil  auch  die  Ent- 
zündungen, welche  nach  Ihnen  nicht  Puerperal-Fieber  sind,  so  wie  die 
Hyperinose.  die  Pyaemie  und  die  Blut-Dissolution,  durch  Resorption 
eines  zersetzten  Stoffes  entstehen;  und  dass  die  Entzündungen,  welche 
nicht.  Puerperal-Fieber  sein  sollen,  in  Folge  der  Resorption  eines  zer- 
setzten Stoffes  entstehen,  ist  dadurch  bewiesen,  dass  auch  diese  Ent- 
zündungen durch  Chlorwaschungen  der  Hände  verhütet,  werden  können. 

Wahrend  des  Herrsche!»  der  Pseudo-Epidemie  winden  Unregel- 
mässigkeiten in  der  W'ehenthätigkeit  beobachtet .  Wehenschwäche, 
spastische  Contractionen.  allgemeiner  Krampf  des  Uterus,  Blutungen 
in  der  Nachgeburt  traten  öfters  auf. 

Natürlich,  wenn  die  Blutentmischung  in  Folge  der  Resorption 
iefl  zersetzten  .Stoffes  eintritt  zur  Zeit,  wo  die  Geburt  noch  nicht 
vollendet  ist,  so  wirkt  das  entmischte  Blut  paralysirend  auf  den 
Uterus,  und  dadurch  ist  die  Disache  für  Weheuschwäche.  liir  Krampf- 
wehen  für  Blutungen  gegeben. 

Auch  dass  die  Neugeborenen  an  einer,  der  Mutter  ähnlichen  Blut- 
ehtmischung  starben,  wurde  beobachtet,  und  wie  denn  nicht;  ist  das 
Kind  noch  mittelst  der  Placenta  in  Verbindung,  wenn  die  Blutent- 
mischung  bei  der  Mutter  in  Folge  der  Resorption  des  zersetzten 
Stoffes  eintritt,  so  theilt  die  Mutter  die  Bluten  tmischnng  dem  Kinde 
mit,  und  Mutter  und  Kind  starben  an  derselben  Blutentmischung. 

Ueber  diesen  Punkt  können  Sie  sich.  Herr  Hofrath,  in  meiner 
Schrift,  Seite  40  und  Seite  68.*)  Belehrung  holen. 

Sie  sehen,  Herr  Hofrath,  wie  ungezwungen  man  sich  alle  beim 
Kindbettlieber  zu  beobachtenden  Erscheinungen  erklären  kann,  wenn 
man  die  einzige  und  wahre  Ursache  des  Kindbettfiebers  kennt ; 
wahrend  Sie  das  Unbekannte  wieder  mit  nicht  gekannten  atmo- 
sphärischen Einflüssen  erklären.  Aber  das  ist  nicht  das  grösste  Ver- 
dienst meiner  Lehre. 

Das  grösste  Verdienst  meiner  Lehre  ist,  dass  selbe  die  sichere 
Verhaftung  dieses  Unglücks  lehrt.  Dass  selbe  dem  Arzte  eine  bewusste, 
verbeugende  Thätigkeit  vorschreibt.  Während  Ihre  Lehre  den  Arzt 
zum  Türken  stempelt,  welcher  in  fatalistischer  unthätiger  Resignation 
das  Unglück  über  seine  Wöchnerinnen  ergehen  lässt. 

Zum  Schlüsse  wird  die  Frage  nach  der  Ursache  dieser  Pseudo- 
Epidemie aufgeworfen;  ich  will  die  Antwort,  die  gegeben  wird,  wört- 
lich wiedergeben. 

„Frfigt  man  nun  nach  dem  Grund  dieser  allerdings  heftigen 
Epidemie  (von  30  Erkrankten  starben  9),  so  ist  kein  anderer  zu 
finden,  als  gewisse  atmosphärische  epidemische  Einflüsse,  die  freilich 
nicht  näher  zu  bestimmen  sind.  Von  all  den  Momenten,  die  als  ätio- 
logische für  das  Puerperal-Fieber  angeführt  werden,  ist  keiner,  ausser 
dem  eben  erwähnten,  hier  in  Anwendung  zu  bringen," 


•    [Seite  IBS  und  138.J 


28* 


436 


SemmelweM*  Abhtudluug'eu  uud  Werk  über  das  Kindbettlieber. 


...Mau  könnte  dagegen  einwenden:  In  der  Anstalt  selbst  sei  durch 
hier  erzeugte  miasmatische  Einflüsse  der  Grund  zu  soeben;  alleni, 
dem  ist  nicht  so;  denn  einmal  ist  nicht  leicht  anzunehmen,  dass  in 
einer  so  neuen,  und  mit  den  besten  Einrichtungen  versehenen,  keines- 
wegs überfüllten  Anstalt  ein  Miasma  aufkommen  könne,  und  dann, 
auch  das  erste  zugegeben,  kamen  während  derselben  Zeit  nicht  aliein 
in  Würzburg  selbst,  sondern  auch  in  dessen  Umgebung  puerperale 
Erkrankungen  vor,  die  Dicht,  WM  noch  besonders  hervorzuheben  ist. 
von  demselben  Arzte  behandelt  wurden.  Ein  weiterer  Grund  für  die 
oben  ausgesprochene  Ansicht  mag  auch  der  sein,  dass  zu  derselben 
Zeit  ausserhalb  der  Anstalt  unverhältnlssmässig  viele  Blutungen  während 
des  Gebnrtsaktes,  so  wie  auch  mehrere  tödtlieh  endende  puerperale 
Erkrankungen  zur  Behandlung  kamen.  Es  dürfte  also  wohl  nicht  zu 
gewagt  erscheinen,  wenn  man  zur  Erklärung  aller  dieser  Erscheinungen 
seine  Zuflucht  zu  dem  Einflüsse  des  gerade  herrschenden  genius  epi- 
demicus  nimmt* 

„Ein  zweiter  Grund,  der  wohl  oft  auf  das  bösartige  Auftreten 
von  Puerperal-Fiebern  in  Gebärhäusern  von  grossem  Einfluss  ist,  lallt 
liier  auch  weg,  der  peinliche  Gemüthsaffekt  nämlich,  den  die  vor  so 
vielen  männlichen  Individuen  vor  sich  gehende  Geburt  nothwendig 
auf  die  Kivissi -nde  haben  muss.  Einmal  wurden  während  der  Epidemie 
keine  Studirenden  zu  den  Geburten  zugelassen,  und  dann  sind  nicht 
nur  auf  der  dritten  Abtheilung  Erkrankungen  vorgekommen,  Bondem 
auch  auf  der  zweiten  und  ersten  ( 'lasse,  wohin,  ausser  im  Falle  einer 
Erkrankung,  kein  männliches  Individuum  kömmt.  Auch  die  Indivi- 
dualität zeigte  keinen  Einfluss;  schwächliche  und  starke,  gesund  aus- 
sehende Wöchnerinnen  wurden  befallen ;  gerade  bei  den  lethal  endenden 
Fällen  waren  die  Frauen  meist  stark  und  kräftig,  während  die 
schwächlichsten  mit  leichten  Erkrankungen  davon  kamen." 

Ich  beantworte  die  Frage  nach  dem  Grunde  dieser  Erkrankuugs- 
und  Sterbefälle  dahin,  dass  diesen  Individuen  zersetzte  thierisch- 
organische  Stoffe  auf  eine  oder  die  andere  Weise  von  Aussen  ein- 
gebracht wurden. 

I  i.iss  diese  Erkrankungs-  und  Sterbefälle  nicht  miasmatischen 
Ursprungs  in  Ihrem  Sinne  seien,  glaube  ich  auch ;  denn  ein  Puerperal- 
Minsma  in  IIii.tii  sinne  existirt  QKhl :  aber  auch  da«  Pm-rperai-Miasnia 
in  meinem  Sinne  hat  diese  Erkankungen  nicht  hervorgebracht,  weil 
das  Puerperal-Miasma  in  meinem  Sinne  nur  in  der  Nachgeburtsperiode 
und  im  Wochenbett  infieiren  kann;  die  30  Erkrankungen  aber  sind 
Folgen  einer  Infection  von  Aussen,  welche  vor  der  Austreibungs- 
periode  geschah,  was  die  früher  erwähnten  Anomalien  während  und 
nach  der  Geburt,  und  der  Umstand  beweiset,  dass  die  Kinder  an  einer 
der  Mutter  ähnlichen  Blutentinisrhung  ebenfalls  starben. 

Meine  Ansicht  über  das  Puerperal-Miasma  ist  folgende:  werden 
die  physiologischen  Exhalationen  der  Wöchnerinnen  und  der  Säug- 
linge nicht  durch  Ventilationen  entfernt,  so  gehen  selbe,  in  der  Luft 
suspendirt,  eine  Zersetzung  ein ,  oder  werden  fertige  zersetzte  Stoffe 
von  einer  oder  mehreren  kranken  Wöchnerinnen  exhalirt,  so  können 
diese  in  der  Luft  suspendirt  gehaltenen  zersetzten  Stoffe  nur  von  der 
inneren  Fläche  des  Uterus  durch  Resorption  aufgenommen  werden; 
das  Puerperal-Miasma  in  diesem  Sinne  kann  daher  nur  in  der  Mi 
geburtsperiode  und  im  Wochenbette,  wo  die  innere  Fläche  des  Uterus 
der  mit  zersetzten  Stoffen  geschwängerten   Luft  zugängig   ist.  Er- 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


437 


krankungen  hervorrufen.  Bei  Wöcl in e. rinnen,  weiche  in  der  Naeh- 
geburtsperiode  oder  im  Wochenbette  durch  in  der  Luft  schwebende  zer- 
setzte Stoffe  erkrankten,  bietet  die  vorausgegangene  Geburt  nicht  die 
oben  erwähnten  Anomalien  dar,  auch  die  Kinder  solcher  sterben  nicht 
an  Blutentmischung,  aus  dem  einlachen  Grunde,  weil  die  Bluten t- 
mischung  bei  der  Erkrankten  zur  Zeit  eintritt,  wo  die  Geburt  schon 
vollendet,  wo  das  Kind  schon  geboren. 

Um  zu  beweisen,  dass  die  Erkrankungen  in  der  Würzburger  Knt- 
bindungs-Anstalt  wirklich  epidemischen  Ursprungs  waren,  wird  er- 
zählt, dass  während  derselben  Zeit  in  Würzburg  selbst,  und  in  dessen 
Umgebung  unverhältnissniüssig  viele  Blutungen  während  des  Geburts- 
aktes, so  wie  auch  mehrere  tödtlich  endende  puerperale  Erkrankungen, 
zur  Behandlung  kamen. 

Herr  Hofrath  setzen  als«»  voraus,  dass  die  Hebammen  und  die 
praktischen  Aerzte.  welche  iu  Würzburg  und  dessen  Umgebung  die 
geburtshilfliche  Praxis  ausüben,  besser  wissen,  als  Sie  selbst.  Herr 
Hofrath,  wie  das  Puerperal-Fieber  zu  verhüten  sei.  Sie  setzen  voraus, 
dass  die  Hebammen  und  praktischen  Aerzte  kein  Infectiouen  machen; 
wenn  daher  dennoch  unter  den  Wöchnerinnen,  welche  diesen  Individuen 
anvertraut  sind.  Puerperal- Fieber  herrscht,  so  kann  das  kein  anderes 
als  ein  epidemisches  sein,  und  wenn  das  Puerperal-Fieber  in  Wiirzburg 
und  in  dessen  Umgebung  epidemisch  ist,  so  ist  auch  das  Puerperal- 
Fieber  in  der  Würzburger  Entbindungs-Anstalt  epidemisch. 

Ich  gestehe,  dass  ich  diese  Ansicht  nicht  theüe ;  ich  glaube  viel- 
mehr,  dass  die  Hebammen  und  die  praktischen  Aerzte,  welche  in 
Würzburg  und  dessen  Umgebung  die  geburtshilfliche  Praxis  ausüben, 
gerade  so  colossale  Ignoranten  über  die  Entstehung  und  Verhütung 
des  Kindbettfiebers  sind,  als  Sie  selbst,  Herr  Hofrath,  und  dass  dem- 
nach die  Puerperal  liil«  Italic  in  Würzbmg  und  dessen  Umgebung 
verhiitbare  Infections- Fälle  von  Aussen  seien. 

Da  es  gewiss  ist,  dass  die  Hebammen  und  die  praktischen  Aerzte, 
welche  in  Würzburg  und  dessen  Umgebung  die  geburtshilfliche  Praxis 
juisüben.  nicht  in  Pest  gelernt  haben,  wie  das  Puerperal-Fieber  ent- 
steht, und  wie  es  verhütet  werden  könne,  so  stelle  ich  die  Frage, 
wo  haben  Selbe  es  gelernt?  Bei  Ihnen  doch  nicht,  Herr  Hofrath, 
bei  Ki wisch  auch  nicht;  nennen  Sie  mir,  Herr  Hofratli.  den  Professor 
der  Geburtshilfe,  der  jetzt  nach  14  Jahren  meine  Lehre  vortragt, 
damit  ich  mich  bei  diesem  Unicum  bedanken  könne. 

Sie  sehen,  Herr  Hofrath,  dass  ich  Ihrer  Lehre  die  Stütze  entzogen, 
welche  Sie  in  den  Mordthaten  gefunden  haben,  welche  die  Hebammen 
und  Aerzte  in  Würzburg  und  dessen  Umgebung  aus  Unwissenheit 
begehen. 

Es  wird  gesagt,  dass  es  besonders  hervorgehoben  werden  müsse, 
■  lass  die  Erkrankungen  in  Würzburg  und  in  dessen  Umgebung  nicht 
der  Praxis  eines  Arztes  angehörten;  natürlich,  es  ist  ja  nicht  blos 
ein  Arzt,  sondern  alle  Aerzte,  die  dort  praktiziren,  sind  Ignoranten 
in  Bezug  der  Verhütung  des  Kindbettfiebers,  und  an  dieser  Ignoranz 
sind  die  Professoren  der  Geburtshilfe  schuld,  bei  denen  die  prakti- 
zirenden  Aerzte  Geburtshilfe  gelernt.  Und  diesbezüglich  haben  Sie, 
Herr  Hofrath.  ein  bedeutendes  Contingent  aus  Unwissenheit  Mordender 
in  Deutschland  versendet 

Dass  manchmal  in  der  Praxis  eines  Arztes  oder  einer  Hebamme, 
besonders    viele  Puerperal-Erkrankuni-vn    \  im  kommen,   ist   darin    be- 


438 


Seminelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


gründet,  dass  ein  solcher  Arzt  oder  Hebamme  eine  längere  Zeit  einen 
Kliniken  oder  eine  Kranke  behandeln,  deren  Krankheiten  zersetzte 

fe   erzeugen,   wodurch   die   Kreidenden,    welche   während  di« 
Zeit  untersucht  werden,  inficirt  werden. 

Dass  peinliehe  Geinüths-Affecte  kein  ätiologisches  Moment  des 
Kändbettfiebers  seien,  habe  ich  in  meiner  Schrift  von  Seite  374, 
Zeile  3  von  unten  bis  Seite  389*)  bewiesen 

Wenn  -Sie  daher  sagen  lassen,  dass  Gemüthsaffecte  ihre  Er- 
krankungen nicht  hervorgerufen  haben,  weil  keine  Studirenden  währen! 
der  Pseudo-Epidemie  zu  den  Geburten  zugelassen  wurden,  so  hfl 
Sie  eigentlich.  Herr  Hofrath,  sagen  wollen,  dass  diese  Erkrankm 
nicht  in  Folge  einer  Infection  von  Aussen  entstanden  sind,  weil  ja 
die  Schüler  nicht  untersucht  haben.  Für  so  gewissenlos  halte  ich 
sie,  Herr  Hofrath,  denn  doch  nicht,  um  vorauszusetzen,  dass  diese 
Geburten  ohne  alle  Untersuchung  vor  sich  gegangen;  vielleicht  haben 
Herr  Hofrath  selbst  oder  Ihr  Assistent  diese  Kreissenden  untersacht, 
um  zu  bestimmen,  ob  eine  normale  oder  abnorme  Geburt  zu  erwarten 
stehe;  es  ist  um  so  wahrscheinlicher,  dass  während  dieser  Pfleudo- 
Epidemie  untersucht  wurde,  weil  viermal  mit  der  Zange  operirt  wurde, 
und  einmal  wurde  eine  Wendung  gemacht;  Herr  Hofrath  haben  ver- 
gessen, dass  zwei  ihrer  Zimmer  gynäkologischen  Kranken  gewidmet 
sind.  In  einer  gynäkologischen  Abtheilung  gibt  es  oft  Kranke,  deren 
Krankheiten  zersetzte  Stoffe  erzeugen,  und  es  ist  nicht  ndthig.  dass 
Stndirende  untersuchen,  um  eine  Pseudo-Epidemie  hervorzurufen,  dazu 
genügt  der  Herr  Hofrath  und  der  Assistent,  welcher  in  der  gynä- 
kologischen Abtheilung  und  in  dem  Kreissezimmer  untersucht. 

Und  wenn  Sie  Herr  Hofrath  auch  in  dem  Umstände,  dass  nicht 
blos  auf  der  dritten  Abtheilung  Erkrankungen  vorgekommen  sind, 
sondern  auch  auf  der  zweiten  and  ersten,  wohin,  ausser  im  Falle 
einer  Erkrankung,  kein  männliches  Individuum  kömmt,  auch  einen 
Grund  finden,  die  Erkrankungen  epidemischen  Ursprungs  zu  halten, 
so  theile  ich  diese  Ansicht  nicht;  ich  glaube  vielmehr,  dass  üe 
Hebamme,  welche  dort  die  Gebarenden  untersucht,  bei  dem  Würz- 
burger Publikum  Vertrauen  besitzt,  weil  selbe  bei  Ihnen  dient,  dast 
selbe  daher  Privatpraxis  ausübt,  und,  da  selbe  gewiss  nicht  mehr 
weiss,  als  Sie,  Herr  Hofrath,  wie  man  das  Puerperal-Fieber  verhütet, 
so  wird  selbe,  wenn  sie  mit  Kranken,  welche  zersetzte  Stoffe  erzeugen, 
in  Berührung  kommt,  inficiren. 

Sie   sehen    daher,    Herr  Hofrath,   dass  das  für  die  Wöchnerinnen 
der  zweiten  und  ersten  Classe  kein  Schutz  gegen  Puerperal -Fiebe 
dass  dorthin   keine  männlichen  Individuen  kommen;   eine  unwissende 
Hebamme  ist  allein  gefährlich  genug. 

Meine  Lehre  basirt  unter  anderem  auch  darauf,  dass  es  mii  in 
Folge  meiner  Lehre  gelungen  ist,  von  Mitte  Mai  1847  bis  25.  Hai 
1861  an  drei  Anstalten,  welche  früher  alljährlich  von  furchtbaren 
Pseudo-Kindbettfieber-Epidemieu  heimgesucht,  wann,  die  Sterblich- 
keit in  dem  Grade  zu  beschränken,  dass  die  sich  ereignete  Sterblichkeit 
keine  Epidemie  genannt  werden  kann,  und,  wenn  ja  manchmal  die 
Sterblichkeil  grösser  war.  als  selbe  in  meinen  Anstalten  zu  sein 
pflegte,  so  konnte  immer  nachgewiesen  werden,  dass  trotz  tue 
Massregeln  den    Individuen  zersetzte  Stoffe   von  Aussen  eingebracht 


|Seite  824,  Zelle  I  ron  obeu  bis  Seite  333.1 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


130 


wurden,  über  welche  Gegenstände  Sie  sich,  Herr  Hofrath.  in  meiner 
Schritt,  Seite  111,  Zeile  3  von  unten*),  Belehrung  suchen  können. 

Meine  Lehre  basirt  darauf,  dass  Im  Bednar  die  Sepsis  des  Blutes 
bei  Neugebornen  im  Wiener  Findelhause  nach  Einführung  der  Chlor- 
waschungen  seltener  werden  sah  (Seite  69,  Zeile  8  von  oben**)). 

Meine  Lehre  basirt  darauf,  dass  an  der  ersten  Geburtsklinik  zu 
Wien,  obwohl,  wie  wir  im  Briefe  an  Prof,  Spaeth  nachgewiesen.  •!' »it 
in  iu  Jahren  1083  verhütbare  Infections-Fälle  von  Aussen  vorge- 
kommen sind,  dennoch  in  eben  den  10  Jahren  2982  Mütter  gerettet 
wurden  und  die  Kinder,  wek-he  von  den  2982  Müttern  inficirt  ebenfalls 
gestorben  wären,  weil  in  Folge  meiner  Lehre .  obwohl  immer  nur 
Gegner  von  mir  dort  wirkten,  dennoch  die  Sterblichkeit  auf  ein 
Drittel  der  früheren  Sterblichkeit  herabgedrückt  wurde,  gewiss,  ohne 
meiner  Lehre,  würde  sich  die  Sterblichkeit  in  dem  Grade  fortgesetzt 
haben,  in  welchem  sich  selbe  während  der  sechs  Jahre,  wo  die  erste 
Klinik  Klinik  für  die  Aerzte  war,  ohne  Chlorwaschungen,  ereignete; 
es  wären  mithin  in  diesen  10  Jahren  nicht  1491,  sondern  4473  Wöchne- 
rinnen gestorben. 

Meine  Lehre  basirt  darauf,  dass  Michaelis,  .schmerzlichen  Ange- 
denkens, nieine  Lehre  im  Gebärhanse  zu  Kiel  bestätigt  gefunden. 

Meine  Lehre  basirt  darauf,  dass  der  Gesundheitszustand  der 
W  >'"  hnerinnen  im  Kopenhagener  Gebärhause  in  Folge  meiner  Lehre 
ein  günstiger  ist,   während  er  früher  so  ungünstig   war,   dass  die 

lenz  des  Gebärhauses,  wie  Michaelis  uns  erzählt,  in  Frage  gestellt 
war.  obwohl  Prof.  Levy  nicht  meiner  Lehre,  sondern  andern,  nicht 
stichhältigen  Gründen,  wie  wir  in  unserer  Schrift  nachgewiesen,  die 
Verbesserung  des  <  H-sundheitszustandes  zuschreibt. 

Ihre  Lehre.  Herr  Hofrath,  basirt  auf  den  Leichen,  aus  Unwissen- 
heit ermordeter  Wöchnerinnen,  und  nachdem  ich  den  unerschütter- 
lichen Entschluss  gefasst  habe,  dem  Morden,  so  weit  es  in  meiner 
Macht  liegt,  ein  Ende  zu  machen,  so  richte  ich  an  Sie.  Herr  Hofrath. 
folgende  Aufforderung: 

Es  sind  nur  zwei  Fälle  möglich.  Entweder  halten  Sie  meine 
Lehre  für  falsch,  oder  Sie  halten  meine  Lehre  für  wahr;  ein  drittes 
gibt  es  nicht. 

Halten  Sie  meine  Lehre  für  falsch,  so  fordere  ich  Sie  hiermit 
auf,  mir  die  Gründe  mitzutheileu,  warum  Sie  meine  Lehre  für  falsch 
halten. 

1  li  habe  zwar  in  meiner  Schrift  über  Kindbett-Fieber  103  Druck- 
seiten verwendet,  blos  um  alle  ihre  Irrthümer  und  Täuschungen,  von 
welchen  Sie  in  Bezug  auf  das  Kindbettfieber  gefangen  geh.iltm  werden, 
zu  widerlegen;  sollten  Ihnen  meine  Gründe  nicht  genügen,  oder  haben 
Sie  neue  Zweifel,  so  fordere  ich  Sie  hiermit  auf,  mir  selbe  öffentlich 
mitzutheilen;  ich  werde  Ihnen  öffentlich  die  nöthige  Belehning  er- 
theilen,  weil  es  ausser  Ihnen  noch  viele  gibt,  die  einer  Belehrung 
in  Betreff"  des  Kindbettfieber  benöthigen.  Halten  Sie  meine  Leine 
für  wahr,  so  fordere  ich  Sie  hiermit  auf,  das  öffentlich,  ohne  Rückhalt 
zu  erklären,  nicht  um  mir  eine  Genugthuung  zu  verschaffen,  Sendern 
um  Ihre  Schüler  und  Schülerinneu,  die  Ihnen  ausserhalb  des  Gebär- 
hauses die  Leichen  zur  Bestätigung  Ihrer  Lehre  liefern,  der  Wahrheit 


[Seite  lud,  Zeile  6  von  ubeii.] 
**j  [Seite  i:t9,  Zeile  14  von  oben.J 


440  Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

zuzuführen,  Sollten  Sie  aber,  Herr  Hofrath,  ohne  meine  Lehre  wider- 
legt zu  haben,  fortfahren,  für  die  Lehre  des  epidemischen  Kindbett- 
fiebers zu  schreiben,  und  schreiben  zu  lassen,  —  sollten  Sie  aber, 
Herr  Hofrath,  ohne  meine  Lehre  widerlegt  zu  haben,  fortfahren,  Ihre 
St  hiiler  und  Schülerinnen  in  der  Lehre  des  epidemischen  Kindb.tt- 
Fiebers  zu  erziehen,  so  erkläre  ich  Sie  vor  Gott  und  der  Welt  für 
emen  Morder,  und  die  „Geschichte  des  Kindbett-Fiebers"  würde  gegen 
Sie  nicht  BDgereeJri  sein,  wenn  selbe  Sie  für  das  Verdienst,  der  1 
gewesen  zu  sein,  der  sich  meiner  lebeorettendeii  Lehre  widersetzt, 
als  medicinischen  Nero  verewigen  würde. 


Anhang. 

In  der  am  19.  April  1861  ausgegebenen  16-ten  Nummer  der 
„Gazette  Hebdomadaire,"  ist  der  Bericht  einer  Sitzung,  gehalten  am 
20.  Dezemb.  186*0  der  Societe  de  Medecine  du  departement  de  la 
Seine,  enthalten,  ans  welchem  Berichte  zwei  Dinge  zu  entnehmen 
sind:  erstens,  dass  damals  neuerdings  in  der  „Charite"  eine  heftige 
Pseudopuerperal-Fieber-Epidemie  herrschte,  zweitens,  dass  die  Aer/.re, 
welche  sich  an  der  Discussion  betheiligten,  nicht  die  richtigen  An- 
sichten über  Puerperal -Fieber  äusserten. 

In  Folge  dessen  fand  ich  mich  veranlasst,  der  Societe  de  Mede- 
cine du  departement  de  la  Seine,  der  Academie  des  Sciences,  der 
Academie  de  Medecine,  der  Societe  medicale  allemande  de  Paris,  und 
der  Societe  de  Chirurgie  je  ein  Exemplar  meiner  Schrift  zuzusenden. 

l'nd  damit  meine  Lehre  neuerdings  auch  in  England  einer  l»is- 
cussion  unterzogen  werden  möge,  habe  ich  nach  England  an  die 
Doctoren  und  Professoren  Routh,  Webster,  Copeland,  Simpson  und 
Murphy  mein  Werk  gesendet. 


Zwei  offene  Briefe 


an 


Math  Dr.  Eduard  Casp.  Jac.  y.  Siebold, 

Professor  der  Geburtshilfe  zu  Göttingen 
und  an 


Hofrath  Dr.  F.  W.  Scanzoni, 

Professor  der  Geburtshilfe  zn  Wttrzburg 


von 


Dr.  J.  Ph.  Semmelweis, 

Professor  der  Geburtshilfe  an  der  künigl.  ungar.  Universität  zu  Pest. 


Pest. 

Gustav  Emich,  Buchdrucker  der  ungar.  Akademie. 
1861. 


Ali  Hofrath 

Dr.  Eduard  Casp.  Jac.  v.  Siebold, 

Professor  der  Geburtshilfe  zu  Göttüigen 


Herr  Hofrath  werden  aus  dem  offenen  Briefe,  welche  ich  an 
Professor  Spaeth  gerichtet,  und  weichen  ich  Ihnen  einzusenden  die 
Ehre  hatte,  entnommen  haben,  dass  ich,  um  dem  .Morden  ein  Ende 
zu  machen,  den  unerschütterlichen  Entschluss  gefasst  habe.  Jedem, 
der  es  wagt.  Irrthümer  über  das  Puerperal-Fieber  zu  verbreiten, 
schonungslos  gegenüber  zu  treten. 

Herr  Hofrath  haben  sich  der  Verbreitung:  von  Irrthümern  über 
das  Puerperal-Fieber  schuldig  gemacht  durch  einen  Aufsatz,  welcher 
im  Mai-Hefte  des  Jahres  1861  der  Monatsschrift  für  Geburtskunde 
und  Frauenkrankheiten  unter  der  Aufschrift:  ^Betrachtungen  über 
das  Kindbettfieber;  nach  Lehmanns  Rapports  de  la  commission  d'ob- 
st«tri<|ue,  communiques  au  cercle  medical  d'Amsterdam"  enthalten  ist. 

Ich  erinnere  mich  mit  Vergnügen  der  Zeit,  die  wir  zusammen 
in  Wien  zugebracht;  es  war  ja  die  Zeit,  wo  es  mir  schon  gelungen 
war.  die  erste  Gebärklinik  aufhören  zu  machen,  eine  wahre  vom 
Staate  unterhaltene  Mörderhfthle  zu  sein. 

Ich  erinnere  mich  mit  Vergnügen  der  Zeit,  die  wir  in  Pest  zu- 
gebracht; mich  knüpfen  angenehme  Erinnerungen  an  Sie,  Herr  Hof- 
ratfa :  aber  das  .'Stöhnen  der  am  Kindbettfieber  sterbenden  Wöchnerinnen 
übertönt  die  Stimme  meines  Herzens;  und  ineine  Vernunft  gebietet 
mir,  die  Wahrheit  zur  Geltung  zu  bringen,  selbst  wenn  dadurch  mein 
Herz  schmerzlich  berührt  werden  sollte. 

Es  giebt  viele  Dinge  in  der  Natur,  von  welchen  die  Aerzte  lauge 
nichts  wussten.  ohne  «lass  deshalb  das  menschliche  Leben  gefährdet 
gewesen  wäre. 

Der  Kreislauf  des  Blutes  hat  mehr  als  5000  Jahre  bestanden,  bis 
ihn  William  Harvey  entdeckte;  aber  deshalb  ist  Niemand  gestorben. 

So  gefahrlos  ist  die  Unwissenheit  der  Aerzte  in  Betreff  des 
Kindbettfiebers  nicht;  die  Geschichte  des  Kindbetthebers  ist  ein  grfiss- 
licher  Zeuge,  wie  viele  Wöchnerinnen  seit  zwei  Jahrhunderten  in 
Folge  von  Puerperal-Fieber  gestorben,  weil  die  Aerzte  nicht  wußten, 
wie  das  Puerperal-Fieber  entsteht,  und  wie  es  verhütet  werden  kann. 

Im  Jahre  1847  habe  Ich  den  Aerzten  gesagt,  wie  das  Puerperal- 
Fieber  entsteht,  und  wie  das  Puerperal-Fieber  verhütet  werden  könne; 
und  dennoch  sind  seit  1847  tausende  und  lausende  von  Wöchnerinnen 


444 


Semmelweis   Abhandlungen  and  Werk  Über  das  Kindbettiieber. 


und  .Säuglingen   gestorben,  welche  hätten  gerettet   werden   können, 
weil   ärztliche  Unfähigkeit,   und   ärztliche  Schlechtigkeit  die   seg-n>- 

lien  Folgen  meiner  lebensrettenden  Lehre  vereitelte. 

Das  inuss  anders  werden. 

Herr  Hoi'rath  sagen  Seite  345,  Zeile  9  von  unten,  folgendes: 

„Die  eiterige  oder  ichorDse  Blutinfeotion  des  lebenden  Organis- 
mus durch  deletäre  Stoffe,  wie  wir  sie  besonders  im  Leichengifte 
finden,  hat  bekanntlich  in  der  Neuzeit  der  Wissenschaft li<  theo  unter- 
suchuug  ein  weites  Feld  eröffnet.  Semmelweis  sprach  im  Jahre  1847 
die  Theorie  der  Leichen-Infeetion  als  Hauptursache,  ja  sogar  als 
einzige  Ursache  der  Puerperal-Epidemien  aus.  Nach  ihm  besasseu 
die  Leichen-Molecule,  welche  nach  Sectionen  oder  Uebuugeu  an 
l'adavern  an  den  Fingern  haften  bleiben,  ja  selbst  der  Leichengeruch, 
dar  noHi  D&ch  Waschungen  mit  Seifen wasser  zurückbleibe,  die  Eigen- 
schaft, die  Puerperal-Prozesse  bei  nachher  vorgenommenen  inneren 
Untersuchungen  während  der  Geburt  einzuimpfen.  Er  empfahl  daher 
\\  .i schungen  mit  Chlorkalk,  um  der  Infection  auf  dem  Wege  zuvor- 
zukommen. 

Semmelweis  fand  in  Skoda  einen  eitrigen  Vertheidiger  seiner 
Ansicht  Es  gehört  nicht  hierher,  weiter  in  die  Beweise ,  welche 
dieser  Theorie  zur  Stütze  dienen  sollen,  einzugehen,  und  die  vev- 
M  liii  «lern  n  Ansichten  der  Geburtshelfer  über  diesen  Punkt  anzuführen. 
Es  genüge  zu  bemerken,  dass  die  Akademie  der  Medicin  in  ! 
unter  dem  Vorsitze  von  Orfila  durch  eine  gründliche  wissenschaftlii-li*' 
Prüfung  sich  dagegen  erklärt  hat 

„Genug,  über  die  Theorie  der  Leicheninfection  ist  gegenwärtig 
das  ritheil  gesprochen,  sie  muss  für  übertrieben  und  für  zu  exclusiv 
angesehen  werden.  Es  ist  hinlänglich  bewiesen,  dass  in  einigen 
Fällen  die  Krankheit  durch  eine  ähnliche  Infection  hervorgebracht 
wurde,  und  wir  würden  diejenigen  ernstlich  tadeln,  welche  sich  ■  rl.inliten, 
eine  Exploration  oder  Operation  bei  schwangeren,  gebärenden  oder 
niedergekommenen  Frauen  mit  Händen  vorzunehmen,  welche  selbst 
nach  wiederholten  Waschungen  immer  noch  eine  Spur  von  Leichen* 
geroch  an  sich  trügen.  Aber  es  ist  zu  weit  gegangen,  wenn  man 
dies  als  die  einzige  Ursache  des  Kindbettfiebers  ansehen,  und  durch 
sie  das  so  häutige  Auftreten,  den  bösartigen  Charakter,  und  die  epi- 
demische Verbreitung  der  Krankheit  in  Gebäraustalten  erklären  wollte." 


I  >ie»elbe  Widerlegung1  hat  Semmelweia'sche  Annahme  auch  von   vielen   an- 
deren Seiten  erfahren,  und  es  ist  nachgewiesen,  dass  die  lebertragung  von  Leichen- 
gift   allein    den    Ausbruch    des    Kindbettliebers    wenigstens    Dicht    in    allen    Fällen 
erklärr.     Wir   unterschreiben    aber   vollkommen,   waa    Lehmann    in    dem    Folgen- 
den über  die  Möglichkeit  einer  solchen  Infection  angiebt,  zumal  wenn  solche  v«p- 
liiilttiisse  obwalten,  wie  sie  •Semiuelweis  von  Wien  ans  gemeldet  hat.  dass  aus 
dortigen  Leichenhatue  das  Leichengift  unmittelbar  durch  Untersuchung  mit  unreinen 
Händen  auf  Gebärende  u.  s.  w.   ffhertragen  wurde.    Es   kann  hier  nicht    V 
genug  empfohlen  werden,  und  es  sind  dafür  die  von  8.  angeratheneu  und   gvBbten 
Waschungen  mit  CbJorkalklösuitg  io   individuellen    Pillen  gewiss    an   Ehrer    - 
S •iiiinelwris   hat  über  diesen  Gegenstand  in  einer   eben   erschienenen  Schrift: 
Aetiologie.  der  Begriff  nnd  die  "Prophylaxis   des  Kindbetrfiebers.    Pest,   Wien  und 
Leipzig  1861,  8,"   noch    einmal  zu   Gunsten   seiner  Ansicht    das  Wort  ergriffet 
aber  dabei  in  so  niass loser  Weise   gegen  Alle,    die  nicht  seiner  Meännug  sind, 
auch   nur  Zweifel  über   dieselbe   zu  äussern  wagten,  zu  Felde    gezogen,   das*  wir 
solches  nur  aufrichtig  bedauern  können,  da  die  Sache  selbst  einen   guten  Kern  hat, 
für  Wien  namentlich  vuu  grosser  praktischer  Bedeutung  war,  und  nirgends  ven- 
werdeu  sollte. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  dar  Geburtsliillr. 


445 


UI 

Sc 


Herr  ITuliith  .sprechen  meine  Ueberzeugung  aus.  wenn  Sie  be- 
hau fiten,  dass  die  cadaveröse  Infection  nicht  die  einzige  Ursache  aller 
Puerperal-Fieber- Epidemien  sei.  Herr  Hofrath  sprechen  meine  Ueber- 
zeugung aus,  wann  sie  behaupten,  dass  nicht  alle  Falle  von  Puerperal- 
Fieber  durch  cadaveröse  Infectiii  «rklärt  werden  käuten,  und  hierauf 
basirt.  Ziehen  Sie,  Herr  Hofrath.  den  richtigen  Schluss.  dass  die 
cadaveröse  Infection  für  übertrieben,  und  für  zu  exclusiv  angesehen 
werden  müsse. 

Aber  eben  deshalb,  weil  ich  diese  Ueberzeugung  liabe.  protestire 
ich  feierlichst  gegen  die  Bezeichnung  meiner  Lehre  durch  den  Aus- 
rinuk  ..cadaveröse  Infection". 

Herr  Hofrath  haben  Seite  276,  Zeile  2  von  unten,*)  in  meiner 
hrift  die  erste  Publication  meiner  Ansicht  über  die  Entstehung  und 
Verhütung  des  Kindbettfiebers  gelesen,  in  welcher  schon  die  lii-uku-li- 
tungen  über  den  Uterus-Krebs,  und  über  das  cariöse  Knie  enthalten  sind. 

Herr  Hofrath  haben  Seite  102**)  gelesen,  dass  ich  ausser  dem  Oa- 
daver  noch  zwei  Quellen  aufzähle,  aus  welchen  der  zersetzte  thi«*risi-li- 
organische  Stoff  genommen  wird,  für  die  Infectionen  von  Aussen. 

Und  wenn  Sie,  Herr  Hofrath,  trotz  alledem  mir  eine  Lehre  unter- 
srhieben,  welche   alle   Puerperal -Fieberfälle  durch   Infectionen   vom 
Cadaver  entstehen  lässt;  so  ist  das  entweder  absichtliche  Entstellung 
einer  Lehre,  oder   es   ist  Mangel  des  Verständnisses  meiner  Lehre. 

Um  Sie  Herr  Hofrath  zu  belehren,  will  ich  Ihnen  hier  abermals 
meine  Lehre  in  Kürze  vortragen.  Meine  Ueberaeugung  ist:  dass  alle 
Fülle  von  Kindbettfieber,  keinen  einzigen  Fall  von  Kindbettfieber 
ausgenommen,  welche  entstanden  sind,  seit  das  menschliche  Weib  ge-* 
hart,  dadurch  entstanden  sind,  dass  in  seltenen  Fällen  ein  deletärer 
Stoff  im  erkrankten  Individuum  entstanden  ist.  Diese  Fälle  der  Selbst- 
infection  sind  keine  cadaverösen  Infectionen. 

In  der  überwiegend  grössten  Mehrzahl  der  Puerperal-Fieberfälle, 

che  entstanden  sind,   seit  das  menschliche  Weib   gebärt,  ist   das 

erperal-Fieber  dadurch  entstanden,  dass  den  Individuen  ein  deletärer 

Stoff  von  Aussen  eingebracht  wurde.     Der  Quellen,  woher  der  deletäre 

Stoff  für  die  Infectionen  TOB  Aussen  genommen  wird,  sind  drei,  wozu 

allerdings  auch  der  Cadaver  gehört,  aber  nicht  der  Cadaver  allein. 

ist  meine  Ueberzeugung,  dass  das  Puerperal-Fieber,  welches 
in  seltenen  Fällen  entsteht,  weil  ein  deletärer  Stoff  sich  in  ergriffenen 
Individuen  entwickelt,  entstehen  wird,  so  lange  das  menschliche  Weib 
gebären  wird.  Ob  aber  das  Puerperal-Fieber.  welches  durch  Ein- 
bringung deletärer  Stoffe  von  Aussen  entsteht,  ganz  aufhören  wird, 
oder  in  welcher  Ausdehnung  es  vorkommen  wird,  so  lange  das  mensch- 
liche Weib  gebären  wird,  das  hängt  davon  ab,  in  welcher  Ausdehnung 
ärztliche  Fähigkeit,  und  ärztliche  Redlichkeit  meiner  Lehre  ihre  leben- 
rettende Wirksamkeit  zu  entfalten  gestatten  wird. 

Ei  ist  daher  die  einzige  Ursache  aller  Fälle  von  Kindbettfieber, 
keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  welche  entstanden  sind,  seit  das 
menschliche  Weih  gebärt,  ein  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff. 

Es  ist  daher  die  einzige  Ursache,  welche  alle  Fälle  von  Puerperal- 
Fieber,  keinen  einzigen  Fall  ausgenommen,  hervorbringen  wird,  so 
lange  das  menschliche  Weib  gebären  wird,  ein  zersetzter  thierisch- 
organischer  Stoff. 


in 


in  ff 

wel 
Poe 


)  [Seite  264,  Zeile  24  von  oben.J 


[Seite  159.) 


44(5 


Semmelweia'  Abhandlungen  nnd  Werk  aber  das  Kindbettneber. 


Eine  der  Quellen,  aus  welchen  der  das  Kindbettfieber  erzeugende 
zersetzte  thierisch-organische  Stoff  genommen  wird,  ist  allerdings  die 
Leiche,  aber  nicht  die  Leiche  allein. 

Für  mich  ist  daher  nur  das  ein  ätiologisches  Moment  des  Kind- 
bettfiebers, was  einen  zersetzten  Stoff  in  den  Individuen  entstehen 
macht;  für  mich  ist  daher  nur  das  ein  ätiologisches  Moment  des  Kind- 
betttiebers,  welches  dem  Individuum  von  Aussen  einen  zersetzten  Stoff 
einbringt;  alles  übrige  der  bisher  giltigen  Aetiologie  des  Kindl 
fiebers,  welches  weder  in  den  Individuen  einen  deletären  Stoff  ent- 
stehen macht,  noch  den  Individuen  einen  deletären  Stoff  von  Aussen 
einbringt,  und  was  seit  Jahrhunderten  gedankenlos  als  Aetiologie  dee 
Kindbetttiebers  gelehrt  wurde,  ist  keine  Aetiologie  des  Kindbett  Hebers. 

Wenn  ich  auch  Ihre  Ueberzeugung  tlieile,  dass  nicht  alle  Puer- 
peral-Fieber-Epidemien  und  alle  Fälle  von  Puerperal- Fi  eher  in  Folge 
cadaveroser  rufection  entstehen,  N  I reime  ich  mich  gleich  von  Ihnen. 
Herr  Hofrath.  wenn  Sie  behaupten,  dass  nur  in  einigen  Fällen  das 
Kindbettfieber  in  Folge  cadaveroser  Infection  entstehe,  und  wenn  Sie 
es  zu  weit  gegangen  nennen,  wenn  man  das  so  häufige  Antn 
den  bösartigen  Charakter,  und  die  epidemische  Verbreitung  der  Krank- 
heit in  Gebärhäusern  durch  cadaveröse  Infection  erklärt. 

Eine  jede  der  drei  Quellen  kann  eine  Pseudo-Epideniie  hervor- 
rufen. Im  Schuljahre  1886 — 7  und  1857 — 8  hat  die  dritte  Quelle  eine 
Pseudo-Epidemie  hervorgerufen  an  der  geburtshililb ihen  Klinik  zu 
Test.  Die  Pseudo-Epidemien  des  St.  Bochusspitals  kamen  von  der 
zweiten  Quelle ;  Chiari  hatte  in  Prag  zwei  Pseudo-Epidemien  aus  der 
zweiten  Quelle  gehabt,  und  das  häufige  Auftreten,  der  böswillige 
Charakter  und  die  furchtbaren  Pseudo-Epidemien  im  Wi< 
hause  wurden  zum  grössten  Theil  aus  der  ersten  Quelle  erzeugt. 

I  üe  Pseudo-Epidemien  des  Wiener  Gebärhauses,  namentlich  das  Plus 
der  Sterblichkeit  an  der  I.  Klinik  im  Vergleiche  zur  IL  Klinik  während 
der  sechs  Jahre,  wo  die  I.  Klinik  ausschliesslich   Klinik  für  A« 
war.  ^line  Clilorwaselitiiigen.    war  ausschliesslich  cadaverflse  [nfection 

Wovon  folgende  Tabelle  Sie,  Herr  Hofrath.  überzeugen  wird. 

Das  Wiener  Gebärhaus  wurde  eröffnet  den  16.  Anglist  17s4. 

39  Jahre  Medicin  in  Wien  ohne  anatomische  Grundlage. 

Wöchnerinnen  Todte  Percent 

71.3H5  897  1.25 

10  Jahre  Medicin  mit  anatomischer  Grundlage. 
Wöchnerinnen  Todte  Perceat 

28.429  1509  5,30 

8  Jahre  Trennung  des  Gebärhauses  in  zwei  Abheilungen,   an  beiden 

'Abtheilungen  Schiller  und  Schülerinnen  in  gleicher  Anzahl  vertheilt. 

I.  Abtheilung:  II  Abteilung: 

Wochner.        Todte        Percent         wnchner.        Todte        Percent 

23.059  1505  6.56  18,097  731  5.58 

6  Jahre  1   Abtheilnng  ausschliesslich  Klinik  für  Aerzte.  II.  Abtheilung 
ausschliesslich  Klinik  für  Hebammen.    Ohne  Chloi  Waschungen. 
I.  Klinik.  II.  Klinik. 

Klinik  für  Aerzte:  Klinik  für  Hebammen: 

Wochm  Todte        Perceut        Wöchner.       Todte       Percent 

20.042  1989  9.92  17,791  691  3.38 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


447 


12  Jahre  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen. 

Klinik  für  Aerzte:  Klinik  für  Hebammen: 

Wöchner.        Todte        Percent         Wöchner.        Todte        Percent 

47.938  1712  3.57  40,770  1248  3.06 

Sie  sehen.  Herr  Hofrath,  dass  innerhalb  39  Jahren,  während  die 
Medicin  in  Wien  noch  der  anatomischen  Grundlage  entbehrte,  folglich 
mit  reinen  Händen  untersucht  wurde3  Eine  Wöchnerin  von  100  Wöch- 
nerinnen starb. 

Sobald  die  Medicin  die  anatomische  Grundlage  annahm,  starben 
5  Wöchnerinnen  von  100  Wöchnerinnen  während  10  Jahren. 

Die  nächst  folgenden  8  Jahre  wurde  das  Gebärhaus  in  zwei  Ab- 
teilungen eingetheilt,  und  beiden  Abtheilungen  wurden  Schüler  und 
Schülerinnen  in  gleicher  Anzahl  zugewiesen.  Die  Sterblichkeit  der 
1.  Abtheilung  war  6  von  100;  die  der  II.  Abtheilung  5  von  100. 

Die  nächst  folgenden  6  Jahre,  wo  die  I.  Klinik  ausschliesslich 
für  Aerzte  bestimmt  war,  und  die  IT.  Klinik  ausschliesslich  für  Heb- 
ammen, ohne  Chlorwaschungen,  steigerte  sich  die  Sterblichkeit,  un- 
gerechnet der  ungemein  zahlreich  transferirten  Wöchnerinnen ,  auf  9 
von  100,  auf  der  IL  Klinik  sank  die  Sterblichkeit  auf  3  von  100; 
weil  durch  Zuweisung  sämnitlirher  Srhüler  an  der  I.  Klinik  viel 
häufiger  aus  der  Quelle,  welche  der  Cadaver  darstellt,  inticirt  Würde, 
als  an  der  11.  Klinik. 

In  den  12  Jahren  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen  Bank 
die  Sterblichkeit  der  I.  Klinik  auf  3  von  100.  Die  Sterblichkeit  der 
IL  Klinik  minderte  sich  nicht  wesentlich. 

Im  Jahre  1841  starben  an  der  I.  Klinik  237  Wöchnerinnen  am 
Kindbettfieber,  im  Jahre  1845  starben  241.  im  Jahre  1844  260.  im 
Jahre  1843  starben  274,  im  Jahre  1846  starben  459.  im  Jahre  1842 
starben  518  Wöchnerinnen.  Im  Jahre  1848  wurde  die  Sterblichkeit 
in  Folge  der  Chlorwaschungen  auf  45  Todte  reducirt,  in  den  nächst- 
folgeuden  12  Jahren  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen  sind  wohl 
1233  verhütbnre  Infectionsfälle  von  Aussen  vorgekommen,  weil  von 
47,938  Wöclinerinnen  1712  starben,  aber  trotzdem  wurden  3424  Wöch- 
nerinnen durch  Chlorwaschungen  gerettet  weil  die  Sterblichkeit  durch 
chlorwaschungen  auf  ein  Drittel  der  früheren  herabgedrückt  wurde; 
ohne  Chlorwaschungen  hätte  sich  die  Sterblichkeit  in  dem  Grade 
fortgesetzt,  in  welchem  sich  die  Sterblichkeit  der  L  Klinik  ereignete 
in  den  6  Jahren,  wo  selbe  ausschliesslich  Klinik  für  Aerzte  war,  ohne 
Chlorwaschungen;  es  wären  mithin  nicht  1712,  sondern  5136  Wöch- 
nerinnen gestorben. 

Der  Thatsache  der  grossen  Sterblichkeit  der  6  Jahre  vor  Ein- 
führung der  Chlorwaschungen,  beinahe  ausschliesslich  bedingt  durch 
cadaveröse  Infection,  der  Thatsache  der  Verminderung  der  Sterblich- 
keit durch  Verhütung  der  cadaverösen  Infection  nach  Einführung 
der  Chlorwaschungen  in  12  Jahren  um  3424  Wöchnerinnen  gegenüber 
nimmt  sich  Ihr  Ausspruch,  Herr  Hofrath,  „dass  es  hinlänglich  be- 
wiesen sei,  dass  in  einigen  Fällen  in  Folge  cadaveröser  Infection  die 
Kindbettfieber  entstehen,  dass  es  aber  zn  weit  gegangen  sei ,  durch 
die  cadaveröse  Infection  das  so  häutige  Auttreten,  den  bösartigen 
Charakter  und  die  epidemische  Verbreitung  der  Krankheit  in  Gebar- 
anstalten zu  erklären,11  dieser  Thatsache  gegenüber  nimmt  sich  Ihr 
Ausspruch  als  colos^aler  Irrthum  aus. 


448 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Khidbettfieber. 


Wenn  Sie,  Herr  Hot'rath,  lehren  würden,  dass  jedes  Puerperal- 
fieber durch  Resorption  eines  deletären  Stoßes  entstehe,  und  dass  man 
die  Sterblichkeit  durch  Verhütung  der  Infection  von  Aussen  auf  nicht 
Eine  Todte  unter  100  Wöchnerinnen  beschränken  könne,  und  wenn 
wir  dann  verschiedener  Ansicht  wären,  aus  welcher  Quelle  mehr  in- 
ficirt  wurde  zur  Zeit,  wo  mehr  Wöchnerinnen  starben  als  Eine  von 
100,  80  würde  ich  deshalb  nicht  mit  Ihnen.  Herr  Hofrath,  zanken: 
ich  würde  mich  vollkommen  beruhigt  fühlen  durch  die  Wahrheit,  die 
sie  lehren,  dass  das  Kindbettfieber  auf  nicht  Eine  Todte  unter  100 
\\  in lmeriniien  beschränkt  werden  könne. 

Aber  so  verhält  sich  die  Sache  nicht.  Sie  opfern  einzelne  Wöch- 
nerinnen der  cadaverösen  Infection,  um  desto  mehr  Wöchnerinnen 
übrig  zu  behalten  zur  Ermordung  durch  epidemische  Einflüsse  und 
durch  andere  ätiologische  Momente,  welche  Sie  aufzählen,  und  welche 
wir  beurtheilen  werden. 

Ihre  Lehre  führt  zur  Ermordung  der  Wöchnerinnen,  und,  nach- 
dem ich  den  unerschütterlichen  Entschkiss  gefasst  habe,  dem  Morden 
ein  Ende  zu  machen,  so  trete  ich  diesen  Ihren  mörderischen  Irrthüraem 
entschieden  entgegen. 

Herr  Hofrath  sagen,  dass  die  Akademie  der  Medicin  in  Paris 
anter  Oriila's  Vorsitze  sieh  gegen  meine  Lehre  erklärt  habe,  und  Sie 
halten  die  Akademie  der  Medicin  und  Orfila  für  eine  so  entscheidende 
Autorität,  dass  Sie  es  für  überflüssig  erklären,  sich  noch  mit  andere 
Gründe  umzusehen  zur  Bekämpfung  meiner  Lehre;  ich  gestehe,  dass  ich 
die  Pariser  nicht  für  so  entscheidende  Autoritäten  halte;  denn  die  vier- 
monatlichen Verhandlungen  in  der  Akademie  der  Medicin  in  Paris  im 
Jahre  1858,  also  11  Jahre  nach  1847,  über  Kindbettfieber,  haben  mir  die 
Ueberzeugung  verschafft,  dass  die  Pariser  Aerzte  es  sehr  nöthig  hätten, 
nach  Pest  zu  kommen,  um  über  Puerperal-Fieber  aufgeklärt  zu  werden. 

Ich  habe  in  meiner  Schrift,  Seite  456,*)  erklärt,  dass  ich  mir  selbst 
im  Wege  des  Buchhandels  die  betreffende  Schrift  nicht  habe  ver- 
schaffen können.  Was  Carl  Braun  die  Akademie  sagen  lässt.  habe 
ich  in  meiner  Schrift,  Seite  456,*)  widerlegt;  ich  wundere  mich,  dass 
Carl  Braun  einen  Grund  durch  die  Akademie  gegen  mich  anführen 
lüsst,  von  dem  Er  so  gut  wie  ich  wusste.  dass  er  falsch  sei. 

Falls  Herr  Hofrath  im  Besitze  dieser  Quelle  sind,  würden  Sie 
mich  zu  grossem  Danke  verpflichten,  wenn  Sie  mir  selbe  für  kurze 
Zeit  einsenden  würden. 

Herr  Hofrath  sagen,  dass  die  Semmelweis'sche  Annahme  auch 
von  vielen  anderen  Seiten  dieselbe  Widerlegung  erhalten  hat.  Ich 
theile  diese  Ansicht  nicht;  ich  glaube  vielmehr,  dass  ich  meine  Gegner 
widerlegt  habe,  und  der  Grund,  warum  ich  das  glaube,  ist  dar,  dass 
so  vorlaute  Leute  wie  Scanzoni ,  Carl  Braun  u.  s.  w.  u.  s.  w.  nach  8 
Monaten  noch  immer  keine  Antwort  gefunden,  gewiss  nur  deshalb, 
weil  Sie  sich  für  besiegt  halten.  Es  wäre  mir  nur  angenehm,  wenn 
meine  Gegner  etwas  antworten  würden;  denn,  würden  Sie  etwas 
anderes  antworten  als  „peccavi",  so  würde  ich  nur  erneuerte  Gelegen- 
heit haben,  meiner  Lehre  zu  einem  glänzenden  Sieg  zu  verhelfen. 

Herr  Hofrath  sagen,  dass  ich  in  massloser  Weise  gegen  Alle,  die 
nicht  meiner  Meinung  sind,  oder  die  auch  nur  Zweifel  über  dieselbe 
zu  äussern  wagten,  zu  Felde  gezogen  sei. 


*)  [Seite  373.J 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe 


449 


Wenn  es  sich  bei  gleichbleibender  Sterblichkeit  nur  um  eine 
andere  Meinung  in  Betreff  der  Entstehung  des  Kiudbettfiebers  handeln 
wurde,  so  hätten  Herr  Hofrath  Recht. 

Aber  nicht  meiner  Meinung  zu  sein,  ist  gleichbedeutend  mit  „ein 
Mörder  zu  sein". 

Ich  bin  der  Meinung,  dass  das  Puerperal-Fieber  in  Folge  einer 
Infection  entsteht,  und  habe  im  Jahn-  1848  45  Wöchnerinnen  in  die 
Todtenkannner  gesendet  Gustav  Braun  ist  der  Meinung,  dass  das 
Puerperalfieber  epidemischen  Ursprunges  sei.  und  Er  hat  mit  seinen 
unwissenden  Schülern  im  Jahre  1854+  also  8  Jahre  nach  1847,  400 
Wöchnerinnen  in  die  Todtenkammer  gesendet  u.  s.  w.  u.  s.  w. 

Nein,  nein,  Herr  Hofrath,  ich  bin  nicht  in  massloser  Weise  gegen 
meine  Gegner  zu  Felde  gezogen;  ich  habe  nicht  annähernd  die  Grösse 
der  Verbrechen  bezeichnet,  welche  meine  Gegner  begangen.  Und 
wenn  Sie  es  aufrichtig  bedauern,  dass  ich  in  so  massloser  Weise  gegen 
meine  Gegner  zu  Felde  gezogen  bin.  so  weiss  ich  Ihnen  keinen  Dank  für 
Ihr  aufrichtiges  Bedauern,  und  glaube  Ihr  aufrichtiges  Bedauern  wäre 
besser  am  Platze,  wenn  Sie  selbes  meinen  unglücklichen  Gegnern  zu- 
wenden würden,  welche,  falls  selbe  aus  ihrer  Verblendung  erwachen,  ob  der 
vielen  selbst  und  durch  unwissende  Schüler  und  Schülerinnen  ermordeten 
Wöchnerinnen,  gewiss  in  eine  bedauernswerte  Lage  gerathen  werden. 

Herr  Hofrath  sagen :  „Genug,  über  die  Theorie  der  Leieheninfec- 
riun  ist  gegenwärtig  das  Urtheil  gesprochen^  und  mit  diesem  Ihren 
Ausspruche  bin  ich  einverstanden,  wenn  unter  Leicheninfection  die 
Ursache  aller  Puerperal-Fieberfalle  verstanden  wird. 

Wenn  Sie  aber  Herr  Hofrath  unter  Leicheninfection  diese  Lehre 
verstehen,  welche  ich  in  der  Schrift:  ,.Die  Aetiologie,  der  Begriff  und 
die  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers"  entwickelte,  dann  muss  Ihnen, 
Herr  Hofrath,  dieser  ofene  Brief  die  Ueberzeugung  verschaffen,  dass 
über  diese  Lehre  das  Urtheil  noch  nicht  gesprochen. 

Nachdem  ich,  wie  ich  glaube,  meine  Lehre  siegreich  gegen  Ihre 
Angriffe,  Herr  Hofrath,  yertheidiget  habe,  wollen  wir  sehen,  was  das 
für  eine  Weisheit  ist,  welche  Sie  meiner  Lehre  vorziehen. 

In  der  Vorerinnerung  sagen  Sie,  Herr  Hofrath,  dass  die  Ver- 
heerungen, welche  das  Kindbettfieber  von  Zeit  zu  Zeit  unter  den 
Wöchnerinnen,  zumal  in  Gebäranstalten ,  anstiftet,  gerade  wieder  in 
der  neuesten  Zeit  die  Aufmerksamkeit  und  die  genaueste  Forschung 
der  Aerzte  und  Geburtshelfer  auf  sich  gezogen  haben. 

Herr  Hofrath  haben  mein  Werk  über  Puerperal-Fieber  gelesen; 
Sie  könnten  wenigstens  es  wissen,  dass  der  Glanzpunkt  meiner  Lehre 
darin  besteht,  dass  in  Folge  meiner  Lehre  nicht  Eine  Wöchnerin  von 
100  Wöchnerinnen  stirbt. 

Das  lehre  ich  seit  1847,  und  im  Jahre  186L  also  15  Jahre  später, 
erzählen  Sie,  dass  die  Verheerungen  des  Kindbettfiebers  in  der  neuesten 
Zeit  die  Aufmerksamkeit  der  Geburtsheiter  auf  sich  gezogen. 

Herr  Hofrath  haben  mein  Werk  mit  so  wenig  Verständnis»  ge- 
lesen dass  diese  zahlreichen  Mordthaten  keinen  Ausdruck  des  Un- 
willens gegen  die  Mörder  Ihnen  entlocken.  Sie  nehmen  diese  Ver- 
heerungen für  etwas,  was  nicht  anders  sein  kann. 

Herr  Hofrath  haben  meine  Werke  mit  so  wenig  Verständniss  ge- 
lesen, dass  Sie  noch  vieles  Räthselhafte  am  Puerperal-Fieber  finden, 
während  demjenigen,  welcher  meine  Lehre  begreift,  alles  sonnenklar 
beim  Puerperal-Fieber  ist. 

Semmelweis'  gesammelte  Werke.  29 


ir.n 


Seiumelweis'  Abh&iuUangeii  und  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


Herr  Hofrat h  sagen,  dass  man  es  nicht  einzelnen  Aerzten  allein 
überlassen  hat,  das  Rathselhafte  des  Kindbettfiebers  zu  erforschen. 
sondern,  dass  ganze  Oullegien  und  Akademien  zusammengetreten  Bind, 
um  im  Interesse  der  Menschheit  und  der  Wissenschaft  gegen  jene 
mörderische  Krankheit  anzukämpfen. 

Gerade  ein  einzelner  Arzt,  und  dieser  einzelne  Arzt  bin  ich,  bat 
■  ins  Käthselhai'te  des  Kindbettfiebers  erforscht,  und  ich  kämpfe  seit 
14  Jahren  an  drei  Anstalten .  welche  früher  alljährlich  von  Pseudo- 
KindbeiTtieber- Epidemien  heimgesucht  waren,  mit  Erfolg  im  Interesse 
der  Menschheit  und  der  W  issenschaft  gegen  diese  mörderische  Krank- 
heit:  dass  aber  nach  14  Jahren  noch  immer  nicht  in  der  ganzen  Welt 
mit  Erfolg  gegen  diese  mörderische  Krankheit  gekämpft  wird,  ist  die 
Schuld  meiner  Lehre  nicht. 

Die  Akademie  der  Medicin  in  Paris  hat  in  ihren  viermonatlichen 
Verhandlungen  über  Puerperal-Fieber  nur  dürres  Stroh  zu  Tage  ge- 
fordert, wie  in  meinem  Werke  in  dem  Artikel:  „Arneth,  die  Akademie 
der  Medicin  in  Paris  und  Dttboia",  Seite  455*)  zu  lesen,  und  das  dürre 
sii  oh,  welches  die  Verhandlungen  holländischer  Aerzte  über  Puerperal- 
Fieber  zu  Tage  gefordert  haben,  und  welches  Sie,  Herr  Hofratb,  zur 
Belehrung  der  deutschen  Geburtshelfer  nach  Deutschland  verpflanzt 
haben,  reiht  sich  würdig  dem  französischen  dürren  Stroh  an. 

Die    französischen    Verhandlungen    nennen    Sie,    Herr    Hofratb, 
„merkwürdige  Verhandlungen."  Sie  nennen  selbe  ein  „Brillant  tonraoi**, 
müssen  ober  dennoch  gestehen,  dass  diese  Verhandlungen  leider  den 
Gegenstand  nicht  einmal  einigermassen  dem  gewünschten  Abschlt 
näher  bringen  konnten. 

Ist  das  ein  „Brillant  tournoiu,  welches  nur  Unsinn  hervorbringt? 
Mi  lkwürdig  kann   man  allenfalls  diese  Verhandlungen   nennen,  aber 
nur  deshalb  merkwürdig,   weil   selbe   gezeigt  haben,  welch'  kr 
Ignoranten   in   Betreff  des  Kindbetthebers    selbst    die  ersten    Aerzte 
Frankreichs  sind. 

An  der  Discussion  haben  sich  betheiligt:  Depaul,  P.  Dubois. 
BeiMl,  Troussean.  t  luveilhier.  Danyau,  Cazeaux,  Bouillaud,  Velpeau, 
Guerin  etc. 

Mit  welchem  Scharfsinne  die  Verhandlungen  über  Puerperal- 
Fieber  in  der  Akademie  der  Medizin  in  Paris  geführt  wurden,  geht 
anter  Anderem  auch  daraus  hervor,  dass  diese  Infectoren.  die 
Epidemiker  nennen,  und  welche  der  Ansicht  sind,  dass  die  atmo- 
sphärischen epidemischen  Einflüsse,  welche  das  Kindbettlieber  hervor* 
rufen,  von  80  grosser  Verbreitung  sind,  dass  die  Wöchnerinnen  in 
Gebärhäuseru ,  welche  in  grosser  Entfernung  von  einander  liegen, 
z,  B.  die  Wöchnerinnen  im  Pariser  und  die  "Wöchnerinnen  im  Wiener 
Öeb&r hause,  gleichzeitig  in  Folge  derselben  atmosphärischen  epide- 
mischen Einflüsse  erkranken  und  sterben:  dass  diese  Lnfectoren,  welche 
sich  Epidemiker  nennen,  dadurch  die  Wöchnerinnen  fegen  diese  Ein- 
flösse schätzen  wollen,  dass  sie  die  Individuen  in  I  riv.it- Wohnungen 
entbinden  lassen;  also  der  atmospliaiisrhe  Einfluss,  welcher  von  Pi 
bis  Wien  reicht,  reicht  nicht  bis  yn  den  Privat- Wohnungen  W 
und  Paris.  Wird  der  Unterricht  in  den  Privat- Wohnungen  nicht  fort- 
gesetzt, so  werden  die  Wöchnerinnen  gesund  bleiben,  aber  nicht  des- 
halb, weil  selbe  in  Privat- Wohnungen  gegen  atmosphärische  Einflüsse 


*)  [Seite  373.] 


Die  offenen  Briefe  au  Professoren  der  Geburtshilfe. 


451 


geschützt  sind,  sondern  weil  selbe  in  Folge  des  Aufhürens  des  Unter- 
richtes  nicht  inficirt  werden. 

Wird  der  Unterricht  in  den  Privat- Wohnungen  fortgesetzt,  so 
wird  in  Folge  der  Infectionen  das  Kindbettfieber  fortdauern. 

Diese  Infectoren,  welche  sich  Epidemiker  nennen,  wollen  die 
Wöchnerinnen  dadurch  gegen  atni. isjtharisilie  Einflüsse  schützen,  dass 
sie  die  gegenwärtigen  Pariser  Gebärhäuser  cassiren,  und  dafür  mehrere 
kleine  Gebärhäuser  in  der  nächsten  Umgebung  von  Paris  bauen. 

Also  die  Wöchnerinnen  werden  gegen  den  atmosphärischen  Einfluss 
geschützt,  welcher  von  Paris  bis  Wien  reicht,  wenn  selbe  in  kleinen 
Gebärhäusern  in  der  nächsten  Umgebung  von  Paris  vi  «-pflegt  werden. 

Wenn  die  französischen  Aerzte  einmal  in  Betrelf  des  Kindbett- 
fiebers in  dem  Grade  aufgeklärt  sein  werden,  dass  selbe  keine  Iniec- 
t i« »ii  von  Aussen  mehr  machen  werden,  so  werden  die  Wöchnerinnen 
selbst  in  den  alten  Gebärhäusern  in  Paris  gesund  bleiben. 

Sollten  aber  die  kleinen  Gebärhäuser  in  der  nächsten  Umgebung 
von  Paris  gebaut  werden,  und  sollten  die  Pariser  Aerzte  so  colossale 
Ignoranten  in  Betreff  der  Entstellung  und  Verhütung  des  Kindbett- 
hebers bleiben,  wie  selbe  jetzt  sind,  so  wird  auch  in  den  kleinen  Ge- 
bärhäusern in  der  nächsten  Umgebung  von  Paris  das  Puerperal-Fieber 
grassiren. 

Die  neuen  Gebärhäuser  zu  Würzburg,  zu  Strassburg  und  zu 
München  sind  ein  Beweis,  dass  neue  Gebärhäuser  zu  bauen,  die 
Wöchnerinnen  nicht  gegen  Puerperal-Fieber  Behütet,  weil  die  Unwissen- 
den, welche  im  alten  Gebärhause  durch  Infectionen  von  Aussen  die 
Verheerungen  unter  den  Wöchnerinnen  hervorgerufen  haben,  diese 
Infectionen  aus  Unwissenheit  im  neuen  Gehfirliause  fortsetzen.1) 

Diese  Infectoren,  welche  sich  Epidemiker  nennen,  haben  auf 
diesem  „Brillant  tournoiu,  auch  der  Cassirung  und  der  nicht  Wieder- 
herstellung sänimtlicher  Gebärhäuser  das  Wort  geredet,  wegen  der 
ungeheueren  Verheerungen,  welche  das  Puerperal-Fieber  in  den  Ge- 
bärhäusern anstiftet.  Aber  diese  Ignoranten  wissen  nicht,  dass  sie 
selbst  es  sind,  welche  diese  Infectionen,  diese  ungeheueren  Verhee- 
rungen hervorrufen,  und  nicht  die  Gebärhäuser. 

Diese  Infectoren,  welche  sich  Epidemiker  nennen,  sehen  nicht  einT 
wenn  ihre  Lehre  wahr  ist,  wenn  nämlich  atmosphärische  Ein- 
fiflase  das  Kindbettfieber  hervorrufen,  es  doch  unmöglich  ein  Schutz 
gegen  Puerperalfieber  sein  kann,  in  Folge  Cassini nu,  sänimtlicher  Ge- 
barhäuser,  nicht  im  Gebärhause,  sondern  ausserhalb  der  Gebärhäuser 
zu  entbinden,  weil  es  ja  ausserhalb  der  Gebärhäuser  auch  atmo- 
sphärische Einflüsse  gibt. 

Nicht  die  Gebärhäuser  müssen  cassirt  werden,  um  die  Wöchne- 
rinnen gesund  zu  erhalten,  sondern  sämmtliche  Professoren  derGebnrtfi- 
liilfe.  welche  Epidemiker  sind,  müssen  cassirt  werden,  um  die  Wöchne- 
rinnen gesund  zu  erhalten. 

Die  vacanten  Lehrstühle  müssen   besetzt  werden  mit  Individuen, 

e  aus  meiner  Lehre  ein  glänzendes  Rigorosum  bestandeu,  uud 
sobald  diese  .Mussregel  durchgeführt  sein  wird,  werden  die  Wöchne- 
rinnen in  den  Gebärliätisern  gesund  sein. 


1    Nur  jene  GebfithtttiKr  Dtttuiffi  ftufgel&Mon  werden«  weide  wirklich  sanitätt* 

widrig  sind,  wie  es  /.  Ji.  rlie  frühere  geburtshilfliche  Kliuik  der  Pester  medieimschen 
Fakultät  war. 

29» 


452 


.Nmiiii-hvtis*  AbljRDdlaug'en  und  Werk  über  das  Kindbtr 


Wenn  alle  Professoren  de]-  Geburtshilfe,  welche  Epidemiker  sind, 
mein  Werk  mit  so  wenig  Nutzen  lesen,  wie  Sie,  Herr  Hofrath,  dann 
ist  freilich  keine  Hoffnung,  dass  A&fl  Menschengeschlecht  von  der 
Geissei  des  Kindbettfiebers  früher  befreit  werde,  als  bis  sämmtliche 
Epidemiker  ausgestorben.  Aber  das  kostet  noch  nnz&hligeu  Wöchne- 
rinnen das  Leben;  und  wenn  ich  die  Macht  dazu  hätte,  und  wenn  ich 
keine  andere  Wahl  hätte,  als  entweder  noch  unzählige  Wöchnerinnen 
am  Kindbettfieber,  welche  gerettet  hätten  werden  können,  sterben  zu 

u,  oder  durch  Cassirung  sämmtlicher  Personen  der  Geburtshilfe, 
welche  Epidemiker  sind,  und  entweder  meine  Lehre  nicht  lernen  wollen, 
oder  meine  Lehre  nicht  mehr  lernen  können,  diese  Wöchnerinnen  zu 
retten,  so  würde  ich  die  Cassirung  der  Professoren  wählen,  weil  ich 
der  Ueberzeugung  bin.  dass,  wo  es  sich  um  die  Verhütung  der  Er- 
mordung Tausender  und  Tausender  von  Wöchnerinnen  und  Säuglingen 
handelt,  ein  paar  Dutzend  Professoren  nicht  in  Betracht  komtrn 

In  der  Privatpraxis  wird  freilich  das  Kindbettfieber  nieht  so 
schnell  aufhören,  weil.  Dank  der  Irrlehren  der  Professoren  der  Geburts- 
hilfe, welche  Epidemiker  sind,  die  Aerzte  und  die  Hebammen  Infectoren 
sind,  zu  welchen  meine  Lehre  nicht  so  schnell  und  zu  Vielen  gar  nicht 
dringen  wird. 

Die  Cassirung  sämmtlicher  Professoren   der  Geburtshilfe,  welche 
Epidemiker  sind,  hätte  nebst  dem,  dass  die  Wöchnerinnen  im  Gebär- 
hatise  gesund  bleiben  würden,   noch  den  Nützen,   dass  nicht  fort 
fort  Generationen  von  Infectoren  männlichen  und  weiblichen  Geschieh 
in   die  Praxis   gesendet  würden,   welche   dort  so  viel  Familienglfick 
zerstören. 

Herr  Hofrath  sagen :  ,.den  genannten  französischen  Verhandlungen 
stellen  sich  die   holländischen  Untersuchungen  einer  Commission 
Geburtshelfern  zur  Seite,  welche  Dr.  Lehmann  in  einer  eigenen  Schrift 
zusammengestellt  hat." 

Unter  dem  Titel:  „Considerations  sur  la  fievre  puerperale"  hat 
Dr.  Dieudonne  in  Brüssel  die  Schrift  aus  dem  Holländischen  übersetzt, 
und  diese  letztere  Arbeit  liege  Ihnen  vor.  nach  weicher  Sie  Ihren 
Lesern  den  folgenden  Bericht  erstatten. 

Herr  Hofrath  sagen,  dass  Lehmann  den  Aufsatz  von  Carl  Braun : 
„Zur  Lehre  und  Behandlung  der  Puerperal-Prozesse  und  ihre  Bezie- 
hungen zu  einigen  zyanotischen  Krankheiten",  welcher  in  der  Klinik 
der  Geburtshilfe  und  Gynäkologie  von  Chiari,  Carl  Braun  und  Spaeth. 
Erlangen  1855,  enthalten  ist,  sehr  fleissjg  benützt  habe. 

Herr  Hofrath  haben  das  verdammende  Urtheil,  welches  ich  über 
diesen  Aufsatz  in  meiner  Schrift  über  Kindbettfieber  von  Seite  484*) 
bis  Seite  536**)  ausgesprochen  habe,  gelesen,  und  wenn  Sie  dennoch 
von  der  Arbeit  Lehmann's,  bei  welcher  der  von  mir  verdammte  Aufsatz 
fleissig  benützt  wurde,  sagen,  dass  selbe  den  jetzigen  Standpunkt,  auf 
welchem  die  Lehre  von  den  Puerperal-Prozessen  in  der  neuesten  Zeit 
gebracht  wurde,  bezeichnet,  so  beweisen  Herr  Hofrath  durch  diesen 
Ihren  Ausspruch  nur,  dass  Sie  selbst  nicht  auf  dem  Standpunkte  stehen, 
auf  welchen  die  neueste  Zeit  die  Lehre  von  Puerperal-Prozessen  ge- 
bracht hat. 

Der  Standpunkt,  auf  welchem  die  neueste  Zeit  die  Lehre  von 
den  Puerperal-Prozessen  gebracht  hat,  ist  der  Standpunkt,  auf  welchen 


•J  [Seite  390.J 


")  [Seite  42L.| 


Die  offenen  Briefe  au  Professoren  der  Geburtshilfe. 


453 


ich  die  Lehre  von  den  Puerperal-Prozessen  gebracht  habe,  und  dieser 
Standpunkt  wird  der  Standpunkt  für  die  Leine  von  den  Puerperal- 
Prozessen  bleiben,  so  lange  das  menschliche  Weib  gebären  wird. 

Und  Herr  Hofrath  haben  dadurch,  dass  Sie  die  Lehmann  sehe 
Arbeit  auch  in  Deutschland  verbreiteten,  obwohl  Sie  meine  Schrift 
gelesen,  bewiesen,  dass  Sie  nicht  das  geringste  VerstÄndnisa  haben  fin- 
den Standpunkt,  auf  welchen  ich  die  Lehre  von  den  Puerperal-Prozessen 
in  neuester  Zeit  in  meiner  Schrift  gebracht  habe. 

In  den  einleitenden  Worten  zur  Lehmann'seheii  Aetiologiß  und 
Pathogenese  des  Kindbettfiebers  gebrauchen  Herr  Hofrath  Ausdrücke, 
welche  wieder  zum  7.11  offen  Kaie  beweisen,  dass  es  für  Sie  ohne 
Nutzen  war.  mein  Werk  zu  lesen.  Sie  sagen:  „man  hat  sich  bemüht» 
in  das  Gebeüanissvolle  dieser  Krankheit  zu  dringen,  uud  dennoch  ist 
man  nicht  im  Stande  über  die  Natur  derselben  ein  hinreichendes  Licht 
zu  verbreiten.  Viele  Punkte  bewegen  sich  noch  im  Reiche  derHypo- 
theaen  und  erwarten  ihre  Lösung  von  der  Zukunft". 

In  der  A&tiologie,  in  dem  Begriffe  und  in  der  Prophylaxis  des  Kind- 

ibt  es  nichts  Geheiranissvolles  mehr;  über  die  Natur  des 

Kindbettflebers  ist  ein  sonnenklares  Licht   verbreitet;  kein  einziger 

Punkt  ist  eine  Hypothese,  und  die  Zukunft  hat  in  diesen  drei  Punkten 

nichts  mehr  zu  Lösen 

ihre  lange  Abhandlung,  welchen  Namen  man  eigentlich  dieser 
Krankheit,  welche  man  gewöhnlich  Kiudhet  trieber  nannte,  geben  solle, 
will  ich  nicht  besprechen;  ich  gebe  lieber  den  Namen,  welchen  ich 
dieser  Krankheit  gebe:  ich  nenne  diese  Krankheit  „das  Resorptions- 
Fieber  iles  Weibes  in  der  Fortpflanznngsperiode".  Das  Erste  der 
Krankheit  ist  die  Resorption  eines  deletaivn  Stoffes;  das  Zweite  ist 
die  Blutentmisc.hung.  und  schon  in  diesem  Stadium  wird  die  Krankheit 
in  seltenen  Fällen  tödlich;  das  Dritte  sind  die  Exsudatiunen. 

Sie  M  h'u.  Herr  Hofrath.  dass  diese  Bezeichnung  der  Krankheit 
die  Fülle,  wo  die  Section  nicht  das  mindeste  von  einer  Localafiection 
nachweiset,  nicht  ausschliesst. 

Ich  leine,  dass  jeder  Fall  von  Kindbett fieber  dadurch  entstehe, 
dass  ein  deletiirer  Stoff  resorbirt  werde;  dieser  deletäre  Stoff  wird 
am  häufigsten  den  Individuen  von  Aussen  eingebracht ;  der  Trauer, 
mittelst  welchen  der  deletäre  Stoff  den  Individuen  von  Aussen  beige- 
bracht wird,  ist  der  untersuchende  Finger,  die  operirende  Hand,  In- 
strumente, Bettwäsche,  die  atmosphärische  Luft.  Schwämme,  die  Hände 
der  Hebammen  und  Wärterinnen,  welche,  mit  den  decomponirii  n 
Excrementen  schwer  erkrankter  Wöchnerinnen  oder  anderer  Kranken. 
und  hierauf  wieder  mit  Kreissenden  und  Neuentbundenen  in  Berührung: 
klimmen.  Leibschusseln ;  mit  einem  Worte:  Träger  des  deletaren  Stoffes 
ist  alles  das.  was  mit  einem  deletären  Stoffe  verunreinigt  ist  und  mit 
den  Genitalien  der  Individuen  in  Berührung  kommt. 

Da  bei  unverletztem  Körper  nur  die  innere  Pia  che  des  Fteriis 
resorbirt,  vom  inneren  Muttermunde  angefangen  nach  aufwärts,  so 
folgt  daraus,  dass,  wenu  die  atmosphärische  Luft  der  Träger  der 
deletänn  Stoffe  ist.  die  atmosphärische  Luft  nur  in  der  Xachgeburts- 
periode  und  im  Wochenbette  infleiren  kann,  wenn  nur  in  der  Nach- 
geburtsperiode  und  im  Wochenbette  die  innere  resorbirende  Fläche 
des  Uterus  der  atmosphärischen  mit  deletären  Stoffen  geschwängerten 
Luft  zugängig  ist. 


454 


Seinmelwei-'  Aliluunllungeti  und  Werk  iil>er  «lan  Kiiidbettheber. 


Herr  Hofratli  sagen:  „das  Puerperal* Fieber  hat  einen  miasmati- 
schen oder  contagiösen  Anspruch a. 

Das  Miasma  sei  von  atmosphärischen  Einflüssen  abhängig;  welches 
aber  die  Aenderungen  der  Atmosphäre  seien,  welche  in  ihrem  Vereine 
unter  dem  Namen  Miasma  begriffen  werden,  sei  völlig  ungev 

Ein  Puerperal-Miasma  in  diesem  Sinne  existirt  nicht. 

Die  atmosphärische  Luft  kann  allerdings  mit  zersetzten  3toffen 
verunreinigt  sein;  aber  diese  zersetzten  Stoffe  sind  nicht  das  Product 
von  Einflüssen  oder  Aenderungen  der  Atmosphäre,  sondern  selbe  sind 

Prodnct  der  drei  Quellen  des  zersetzten  »Stoffes,  welche  ich  in 
meiner  Schrift  für  den  zersetzten  Stoff  anführe. 

Um  zn  beweisen,  dass  das  Kindbettfieber  in  Folge  eines  Miasmas 
entstehe,  welches  das  Prodnct  ungewisser  atmosphärischer  Kinflüsse 
und  Veränderungen  sei,  führen  Herr  Hofrath  folgende  Gründe  an. 
sie  sitzen,  das  KimUienfk-ber  komme  epidemisch  vor, 

„Gustav  Braun  hat  bewiesen,  dass  man  so  Viele  inficiren  kann. 
dass  400  in  einem  Jahre  sterben". 

]  >;is  Kindbettfleber  komme  zu  derselben  Zeit  in  verschiedenen 
Lokalitäten  vor. 

„Wenn  Viele  auf  drin  Kreissezimmer  inficirt  werden,  so  wird  zu 
derselben  Zeit  bei  den  in  verschiedenen  Lokalitäten  verpflegten,  auf 
dem  Kreissezimmer  inficirten,  das  Kindbettfleber  entstehen." 

Mass  die  Krankheit  ohne  Unterschied  auf  Individualität,  After 
und  Staud  ihre  Opfer  fordere. 

„Der  zersetzte  Stoff  ist  ein  so  furchtbares  Gift,  dass  er  bei  jeder 
Individualität,  jedem  Alter  und  jedem  Stande  das  Kindbettfleber 
hervorbringt. 

Um  zu  beweisen,  dass  das  Kindbettfleber  durch  ein  Miasma  her- 
vorgebracht werde,  welches  von  unbekannten  atmosphärischen  Ein- 
flüssen und  Aenderungen  abhängig  sei.  führen  Herr  Bofratb  den 
Umstand  an,  dass  zu  gewissen  Zeiten  immer  Wöchnerinnen  in  be- 
stimmten geographisch  mehr  weniger  ausgebreiteten  Gegenden  in 
mehr  oder  weniger  beträchtlicher  Zahl  erkranken. 

Sehen  Sie    nach,    Herr   Hofrath,    in    Ihrem    Cataloge,    wie    viele 
Schüler  Sie   schon,   seit  Sie  Professor   der  Geburtshilfe   sind,   in 
Praxis  gesendet   haben:    keinem  Einzigen   haben  Sie  gesaut.    «1;iss  das 
Puerpernl-Fielier  dadurch  entstehe,  dass  den  Individuen  ein  zersetzter 
Stoff  von  Aussen  eingebracht  werde;  bis  zum  Jahre  1847  ist  das  an 
keiner  Lehranstalt  den  Schülern  und  Schülerinnen  gesagt  worden. 
1847  habe  ich  es  durch  21  Monate  in  Wien  meinen  Schülern  ge> 
und  sechs  Jahre  sage  ich  es  meinen  Schülern  und  Schülerinnen  zu  Pest. 

Diese  unwissenden  Schüler  und  Schülerinnen  sind  überall,  wo 
der  Mensch  wohnt:  und  ist  es  da  zu  wundern,  wenn  zn  gewissen 
Zeiten  immer  Wöchnerinnen  in  bestimmt  geographisch  mehr  oder 
weniger  ausgebreiteten  Gegenden  in  mehr  oder  weniger  beträchtlicher 
Zahl  erkranken  ? 

Dieses  Arunnient  ist  ein  Beweis,  wie  wenig  Sie,  Herr  Hofrath, 
über  diesen  Gegenstand,  über  welchen  Sie  schreiben,  aufgeklart  sind; 
denn  das,  was  ein  Verbrechen  der  Professoren  der  Geburtshilfe  ist 
dass  ihre  Schüler  und  Schülerinnen,  welche  selbe  in  Unwissenheit 
lassen,  so  viele  Wöchnerinnen  in  geographischer  Verbreitung  ermorden, 
das  Sie  mit  grossei  Qemnthsrnhe  [diese  Verbrechen]  als  Beweis  für 
die  Wahrheit  der  Lehre  der  Epidemiker  anführen. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


455 


Herr  Hofrath  sagen :  „Diese  Thatsachen  werden  nicht  allein 
durch  Berichte  aus  Gebäranstalten,  sondern  auch  von  Aerzten  kleiner 
Städte  beglaubigt;  ja  auch  häufig  wird  dieselbe  Beobachtung  auf  dem 
platten  Lande  gemacht". 

Natürlich,  in  den  in  geographischer  Verbreitung  befindlichen  Ge- 
bärhäusern  inficirt  der  unwissende  Herr  Professor,  der  unwissende 
Herr  Assistent  und  die  unwissenden  Schüler  und  Schülerinnen;  die 
Schuler  und  Schülerinnen  gehen  auch  in  kleine  Städte  und  auf  das 
platte  Land,  um  sich  ihr  Brot  zu  verdienen;  und  weil  sie  der  Herr 
Professor  im  Gebärhause  in  Unwissenheit  gelassen  hat,  über  die  Ent- 
stehung und  Verhütung  des  Kindbett  nebers.  weil  der  Herr  Professor 
selbst  nicht  weiss,  wie  das  Pnerneral-Fieber  entsteht ,  und  wie  es 
verhütet  werden  könne,  so  setzen  diese  Medicinal- Individuen  mann- 
lichen  und  weiblichen  Geschlechts  in  kleineren  Städten  und  auf  dem 
platten  Laude  die  Infectionen  fort,  welche  dieselben  aus  Unwissenheit 
im  Gebärhause  begonnen  haben. 

Herr  Hofrath.  ich  kenne  Sie  als  einen  äusserst  gemüthlichen, 
äusserst  guten  Mann;  ich  bin  überzeugt,  dass  es  Ihnen  nicht  möglich  ist. 
Jemand  etwas  Unangenehmes  absichtlich  zu  bereiten;  und  denn oei 
mit  solch'  einem  Gemüth  suchen  Sie,  weil  Sie  über  die  Entstehung  und 
Verhütung  des  Kindbett fiebers  nicht  aufgeklärt  sind,  niebt  nur  in 
I  h 'lii'irhäusern,  sondern  auch  in  kleinen  Städten  und  auf  dem  platten 
Lande  nach  Leichen  aus  l'nwissenheit  ermordeter  Wöchnerinnen,  um 
eine  stütze  für  Ihre  gegenwärtige  Lage  zu  linden:  ich  beschwöre  sie, 
Herr  Hofrath,  machen  Sie  sich  die  Wahrheiten  zu  eigen,  Welche  m 
meiner  Schrift  enthalten  sind,  damit  Sie,  Ihrem  Gemüthe  entsprechend, 
eine  Stütze  für  Ihre  neue  Ueberzeugung  linden  mögen  in  den  heiteren 
Mienen  der  Wöchnerinnen,  und  —  in  der  leeren  Todtenkanimer. 

Herr  Hofrath  sagen,  dass  es  bisher  nicht  gelungen  ist,  die  atmo- 
sphärischen, das  Kindbettfieber  erzeugenden  Einflösse  kennen  zulernen. 
weil  unter  verschiedenem  Klima  und  Witterungswechsel  Kindbettfieber- 
Epidemicn  vorkommen.  Natürlich,  was  nicht  existirt.  kanu  man  nicht 
kennen  lernen;  aber  unter  verschiedenem  Klima  und  Witterungswechsel 
kann  inficirt  und  dadurch  eine  Pseudo- Kindbettfieber-Epidemie  hervor- 
gerufen werden;  und  wenn  Herr  Hofrath  sagen,  das  Einzige,  was  fest 
steht,  ist,  dass  die  häufigsten  und  bösartigsten  Epidemien  mehr  im 
Winter  als  im  Sommer  auftreten,  dass  eine  im  Winter  herrschende 
Epidemie  plötzlicli  aufhöre,  wenn  die  Witterung  milder  uud  wärmer 
wird,  so  liegt  der  Grund  dieser  Erscheinung  darin,  dass  der  Winter 
vorzüglich  die  Zeit  ist  für  die  Beschult  igten  mit  Dingen,  welche  die 
Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen,  und  dass  mit  dem  Eintritte 
milder  und  wärmerer  Witterung  diese  Beschäftigungen  nicht  mehr  in 
iliespi   Ausdehnung   betrieben   werden,  wie  in  der  kalten  Jahreszeit 

Die  Beweise  für  diese  meine  Erklärung  finden  Sie,  Herr  Hofrath. 
in  meiner  Schrift.  Seite  121.*) 

Herr  Hofrath  stellen  die  Frage:  ob  das  Kindbettfieber  einen 
directen  genetischen  Zusammenhang  mit  anderen  endemischen  und 
epidemischen  Krankheiten  habe:1  Ich  beantworte  diese  Frage  dahin: 
wenn  die  andern  endemischen  und  epidemischen  Krankheiten  zersetzte 
Stoffe  erzeugen,  so  werden  die  anderen  endemischen  und  epidemischen 
Krankheiten  dadurch  das  Puerperal-Fieber  erzeugen;  dass  die  Aerzte 


*)  [Seite  170.1 


166 


Sera rael weis'  Aiha&dlttnfta  mn\  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


und  Hebammen,  welche  die  au  anderen  endemischen  und  epidemischen 
Krankheiten  Leidenden  behandeln  und  pflegen,  auch  Kreissende  und 
Wöchnerinnen  behandeln  und  pflegen,  und  da  die  Aerzte  und  die  Heb* 
ammen  nicht  wissen,  dass  durch  Uebertragung  zersetzter  Stoffe 
Puerperal- Fieber  entsteht,  so  werden  selbe  sich  nicht  hüten,  /.ersetzte 
Stoffe   zu  übertragen,   und   dadurch   wird   das  Kindbettfieber 

Herr  Hofrath,  dass  jetzt,  wo  selbst  Professoren 
Geburtshilfe,  die  sogar  Holrät  he  sind,  nicht  wissen,  wie  das  Puerperal- 
fieber entsteht,  und  wie  es  verhütet  werden  könne,  dass  jetzt  die 
Frage,  ob  das  Puerperal-Fieber  einen  directen  genetischen  Zusammen- 
hang mit  anderen  endemischen  und  epidemischen  Krankheiten  habe, 
mit  Ja  beantwortet  werden  miiss  Sobald  aber  meine  Lehre  al 
meine  praktische  Anwendung  linden  wird,  wird  die  Frage  mit  Nein 
atwortet  werden  müssen. 

Wenn  Herr  Hofrath  darin,  dass  häufig  Blutflüsse  während  und 
nach  der  Geburt  eintreten,  und  dass  die  Kinder  von  solchen  Frauen 
geboren,  welche  später  vom  Kindbettfieber  befallen  weiden,  oft  in 
Folge  eines  eigenthümlichen  Zustande«  von  Blutdissalution  schnell 
sterben,  die  Wirkung  des  durch  die  Individuen  eingeathmeten  Fuer- 
peral-Miasmas  erkennen,  so  ist  das  nicht  richtig,  weil  diese  Uebel- 
stände  durch  Chlorwaschungen  der  Hunde  verbotet  werden  können. 
Durch  Chlorwaschungen  der  Hände  kann  der  zersetzte  Stoff 
werden,  welcher  von  Aussen  den  Individuen  mittelst  des  untn- 
sneheiideti  Fingers  eingebracht,  diese  Uebelstände  hervorgebracht 
hatte.  Wie  wird  durch  Chlorwaschungen  der  Hände  das  Puerperal- 
Miasma  zerstört,  welehes  die  Individuen  einathmen?  Die  in  der  Luft 
suspendirlen  zersetzten  Stoße  können  bei  unverletztem  Körper  nur 
von  der  inneren  Fläche  des  L tenis  resorbirt  werden;  wenn  die  in 
der  Luft  suspendirten  zersetzten  Stoffe  durch  Einathmung  von  der 
Schleimhaut  der  Lungen  resorbirt  werden  könnten,  dann  wurde  es 
wenig  Aerzte  gaben,  weil  Beine  schon  als  erstjährige  Mediciner  diu  eh 
Einathmung  von  zersetzten  Stoffen  im  Seeirsaale  in  Folge  entstandener 
Infection  gestorben  wären.  Die  Professoren  der  pathologischen  und 
elementaren  Anatomie,  deren  Assistenten,  die  Chirurgen  etc.  etc. 
müssten  in  grosser  Anzahl  an  Infection  sterben.  Die  erst)  übrigen 
Mediciner.  die  Professoren  der  pathologischen  und  elementaren  Ana- 
tomie und  deren  Assistenten,  die  Chirurgen,  sterben  wohl  auch 
manchmal  in  Folge  einer  Infection,  aber  nicht  deshalb,  weil  selbe  zer- 
setzte Stoffe  eingeathmet  haben,  sondern  weil  selben  mittelst  Ver- 
letzung zersetzte  Stoffe  in  den  Kreislauf  gebracht  werden;  das  ge- 
schieht manchmal,  und  deshalb  kommt  manchmal  bei  den  Genannten 
eine  Infection  vor.  Das  Einathmen  von  zersetzten  Stoffen  geschieht 
bei  den  Genannten  unverhältnissmässig  häufig  zur  Zahl  der  vor- 
kommenden Infectionsfftlle. 

Das  Kindbettfieber  ist  keine  contagiöse  Krankheit,  und  der  Um- 
stand, dass  Sie  sich,  Herr  Hofrath.  einen  <  ontagionisten  nennen,  be- 
weiset nicht  im  Geringsten,  dass  das  Puerperal-Fieber  eine  contagiöse 
Krankheit  sei. 

Blattern  sind  eine  contagiöse  Krankheit,  weil  ein  Blattemkrauker, 
und  zwar  ein  jeder  Blatternkranker,  den  Stoff  erzeuget,  welcher  in 
einem  gesunden  Individuum  wieder  Blattern  hervorzurufen  geeignet 
ist.  Ein  gesundes  Individuum  kann  Blattern  nur  von  einem  Blattern- 
kranken bekommen;   von   einem  nicht  Blatternkranken   kann  ein  ge- 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


457 


sundes  Individuum  keine  Blattern  bekommen;  vom  Gebärmutterkn  ls 
li.it   noch  NMemand  Blattern  bekommen. 

Nicht  so  verhält  sich  die  Sache  beim  Kindbettrieber. 

Nicht  eine  jede  am  Puerperal-Fieber  Erkrankte  ist  geeignet,  bei 
einer  gesunden  Wöchnerin  das  Puerperal-Fieber  hervorzurufen;  wenn 
das  Puerperal-Fieber  nicht  mit  Erzeugung:  eines  zersetzten  .Stoffes  nach 
Aussen  einhei  schreitet,  so  ist  von  solch'  einer  Kranken  das  Kindb»  1 1 
Heber  auf  eine  Gesunde  nicht  übertragbar;  z.  B.:  eine  Wöchnerin  hat 
ein  heftiges  Puerperal-Fieber,  das  Puerperal-Fieber  lokalisii  t  sieb  mit 
einer  jauchigen  Peritonitis,  nach  Aussen  wird  kein  zersetzter  Stoff 
ansengt;  oder  eine  Wöchnerin  stirbt  schon  im  Stadio  der  Bluteut- 
misclmng.  bevor  es  noch  zu  Exsudationen  gekommen  ist:  von  solchen 
Kranken  ist  das  Puerperal-Fieber  während  des  Lebens  auf  eine  ge- 
sunde Wöchnerin  nicht  übertragbar,  weil  kein  zersetzter  Stoff  über- 
tragen werden  kann. 

Sterben   diese  Wöchnerinnen,  so  können  deren  Leichen  dadurch 

Kindbettfieber  bei  Gesunden  hervorrufen,  dass  die  Leichen  in 
Faulniss  übergehen;  die  mit  der  jauchigen  Peritonitis  kann  auch  da- 
durch Puerperal-Fieber  erzeugen,  dass  durch  Eröffnung  der  Bauchhöhle, 
durch  die  Section.  die  zersetzten  Stoffe  der  Peritonitis  zugängig  werden. 

Schreitet  das  Kindbetttieber  mit  Erzeugung  eines  zersetzten 
Stoffes  nach  Aussen  einher,  z.  B.  ist  Endometritis  septica,  sind  \vr- 
jauchende  Metastasen  vorhanden,  so  ist  von  dieser  Kranken  ihis  Kind- 
bettfieber auf  eine  gesunde  Wöchnerin  schon  während  des  Lebens  der 
Kranken  übertragbar  durch  Uebertragung  des  zersetzten  Stoffes  der 
Endometritis  septica.  durch  Uebertragung  des  zersetzten  Stoffes  der 
verjauchenden  Metastasen. 

Aber  das  Kindbetttieber  wird  nicht  blos  durch  Uebertragung  zer- 
setzter Stoffe,  herrührend  von  Puerperal-Kranken.  herrührend  von  Puer- 
peral-Leichen,  hervorgerufen  .  die  Quelle  des  zersetzten  Stoffes,  welcher 
den  Individuen  von  Aussen  beigebracht,  das  Kindbetttieber  hervorruft, 
ist  die  Leiche  jeden  Alters,  jeden  Geschlechtes,  ohne  Rücksicht  auf 
die  vorausgegangene  Krankheit,  ohne  Rücksicht,  ob  es  die  Leiche 
einer  Wöchnerin  oder  einer  Nicht- Wöchnerin  ist;  nur  der  Grad  der 
Faulniss  kommt  bei  der  Leiche  in  Betracht. 

I  >]  ■  Quelle,  woher  der  deletäre  Stoff  genommen  wird,  welcher  den 
Individuen  von  Aussen  beigebracht,  das  Kindbett  lieber  erzeuget,  sind 
alle  Kranken  jedes  Altera,  jeden  Geschlechts,  deren  Krankheiten  mit 
Erzeugung  eines  zersetzten  Stoffes  nach  Aussen  einherschreiten,  ohne 
Rücksicht,  ob  das  kranke  Individuum  am  Kindbettlieber  leide  oder 
nicht;  nur  der  zersetzte  Stoff  als  Produkt  der  Krankheit  kommt  in 
Betracht, 

Die  Quelle,  woher  der  zersetzte  Stoff  genommen  wird,  welcher 
von  Aussen  den  Individuum  beigebracht,  das  Kindbettlieber  erzeuget, 
sind  alle  physiologischen  thierisch-organischen  Gebilde,  welche  den 
vitalen  Gesetzen  entzogen,  einen  gewissen  Zersetzungsgrad  eingegangen 
sind;  nicht  das,  was  selbe  darstellen,  sondern  der  Grad  der  Faulniss 
kommt  in  Betracht. 

I»as  Kindbetttieber  ist  demnach  keine  contagiosa  Krankheit;  aber 
das  Kindbetttieber  ist  eine  auf  eine  gesunde  Wöchnerin  übertragbare 
Krankheit  mittelst  eines  zersetzten  Stoffes,  dessen  Quellen  wir  so  eben 
aufgezählt, 

Nun  werden  Sie  sich,  Herr  Hofrath,  erklären  können,  warum  die 


458 


Semmel  weis'  Abhandlungen  nnd  Werk  über  «las  Kindbettfieber. 


Contagionisten  Fälle  anführen  konnten,  wo  es  unzweifelhaft  war.  das» 
eine  gesunde  Wöchnerin  von  einer  kranken  Wöchnerin  «las  Puerperal* 
Fieber  bekommen  hat,  weil  ein  zersetzter  Stoff  von  der  kranken  Wöch- 
nerin auf  die  gesunde  übertragen  wurde,  und  warum  die  Gegner  der 
<  '■'iitaginsitiit  ebenfalls  Falle  anführen  konnten,  wo  die  Uebertragiui^ 
nicht  geschehen,  welche  doch  geschehen  hätte  müssen,  falls  das  Kind- 
bettfieber eine  contagiOee  Knmkheir  w&re;  in  diesen  Fällen  ist  kein 
zersetzter  Stoff  übertragen  worden. 

Wenn  Herr  Hofrath  die  Thatsache,  dass  manchmal  in  der  Praxis 
einzelner  Geburtshelfer  oder  Hebammen  ungewöhnlich  viele  Kindbett- 
ti  eberfälle  vorkommen,  dadurch  erklären,  dass  die  Gebartehelfer  und 
Hebammen  das  Puerperal-Contagium  von  kranken  Wöchnerinnen  auf 
gesunde  übertragen,  so  ist  die  Erklärung  dieser  Thatsache  eine  irrige. 

Denken  sie   sich.   Herr   Hofrath.   eine   Frau,    welche   am   Ge 
mutterkrebs  leidet;  die  Kranke  Hast  sich  täglich  mehrere  Male  durch 
ihre    Hebamme    Einspritzungen    machen;    die    Krankheit    zieht    rieb 
durch  mehrere  Monate  hin;  wird  diese  Hebamme  nicht  die  Kreissenden 
inficiren,  welche   sie   während   dieser  Zeit   untersucht?   ihr  Profi 
hat  ihr  ja  nicht  gesagt,  dass  dadurch  das  Kindbettfieber  entstellt. 

Behandelt  ein  Arzt,  welcher  zugleich  Geburtshelfer  ist.  eine 
Krankheit,  welche  zersetzte  Stoffe  erzeugt,  und  welche  sieh  in  die 
Länge  zieht,  so  wird  der  Arzt  so  gut  wie  die  Hebamme  während 
dieser  Zeit  viele  Kindbettfieber  erzeugen;  er  ist  ja  eben  bo  wie  die 
Hebamme  von  seinem  Professor  der  Geburtshilfe  in  Unwissenheit  über 
die  Entstehung  und  Verhütung  des  Kindbettfiebers  gelassen  winden. 
aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  ja  so  etwas  der  Professor  selbst 
nicht  weiss. 

Herr  Hofrath  sagen,  das  Miasma  oder  Contagium  bildet  nur 
einen  Factor  der  Entwicklung  des  Kindbettfieber»;  die  übrigen  In 
toren,  welche  auch  das  Kindbettfieber  hervorrufen,  sind  nach  Ihnen. 
Herr  Hofrath.  folgende:  die  puerperale  Constitution  selbst,  der 
burtsact,  die  Verwundung  der  inneren  Fläche  des  Uterus,  die  unvoll- 
kommene Zusammenziehung  und  Rückbildung  des  Uterus  nach  der 
Geburt,  die  mangelhaften  oder  stockenden  Se-  und  Excretionen  der 
Lochien,  Genmthsaffecte,  die  Individualität,  Diätfehler,  zu  hohe  Tempe- 
ratur des  Wochenzimmers,  Erkältung. 

Meine  Ueberzeugung  ist,  dass  es  nur  eine  Ursache  des  Kindbett- 
fiebers gibt,  und  diese  eine  Ursache  für  alle  Fälle,  keinen  einzigen 
Fall  von  Kindbettfieber  ausgenommen,  ist  ein  zersetzter  thierisdi- 
organischer  Stoff;  dass  demnach  nur  das  ein  ätiologisches  Moment 
des  Kindbettfiebers  ist,  welches  dem  Individuum  einen  zersetzten 
Stoff  von  Aussen  einbringt,  oder  was  in  den  Individuen  einen  zer- 
setzten Stoff  entstehen  macht. 

In  wie  ferne  diese  aufgezählten  Umstände  den  Individuen  einen 
zersetzten  Stoff  von  Aussen  beibringen,  oder  in  wie  ferne  selbe  in 
den  Individuen  einen  zersetzten  Ston  entstehen  machen,  in  wie  ferne 
selbe  daher  ätiologische  Momente  des  Kindbettfiebers  sind,  und  in 
wie  ferne  diese  Umstände  weder  den  Individuen  einen  zersetzten 
Stoff  von  Aussen  beibringen,  noch  in  den  Individuen  einen  zersetzten 
Stoff  entstehen  machen,  in  wie  ferne  selbe  daher  keine  ätiologischen 
Momente  des  Kindbettfiebers  sind,  darüber  kann  der  Leser  meine  Ansicht 
finden  in  meinem  Werke  an  den  Stellen,  in  welchen  ich  die  Scan- 
zoni'sche  und  Carl  Braun'sche  Aetiologie  des  Kindbettfiebers  beurtheile. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


459 


Hofrath  haben  mein  Werk  ohne  allen  Nutzen  gelesen;  Herr 
a.th  verbreiten  eine  Lehre,  nach  Lesung  meines  Werkes,  welche 
ein  Couglomerat  von  Irrthiimeru  ist.  welche  sämmtlirh  in  meinem 
Werke  in  überzeugender  Weise  widerlegt  sind.  Und  da  es  mir  mög- 
lich scheint,  dass  noch  manch*  Anderer,  ebenso  wie  Sie,  mein  Wert 
ohne  alJen  Nutzen  lesen   dürfte,  und  da  ich  den  unerschütterlichen 

"ntschluss  gefasst  habe,  das  Menschengeschlecht  von  der  Geissei  des 
idbettfiebers  zu   befreien,  80  mache  ich   Ihnen.   Herr  Hofrath,    zur 

'rreichung  dieses  heiligen  Zweckes  folgenden  Antrag:  Richten  Sie, 
Herr  Hofrath,  an  die  Geburtshelfer  und  Aerzte  Deutschlands  eine 
Aufforderung,  selbe  mögen  sich  in  den  Monaten  August  oder  September 
in  einer  Stadt  Deutschlands,  deren  Bezeichnung  ich  Ihnen,  Herr  Hof- 
rath. über  lasse,  versammeln;  ich  werde  auch  erscheinen,  und  wir 
(Verden  uns  mündlich  verständigen.  Früher  oder  später  erlauben  mir 
meine  Berufspflichten  keine  längere  Abwesenheit  von  Pest,  und  mit 
der  alljährlichen  Versammlung  deutscher  Aerzte  und  Naturforscher 
kann  diese  Besprechung  nicht  vereiniget  werden,  weil  diese  Versamm- 
lung zu  kurze  Zeit  dauert;  ich  bin  aber  gesonnen,  so  lange  zu  bleiben, 
bis  Alle  aus  Ueberzeugung  sich  meiner  Lehre  angeschlossen. 

Sollten  aber  die  Geburtshelfer  und  Aerzte  Deutschlands  ihren 
eigenen  Fähigkeiten  vertrauen,  und  sollten  selbe  eine  solche  Ver- 
sammlung für  überflüssig  halten,  so  gebe  ich  mich  auch  damit  zu- 
frieden, erwarte  aber  dann,  dass  die  deutschen  Geburtshelfer  und 
Aerzte  keine  Irrthümer  mehr  über  das  Kindbettrteber  verbreiten,  und 
dass  die  Geburtshelfer  und  Aerzte  Deutschlands  keine  Mordthaten 
mehr  begehen,  welche  aus  den  Gebärhäusern  unter  der  Aufschrift 
von  beobachteten  Puerperal-Fieber-Epidemien  und  aus  der  Privatpraxis 
unter  der  Aufschrift  von  in  geographischer  Verbreitung  vorgekommenen 
Kindbettfieber  veröffentlicht  werden. 


An  Hofrath 
Dr.  F.  W.  Scaii/oni. 

Professor  der  Geburtshilfe  zu  Würzbarg. 


Als  ich  den  offenen  Brief  an  Sie,  Herr  Hofrath,  schrieb,  wegen 
der  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie.  welche  im  Jahre  1859  in  ihrem 
neuen,  mit  den  besten  Einrichtungen  versehenen  Gebärhause  herrschte, 
hatte  ich  noch  keine  Keiintniss,  dass  auch  im  Jahre  1860  V)  in  ihrem 
Denen,    mit  den    besten   Einrichtungen    versehenen   Gebärhause  eine 


>}  Würzburger  niedi.iuisehe  Zeitschrift.  I-  Band  V.  Heft.  1860.  Seite  360. 
Mittheilungen  ans  der  geburtshilflichen  Klinik  zu  Würzburg,  tou  Dr.  Otto  von 
Franque,  Privatclocenten  in  Würzburg. 


460 


Semraelweis"  Abhandlungen  und  Werk  illver  das  Kiwlk-n  lieber. 


noch     heftigere    Pseudo-Kindbettiieber-Epidemie     herrschte,     als    im 
Jahre   L86ft 

Im  Jahre  1859  ereigneten  sieh  vom  1.  Februar  bis  15.  April 
99  Geburten;  davon  erkraukten  an  Puerperal-Prozessen  30.  9  starben. 

Im  Jahre  1860  zogen  sich  die  Erkrankungen  wahrend  dei 
sechs  Monate  des  Jahres  hin,  bald  stärker,  bald  Schwächer  auftretend: 
ihren  Höhepunkt  erlangte  die  Pseudo-Epidemie  Ende  April    und   Au- 

9  Mai;  in  diese  Zeil  lallen  die  acutesten  und  heftigsten  Erkrankungen 
und  die  meisten  Todesfälle. 

In  den  ersten  6  Monaten  des  Jahres  1860  kamen  188  Geburten 
vor;  von  den  Wöchnerinnen  erkrankten  44  am  Puerperal-Fieber.  von 
diesen  starben  14;  19  von  den  Puerpetal-Ei  krankten  wurden  tu  das 
JuliusspitaJ  transferirt,  7  davon  starben:  also  starben  im  Jahre  1859  9, 
im  Jahre  18H0  21  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber. 

Herr  Hofrath  haben  vom  1.  November  1850  bis  letzten  Oktober 
1856  im  Würzburger  Gebärhanse  1639  Wöchnerinnen  behandelt,  da- 
von starben  80. 

Was  vom  letzten  Oktober  185G  bis  zu  den  zwei  Pseudo-Kiud1 
fieber-Epidemien  in  den  Jahren  1859  und  1800  im  Würzburger  Ge- 
bärhause geschehen,  ist  nicht  zu  meiner  Kenntniss  gelangt.  Die 
6  günstigen  Jahre  haben  mir  es  möglich  erscheinen  lassen,  dass  Sie, 
Herr  Hofrath.  ich  weiss  nicht  unter  welcher  Form,  meine  Lehre  be- 
obachten. 

Carl  Braun  z.  B.  beweiset  bis  zur  untrüglichen  Gewissheit  in 
seinem  Aufsätze,  aus  welchen]  Lehmann  und  Hofrath  Siebold  ihre 
Weisheit  geschöpft,  dass  der  Cadaver  nicht  inlicirt.  und  dass 
Chlorkalk  nicht  desinficirt.  Wenn  er  daher  seim-n  Schülern  den  Auf- 
trag ertheilt,  nicht  zu  untersuchen,  so  lange  der  Fjpger  nach  Cadaver 
riecht,  und  wenn  er  seine  Schüler  nach  Uebungen  am  Cadaver  <  "hlor- 
Waschungen  machen  lftsst,  so  geschieht  dies,  wie  er  selbst  sagt,  blas 
um  die  Form  zu  beobachten, 

Herr  Hofrath  thun  vielleicht  auf  andere  Weise  dasselbe. 

Die  zwei  Pseudo-Epidemien  haben  mich  in  meinem  Glauben  au 
eine  niaskirte  Beobachtung  meiner  Lehre  nicht  irre  gemacht,  weil  mir 
dasselbe  geschehen. 

Im  Jahre  1848  habe  ich  in  Wien  wählend  zwei  Monaten  gar 
keine  Todte  gehabt:  in  5  Monaten  starb  nicht  Eine  von  100.  Im 
St.  Rochusspital  starb  während  6  Jahren  nicht  Eine  Wöchnerin 
100.  Im  eisten  Jahre  meiner  Professur  starb  nicht  Eine  von  100 
Wöchnerinnen.  Im  zweiten  starben  2.  im  dritten  stürben  sogar  4 
von  100.  Trotz  meinen  Massregeln  sind  den  Individuen  in  dieses 
zwei  Jahren  zersetzte  Stoffe  von  Aussen  eingebracht  worden  mittelst 
unreiner  Leintücher. 

Es  kann  ja  auch  im  Würzburger  Gebärhause  geschehen  sein,  dass 
trotz  der  maskirten  Beobachtung  meiner  Lehre,  den  Individuen  zer- 
setzte Stoffe  von  aussen  eingebracht  wurden.  Die  Pseudo-Kiudbett- 
fieber-Epidemien  des  Jahres  1859  waren  unzweifelhaft  Infectionen 
von  Aussen,  welche  geschahen  vor  Ausschliessung  des  Kindes,  was 
die  wahrend  der  Geburt  zu  beobachtenden  Wehen-Anomalien,  die 
Blutflusse  in  der  Nachgeburtsperiode  und  der  Umstand  beweiset,  dass 
die  Kinder  an  einer  der  mütterlichen  ähnlichen  Blutentmischung 
ebentall-  starben. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


461 


Die  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien  des  Jahres  1860  waren  un- 
zweifelhaft Infectionsfälle  von  Aussen,  welche  nach  Ausschliessung 
des  Kindes,  also  in  der  Nachgeburtsperiode  oder  im  Wochenbette 
hervorgerufen  wurden,  was  die  Abwesenheit  von  Wehen-Anomalien, 
das  Nichteintreten  von  Bluttliissen  in  der  Nachgeburtsperiode,  und 
der  Umstand  beweiset,  dass  die  Kinder  der  erkrankten  Mütter  ge- 
sund blieben. 

Stellen  Herr  Hofrath  in  diesen  Richtungen  Untersuchungen  an, 
vielleicht  gelingt  es  Ihnen  jetzt  noch  zu  ermitteln,  wie  diese  Infectionen 
erzeugt  wurden. 

Zur  Erklärung  des  gnten  Gesundheitszustandes  der  Wöchnerinnen 
des  Würzburger  Gebärhauses  während  der  6  Jahre  können  Herr  Hof- 
rath Ihre  Zuflucht  nicht  zu  einem  günstigen  Genius  epidemicus  nehmen, 
weil  Sie  dann  nicht  nur  nicht  erklären  könnten,  warum  denn  dieser 
günstige  Genius  epidemicus  im  Prager  Gebärhause  zur  Zeit,  als  Sie 
mehr  geniale  als  gewissenhafte  Experimente  mit  den  Chlorwaschungen 
machten,  nur  einen  Monat  dauerte;  Sie  würden  ausserdem  auch  noch 
in  eine  Collision  mit  Carl  Braun  gerathen,  der  doch  eben  eine  so 
grosse  Autorität,  was  das  Kindbettfieber  anbelangt,  ist,  wie  Sie. 
Herr  Hofrath. 

Carl  Braun  kann  sich  nun  keinen  Herbst  denken,  ohne  eine 
Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie,  welche  nun  den  ganzen  Winter  hin- 
durch mordet,  bis  im  Frühjahre  die  wärmere  Jahreszeit  dem  Morden 
ein  Ende  macht.  Der  Winter  ist  nach  Carl  Braun  die  Zeit  der  Epi- 
demien und  der  Sommer  die  Zeit  des   besseren  Gesundheitszustandes. 

Dass  mit  dem  Herbste,  das  heisst  im  Oktober,  die  Schulen  wieder 
beginnen,  und  die  Schüler  sich  im  Winter  mit  Dingen  beschäftigen, 
welche  ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen,  und  dass 
diese  Beschäftigungen  mit  Beginn  der  warmen  Jahreszeit  seltener 
werden,  und  dass  mit  Beginn  der  warmen  Jahreszeit  die  Schüler 
lieber  in  die  reizenden  Umgebungen  Wiens  als  in  die  Todtenkaminern 
und  in  das  Gebärhaus  gehen,  kommt  natürlich  beim  Kindbettfieber 
nicht  in  Betracht. 

Sie  können  sich.  Herr  Hofrath,  auch  deshalb  nicht  auf  einen 
günstigen  Genius  epidemicus  berufen,  weil  während  der  Jahre  des 
günstigen  Gesundheitszustandes  der  Wöchnerinnen  im  Würzburger 
Gebärhause,  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  vielen  euro- 
päischen Gebärhäusern  ein  schlechter  war.  Was  hat  das  Würzburger 
Gebärhaus  vor  dem  ungünstigen  Genius  epidemicus  geschützt,  welcher 
im  Jahre  1854  an  der  I.  Klinik  zu  Wien  allein  400  Wöchnerinnen 
getödtet? 

Es  wird  Ihnen  ja  bekannt  sein.  Herr  Hofrath,  dass  die  atmo- 
sphärischen Einflüsse,  welche  den  gunstigen  und  ungünstigen  Genius 
epidemicus  darstellen,  über  den  ganzen  Continent  verbreitet  sind,  und 
Wiirzburg  liegt  ja  auch  auf  dem  Continent. 

Herr  Hofrath  haben  13  Jahre  Recht  behalten,  weil  ich  13  Jahre 
geschwiegen;  jetzt  habe  ich  das  Schweigen  aufgegeben,  und  jetzt  be- 
halte ich  Recht,  und  zwar  für  so  lange,  als  das  menschliche  Weib 
gebären  wird,  ihnen,  Herr  Hofrath,  bleibt  nichts  anderes  übrig,  wenn 
Sie  von  Ihrem  Ansehen  noch  retten  wollen,  was  noch  zu  retten  ist, 
als  sich  meiner  Lehre  anzuschliessen.  Sollten  Sie  bei  der  Lehre  des 
epidemischen  Kindbettiiebers  verbleiben,  so  werden  mit  fortschreitender 


462  Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 

Aufklärung  die  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien  und  Ihr  Ansehen 
aus  der  Welt  verschwinden. 

Wenn  ich  so  glücklich  wäre,  ein  neues,  mit  den  besten  Ein- 
richtungen versehenes  Gebärhaus  zu  leiten,  so  würde  ich  ungleich 
Ihnen,  Herr  Hofrath,  die  glückliche  Zeit  zurückbringen,  so  im  Wiener 
Gebärhause  erst  Eine  Wöchnerin  von  400  Wöchnerinnen  starb. 

Etwas  Gutes  haben  diese  beiden  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien 
in  ihrem  neuen,  mit  den  besten  Einrichtungen  versehenen  Gebärhause 
dennoch  gehabt;  diese  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien  haben  den 
Vorschlag  der  Ignoranten  Franzosen,  neue  Gebärhäuser  zu  bauen,  um 
die  Wöchnerinnen  gesund  zu  erhalten,  gründlich  widerlegt;  Herr 
Hofrath  haben  bewiesen,  dass  man  trotz  einem  neuen,  mit  den  besten 
Einrichtungen  versehenen  Gebärhause,  im  Punkte  des  Mordens  Vieles 
leisten  kann,  wenn  man  nur  die  nöthigen  Eigenschaften  dazu  besitzt. 


Offener  Brief 


an  sämmtliche 


Professoren  der  Geburtshilfe 


von 


Dr.  Ignaz  Philipp  Semmehveis, 

o.  ö.  Professor  der  Geburtshilfe  an  der  königl.  nngar.  Universität 

zu  Pest. 


Ofen, 

aus  der  königl.  Ungar.  Universitäts-Buchdruckerei. 
1862. 


In  Folge  des  Erscheinens  meines  Werkes  und  in  Folge  der 
Versendung  der  offenen  Briefe  sind  an  mich  zustimmende 
Briefe  gelangt;  einige  derselben  wollen  wir  veröffentlichen. 


Dr.  L.  Kugel  mann  schreibt: 


Hannover,  18.  Juli  1861. 


.Sie  hatten  die  Gewogenheit,  mich  mit  der  Znsendung:  ihrer  beiden 
Tlnuhüren  zu  beehren,  wofür  ich  Ihnen  verbindlichsten  Dank  sairr. 
Als  Schüler  v.  Siebold's  in  Göttingen  besuchte  ich  von  Michael  is  Is.jI 
bis  Ostern  1854  dessen  Vorlesungen  und  Klinik  and  ich  fühle  mich 
gedrungen.  Si«  zu  versichern,  dass  dieser  grosse  Gelehrte  bei  jeder 
Gelegenheit  Ihrer  Entdeckung  mit  Auszeichnung  gedachte.  Vielk-h  ht 
verzeihen  Sie  dem  jüngeren  Faehgenossen,  wenn  er  Ihnen  gegenüber 
die  bescheidene  Ansicht  auszusprechen  wagt,  dass  ein  Mann  wie 
Ed.  v.  Siebold,  der  als  Historiker  unseres  Faches  allen  Zeiten  angehören 
wird,  selbst  wenn  er  irrt,  eine  schonendere  und  rücksichtsvollere  Be- 
lang verdient,  als  jene  ephemeren  Mode-Erscheinungen,  die  nur. 
die  Leistungen  ihrer  Vorgänger  und  Zeitgenossen  geschickt  und 
ungesehen!  benutzend,  sich  als  grosse  Regeneratoren  geriren. 

Gestatten  Sie  mir  nunmehr,  hochverehrter  Herr  Professor.  Thnen 
in  wenigen  Worten  die  heilige  Freude  auszudrücken,  welche  ich  beim 
Studium  Ihres  Werkes:  „Die  Aetiologie  etc.  etc.  des  Kindbett ^fiebere" 
empfand.  Unwillkürlich  fühlte  ich  mich,  als  ich  mit  einem  hiesigen 
Collegen  darüber  sprach,  zu  der  Aeusserung  gezwungen:  dieser  Mann 
ist  ein  zweiter  Jenner;  möchte  seinem  Verdienst  eiue  gleiche  An- 
erkennung und  seinem  Streben  eine  gleiche  Genügt huung  zu  Theil 
werden. 

Durch  Zufall  erwarb  ich  aus  der  Bibliothek  de-  liier  verstorbenen 
Medirinal-Rathes  Kohlrausch  Jenner's  „An  Inquiry  lato  The  Causes 
aml  Effects  of  The  Variolae  Vaccinae."  Wie  Sie  aus  der  darin  be- 
findlichen Autographie  ersehen,  ist  dies  das  Dedications- Exemplar, 
welches  der  berühmte  Verfasser  dem  Prof.  Blumenbach  übersandte. 
Sie  würden  mich  ausserordentlich  verpflichten ,  wenn  Sie  die 
ergebene  Bitte  gewähren  wollten,  diese  Brochüre  als  Zeichen  meiner 
unbegrenzten  Verehrung  entgegen  zu  nehmen. 

Genehmigen  Sie,  hochverehrter  Herr  Professor,  die  Versicherung 
meiner  ausgezeichneten 

Hochachtung 


weis'  guiitnni»lt»  Work*. 


Dr.  L,  Kugelmann. 

30 


466 


Semraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  KiiulWrttieber, 


Dr.  L.  Kugelmann  schreibt: 


Hannover,  10.  August  1861. 


Nur  sehr  Wenigen  war  es  vergönnt,  der  Menschheit  wirkliche» 
grosse  und  dauernde  Dienste  zu  erweisen,  und  mit  wenigen  Aus- 
nahmen hat  die  Welt  ihre  Wohlthäter  gekreuzigt  und  verbrannt. 
Ich  hoffe  deshalb,  Sie  werden  in  dem  ehrenvollen  Kampfe  nicht  er- 
müden, der  Ihnen  noch  übrig  bleibt.  Ein  baldiger  Sieg  kann  Ihnen 
um  so  weniger  fehlen,  als  viele  Ihrer  literarischen  Gegner  sich  de 
facto  schon  zu  Ihrer  Lehre  bekennen.  Wie  ist  es  zu  verwundern. 
dass  Leute,  die  Jahre  lang  in  Wort  und  Schrift  unverständlich, 
vielleicht  auch  sich  selbst,  über  unverstandenes  schrieben  und  redeten, 
diese  Lücke  ihrer  Erkenntniss  auch  sofort  zu  verdecken  streben. 
Nicht  viele  setzen  die  Liebe  zur  Wahrheit  über  die  Selbstliehe. 
Manche  sind  wohl  in  gewohnter  Selbsttäuschung  befangen.  Auf 
andere  wieder  passt  der  derbe  Sarcasmus  Heinrich  Heine's,  der 
irgendwo  sagt:  „Als  Pythagoras  seinen  berühmten  Lehrsatz  entdeckt 
hatte,  opferte  er  eine  Hekatombe.  Seitdem  haben  die  0  .  .  . 
eine  instinctartige  Furcht  vor  der  Entdeckung  von  Wahrheiten." 

Vergessen  Sie  übrigens  nicht,  vereintester  Freund,  dass  Sie  vor- 
wiegend die  Stimmen  Ihrer  Gegner  vernehmen,  nicht  aber  erfahren, 
wie  viele  sich  von  Ihnen  belehren  lassen.  Als  Beweis  sende  ich 
Ihnen  beifolgende  Zeilen,  mit  denen  mir  der  Mtedicinalrath  Dommes. 
Mitglied  des  Ober-Medicinal-Collegiums  und  beschäftigter  Geburts- 
helfer hier  selbst,  Ihr  Buch  zurückschickte,  welches  ich  ihm  mit- 
getheilt  habe. 


Medicinalrath  Pommes  schreibt: 


Hannover,  3.  Juni  1861. 


Mit  vielem  Danke  sende  ich  Ihnen,  lieber  Collega,  das  so  sehr 
crelungene  Buch  von  Semmelweis  zurück.  Ich  habe  viel  daraus  gelernt, 
und  auch,  wie  man  für  die  Wahrheit  kämpfen  muss. 


Dr.  Fernice,  Professor  der  Geburtshilfe  in  Greifs  wald,  schreibt: 

Für  die  Sendung  der  offenen  Briefe  sage  ich  Ihnen  meinen  !.»■■ 
Dank.  Ich  muss  es  einer  sorgfältigen  Beobachtung  anheim  geben,  in 
wie  weit  die  von  Ihnen  angeregten  Massregeln  zur  gänzlichen  Be- 
seitigung des  Puerperalfiebers  geeignet  sind.  Sie  werden  selbst  nicht 
verlangen,  dass  man  in  verba  Wagistri  schwört.  Die  notln'gen  \1 
regeln  sind  bereits  getroffen,  und  werde  ich,  seiner  Zeit  Ihnen  davon 
Nachricht  zu  geben,  wie  die  Erfolge  sich  gestalten,  nicht  verfehlen. 
Mit  grösster  Hochachtung  Euer  Hochwohlgeboren 


ergebenster 
Dr.  Pernice. 


Greifswald,  22.  Juli  1861. 


(Ich  habe  es  für  meine  angenehme  Pflicht  gehalten,  Prof.  Pe 
wegen  seines  guten  Vorsatzes  brieflich  mein  Compliment  zu  machen.) 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


467 


Pippingsküld,  Geburtshelfer  im  allgemeinen  Hospital  zn  Helsingfors, 
schreibt : 

Auch  von  dieser  fernen  Ecke  der  Welt  könnte  ich  mehrere  T  hat' 
sachen  hervorheben,  die  Ihre  Ansichten  über  das  Puerperalfieber  be- 
stätigen. 

(Ich  habe  brieflich  um  Mittheilung:  dieser  Thatsaehen  gebeten, 
bisher  aber  noch  keine  Antwort  erhalten.) 


Im  Mai  1862  wird  es  fünfzehn  Jahre,  dass  ich  als  Assistent  an  der 
I.  Gebärklinik  zu  Wien,  die  alleinige,  ewig  wahre  Ursache  aller 
Fälle  von  Kindbettfieber,  keinen  einzigen  Fall  von  Kindbettfieber  aus- 
genommen, welche  vorgekommen  sind,  seit  das  menschliche  Weib  gebärt, 
und  welche  vorkommen  werden,  so  lange  das  menschliche  Weib  gebären 
wird,  in  dem  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffe  entdeckt  habe. 

Tritt  die  Blutentmischung  bei  der  Mutter  in  Folge  der  Resorption 
des  zersetzten  thierisch-organischen  Stoßes  zur  Zeit  ein,  wo  das  Kind 
noch  mittelst  der  Placenta  im  organischen  Verkehre  mit  der  Mutter 
steht,  so  theilt  die  Mutter  dem  Kinde  die  Blutentmischung  mit,  und 
diese  Mittheilung  der  Blutentmischung  ist  die  Ursache,  dass  das  Kind 
an  derselben  Blutentmischung  ei  ki  ankt,  an  welcher  die  Mutter  erkrankte. 

Nach  dein  eben  gesagten  ist  meine  Nosologie  des  Kindbettfiebers 
folgende:  Ich  halte  jeden  Fall  von  Kindbettfieber,  keinen  einzigen 
Fall  von  Kindbettiieber  ausgenommen,  welcher  vorgekommen  ist,  seit 
das  menschliche  Weib  gebärt,  und  welcher  vorkommen  wird,  so  lange 
das  menschliche  Weib  gebären  wird,  für  ein  Resorptionsfieber,  welches 
dadurch  entsteht,  dass  ein  zersetzter  thierisch-orgauischer  Stoff  resorbirt 
wird.  Dieser  resorbirte  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  entmischt 
das  Blut.  In  seltenen  Fällen  tödtet  die  Krankheit  schon  in  diesem 
Stadio,  in  der  überwiegend  grössten  Mehrzahl  der  Resorptionsfieber 
in  der  Fortptianzungsperiode  des  Weibes  entstehen  aber  aus  dem 
durch  den  resorbirten  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  entmischten 
Blute  inelir  oder  weniger  zahlreiche  Exsudativen. 

In  der  überwiegend  grössten  Mehrzahl  der  Resorptionsfieber  in 
der  Fortpflanzungsperiode  des  Weibes  wird  der  resorbirte,  das  Blut 
entmischende,  zersetzte  thierisch-organische  Stofi',  den  Individuen  von 
Aussen  beigebracht,  und  das  sind  die  Resorptionsfieber  in  der  Fort- 
ptlanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch  Infection  von  Aussen, 
das  sind  die  Resorptionsfieber  in  der  FortpflanziniLrsj.ieriode  des  Weibes, 
welche  alle  verhütet  werden  können. 

IMese  verhütbaren  Resorptiousfieber  in  der  Fortpflanzungsperiode 
des  Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infection  von  Aussen,  stellen 
die  Pseudo-Kindbettheber-EpitliMiiien  dar,  welche  im  Jahre  1664  in 
Paris  im  ..Hötel-Dieu"  begonnen,  und  im  Jahre  1861,  also  im  fünf- 
zehnten Jahre  nach  Entdeckung  der  Lehre,  wie  man  dieses  verhüt- 
bare Resorptionsfieber  in  der  Fortpflanznngsperiode  des  Weibes,  ent- 

ien  durch  verhütbare  Infection  von  Aussen,  verhüten  könne,  noch 
immer  nicht  aufgehört  baben. 

Die  Pseudo-Kiindliettfieber-Epidemien,  das  heisst:  die  verhütbaren 

30* 


468 


Sem  nie]  weis'  Ablmuilliin^en  und  Werk  DWer  das  KindheUtieher. 


J M>orjit  ionstiehnr  in  der  Fortpflanzuugsperiode  des  Weibe»,  entstanden 
durch  verhütbare  Infection  von  Aussen  vom  Jahre  1664  bis  zum 
Jahre  1817  verzeichnen  die  Opfer,  welche  ärztlicher  Unwissenheit,  die 
Pseudo- Kind  bettfieber- Epidemien,  das  heisst:  die  verhüti 
Resorptionsfieber  in  der  Fortpflanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden 
durch  verhütbare  Infection  von  Aussen,  vom  Jahre  1847  bis  zu  di< 
Augenblicke  verzeichnen  die  '  'pfer,  welche  zum  Tlie.il  ärztlicher  ['iifahig- 
keit,  zum  Theil  ärztlicher  Unredlichkeit  fit  le.n. 

In  .seltenen  Fällen   von  Resorptionsfieber  in   der  FortpflattzuRga- 
periode  des  Weibes  entsteht  aber  der  resorbirte,  das  Blut  entmische 
zersetzte  thierisch-organiflche  Stoff  in  dem  ergriffenen  Individno  selbst, 
und  das  ist   das  Resorptionsfieber  in  der   Fori^flaTizungsperiod€ 
Weibes  entstanden  durch  Selbst  infection. 

Das  Resorptionsfieber  in   der   Fortpflanzungsperiode   des  Weihe. 
entstanden  dureh  Selbstinfection  kann   nicht  immer   verhütet   werden. 
In  Fotee  des  unverhtttbaren  Kcsorptinnsfiebers  in  der  Fortpflanzt] 
periode   des    Weibes  entstanden   durch   unverhütbare   Selbstinfection 
werden  immer  Wöchnerinnen  sterben. 

Wir  haben  nun  das  kindbettfieber  als  ein  Resorptionsfieber  keimen 
gelernt,  welches  dadurch  entsteht,  dass  entweder  ein  zersetzter  thierisch- 
organischei1  Stoff  den  Individuen  von  Aussen  beigebracht  wird,  oder 
dass  ein  zersetzter  fhierisch-organischer  Stoff  in  dem  ergriffenen 
Iiiilividno  selbst  entstellt. 

Der  oberste  Grundsatz  der  Veihütutigslehre  des  Resorptionsfleben 
in    der    Fortpflanzungsperiode    des    Weibes    ist    daher:    Briiurt     In 
Individuen   keinen   zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  von  An 
ein.    Entfernt  den  in  dem  Individno  entstandenen  zersetzten  fchiei 
organischen  St  uff  vor  der  Resorption,   aus  dem  Individno.     1 
Hälfte  des  obersten  Grundsatzes  der  Verhütungslehre  des  ftesorptions- 
nebers  in  der  Fortpfianzungsperiode  des  Weibes:  Bringt  den  Individuen 
keinen  zersetzten   thierisch-organischen   8toff  von    Aussen   ein.  kniin 
immer  erfüllt  werden.    Die  zweite  Hälfte   des  obersten  Gnmdsatees 
der  Verhutungslehre   des  Besorptiensfiebers   in    deT   Fortpflanzm 
periode   des    Weibes:    Entfernt    den    in    dem   Individuo   entstandenes 
zersetzten   thierisch-organischen    Stoff,   vor   der  Resorption,    aus  dem 
Individno,  kann  nicht  immer  erfüllt  werden.     Es  leidet  ein  Individuum 
an  Incarceratio  placentae;  wenn  wir  noch  so  ofi  mittelst  [njecttonen 
den    in    Folge   der    F&ulniss   der   Placenta    entstandenen   zersel 
ÖdariBea-orgunischi-u  St->ff  aus  dem  Individuo  entfernen,  so  wird  steh 
immer  wieder  ein  neuer  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff  bilden, 
und   es   wird   nicht  gelingen,  das   unverhütbare  Resorptionsfieber  iu 
der  Fortpflanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch  unverhütbare 
Selbstinfection,  zu  verhüten. 

Es  entsteht  nun  die  Frage,  wenn  der  oberste  Grundsatz  der  Ver- 
hütungslehre des  Resorptionsfiebers  in  der  Fortpflanzungsperiode 
Weibes  strenge  Anwendung  findet,  wie  viele  Wöchnerinnen    werden 
dann   noch    immer    in    Folge    nnverhütbaren   Resorptionsfieber > ,    eni 
standen  durch  unverhütbare  Selbstinfectiou,  sterben  '.J 

Auf  diese    Frage  wird  man  erst   dann   mit   Sicherheit    mit 
Zahlen  antworten   können,  wenn  das  von  mir  von  den  Regierungen 
erbetene  Gesetz,  welches  jedem  das  Gebärhaus  als  Schüler  Besuchenden 
strengstens  jede  Beschäftigung  mit  zersetzten   thierisch-organü 
Stoffen  verbietet,  Jahre  Lang  in  Wirksamkeit  sein  wird. 


l'enen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


46lJ 


Dieses  Gtesetz  ist  eine  conditio  sine  qua  Ron,  soll   &  gelingen, 

die  Resorptionstieber  in  der  l'ortpflanzuugspcrii'de  des  Weihes  auf 
die  unverhütbaren  Resorptionslieber  in  der  Fortpflanzungsperiode  des 
Weibes,  entstand eu  durcli  uu  verhütbare  Nelbstinfection,  m  beschränken. 

lue  Wahrheit  dieser  meiner  Behauptung  beweiset  das  Wiener 
Gebftrhans,  Im  Wiener  Gebärhause  kamen  zur  Zeit,  als  die  Medicin 
in  Wien  noch  der  anatomischen  Grundlage  entbehrte,  2ö  Jahre  vor, 
in  wclehen  nicht  eine  \\ öehnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb  (Seite  62 
Tafeeifl  Nr,  XVII  und  Seite  110*)  Tabelle  Nr.  XVIII  in  meinem  Werke). 
2  Jahre  starb  nicht  eine  Wöchnerin  von  400  Wöchnerinnen,  8  Jahre 
starb  eine  Wöchnerin  vou  200  Wöchnerinnen,  und  15  .In lue  starb 
nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen.  Jm  Jahre  1848,  wo 
ich  das  ganze  Jahr  hindurch  die  Chlorwnsriumgen  mit  der  ganzen 
Knergie.  deren  ich  fähig  bin,  beaufsichtigte,  war  die  Sterblichkeit, 
dennoch  1,27",,.  Vom  -fahr  1841  bis  inclusive  1846,  während  welcher 
sechs  Jahre  die  I,  Gebärklinik  ausschliesslich  Klinik  für  Aerzte  war, 
ohne  GhlorwaBcbnngen,  war  die  durchschnittliche  Sterblichkeit  trotz 
massenhaften  Transferinmgen,  9,92%  (Seite  3**)  Tabelle  Nr.  I).  Im 
Jahre  1848  ist  es  /war  gelungen,  durch  Chlorwaschungen  der  Hände 
und  durch  andere  Vorsichtsmassregeln,  ohne  Transjerirungen,  die 
Sterblichkeit  auf  1,27%  herabzudi  i'icken.  aber  die  glückliche  Zeit 
des  Wiener  Gehärhauses,  wo  von  400  Wöchnerinnen  nicht  eine  starb, 
ist  nicht  wieder  gekehlt,  und  zwar  deshalb  nicht  wieder  gekehrt, 
weil  es  im  Jahre  1848  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  42  Schüler 
uiii.  welche  sich  ungewöhnlich  viel,  vermöge  des  Systems,  nach  welchem 
Selbe  zu  Aerzten  erzogen  wurden,  mit  zersetzten  thieriseh-organischen 
Stoffen  beschäftigten,  und  gewiss  einer  und  der  andere  seine  mit  zer- 
setzten Stoffen  getränkte  Hand  nicht  lange  genug  der  Wirkung  des 
Chlorkalkes  aussetzte,  um  vollkommen  die  Hand  zu  desinficiren,  wo- 
durch das  verhütbare  Resorptionsfieber  in  der  Fortpflanzungsperiode 
des  Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infection  von  Aussen,  an 
der  I.  Gebärklinik  im  Jahn-  1848  in  solcher  Anzahl  erzeugt  wurde, 
dass  die  Sterblichkeit  auf  1.27  "  „  stieg  (Seite  140***)  Tabelle  Nr.  XXIII;. 
Es  ist  nicht  gerechtfertiget,  den  guten  Gesundheitszustand  der 
Wöchnerinnen  im  Gebärhans«  von  dem  guten  Willen  der  Schüler  und 
Schülerinnen  abhängig  zu  machen.  Und  haben  die  Schüler  und 
Schülerinnen  erfahren,  warum  sie  sich  während  der  Zeit  ihres  Aufent- 
haltes im  Gebärhause  nicht  mit  zersetzten  thieriseh-organischen  Stoffen 
beschilft  igen  dürfen,  so  weiden  die  Schüler  und  Schülerinnen  auch  in 
ihrer  künftigen  selbstständigen  Praxis  derartige  Beschäftigungen, 
meiden,  und  wenn  solche  Beschäftigungen  nicht  zu  umgehen  sein 
sollten,  so  werden  die  ehemaligen  Schüler  und  Schülerinnen  die 
not h igen  Vorsieh  tsmassregeln  anwenden,  um  bei  ihren  Wöchnerinnen 
nicht  das  verhütbare  Resorptionslieber,  entstanden  durch  verhütbare 
Infection  vou  Aussen,  hervorzurufen. 

Nachdem  wir  jetzt  nicht  mit  Sicherheit  mittelst  Zahlen  die  Frage 
beantworten  können:  Wie  viele  Wöchnerinnen  werden,  trotz  An- 
wendung des  obersten  Grundsatzes  der  Verhütungslehre  des  Resorptions- 
tiebers in  der  Fortpflanzungsperiode  des  Weibes,  noch  immer  in  Folge 
des  unverhütbaren  Resorptionsfiebers,  entstanden  durch  unverhütbare 


*)  [Seite  135  und  164.] 

ritt  KJ0.J  ***)  [Seite  183.] 


470 


Semniehveis'  Abhamlluusren  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


Selbstinfeetion,  sterben?    so  wollen  wir  uns  für  jetzt  begnügen,  zu 
zeigen,  wie  klein  die  Sterblichkeit  unter  den  Wöchnerinnen 

des  Resorptionsfiebers,  auch  ohne  Anwendung  des  obersten  Grundsatzes 
der  Yerhütungslehre  des  Resorptionsfiebers  in  der  Fortpflanzt) ; 
Periode  des  Weibes  bis  jetzt  schon,  unter  gewissen,  von  uns  zu 
erörternden  Umständen  war,  um  daraus  zu  entnehmen,  welch  glück- 
liche Zeiten  für  das  gebärende  Geschlecht  und  für  die  ungeborene 
Frucht  die  Zeiten  aein  werden,  in  welchen  der  oberste  Grundsatz  der 
Verhfltnngslehre  das  Resorptionslieber  in  der  Fortpflauzungsperi««!'- 
des  Weibes  eine  strenge  Beobachtung  finden   wird. 

Wir  haben  schon  erwähnt,  dass  im  Wiener  Gebürhause  zur  Zeh, 
als  die  Medlcin  in  Wien  noch  der  anatomischen  Grundlage  entbebiti-, 
während  25  Jahren  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  Wöchnerinnen  starb. 
Die  Tabelle,  welche  das  veranschaulicht.  Lal  1-dgende: 

1  Jahr  v.        744  Wüi Omeriuiien      6  Todte    0,80  Prct.     u.  z    im  J.     1840 


1   ,    * 

1419 

9 

Q63 

1   „    . 

1768 

7 

0,39 

3000 

26 

084 

3  Jabre  „ 

0125 

30 

0.48 

77::i: 

H 

0.72 

1 

54 

0,66 

°          H          M 

12,756 

« 

• 

« 

0,66 

1812 

n 

1791 

1. 

1786—98 

j» 

1»    ii 

ii     ii 

1801-ä 

22  Jahre     44,848  Wöchnerin»«]    178  Todte   0,60  Prot, 

Der    Zeitraum,    in    welchem    in    Wien    die    Medieiu    noch    der 
anatomischen  Grundlage  entbehrte,  tunfasst  39  Jahre,  vom  IG 
1784  bis  letzten  Dezember  1822. 

Die  Sterblichkeit  verhielt  sich  folgenderweise: 

25  Jahre  0  Percent  Wöchnerinnen  44838  Todte  973  =  0,60  Per.vnt 

7       „  1         „  .,  12074  _       185  =  1,52 

5      B  J        „  -  9332  ,.       219—2,34 

1     „  3       ,.  ..  2062  „        iiß  =  :i.L'u 

1      ..  4  „  19  ..       lö4  =  4,9W 


39  Jahre     Wüibueriuneu 


71,395    Todte  897=1,25  Pereoil 


Bbfir  hielt  den  15.  September  1789  seine  Antrittsrede,  and  begab 
sich  den  letzten  October  1822  in  den  Ruhestand.  Ans  den  Schritten 
Boer's  geht  hervor,  dass  Er  viele  der  verstorbenen  Wöchnerinnen  in 
Gegenwart  der  Schüler  entweder  selbst  secirte  oder  durch  Andere 
seciren  Hess,  und  daraus  ist  die  vorgekommene  grössere  Sterblichkeit 
zu  erklären. 

Noch  viel  günstiger  ist  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen 
in  den  englischen  uud  irländischen  Gebärhäusern.  In  meinem  Werk« 
über  Kindbettfieber  habe  ich  die  Rapporte  aus  vier  Londoner  und 
zwei  Dubliner  Gebärhäusern  von  einem  Zeiträume  von  262  .Jahren 
benutzt;  in  diesem  »dienen  Briefe  benutze  ich  die  Rapporte  aus  vier 
Londoner,  zwei  Dubliner  und  dem  Edinburger  Gebärhanse  und  zwar 
von  einem  Zeiträume  von  306  Jahren;  die  in  meinem  Werke  fehlenden 
44  Jahre  habe  ich  dem  Aufsatze  des  Prof.  Dr.  Otto  Spiegelberg  „zur 
Geburtshilfe  und  Gynäkologie  in  London,  Edinburg  und  Dublin". 
Monatsschrift  für  Geburtsknnde  etc.  7  Bunde  1856,  entnommen.  Der 
Controle  wegen  werde  ich  diese  44  Jahre  am  Ende  dieses  offenen 
Briefes  mittheilen. 

Wenn    wir    nun    diese    306    Jahre,    innerhalb    welcher    23 
Wöchnerinnen  verpflegt  wurden,  von  welchen  3078  starben,  also  1  8 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


471 


oder  1  von  774"/s(,.B,  nach  dem  Gesundheitszustande  der  Wöchnerinnen 
ordnen,  so  giebt  das  folgende  Tabelle: 

In  30  Jahren  <tnrb  keine  Wöchnerin  von  6334  Wöchnerinnen 


In  119  Jahr  war  die  Sterbl.  0  Percent  Wöchnerinnen  120.176  Todte  800 


ST 

1 

,H3 

9 

20 

H 

»1 

II 

3 

6 

4 

8 

5 

2 

" 

ti 

IJ 

6 

3 

V 

1 

8 

1 

y 

1 

II 

12 

1 

it 

•- 

•  • 

26 

306  Jalire. 

72,828 

20,677 

*:>[* 

1.848 

742 

663 

348 

174 

161 

117 

71 


1,106 
648=  2.52 
976  =  3,35 
61 

43  =  5.71» 
41  =  6,18 
40=-  7,29 

15  =  8,62 

16  —  9,90 
15  =12,82 
19  -26,76 


0,66  Prct. 
1.51      ., 


Wöchnerinnen  237,052 Tdte, 3078 -=   l.-_>:.i  Int. 

Es  würden  daher  während  der  149  Jahre,  in  welchen  entweder 
keine,  oder  nicht  eine  Wöchnerin  von  100  \\  iiclmeriiiuen  starb,  126,510 
Wöchnerinnen  verpflegt;  davon  starben  800,  also  0,63%.  Während 
der  157  Jahre,  in  welchen  die  Sterblichkeit  1  bis  26  "„  war,  wurden 
110,012  Wöchnerinnen  verpflegt,  2278  starben,  also  2,06%.  In  einem 
um  8  Jahre  längeren  Zeiträume  wurden  15,968  Wöchnerinnen  weniger 
verpflegt,  and  dennoch  lallt  in  diesen  Zeiträume  die  grössere  Sterb- 
lichkeit Wenn  wir  die  30  Jahre,  in  welchen  Von  6931  Wöchnerinnen 
keine  einzige  starb,  nach  der  Anzahl  der  verpflegten  Wöchnerinnen 
aneinander  reihen,  so  giebt  das  folgende  höchst  überraschende  Tabelle. 

Es  starb  nämlich  keine  Wöchnerin 


in  1 

lahre 

von 

8  Wöchnerinnen  British  Lying 

in 

Hospita 

17411 

r,   1 

ii 

ii 

sy 

n 

B                      11 

n 

" 

1836 

..    L 

m 

ri 

IUI 

n 

n                 n 

n 

»j 

1839 

..    1 

ii 

H 

106 

•■ 

r>                       Ii 

w 

«• 

1849 

„    1 

ii 

128 

»i 

n                 •■ 

'1 

•  r 

1833 

»    1 

Sl 

Ig 

130 

n 

Queen  «'harl.  Ly. 

■■ 

1838 

1 

11 

.T 

176 

n 

Briti&b  Lying 
General  Lyüi|r 

n 

1824 

„    1 

II 

|| 

221 

n 

11 

tt 

1850 

"    1 

i; 

11 

292 

n 

British  L viu;; 

11 

ff 

1819 

-    * 

J" 

|| 

322 

Fl 

ii 

5» 

ir 

1847—50 

.,    1 

i) 

H 

SM 

n 

H                         11 

|| 

Jt 

1811 

„    1 

II 

11 

361 

n 

(  ity  üf  London 

11 

i» 

1852 

„     1 

M 

■' 

417 

n 

British  Lying 

jl 

lHllO 

»  3 

)t 

II 

560 

ii 

Genemi  Lying 

1) 

Fl 

1844—48 

»  2 

ii 

n 

645 

V 

British  Lying 

ff 

1807—  8 

„  2 

?i 

M 

OS-l 

ii 

ii           ii 

II 

Tt 

1813-14 

„  4 

» 

•  ' 

744 

II 

Queen  CharL  Ly. 

ir 

H 

1851—54') 

1> 

1006 

ii 

City  of  London 

1827—29 

30  Jahre 

8334 

Wöchnerinnen  keine  Todte  am 

Kiiulliettfieber. 

Dies 

er  üb 

■IT; 

M-liel 

d  eiinsti 

ffe.Geaundheitszi 

n| 

ind  der 

Wöchnerinnen 

wurde  nur  in  den  4  Londoner  Gebärhiüisn n  beobachtet;  die  beiden 
Dubliner  und  das  Edinburger  Gebärhaus  haben  kein  Jahr  aufzuweisen. 
in  vrH(liim  keine  Wöchnerin  am  Kindbettfieber  gestorben  wäre.  Die 
grösste  Sterblichkeit  in  den  4  Londoner,  in  den  2  Dubliner  und  dem 
Kd  in  burger  Gebär  hause  ereignete  sieh  in  dem  Londoner  Gebärhause 
ral  Lying  in  Hospital.  Im  Jahre  1838  war  die  Sterblichkeit 
26,76%,  im  Jahre  1841   war  die  Sterblichkeit  12,82  °/0;   aber  in  den 


')  1852  starb  eine  Wöchnerin  an  Phthisia. 


472  Seuttuelweis'  Abhandlungen  und  Werk  Über  da*  Kindbettfieber. 

Jahren  1844,   45  und  46   starb  von  560  Wöchnerinnen  keine  ein 
Ueber  die  Ursache   fies   ungünstigen  und  nachher  gflnsftagsn  Gesund- 
heitszustandes der  Wöchnerinnen  dieses  Gebärhauses  wolle  der  Leser 
Seite  160*}  nachlesen. 

Wenn  wir  die  119  Jahre,  während  welcher  nicht  eine  Wöchnerin 
von  100  Wöchnerinnen  starb  —  es  starben  nämlich  800  Wöchnerinnen 
von  120.17t»  Wöchnerinnen,  also  0,66 "„  öder  3  von  150,:*/Sfl0.  nach 
•It-r  Anzahl  der  verpflegten  Wöchnerinnen  aneinander  reihen,  so  giebt 
das  die  auf  S.  473  folgende  Tabelle. 

Dieser  günstige  Gesundheitszustand  ist  folgenderweise  zu 
klären:  Bekanntlich  halten  die  Aerzte  des  dreieinigen  Königreiches 
das  Kindbett fieber  für  eine  contagiöse  Krankheit;  die  Aerzte  des  drei- 
einigen Königreiches,  wenn  selbe  mit  einer  Kindbett  lieber  kranken 
Schwangeren,  mit  einer  Kindbettfieber  kranken  Kreissenden,  mit  einer 
Kindbettfieber  kranken  Wöchnerin,  mit  einer  Pnerperal-Leiche  sich  be- 
schäftigen, beschäftigen  sich  nicht  mit  einer  gesunden  Schwangeren,  mit 
einer  gesunden  Kreissenden,  mit  einer  gesunden  Wöchnerin,  ohne  früher 
Haaaregeln  getroffen  zn  haben,  welche  geeignet  sind,  die  Ueber tragung 
des  Contagiums  von  den  Kranken  auf  die  Gesunden  zu  verbaten; 
zu  diesen  Massregeln  gehören  auch  I  'hlnnvasohungen  der  Hände. 

Das  Kindbettfieber  ist  keine  contagiöse  Krankheit;  eine  contagiöse 
Krankheit  ist  diejenige  Krankheit,  welche  das  Contagium,  durch 
welches  die  Krankheit  vervielfältigt  wird,  selbst  erzeugt;  ein  jedes 
an  einer  coutagiösen  Krankheit  leidende  Individuum  ist  geeignet.  M 
einem  gesunden  Individuum  dieselbe  contagiöse  Krankheit  hervor- 
zurufen. Ein  gesundes  Individuum  kann  nur  dieselbe  contagiöse 
Krankheit  bekommen,  in  welcher  das  kranke  Individuum  leidet. 

Blattern  sind  eine  <-untagiöse  Krankheit,  weil  die  Blattern  das 
Contagium  erzeugen,  durch  welches  die  Blattern  vervielfältigt  werden; 
ein  jeder  Blatternkranke  ist  befähigt,  bei  einem  Gesunden  die  Blattern 
hervorzurufen;  ein  Gesunder  kann  die  Blattern  nur  wieder  von  einem 
Blatternkranken  bekommen. 

Nicht  so  verhält  sich  die  Sache  beim  Kindbettfieber.  Das  Kind- 
bettfieber wird  durch  kein  Contagium,  sondern  durch  einen  zersetzten 
thierisch-orgaiiischen  Stoff  vervielfältiget;  daher  ist  nicht  eine  jede 
am  Kindbettfieber  leidende  Schwangere,  Kreissende  und  Wöchnerin 
geeignet,  das  Kindbettfieber  bei  einer  gesunden  Schwangeren, 
Kreissenden  und  Wöchnerin  hervorzubringen.  Verläuft  das  Kindbett- 
Heber  beim  kranken  Individuum  ohne  Erzeugung  eines  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoffes  nach  Aussen,  so  ist  von  dieser  Kranken 
«Ins  Kindbetttieber  auf  eine  gesunde  nicht  übertragbar;  z.  B.  ein  In- 
dividuum leidet  an  jauchiger  puerperaler  Peritonitis,  kusserlich  wird 
kein  zersetzter  thierisch-organischer  Stoff  erzengt;  von  dieser  Kranken 
ist  das  Kindbettfieber  auf  eine  Gesunde  nicht  übertragbar. 

Erzeugt  aber  das  Kindbetttieber  einen  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoff  nach  Aussen,  z.  B.  ist  Endometritis  septica  vor- 
handen, so  ist  mittelst  des  zersetzten  thieriseli-organisclien  Stoffes  der 
Endometritis  septica   in  i  einem  gesunden  lndividuo  das  Kindbetttieber 

erzeug  bar. 

Die  Pnerperal-Leiche  liefert  den  das  Kindbettfieber  erzeugenden 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  durch  die  Fäulniss  und  durch 


[Seite  196] 


Die  offenen  Briefe 

an  Professoren  der  Geburtshilfe.                     473 

Es  starb  nicht 

eine 

Wöchnerin  von  100  'Wöelmmiinen: 

in 

1  Jahre 

von 

113  w.,,1,- 

.  Tod1 

1=0,88  Prrt.BritisbLvingLHosp.  1840 

•r 

M 

■i 

117 

,, 

ii 

1  =  0  sr, 

M       ii        ■•    ii     ii    j~zj 

n 

11 

H 

122 

ii 

ii 

1=0,81 

ii           ii              ii      n         j|      lfp3 

n 

i« 

•i 

142 

ii 

ii 

1  =0.70 

ll            ii              n      n         n      1831 

II 

ii 

144 

ii 

ii 

1  —  0,69 

B  Queen  Chart 1846 

-i 

ii 

212 

ii 

-■ 

2  =  0,94 

*      »    1848 

_ 

u 

ii 

214 

H 

n 

1=0,47 

.      ..         „        ,      1,    1835 

fs 

ii 

-i;, 

ii 

i« 

2  =  0,93 

» n     1837 

11 

pi 

217 

1» 

11 

,1       ii          ii        ■-        n     1^32 

■ 

II 

ii 

m 

q 

•' 

2  =  o,ST 

_  General  Lving      „    1882 

R 

11 

ii 

231 

ii 

n 

2.    0,86 

„   British  Lying       „     1846—51 >) 

■ 

15 

n 

378 

ri 

li 

8=0,72 

Kdiuburgiiu  Hosp.  1851 

|| 

ii 

870 

468 

•1 
il 

" 
ii 

3=0,81 
3=0,65 

,,  British  Lying  in    „     1766 
„    City  ofLond.  Lying  1854 

B 

11 

ii 

460 

H 

it 

4  =  D,86 

„  EdinbnrgiraHoipital  1848—49 

■ 

IS 

ii 

556 

ii 

ii 

4  =  0,71 

,,      Dublin  (Botunda)    1 3 

H 

■- 

559 

II 

|T 

3  =  0,53 

„  General  Lvintr  in  H.  1847-48 

IT 

11 

ii 

563 

ii 

11 

3  =  0,53 

„      British  Lying  in  H.  1779 

n 

•• 

;.s: 

n 

5=0.85 

ii           n            ••      ii  »       ?? 

11 

ii 

1  =  0,46 

15                        ■•                          .1            ||      ||        1   '^'' 

■ 

11 

ii 

ii 

3  =  0,44 

„              Dublin             1788 

n 

2 

51 

n 

T_'o 

11 

M 

3=0,41 

,    (  ity  of  London  Lying 

in  Hospital     1850—51 
.    i  nonibe  Lving  in  H    1834—88 

2 

_ 

„ 

162 

II 

li 

i;    o.oo 

n 

2 

11 

n 

867 

ii 

n 

6  =  0,69 

,,     .   .,            ,      „    .,     1845-46 

n 

3 

1» 

" 

1145 

11 

ii 

7=0,61 

„  Citv  of  London  Lying 

in  Hoepital  1838—84 

TT 

2 

|) 

!■ 

1145 

ii 

■' 

9  =  0,78 

„  British  Lving  i.  Hosp.  1776—77 

n 

2 

11 

1159 

n 

si 

7  =  0.60 

„         1787-68 

" 

2 

n 

•  1 

Kill'.) 

t* 

9  0=0,64 

Dublin            1771-72 

rt 

1 

H 

11 

1546 

■i 

12=0.77 

1790 

| 

1 

11 

15 

1631 

ii 

15 

]0=0.ril 

1798 

n 

4 

11 

II 

1714 

ii 

?5 

11=0,64 

„     Coombe  Lying  in  H.  1840—43 

|| 

3 

|| 

II 

L764 

ii 

15 

12=0,67 

„     Britith  Lying  in  F,  1771-';:'. 

tt 

1 

1> 

21  »25 

ii 

q 

17  =  0,83 

Dublin            1846 

R 

4 

■1 

11 

2157 

■■ 

51 

13=0,60 

„         City  of  London 

Lying  in  Hospital  184 1 — 44 

■• 

8 

31 

11 

bbbs 

ii 

11 

19  =  0,80 

_                  lMil.lin            1775—77 

- 

1 

n 

11 

2661 

ii 

.1 

24  =  n  !<:i 

r                IHH 
n   British  Lyiug  in  IL  1804-21') 

- 

18 

11 

11 

3814 

ii 

II 

80« 

P 

4 

|| 

M 

3947 

ii 

n 

26  =  0,63 

Dublin             17711-82 

n 

2 

li 

11 

6186 

ii 

46=  0J8 

1824-25 

•■ 

4 

ii 

11 

5381 

ii 

ii 

87    -0,71 

1784-87 

•• 

8 

11 

11 

5634 

•  • 

H 

34=0,81 

1881  -22 

11 

li 

V 

6106 

ii 

ii 

19     0,31 

„      British  Lving          1791—1802*) 

3 

ii 

11 

6669 

ii 

ii 

67  =-0.86 

-            Dublin             1842—44 

4 

li 

1» 

7988 

n 

ii 

57  =  0,71 

1850-4» 

ff 

4 

ii 

II 

8844 

ii 

1» 

48  =  0,50 

-                   „                   1830-33 

■ 

6 

li 

ii 

9814 

ii 

ii 

66  =  0,67 

„                   „                   1795—1800 

; 

4 

ii 

ii 

1237D 

n 

?! 

92—0,74 

-  ■          ' 

-> 

li 

ii 

■• 

14000 

h 

1» 

97  =  0,66 

1804—1809 

19  Jahre 

120,176  Wßcbner.     { 

«0  Todte  = 

=  0,66  Perceut. 

die  zersetzten  thierisch-organischen  Stofle.  welche  aus  dem  entmischten 

Blute 

entstanden  sind. 

Ein  gesundes  Individuum 

kann  das  Kindbettfieber  bekommen  von 

Dinge 

n,  w 

eiche  selbst  nicht 

Kindbettfieber  sind.    Die  Quelle,  woher 

der  zerset 

ste  thierisch-organische  Stoff 
,  4B,  41),  50  starb  keine  Wöchnerin 

genommen  wird,   welcher,    von 

1 

1847 

i 

1847 

,8, 

11.  LS, 

14.  und  19  starb  keine  Wöchnerin. 

i 

180C 

starb  keine  Wöchnerin 

. 

47+ 


Sfiuniehveis"  Abhandlungen  uud  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Lassen  den  Individuen  beigebracht  das  Kindbettfieber  erzeugt,    ist 
die  Leiche  jeden  Alters,  jeden  Geschlechts,  ahne  Rücksicht,  ob  es  die 
Leiche  einer  Wöchnerin  oder  einer  Nicht  Wöchnerin  ist;  bei  der  Leiche 
kommt  der  Grad  der  ETaulniss  und  die  zersetzten  Störte  der  tönt 
Krankheit  in  Betracht. 

Die  Quelle,  woher  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff 
nonimen  wird,  welcher,  von  Aussen  den  Individuen  beigebracht,  9&B 
Kindbettfieber  erzeugt,  sind  alle  Kranken  jeden  Alteis,  jeden 
schlechte,  deren  Krankheiten  mit  Erzeugung  eines  zersetzten  thieriscb- 
organischen  Stoffes  nach  Aussen  einherschreiien.  ohne  Rücksicht,  ob 
das  kranke  Individuum  an  Kindbettfieber  leide  oder  nicht;  nur  der 
Dach  Aussen  erzeugte  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  als  Product 
der  Krankheit  kommt  in  Betracht 

Die  Quelle,  woher  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff  ge- 
nommen wird,  welcher,  von  Aussen  den  Individuen  beigebracht,  das 
Kindbettfieber  erzeugt,  sind  alle  physiologischen  thieriseh-organiscln-u 
Gebilde,  welche  den  vitalen  Gesetzen  entzogen,  einen  gewissen  Zer- 
Betzilltgsgrad  eingegangen  sind:  nicht  das,  was  selbe  darstellen,  sondern 
der  Grad  der  Fäulniss  kommt  in  Betracht. 

Wenn  dalier  die  Aerzte  des  dreieinigen  Königreiches  Vorsichts- 
nmssregeln  gegen  die  Uebertragung  des  Contagiums  in  solchen  Fällen 
anwenden,  in  welchen  die  puerperal-erkrankte  Seh wangere,  Kreissende, 
Wöchnerin  keinen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  nach  Aussen 
erzeugt,  so  thun  selbe  zwar  etwas  Uebernüsaiges,  aber  nichts  Schäd- 
liches. In  Fällen  aber,  wo  die  puerperal-erkrankte  Schwangere. 
Kreissende  und  Wöchnerin  einen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff 
nach  Aussen  erzeugt,  oder  in  Fällen  von  Beschäftigungen  mit 
Puerperal-Leicuen,  zerstören  die  Aerzte  des  dreieinigen  Königren 
in  der  Absicht  ein  Contagium  zu  zerstören,  den  nach  Aussen  erzeugten 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoff  der  erkrankten  Individuen,  und 
der  Puerperal-Leiche,  und  verhüten  auf  diese  Weise  die  zahlreichen 
Infectionen,  welche  entstanden  wären,  wenn  der  nach  Aussen  er- 
zeugte zersetzte  t'hien'seh-nrganisehe  Stoff  der  puerperal-erkraukteit 
Schwangreren,  Kreissenden  und  Wöchnerinnen  und  der  Puerperal-Leiche 
nicht  zerstört  worden  wäre,  und  dadurch  haben  die  Aerzte  des  drei- 
einigen Königreiches  einer  Anzahl  von  Müttern  und  ungeborenen 
Früchten  das  Leben  gerettet,  wofür  sie  Gott  segnen  m<v 

In  Landern,  wo  man  das  Kindbett  Heber,  und  zwar  mit  vollem 
Hechle,    für  keine   contagiosa   Krankheit,  hält,    aber   nic.h!  das* 

das  Kindbettüeber  durch  die.  Einbringung  eines  /.ersetzten  thierisch- 
organischen  Stoffes  von  Aussen  entsteht,  wird  der  zersetzte  thierisch- 
organische  Stoff,  welcher  vnii  einer  puerperalkranken  Schwangeren, 
Kreissenden,  Wöchnerin,  von  einer  Puerperal-Leiche  herrührt,  nicht 
zerstört.  Die  zahlreichen  verhütbaren  Resorptionsfieber  in  der  Fort- 
prianzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infection 
von  Aussen,  welche  aus  dieser  Quelle  entstehen,  fallen  in  dem  drei- 
einigen  Königreiche  weg,  und  das  ist  einer  der  zwei  Gründe,  warum 
der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  diesen  Ländern  ein  so 
günstiger  ist 

uiische  Aerzte  haben  das  Kindbettfieber  entstehen  sehen  durch 
einen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff,  welcher  nicht  von  einer 
puerperalkranken  Schwangeren,  Kreissenden  und  Wöchnerin  herrührte, 
durch  einen  zersetzten  thierisch-organischen  Stoff,   welcher  nicht  von 


Die  ofl'eneu  Briefe  an  Professoren  der  GelmrNliili '■-. 


47Ö 


: 


einer  Puerperal-Leiehe  herrührte  (Seite  182*).  Reedal  in  Sheffield  be« 
handelte  einen  jungen  Mann  an  einer  offenen  Leistengeschwulst,  mit 
einer  bösartigen,  rosenartigen  Entzündung  des  Hodensackes  und  der 
Hinterbacken;  sieben  Wöchneriuneii.  welchen  Er  bei  der  Geburt  bei- 
gestanden, erkrankten  am  Kiudbettfieber,  fünf  starben.  Reedal  gab 
nach  dem  Tode  dieser  Frauen  seine  Besuche  bei  dem  jungen  Manne 
auf.   weil  er   sich  für   den  Verbreiter   der  Krankheit  ansehen  mnaste. 

Sleight  in  Hüll  wurde  von  der  Visite,  die  er  einem  au  Erysipelas 
leidendeu  Kranken  machte,  weg  zu  einer  Geburt  gerufen;  die  Wöchnerin 
starb  am  Kindbettfieber. 

Hardey,  gleichfalls  in  Hüll  wohnend,  behandelte  einen  grossen 
Abscess  in  der  Lendengegend,  und  heiläufig  um  dieselbe  Zeit  einen 
erysipelatösen  Abscess  einer  Brust.  Hardey  behandelte,  in  Monatsfrist 
20  Geburtsfälle,  sieben  Frauen  starben. 

Drei  Atiröte  too  Hüll  trafen  bei  der  Section  eines  Mannes  zu- 
sammen, der  am  Gangraen  nach  einer  Operation  von  Hernia  in- 
carcerata  gestorben  war. 

Alle  berührten  die  Leichentheile.  Alle  drei  hatten  in  kürzester 
l'rist  nach  dieser  Leiehenbesichtiguitg  Kindbettfieber  in  ihrer  Pra\i> 
beobachtet;  alle  drei  nabelt  ihre  geburtshilfliche  Praxis  für  einige 
Zeit  auf  und  hatten  nacfa  dem  Wiederantritte  derselben  kerne  Krank- 
heitsfälle mehr  zu  beklagen. 

Robert  Storrs  führt  seine  Erfahrungen  an,  die  nach  seiner  Meinung 
durchgehends  beweisen,  class  die  Krankheit  contagiös  sei,  die  nach 
ihrer  überwiegenden  Mehrheit  zeigen,  dass  ihr  Ursprung  in  einem 
animalischen  Gifte  zu  suchen  sei,  die  nicht  selten  bösartige  Krank- 
heiten bei  Anderen  hervorbrachten,  nnd  die  alle  die  Fruchtlosigkeit 
der  ärztlichen  Behandlung  und  gerade  deshalb  die  äusserste  Not- 
wendigkeit von  Vorbauungsmitteln  nachweisen. 

I.  Am  8.  Jänner  1841  leistete  Storrs  der  Frau  D.  bei  einer  Ge- 
burt Beistand.  Am  selben  Tage  war  er  auch  bei  Frau  Richardson 
beschäftiget,  die  an  gangraenescirendem  Rothlauf  litt;  beide  Frauen 
bedienten  sich  derselben  Wärterin.    Frau  D.  starb  am  Puerperalfieber. 

IL  Am  13.  Jänner  war  Storrs  bei  der  Geburt  der  Frau  B.  an- 
resend,  auch  sie  starb. 

III.  iTleichtalls  am  13.  Jänner  war  Srorrs  bei  dem  Geburts- 
geschäfte der  Frau  Par.  zugegen,  die  gleichfalls  starb,  Ihr  Gatte 
war  zur  selben  Zeit  am  Erysipel  mit  typhösem  Fieber  erkrankt.  Eine 
Freundin  und  Nachbarin  der  Verstorbenen  hatte  Erysipelas,  Pleuritis 
und  Abscess.     Eine  IV.  und  V.  Kranke  erholten  sich. 

VI.  Arn  12.  Februar  eröffnete  Stoffs  an  der  obengenannten  Frau 
Richardson  einen  Abscess,  und  ward  hierauf  bei  der  drei  englische 
Meilen  entfeint  wohnenden  Frau  Pol.  beschäftigt,  die  ebenfalls  starb. 
Ihre  Schwester  hatte  Herpes.  Erysipelas  mir  typhösen  Erscheinungen, 
worauf  ein  ungeheurer  Abscess  in  der  Brust  folgte. 

VII.  Frau  P.  wurde  nicht  von  Storrs  entbunden,  sondern  nur  von 
ihm  besucht.  Frau  P.  hatte  das  Kind  der  Frau  Bt.  auf  der  Bahre 
gebettet,  das  einige  Tage  früher  an  Gangraen  des  Nabels  gestorben 
ist  Frau  P.  starb,  und  es  folgte  ihr  bald  ihr  Kind,  das  ;un  Brande 
des  Nabels  und  der  Geschleehtstheile  zu  Grunde  giug. 

VIII.  Frau  W.,  die  unter  Storrs  Leitung  entbunden  wurde,  nach- 


[Seite  211.] 


476 


Seminelweiä'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kiodliettlieber. 


ili.-m  Storrs  am  vorhrrvi -In ßdea  Morgen  bei  Frau  Riehardson  i-inri! 
Abscess  eröffnet  hatte,  starb. 

Storrs  machte  mm  eine  14-tägige  Reise  nnd  hellte  sich  auf  diese 
Art  gänzlich  zu  reinigen. 

IX.  Am  81.  März  Nachts  war  Storrs  bei  der  Geburt  der  Frau  W. 
iliiitiLT.  naclidem  er  Morgens  bei  Frau  Ricliardsnu  abermals  einen 
Abscess  geöffnet  hatte;  Fi  au  W.  starli-. 

\.   I  in  gleiches  Schicksal  hatte  Frau  Dk.t  die  am  22.  geboren  hatte. 

Einige  Monat«  darauf,  als  das  Gift  schon  etwas  erschöpft 
legte  Storrs'  Assistent  an  das  Bein  der  Frau  Richardson  eine  Binde 
SD  und   entband  am  Tage  darauf  elfte  junge  Frau:   sie   wurde  \  ii 
heftiger  r.nuehfelleutzünduug  befallen,  man  Hess  ihr  zweimal  zur  Ader, 
sie  erholte  sich. 

Storra  hoffte  durch  seinen  Aufsatz  bewiesen  zu  haben; 

I,    Dass  das  Puerperalfieber  durch  Berührung  mittheilbar  sei. 

If.  Dass  dasselbe  von  einem  thierischen  Gifte,  und  zwar  besonders 
dem  Rothlauft)  und  seinen  Folgen,  aber  auch  zuweilen  vom  Typhus 
herstamme. 

Roberton  erzählt  folgende  zwei  Fälle:  Ein  Arzt  führte  bei  einem 
armen  am  Puerperalfieber  leidenden  Weibe  den  Katheter  ein  und 
wurde  noch  in  derselben  Nacht  zu  einer  Frau  gerufen,  um  ihr  Bei- 
stand bei  ihrer  Geburt  zu  leisten.  Am  Morgen  des  zweiten  Tages 
darauf  bekam  die  Frau  Schüttelfrost  und  die  übrigen  Zeichen  der 
beginnenden  Krankheit. 

Bin  anderer  Arzt  wurde  während  einer  Leichenöffnung  einer  am 
Kindbettfieber  Verstorbenen  zu  einer  Geburt  geholt:  48  stunden  darauf 
ergriff  dieselbe  Krankheit  auch  diese  Frau. 

Churchill  Beeilte  im  October  1821  eine  nach  Abortus  am  Puer- 
peralfieber verstorbene  Frau;  er  steckte  hierauf  die  Geschlechtstheile 
in  den  Sack  und  nahm  sie  zu  einer  Vorlesung  mit.  An  demselben 
Abende  war  er  in  denselben  Kleidern  bei  der  Geburt  einer  Frau  zu- 
gegen, die  bald  darauf  starb.  Ueberdies  erkrankten  in  den  nächsten 
Wochen  noch  viele  der  von  ihm  gepflegten  Wöchnerinnen,  drei  der- 
selben starben  lin  .luni  1823  half  er  mehreren  seiner  Schüler  bei 
der  Section  einer  Frau,  die  am  Puerperalfieber  gestorben  war.  In 
der  von  Allem  et  en  ärmlichen  Wohnung  konnte  er  seine  H. 

nicht  mit  der  nöthigen  Sorgfalt  waschen  und  ging  nach  Hause.  Da- 
selbst angelangt,  fand  er  die  Nachricht,  dass  zwei  Gebärende  seine 
Hilfe  begehrten.;  ohne  weitere  Waschungen  vorzunehmen,  und  ohue 
die  Kleid«  r  zu  wechseln,  eilte  er  diese  Frauen  aufzusuchen;  beide 
wurden  von  der  Krankheit  ergriffen  und  starben. 

Der  Leser  sieht,  von  welch  heterogenen  Dingen  her  die  englischen 
Aerzte  das  Kindbettfieber  entstehen  sahen,  und  doch  ziehen  sie  den 
beschränkten  Sehluss:  dass  dasselbe  von  einem  thierischen  Gifte*  und 
zwar  besondei-s  dem  Rotlilaufe  und  seinen  Folgen,  aber  auch  zuweilen 
vom  Typhus  herstamme. 

Zur  Höhe  der  Wahrheit,  dass  das  Kindbettfieber  herstamme  von 
der  Leiche  jeden  Altere,  jeden  Geschlechtes,  ohne  Rücksicht,  ob  es 
die  Leiche  einer  Wöchnerin  oder  einer  NichtWöchnerin  ist,  dass  es 
bei  der  Leiche  nur  auf  den  Fäulnissgrad  und  den  zersetzten  thieriseh- 
organisilien  Stoff  der  tretenden  Krankheit  ankomme. 

Zur  Höhe  der  Wahrheit,  dass  das  Kindbettfieber  herstamme  von 
jedem   Kranken  jeden   Alters,   jeden  Geschlechtes,    dessen  Krankheit 


Die  i'ffenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtäböfe. 


477 


mit  Erzeugung  eines  zersetzten  thierisch-orir;inisehen  Stoffes  nach 
Aussen  einhersehreitet,  ohne  Rürksieht.  ob  das  kranke  Individuum 
am  Kindbettfieber  leide  oder  nicht,  dass  es  bei  den  Kranken  nur  auf 
den  nach  Aussen  erzeugten  zersetzten  thierisch-organischeii  Stoff  als 
Produkt  der  Krankheit  Bekomme. 

Zur  Höhe  der  Wahrheit,  dass  das  Kindbetttieber  herstamme  von 
allen  physiologischen  thierisch  -  organischen  Gebilden,  welche  den 
vitalen  Gesetzen  entzogen,  einen  gewissen  Zersetzungsgrund  einge- 
gangen sind,  und  dass  es  bei  diesen  Gebilden  nicht  auf  das  ankomme. 
was  selbe  darstellen,  sondern  auf  den  Faulnissgrad;  zu  dieser  Höhe 
der  Wahrheit  haben  sich  die  Aerzte  des  dreieinigen  Königreiches 
nicht  hinaufgeschwungen.  Sie  haben  nur  einen  Theil  der  Wahrheit, 
abef  nicht  die  ganze  Wahrheit  erkannt.  Es  könnten  daher  ans  dem 
Theile  der  Wahrheit,  welchen  die  Aerzte  des  dreieinigen  Königreiches 
nicht  erkannt  haben,  zahlreiHi»-  v< -rh in  bare  Resorptionsheher  in  der 
Fortpflanziingsperiode  du  Weibes,  erständen  durch  verhütbare  Infec- 
tion  von  Aussen,  in  den  englischen,  irländischen  und  in  dem  Edin- 
burgh Gebärhause  erzeugt  werden.  Die  Ursache,  warum  das  nicht 
geschieht,  und  zugleich  der  zweite  Grund  des  günstigen  Gesundheits- 
zustandes der  Wöchnerinnen  der  drei  Länder  ist  dar  Umstand,  dass 
die  Gebärhäuser  des  dreieinigen  Königreiches  sämmtliche  selbstständige 
Institute  und  nicht  Theile  eines  grossen  Krankenhauses  sind.  Wi 
der  grossen  Entfernung  des  Gebarhauses  von  den  übrigen  Kranken- 
anstalten ist  der  Schüler  des  Gebärhauses  gehindert,  während  der 
Lernzeit  im  Gebarhause  sich  noch  mit  anderen  Zwingen  der  Mediän, 
welche  seine  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinigen  würden,  zu 
beschäftigen;  der  zersetzte  thierisch-organische  Stoff,  welcher  im  Ge- 
barhause selbst  erzeugt  wird,  Von  den  kranken  Schwangeren,  kranken 
Kreissenden,  kranken  Wöchnerinnen  und  der  I'uerperal-Leiche  wird 
durch  Chlor  zerstört:  von  ausserhalb  des  Gebärhauses  kann  der  zer- 
setzte thiei  isch-organische  Stoff  nicht  in  dem  ( nnde  eingebracht  werden, 
wie  in  einem  Gebärluuise.  welches  ein  Theil  eines  grossen  Kranken- 
hauses ist. 

Die  Zerstörung  des  puerperalen  zersetzten  thierisch-organisrlun 
Stoffen  im  Gebärhause  und  das  erschwerte  Einbringen  von  zersetzten 
tliierisch-organischen  Stoffen  von  ausserhalb  in  das  Gebärhans  sind 
die  beiden  Ursachen  des  günstigen  Gesundheitszustandes  der  Wöchnerin 
in  den  Gebärhäusern  des  dreieinigen  Königreiches,  und  dass  dem  so 
sei.  kann  man  zur  Trauer  des  Menschenfreundes  mittelst  Zahlen  be- 
weisen. Wir  besitzen  von  einem  Zeiträume  von  71  Jahren  die  gleich- 
zeitigen Zahlen-Rapporte  des  Gebärhauses  Rotunda  in  Dublin  und 
des  Wiener  Gebärhauses. 

Die  Rotunda  ist  Unterrichtsanstalt  für  Aerzte,  die  Zahl  der 
Wöchnerinnen  ist  nur  unbedeutend  kleiner  als  in  Wien.  In  der 
Rotunda  wird  der  puerperale  zersetzte  thierisch-organische  Stoff, 
welcher  innerhalb  des  Gebärhauses  entsteht,  zerstört,  die  Einbringung 
zersetzter  Stoffe  von  Aussen  her  in  die  Rotunda  ist  erschwert;  in 
Wien  wird  der  im  Gebärhause  erzeugte  puerperale  zersetzte  Stoff 
nicht  zerstört;  in  das  Wiener  Gebärhaus  wird  von  Aussen  her  massen- 
haft zersetzter  Stoff  dadurch  eingebracht,  dass  das  Wiener  Gebärhaus 
ein  Theil  eines  grossen  Krankenhauses  ist;  die  Schüler  des  Gebär- 
hauses besuchen  gleichzeitig  die  verschiedenen  Kranken-Abtheilungen, 
die  pathologischen  und  die  gerichtlichen  Sectionen,  nehmen  Uurse  am 


47* 


-i ■miiit.-hvds'  Abhandlungen  nnd  Work  über  das  Eiadb6ttfie1>er. 


Cadaver,  in  der  geburtshilflichen,  chirurgischen,  oculi  «tischen  Opera- 
tionenslehre  etc.  etc..  und  was  das  für  Folgen  hat,  wird  folgende 
Tabelle  leider  klar  machen.    (Seite  165*)  Tabelle  Nr.  XXIX.) 


Gebärhaus  in 

Dublin. 

Gebärhaus  in  Wien. 

Jahr 

Wiifliner  innen 

Todte 

Percent 

nruriunon 

Twlte 

Per  cent 

1850 
18Ö1 
1852 
1853 
1854 

1980 

Boefl 

1913 
1906 
1943 

15 
14 
U 
17 
36 

0,7ö 
0,67 

ll.nti 
0,89 
0,85 

3745 
4194 
4471 
4221 
4888 

74 
75 

181 
M 

400 

1  Jrl 

4J  4 
2,13 
9,10 

71 

151,774 

1851 

1,21 

174.S.I.-. 

7048 

4,03 

Im  Wiener  Gebärhause  wurden  23,091  Wöchnerinnen  mehr  ver- 
pflegt, dafür  sind  5197  Wöchnerinnen  mehr  gestorben.  23,091  Wticb* 
nerinnen  und  5197  Todte  giebt  22,50  %;  nebstdem  finden  in  der 
Rotunda  keine  Transferirungen  statt,  während  im  Wiener  Gebarhauae 
in  diesen  71  Jahren  tausende  und  tausende  erkrankte  Wöchnerinnen 
in's  k.  k.  allgemeine  Krankenhans  transportirt  wurden. 

Im  Dubliner  lichärliause  war  die  Sterblichkeit 

39    Jahre      0  Percent  Wtichaa rinnen  84,355  Todte  597  =  0,70  Percent 

1          „  „                46.98«  717=1.54 

8        „          2        n  17,991        -  456  =  2.53 

1.3..  „                -'«40         -  81  =  £33 


71 

.T  silin- 

WörljuiTinrien  151.774 

Twlte  1851  =  1,21  Percent 

Im 

Wiener  GiMrliause 

war  die  Sterblichkeit 

25 

J:i1im- 

0  Perceut 

Wöchnerinnen  44,843 

Todte 

273=   0,fi0  Percent 

10 

1 

23,669 

379=-    1,80 

8 

2 

19,778 

o 

3 

nun. 

484=   3,45 

4 

„ 

13,483 

•  Sil»  = —    4,57 

4 

5 

12,681 

867- 

a 

6 

6,345 

463=    6.77 

4 

7 

11,243 

856=    7,61 

4 

8 

11,170 

955  = 

.". 

9 

10,047 

918»   9,18 

1 

11 

4,010 

-159=11,04 

1 

- 

15 

3,287 

,.       618  =  16 
rodtö  7048  =    4,03  1 

n 

71 

Jahre 

Wöchnerin 

'ercent 

Wenn  wir  die  98  Jahre,  nämlich  inclusive  vom  Jahre  1757  bn 
letzten  Dezember  1854,  in  welchen  in  der  Rotunda  zu  Dublin  16'. 
Wöchnerinnen  verpflegt  wurden,  viii  welchen  2059  starben,  also  1.21 
Percent,  nach  der  relativen  Sterblichkeit  ordnen,  und  wenn  wir 
selbe  mit  den  77  Jahren  des  Wiener  Gebarhauses,  mit  Ausschluss  der 
IL  Abtheilung,  thun,  so  ergiebt  sich  ein  bedeutender  Unterschied  in 
dem  Gesundheitszustände  der  Wöchnerinnen  dieser  beiden  Gebär- 
häuser  und  zwar  zu  Ungunsten  des  Wiener  Gebärhauses.  Im  Wiener 
Gebärhause  wurden  in  diesen  77  Jahren,  mit  Ausschluss  der  II.  Ab- 

*)  [Seite  199.] 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe 


479 


theiiung,   199,033  Wöchnerinnen   verpflegt;   davon   starben  7783,  also 
3,91  Percent. 

In  der  ßotnnda  zu  Dublin  war  die  Sterblichkeit 


50 

Jahre 

o  Percent 

\\  üchner 

innen  92,913 

Todte    647  =  0,69 

Percent 

36 

n 

1 

„ 

_ 

64,852 

51 

826=1,51 

B 

10 

TT 

2 

_ 

n 

19,284 

r 

484 

TT 

2 

TT 

:>. 

n 

« 

3.1-21 

« 

102  =  3,26 

n 

98 

J.llin.: 

Wöchnerinneu    169,623 

Todte  2059  =  1,21  Percent 

Im 

Wiener  Gebärhause  war. 

die  IL  Abtheilung  ausgeschlossen, 

die  Sterblichkeit 

25 

Jahre 

0  Percent 

Wählerinnen  44,838  Todte 

273  =    0,60  Percent 

11 

IT 

1 

TT 

n 

27.698 

TI 

160»   Lßfl 

T! 

11 

n 

2 

" 

w 

S&841 

1 

767=  £81 

B 

6 

n 

3 

1t 

•■ 

17,986 

n 

630=   3.51 

* 

4 

n 

4 

T) 

" 

13,483 

TI 

819=    4,66 

n 

5 

TT 

5 

rr 

" 

[6.288 

TT 

966=  5.32 

T| 

2 

« 

6 

rt 

• 

6.S45 

" 

463=  6,76 

n 

4 

n 

7 

•' 

n 

11.242 

TT 

«56=    7,61 

■• 

4 

rt 

8 

Ti 

n 

11.170 

965=  8,54 

TT 

3 

9 

ff 

n 

10.047 

918=    9,1.1 

1 

n 

11 

n 

n 

4.010 

.. 

189  —  1 1 ,04 

tt 

1 

lö 

r 

n 

3,287 

» 

518=15,08 

TI 

77    Jahre  Wöchnerinnen  199,034  Todte  7783=   8,91  Percent 

Sprechen    die  Zahlen-Rapporte  des  Wiener  Gebärhauses  für  oder 
n   die   Notwendigkeit   des  Gesetzes,   welches   den  Schülern  und 
Schülerinnen    des   Gebärhanses  jede    Beschäftigung    mit    zersetzten 
Stoffen  strengstens  verbiete!  ? 

Wir  haben  zwei  Ursachen  angegeben,  welchen  der  günstige  Ge- 
sundheitszustand der  Wöchnerinnen  in  den  Gebärhäusern  des  drei- 
einigen Königreiches  zuzuschreiben  sei,  nämlich  in  den  Gebärhäust?rn 
dieser  Länder  wird  der  puerperale  zersetzte  thieriseh-organische  Stoff, 
in  der  Absicht  ein  Puerperal-fontasrium  zu  zerstören,  zerstört;  die 
Gebärhäuser  dieser  Länder  sind  selbstständige  Institute  und  nicht  Theile 
eines  grossen  Krankenhauses,  wodurch  die  Einführung  nicht  puer- 
I "Tab sr  zersetzter  thierisch-organischer  Stoffe  von  Aussen  her  in  das 
I  .i -Ijürhaus  erschwert  wird. 

Der  günstige  Gesundheitsznstand  der  Wöchnerinnen  in  den 
Gcbärhäusern  des  dreieinigen  Königreiches  ist  daher  nicht  die  Folge 
einer  mit  Bewusstsein  durchgeführten,  das  Kindbettfieber  verhütenden 
Thätigkeit.  Der  günstige  Gesundheitszustand  ist  vielmehr  das  Resultat 
eines  glücklichen  Zufalles.  Wenn  der  Gesundheitszustand  der  Wöeh- 
nerinnen  schon  in  Folge  eines  glücklichen  Zufalles  ein  so  günstiger 
sein  kann,  wie  klein  wird  die  Sterblichkeit  in  Folge  des  Kindbett- 
fiebers sein,  wenn  der  oberste  Grundsatz  der  Verhütungslehre  des 
Kindbettfiebers,  welcher  lautet:  „.Bringt  den  Individuen  keinen  zer- 
setzten thierisch-organisehen  Stoff  von  Aussen  ein,  entfernt  den  in 
dem  Individuo  entstandenen  zersetzten  thierisch-organisehen  Stoff  vor 
seiner  Resorption  ans  den  Individuen"  eine  strenge  Anwendung  finden 
wird?  Wenn  wir  uns  die  glückliche  Zukunft  vergegenwärtigen, 
welche  dem  gebärenden  Geschlechte,  der  ungeborenen  Frucht  bevor- 
steht, und  einen  gleichzeitigen  Blick  in  die  Vergangenheit  werfen,  so 
>iud  wir  genöthiget  das  erdrückende  Geständniss  abzulegen,  dass  es 
keine  zweite  Krankheit  giebt,  welche  so  massenhaft  nur  durch  die 
Schuld  der  Aerzte  erzeugt  worden  wäre,  als  das  Kindbettfieber  erzeugt 
wurde.    Der  Menschenfreund  kann  sich  nur  mit  der  Wahrheit  trösten, 


480  Seiumehveis'  Abliidulhiugeu  und  Werk  über  das  Kindbctttieber. 

dass  es,  die  Blatten  ausgenommen,  aber  auch  keine  dritte  Krankheit 
giebt,  deren  Verhütung  so  vollkommen  in  der  Macht  des  Arztes  LI 
als  die  Verhütung  des  Kindbetttiehers*  durch  die  Anwendung 
obersten  Grundsatzes  der  Yerhütungslehre  des  Kindbettfiebers.  Die 
Blattern  entstehen  nicht  durch  die  .Schuld  der  Aerzte,  aber  das  Kiud- 
bettfieber  entsteht  durch  die  Schuld  des  ärztlichen  Personales  männ- 
lichen und  weiblichen  Geschlechtes,  und  wenn  wir  auch  einen  Schleier 
werfen  über  die  Verheerungen,  welche  das  Kindbettlieber  vor  dem 
Jahre  1847  anrichtete,  weil  für  ein  Unglück,  welclies  aus  allgemeiner 
Unwissenheit  entsteht,  Niemand  verantwortlich  gemacht  werden  kann, 

So  verhält  sich  die  Sache  doch  anders  mit  den  Verheerungen» 
welche  das  Kindbettheber  nach  dem  Jahre  1847  anrichtete.  Im 
Jahre  1864  wird  es  zwei  hundert  Jahre,  daaa  'las  Kimlhetifieber 
wüthet,  es  ist  hohe  Zeit,  dem  ein  Ende  zu  machen.  Wer  tragt  denn 
die  Schuld,  das*  das  Kindbettfieber  in  den  fünfzehn  Jahren  nach  Ent- 
deckung der  Yerliiitnngslehre  des  Kindbettfiebers  noch  immer  Ver- 
heerung  anrichtet?  Niemand  anders  als  die  Professoren  der  Ge- 
burtshilfe. 

Von  der  grossen  Anzahl  der  Professoren  der  Geburtshilfe  haben 
innerhalb  fünfzehn  Jahren  nur  zwei  die  von  mir  entdeckte  Wahrheit 
erkannt,  selbe  mit  Erfolg  beobachtet,  und  nur  diese  zwei  waren  so- 
gleich auch  redlich  genug,  das  auch  öffentlich  anzuerkennen.  Sinei 
dieser  Professoren  der  Geburtshilfe  war  Michaelis  in  Kiel,  der  andere 
r  Geh.  Hofrat h  Prof.  Dr.  Lange  in  Heidelberg. 

Michaelis  schrieb:    „Seit  Einführung  dieser  Waschungen   ist  inir 
bei  keiner  von  mir  oder  meinen  Eleven  Entbundenen  auch 
lindeste  Grad  des  Fiebers  wieder  vorgekommen,  jenen  einen  Fall  im 
Februar  ausgenommen,  bei  dem  indes,  wie  ich  vernuithe.  ein  schlecht 
gereinigter  Katheter  gebraucht  wurde,  und  der  isolirt  blieb,    Nach  dem 

ani-ii  Anfange   aber   im  November  erwartete  ich  die  bot 
Epidemie."     Kiel,  den  18.  März  1848.     s.  2^>,  Zeile  3   von   obe 

„Lauge  beobachtete    bald   nach   dem    Antritte    seines   Amt« 
Heidelberg  zahlreiche  Erkrankungen  der  Wöchnerinnen  iu  dem  dortigen 
Gebärhause    und    traf  deshalb.    Qbeneugl     vun    der   Richtigkeit 
Semmehveis'srlien   Theorie,   die   Anordnung,   das-  jede    Leiche    einer 
verstorbenen  Wöchnerin    sofort    aus  dem  <ieb:irliatise  entfernt  wurde. 
dass   die   Nachgeburten   nicht   mehr,   wie  es   geschehen   war.   in   den 
Abtritt   geworfen,   sondern  aus  dem  Hause  geschafft  wurden,   sorgte 
für  grosse  Reinlichkeit  und  führte  zu  diesem  Zwecke  die  Waschungen 
mit  Chlorkalk  ein.     Seitdem   kam   in   der  Heidelberger  Gebäranstalt 
kante  sogenannte   Kimlbetttieber-Epidemie  mehr  vor.    Es  ereigm 
sich  nur  einzelne  Erkrankungen,  und  sehr  wenig  Wöchnerinnen  starben, 
so  dass  unter  300  Entbundenen   nnr  ein   Todesfall   im  Wochenl 
vorkam.44 1) 

Mehrere  Professoren  der  Geburtshilfe  haben  die  von  mir  entdeckte 
Wahrheit  erkannt  selbe  mit  Erfolg  beobachtet,  was  die  in  ihren  Ge- 
bärhäusern verminderte  Sterblichkeit  beweiset,  sind  aber  nicht  redlich 
genug»  um  das  auch  öffentlich  anzuerkennen. 

Dietl's  Ausspruch  bewahrheitend,  weichet  sagt :  „Im  Ganzen  hört 
man  jetzt  wohl  weniger  von  diesen  verheerenden  Puerperal-Epidemien. 


*)  [Seite  272  Zeil«  3  vou  unten.] 

'    MunuCsachrift  für  GeburUkunde  etc.    Band  18.     Heft  5. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


481 


Vielleicht  liegt  die  Ursache  in  Beobachtung-  jener  Einrichtungen,  die 

sich  auf  ihre  Erfahrungen  bestreu ohne  dass  man   es   selbst 

ohne  der  Oeflentlichkeit  gegenüber  eingestehen  will."  Krakau,  28.  April 
1858.    (Seite  307,  Zeile  1*).) 

Zwri  Professoren  von  dieser  Kategorie  haben  sogar  gegen  meine 
Lehre,  welcher  sie  die  Verminderung  der  Sterblichkeit  im  eigenen 
Gebärhause  verdanken,  geschrieben;  Scanzoni  nämlich  und  Carl  Braun. 

Scanzoui,  raffinirter  als  Carl  Braun,  verräth  sich  nirgends,  dass 
er  gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  schreibt.  Er  gesteht  nur  so 
fiel,  dass  Er  für  einzelne  Fälle  eine  derartige  Infection  nicht  in  Ab- 
stellen will.  Im  Jahre  1841  starben  an  der  1.  Geburtsklinik  zu 
Wien  l'IjT  Wöchnerinnen,  im  Jahre  1845  starben  241,  im  Jahre  1*44 
sterben  260,  im  Jahre  1843  starben  274,  im  Jahre  1846  starben  401). 
im  Jahre  1842  starben  518  Wöchnerinnen.  Im  Jahre  1848  wurden  der- 
artige Inflationen  so  viel  als  möglich  verhütet,  die  Sterblichkeit  sank 
auf  45  Todte.  zum  unumstößlichen  Beweise,  dass  Scanzoni  im  Rechte 
ist,  wenn  Er  eine  derartige  Infection  nur  für  einzelne  Fälle  gelten  läset 

Aber  Carl  Braun  wiederholt  meine  Lehre  an  so  zahlreichen 
Stellen  in  dem  Aufsatze,  der  gegen  meine  Lehre  geschrieben  ist,  dass 
man  auch  ein  so  confuser  Compilator  sein  inuss,  wie  Carl  Braun  einer 
ist,  wenn  man  bei  Durchlesung  dieses  Aufsatzes  nicht  zur  Ueber- 
zeugung gelangt,  dass  Carl  Braun  gegen  seine  be.wre  I  eberzeugung 
geschrieben. 

Scanzoni  sagt  in  der  Vorrede  zu  seinem  Lehrbuche  der  Geburts- 
hilfe, dass  ihm  nahe  an  8000  CJeburten  als  Beobaehtungsobject  im 
Prager  Gebärhause  zur  Disposition  standen. 

In  seiner  Oppositionsschrift  gegen  meine  Lehre,  welche  Scanzoni 
gemeinschaftlich  mit  Bernhard  Se viert  im  Jahre  1850  in  der  Präger 
Vierteljaliiesschrit't  veröffentlichte,  theilt  Scanzoni  die  Monatsrapporte 
vom  1.  Mai  1847  bis  letzten  August  1848,  also  die  Monatsrnpporte 
von  16  Monaten  mit,  in  welchen  2721  Wöchnerinnen  verpflegt  wurden, 
von  welchen  86  starben.  Dreimal  2721  Wöchnerinnen  genommen  giebt 
8163  Wöchnerinnen,  und  dreimal  86  Todte  genommen  giebt  258  Todte. 

Scanzoni  theilt  die  Entzündungen  im  Wochenbette  in  solche  ein, 
welche  nicht  Puerperalfieber  sind,  und  in  solche,  welche  Puerperal- 
fieber sind.  Wir  haben  in  unserem  Werke  über  Kindbettfieber  be- 
wiesen, dass  die  Entzündungen,  welche  Scanzoni  nicht  als  Puerperal- 
fieber anerkannt,  gerade  so  genuines  Puerperalfieber  sind,  wie  die 
Entzündungen,  welche  Scanzoni  als  Puerperalfieber  anerkennt.  Nicht 
Puerperalfieber  ist  nach  Scanzoni  die  Endometritis  die  Metritis,  die 
Metrophlebitis.  die  Metrolymphangoitis,  die  Peritonitis,  die  Oophoritis, 
die  Salpingitis,  die  Colpitis;  das  eigentliche  Puerperalfieber  ist  nach 
Scanzoni  die  Hyperinose,  die  Pyaemie  und  die  Blntdissolution. 

Das  gibt  eilf  Formen,  und  Scanzoni  hat  blos  an  Endometritis 
hunderte  von  Wöchnerinnen  erfolglos  behandelt ;  Scanzoni  hat  Hunderten 
von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen  beigewohnt;  da  man  aber 
bei  258  Todten  und  bei  eilf  verschiedenen  Formen  nicht  hunderte 
von  Wöchnerinnen  blos  an  Endometritis  erfolglos  behandeln  kann, 
und  nicht  hunderten  von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen  bei- 
wohnen kann,  so  ist  der  natürliche  Schluss.  dass  die  Sterblichkeit  im 
Prager  Gebärhause  vor  dem   1.   Mai   1847   eine   bedeutend    grössere 


•i  |  Seite  284,  Zeile  11  von  unten.] 
Semmelweis1  gesammelte  Werke. 


31 


182 


Seuimelweis1  Abbaudhuig-en  und  Werk  über  das  Kbtdbettfleber. 


war.    Und  wie  bedeutend  die  Sterblichkeit  im  Prager  Gebärhause  vor 
dem  1.  Mai  1M47  gewesen  sein  müsse,  geht  daraus  hervor,  dass  Scan- 
zoni  uns  erzählt,   von  2721  Wöchnerinnen  seien  86  nach  dein  L. 
1847  gestorben,  folglich  bleiben  5279  Wöchnerinnen  vor  dem   1. 
1847   für  die    hunderte    von   Fällen,   wo   Sc&nzonj    die  Wöchnerinnen 
erfolglos  an  Endometritis  behandelte,   folglich  bleiben  5279  Wöchne- 
rinnen für  die  hunderte  von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen, 
denen  Scanzoni  beizuwohnen  «Vlegenheit  hatte.    Diese  Sterblichkeit 
ist   tun   N   si  In  ecklicher,  wenn   man  selbe   mit  den  54   Todten   von 
9524  Wöchnerinnen  ans  den  7  Jahren  1786 — 92  und  mit  den  8."»  Todten 
von  12,700  Wöchnerinnen    der  8  Jahre   von  1801—8  im  Wiener  iie- 
lürliause,  und  mit  den  48  Todten  von  8847  Wöchnerinnen  in  den  vier 
Jahren  1830—33.  mit  den  6ü  Todten  von  9814  Wöchnerinnen 
6  Jahre   1795—1800.  mit  den  92  Todten  von   12,370  Wöchnerinnen 
der  4  Jahre  1814—17.   und   mit  den  97  Todten  von  14,606  W<„ 
rinnen   der    6  Jahre    1804  —  1809   der  Dubliner   Kotunda    vergleicht. 

Die  Verminderung  der  Sterblichkeit  im  Pchlmt  (-i-ehärhause  war 
dadurch  bedingt,  dass  Scanzoni  durch  vier  und  einen  halben  Monat 
Chlorwasch ungeu  machen  Hess,  und  daher  Beinen  Schillern  notliwendiger- 
weise  sagen  musste,  warum  das  geschehe.  Scanzoni  behauptet  ja. 
selbst,  dass  Er  die  ('hlorwaschungen  strengstens  beobachten  iieaB, 
jedoch  erfolglos,  was  nicht  richtig  ist:  wir  haben  ja  eben  bewiesen, 
dass  die  Sterblichkeit  im  Prager  Gebärhause  vor  dem  1.  Mai  1847 
eine  schreckliche  gewesen  sei;  aber  einen  vollkommenen  Erfolg  hat 
Scanzoni  nicht  erreicht,  weil  die  Sterblichkeit  3,1°/«  blieb,  eine  aller- 
dings bedeutende  Sterblichkeit»  Und  diese  bedeutende  Sterblichkeit 
von  3,1  %  hat  zum  Theil  die  Unredlichkeit  Sranzoni's  verschuldet, 
welcher  gegen  seine  bessere  Ueberzeugnng  gegen  mich  geschrieben. 
folglich  auch  seinen  Schülern  gegenüber  gegen  meine  Lehre,  gegen 
seine  bessere  Ueberzeugung  gesprochen  hat,  wodurch  die  strenge  Be- 
obachtung der  (".'hlorwaschungen  Seitens  der  Schüler  beeinträchtigt 
wurde;  /.um  Tlieile  hat  diese  3,1 u,,  Sterblichkeit  auch  die  l'nwi 
1 1 ' •  i t  s<  anzoni's  der  wichtigsten  Lehrsätze  meiner  Lehre,  wie  aus  seiner 
Opposition  gegen  meine  Lehre  hervorgeht,  verschuldet,  wodurch  1 
griffe,  welche  einen  vollkommenen  Erfolg  vereitelten,  nicht  zu  um- 
gehen waren. 

Eine  zweite  Ursache  der  Verminderung  der  Sterblichkeit  war 
auch  die:  dass  vit sie  Aerzte  ihr  Weg  zufällig  von  Wien  nach  Prag 
führte,  die  dann  in  Prag  erzählten,  was  Semmelweis  in  Wien  thut. 
hui  «bis  verhütbare  Kesorptionsfieber  in  der  Fortprlanzungsperiode  des 
Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infectionen  von  Aussen,  zu  ver- 
hüten, wodurch  die  Schüler  des  Prager  Gebärhauses  bei  jeder  zufälligen 
Ankunft,  eines  Ar/.tes  ans  Wien  an  meine  Lehre  erinnert  win 
und  welch   galten  Erfolg  das   hatte,    ersieht   der  Leser  daraus,    (9 

iIi.t  gewiss  höchst  geistreichen  Bemerkungen  Scanzonts  gegen- 
über seinen  Schüler  gegen  meine  Lehre,  es  Scanzoni  doch  nicht  ge- 
langen ist.  die  Sterblichkeit  hoher  als  3,1  %  hinaufzutreiben,  an  einer 
Anstalt,  an  welcher  Scanzoni  früher  die  beneidenswerthe  Gelegenheit 
hatte,  hunderte  von  Wöchnerinnen  blos  an  Endometritis  erfolglos  zu 
behandeln  und  hunderten  von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen 
beizuwohnen.  Den  guten  Erfolg,  den  dieser  Umstand  hatte,  dass  die 
Schüler  des  Prager  Gebarhauses  durch  zufällig  von  Wien  nach  1 
gekommene  Aerzte  an  meine  Lehre  erinnert  wurden,  beweiset   a 


I'ie  offenen  Briefe  au  Proieasoren  der  Geburtshilfe. 


483 


Factum,  dass  jetzt,  wo  die  tot»  Wien  zufällig  nach  Prag  kommen- 
den Aerzte  keine  Veranlassung  haben  zu  erzählen,  was  Carl  Braun 
in  Wien  zur  Verminderung  des  Kindbettfiebers  thut,  dass  es  jetzt 
Dr.  Iit-in.inl  Seyfert,  Professor  der  Geburtshilfe  au  der  Klinik  für 
Aerzte  zu  Prag,  und  Dr.  Johann  streng*,  Professor  der  Geburtshilfe 
an  der  Klinik  für  Hebammen  zu  Prag,  gelungen  ist.  in  der  Klinik 
Mir  Aerzte  die  Sterblichkeit  auf  7,39%,  und  in  der  Klinik  für  Heb- 
ammen auf  7,04%  als  durchschnittliche  Sterblichkeit  vom  1.  Jänner 
L855  bis  31.  December  1860  hinaufzutreiben. 

Dr.  Bernard  Seyfert  wurde  unterm  23.  Februar  1855  zum  Professor 
der  Geburtshilfe  an  der  Kliuik  für  Aerzte  zu  Prag  ernannt. 

Scanzoni  hat  in  Würzburg  innerhalb  6  Jahren  von  1639  Wöchne- 
rinnen nur  20  am  Kindbettfieber  verloren,  an  einer  Anstalt,  an 
welcher  Kiwiach  eine  grössere  Sterblichkeit  hatte,  als  selbe  je  in 
Wien  gewesen. 

I>ber  die  Pseudo-Kindbettfieber- Epidemien  im  Würzburger  Ge- 
bärhause der  Jahre  1859  und  60  habe  ich  meine  Ansicht  in  zwei 
offenen  an  Scanzoni  gerichteten  Briefen  ftusgeeproclien. 

Und  damit  haben  wir  bewiesen,  dass  Scanzoni  die  von  mir  ent- 
deckte Wahrheit  erkannt,  dass  Er  mit  Erfolg  selbe  beobachtet,  was 
die  im  Prager  und  Würzburger  Gebärhause  verminderte  Sterblichkeit 
beweiset,  dass  Scanzoni  aber  nicht  redlich  genug  ist,  das  auch  öffentlich 
anzuerkennen. 

In  Folge  dieser  Unredlichkeit  hat  Scanzoni  sogar  gegen  die  von 
mir  entdeckte,  von  ihm  erkannte,  und  mit  Erfolg  beobachtete  Wahr- 
heit gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  geschrieben. 

Dadurch  hat  Scanzoni  als  Schriftsteller  viele  Aerzte  zum  Ver- 
derben derer  Pflegebefohlenen  im  Irrthume  erhalten;  als  Lehrer  hat 
Er  seine  Schüler  und  Schülerinnen  nicht  in  meiner  Lehre  unterrichtet, 
weil  Scanzoni  nicht  gegen  meine  Lehre  schreiben  und  für  meine  Lehre 
•sprechen  kann 

Seinen  Schülern  und  Schülerinnen  gegenüber  hat  Scanzoni  meine 
Lehre  nur  maskirt  in  Anwendung  gebracht,  wie  die  Massregel  be- 
weiset, welche  Scanzoni  in  der  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie  im 
Jahre  1859  in  Anwendung  brachte.  Scanzoni  liess  nämlich  seine 
Schüler  nicht  untersuchen,  nicht  um  die  Einführung  zersetzter  Stoffe, 
sondern  um  Gemüths-Affecte  zu  verhüten.  Selbst  die  Hebammen  der 
ersten  und  zweiten  Classe  hat  Scanzoni  nicht  ins  Geheimniss  einge- 
weiht, und  die  Folge  von  dem  Allem  ist,  dass  in  dem  neuen  mit  «len 
besten  Einrichtungen  versehenen  Würzburger  Gebärhause  in  allen 
drei  Olassen.  in  Würzburg  Belbst,  und  in  dessen  Umgebung  die 
Wöchnerinnen  am  verhütbaren  Resorptionsheber,  entstanden  durch 
verhütbare  Infect knien  vuii  Aussen,  sterben. 

Dadurch  ist  Scanzoni  zum  Mitschuldigen  geworden  an  dem  Vor- 
gehen, welches  die  überaus  grösste  Mehrzahl  der  Professoren  der  Ge- 
burtshilfe an  der  gebärenden  Menschheit  und  au  der  noch  unge- 
bornen  Frucht  dadurch  begehen,  dass  die  überaus  grösste  Mehrzahl 
der  Professoren  der  Geburtshilfe  im  fünfzehnten  Jahre  nach  Ent- 
deckung der  Lehre,  wie  das  verhütbare  Resorptionstieber  in  der  Fort- 
pHanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infertionen 
von  Aussen,  verhütet  weiden  könne,  noch  immer  nicht  ihre  Schüler 
und  Schülerinnen  in  dieser  Lehre  unterrichten.  Und  dadurch  ge- 
schieht es,   dass  diese  in  meiner  Lehre  nicht  unterrichteten  Schüler 

31« 


484 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


und  Schülerinnen  den  Individuen  in  den  Gebärbäusern  so  häufig  von 
Aussen  zersetzte  thieriseh-organische  Stoffe  beibringen,  dass  in  den 
Gehärhansern  noch  immer  das  verhiitbare  Resorptionsfieber  in  der 
Fortpflanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch  verhiitbare  In- 
fectäon  von  Aussen,  so  häufig  vorkommt;  dadurch  geschieht  es,  dass 
diese,  in  meiner  Lehre  nicht  unterrichteten  Schüler  und  Schülerinnen 
in  ihrer  selbstständigen  Praxis  das  fortsetzen,  was  Mibe  im  Gebarhause 
begonnen,  das  heässt,  dass  selbe  auch  in  ihrer  selbstständigen  Praxis 
Ihren  Pflegebefohlenen  zersetzte  tbierisch-orgauische  Stoffe  von  Aussen 
in  geographischer  \  erbreitung  einbringen,  wodurch  es  geschient)  dass 
das  verhütbare  Resorptionsfieher  in  der  Fortpflanzungsperiode  des 
Weibes,  entstanden  durch  verhütbare  Infection  von  Aussen,  in  geo- 
graphischer Verbreitung  vorkommt  Und  diese  verhütbaren  Re- 
SorptiOBBÖeber  in-  und  ausserhalb  der  Gebärhäuser  werden  unter  der 
Aufschrift  von  beobachteten  Kindbettfieber-Epidemien  in-  und  ausser- 
halb der  Gebärhäuser  veröffentlicht. 

lud  es  zeigt,  wie  wenig  die  allgemeine  Meinung  der  medicinischen 
Welt  durch  meine  Lehre  bis  jetzt  aufgeklärt  wurde,  dass  eine  aus 
einem  Gebärhause  veröffentlichte  Kindbettheber-Epidemie  nicht  nur 
die  Absetzung  des  Betreffenden  wegen  Unfähigkeit  oder  wegen  Dasei 
Willens  auf  lauiathen  des  bei  der  Regierung  als  offiziellen  Rathgebers 
fungirenden  Arztes  nach  sich  zieht,  dass  eine  veröffentlichte  Kinder- 
bettfieber-Epidemie  nicht  nur  nicht  eine  allgemeine  Indignation  der 
medicinischen  Welt  gegen  den  Betreffenden  hervorruft,  im  Gegentheile 
eine  beobachtete  Kindbettfieber-Epidemie  wird  im  fünfzehnten  Jahre 
nach  Entdeckung  der  Lehre,  wie  diese  Epidemien  abzuschaffen  seien, 
zur  Belehrung  der  medicinischen  Welt  veröffentlicht. 

Dieses  Factum  ist  für  mieh  eine  dringende  Aufforderung,  ener- 
gisch für  die  Verbreitung  der  Wahrheit  zu  wirken,  um  der  entsetz- 
lichen Verschwendung  von  Menschenleben  baldigst  ein  Ende  zu  machen. 

Sollten  sich  die  Professoren  nicht  baldigst  dazu  bequemen,  ibre 
Schiller  und  Schülerinnen  in  meiner  Lehre  -zu  unterrichten,  sollten  die 
Regierungen  noch  länger  die  Kindbettfieber-Epidemien  in  den  Gebar- 
h&usern  dulden,  so  werde  ich,  um  wenigstens  die  in  geographischen 
Verbreitung  Entbindenden  vor  dem  Kindbettfieber  zu  schützen,  mich 
an  das  hilfsbedürftige  Publikum  wenden,  ich  werde  sagen:  Du  Familien- 
vater weisst  Du.  was  das  heisst,  einen  Geburtshelfer  oder  eine  Hebamme 
zu  Deiner  Frau  zu  rufen,  welche  bei  der  Geburt  eiues  Beistandes 
benöthigt;  d  i   an  viel  als  Deine  Frau  und  Dein  noch   m 

borenes  Kind  einer  Lebensgefahr  aussetzen.  Und  wenn  Du  nicht 
Wittwer  werden  willst,  und  wenn  Du  nicht  willst,  dass  Deinem  noch 
ungeborenen  Kinde  der  Todeskeim  eingeimpft  werde,  und  wenn  Deine 
Kinder  ihre  Mutter  nicht  verlieren  sollen,  so  kaufe  Dir  um  einige 
Kreuzer  einen  Chlorkalk,  giesse  ein  Wasser  darauf,  und  lasse  den 
Geburtshelfer  und  die  Hebamme  Deine  Frau  ja  nicht  innerlich  unter- 
suchen, bevor  sich  nicht  der  Geburtshelfer,  bevor  sich  nicht  die  Heb- 
amme in  Deiner  Gegenwart  die  Hände  in  Chlor  gewaschen  haben, 
und  anch  dann  noch  lass  den  Geburtshelfer  und  die  Hebamme  neck 
nicht  innerlich  untersuchen,  bis  Du  Dich  nicht  durch  Betasten  der 
Hände  überzeugt  hast»  dass  sich  der  Geburtshelfer  und  die  Hebamme 
so  lange  gewaschen  haben,  dass  die  Hände  schlüpfrig  geworden. 

AI  er  deshalb  darfst  Du  die  Schuld  nicht  dem  Geburtshelfer,  nicht 
der  Hebamme  zuschreiben,  dass  selbe  für  Deine  Frau  lebensgefahrlich 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


485 


sind;  die  Schuld  trägt  der  Professor  der  Geburtshilfe,  bei  welchem 
der  Geburtshelfer,  die  Hebamme  Geburtshilfe  gelernt,  und  welcher 
Professor  dem  Geburtshelfer,  der  Hebamme  nicht  gelehrt,  das  verhüt- 
bare Resorptionsfieber  in  der  Fortpflanztingsperiode  des  Weibes,  ent- 
standen durch  verhütbare  Infectiou  von  Aussen,  zu  verhüten. 

Ich  hoffe,  das  hilfebedürftige  Publikum  wird  gelehriger  sein  als 
die  Professoren  der  Geburtshilfe, 


Das  Wiener  Grebflrhaus  wurde,  wie  schon  gesagt,  den  16.  August 
1784  eröffnet.  In  den  77  Jahres,  nämlich  bis  zum  letzten  Deceraber 
1860,  des  Bestehens  des  Wiener  Gebärhauses  wurden  27s, 111,9  Wöchner- 
innen verpflegt,  davon  starben  10,573,  Mort.  Percent.  3,79  oder  1  von 
-i; 577,.'io.m*  Wöchnerinnen.    Die  Sterblichkeit  war  folgende: 

39  Jahre  Medicin  in  Wien  ohne  anatomische  Grundlage. 

Vom  16.  August  1784  bis  letzten  December  1822:  Wöchnerinnen 
71.395.  Todte  897,  Mortalitäts- Percent  1,25. 

10  Jahre  Medicin  in  Wien  mit  anatomischer  Grundl: 

Vom  l.  Jänner  1828  bis  letzten  December  1832:  Wöchnerinnen 
2S.429,  Todte  1509,  Mortalitäts-Percent  5,30. 


Trennung  des  Gebärhauses  in  zwei  Abtheilungen 

den  15.  October  183:1. 

I.  Abtheilung.  II.  Abtheilung. 

Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Abteilungen  in  gleicher 
Anzahl  vertheilt. 

8  Jahre  vom  1.  Jänner  1833  bis  letzten  December  1840. 

Wöchnerinnen    Todte    Mort.  Percent  —   Wöchnerinnen    Todte     Mort.  Percent 
23,059  1505  5,56  13,097  731  5,58 

Durch  eine  allerhöchste  EntSchliessung  vom  10.  October  1840 
wurden  sämmtliche  Schüler  der  L  Abtheilung  und  sämmtliche  Schüler- 
innen der  IL  Abtheilung  behufs  des  geburtshilflichen  Unterrichts  zu- 
gewiesen. 


6  -fahre  vor  Einführung  der  Chlorwagchangen  au  der  Klinik  für 

Aerzte. 

Vom  1.  Jänner  1841  bis  letzten  December  1846. 
I.  Abtheilung.  II.  Abt  heil  ung. 

Klinik  für  Aerzte.  Klinik  für  Hebammen. 

Wöchnerinnen    Todte    Mort.  Percent   —   Wöchnerinnen    Todte     Mort.  Percent 
20,042  1989  9,98  17,791  691  3,38 

14  Jahre  nach  Einführung  der  Chlorwaschungen  an  der  Klinik 
für  Aerzte  in  der  zweiten  Hälfte  des  Mai  im  Jahre  1847.  Vom  1. 
Jänner  1847  bis  letzten  December  1860. 


Klinik  für  Aerzte. 

Wöchnerinnen    Todte    Mort.  Percent 
56,104  1883  3,31 


Klinik  für  Hebammen. 
Wöchnerinnen    Todte     Mort.  Percent 
48.750  1868  2,80 


486 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  KindlHtu 


I.  Ab  th  eilung. 


II.  Abt  heil  ung. 


28  Jahre  vom  1.  Jänner  1833  bis  letzten  December  1860. 

Wöchnerinnen    Todte    Mort.  Percent  —  Wöchnerinnen    Todte     Mort.  Percent 
99,209  6,72  79,636  2790  3,50 

Wenn  wir  die  Jahre  der  einzelnen  Epochen  des  9  iener  (iebär- 
hauses  nach  der  relativen  Sterblichkeit  aneinanderreihen,  so  giebt  das 
folgende  Tabelle:  während  der  39  Jahre,  vom  16.  August  1789  bis 
letzten  December  1822,  während  welchen  die  Medicin  iu  Wien  noch 
der  anatomischen  Grundlage  entbehrtet  war  die  Sterblichkeit 

25     Jahr    0  Percent    Wöchnerinnen   44,838    Todte   273  =  0,60  Percent 


12,074 
2,082 


186  =  i  M 
219  =  2.34 

66  =  sio 

154  =  4,98 


SB    Jahre 


W-Vlineriunen    71,395     Todte  897  —  1,25  Percent 


10  Jahre  Medicin  in  Wien  mit  anatomischer  Grundlage  vom 
1.  Jänner  1823  bis  letzten  December  1' 

Die  Sterblichkeit  war: 

2  Percent    Wöchnerinnen    2367     Todte     51  =  2.15  Percent 

3  .  .  8961        „        317  =  3,53 

4  „  88        „         284  =  4,79 
6         „                      „               3353        „         222  =  6,62        B 

2872        :        214  =  7.45        ,. 
8         _  .,  4953        „         421=8.49 


1 

Jahr 

3 

2 

1 

1 

2 

10 

Jahre 

Wöchnerinnen  28,429    Todte  1509  =  5,30  Percent 


Trennung  des  Gebärhauaes  in  zwei  AMheiliuiireii 
den  15.  October  1833. 

Schüler  und  Schülerinnen  an  beiden  Abtheilungen  in  gleicher 
Anzahl  vertheilt. 

8  Jahre  vom  1.  Jänner  1833  bis  letzten  December  1840. 
Die  Sterblichkeit  war  an  der  I.  Abtheilung: 


Jahr    3   Percent  Wöchnerinnen  2987 

5        „  „  9084 

■        l       » 

-       9       „  „  5654 


Todte     91=3.04  T- 
„        491  =  5.40        „ 
„        406  =  7.5!» 
518  =  9.16 


8    Jahre 


Wöchnerinnen    23,059     Todte  1505  =  6,56  Percent 


Die  Sterblichkeit  war  an  der  IL  Abtheilung: 


Jahre    2  Percent  Wöchnerinnen  2426 

4         „  54  TM 

n        6        „  „  1784 

:   l   :         :  SS 


Todte     63  =  2.59  Percent 
„         263  =  4,80 
„         124  =  6,99        „ 

131=7,84 

150  =  8.60 


8    Jahre 


WüchnerittMÄ  13,097     Todte    731  =  5,58  Percent 


Durch   eine   allerhöchste   Erschliessung  vom   10.   October    I 
wurden  sämmtliche  Schüler  der  I.  Abtheilung  und  sämmtliche  Schüler- 
innen der  IL  Abtheilung  behufs  des  geburtshilflichen  Unterrichtes 
zugewiesen. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


487 


0  Jahre  Tor  Einführung  der  Chlor  wasch  ungen  an  der  Klinik  für 

Aerzte. 

\ Vnu  1.  Jänner  1841  bis  letzten  Dccember  1846. 

An  der  L  Abtheilung,  an  der  Klinik  für  Aerzte.  war  die  Sterblichkeit : 
1     Jahr     6   Percent    Wöchnerinnen   3492     Todte   241=  6,8  Percent 


3492 
3086 
6817 

4010 
3287 


241  = 
SS?«  7.7 
534=  8,5 
459  =  11.4 
518  =  15,8 


6    Jahre  Wöchnerinnen  20.012     Todte  1989  =   9,92  Percent 

An  der  II.  Abtheilnng'  an  der  Klinik  für  Hebammen  war  die  Sterblichkeit : 


Jahre 


6    Julne 


Wüchn  erinneu   ü'.  •  5 1 

2442 

2739 

n  8669 

Wöchnerinnen    17,793 


Todta  238  =  2.40  Perceut 
SB  =  3.05       n 
„       164=5,09       „ 

_2 202=7,06 

Todte   691  =  3,38  Percent 


14  Jahre  nach  der  Einführung  der  Ohlorwaschiingcu  au  der  Klinik 
fiir  Aerzte  in  der  zweiten  Hülfte  des  Mai  1S47. 

Vom  1.  Jänner  1847  bis  letzten  December  18<50. 
Die  Sterblichkeit  war  an  der  Klinik  für  Aerzte: 


4 

Jtlin 

1    Percent 

W  .'a-hnerinueu 

15,624 

Todte 

275=1,76  Perceut 

o 

2        „ 

20,542 

1--7         Ml 

1 

8          n 

3,925 

156  =  3,97         „ 

1 

4         - 

4.471 

181=4,00 

2 

5         .„ 

7.149 

874-6,23        „ 

1 

■■ 

9   : 

!• 

4.393 

n 

400—9,10 

14 

Jährt: 

Wöchnerinnen  56,074 

Todte 

1883=3,35  Percent 

Die  Sterblichkeit  war  an  der  Klinik  für  Hebammen ; 

1 

Jahr 

0  Percent 

Wöchnerinnen 

3.306 

Todte 

32  =  0,96  Percent 

6 

1 

lS.l'JT 

271  =  1,46 

A 

2         „ 

10,788 

243  =  2,25 

1 

a      ■ 

8,395 

121  =  3,05 

l 

4 

3,070 

126  »4,0?        _ 

1 

& 

6,298 

366  =  6,81 

2 

6 

n 

3,396 

810—6,18 

14    .lahre  Wöchnerinnen  48,750    Todte  1368  =  2,81  Percent 

Wenn  wir  die  28  Jahre  des  Bestehens  der  1.  Abtheilnng:.  ohne 
weitere  Kücksichtsnahnie,  nach  der  relativen  Sterblichkeit  ordnen,  so 
giebt  das  folgende  Tabelle: 

Vom  1.  Jänner  1833  bis  letzten  December  1860. 
Die  Sterblichkeit  war  an  der  I.  Abtheilnng-: 


4 

Jahre 

1 

Percent 

Wöchnerinnen 

16,624 

Todte 

275  =    1,76  Percent 

5 

2 

20,542 

497  =    2.41 

2 

3 

6,912 

247=    3,57         „ 

1 

4 

4,471 

1*1  =    4,00 

5 

o 

865=    5,38 

1 

6 

3,492 

241=    6,80 

3 

V 

8.370 

642=    TM 

2 

8 

62,170 

534=    8,50 

3 

y 

10.047 

U8— i   9,13 

1 

n 

4. IM" 

469=11,40 

1 

» 

lb 

p 

3,287 

j» 

518=15,80        „ 

28    Jahre 


Wöchnerinnen  99,209    Todte  5,377  =   6,72  Percent 


ISS 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  dao  Kindbettlieber. 


Wein  wir  dasselbe  mit  der  IL  Abtheilung  thun,  so  zeigt  sich 
folgende  Sterblichkeit: 

1    Jahr     0  Percent     Wöchnerinnen     3,206     Todte     32  =  0.96  Percent 


5 

1 

8 

2 

2 

:i 

4 

4 

2 

b 

3 

6 

2 

V 

1 

n 

8 

28 

Jahre 

18,497 

n 

271  =  1,46 

H 

23,165 

■l 

645  = 

■ 

5,837 

n 

271  =  3,64 

m 

8,543 

n 

388  =  4.09 

n 

9,037 

n 

530- 

n 

5,180 

n 

334  =  6,44 

ji 

4,329 

n 

333  = 

n 

1,744 

n 

150  =  8,60 

n 

Wöchnerinnen  79,636    Todte  2790  =  3,50  Pen.nr 


Wenn  wir  die  Frage  stellen,  von  wie  viel  Wöchnerinnen  ist  in 
den  einzelnen  Epochen  des  Wiener  Gebärhäuses  Eine  gestorben? 
so  beantwortet  diese  Frage  folgende  Tabelle: 


39  Jahre  Medicin  in  Wien  ohne  anatomische  Grundlage  1  Wöch- 
nerin von  79537BB:   Wöchnerinnen  und  zwar: 


1798  lWöchner. 

von  409%,  Wüchnerinuen 

1790  lWöchner. 

TOD 

„Wöchnerinnen 

1797  1 

n 

n 

402*/5 

n 

1808  1 

n 

tt 

128% 

n 

1788  1 

n 

286 

n 

1822  1 

17 

■n 

117"/« 

B 

17*7    1 

n 

PI 

281% 

n 

1792  1 

n 

» 

H 

1802  1 

» 

860% 

n 

1817  1 

n 

118%B 

19 

1794  1 

n 

N 

252*;, 

n 

1799  1 

n 

H 

108%. 

B 

1804  1 

n 

ae* , 

?f 

1813  1 

Fl 

Tt 

»*%, 

■ 

1806  i 

r? 

n 

234% 

n 

1796  1 

n 

n 

88*%, 

* 

1786  1 

n 

n 

230V» 

n 

1809  1 

H 

»* 

70%, 

" 

1816  1 

200'%, 

r« 

1785  1 

tt 

n 

69*;», 

71 

1789  1 

n 

n 

178 

n 

1821  1 

n 

n 

ö9»%» 

f 

1791  1 

n 

174% 

n 

1784  i 

n 

n 

47"/, 

B 

1812  1 

| 

H 

157% 

1 

1795  1 

n 

14 

M"> 

w 

■ 

n 

1818  1 

n 

»1 

*HE 

■n 

1808  1 

n 

n 

144%, 

n 

1820  l 

n 

n 

B&% 

n 

1803  1 

n 

n 

188%, 

n 

1793  1 

n 

n 

B8»L 

* 

1815  1 

tf 

rt 

136%. 

n 

1814  1 

H 

n 

Q 

1810  1 

n 

n 

124 

n 

1819  1 

H 

n 

n%M 

n 

1801  l 

n 

123,§/h 

n 

10  Jahre  Medicin  in  Wien  mit  anatomischer  Grundlage  1  Wöch- 
nerin von  181w'/im«  Wöchnerinnen. 


1827  1  WOchner.  von  46* '/M  Wöchnerinnen 

1832  1        „ 

1826  1         „  „    2H1  lul  B 

1830  1         „  ,    25»/,  „ 

1829  1        „  B   21"  ,.„ 


1824  lWöchner, von  20JlmWöchnerinuen 
1831  1        „         n    15"/,„ 

1823  1         „  n    13-%lt 

1826  1         „  .    12«/,„ 

1825  1         „  „    11"/„B 


8  Jahre  I.  Abtheilung. 

28,668  Wöchnerinnen  1505  Todte 

1  von  15*B*'IM.5. 

1838  1  WOchner.  von  VL  Wöchnerinnen 


L88S  l 

1839  1 

1835  1 

1836  l 
1834  1 
ia37  1 

1840  1 


18l--.iw 
18«V, 

1 
11',:., 

10*"/,,, 


8  Jahre  IL  Abtheilung. 

13,097  Wöchnerinnen  Todte  1  von 

17°,%1. 

1833  1  WOchner.  von  44  V«  Wöchnerinnen 
1840  1        „  „    37*%B         „ 

1839  1         „  „     22%, 

1838  1         „  „    20«/,. 

1835  1         „  „     21 
1837  1         „  „14 

1836  1         a  B     i" 

1834  1 


r»ie  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


489 


6  Jahre  Klinik  für  Aerzte. 

imcrin  von  lOn-, '...„„,.>  Wüchni-rionen 
1845  1  Wöchnerin  von  Hiaf%u      « 
1841  1  ■  „     12 '"/m      , 

1844  1  „  „     12-V„0        „ 

1843  1  „  „     11«%« 

tg*e  i        „       „    8»-,w    „ 

»841  1  -  „      6»»U      „ 


6  Jahre  Klinik  für  Hebammen. 

1  Wöchnerin  von  2bbX4ifaui  Wöchnerinnen 

I  Wöchnerin  von  49 7  ,in  „ 

»844  J  ,.          „    48*%,  „ 

1848  t  „          „    36  ",W  . 

1841  1  „          „    28"/„  .. 

1843  1  „            „     16"Vlal  , 

»842   1  „            „     13»/,«  „ 


14  Jahre  Klinik  für  Aerzte, 

14  Ja 

lue  K 

linik  f 

ilr  Heba 

mmeu. 

nach  Einführung 

der  Olilorwa&cliiiiiiren. 

1  Wöchnerin  von  "29  "( 

:  |.u  Wöchnerinnen 

1  Wöchnerin  von  35 80" 

um  Wöchnerinnen 

1948  i 

Wöchnerin 

VOtl 

TS)  '  ,, 

1 

1847  1 

Wöchnerin  von 

loa  l%, 

r> 

1851  1 

.. 

" 

n 

1859  1 

T. 

n 

is,v..  i 

n 

T* 

n 

IMS    1 

n 

J7 

M  "  H 

" 

1850  1 

n 

n 

60«/74 

n 

1S.-.S    1 

n 

71 

" 

1858  1 

*t 

■' 

n 

1850  1 

n 

Jl 

■t 

1853  1 

1 

rr 

44^.,, 

n 

ik.:;  l 

n 

n 

««%, 

H 

1H.II    1 

f 

n 

44  "U 

n 

1860  1 

H 

n 

49  "/„ 

11 

1S4'.»   ! 

H 

» 

97« 

n 

1857  1 

| 

y» 

48«*/M 

n 

1867  1 

r» 

n 

B4*U 

n 

1849  1 

■n 

| 

B8«/M 

M 

IST*    1 

n 

n 

86»C, 

n 

1851  1 

n 

71 

88%,, 

" 

1852  1 

n 

» 

84^ 

n 

1856  1 

i? 

71 

91  7C" 
■*      /l  SB 

n 

1847    t 

n 

»"V 

n 

1662  1 

n 

yi 

!?•%« 

ji 

1856  1 

n 

n 

18** 1  . 

S5 

1 

16  '"I7„ 

■ 

1854  1 

n 

H 

Wim 

n 

1854  1 

R 

Mi-,„ 

n 

Wir  wollen  mm  diese  drei  Tabellen  interpretiren. 

Während  der  ersten  39  Jahre  des  Bestehens  des  Wiener  Gebär- 
hauses, in  welchen  die  Medicin  in  Wien  noch  der  anatomischen  Grund- 
i;i!  e  entbehrte,  folglich  nicht  so  häufig  mit  durch  zersetzte  thierisch- 
organische  Stoffe  verunreinigten  Händen  untersucht  wurde,  als  zur 
ZeitT  wo  die  Medicin  in  Wien  die  anatomische  Grundlage  schon  an- 
genommen hatte,  kamen  25  Jahre  vor,  in  welchen  nicht  eine  Wöch- 
nerin von  hundert  Wöchnerinnen  starb.  1798  starb  erst  eine  Wöch- 
nerin von  4UV>VS  Wöchnerinnen.  Ein  Gesundheitszustand,  welcher 
selbst  im  Jahre  1848  aus  Gründen,  die  wir  schon  erörtert,  nicht  er- 
reicht wurde.  Im  Jahre  1848  starb  eine  Wöchnerin  schon  von  79 '/« 
Wöchnerinnen, 

Wenn  wir  den  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  den 
ersten  39  Jahren  des  Wiener  Gebärhauses  mit  dem  Gesundheitszu- 
stande der  Wöchnerinnen  in  Gross-Britannien  vergleichen,  so  zeigt 
sich,  dass  selbst  in  diesem  Zeiträume  das  verhütbare  Resorptions- 
tieber in  der  Fortpflanzungsperiode  des  Weibes,  entstanden  durch 
verhütbare  Infection  von  Aussen,  in  Wien  hantiger  vorgekommen  ist, 
als  in  den  Gebärhausern  Gross-Britanniens,  In  City  of  London  im 
Hospital  starb  von  1006  Wöchnerinnen  keine.  Obwohl  in  den  ersten 
39  Jahren  des  Wiener  Gebärhauses  6  Jahre  vorkommen,  wo  die  Zahl 
der  verpflegten  Wöchnerinnen  unter  1000  war,  hat  das  Wiener  Gebar- 
haus dennoch  kein  Jahr  aulzuweisen,  in  welchem  keine  Wöchnerin 
gestorben  wäre. 


1784 

Wöchnerinnen    284 

Todte 

6=2.11  % 

oder 

von    47  */„ 

1810 

744 

n 

6=  0,80°/« 

ft 

n     l-4 

1808 

865 

■ 

7  =  0,81  % 

n 

.     122  V, 

1786 

888 

n 

18    -  1.44% 

n 

.    mit 

--.MV» 

»                912 

13  =  1.1-    .. 

» 

n 

952 

n 

6  —  0,64% 

n 

L     ■     154  7« 

490 


Semmelweis'  Aliliamlluugren  und  Werk  über  das  EkldbottftebOT 


Die  grösste  Sterblichkeit  innerhalb  dieser  39  Jahre  war  1819: 
von  3089  verpflegten  Wöchnerinnen  starben  154  =  4,98  %  oder  1  von 
20"ll4   Wöchnerinnen. 

Diese  Sterblichkeit  wurde  in  98  Jahren  in  der  Dubliner  Rotumla 
nicht  erreicht  1774  wurden  in  der  Rotnnda  681  Wöchnerinnen  v.-r- 
pllegt  :  21  starben  =  3.08  %  oder  1  von  32%,.  1826  wurden  in  der 
Eotunda  verpflegt  2440  Wöchnerinnen;  davon  starben  81  ==  3,33  •/, 
oder  1  von  3Q"7H].  Das  sind  die  zwei  ungünstigsten  Jahre  der 
Eotunda. 

Wir  haben  schon  erwähnt,  dass  die  Aerzte  in  Gross-Britannien 
in  der  Absicht,  ein  Contagium  zu  zerstören,  den  zersetzten  tbierisch- 
organischen  Stoff  zerstören,  welcher  von  einer  puerperal -erkrankten 
Schwangeren,  Kreissenden,  Wöchnerin  und  von  der  Puerperal-Leiche 
herrührt;  die  Einbringung  eines  nicht  puerperalen  zersetzten  thierisch- 
organischen  Stoßes  ist  wegen  Isolirtsein  der  Gebärhäuser  erschwert. 

Zur  Zeit,  als  die  Medicin  in  Wien  der  anatomischen  Grundlage 
noch  entbehrte,  wurde  auch  im  Wiener  Gebärhanse  mittelst  des  nicht 
puerperalen  zersetzten  thierisch-organischen  Steiles  seltene]-  das  ver- 
hütbare Resorptionsheber  in  der  Fortpflanzungsperiode  des  Wi 
entstanden  durch  verliütbare  Infectioneu  von  Aussen,  hervorgebrarlii, 
als  später,  wo  die  Medicia  in  Wien  die  anatomische  Grundlage  schon 
angenommen  hatte;  aber  der  puerperale  zersetzte  thierisch-organische 
Stoff,  herrührend  von  einer  puerperal-erkrankten  Schwangeren, 
Kreissenden.  Wöchnerin,  von  der  Puerperal-Leiche  wurde  nicht  zer- 
stört, und  dadurch  war  die  Sterblichkeit  in  diesem  Zeiträume  bedingt. 
Vom  den  863  während  der  34-jälirigen  Wirksamkeit  Johann  Lucas 
Boer's  verstorbenen  Wöchnerinnen  sind  sehr  wenig  unsecirt  geblieben. 

In  den  ersten  39  Jahren  des  Wiener  Gebärhauses  war  die  durch- 
schnittliche Sterblichkeit  1.25  •/<>;  es  starb  eine  Wöchnerin  von  79iM 
Wöchnerinnen. 

Der  günstigste  Gesundheitszustand  war  1  Wöchnerin  von  40!'1  , 
Wöchnerinnen,  der  ungünstigste  1  von  209,r)4. 

Tu  den  nächsten  zehn  Jahren,  iu  welchen  die  Medicin  in  Wien 
schon  die  anatomische  Grundlage  annahm,  steigerte  sich  die  durch- 
schnittliche Sterblichkeit  auf  5,30  °/„;  es  starb  1  von  lfi1'*7/«»!  Wöch- 
nerinnen. Der  günstigste  Gesundheitszustand  war  1  von  462"61  und 
der  ungünstigste  1  von  ll'*/9M  Wöchnerinnen. 

Die  Steigerung  der  Sterblichkeit  in  diesem  Zeiträume   war 
durch  bedingt,  dass  in  diesem  Zeiträume  mehr  als  im  vorhergehende» 
auch  mittelst  des  nicht  puerperalen  zersetzten  Stoffes  von  Aussen  in- 
ficirt  wurde. 

In  den  nächstfolgenden  8  Jahren,  in  welchen  Schüler  und 
Schülerinnen  an  beiden  Abtheilungen  in  gleicher  Anzahl  vertheilt 
waren,  steigerte  sich  die  durchschnittliche  Sterblichkeit  an  der  I.  Ab- 
theilnng  auf  6,68%  oder  1  von  15484/16„s,  an  der  II.  Abtheilung  auf 
5,58  %,  oder  1  von  17ö7° jf,S( ;  das  günstigste  Jahr  war  1  von  32'-/« 
an  der  I.  Abtheilung,  und  1  von  441,g  auf  der  II.  Abtheilung. 

Das  ungünstigste  Jahr  an  der  I.  Abtheilung  war  1  von  1090B/S67, 
an  der  II.  Abtheilung  1  von  llg4/,M. 

Die  Ursache  der  Steigerung  der  Sterblichkeit  in  diesem  Zeit- 
räume ist  dieselbe,  welche  eine  Steigerung  der  Sterblichkeit  im  vor- 
hergehenden Zeitraum  hervorbrachte. 

In  den  nächstfolgenden  6  Jahren  steigerte  sich  die  durchschnitt- 


I**  «Sann  Rräi*  st  rrAfessw*  «**  vW>*:***iuV.  491 

liehe  SterWsekbeis  ja  £«•  I.  A^i^^^r  *«  A&?  *  ,.  aufrechnet  der 
massenhaften  Trai^rcrirwx».  Aaer  l  Vont  U*;>tt*,*:  an  der  II.  Ab- 
teilung sank  die  SterKkfcken  ä::  S^%  oder  l  von  ^ö*1*«,,-  Das 
günstigste  Jahr  as  der  L  AkWi'ttw  war  l  von  Ulist41.  an  der 
II.  Abtheilung  1  tob  4$*«*:  das  »uxiustigste  .lahr  an  der  l.  Ab- 
theilnng  warl  von  6,5*»tv  an  der  II.  Abtheilung  l  von  13**«««. 

Die  Ursache  der  Stei^ernn^r  der  Sterblichkeit  an  der  I.  Ab- 
theiinng  in  diesem  Zeitraum  war.  dass  durch  Zuweisung  sämmtlicher 
Schüler 
vorigen 

wurde.  Die  Ursache  der  Verminderung 
IL  Abtheilung  war.  dass  durch  Entfernung  der  Schüler  von  der 
IL  Abtheilung,  an  der  II.  Abtheilung  weniger,  als  im  früheren  Zeit- 
räume, mittelst  nicht  puerperaler  zersetzter  Stoffe  infieirt  wurde. 

In  der  zweiten  Hälfte  Mai  1847  führte  ich  die  Chlorwaschuugen 
an  der  I.  Abtheilung  ein.  Die  Sterblichkeit  war  im  Jahre  1847 
5.04  %  oder  1  von  19u*/m. 

Im  Jahre  1848,  wo  ich  das  ganze  Jahr  hindurch  die  Chlor- 
waschungen  leitete,  war  die  Sterblichkeit  1,27  %  oder  1  von  791/«- 
Am  20.  März  1849  folgte  mir  Carl  Braun  in  der  Assistenz.  Vom 
1.  Jänner  1849  bis  letzten  December  1860  wurden  49,058  Wöch- 
nerinnen verpflegt,  davon  starben  1662  =  3,38  °/0  oder  1  von  29800/,ee«. 
Es  minderte  sich  demnach  in  diesen  12  Jahren,  in  welchen  Carl  und 
Gustav  Braun  an  der  I.  Abtheilung  dienten,  die  Sterblichkeit  um 
6.54  °„  im  Vergleiche  zu  den  6  Jahren,  in  welchen  die  I.  Abtheilung 
ausschliesslich  Klinik  für  Aerzte  war,  ohne  Chlorwaschungen. 

Eine  um  6,54  °/0  geringere  Sterblichkeit  bei  49,058  Wöchnerinnen 
bedeutet  so  viel,  dass  3208  Wöchnerinnen,  und  die  Kinder,  welche 
von  diesen  3208  Wöchnerinnen  die  Blutentmischung  mitgetheilt  er- 
halten hätten,  und  ebenfalls  gestorben  wären,  weniger  gestorben  sind. 

Aber  die  Sterblichkeit  steigerte  sich  in  diesen  zwölf  Jahren  der 
Thätigkeit  der  Gebrüder  Carl  und  Gustav  Braun  im  Vergleiche  mit 
dem  Jahre  1848  um  2,11  %,  und  eine  um  2,11  °/0  grössere  Sterblich- 
keit bei  49,058  Wöchnerinnen  heisst  so  viel,  dass  1035  Wöchnerinnen 
gestorben  sind,  welche  gerettet  hätten  werden  können,  und  wie  gross 
mag  die  Anzahl  der  Kinder  sein,  welche  von  diesen  1035  Wöchnerinnen 
die  Blutentmischung  mitgetheilt  erhielten  und  ebenfalls  starben,  und 
wie  gross  mag  die  Zahl  der  im  allgemeinen  Krankenhause  am  Kind- 
bettfieber verstorbenen  Wöchnerinnen  sein,  welche  während  dieser 
12  Jahre  von  der  I.  Abtheilung  dorthin  transferirt  wurden. 

Diese  gesteigerte  Sterblichkeit  hat  die  Unredlichkeit  Carl  Braun's 
verschuldet,  welcher  meine  Lehre  erkannt,  selbe  mit  Erfolg  beobachtet 
hat,  was  die  Verminderung  der  Sterblichkeit  beweist,  welcher  aber 
trotzdem  gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  gegen  meine  Lehre  ge- 
schrieben, zugleich  auch  gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  seinen 
Schülern  gegenüber  gegen  meine  Lehre  gesprochen  hat,  wodurch  die 
strenge  Beobachtung  meiner  Lehre  Seitens  der  Schüler  beeinträchtigt 
wurde. 

Und  dass  Carl  Braun  gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  gegen 
meine  Lehre  geschrieben,  das  hat  Niemand  schlagender  bewiesen  als 
Carl  Braun  selbst  in  seinem  Aufsatze,  den  er  gegen  meine  Lehre  ge- 
schrieben.   Es  wird   genügen,   nur  eine  Stelle  von  den  zahlreichen 


492 


nelweis*  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


Stellen  anzuführen,  an  welchen  Carl  Braun  meine  Lehre  wiedergiebt, 
in  demselben  Aufsätze,  der  gegen  meine  Lehre  geschrieben. 

I  ,il  Braun  sagt,  bei  der  Prophylaxis  des  Kindbettfiebers  1 1 :  ,.I';i 
das  Puerperalfieber  oder  Pyaemie  durch  Einimpfung  von  Leichengift 
erzeug!  werden,  und  durch  Uebertragung  von  septischen  Exsudaten, 
sowie  durch  das  Zusammenwohnen  mit  Anderen  an  einer  der  ver- 
schiedenen zymotischen  Krankheiten,  wie  Typhus,  Cholera,  Scharlach. 
Masern  u.  s.  w.  Leidenden  verbreitet  werden  könne.  M  ist  es  die 
Strengste  Pflicht  der  Anrate,  auf  die  Absonderung  der  gesunden  Wöch- 
nerinnen von  zymotisch  erkrankten  Individuen  sowohl  in  Privat- 
wohnungen als  in  Gebarhäusern  genau  zu  sehen,  und  niemals  eine 
Untersuchung  oder  eine  Operation  bei  einer  Schwängern,  Gebärenden, 
Wöchnerin  zu  gestatten,  wenn  kurze  Zeit  zuvor  ein  hilfeleistendes 
Individuum  mit  Leichenteilen  oder  septischen  Exsudaten  zu  tlnui 
hatte";  und  in  der  Anmerkung  wird  gesagt:  „Es  ist  daher  die  löb- 
lichste Vorsicht  eines  jeden  Kiiniker's,  die  klinischen  Explorationen 
in  den  frühesten  Morgenstunden  vornehmen  zu  lassen,  bevor  noch 
Beschäftigungen  am  Cadaver  vorgenommen  werden." 

Und  was  für  Unheil   diese  so  irrebelehrten  Schüler  Carl  Braun « 
stiften,  davon  lieferte  Gustav  Braun,  Carl  Braun's  Schüler  und  Ni 
folgei-  der  Assistenz,  ein  warnendes  Beispiel.    Gustav  Braun   verlor 
im  Jahre  1854.  also  im  siebentei]  Jahre  nach  Kinfühmug  der  Chlor- 
Waschungen,    von   4393  Wöchnerinnen   400  an   Kindbettfieber,   daher 


!Uii%  oder  1   von 


10**%)n  Wöchnerinnen. 


Eine  Sterblichkeit,   wie 


sie  dir  üt-M'hichte  des  Kindbettfiebers  nur  noch  einmal  aufzuweisen 
hat.  Im  Jahre  1840  starben  an  der  I.  Gebärklinik  zu  Wien  von 
2889  Wöchnerinnen  267  =  9,25%  oder  1  von  10?1%fl7  Wöchnerinnen, 
Siehe  §  223.  Um  unseren  Ausspruch  zu  bewahrheiten,  dass  die  Ge- 
schichte des  Kindbettfiebers  nur  noch  eine  so  grosse  Sterblichkeit,  im 
Jahre  1840,  also  sieben  Jahre  vor  Einführung  der  ('hlnrwaschungen, 
kennt,  wie  selbe  im  Jahre  1854,  also  sieben  Jahre  nach  Einführung 
der  Chlorwaschungen  vorgekommen  ist,  wollen  wir  hier  einen  Auszug 
der  Geschichte  des  Kindbettfiebers  nach  Litzmann  veröffentlichen.*) 
Litzmann  stellt  alle  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien  zusammen,  welche 
exclusive  bis  zum  Jahre  1842  vorgekommen  sind. 

§  94.  So  weit  die  vorliegenden  historischen  Dokumente  ein  Ur- 
theil  gestatten,  ist  das  Kindbettfieber  erst  eine  Krankheit  der  neueren 
Zeit.  Die  von  Hippocrates  mitgetheilten  Krankheitsfälle,  die  man 
gewöhnlich  als  solche  in  Anspruch  nimmt,  gehören  nicht  dahin.  Es 
sind  nur  Beispiele  der  damals  herrschenden  biliösen  Fieber,  die  sich 
bei  den  Wöchnerinnen  nicht  anders  verhielten  als  bei  Nicht-Wöch- 
nerinnen und  Männern,  und  von  Hippocrates  selbst  nirgends  als  be- 
sondere und  eigentümliche  Krankheiten  bezeichnet  werden. 

§  95.  Dem  ersten,  wiewohl  noch  undeutlichen  Spuren  des  Kind- 
bettfiebers begegnen  wir  in  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts 
im  Hötel-Dku  zu  Paris.  Peu  erzählt,  dass  in  dem  gedachten  Hospitale 
die  Sterblichkeit  unter  den  Neu-Entbnndenen  sehr  gross  gewesen 
und  zwar  zu  gewissen  Zeiten,  und  in  gewissen  Jahresabschnitten 
mehr  als  in  anderen.   Besonders  verheerend  zeigte  sich  das  Jahr  KU 57. 


1    Klinik  für  Geburtskunde  etc.    Seite  6—83. 

In  Kindbettfieber  in  nosologisch  er.  geschichtlicher  und  therapeutischer  Be- 
ziehung.    Halle  1844. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


493 


Vesau.  der  Arzt  des  Hospitals,  schrieb  den  Grund  dieser  auffallenden 
Sterblichkeit  dam  Umstände  zu,  dass  die  Wochenzimmer  gerade  über 
dem  Saale  der  Verwundeten  lagen.  Die  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen 
stand  in  geradem  Verhältnisse  mit  der  Zahl  der  Verwundeten.  Mit 
der  Verlegung;  der  Wöchnerinnen  in  den  unteren  Stock  erlosch  die 
Krankheit.  Die  Beschreibung  desselben  ist  höchst  mangelhaft.  Es 
wird  nur  gesagt,  dass  die  Kranken  bis  zu  ihrem  Ende  an  Blutungen 
gelitten  hätten,  und  dass  man  bei  der  Section  die  Leichen  voller  Ab- 
scesse  gefunden  habe. 

§  96.  Nicht  minder  dürftig  ist  die  von  Thomas  Bartholin  aus 
dem  Jahre  1672  gegebene  Notiz,  die  von  den  meisten  Schriftstellern 
—  ob  mit  Recht,  ist  schwer  zu  entscheiden.  —  auf  eine  Kindbett- 
fieber-Epidemie bezogen  wird.  Sie  lautet  wörtlich:  „anno  currente 
plusculae  feminae  Hafnieuses  vel  abortum  pussae,  vel  difficultate 
partus  mortuos  edideruut,  vel  sectione  per  chirurgura  sibi  extrahi 
dis.'erpii|ue  viderunt,  vel  febre  variolisque  exsiiwtae.  Et  pleraeque 
femellas  edideruut.  imhefillitatis  iudicio.  Juvit  humida  anni  con- 
stifutio  et  frigida,  qua  laxata  uteri  ligamenta  foetum,  ut  decet,  con- 
stringere  non  potuerunt." 

§  97.  Genauere  Nachrichten  hat  uns  Delamotte  über  eine  Epi- 
demie hinterlassen,  welche  zu  Anfange  des  18,  Jahrhunderts  in  der 
Noi  mandie  herrschte.  „Die  Zahl  der  Erkrankten  und  Gestorbenen 
ist  nicht  angegeben". 

§  98.  In  den  Wintermonaten  der  Jahre  1736  und  1737  wurden 
Paris  und  die  Umgebung  von  einer  Kindbettfieber-Epidemie  heim- 
gesucht,  die  viele  Frauen  hinraffte.  „Die  Zahl  der  Erkrankten  und 
Gestorbenen  ist  nicht  angegeben." 

£  90;  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Paris  im  Hötel-Dieu  im  Jahre 
1746.  Sie  herrschte  besonders  in  den  Monaten  Jänner  bis  März; 
am  gefährlichsten  war  sie  im  Februar,  wo  im  Spitale  von  20  Er- 
krankten kaum  eine  gerettet  wurde.  „Sectionen  wurden  gemacht." 
§  100.  Ueber  eine  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Lyon  im  Früh- 
jahre. 17.">0  hat  uns  Pouteau,  der  damalige  Oberwundarzt  am  Hötel- 
Dieu  dieser  Stadt,  einige  Mittheilungen  gemacht  ,,Die  Zahl  der 
Erkrankten  und  Gestorbenen  ist  nicht  angegeben."  In  zwei  Fällen 
wurde  die  Section  gemacht. 

§  101.  Von  einer  Kindbettfieber-Epidemie,  die  im  Jahre  1760 
in  London  herrschte,  erzählt  Leake,  ohne  jedoch  eine  nähere  Be- 
St 'hreibung  derselben.  Er  sagt  nur,  dass  die  Anzahl  der  im  brittischen 
Accoiu-hir- Hospital  an  dieser  Krankheit  verstorbenen  Wöchnerinnen 
vom  12.  Juli  bis  zum  letzten  December  des  Jahres  sich  auf  24  be- 
laufen habe.  Mackintosh  gedenkt  in  seinem  historischen  Referate 
Aber  das  Kindbettfieber  einer  Epidemie  zu  Aberdeen  in  den  Jahren 
1760-61. 

6  102.  Ueber  eine  sehr  mörderische  Kindbettfieber-Epidemie  zu 
London  im  Jahre  1761  finden  wir  eine  kurze  Notiz  von  White  auf- 
gezeichnet; es  starben  in  einem  kleinen  Privat- Accouchir-flospitale 
MOS  in  dem  einzigen  Monate  Juni  20  an  Kindbettfieber. 

§  103.  Ueber  die  gefährlichen  Kindbettfieber,  die  William 
Hunter  beobachtete,  fehlt  es  an  genaueren  Mittlieilungen.  In  2  Mo- 
naten wurden  32  Wöchnerinnen  befallen,  und  nur  eine  genas. 

§  104.  Im  Gebärhause  zu  Dublin  herrschte  das  Kindbettfieber 
nach   der  Angabe    von  Joseph  Clarke    zuerst   im   Jahre    1767,   zehn 


494 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbetttieber. 


Jahre  nach  seiner  Eröffnung.  Vom  1.  December  bis  zum  I 
Mai-Monates  starben  von  360  Entbundenen  16.  4.14".,,  oder  1  FOD 
%2\t  \\  orlmerinnen.  Nach  einer  anderen  von  demselben  Autor  in 
einem  Briefe  von  Amstrong  gegebenen  tabellarischen  Lebersieht  der 
Ereignisse  im  Dubliner  Gebärhause  vom  8.  December  17,">7  bis  Bl.  De- 
cember 1816  starben  in  den  Jahren  1767  und  17*58  27  Wöchnerinnen 
von  1311»  Wöchnerinnen:  1,97  "„  oder  I  von  SO1*/«  Wöchnerinnen. 

§  105.  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Londuu  im  Winter  I7<iu— 7n, 
beschrieben  von  Leake.  Die  Epidemie  dauerte  von  Anfangs  December 
L789  bis  zum  15.  Mai  1770.  In  dieser  Zeit  erkrankten  von  63  Ent- 
bundenen 19  und  starben  13.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Mai  k, 
noch  mehrere  aber  gelindere  Krankheitsfälle  ?or,  POH  denen  zwei 
tödtlich  endeten.    Sektionen  winden  gemacht. 

§  106.  In  der  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Wien  in  dem  Hospitale 
zu  St  Marx  im  Winter  1769 — 70,  beschrieben  von  Faukeu,  erkrankten 
50  Personen,  10  starben.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  107.  Auch  .las  Jahr  1771  soll  nach  der  Angabe  White's  für 
die  Wöchnerinnen  in  einigen  Hospitalen  Londons  sehr  gefährlich  ge- 
wesen sein. 

§  108.  Im  Jahre  1773  zeigte  sich  das  Kindbettfieber  in  der  ge- 
burtshilflichen Abtheilung  des  Krankenhauses  zu  Edinburg  sehr  bös- 
artig. Professor  Young  äussert  sich  darüber  mit  folgenden  Worten: 
„Die  Krankheit  begann  Ende  Februar  und  befiel  fast  alle  Frauen  inner- 
halb der  ersten  24  Stunden  nach  der  Entbindung;  sämrntliche  Er- 
krankte starben  be.i  jeder  Behandlung.  In  der  Stadt  herrsehte 
Krankheit  nicht;  die  Wöchnerinnen  erholten  sich  zwar  langsamer,  ata 
in  den  früheren  Jahren,  aber  kaum  eine  starb.  Dieser  Umstand 
mich  eine  locale  Infection  vermuthen,  und  bestimmte  mich,  das  Hospital 
für  eine  Zeitlang  zu  schliesseu  und  eine  vollständige  Reinigung  der  Zimmer 
und  Betten  vorzunehmen,  nachdem  ich  sechs  Frauen  verloren  ha; 

§  109.  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Paris  im  IIötel-Dieu  iu  den 
Jahren  1774  bis  1780.  Die  Krankheit  herrschte  vorzugsweise  in  den 
W 'iuterinonaten  von  November  bis  zum  Jänner,  am  stärksten  1774 
und  75,  wo  von  je  12  Entbundenen  etwa  7  befallen  wurden.  Seetiinien 
wurden  gemacht. 

Noch  genauere  Aufschlüsse  über  das  Hutel-Dieu  und  die 
des  äaselbsl  herrschenden  Kindbettliebers  giebt  ans  Oslander  (Seite  -J03*) 
meines  Werkes);  er  sagt:   „In  dem  merkwürdigen  Berichte,  welchen 
Tenon  im  Jahre  1788  von   den  Hospitälern   in   Paris   der  Regierung 
abstattete,   liest  man  Seite  241,   dass  die  Unterleibsentztindnng 
Hevre  puerperale"',  nie  der  Verfasser  die  Krankheit  immer  nennt,  seit 
dem  Jahre  1744  alle  Winter  unter  den  Wöchnerinnen  des  Hötel-Dieu 
gewttthel  habe,    und   dass  zu   manchen  Zeiten  von   12  Wöchnerinnen 
7  \<>n  dieser  Krankheit  befallen  worden  seien.     Um  diess  nicht  .uit- 
fallend  zu  linden,  uiuss  man  wissen,  in  welchem  bedauerungswiirdi 
Zustande  die  Wöchnerinnen    und    die   Sehwangeren    sich    damals   im 
Hötel-Dieu  befanden,      in  niedrigen   und  schmalen  Sälen    der  oh 
Etage,  die  mit  Betten  überfüllt   waren,    eingeschlossen,   traf  es  .sich 
nicht   selten,   dass  drei  Wöchnerinnen   in   einem   vier  Fnsa   breiten 
nebeneinander  zu  liegen  kamen;   denn  im  Jahre  178*5  lagen  in 
67   nicht   übermässig  breiten   Betten    175  Schwangere  und   Neuen t- 


[8eite  223.] 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburteliillv. 


495 


bnndene  und  16  Aui'wäi  tei  innen.  lieber  dicss  befanden  sich  die  Säle 
der  Wöchnerinnen  über  anderen  Krankensälen  des  HOtel-Dieu,  und 
w.ini  auch  die  Verwundeten  damals  schon  nicht  mehr  wie  ehemals 
unter  den  Sälen  der  Wöchnerinnen  lagen,  so  darf  man  doch  an- 
indiraen,  dass  schon  die  Nähe  der  grösseren  Krankensäle  zur  Ver- 
derbniss  der  Luft  und  zur  Erzeugung  gefährlicher  Miasmen  in  den 
Salm  der  Wöchnerinnen  beigetragen  haben." 

§  110.    Wahrend  dieser  Zeit  (1774  bis  1786),  da  das  Kindbett* 
lieber  im  Hötel-Dieu,  seiner  Wiege  und  Herberge,  wüthete.  wurde  BS 
auch    an    anderen    Orten    beobachtet, 
herrschte  es  im  Jahre  1774.     Von  280 
Monaten  März,  April  und  Mai  13. 

S  111.  Butter  berichtet  über  das  Kiudbettfleber  in  Derbyshire 
im  .lahre  1775.  Die  Zahl  der  Erkrankten  und  Verstorbenen  ist  nicht 
angegeben. 

§  112.  Stoll  beobachtete  im  Jahre  1777  ein  so  mildes  Kindbett- 
fieber  in  Wien,  dass  keine  einzige  Wöchnerin  starb.  Ist  es  Kind- 
bettfieber gewesen? 

*  113.    Jm  Sommer  des  Jahres  1778  beobachtete  Seile  eine  Kind- 

Sectionen 
das  Kind- 
folgenden 


Im    Gebärhause    zu    Dublin 

Entbundenen   starben  in  den 


8 


bettfieber-Epidemie  in  Berlin.  Von  20  Befallenen  starben  8. 
wurden  gemacht  Im  Februar  des  Jahres  1780  erschien 
bettfieber  plötzlich  wieder.  7  Personen  starben.  In  den 
Jahren  kam  es  nur  sporadisch  vor. 

§  114.  Im  Herbste  des  Jahres  1781  herrschte  eine  Kindbett- 
tieber- Epidemie  im  Geburts-Findelhause   zu   Cassel,    welche  Oslander 

blieb.  Von  5  Erkrankten  starben  vier,  2  wurden  secirt.  In 
der  Stadt  starben  um  dieselbe  Zeit  mehrere  Wöchnerinnen  sehr 
schnell.    Eine  der  Verstorbenen  wurde  secirt 

§  115.  In  den  letzten  Monaten  des  Jahres  1781  und  im  Jänner  1782 
l.enbaehtete  Doublet  das  Kindbettfieber  im  Hospice  de  Saute  zu  Van^iiaid. 
Im  November  starben  2,  im  Jänner  eine  Wöchnerin*,  selbe  wurden  secirt. 

§  116.  Im  Herbste  1783  und  im  Frühjahre  1784  herrschte  in 
und  um  Gladenbach  bei  Giessen  ein  BOgenanntea  Faulfieber.  Im 
F<  binar  starben  9,  im  März  7  Wöchnerinnen.  Da  die  Sectionsbefuude 
mangeln,  so  ist  es  nicht  gewiss,  ob  diese  Wöchnerinnen  am  Kindbett- 
tieber  oder  an  dem  Faul  ti  eher  starben. 

^  117.  Schalter  erzählt  in  seiner  Beschreibung  der  „biliösen 
Epidemie"  zu  Ilegensburg,  dass  besonders  im  Spätsommer  und  Herbste 
lies  Jahres  1784  viele  Wöchnerinnen  erkrankten.  Indessen,  sagt  Litz- 
BBUin,  verdienen  die  hier  beschriebenen  Krankheitsfälle  eben  so  wenig, 
wie  die  von  Stoll  geschilderten,  den  Namen  eines  Kindbettfiebers,  wie* 
wohl  man  sie  dafür  angesprochen  hat. 

B  118.     Im    Herbste   und  Winter  des  Jahres  17S6  herrschte  das 
Kindbettfieber  in  Kopenhagen.     Bang   theilt  die  Ge>cliirlne    ran  17 
Kranken   mit,  die  in  den  Monaten  September  bis  December  aus  der 
Gebäranstalt  in  das  Hospital  abgegeben  wurden.    10  Kranke  stai 
Sektionen  wurden  gemacht. 

S  119.  Zu  Ende  des  Jahres  1786  und  zu  Anfang  des  Jahres  1787 
sah  Cerri  eine  Kindbettfieber-Epidemie  zu  Arzago  in  der  Lombardei, 
welche  keine  Wöchnerin  verschonte.  Die  Zahl  der  Erkrankten  und 
Gestorbenen  ist  nicht  angegeben, 

§  120.  Im  IYUhlinge  des  Jahres  1787  und  im  Winter  von  1788 
auf  1789  beobachtete  Joseph  Clarke  eine  sehr  gefährliche  Kindbettfieber- 


A\i\; 


Sennuehveis'   Aljliaiidhm^  i-u  und   Werk  übe?  das  Kindbett  fiel. er. 


Epidemie  im  Gebiirhause  zu  Dublin.  Der  Andrang'  der  Schwangreren 
zur  Anstalt  war  so  gross,  dass  oft  zwei  in  ein  Bett  gelegt  werden 
mussten.  Ausser  dem  war  die  Ifrparatur  der  Zimmer  lange  vernach- 
lässiget, und  während  man  noch  damit  umging,  sie  ins  Werk  zu  Batzen, 
brach  die  Epidemie  au*.  Die  erste  Wöchnerin  erkrankte  am  18.  März, 
die  zweite  am  31.,  die  dritte  am  3.  April,  die  vierte  am  7..  die  fünfte 
am  10.,  die  sechste  am  11..  am  14.  zwei,  am  15.  zwei,  und  am  17. 
eine.  Es  starben  7.  Sectioneu  wurden  gemacht.  Alsdann  wurde 
eine  durchgreifende  Reinigung  des  Locales  vorgenommen,  die  Wände 
frisch  überstrichen,  bei  Tage  grosse  Feuer  unterhalten,  des  Nachts 
die  Fenster  geöffnet.  In  Folge  dieser  Massregeln  kam  in  dem  Rest 
dßB  Jahres,  so  wie  in  den  ersten  1«)  Monaten  des  folgenden  kein  neuer 
Fall  von  Kindbettfieber  vor.  Im  November  1788  brach  aber  die 
Krankheit  aufs  Neue  aus.  Am  14.  November  erkrankte  die  erste 
Wöchnerin,  die  zweite  am  8.  December,  am  21.  zwei,  am  23.,  2S,.  29. 
und  31.  eine  an  jedem  Tage,  am  ö,  Jänner  eine,  am  »>.  eine,  am  14. 
zwei,  und  am  16.  eine.  Jeder  deutlich  ausgesprochene  Fall  von  Kiud- 
bettiieber  endete  tödtlich;  5  andere  mit  zweifelhaften  Symptomen  hatten 
einen  günstigen  Ausgang.  Ausserdem  erkrankten  vom  18.  December 
bis  23.  Jänner  13  Frauen  an  einem  Fieber  ohne  auszumittelndes  Local- 
leiden,  von  denen  zwei  starben.  Eine  neue  Reinigung  der  Zimmer 
und  Betten  wurde  vorgenommen,  worauf  die  Krankheit  erlosch. 

§  121.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1787  und  zu  Anfang 
des  folgendes  Jahres  herrschte  in  London  eine  bösartige  Kindbett- 
fieber-Epidemie,  die  Johann  «'harke  beschrieb.  Gleichzeitig  kam  hftttfig 
Erysipel  vor.  und  die  mit  Halsgeschwüren  verbundene  Bräune,  mit 
und  ohne  Scharlachexanthem,  wüthete  stark  in  London  und  der  Um- 
gebung, ebenso  typhöse  Fieber.  Manche  erkrankten  sehr  schwer  an 
den  inoenlirten  Blattern;  einige  starben,  bei  denen  sich  Abscesse  in 
der  Achselhöhle  gebildet  hatten.  Der  erste  Fall  vom  Kindbettlieber 
kam  im  Juli  1787  vor.  Mehr  als  die  Hälfte  der  Erkrankten  starben. 
Seetionen  wurden  gemacht. 

§  122.  Kindbettfieber-Epidemie  in  Aberdeen.  Sie  herrschte  vom 
December  1789  bis  zum  Oktober  1792  und  ist  von  Gordon  beschrieben. 
Von  77  Kranken  starben  28.    Seetionen  wurden  gemacht. 

§  123.  Eine  sehr  mörderische  Kindbettrieber-Epidemie,  die  in 
Kopenhagen  zu  Ende  des  Jahres  1792  und  zu  Anfang  des  folgenden 
beobachtet  wurde,  schildert  Hink.  Beim  Steigen  der  Epidemie  wurde 
von  20  Personen  nicht  eine  gerettet.     Seetionen  wurden  gemacht. 

§  124.  Im  Jahre  1792  und  1793  wüthete  das  Kindbettfieber  in 
Wien;  besonders  im  dortigen  Gebärhause.  Litzmaun  giebt  die  Zahl 
der  Gestorbenen  nicht  an;  laut  der  Tabelle,  welche  in  meinem  Werke 
Seite  62*)  enthalten  ist,  starben  im  Februar  1792  von  1574  14  Wöch- 
nerinnen B  BJ&  ,.  Die  Epidemie  begann  im  December.  1793 
starben  von  1684  Wöchnerinnen  44=2,61%. 

|  125.  Osiander  erzählt  in  seinen  Denkwürdigkeiten  mehrere 
Fälle  von  Puerperal-Krankheiten,  die  sich  im  Winter  17923  im  Eni- 
bindungshause  zu  Göttingen  ereigneten,  und  meist  tödtlich  endigten. 
Seetionen  wurden  gemacht. 

§  126.  Im  Jahre  1793  herrschte  eine  Kindbettfieber-Epidemie 
im  Hospitale  d'Humanite  zu  Rouen.    Leroy  war  eben  in   der  Stadt 

*)  [Seite  135.J 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  GebtirtshiliV. 


497 


anwesend.    Nachdem  mehrere  Frauen  gestorben,  wurde  er  consuJtirt. 
In  Folge  seines  Rathes  hörte  die  Epidemie  auf. 

§  127.  Während  das  Kindbettfieber  im  Jahre  1794  im  Wiener 
Gebärhause  nur  sporadisch  (1768  Wöchnerinnen.  7  Todte:  0,39  "„) 
beobachtet  wurde,  erschien  es  in  den  letzten  Monaten  des  Jahres  17Ö5 
und  den  ersten  des  folgenden  auf's  Neue  als  verheerende  Epidemie. 
1795:  Wöchnerinnen  1798,  Todte  38=2.11  %  1790:  Wöclnu-i  innen 
1904.  Todte  22=1,16%.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  128.  In  den  beiden  folgenden  Jahren  war  der  Gesundheits- 
zustand in  dem  Wiener  Gebärhause  ein  durchaus  erfreulicher.  I 
Wöchnerinnen  2012.  Todte  &=0£4"/«,  1798:  Wöchnerinnen  8046, 
Todte  5=0,24%.  Desto  gefährlicher  war  der  Winter  von  1799  auf 
1800  für  die  Wöchnerinnen.  1799:  Wöchnerinnen  20ti7,  Todte 
20=0.96%.  1800:  Wöchnerinnen  2070.  Todte  41=1T!)8  "„.  Viele  von 
den  Verstorbenen  starben  an  Scarlatina.     Sectionen  wnnl<  n  gemacht 

§  129.  Im  Winter  1800  herrschte  eine  Kindben  tiebcr-Epidemie 
zu  Grenoble,  Die  Epidemie  dauerte  ö  Monate  und  befiel  500  (?) 
Frauen,  von  denen  jedoch  nur  eine  kleine  Zahl  starb.  Sectionen 
wurden  gemacht. 

g  130.  Im  Jahre  1803  (Wöchnerinnen  2028,  Todte  44=2,10' 
herrschte  eine  Kindbettfieber-Epidemie  im  Gebärhause  zu  Dublin. 
Aber  auch  in  den  vorhergehenden  und  folgenden  Jahren  war  die 
Sterblichkeit  sehr  gross.  Im  Jahre  1800:  Wöchnerinnen  1837,  Todte 
18  =  0.97%,  im  Jahre  1601:  Wöchnerinnen  1725.  Todte  30  =  1,71  %. 
1802 :  Wöchnerinnen  1985,  Todte  26=130  "  „.  1804 :  Wöchnerinnen  1915, 
Todte  16  =  0,83  %.  180."»:  Wöchnerinnen  2220,  Todte  12=0,:">4  ' ',, 
1806:  Wöchnerinnen  2406.  Todte  23=0,95",,. 

5?  131.  In  den  Monaten  August  bis  Octobet  des  Jahr«.  1805 
wurde  in  Rostock  und  der  Umgegend  eine  Kindbettfieber-Epidemie 
beobachtet,  an  der  im  Ganzen  1 1  Wöchnerinnen  starben.  Alle  wurden 
von  derselben  Hebamme  entbunden. 

§  132.  Im  Mai/  und  April  des  Jahres  1801  herrschte  eine  Kind- 
bettfieber- Epidemie  in  dem  Dorfe  Creteil  bei  Paris.    5  Frauen  starben. 

§  133.  Vom  November  1809  bis  zum  December  1812  beobachtete 
Hey  "das  Kiiidltettlieber  in  Leeds.  Bleichseitag  kam  hei  Niehtwöch- 
nerimien  ein  Rothlauf  sehr  bösartiger  Natur  vor.  Von  14  Kranken, 
die  zwischen  dem  December  1809  und  der  Mitte  des  Juni  1810  be- 
handelt wurden,  starben  11. 

£  134.  Ködere  erwähnt  einer  in  London  1810  von  Maussetham 
beobachteten  Epidemie. 

§  l  ;;."i.  Ozanara  erzahlt  von  einer  Kindbettfieber-Epidemie.  die 
er  während  der  ersten  &  Monate  des  Jahres  1810  im  St.  Katharim-n- 
Hospital  zu  Mailand  beobachtete.  Aus  mehr  als  30  Beobachtung'!) 
tlieilt  Ozanani  nur  einen  Fall  als  Beispiel  mit:  die  Leiche  ward«  Bedrt 

§  130.     In  dem  Winter  TOB  Imiö  auf  181 1  herrschte  eine  Kind- 
bettfieber-Epidemie im   Gebärhause   zu  Dublin.     1809:  Wöchnerinnen 
9,  Tndte  21=0.72 "  „.    1810:  Wöchnerinnen  2854.  Todte  29— 1,01  °0. 
1811:  Wöchnerinnen  25« ii.   Todte  24=0,93 ° „. 

j  137.  In  demselben  Winter  beobachtete  Pnnch  eine  Kindbett- 
fieber-Epidemie zu  Landsberg  in  Sachsen.  Innerhalb  3  Wochen  starben 
5  Wöchnerinnen.  Sie  waren  sämmtlieh  von  einer  Hebamme  entbunden, 
und  mit  dem  Wechsel  derselben  hörte  die  Krankheit  auf.  Puneh  selbst 
glaubt,  sie  in  einem  Falle  zu  einer  Kreissenden  verschleppt  zu  haben. 

SitcmflweU"  geiammelte  Werke.  32 


498 


Semmelweis'  Abband] uu gen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


B  188.  In  dem  Jahre  1811  wüthete  in  dem  westlichen  Theile 
der  Grafschaft  Sommerset  in  England  eine  Kindbetthebei -Epidemie. 
Sie  war  so  mörderisch,  dass  während  mehrerer  Monate  nicht  eine  einzige 
Kranke  gerettet  wurde. 

§  I :.'.).     Im  Juni  desselben  Jahres  erschien  das  Kindbettfieber  im 
Gebarhanse  zu  Heidelberg-,  und  in  einzelnen  Fällen  auch  in  der 81 
Die  Epidemie  dauerte  von  Juni  1811  bis  zu  Ende  April  1812.    Vn 
182  Entbundenen   erkrankten  59  und   starben  20.    Sectionen  wurden 
genmeht. 

5;  140.  Ueber  das  Vorkommen  des  Kindbettfiebers  in  den  Fnt- 
liiiidungsanstalten  von  Paris  in  dem  ganzen  Zeiträume  von  178H  bis 
IS] 2  besitzen  wir  nur  einzelne,  unvollständige  Notizen.  Im  .1 
1K05  starben  im  Hospital  de  la  Maternite  im  Monat  Juli  13,  in 
November  9,  und  im  December  5;  im  Jahre  1807  im  August  13.  und 
im  November  7  Wr.rhnerinnen.  Jm  Hfttel-Dien  starben  im  Jahre  1808 
vom  19.  Februar  bis  20.  März  von  39  Erkrankten  36.  In  bin 
Hospital  de  la  Maternite  wüthete  das  Kindbettfieber  im  Jahre  1809 
mit  grosser  Heftigkeit,  ebenso  im  Jahre  1811  in  tlen  Monaten  .Juli 
bis  September.  Im  Hotel-  Dieu  starben  in  der  ersten  Hftlfta 
Jahres  von  25  Erkrankten  23.  Im  Jahre  1812  wurden  im  Hospitale 
de  la  Maternite  im  Jänner  10.  im  Februar  9,  im  Juni  15.  und  im 
August  16  Todesfälle  gezählt  Oslander  sagt  vom  Hospital  de  la 
Maternite.  folgendes:  Seit  dem  9.  December  1797  bis  zum  31.  Mai 
1809,  also  während  11  Jahren  und  sechs  Monaten,  sind  17.308  Frauen 
entbunden.  2000  Entbundene  zum  wenigsten  sind  schwer  erkrankt, 
und  700  gestorben  und  secirt,  also  4,04%  °der  1  von  24" 
Wöchnerinnen.  In  den  5  Jahren  1803  bis  exclusive  180«  sind  9645 
Wöchnerinnen  verpflegt  worden;  414  starben  grösstentheüs  an  Unter- 
leibscntziindmig.  also  4,29  °/0,  oder  1  von  23U8/1U.  Die  Mater: 
ist  bekanntlich  Unterrichtsanstalt  für  Hebammen;  aber  das  Unter- 
ricatssystem  in  der  Maternite  ist.  derart  beschaffen,  dass  sieh  die 
Schülerinnen  in  der  Maternite  in  solcher  Ausdehnung  die  Hände  mit 
zersetzten  Stoffen  verunreinigen,  wie  anderswo  nur  die  Aerzte.  \ 
Unterrichtssystem  in  der  Maternite  sagt  Oslander  folgendes  (8eite  12 
den  täglichen  Visiten,  die  der  Arzt  in  der  Infirmerie  der  Wöchnerinnen 
macht,  wohnt  die  Hebamme  des  Hauses  und  ein  Theil  der  Hebammen- 
Schülerinnen  bei.  Jede  Schülerin  bekommt  eine  Kranke  zur  besondern 
Beobachtung,  und  sie  wird  angehalten,  eine  kurze  Krankengeschichte. 
den  Hergang  der  Geburt  und  die  Verordnungen  des  Arztes  auf- 
zusetzen. Ueberliaupt  ist  es  auffallend  genug,  junge  Mädchen  zu 
sehen,  die  mit  wichtiger  Miene  den  Puls  fühlen  und  Kranken- 
l Beobachtungen  aufschreiben. 

Ferner  sagt  Oslander:  Den  Leicheneröffnungen,  die  in  einem 
dem  GoDttrhanse  etwas  entfernten  Gartenhause  vorgenommen  wei 
wohnen   die  Schülerinnen   gewöhnlich  bei.    Ich   habe   da  oft  mit  Er- 
staunen gesehen,  welchen  lebhaften  Antheil  einige  junge  Mädchen 
dem  Zerfleischen   der  Leichen   nahmen,   wie  sie  mit  entblossten  und 
blutigen  Annen,  grosse  Messer  in  der  Hand  haltend,  unter  Zank  und 

chter  sich  Becken  herausschnitten,  nachdem  sie  von  dem  Arzte 
die  Krlanbniss  erhalten  hatten,  dieselben  für  sich  zu  präparieren. 

Oslander  sagt;   unter  den  Beobachtungen  bei  den  Leichenunter- 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburt* 


499 


suclumgen.  an  die  Baudelocque  seine  Zuhörerinnen  erinnerte,  ist 
l>< 'Wunders  die  Zerreißung  eines  Psoasmuskels  in  der  Anstrengung  der 
Gebnrt  wichtig1. 

Oslander  sagt:  Der  Brand  an  den  Geburl  stbeilen  kam,  so  lange 
ick  die  Uaternite  besuchte,  verschiedene  .Male  unter  den  Wotlnn>i  innen 
vor,  gerade  zu  derselben  Zeit,  wo  Unterleibsentziinduiigen  beeo-D 
h&ufig  waren.  Für  mich  war  diese  Krankheit  in  der  furchtbaren 
Gestalt,  unter  der  sie  sich  äusserte;  ganz  neu;  in  der  Mate» 
erregte  sie  aber  kein  besonderes  Aufseben,  indem  sie  hier  nicht  zu 
den  Seltenheiten  gehört. 

Der  Leser  kann  aus  diesen  Citaten  die  Ausdehnung  entnehmen, 
in   welcher   sich    die   Hebamme   in   der  Materuite    von   Kranken 
Leichen  her  ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  verunreinig 

§  141.  Im  .Talire  1812  herrschte  das  Kindbettfieber  zu  Halloway 
in  der  Nähe  von  London.  6  Wöchnerinnen  erkrankten,  5  starben, 
4  wurden  secirt. 

§  142.  Im  Winter  1812—13  wurde  in  dem  Krankenhause  und 
in  der  Stadt  Dublin  eine  sehr  mörderische  Kindbettfieber-Epidemie 
beobachtet.  Im  Jahre  1812  starben  von  2676  Wöchnerinnen  43=1,60 "  0 
oder  1  von  62l0/4>  Wöchnerinnen.  Im  Jahre  1813  starben  von  2484 
Wöchnerinnen  62—2,49  °/0  oder  1  von  404/,,. 

§  143.  In  den  Jahren  1811—13  herrschte  eine  Kindbettfieber- 
Epidemie  in  verschiedenen  Theilen  der  Grafschaften  Durham  und 
Northumberland.  Von  43  Erkrankten  kamen  40  in  der  Praxis  des 
Dr.  Gregson  vor.    37  wurden  gerettet;  also  starben  6. 

§  144.  In  den  Jahren  1813  und  1814  beobachtete  West  das 
kindbettfieber  in  Adingdon  und  dessen  Umgebung.  20  Wöchnerinnen 
erkrankten.  Interessant  ist  das  Verhältniss  zu  dem  Erysipelas.  tbi* 
damals  sehr  häufig  war,  und  sich  namentlich  leicht  zu  Wunden  aller 
Art  gesellte.  Beide  Krankheiten  begannen  zu  gleicher  Zeit  zu 
herrschen,  und  hörten  ebenso  mit  einander  auf;  beide  zeigten  sich 
in  denselben  Ortschaften,  und,  wo  die  eine  fehlte,  kam  auch  die 
andere  nicht  vor. 

3  146.  In  den  Jahren  1812,  1813  und  1814  herrschte  das  Kind- 
bettfieber im  Prager  Gebärhause;  besonders  1814,  wo  allein  im  Monat 
.März  12  Kranke  starben,  während  die  Zahl  der  im  ganzen  Jahre 
Entbundenen  nur  450  betrug. 

£  146.  In  dem  Winter  1814 — 15  sah  man  eine  bösartige  Kind- 
bettfieber-Epidemie  in  einem  Hospital  zu  Edinburg.  Fast  alle 
Wöchnerinnen  erkrankten,  und  fast  alle  Befallenen  starben.  Sectionen 
wurden  gemacht. 

6  147.  Im  Jahre  1819  starben  im  Wiener  Gebärhause  von  3089 
Wöchnerinnen  154=4 ,98  ",'„.  also  1  von  20*/1?<  Wöchnerinnen. 

§  148.  In  den  Jahren  1816—17  herrschte  das  Kindbettfieber  im 
Pensylvanian-  Hospital  zu  Philadelphia. 

§  149.  Im  Sommer  1K17  herrschte  nach  d'Üutrepont's  Angabe, 
eine  gelinde  Kindbettfieber-Epidemie  im  <  '.ebärhatise  zu  Würzburg. 
7  Erkrankte  genasen  sämmtlich. 

6  150.  Im  Jahre  1818  starben  im  Wiener  Gebärhause  von  2568 
Wöchnerinnen  06=2,18%  oder  1  von  45'-^. 

§  151.  In  demselben  Jahr  herrschte  das  Kindbettfieber  in  London. 
Armstrong  beobachtete  es  theils  in  seiner  Privatpraxis,  theils  in  einer 
öffentlichen  Anstalt,   deren  Leitung  er   damals  übernommen.     Er  hat 

B8P 


500 


Semmelvreis'  Abhandlungen  und  Werk  über  d«a  KindbeTtlieber, 


6  Fälle  mittet  heilt,  die  sämmtlich  in  den  Monat  October  fielen.     0i 
zeitig    herrschte    die    Krankheit   im  8t.  James- Hospital.      >e<r  Jonen 
wurden  gemacht. 

§  152.  In  demselben  Jahre  herrschte  auch  in  dem  Krankenhaus* 
zu  Prag  eine  Kindbettfieber- Epidemie,  die  im  August  1819  ihr  Bade 
erreichte, 

§    153.     Gleichzeitig;    wurde    eine     Kindbettfieber-Epidemie    im 
Geb&i  hause  zu  Würzburg  beobachtet    Sie  begann   im  October 
und  dauerte  bis  zum  März  1819.    Von  63  Entbundenen  erkrank 
17;  4  starben,  11  wurden  gesund  entlassen,  und  2  an  andere  Anstalten 
abgegeben.     In  der  Stadt  wüthete  ein  bösartiges  Scharlacbfieber:  \m\ 
Januar  ab  kamen  auch  einzelne  Fälle  von  Kindbettfieber  vor.     Sectionen 
wurden  gemacht.    Im  Sommer  1819  kamen  nur  einzelne  Krankheits- 
fälle unter  den  Wöchnerinnen  vor,  meist  mit  nachweisbarer  aus- 
Ursache.     Im  December    1819   aber   brach   das   Kindbettfiebti    von 
Neuem  aus  und  herrschte  bis  zum  März  1820.    Von  53  Entbundemn 
erkrankten    13   und    starben    3.    In    der    Stadt    dauerte    noch   du 
Scharlachfieber  fort.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  154.  Im  154.  §  wird  neuerdings  von  der  Epidemie  im  Wiener 
Gebarhause  im  Jahre  1819  gesprochen,  von  welcher  schon  in  §  147 
die  Rede  war. 

§  155.  In  demselben  Jahre  vom  Ende  des  Mai  bis  zum  September 
beobachtete  Cliet  das  Kindbettfieber  in  der  allgemeinen  Kraukeu- 
ansta.lt  der  Charite  zu  Lyon. 

§   156.     Auch    in   Glasgow   herrschte    in   demselben   Jahre 
Kindbettfieber-Epidemie. 

§  157.  Gleichzeitig  erschien  das  Kindbettfieber  auch  im  Ent- 
bindnngshause  zu  Stockholm. 

§  las.  Auch  in  Paris  und  London  war  in  diesem  Jahre  das 
Kindbettfieber  sehr  gefährlich,  ebenso  herrschte  es  in  Kiel  und  Italien. 

§  150.  Vom  Ende  des  Jahres  1819  bis  /.um  August  1820  herrschte 
das  Kindbettfieber  in  dem  Eutbiiidungs-Institute  zu  Dresden:  von  lii 
Erkrankten  starben  6.     Sectionen  wurden  gemacht 

§  160.  Im  Uctober  1819  zeigte  sich  in  Bamberg  das  Kindbett- 
fieber  sowohl  in  der  Stadt,  als  im  Entbindungs -Institute.  In  der 
Stadt  hülle  die  Epidemie  im  November  auf;  im  Institute  dauert 
noch  bis  zum  Jänner  1820  fort.  In  der  Stadt  verliefen  die  meisten 
Fälle  lüdtlirh,  eben  so  die  ersten  4  im  Institute;  die  folgenden  17 
Krauken  wurden  gerettet    Sectionen  wurden  gemacht 

§  161.    Gleichzeitig  herrschte  auch  das  Kindbettfieber  in  Ans- 
h,"  Nürnberg  und  Dillingen. 

§  162.  Auch  in  Dublin  wüthete  in  diesem  Winter  das  Kindbett- 
fieber. Die  Epidemie  übertraf  nach  Douglas  alle  sonst  im  britischen 
Reiche  vorgekommene  an  Dauer  und  Tödlichkeit.  Im  Jahre  1819  wurden 
3197  Wöchnerinnen  verpflegt.  94  starben  =  2,94  "„  oder  1  von  34*  „, 
Wöchnerinnen. 

|  L63.  Im  Frühjahr  und  Sommer  des  Jahres  1821  herrschte 
üfifi  Kindbettfieber  in  der  allgemeinen  Krankenanstalt  der  Charite 
ssa  Lyon, 

J;  164.    Einer  Epidemie  zu  Wie  in  demselben  Jahre  gedenkt  E 
mann.    Im  Jahre  1821  wurden  verpflegt  3294  Wöchnerinnen;  davon 
starben  55=1,60  %  oder  1  von  50*%,. 


Die  offenen  Briefe  au  Professoren  der  Geburtshilfe. 


501 


§  165.  Auch  in  London,  so  wie  in  Holland  wurde  das  Kindbett- 
fieber in  diesem  Jahre  beobachtet,  desgleichen  in  Prag. 

§  166.  Vom  Mftrz  1821  zum  September  1823  herrschte  eine 
Kindbettfieber-Epidemie  in  Edinburgh  die  von  Campbell  und  Markintosh 
beschrieben  ist.  Campbell  verlor  von  7!)  Erkrankten  22.  Sectionen 
wurden  gemacht 

S  lf>7.  Scholz,  der  sich  vom  Jahre  1821  bis  1822  in  Jerusalem 
aufhielt,  erzählt,  dass  dort  im  Juli  alle  Wöchnerinnen  am  Kindbett- 
fieber zu  Grunde  ringen. 

§  168.  Im  Winter  1822—23  erschien  das  Kindbettfieber  in  Mar- 
burg im  Entbindungs-Institute  sowohl,  als  in  der  Stadt  und  Um- 
gebuno;, gleichzeitig  mit  einer  Scharlach-  und  Maseruepidemie.  Sammt- 
liehe  im  Institute  Erkrankte,  37  an  der  Zahl,  wurden  hergestellt. 

g  169.  Zu  Ende  des  Jahres  1822  und  zu  Anfang  des  folgenden 
herrschte  eine  sehr  mörderische  Kindbettfieber-Epidemie  im  Wiener 
Gebarhanse.  Gleichzeitig  herrschten  vorzugsweise  exanthematische 
Krankheiten  und  namentlich  das  Scharlachfieber  mit  grosser  Heftig- 
keit. Der  Andrang  zur  Entbindungsanstalt  war  so  gross,  dass  in 
die  für  24  Betten  bestimmten  Säle  36  und  mehr  gestellt  werden 
mnssten.  Im  Jahre  1822  starben  von  3066  Wöchnerinnen  26=0,84 °/0 
oder  1  Wöchnerin  von  137  **fu  Wöchnerinnen.  Im  Jahre  1823  starben 
von  2872  Wöchnerinnen  214=7,45  %  oder  1  Wöchnerin  von  lBM/fU. 
Sectionen  wurden  gemacht. 

£  170.  Im  Aufange  des  Jahres  1823  herrschte  in  London  im 
Queen  Charlotte's-Lying  in  Hospital  ein  sehr  bösartiges  Kindbetttieber. 
Sectionen  wurden  gemacht. 

§  171.  Im  Pensylvanian-Hospitale  zu  Philadelphia  herrschte  das 
Kindbettfieber  in  den  Jahren  1821  bis  1824,  in  Dublin  im  Jahre  1823. 
Wöchnerinnen  2584.  Todte  59=2.28"  „. 

ij  172.  Im  Jahre  1824  starben  im  Entbindungs- Institute  zu  Dresden 
9  Wöchnerinnen.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  173.  Von  der  Mitte  des  November  1824  bis  zum  Ende  Iuiumf 
1825  herrschte  eine  Kindbettfieber-Epidemie.  im  Entbindungshause  zu 
Manchen.  Von  104  Entbundenen  erkrankten  3  im  November,  8  im 
December  und  3  im  Jänner.  Nur  2  genasen,  Sectionen  worden 
gemacht. 

|  174.  In  den  Jahren  1K24  und  1825  herrschte  das  Kindbett- 
fieber in  der  Entbindungsanstalt  zu  Stockholm.  Im  Jahre  1825  starben 
von  12  am  Puerperalfieber-Erkrankten  10. 

§  175.  Zu  Anfang  des  Jahres  1825  herrschte  das  Kindbettfieber 
in  der  Stadt  Berlin,  in  der  Charit^  und  in  der  Gebäranstalt  der 
Universität.    Von  11  Erkrankten  starben  6.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  176.  In  demselben  Jahre  herrschte  das  Kindbettfieber  in 
Petersburg  und  Wien.  Wöchnerinnen  2594.  Todte  229=4.82%  oder 
1  von  11 '6/329  Wöchnerinnen;  ferner  in  London,  in  Hannover  und  in 
Prag,   hier  gleichzeitig  mit  dem  contagiösen  Typhus  exanthematicus. 

§  177.  Baudelocque  beobachtete  im  Jahre  UB85  das  Kindbettfieber 
in  der  Gebäranstalt  zu  Paris.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  178.  In  demselben  Jahre,  so  wie  in  dem  folgenden,  herrschte 
das  Kindbetttieber  in  Edinburg.  Gleichzeitig  kam  Erysipelas  sehr 
häufig  vor,  und  gesellte  sieh  namentlich  leicht  zu  Wunden  aller  Art. 

§  179.  Im  Jahre  1826  herrschte  eine  Kindbettfieber-Epidemie  in 
der  t'harite  zu  Berlin,     im  Jänner  und  Februar  starben  von   9  Er- 


502  Senimelweis*  Abhandlungen  und  Werk  über  dns  Kindbettfieber. 

kiankten  5,  im  Mai  und  Juni  von  12  Erkrankten  9.    Sectionen  wurden 
gemacht. 

i;  180.     In  demselben  Jahre  wurde  das  Kindbettfieber  zu  Dublin 
beobachtet.    Wöchnerinnen  2440.  Todte  81=3,33  °/„  oder  1  von  30 
Audi  in  der  geburtshilflichen  Abtheilung   « I es  Krankenhauses  in  Bir- 
mingham zeigte  Bfl  Bieil  sehr  verheerend.    Man  zählte  16  bis  18  Todes- 
fälle; denn  nicht  eine  der  Befallenen  genas.    Sectionen  wurden  gemacht 

§  181.  In  demselben  Jahre  herrschte  die  puerperale  Peritonitis 
in  der  Gebäranstalt  zu  Paris. 

§  182.  Im  Jahre  1827  beobachtete  Sonderland  eine  Kindbett- 
lieber- Epidemie  zu  Barmen, 

§  183.    In   dem  Winter  1827—28  herrschte  eine  KindbetthV 
Epidemie  zu  Neuenhaus  im  Deutheimischen  und  in  der  l'mgegend. 
Von  17  Fällen  endeten  12  tödtlieh. 

§  184.  In  demselben  Winter,  und  mehr  noch  in  dem  folgenden, 
beobachtet«  Fergusson  das  Kindbettfieber  in  London,  sowohl  im  Spital 
als  in  der  Stadt.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  185.  In  Stockholm  herrschte  das  Kindbettfieber  in  den  Jahren 
182«)  bi-  1820.  in  Dublin  in  den  Jahren  1828  und  1829,  182s :  Wöchne- 
rinnen 2856,  Todte  43=1,60%  oder  1  VOL  d&\,<  1829:  Wöchnerinmn 
2141,  Todte  34=1,59  %  oder  1  von  62*%,.  In  Birmingham  in  den 
Jahren  1829  und  1830,  in  Hannover  1829. 

§  186.  Im  Jahre  1829  richtete  eine  Kindbettfieber-Epidemie  in 
der  Materinte  zu  Paris  grosse  Verwüstungen  an.  Von  2788  Wöchne- 
rinnen starben  252=9,03  •/„  oder  1  von  ll18*,,«.    222  wurden  secirt. 

B  IsT.  Im  Jahre  1830  wurden  in  der  Materaite  zu  Paria  2698 
Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  starben  122—4.4;")",,  oder  1  von  22  ",.. : 
im  Tahre  1831  wurden  2907  Wöchnerinnen  verpflegt,  davon  starben 
254=8.73 %  oder  1  von  11  llJ.,sl. 

§  188.  Im  Jahre  1830  starben  im  Präger  Gebärhause  von  998 
Entbundenen  32=3,20%  oder  1  von  31  ■/„.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  189.  Im  .lahre  1830  und  31  herrechte  das  Kindbettfieber  im 
Gebaihiuse  zu  Dresden.    21  Wöchnerinnen  starben.    Sectionen  wurden 

gemacht 

§  190.  1830  und  1831  herrschte  das  Kindbettfieber  im  Em- 
bnndongdiaiDae  zu  lliunum .  von  25  Erkrankten  starben  6.  Sectionen 
wmdtm  gemacht 

§  191.  In  den  Jahren  1829  bis  1831  herrschte  das  Kindbett- 
fieber im  Pensylvanian-Hospitale  zu  Philadelphia.  Im  Jahre  1830 
zu  Kiel. 

8  192.  Robertson  erzählt  zum  Beweise  der  Contagiosität  des 
Kindbettfiebers  folgendes:  „Vom  3.  Deeember  1830  bis  zum  4.  Jänner 
L831  besorgte  eine  Hebamme  in  Manchester  30  Wöchnerinnen  im 
Auftrage  einer  wohlthätigen  Anstalt.  16  von  ihnen  bekamen  das 
Puerperalfieber  und  sterben  siimuitlich.  In  demselben  Monate  wurden 
380  Frauen   durch  Hebammen  jener   Anstalt    entbunden:    aber   keine 

anderen   Wöchnerinnen   litt  im  geringsten   Grade.     Im   Hei 
«li  «selben  .lahres  herrschte   in    Aylesburg  ein    contagiöses  Kindbett- 
fieber. gleichzeitig  mit    Erysipela-      Nach  Ceely's   Angabe   erwi 
sich  inj.!,   Krankheiten   als  identisch:  das  Erysipelas-Contagium   tief 
bei  \\  öehnei  innen  Puerperalfieber  hervor  und  umgekehrt.    Sectionen 
wurden  gemn 


Die  offenen  Briefe  nn  Profeworoa  der  Geburtshilfe. 


003 


§  193.  Im  Winter  1835  erschien  das  Kindbettneber  im  Gebär- 
hanse zu  München.    Sectionen  wurden  gemacht. 

§  194.  Im  Jahre  1832  herrschte  in  Bonn  eine  Kindbettfieber- 
Epidemie.  Sie  begann  in  der  Stadt  in  den  letzten  Tages  dfifl  April 
und  «lauerte  bis  zum  Anfang  des  Juni.  Sie  verschonte  nur  wenige 
\\ 'üchnerinnen  und  von  7  Befallenen  genasen  nicht  mehr  als  drei. 
Nachdem  sie  in  der  Stadt  beinahe  erloschen  war,  ffurdc  im  Jus!  noch 
ein  Krankheitsfall  in  einem  benachbarten  Dorfe  (Poppeisdorf)  und  5  in 
dem  Entbindungsinstitute,  das  beim  Beginne  der  Epidemie  der  Ferien 
wegen  fast  leer  gestanden  hatte,  beobachtet.  Sectionen  wurden 
gemacht 

§  195.  In  demselben  .lahre  erkrankten  im  Eutbindungshause  zu 
Stockholm  16  Wöchnerinnen  am  Kindbettlieber.  von  denen  11  starben. 
Eine  Verschleppung  der  Krankheit  durch  die  Zöglinge  der  Anstalt 
wurde  mehrmals  beobachtet.  Das  Erkranken  liess  nach,  als  eine 
alte,  bis  dahin  vernachlässigte  Ordnung,  nach  welcher  jede  Wöchne- 
rin mit  einem  besonderen,  zum  Bette  gehörigen  Schwämme  gereinigt 
und  mit  ihrem  eigenen  Handtuche  abgetrocknet  weiden  .sollte,  wieder 
eingeführt  wurde. 

§  196.  Im  Februar  und  März  1833  beobachtete  Hodge  das  Kind- 
bettfieber im  Peusylvanian-Hospitale  zu  Philadelphia.  Von  8  Fällen 
Helen  5  tödtlich  ab.    Sectionen  wurden  gemacht 

§  197.  Im  Jahre  1831,  1832,  1833  herrschte  im  Wiener  Gehär- 
hause  eine  Kindbettfieber-Epidemie. 

1831      WütrlineriMien  3353.      Todte  222  =  (1,62  Percemt  oder  1  von  15  <*/„,. 
1838  „  3331  .      105  =  3.15        „  „     1     „    31:iV10s. 

1833  „  3907  ..      806=6,25       „         ..     1    .,    l'.!"(Ma. 

§  198.  Im  Wiener  Gebärhause  herrschte  das  Kindbettfieber  auch 
1834,  Wöchnerinnen  4218  (beide  Abtheilungen  summirO,  Tudte 
355  =  8,417„  oder  1  von  ll3,a/8,,. 

?•  199.  Im  Jahre  1834  starben  in  dem  neuen  Gebärhause  zu 
Dublin  von  9  Erkrankten  3.  Auch  in  der  Maternite  zu  Paris  wurde 
eine  Kindbettfieber- Epidemie  in  diesem  Jahre  beobachtet. 

§  200.  Im  Jahre  1834  herrschte  das  Kindbettfieber  in  Bamberg, 
BOWOfl]  tan  Gebärhause,  als  in  der  Stadt.  Von  13  Befallenen  starben  9. 
Sectionen  wurden  gemacht. 

§  201.  In  diesem  §  wird  von  einem  epidemischen  Gallenfieber 
gesprochen,  welches  auch  die  Wöchnerinnen  befiel. 

§  202.  In  den  Jahren  1833  bis  1835  starben  im  Prager  Gebär- 
hause  110  Wöchnerinen  am  Kindbettfieber. 

g  203.  Vom  September  1834  bis  zum  März  1835  und  im  Winter 
1835 — 36  beobachtete  Michaelis  eine  Kindbettheber-Epidemie  in  Kiel. 
In  der  ersten  Epidemie  .starben  12  Wöchnerinnen. 

§  204.  Fergusson  in  London  verlor  um  dieselbe  Zeit  von  70  Er- 
krankten 23  im  Spitale. 

?  205.  Im  März  1835  erschien  das  Kindbettfieber  in  dem  Ent- 
bindungshause  zu  Hannover.     9  Sectionen  winden  gemacht. 

s,  206.  Im  März  desselben  Jahres  starben  im  Entbindungshause 
zn  Göttingen  3  Wöchnerinnen,  Auch  in  München  zeigte  sich  das 
Kindbettfieber. 

§  207.  Im  Herbste  desselben  Jahres  erschien  das  Sindbettfieber 
im  Gebärhause  zu  Würzburg.  Von  10  Erkrankten  starben  4.  Sectionen 
wurden  gemacht. 


504 


Semmelweis'  Abhandlung«!  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


ij  308.     1836    wurden    in  Wien    4144   Wöchnerinnen     verpflegt 
831  starben,  also  7,08%  oder  1  von  12"" fW|. 

g  900.     Im  Jahre  1833  herrschte  das  Kindbettfieber  in  Birmingham. 


In    der    ganzen    Zeil 
sowohl   in  der  Stadt,  als 
Verwundeten    demselben 

als  identisch   und   theüt 


Von    26    schwei'    Erkrankten   starben    18, 
obachtete  iiui.li  das  Krysipelas    sehr  häufig, 
in    den    Spitälern,    namentlich    waren    alle 
ausgesetzt. 

Ingleby  betrachtet  beide  Krankheiten 
eine  Reihe  von  Fällen  mit.  wo  nach  seiner  Meinung  Aerzte,  die  nn- 
mittelbar  von  Erysipelas-K ranken  zu  Kreissenden  oder  Wöchnerinnen 
gingen,  Veranlassung  wurden,  dam  diese  am  Kindbettfieber  erkrankten. 
Aeln    I. eichen  wurden  tecilt 

£  210.     In   der    Rotunda    in   Dublin    wurden    im    Jahre 
isla  Wöchnerinnen  verpflegt.    36  starben:  1,98%  oder  1  von  50 
1887  starben   von   ISH.'i   verpflegten  Wöchnerinnen   24  =  1,30%   oder 
1  von  76%,. 

§  211."  Sidey  verlor  im  Jahre  1837  in  Edinburg  von  5  am  Kind- 
bett lieber   erkrankten  Wöchnerinnen  4.      Sectionen    wurden    gemacht. 

S  212.    Im  Jahre  1837  starben  im  Entbiudungshanse  zu  Dr» 
13  Wöchnerinnen  an  Kindbettfieber,     Auch  im  Gebärhause  zu  YViirz- 
burg  wurden  mehrere  Fälle  von  Kindbettfieber  beobachtet. 

g  213.  Im  Winter  1837 — 38  herrschte  eine  Kindbettfieber- 
Epidemie  in  Greifswald;  von  28  Erkrankten  starben  8,  5  wurden  secirt. 

§  214.  Im  Jahre  1838  beobachtete  Fergusson  eine  Kindbettfieber- 
Epidemie  in  London;  von  2»i  Erkrankten  starben  20.  Sectionen 
winden  gemacht 

g  2  Co,  Im  Jahre  1838  erschien  das  Kindbettfieber  wieder  im 
Gebär  hause  zu  Dresden.  Von  24  Erkrankten  starben  7.  Sectionen 
wurden  gemacht. 

§  216.  Im  Jahre  t838  starben  im  Gebärhause  zu  Stockholm 
6  Wöchnerinnen  am  Kindbettfieber. 

g  217.  Im  Jahre  1838  beobachtete  Voillemir  eine  Kindbettfieber- 
Epidemie  in  dem  Hospitale  der  Klinik  zu  Paris.  32  Sectionen  wurden 
gemacht. 

§  218.    Im  Jahre  1838  herrschte  das  Kindbettfieber  epiden 
im  Gebärhause  zu  Prag.    Von  138  Erkrankten  starben  29. 

g  219.  Im  Jahre  1839  erschien  das  Kindbettfieber  im  Ent- 
bindungs-Institute zu  Dresden.  Von  24  schwer  Erkrankten  starben  15. 
Sectionen  wurden  gemacht. 

g  22<L  1840  herrschte  das  Kindbettfieber  im  Hötel-Dieu  zn 
Paris,     Sectionen  wurden  gemacht 

g  221.  L640  herrschte  das  Kindbettfieber  in  Kopenhagen,  in  Prag, 
von  73  Ergriffenen  starben  16.  In  Würzburg  fand  man  bei  2  Sectionen 
üfetrophlebitift 

g  222.  Im  Jahre  1840  herrschte  das  Kindbettfieber  in  der  Ent- 
bindungsanstalt der  Universität  in  Berlin.  Von  10  Befallenen  wurde 
nur  eine  gerettet  Auch  in  der  geburtshilflichen  Abtheilung  der 
C&arite  kam  dae  Kindbettfieber  vor. 

|  823.  Im  Jahre  1S40  starben  an  der  L  Gebärklinik  zu  Wien 
von  2889  verpflegten  Wöchnerinnen  267  =  9224%  oder  1  von  10"%§: 

v>  DebneriBnen. 

_4.    Im  Jahre  1841  erschien  das  Kindbettfieber  im  Gebärhause 
zu  Halle.     Von  11  Verstorbenen  wurden  9  secirt. 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


505 


m 


Leser  sieht,  wie  kleinlich  sich  diese  von  Litzmann  aufge- 
zählten Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien  ausnehmen,  im  Vergleiche 
mit  den  grossartigen  Leistungen  der  Gebrüder  Braun  in  der  Ver- 
tilgung des  gebärenden  Geschlechtes  und  der  noch  nngebornen  Kinder. 

Das  Jahr  1840  der  I.  GeMrklinik  zu  Wien  nnd  das  HOtel-Dieu 
und  die  Maternite  in  Paris  ausgenommen,  stehen  die  übrigen  Pseudo- 
Kindbettfieber-Epidemien  weit  hinter  der  Sterblichkeit  des  Jahres 
1854  zurit.  k 

Vom  Wiener  Gebärhause,  habe  ich  nachgewiesen,  vom  Hötel-Dieu 
und  v<>n  der  Maternite  hat  die  eben  angeführte  Geschichte  des  Kind- 
bettfiebers nachgewiesen,  dass  die  Ursache  der  Kindbettfieber  ein 
zersetzter  thierisch-urganischer  Stoff  sei,  welcher  in  der  überwiegend 
grössten  Mehrzahl  der  Fälle  den  Individuen  nach  Aussen  beigebracht, 
und  wenn  dieser  zersetzte  thierisch-organische  Stoft"  sieben  Jahre  nach 
Entdeckung  der  Lehre,  wie  dieser  zersetzte  thierisch-organische  Stoff 
unschädlich  zu  machen  sei,  noch  solche  Verheerungen  in  Wien  an- 
richtet, so  kann  der  Leser  daraus  entnehmen,  welch  schwere  Verant- 
wortung auf  den  Gebrüdern  Braun  lastet. 

Die  Sterblichkeit  des  Jahres  1854  kann  mit  der  Sterblichkeit  des 
Hotel-Dieu  nicht  verglichen  werden,  weil  die  Zahl  der  Wöchnerinnen 
d  der  Todesfälle  des  Hotel-Dieu  nicht  angegebeu  ist. 

Im  §  95  wird  uur  gesagt,  dass  die  Sterblichkeit  unter  den  Neu- 
entbundenen sehr  gross  gewesen  sei,  und  dass  sich  besonders  das 
Jahr  1664  verheerend  zeigte. 

Im  §  99  wild  gesagt,  dass  1740  das  Kindbettfieber  im  Hötel-Dieu 
herrschte,  und  im  Februar  von  20  Erkrankten  kaum  eine  gerettet 
wurde. 

Im  §  109  wird  gesagt,  dass  vom  Jahre  1774  bis  1786  das  Kind- 
bettfieber im  Hotel-Dieu  herrsehte,  und  dass  zu  manchen  Zeiten  von 
12  Wöchnerinnen  7  von  dieser  furchtbaren  Krankheit  befallen  wurden. 

Im  §  110  wird   das  Hötel-Dieu   die  Wiege   und   Herberge   des 
dbettfiebers  genannt. 

Im  §  140  wird  gesagt,  dass  1808  im  Hötel-Dieu  vom  19.  Februar 
bis  20.  März  von  39  Erkrankten  36  starben.  In  der  ersten  Hälfte 
des  Jahres  1811  starben  von  25  Erkrankten  23. 

Im  §  220  wird  gesagt,  dass  im  Jahre  1840  das  Kindbettfieber  im 

1-Dieu  herrschte.    5  Sectionen  wurden  gemacht. 

Die  Sterblichkeit  des  Jahres  1854  kann  mit  der  Sterblichkeit  in 
der  Maternite  verglichen  werden,  weil  wir  aus  der  Maternite  Zahlen- 
rapporte besitzen. 

Im  §  140  wird  gesagt,  dass  vom  9.  December  1797  bis  zum 
31.  Mai  1809,  also  in  einem  Zeiträume  von  11  Jahren  und  6  Monaten 
in  der  Maternite  17,308  Wöchnerinnen  verpflegt  wurden,  von  welchen 
700  starben,  also  4,04"/0  oder  1  von  24ßl)S/,0(,  Wöchnerinnen.  In  den 
5  Jahren  von  1803  bis  1808  wurden  verpflegt  9645  Wöchnerinnen, 
414  starben,  also  4,29%  oder  1  von  23lia/41l  Wöchnerinnen;  wenn 
wir  diese  5  Jahre  von  den  11  Jahren  und  6  Monaten  abziehen,  so 
wurden  in  den  bleibenden  6  Jahren  und  6  Monaten  7663  Wöchnerinnen 
verpflegt,  gestorben  sind  28ö  =  3,73°/0  oder  1  von  26M,/iBe  Wöch- 
nerinnen . 

Im  §  186  wird  gesagt,  dass  das  Kimlhettfieber  in  der  Maternite 
im  Jahre  1829  grosse  Verwüstungen  anrichtete.  Von  2788  Wöchnerinnen 
starben  252  =  9,03°/0  oder  1  von  11]%.V;  Wöchnerinnen. 


bis  2 
des  . 

Höte 

I 


506  Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  ober  das  Kindbettfieber. 

Im  §  187  wird  jresagt,  dass  im  Jahre  1830  von  2693  in  der 
tfateraite  Verpflegten  122  starben  =  4,45%  oder  1  ton  2B%SS 
Wirlinei  innen. 

Wenn  wir  uns  um  Kindbettfieber-Epidemien  umsehen,  welche  von 
Litzmann  nicht  erwähnt  wurden,  so  finden  wir  in  den  105  Jahren 
lies  Wiener  Gehärhauses  bis  zum  letzten  Deeembttr  1860.  beide  Ab- 
teilungen genommen,  in  der  Zeit  vor  Einführung  der  Chlorwaschungen 
zwei  Jahre,  in  welchen  die  Sterblichkeit  noch  grösser  war  als  im 
Jahre  1854. 

1848      Wöchnerinnen  4010,      Todte  459=11,4  Percent  oder  1  von  8m!w 
im  „  3287  „      518  =  16,8         „  ,      I     ,     6  ™M 

Innerhalb  der  306  Jahre,  von  welchen  wir  die  Rapporte  aus 
Grossbritannien  besitzen,  kommt  ein  Jahr  vorT  in  welchem  die  Sterb- 
lichkeit gleich  war  der  Sterblichkeit  des  Jahres  1854;  in  zwei  Jahren 
war  die  Sterblichkeit  grösser. 

Queen  Charlotte's  Lying  in  Hospital. 
1849    Wöchnerinnen  161,    Todte  16  =  9,93  Percent  oder  1  von  10  '/,»  Wöchnerinnen 

General  Lying  in  Hospital. 

1841  Wöchnerinnen  117,    Todte  15=12,s_'  IVrrent  oder  1  von  7 "%(  Wöchnerinnen 
1838  „  71         „       19  =  26,76         „  „     1     „    3»/,, 

\<>m  Piager  Gebärhanse  besitzen  wir  die  Jahres-Rapporte  beide) 
Abtheilungeti  vom  1.  Jänner  1855  bis  letzten  December  1800.  also 
von  6  Jahren;  in  einem  Jahre  war  die  Sterblichkeit  gleich;  in  zwei 
Jahren  war  die  Sterblichkeit  grösser  als  im  Wiener  Gebärhause  im 
Jahre  1854. 

Klinik  für  Hebammen.    Prof.  Dr.  Job.  Streng. 

1858  Wöchnerinnen  1033,  Todte  135  =  13,07  Prct.  oder  1  von  7"/,„  Wöchnerinnen 

Klinik  für  Aerzte.     Prof.  Dr.  Bernard  Seyfert. 

1859  Wöchnerinnen  1915,   Todte  175=   9,24  Prct.   oder    1  von  1018%71l  Wöchner. 
WS8  „  tffft        „      204  =,10,71)     .,         „      1     „      B* 

Wenn  wir  die  grössten  Sterblichkeiten  aneinander  reihen,  so  giebt 
das  folgende  Tabelle: 

Klinik  für  Aerzte  in  Wien. 

1842  Wöchnerinnen  3287,   Todte  518  =  15,80  Percent  oder  1  von  fi  "■/„,  Wochner. 
Ug6               „            4010        „      459  =  11.40        „          „    1     „      8»*Vm        . 
1854               „            4393        „      400=  9,10       „          „    1     „  10»»/40o        „ 

1840  „  2889        „       267=    9,24         „  „    1     „     10»'%B7         B 

General  Lying  in  Hospital. 
1838     Wöchnerinnen  71    Todte  19  =  26,76  Percent  oder  1  von  3,4/18  Wöchnerinnen 

Klinik  für  Hebammen.    Prag. 
1858    Wöchnerinnen  1033,  Todte  135=  13,07  l'ni    oder  1  von  7W/Ita  Wöchnerinnen 

General  Lying  in  Hospital. 

1841  Wöchnerinnen  117,  Todte  15  =  12,82  Percent  oder  1  von  7  ls/,6  Wöchnerinnen 

Klinik  für  Aerzte.    Prag. 

1858  Wöchnerinnen  1905,  Todte  204  =  10,70  Prct,  oder  t  von  9  '«%t  WOchuerinuen 

1859  „  1915       „      175=   9,24     .         „    1     „  10*«/,„  m 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


507 


Queen  Charlotte's  Lying  in  Hospital. 
1849    Wöchnerinnen  161.   Todte  16  =  9,90  Percent  oder  1  von  lO'.-t«  WiJchiie rinnen 

Maternite  in  Paris. 


189  Wr-cbner.  8788, 

ihhh  3688 

1803—8  9646 

1797— 1809  „      17,308 
1797—1809 

:rlii;i'i<H-li]ii-f 

1803—1808  Wöchnerinnen  7663,  Todte  286 


Todte  252  =  9.03  Prcr.  oder  1  von  tl"\.v,  Wöchnar. 

„      122  =  4.45       ..         ,  1     „     [»•/,« 

„      414  =  4.29       „         „  1     ..     23  »\„         .. 

„      700  =  4,04       _         .  1      ..     i'l-:tl„         „ 


■3.73  Perceut  oder  1    «OB 


T 


Diese  Tabelle  beweiset,  dass  die  grösste  Sterblichkeit,  seit  es 
Pseudo-Kindbetttieber-Epidemien  giebt,  sich  an  der  Klinik  für  .V 
zu  Wien  im  Jahre  1842  ereignete;  es  starb  eine  Wöchnerin  roo  sechs 
Wöchnerinnen.  Und  wenn  auch  im  General  Lying  in  Hospital  im 
Jahre  1838  von  71  Wöchnerinnen  19  starben,  folglich  1  von  3,  so  igt 
doch  in  Anbetracht,  dass  an  der  Klinik  für  Aerzte  3216  Wöchnerinnen 
mehr  verpflegt,  wurden,  die  Sterblichkeit  an  der  Klinik  für  Aerzte 
bedeutend  grösser  gewesen. 

Die  Sterblichkeit  des  Jahres  1854  an  der  Klinik  für  Aerzte  zu 
Wien,  eine  von  10  Wöchnerinnen,  sieben  Jahre  nach  Entdeckung  der 
Lehre,  wie  eine  solche  Sterblichkeit  abzuschaffen  sei,  ist  die  drin 
grösste  Sterblichkeit,  seit  es  Pseudo-Kindbettfieber- Epidemien  gibt. 

Im  General  Lying  in  Huspital  starb  im  Jahre  1888  1  von  3  Win  li- 
nerinnen: aber  in  diesem  Gebärhanse  wurden  4322  Wöchnerinnen 
weniger  verpflegt. 

In  der  Klinik  für  Hebammen  zu  Prag  starb  im  Jahre  1858 
1  von  7  Wöchnerinnen.  Aber  es  wurden  3360  Wöchnerinnen  weniger 
verpflegt. 

Im  General  Lying  in  Hospital  starb  1841  1  von  7  Wöchnerinnen ; 
aber  es  wurden  4276  Wöchnerinnen  weniger  verpflegt. 

An   der  Klinik  für  Aerzte   zu  Prag  starb   im  Jahre  1858  1  von 

0  Wöchnerinnen;  aber  es  wurden  2488  Wöchnerinnen  weniger  ver- 
pflegt. 

Im  Queen   Charlotte's  Lying   in  Hospital   starb  im  Jahre  1849 

1  von  10  Wöchnerinnen;  aber  es  wurden  4232  Wöchnerinnen  weniger 
verpflegt. 

An  der  Klinik  für  Aerzte  zu  Prag  starb  im  Jahre  1859  1  von 
10  Wöchnerinnen;  aber  es  wurden  2378  Wöchnerinnen  weniger 
erpflegt 

An  der  Klinik  für  Aerzte  zu  Wien  starb  im  Jahre  1840  l  von 
10  Wöchnerinnen;  aber  es  wurden  1503  Wöchnerinnen  weniger 
verpflegt. 

Scanzoni  hat  bekanntlich  8000  Geburten  in  Prag  beobachtet:  von 
2721  Wöchnerinnen  starben  8fi  am  Kindbettfieber.  Von  5207  Wöch- 
nerinnen starben  so  viele  am  Kindbettfieber,  dass  Scanzoni, "obwohl 
er  eilf  verschiedene  Species  von  Kindbettfieber  hat,  er  dennoch  biofi 
an  Endometritis  hunderte  von  Wöchnerinnen  erfolglos  behandelte,  so 
wie  Scanzoni  hunderten  von  Sectionen  verstorbener  Wöchnerinnen 
beizuwohnen  Gelegenheit  hatte.  Ich  bedauere  aufrichtig,  dass  Scan- 
zoni uns  nicht  ziftermässig  die  Zahl  der  am  Kindbettfieber  Verstorbenen 
mittheilte:  vielleicht  hätte  ich  dann  sagen  können:  die  grösste  Sterb- 
lichkeit   am    Kindbettfieber,  seit   es  Pseudo-Kindbettfieber-Epideinien 


508 


Senraelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


giebt,  ereignete  sich  an  der  Klinik  für  Aerzte  zu  Prag-,  zur  Zeit,  als 
Scanzoni  dort  als  Lebensretter  wirkte. 

Mit  der  tfritt  grössten  Sterblichkeit,  seit  es  Pseudo-Kindbettfiebt  i  - 
Epidemien  giebt,  unter  Gustav  Braun,  im  Jahre  1K54  sieben  .Talire 
nach  Entdeckimg  der  Lehre,  wie  diese  Pseudo-Kindbettfieber-Epide- 
mien  abzuschaffen  seien,  ist  das  Dsglttck  immer  noch  nicht  abge- 
BchloBsen.  welches  die  Unredlichkeit  Carl  Braun's  dadurch  über 
WÖi  hnerinnen  der  I.  Klinik  bringt,  dass  er  gegen  seine  bessere  I  Über- 
zeugung seinen  »Schülern  gegenüber  gegen  meine  Lehre  spricht. 

Im  Herbste  des  Jahres  1861,  also  im  fünfzehnten  Jahre  nach 
Entdeckimg  der  Lehre,  wie  die  Pseudo-Kindbettfieber-Epideinieii 
zuschaffen  seien,  herrschte  wieder  an  der  1,  Klinik  eine  Pseudo-Kind- 
bettfieber-Epidemie,  welche  die  Wöchnerinnen  in  Aufsehen  erregender 
Anzahl  dahinraffte.  Während  ich  in  diesem  Schuljahre,  einen  Todes- 
fall in  Folge  von  Eclampsie  abgerechnet  und  abgerechnet  einige  Wöch- 
nerinnen, welche  an  vierundzwanzig  bis  sechsunddreissii:  stündiger 
Geiassaiiregung  litten,  keine  einzige  am  Kindbettfieber  leidende  Wöch- 
nerin hatte,  folglich  auch  keine  am  Kindbettfieber  versturbene  \\  i<  h- 
nerin  zu  beklagen  habe. 

l);izu  kommt  noch,  dass  die  Schüler  des  Hofrath  Oppolzer  s  mit 
äusserst  gefährlichen  Irrthümern  über  das  Kindbettlieber  die  I.  Klinik 
betreten. 

In  der  ersten  Nummer  der  Spitals-Zeitnng  1862  lässt  der  Dr.  R. 
Referent  in  einem  Vortrage  über  Kindbetttieber  den  Hofrath  Oppolzer 
folgendes  sagen:  „Das  Wesentliche  des  Puerperalfiebers  besteht  in 
einer  durch  meist  unbekannte  Einflüsse  bewirkten  chemischen  und 
mikroskopischen  Veränderung  des  Blutes  etc.  etc.*'  Es  üben  jetzt. 
1074  .Schülerinnen  von  mir  die  geburtshilfliche  Praxis  als  Hebammen 
in  Ungarn  ans;  es  wissen  daher  die  Hebammen  in  den  entlegensten 
Dörfern  Ungarns,  dass  jeder  Fall  von  Kindbettheher  durch  die  Re- 
sorption eines  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes  entstehe,  welcher 
zersetzte  thierisch-organische  Stoff  die  chemische  und  mikroskopische 
Veränderung  des  Blutes  bewirkt,  Hofrath  Oppolzer  in  Wien  weiss 
das  aber  nicht.  Sollte  damit  vielleicht  Prof.  Braun  von  der  schweren 
Verantwortung,  welche  auf  ihm  lastet,  befreit  werden,  so  wird  das 
Hofrath  Oppolzer  nicht  gelingen.  Solch  ein  scandalöser  Aussprurh 
dient  nur  dazu,  Hofrath  Oppolzer  zum  Mitschuldigen  an  den  Leichm- 
haufen  zu  machen,  mit  welchen  die  I.  Gebär-Klinik  die  Todteiikannnei 
des  allgemeinen  Krankenhauses  so  dicht  bevölkert. 

Carl  Braitfl  sah  sich  veranlasst,  einen  Bericht  über  die  herrschende 
Pseudo-Kindbetttieber-Epidemie  an  die  Krankenhaus-Direction  zu  er- 
statten. 

In  diesem  Bericht  hei><t  es : ')  Während  des  Monats  October  1861 
standen  65  Pnerperalfieberkranke  in  Behandlung,  wovon  50  in  der 
Zeit  von  8  Tagen  und  zwar  vom  22.  bis  Ende  October  erkrankten. 
Mit  1.  November  brachte  Carl  Braun  meinen  obersten  Grundsatz  der 
Verhütungslehre  des  Kindbettfiebers  „bringt  den  Individuen  keine 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoffe  von  Aussen  ein'%  dadurch  in 
Anwendung,  dasi  er  allen  Stndirenden  jede  Vaginalexploratäon  unter- 
sagte, dass  er  alle  Operationsübungscurse  der  geburtshilflichen  Do- 
centen  und  Assistenten  sistirte.  dass  er  Desinfektionsmittel  in  An- 


Oesterreicliisctje  ZeitMörift  für  practische  Heilkunde  Nr.  47 


'■fenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe. 


509 


wendung-  brachte,  um  die  Hände,  die  Luft  und  die  Utensilien  der 
Wöchnerinnen  zu  desinficiren.  Und  welch  guten  Erfolg  die  An- 
wendung:, in  dieser  Farm,  meines  obersten  Grundsatzes  der  Yer- 
hiitungslehre  des  Kindbettfiebers  „bringt  den  Individuen  keine  zer- 
setzten thierisch-organischen  Stoffe  vou  Aussen  ein,"  hatte,  geht  daraus 
hervor,  dass  Ferdinand  Silas,  welcher  aus  Paris  in  Wien  den  12.  No- 
vember 1861  eintrat  sagt:1)  „Während  dessen  hatte  aber  die  Epi- 
demie schon  nachgelassen,  und  konnten  daher  die  Räucherungen  mit 
dem  Rinimel'schen  Liquid  kein  wirklich  conclusives  Resultat  abgeben." 
Und  es  war  ein  Glück  für  Ferdinand  Silas,  dass  die  Pseudo-Kindbett- 
fieber-Epidemie  bei  seiner  Ankunft  in  Wien  den  12.  November  schon 
nachgelassen  hatte;  dem  Ferdinand  Silas  wäre  es  nicht  gelungen,  die 
Pseudo-Epidemie  aufholen  zu  machen,  weil  er  alles  räuchert  nur  die 
untersuchenden  Finger  nicht.  So  wie  Carl  Braun  füglich  alle  Yor- 
siehtsmassregeln  hatte  unterlassen  können,  nachdem  er  allen  Stu- 
nden jede  Yaginalexploration  untersagt  hatte,  und  die  Pseudo- 
Epidemie  hatte  ebenso  bald  aufgehört. 

Nach  Carl  Braun  beginnt  die  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie  wie 
alljährlich  im  Herbste,  dauert  den  ganzen  Winter  hindurch,  und 
endet  im  Frühjahre  mit  dem  Beginn  der  warmen  Jahreszeit  ohne 
eruirbare  Ursache.  Das  heisst:  Wie  alljährlich  beginnt  im  Herbste 
im  October  das  Schuljahr,  wo  die  Schüler  mit  frischem  Eifer  sich  mit 
Dingen  beschäftigen,  welche  ihre  Hände  mit  zersetzten  Stoffen  ver- 
unreinigen; das  dauert  den  ganzen  Winter  hindurch,  bis  im  Frühjahre 
mit.  Beginn  der  warmen  Jahreszeit,  die  Landpartien  der  Studenten 
beginnen,  und  mit  den  beginnenden  Landpartien  erkaltet  der  Eifer 
in  den  Beschäftigungen  mit  Dingen,  welche  die  Hand  mit  zersetzten 
thierisch-organischen  Stoffen  verunreinigen. 

Die  Ursache  des  alljährlichen  Beginnens  der  Pseudo-Epidemie 
im  Herbste  und  des  Fortdauern*  während  des  Winters  sind  die  im 
Herbste  beginnenden  und  im  Winter  fortdauernden  Beschäftigungen 
ier  Sohnler  nur  Dingen,  welche  ihre  Hände  mit  zersetzten  thierisch- 
ni  ■_anischen  Stoffen  verunreinigen,  und  die  nicht  eruirbare  Ursache, 
in  Folge  welcher  im  Frühjahre  mit  Beginn  der  warmen  Jahreszeit 
die  Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie  aufhört,  sind  die  Landpartien  der 
Studenten,  in  Folge  welcher  der  Fleiss  erkaltet. 

Im  I  i  iilijalire  lnui  die  Pseudo-Epidemie  auf,  weil  seltener  mit 
von  zersetzten  thierisch-organischen  Stoffen  verunreinigten  Fingern 
untersucht  wird.  Wenn  man  schon  im  November  alten  Stndireuden 
jede  Vaginalexploration  untersagt,  so  verhütet  man  schon  im  November 
die  Einbringung  zersetzter  thieriseh-organischer  Stoffe  von  Aussen 
in  die  Individuen,  und  in  Folge  dessen  wird  die  Pseudo-Kindbetth'eber- 
Epidemie  nicht  erst  im  Frühjahre  mit  Beginn  der  warmen  Jahreszeit, 
sondern  schon  im  November  aufhören. 

Trotzdem,  dass  Carl  Braun  meine  Lehre  mit  Erfolg  in  dieser 
Pseudo-Epidemie  beobachtete,  erlaubt  sich  Carl  Braun,  seiner  gewohnten 
Unredlichkeit  entsprechend,  Bemerkungen  gegen  meine  Lehre  in  dem 
Berichte  an  die  Krankenhaus-Direktion.  Dieser  Unglückliche  sagt: 
„2.  Alle  OperationsiibnngHcurse  der  geburtshilflichen  Docenten  und 
Assistenten  am  Cadaver  werden  vom  1. — 15.  November  sistirt.  Obwohl 
die  vierjährigen  Erfahrungen  zeigten,   dass  der   practische  Unterricht 


)  Wiener  medicinische  Wochenschrift  Nr.  48. 


510 


Senimelweis'  Abhandlungen  Und  Werk  Über  das  Kiudbetttieber. 


der  Mediän  als  eine  Ursache  vermehrter  Erkrankung  nicht  angesehen 
werden  konnte,  so  hielt  der  Vorstand  der  Klinik  doch  diese  versieht 
für  nüthig." 

...i.  Obwohl  verdünnte  Lösungen  von  Chlorkalk  in  offenen 
Gtefftasen  von  Autoritäten  in  der  Chemie  für  unpassend  zur  Zerstörung 
organischer  Stoffe  und  des  üblen  Geruches  angesehen  werden,  und 
ihre  p rac tische  Unwirksamkeit  in  Wien  1854  Bö,  so  wie  an  anderen 
Universitäten  erwiesen,  so  wurde  dasselbe  dennnch  in  die  Wj 
hecken  gebracht.*" 

Im  Jahre  1848  benutzte  ich  verdünnte  Losungen  von  Chlorkalk 
in  offenen  Gefössen;  es  starben  45  Wöchnerinnen  von  355«.  Wöchnerinnen, 
also  1,27%  oder  1  von  7'J1  , .  Wöchnerinnen.  Im  .lahre  ls.il  .starben 
400  Wöchnerinnen  von  4393  Wöchnerinnen,  also  9,10  °/'0  oder^l  von 
fflmL Wöchnerinnen, 

Im  Jahre  1855  starben  198  Wöchnerinnen  von  3659  Wöchnerinnen, 
also  6,41%  oder  1  von  18"*/',M  Wöchnerinnen. 

ist  die  grössere  Sterblichkeit  der  Jahre  1854  und  55  im  Ver- 
gleiche zum  Jahre  1848  der  Unwirksamkeit  des  Chlor's  oder  der 
Unredlichkeit  Gustav  Braun's  zuzuschreiben,  welcher  durch  seine 
Bemerkungen  gegen  die  Chlorwaschungen  die  Schüler  verhinderte. 
sieh  gewissenhaft  zu  waschen?  Carl  Braun  sagt:  „Trotz  aller  dieser 
obenangeführten  ausserordentlichen  Massregeln  erkrankten  vom  1.  bis 
15.  November  von  253  verpflegten  Wöchnerinnen  neuerdings  48.- 
Und  damit  glaubt  Carl  Braun  bewiesen  zu  haben,  dass  die  oben- 
angeführten, meiner  Lehre  entnommenen  ausserordentlichen  M 
regeln  erfolglos  geblieben  seien;  aber  dieser  schlechte  Mensch  ignorirt, 
dass  die  48  Wöchnerinnen,  welche  im  November  erkrankten,  im 
October  infleirt  wurden,  wo  die  obenangeführten  ausserordentlichen 
Massregeln  noch  keine  Anwendung  fanden;  am  12.  November  konnte 
ja  Ferdinand  SUas  das  Rimmel'sche  Liquid  nicht  mehr  in  Anwendung 
bringen,  weil  die  Epidemie  schon  nachgelassen. 

Die  Kedaction  der  „Oesterreichisehen  Zeitschrift  für  praktische 
Heilkunde",  worunter  Prof.  Patruban  zu  verstehen  ist,  macht  zu  dem 
Berichte  Carl  Braun's  an  die  Krankenhaus  -  Direction  folgende  An- 
merkung: „Wir  hielten  es  für  zeitgemäss,  über  den  Gang  dieser 
Epidemie  sogleich  zu  berichten,  einerseits,  um  argen  Gerüchten  vi- 
zu beugen,  andererseits,  um  aus  den  von  dem  würdigen  Vorstande  der 
I.  Klinik  getroffenen,  höchst  lobenswerthen  Vorsichtsmassregeln  zu 
beweisen,  welch1  argen  Täuschungen  sich  Prof.  Semmelweis  in  Pest 
bezüglich  der  Unfehlbarkeit  seiner  Praeservative  hingegeben,  und 
es  durchaus  nicht  an  der  Zeit  war,  jene  zwei  berüchtigten  Send- 
schreiben auszustreuen,  deren  Inhalt  den  Verfasser  selbst  gerichtet  hat.* 

Der  Leser  sieht,  dass  Carl  Braun  dadurch  den  Prot  Patruban  in 
Betreff  der  Unfehlbarkeit  meiner  Praeservative  täuschte,  dass  er 
sagte:  t, Trotz  aller  dieser  obenangeführten  ausserordentlichen  Mass- 
regeln erkrankten  vom  1.  bis  15.  November  von  253  verpflegten 
Wöchnerinnen  neuerdings  48."  Dass  diese  48  Wöchnerinnen  im 
October  infleirt  wurden,  und  im  November  erkrankten,  sagt  Carl 
Braun  nicht,  und  Ferdinand  Silas  sagt,  dass  am  12.  November  die 
Epidemie  schon  nachgelassen  hatte,  zum  unumstosslichen  Beweise  der 
Unfehlbarkeit  meiner  Praeservativen ,  um  Pseudo  -  Kiudbettfieber- 
Epidemien  zu  verhüten,  oder  auch  schon  herrschende  Pseudo-Kind- 
bettfieber-Epidemien  zu  Unterdrückern    Die  arge  Täuschung  in  Betreff 


Die  offenen  Briefe  an  Professoren  der  Geburtshilfe.  511 

der  Unfehlbarkeit  meiner  Praeservativen  ist  daher  nicht  auf  meiner 
Seite,  sondern  auf  Seite  des  Prof.  Patruban,  und  auf  Carl  Braun's 
Seite  ist  der  Betrug. 

Auch  der  Inhalt  der  beiden  berüchtigten  Sendschreiben  hat  nicht 
mich,  sondern  meine  Gegner  verurtheilt.  Im  Jahre  1854  sind  400 
Wöchnerinnen  ohne  Aufsehen  ins  Grab  gestiegen;  ich  habe  diese 
Sterblichkeit  erst  im  Jahre  1860,  als  ich  mir  die  betreffenden  Rapporte 
verschaffte,  erfahren.  Nach  dem  Erscheinen  meines  "Werkes,  und  nach 
der  Ausstreuung  jener  zwei  berüchtigten  Sendschreiben  machten  113 
Erkrankungen  vom  1.  October  bis  15.  November  1861,  von  welchen 
im  Gebärhause  48  starben,  schon  so  ein  Aufsehen,  dass  Carl  Braun 
sich  gezwungen  sah,  zu  meiner  Lehre  zu  flüchten,  und  wie  aufrichtig 
Carl  Braun  meine  Lehre  befolgte,  das  hatten  wir  eben  Gelegenheit 
zu  beweisen.  Solch  glänzende  Erfolge  beweisen  mir,  dass  ich  auf 
dem  richtigen  Wege  bin,  um  endlich  das  gebärende  Geschlecht  und 
die  ungeborene  Frucht  vor  einem  frühzeitigen,  verbrecherischen  Tode 
zu  bewahren;  solch  glänzende  Erfolge  legen  mir  die  Pflicht  auf,  auf 
diesem  Wege,  welchen  ich  betreten,  fortzuschreiten,  bis  ich  das  Ziel 
erreicht.  Uebrigens  hat  es  mich  nicht  überrascht,  dass  der  Schlepp- 
träger eines  Landolfi,  Prof.  Patruban,  von  Carl  Braun  getäuscht,  so 
stupide  geurtheilt. 

(Fortsetzung  und  Schluss  folgt*).) 
*)  [Nicht  erschienen.    Der  Heraasgeber.] 


Der  Verein  St.  Petersburger  Aerzte  über  die  Aetiolosie 
und  die   nronhylactiselie  Behandlung:  des  KindlMll- 

flebers. 

(i86a.) 


Hofrath  Dr.  Theodor  Hugenberger  seil.,  Professor  am  grossfürstli. -h 
Pawlowna  Helena  Hebammeninstitut  und  Geburtshelf'ei .  richtete  ans 
St.  Petersburg  am  4.  Juli  (24.  Juni)  folgenden  Brief  an  mich: 

Sehr  geehrter  (  ollega!  Hochzuverehrender  Herr  Professor!  leb 
bin  in  der  erfreulichen  Lage,  Ihnen  den  Braten  S'paratabdruck  meines 
kurzen  Aufsatzes  über  die  in  dem  grossfürstlich  Pawlowna  Helena 
Hebanimeninstitute  beobachteten  Puerperalfieberfälle  zu  senden,  den 
ich  in  unserer  Fachzeitung  jetzt  nur  als  Bruchstück  meiner  baldigst 
erscheinenden  grösseren  Abhandlung  veröffentliche.  Meine  Arbfit  war 
bereits  im  Entstehen,  als  ich  Ihr  entscheidendes  Werk:  ..Die  Aetio- 
logie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxe  des  Kindbettfiebers"  erhielt; 
ich  war  erfreut,  dass  meine  Beobachtungen  über  diesen  Gegenstand 
mit  Ihren  Ansichten  übereinstimmen  Gleichzeitig  will  ich  auf  Ihre 
Klage  hin.  dass  Sie  über  die  einschlägigen  Verhältnisse  in  Kussland 
nicht  gehörig  unterrichtet  seien,  Ihnen  mit  einigen  bescheidenen  Auf- 
klärungen dienen.  Da  Viele  das  gleichzeitige  Auftreten  der  soge- 
nannten Puerperalfieberepidemien  in  den  Gebärhäusern  und  in  der 
Stadt  epidemischen  Einflüssen  zuschreiben  wollten,  B 0  glaube  ich  diese 
langwierige  Debatte  dadurch  zum  Ende  zu  bringen,  dass  ich  die 
15  Jahren  innerhalb  der  Grenzen  unserer  Stadt  vorgekommenen  Fälle 
zusammenzurechnen  und  sie  mit  denen  der  grösseren  Geb&rhftuser 
zu  vergleichen  trachte.  Einer  oder  der  andere  der  voreingenommensten 
Geburtshelfer  war  in  der  Lage  innerhalb  desselben  Zeitraumes  mehr 
oder  weniger  Puerperal  fieberkranke  zu  behandeln,  ohne  dass  er  eine 
Epidemie  hätte  entdecken  können;  im  schlimmsten  Falle  konnte  er 
nur  die  durch  ihn  selbst  verursachten  Verhältnisse  beobachten;  und 
obwohl  ich  zu  Resultaten  gelangt  bin,  die  mit  ihren  Anschauungen 
nicht  in  jedem  Punkte  übereinstimmen,  so  werde  ich  zur  Ausgleichung 
der  verschiedenen  Meinungen  die  nüthigen  Begründungen  dafür  in 
meinem  Werke  beibringen. 

Aus  unseren  Verhandlungen  über  das  Puerperalfieber  werden 
geehrter  Collega,   ersehen,  wie  viele  Anhänger  Sie  im  fernen  Norden 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


513 


gefunden  haben  und  wie  sehr  namentlich  die  .lugend  Ihre  Partei 
nimmt  Es  ist  schon  hiedurch  Vieles  gewonnen,  denn  sie  vertritt  ja 
die  Zukunft  und  ihre  Neuerungen. 

Ich  hege  die  Absicht  im  künftigen  Sommer  die  deutschen,  franzö- 
BlBChef)  und  englischen  Geb&rhftoser  zu  besuchen,  mul  werde  die  Ge- 
legenheit nicht  versäumen  mich  bei  dieser  Gelegenheit  Ilineu  vorzu- 
stellen.   Mit  besonderer  Hochachtung  u,  s.  w. 

Hu  gen  berger. 


Der  im  vorstehenden  Schreiben  erwähnte  Separatabdruck  führt  den 
folgenden  Titel:  „Das  Puerperalfieber  im  St.  Petersburger  Hebammen- 
Institute  von  1845—1859.  mit  Bezugnahme  auf  gleichzeitige  Ver- 
hältnisse in  den  übrigen  Gebärhäusern  und  dem  Weichbilde  der  Stadt 
8t  Petersburg." 

Professor  Hugenberger  führt  in  dieser  seiner  Arbeit  den  Beweis, 
d;iss  YMii  1845  bis  1859,  also  wlihrend  15  Jahren  die  in  dem  Hebammen- 
Institute  beobachteten  Erkrankungen  und  Sterbefälle  an  Puerperal- 
fieber niemals  den  sogenannten  atmosphärischen,  cosmischen  oder 
tellurischen  Einflüssen,  sondern  in  allen  Fällen  dem  in  Folge  der 
pathologischen  Geburten  entstandenen  zersetzten  thierischen  Stoße  zu- 
zuschreiben sind. 

1.  1846  herrschte  das  Puerperalfieber  im  Frühling.  —  Es  begann 
im  März,  culminirte  im  Mai  und  endete  im  Juni.  Von  103  Wöchne- 
rinnen erkrankten  35.  also  fast  jede  3te;  es  starben  10,  also  circa 
jede  lOte.  Das  erste  böse  Auftreten  wurde  am  <>.  März  bei  einer 
älteren  Pirstgebärenden  beobachtet,  die  in  der  separaten  Abt  heil  niig 
des  im  Hofe  befindlichen  Häuschens  lag  und  nach  72  ständigem 
Kreissen  in  Fru>e  Anlegens  der  Zange  einen  Dammriss  erlitten  hatte. 
Pulpitis  und  Endometritis  septica  verliefen  wegen  eintretender  Gan- 
graen  der  hinteren  Scheidenwand  äusserst  langwierig,  nichtsdestoweniger 
genas  die  Patientin  glücklich.  Es  erkrankten  unterdessen  am  18. 
und  24.  März»  zwei  junge,  kräftige  Erstgebärende  nach  normalen  Ge- 
burten und  beide,  unterlagen  an  Metrophlebitü  und  P.vaemie.  Hierauf 
folgten  häufigere  Erkrankungen  nicht  nur  in  der  separaten  Abtheilung, 
sondern  auch  in  den  Abtheilungen  im  Hauptgebäude  des  Institutes. 
Es  gab  Tage,  wo  alle  in  der  Anstalt  befindlichen  Wöchnerinnen  mehr 
oder  weniger  erkrankten  und  gerade  die  allmählig  und  gelind  be- 
ginnenden Fälle  nahmen  den  traurigsten  Ausgang. 

Metroperitonitis  trat  in  14  Fällen  auf,  wovon  5  tödtlich  ver- 
liefen; bei  4  Wöchnerinnen  wurde  Metrophlebitis  beobachtet,  die 
3  todtete;  ausserdem  unterlag  an  Phlegmasia  alba  und  an  acuter 
Septichaemie  je  1  Kranke. 

2.  1848  herrschte  das  Puerperalfieber  im  Frühling  und  Herbst. 
Beginn  im  März,  Höhepunkt  im  Mai,  Abnahme  im  Juni  und  Juli; 
neuer  Beginn  im  August  und  September,  I  ulniination  im  October.  — 
Es  erkrankten  im  Frühling  von  98  Wöchnerinnen  20,  also  circa  jede 
5te,  davon  starben  8.  d.  h.  jede  12te.  Im  Herbst  erkrankten  von 
dfi  wvhnerinnen  19,  also  circa  jede  3te;  es  starben  10,  also 
jede  7te. 

Im  März  starb  eine  mit.  vereiterndem  Struma  behaftete  Mehr- 
gebärende an  Metrophlebitis,  und  sogleich  nach  ihr  nnterlag  eine 
andere  Erstgebärende,    bei    der   nach   längst  abgegangenem   Frucht- 

Semmelwei»'  gesammelte  Werke.  33 


514 


Semraelweis'  Abb  and  langen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


wasser  wegen  Querlage  Wendung'  gemacht  werden  omsste,  an  Metro- 
Peritonitis.  Danach  häuften  sich  (im  April  i  die  Erkrankungen  immer 
mehr  und  culminirten  im  Mai,  wo  sich  das  Puerperalfieber  mit  dm-  eben 
epidemisch  auftretenden  Cholera  complicirte.  —  Das  adynami 
Stadium  des  Puerperalfiebers  wurde  nunmehr  kaum,  in  den  meisten 
Fällen  sogar  überhaupt  nicht  mehr  von  der  Cholera  unterscbi« 
und  mehrfach  blieb  es  unbestimmbar,  welchem  von  beiden  Uebeln 
die  Kranken  zum  Opfer  fielen.  In  dieser  Zeit  wurden  in  Folge  durch 
Cholera  eingetretener  Uterusparalyse,  häufig  Zangenoperation  mi  aus- 
geführt. Bei  eingeschränkter  Aufnahme  verminderte  sich  zwar  die 
Zahl  der  Puerperalerkrankungen  im  Juni  und  Juli,  während  dei 
c'ulinination  der  Choleraepidenüe ;  sie  wuchs  jedoch  abermals  im  August 
und  September  —  als  die  Cholera  im  Abnehmen  begriffen  war  — , 
und  erreichte  im  October,  als  in  zwei  Fällen  von  Beckenenge  und 
Querlage  an  den  Genitalien  Gangraen  auftrat,  ihren  Gipfelpunkt 

Metroperitonitis  trat   in    15    Füllen   mit    8  Todesfällen    auf 
7  Wöchnerinnen   war  septische   und    gangraenose  Endometritis   vor- 
handen,  und   es  starben  5  davon.    In  Folge  von  Metrophlebitis    uud 
Pyaemie  erkrankten  5,  davon  unterlagen  4;   1  Todesfall  erfolgt- 
Phlegmasia  alba,  die  sich  mit  Cholera  complicirte.    Anfang  November 
wurde  die  Anstalt  geschlossen. 

3.  1849  herrschten  häufige  aber  nicht  intensive  Puerperalen* 

in  allen  4  Jahreszeiten.  Beginn  im  Jänner,  Kulmination  im  April, 
Nachlass  im  August  und  September;  neue  Incretion  im  October  und 
endliches  Erlöschen  im  November.  Es  erkrankten  von  292  Wöchne- 
rinnen 69,  d.  h.  jede  4te,  und  es  starben  11,  d.  h.  jede  27, 

Zur  häufigeren  Erkrankung  lieferten  nebst  den  causalen  Ursachen 
2  pathologische  Geburten  den  Grund.  Der  erste  dieser  I  alle  betraf 
eine  ältere,  mit  Interstitiellem  Fterustibioid  behaftete  Erstgebärende, 
die  nach  langwierigen  Geburtswehen  am  9.  Tage  des  Wochenbettes 
an  Metroperitonitis  zu  Grunde  ging.  Der  zweite  Fall  kam  bei  einer 
Wöchnerin  vor,  bei  der  —  nach  wiederholten  und  vergeblichen  Zangen- 
versuchen  —  wegen  Beckenenge  die  Kephalotripsie  vorgenommen 
wurde.  Diese  Frau  starb  an  septischer  Endometritis  und  Metrophlebitis. 

—  Unmittelbar  nach  diesen  pathologischen  Geburten  erkrankten   vom 
Janner  bis  zum  April  von  104  Wöchnerinnen  IT  und  starben  »»:  die 
in  dieser  Zeit  beobachteten  Erkrankungen  zeigten  eine  grösser«  Inten- 
sitit.  während  die  vom  Mai  bis  November  vorkommenden  Fälle  hau] 
waren,  so  dasü  von  188  Wöchnerinnen  52  erkrankten,  jedoeh  dam 
nur  5  Todesfälle  u'ezühlt  wurden. 

4.  1852  3  herrschte  das  Puerperalfieber  im  Frühling  und  Winter. 
Es  begann  im  März  und  dauerte  bis  zum  Juni,  im  Sommer  und  IT 
hörte  es  auf;  —  neuerdings  trat  es  im  November  auf  mit  Culmination 
im  .Jänner  und  endgültigen]  l.i  löschen  im  Februar.  In  der  Frühlings- 
hälfte  erkrankten  von  209  Wöchnerinnen  46,  also  jede  5te  und  starben 
7,  also  jede  30ste.  —  Von  1852  auf  1853  erkrankten  von  193  Wöch- 
nerinnen 46,  d.  h.  jede  4te.  und  starben  11,  d.  h.  jede  18te. 

Da  der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  1850  und  1851  ein 
günstiger  gewesen  war,  betrug  die  Sterblichkeit  in  beiden  Jahren  1,28 "/,; 

—  in  den  ersten  Tagen  des  März  1852  wurden  durch  eine  mit  Typhus 
abdominalis  und  durchaus    erschöpfenden  Durchfallen  behaftete  Mehr- 
gebärende neue  ungünstige  Verhältnisse  geschaffen,  da  sie  eim 
6  monatliche,  faule  Frucht  gebar   und    bald   darauf  an  Septichaemie 


Semmel  weis*  Abhandlungen  nud  Werk  über  das  Eindbettfieber. 


Ö15 


erlag.  Zwanzig  mehr  oder  weniger  intensive  Erkrankungen  folgten  diesem 
Falle;  das  erste  Opfer  fiel  im  April  und  zwar  in  Folge  von  Plaeenta 
praevia  und  Wendung  bei  gleichzeitiger  Beckenenge  und  Perforation. 
Im  Mai  dauerten  die  Erkrankungen  fort,  und  wurden  deren  insge- 
sammt  9  gezählt;  da  aber  Todesfalle  nicht  erfolgten,  so  schienen  sie 
weniger  bösartig,  als  die  im  Juni  auftretenden  17  Erkrankungen,  wo- 
von 4  tödtlichen  Ausgang  hatten.  Nach  erfolgter  Reinigung  der  Säle, 
der  Bettstätten,  des  Beutzeuges,  der  Instrumente  etc.  boten  der  Juli. 
August,  .September  und  October  recht  befriedigende  Verhältnisse;  erst 
am  2.  November  traten  die  Erkrankungen  wieder  bei  einer  Gebärenden 
auf,  bei  der  nach  91  stündiger  Dauer  der  Wehen  die  schwere  Geburt 
nur  mittelst  Zangeuoperation  beendet  werden  konnte.  Bei  dieser  Frau 
wurde  eine  langwierige  Pyaemie  mit  tellergrossen  gangraenösen  Decu- 
bitus am  Kreuzbein  beobachtet.  Obgleich  die  Kranke  sogleich  isolirt 
wurde,  so  niusste  ihr  dennoch  iimsoinehr  die  Schuld  der  nachfolgenden 
raschen  Verbreitung  des  Puerperalfiebers  gegeben  werden,  da  ihr 
langwieriges  Leiden  erst  nach  21  Tagen  mit  Tod  endete.  Diese  Frau 
rief  bei  4li  Wöchnerinnen  ein  Puerperalfieber  hervor,  dem  11  Individuen 
zum  Opfer  fielen. 

5.  1854  herrschte  das  Puerperalfieber  zu  Ende  des  .Sommers.  Beginn 
im  Juli,  Höhepunkt  im  August,  Erlöschen  im  September.  Von  17l'  Wöch- 
nerinnen  erkrankten  25,  circa  jede  7te,  und  starben  9,  mithin  jede  19  te. 

Der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  war  16  Monate  hin- 
b  ein  sehr  günstiger;  Ende  Juni  aber  erkrankte  eine  junge, 
kräftige  Erstgebärende  in  Folge  langwieriger  Verzögerung  des  Ge- 
burtsgeschäftes  an  Krampfwehen  und  starb  an  Metrophlebitis.  Dieser 
Todesfall  wurde  sodann  der  deutliche  Ausgangspunkt  der  Erkrankungen, 
deren  im  Juli  8,  im  August  12,  im  September  5  vorkamen;  von  diesen 
starben  im  Juli  2,  im  August  5,  im  September  2. 

6.  1855/6  herrschte  das  Puerperalfieber  am  heftigsten  im  Winter 
und  Frühling. 

Begiun  im  November  1855,  Höhepunkt  im  Jänner  und  Februar, 
Erlöschen  im  Mai  18513.  Von  322  Wöchnerinnen  erkrankten  ICH»,  mit- 
hin jede  3te,  und  starben  2B,  mithin  jede  13 te. 

Zn  Anfang  November  traten  zwei  Todesfälle  ein,  denen  sofort 
häufige  und  intensive  Erkrankungen  folgten.  Der  erste  Fall  trat  in 
Folge  viiii  durch  vernachlässigte  Querlage  verursachter  Uterusruptur 
ein.  der  zweite  in  Folge  septischer  Endometritis  nach  vorausge- 
gangener Metrorrhagie,  Im  Jänner  starb  neuerdings  eine  Wöchnerin 
;in  septischer  Endometritis  nach  vorangegangener  Metrorrhagie ;  dieser 
Fall  gab  wieder  zu  vielen  Erkrankungen  Anlass,  so  dass  der  Gesund- 
heitszustand der  Wöchnerinnen  erst  im  Mai  ein  befriedigender  wurde. 

7.  1858  9  herrschte  das  Puerperalfieber  im  Winter,  Sommer 
und  Herbst, 

Beginn  im  November  1858,  Steigerung  im  Janner,  rulmination 
im  Februar.  Erlöschen  im  März.    Hierauf  neue  Incretion  im  Juli 
Ende  im  November. 

Es  erkrankten  im  Winter  von  252  Wöchnerinnen  97,  mithin  jede 
2te  bis  3te,  und  starben  18,  mithin  jede  Ute.  —  Im  Sommer  und 
Herbst  erkrankten  von  277  Wöchnerinnen  sl,  d..  Ii.  jede  3te  bis  4te, 
es  starben  8,  rl.  h.  jede  34ste.  Im  Winter  gab  zu  den  Erkrankungen 
eine  ältere  Mehrgebärende  Anlass,  die  nach  lfi  ständigem  Kreissei] 
mit  meteoristisch  aufgetriebenem  Leibe  und  enormem  Oedem  der  massen- 

33* 


516 


Semmel  weis'  Abliaudlnugeu  und  Werk  über  das  Kindbett  lieber. 


hafte  Jauche  entleerenden  Genitalien,  moribund  in  die  Gebäranstalt 
gebracht  und  mit  der  Zange  von  einem  todten  Kind  entbunden  wurde. 
Zwei  Stunden  nach  der  Operation  starb  die  Patientin:  die  Seetion 
•■«itixtatirte  an  der  hintern  untern  Uteruswand  einen  8"  Langen  Rias, 
iler  in  eine  mit  .Tauche  gefüllte  Höhle  von  Kindskopfgrösse  führte. 
Die  Erkrankungen  im  Sommer  und  Herbst  wurden  durch  zwei  HO 
septischer  Endometritis  verstorbene  Wöchnerinnen  hervorgerufen. 

Im   lö jährigen  Zeiträume  von  1845  bis  1859  wurden   im 
ammm  Institute   8036  Wöchnerinnen   verpflegt;   von   diesen   starben 
-JMS.  ,1.  ii.  2,96%.  mithin  starb  1  Wöchnerin  von  S8tOT/jM.—  Wahrend 
der  mimlirlien  Zeit    wurden    in  der  Gebärabtheilung  des  Kaiserlichen 
Erziehungshauses    16011   Wöchnerinnen    verpflegt,    von    denen   826, 
d.  h.  ö.lö' ',,    starben;   mithin   starb    1    Wöchnerin   von    19*8%«5.  — 
Zwischen  L854— 1869,  also  während  6  Jahren,  wurden  an  der  gebu 
hilflichen    Klinik    der     8t  Petersburger     medicinischen    Akademie 
376  Wöchnerinnen  verpflegt;  von  diesen  starben  34  oder  9,04" „.  mithin 
starb  1  Wöchnerin  von  LI1  :;|.     Während   den    15  Jahren   wurden  an 
der  Gebärabtheilung  des  Kalinkin-Stadthospitales  1288  Wöchnerii 
verpflegt,  es  starben  20,  d.  h.  1.55"  0,  mithin  starb   1  Wöchnerin  von 

...  —  Während  denselben  Jahren  gebaren  in  der  Stadt  St.  Peters- 
burg 209682  Frauen;  von  diesen  starben  1403.  also  0,66%,  mithin 
starb  1  Wöchnerin  von  149mII0t. 

Professor  Hugenberger  stellte  zahlreiche  Monats-  und  Jahres* 
Ausweise  sowohl  über  die  in  den  4  Gebärhäusern  nls  auch  in  der  Stadt 
St.  Petersburg  beobachteten  Fälle  zusammen,  um  damit  den  Beweis 
zu  führen,  dass  das  Purperalfieber  nicht  durch  atmosphärische, 
tellurische  und  cosmische  Einflüsse  hervorgerufen  wird.  Ans  diesen 
Ausweisen  erhellt  auch,  dass  der  Gesundheitszustand  in  den  4  Gebar- 
hänsern  und  in  der  Stadt  selbst,  nicht  überall  und  nicht  zur  u;im- 
lichen  Zeit  ein  günstiger  oder  ungünstiger  war,  was  doch  unbedingt 
der  Fall  hätte  sein  müssen,  wenn  atmosphärische,  tellurische  oder 
cosmische  Einflüsse  Fisarhe  des  Puerperalfiebers  gewesen  wären. 

Ich  selbst  habe  einen  Ausweis  zusammengestellt,  worin  ich  nur  die 
jährliche  Sterblichkeit  berücksichtigte,  um  zu  zeigen,  wie  verschieden 
der  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  in  der  nämlichen  Zeit  einer- 
seits in  den  Gebärhäusern,  andrerseits  in  der  Stadt  selbst  war.  Es 
erhellt  aus  dem  nämlichen  Ausweis  auch,  um  wie  viel  seil  euer  ilas 
Puerperalfieber  ausserhalb  der  Gebärhäuser  vorkommt.   (S.Tab.  S. 517.] 


Professor  Hugenberger  verlas  seine  Arbeit  über  das  im  Hebammen- 
Institute  beobachtete  Puerperalfieber  am  7.  December  1861  in  der 
Sitzung  der  geburtshilflichen  Seetion  des  St.  Petersburger  Aerzte- 
vereins.  Nach  der  Vorlesung  entspann  sich  eine  Debatte  über  die 
Aetiologie  und  Prophylaxe  des  Puerperalfiebers,  welche  in  5  Sitzungen 
und  zwar  am  4.  Jänner,  1.  Februar,  1.  März,  5.  April  und  :;.  Mai  lsiVj 
fortgesetzt  wurde, 

Dr.  Grünewald,  die  Aetiologie  des  Puerperalfiebers  abhandelnd, 
vertritt  die  alleinige  Entstehung  desselben  durch  Infection.  „Die 
Ursache  der  Infection  ist  bei  gehöriger  Nachforschung  sowohl  in  der 
Spital-  wie  in  der  Privatpraxis  sicher  in  den  meisten  Fällen  nach- 
weisbar." Der  Redner  fordert  die  Anwesenden  auf,  einschlägige  Be- 
obachtungen mitzutheilen. 

Dr.  Brunn   erklärt   sich    gegen    die   Entstehung    des   Puerperal- 


Sf inuielweis'  Alili.^uilluiiyeii   ninl   Werk   ii bi;r    das   Ciudb6ttficbcr. 


517 


Im 

Im  Er- 

In  «1er  geburts- 

bili'l.  Klinik  der 
media    Aka- 
demie 

In    i 

abthi  ilnij 

In  der   sm.li 

Jahr 

Hebammen- 

IüStillH 

ziehnugs- 

banse 

Knlinkiu- 

Sl;iillli-i,|.i- 

t&let 

8t   Peters- 
burg 

1K4Ü 

2.36 

6.41 

8.18 

0,67 

1846 

4  7S 

4.05 

— 

0.00 

0.64 

1H47 

2.28 

2.28 

— 

l  .28 

0.86 

1848 

6.30 

4.67 

— 

0.00 

0.69 

lS-J'.l 

3.40 

5.8" 

— 

0.00 

1850 

2,85 

9.48 

— 

1851 

1.28 

— 

4.68 

0.71 

L8&2 

2.50 

S.27 

— 

1.28 

0.7S 

1853 

245 

B.80 

— 

1.86 

0.72 

IX'- 4 

2  17 

2.85 

8.70 

1.94 

0.64 

1865 

2.61 

4.28 

'■,.77 

0.78 

1856 

3.68 

8.06 

9.52 

n.77 

1867 

1.42 

5  22 

J    MS 

0.76 

1866 

2.47 

5.10 

8.33 

8  45 

0.86 

1859 

4.10 

5.3U 

15.(36 

0.72 

0.62 

2.96 

5,15 

9.04 

1.55 

0,66 

fiebere  durch  Infection  im  Allgemeinen,  obwohl  67  anerkennt,  dass 
die  Krankheit  auch  durch  verunreinigte  Bettwäsche.  Spritzen. 
Bchwämme  u.  b.  w.  erzeugt  und  weiterverbreitet  werden  kann.  \  or 
einigen  Jahren  befanden  sieb  in  der  Gebaranstalt  des  Erziehungs- 
hauses  mehrere  schwere  Puerperalkranke  und  namentlich  lagen  5 — 6 
in  einem  Zimmer;  und  obwohl  in  den  benachbarten  Zimmern  gesunde 
Wmhneriunen  lagen  und  die  Tliitr  des  Krankenzimmers  offen  war. 
erkrankte  von  diesen  doch  keine;  Dr.  Braun  behauptet,  dass  derartige 
Erfahrungen  öfters  gemacht  weiden. 


Wenn  Dr.  Brunn  sagt,  dass  von  den  Puerperalkranken  5—6  in 
einem  Zimmer  lagen,  und  mit  den  gesunden  Wöchnerinnen  durch 
offene  Thüren  communicirten,  und  dass  vou  den  Gesunden  in  den  be- 
nachbarten Zimmern  keine  das  Puerperalfieber  bekam,  so  beweist 
dies,  dass  sich  auch  bei  den  kranken  Wöchnerinnen  kein  zersetzter 
thierischer  Stoff  bildete  und  dass  in  diesem  Falle  die  Luft  nicht 
Träger  eines  zersetzten  thierischen 8tOfieB  war,  obwohl  sie  als  solcher 
dienen  kann,  wie  dies  der  im  Jahre  1847  in  Wien  auf  der  J  Eteb&r- 
abtheilung  beobachtete  Fall  eines  gangraenüsen  Knies  bewies.  Siehe 
mein  Werk  Seite  «30  Zeile  8») 


Dr.  Metzler  beobachtete  auf  der  Seyfert'schen  Klinik  Jahr  aus 
Jahr  ein  mehrere  derartige  Fälle,  wo  die  schwerkranken  Wöch- 
nerinnen von  den  gesunden  nicht  isolirt  wurden  und  dennoch  keine 
Infection  der  letzteren  durch  die  ersteren  erfolgte.  Dagegen  wurde 
es  hänfig  beobachtet,  dass  Alle  erkrankten,  die  an  demselben  Tage  ge- 
boren  hatten.     Während  Dr.  Metzlei*  in  Prag  war,   zeigte   sich   eine 

*)  [Seite  133  Zeile  1  von  unten.] 


51S 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


verbreitete  Epidemie  zuerst  in  den  Privftthausern,  nnd  dann  ei 
trat  sie  im  Gebärhause  auf.  Diese  Thatsachen  sprechen  nach  seiner 
Meinung-  deutlich  dafür,  dass  epidemische  Einflüsse  bei  der  Entstehung 
und  Weiterverbreitung  des  Puerperalfiebers  die  Hauptrolle  spiel- 


Dr.  Beruhard  Seyfert  wurde  am  23.  Februar  1855  zum  Professor  der 
Geburtshilfe  in  Prag  (auf  der  Ärztlichen  Abtheilnng)  ernannt.  Vom 
1.  Jänner  1865  bis  zu  Ende  December  1860.  also  im  Verlaufe  von 
6  Jahren  wurden  in  der  Piager  geburtshilflichen  Klinik  10940  Wöch- 
nerinnen verpflegt,  von  denen  422  in  Folge  von  Puerperalfieber 
starben,  während  744  am  Puerperalfieberprocess  Erkrankte  in  das 
allgemeine  Krankenhaus  iniiisferirt  wurden;  von  diesen  erlagen 
mithin  starben  insgesammt  809  Wöchnerinnen,  d.  h.  7,39%,  oder 
1  Wöchnerin  von  13453/9nft.  Das  Mindeste,  was  die  prophylactische 
Behandlung  des  Puerperalfiebers  erheischt,  ist.  dass  von  100  Wöch- 
nerinnen nicht  einmal  eine  einzige  sterbe.  In  der  Wiener  Gebär- 
klinik —  zu  jener  Zeit,  als  die  medicinischen  Wissenschaften  Doch 
keine  anatomische  Grundlage  hatten  —  starb  von  409  und  402  Wöch- 
nerinnen nur  eine;  während  8  Jahren  von  200  bis  285  Wöchnerinnen 
nur  eine,  und  während  15  Jahren  von   103  bis  178  auch   nur 

Ich  habe  von  den  Gebärhäusern  in  London,  Dublin  und  Edinbnrg 
über  206  Jahre  Ausweise,  aus  denen  erhellt,  dass  es  30  Jahre  gab 
in  deren  Ablauf  von  6334  Wöchnerinnen  keine  einzige  gest< 
Im  ..the  Gfty  of  London  Lying-iu-Hnspital"  kam  bei  1006  Wöchne- 
rinnen, die  zwischen  1K27 — 1829,  also  während  3  Jahren  verpflegt 
wurden,  kein  einziger  Todesfall  vor.  Im  Dubliner  Gebärhause  (Ro- 
tnndn  ■.  das  zugleich  ein  ärztliches  Institut  ist.  starben  von  1804  bil 
1809,  also  im  Verlaufe  von  6  Jahren  von  14  606  Wöchnerinnen  90, 
d.  h.  0,66%;  mithin  starb  1  Wöchnerin  von  1521"/»,. 

Auf  der  Klinik  Seyfert's  starben   während   6  Jahren  von    l1 
Wöchnerinnen  <s09,    d.  h.  7.39",,.   mithin   starb    1  Wöchnerin    von  13. 
Im  Dubliner    Gebärhaus   (RotundaJ    starben   während    6  Jahren    von 
14606  Wöchnerinnen  97,  also  0,66"/0T  mithin  starb  1  Wöchnerin  von  löl. 

Dr.  Metzler  drückt  sich  nicht  wahrheitsgetreu  aus.  wenn  er  sagt» 
dass  bei  der  Nichtisolirung  der  Schwerkranken  von  den  Gesunden 
keine,  fnfection  beobachtet  wurde.  In  einer  Gebäranstalt,  wo  von 
10940  Wöchnerinnen  jede  13 te  am  Puerperalfieber  stirbt,  erfolgt  die 
Infection  nicht  nur  von  einer  Wöchnerin  auf  die  andere,  sondern  es 
kommen  die  verschiedensten  Arten  von  Infection  vor. 


Dr,  Grunewald.  „Das  frühere  Auftreten  der  Krankheit  in  der 
Stadt,  und  das  spätere  im  Gebärhause  beweisen  ebenso  wenig  U 
epidemischen  Ursprung,  wie  der  Umstand,  dass  die  neben  den  kranken 
Wöchnerinnen  liegenden  gesunden  nicht  erkrankten.  Die  Patienten 
in  der  Stadt  können  auf  die  verschiedenste  Art  durch  Aerzte  und 
Hebammen«  ja  durch  Selbst  infection  inficirt  worden  sein,  und  das  ge- 
schah gerade  auf  diese  Weise,  dass  die  zahlreicheren  Erkrankungen 
früher  in  der  Stadt  und  erst  später  in  den  Gebürhäusern  aufgetivt.  n 
sind:  die  Entstehung  durch  Infection  wird  durch  sorgfältige  Nach- 
forschung leicht  constatirt.  ja  sogar  der  betreffende  Fall  angegeben, 
aus  dem  der  inhV-irende  Stoff  herrührt. 


Semmel  weis"  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kimlhetttieber. 


519 


Si  hinge  «1er  Reweis  geliefert  werden  kann,  dass  in  irgend  einem 
Falle  eine  Infeetion  ganz  unmöglich  stattgefunden  hat  (weil  eben  für 

1  eine  Masse  verschiedener  Wege  und  Weisen  da  sind),  ist  es 
unberechtigt  epidemische  Einflüsse  zu  beschuldigen,  welche  wir  nicht 
kennen,  und  gegen  die  keine  Massregeln  getroffen  werden  können. 

Was  den  andern  Umstand  anbetrifft,  so  sieht  man  ja.  dass  auch  die 
allereontagiösesten  Krankheiten  steht  jedes  der  Ansteckung  ausgesetzte 
Individuum  befallen.  Der  durch  Infeetion  entstehende  Process  er- 
greift mit  viel  weniger  Xothwendigkeit  die  gesunden  Individuen  als 
der  contagiosa  Process.  Bei  manchen  Formen  des  Puerperalfiebers 
werden  die  inncirenden  Stoße  in  viel  geringerer  Menge  producirt  als 
in  andern,  so  dass  solche  gesunde  Wöchnerinnen,  die  im  Contacl  mit 
an  Peritonitis  Leidenden  stehen,  gewiss  seltener  erkranken  als  solche, 
die  den  Ausdünstungen  brandiger  Geschwüre  ausgesetzt  sind. 

Der  Umstand  endlich,  den  Dr.  Metzler  zur  Stütze  seiner  Ansicht 
anfuhrt,  dass  alle  diejenigen  erkranken,  die  an  demselben  Tage  ent- 
bunden sind,  spricht  nicht  für.  sondern  gegen  die  Entstehung  der 
Krankheit  durch  epidemische  Einflüsse.  Diese  Einflüsse  können  sich 
nicht  ausschliesslich  an  einem  Tage  geltend  machen  und  am  darauf- 
l<  Inenden  sowie  am  vorhergehenden  nicht.  Gerade  hier  erweist  es 
sich  am  wahrscheinlichsten,  dass  die  Krankheit  ihre  Ursache  im  Ge- 
bi  rammer  hatte,  da  nämlich  sämmtliche,  die  an  einem  Tage  ent- 
bunden wurden,  von  aussenher  inficirt  wurden,  wie  das  auch  in 
manchen  Gebäranstalten,  z.  B.  im  Hebammeninstitute  hier,  wiederholt 
nachgewiesen  werden  konnte."  [An  der  Wiener  I.  Gebärklinik  über- 
zeugte ich  mich  davon  selbst.] 

Der  Redner  referirt  darauf  über  einen  Fall,  in  dem  eine  junge, 
in  den  besten  Verhältnissen  lebende  Erstgebärende  am  3.  Tage  einem 
sehr  acuten  Puerperalfieber  mit  ganz  unbedeutenden  Localerscheinungen 
unterlag.  Das  Auftreten  desselben  in  solchen  Fällen  ist  nicht  den 
epidemischen  Einflüssen,  sondern  der  langen  Geburtsdauer  zuzu- 
schreiben. Dieselbe,  bezw.  die  Langsamkeit  der  Geburt  bietet  leicht 
Gelegenheit  zur  Bildung  zersetzter  Stoffe,  es  entsteht  eine  Art  der 
Infeetion,  die  ich  Selbst  infeetion  benannt  habe. 

Kommt  ein  Fall  von  Selbstinfection  in  einem  Gebärhause  vor,  so 
bildet  er  häufig  den  Anfang  einer  sogenannten  Epidemie.  In  der 
Pi  ivatpraxis  bleibt  er  auf  ein  Individuum  beschränkt,  wenn  nicht  der 
Arzt  oder  die  Hebamme  von  ihm  aus  andere  Individuen  anstecken. 
Mancher  der  Anwesenden  wird  im  Stande  sein,  Beispiele  hiefür  an- 
zuführen. 

Dr.  Kettler  erinnert  sich  an  zwei  solche  Fälle.  In  dem  einen 
wurde  der  inficirende  Stoff  ohne  Frage  durch  die  Spritze  der  Hebamme 
übertragen;  in  dem  andern  trat  die  Erkrankung  bei  einer  Wöchnerin 
nuf.  die  in  der  Nähe  von  chirurgischen  Kranken  lag.  Solcher  Bei- 
spiele kennt  die  Literatur,  besonders  die  englische,  eine  grosse  Menge. 

Dr.  Zimmermann  theilt  einen  ähnlichen  Fall  mit,  wo  er  unmittel- 
bar nach  Extraktion  eines  faulen  Kindes  ohne  sieh  vorher  die  Hände 
gehörig  zu  desinficiren,  bei  einer  anderen  Geburt  eine  Placentarlösung 
machte.     Die  erste  Wöchnerin  starb  in  kurzer  Zeit  an  Metrophlebitis. 

zweite  unterlag  einer  langwierigen  Metritis. 

Dr.  Hartmann  weist  darauf  hin,  dass  in  diesen  beiden  Fällen  der 
i  ausalnexus  nicht  unbedingt  für  Infeetion  spricht,  da  in  beiden  opera- 
tive Eingriffe  stattfanden. 


520 


Semmelweis"  Abhandlungen.  nn«l  Werte  über  das  Kindbettlieber. 


Dr.   Metzler.     .„Der  typhöse  und  der  puerperale  Prooe&B   haben 

Le  viel  Aehnlichkeit  mit  einander.  Beim  Typhus  aber  ist  die 
LoealisatJOB  die  Folge  der  Blutkrankheit,  und  ist  durch  eim 
demische  Ursache,  und  nicht  durch  Infection  erzeugt.  Wenn  z.  B. 
(wie  Redner  es  erlebte)  die  Plaeenta  mehrere  Tage  nach  der  Geburt 
im  Uterus  zurückgehalten  bleibt,  so  übergeht  sie  in  Fäulnis«.,  umi 
wenn  die  Patientin  dennoch  nicht  erkrankt,  so  wird  man  in  solchem 
Fall  au  der  absoluten  Wirkung1  der  Infection  zum  Zweifler." 

1  »i ,  Kettler.  „Ein  solcher  Fall  beweist  durchaus  nichts  gegen 
die  Kraft  der  Infectiousstorle;  von  den  Kaninchen,  welchen  Semmel- 
weis nacli  dem  Wurf  Jauche  in  den  Uterus  injicirte,  gingen 
nicht  alle,  sondern  nur  die  meisten  an  Pyaemie  zu  Grunde.  Das 
spricht  wohl  mehr  dafür,  dass  der  Infectionsstoff  nicht  allemal  wirk- 
lich in  das  Blut  gelang,  als  dafür,  dass  er  in  das  Blut  gelangt  und 
unwirksam  geblieben  ist." 

Als  die  Besprechung  vertagt  wurde,  sprachen  sich  alle  Anwesende 
dahin  aus.  dass  zersetzte  thierische  Stoft'e  im  Stande  sind  Puerperal- 
proces8e  zu  erzeugen. 

Dr.  Arneth.  „Für  die  Aetiologie  des  Puerperalfiebers  ist  zu  be- 
merken, dass  die  Mortalität  der  Wöchnerinnen  in  der  Privat  praxis 
nach  Marc  d'Espine  5—9  pro  mille  beträgt,  in  den  Gebärhäusern 
aber  10—115, 

Ruft  das  Puerperalfieber  Epidemien  hervor?  Die  sogenannten 
cosmischen  und  tellurischen  Einflüsse  erzeugen  bisweilen  in  einem 
gewissen  territorialen  Bezirk  —  der  mehr  weniger  unter  denselben 
klimatischen  Verhältnissen  steht  —  in  einem  abgegrenzten  Zeiträume 
eine  grosse  Zahl  von  Erkrankungen  an  einem  und  demselben  Krank- 
heitsbilde,  welche  den  Namen  Epidemie  tragen.  Auf  solche  Welse 
sehen  wir  Cholera,  Typhus,  Influenza,  gelbes  Fieber  etc.  auiti 
kein  Alter,  keine  Constitution,  keinen  Stand  verschonen  und  dann 
nach  einer  gewissen  Zeit  wieder  verschwinden.  Diese  An  to 
Herrschens  existirt  für  das  Puerperalfieber  nicht;  wir  sehen  6a  in 
einer  Gebäranstalt  wüthen,  während  es  zu  derselben  Zeit  in  < 
andern  Anstalt  der  nämlichen  Stadt  fehlt;  während  es  in  der  Gebar- 
anstalt zahlreiche  Opfer  dahinrafft,  ergeben  die  Sterbelisten  der  Stadt, 
dass  in  Privathäusern  während  derselben  Zeit  von  mehreren  hundert 
W.'irlinei  innen  noch  keine  starb.  Professor  Hugenberger  hat  den  Be- 
weis geliefert,  dass  im  Verlauf  von  15  Jahren  in  der  Stadt  St.  Peters- 
burg keine  Puerperalfieber-Epidemien  auftraten.  Praktisch  ist  dieser 
Glaube  durchgedrungen,  indem  die  Vorsteher  von  Gebäranstalten, 
auch  solche,  die  an  die  epidemische  Verbreitung  der  Krankheit  glauben, 
ihre  Anstalten  schliessen,  um  der  Ausbreitung  des  herrschenden 
Puerperalfiebers  Einhalt  zn  thun,  —  eine  M:  die  vollkommen 

nutzlos  wäre,  wenn  die  Krankheit  demselben  Verbreitungsgesetz  folgte, 
wie  etwa  die  Cholera  u.  s.  w.  Und  dennoch  wurden  nach  dem 
Sclüiessen  der  Gebärhäuser  die  Fälle  von  Erkrankungen  in  der  Stadt 
nicht  zahlreicher,  was  doch  offenbar  hätte  geschehen  müssen,  v 
die  Krankheit  von  anderen  Ursachen  erzeugt  würde  als  von  solchen, 
die  sich  vorzugsweise  in  den  Gebärhäusern  geltend  machen.  Kann 
die  Krankheit  aus  endemischen  Ursachen  entstehen?  d.  h.  wird  sie 
in  gewissen  Localitäten,  wie  z.  B.  Spitälern  und  besonders  Gebär- 
häusern unabhängig  von  sogenannten  cosmischen  und  tellurischen 
Einflüssen  erzeugt  und  verbreitet  ?  Diese  Frage  muss  entschieden  be- 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


521 


jaht  werden.  Trousseau.  Elsässer,  Hecker  u.  s.  w«,  namentlich  aber 
Hugenberger  stützen  diese  durch  Semmelweis  aufgestellte  und  in 
seinein  Werke  besonders  hervorgehobene  Ansicht." 

Dr.  Arueth  reeapitulirt  kurz  die  Daten  aus  dem  Werke  Pro- 
fessors Semmelweis:  „Die  Aetiologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis 
des  Kindbettfiebers."  Die  Sterblichkeit  in  der  Wiener  Gebürklimk 
betrug  im  Verlauf  von  39  Jahren  (1784-1 S23)  1.2;"»,,.  Als  mit 
Rokitansk)7  die  pathologische  Anatomie  einen  neuen  Anfschwmiir  nahm, 
und  die  Schüler  sowohl  den  Sei-irsaal,  wie  die  Gcbärklinik  gleichzeitig 
frequentirten,  da  betrug  von  1823  bis  excl,  1833,  also  während 
10  Jahren  die  Sterblichkeit  5.30°,,.  Die  Gebärklinik  wurde  im 
Jahre  1833  in  zwei  Abtheilungen  getheilt.  an  beiden  wurden  Schüler 
und  Hebammen  in  gleicher  Zahl  unterrichtet.  Während  dieser 
10  Jahre  war  die  Sterblichkeit  an  beiden  Abtheilungen  eine  ver- 
schiedene: die  mittlere  Sterblichkeit  betrug  auf  der  I.  Abtheilung 
Q£6%  auf  der  II.  &58%.  -  Von  1841  bis  Kai  1867  wurde  die 
I.  Abtheilung  ausschliesslich  durch  Aerzte  freqnentirt  (ohne  Chlor- 
waschungen), die  Mortalität  war  während  diesen  6  Jahren  eine  con- 
stante,  im  Jahre  1845  sogar  um  fünfmal  grösser  und  im  Durchschnitt 
dreimal  so  gross  wie  an  der  II.  Abtheilung.  Diese  mittlere  Mortalität 
betrug  an  der  I.  Abtheilnng  9,92%,  an  der  II.  3,38%. 

Semmelweis  überzeugte  sieh  von  der  Identität  des  Puerperalfiebers, 
der  chirurgischen  Phlebitis  und  der  Pyaemie;  und  von  dem  Gedanken 
ausgehend,  dass  das  Leichengift  an  den  Händen  seiner  klinischen 
Schüler  das  die.  Wöchnerinnen  inficirende  Moment  sei.  führte  er  des- 
infieirende  Chlorwaschungen  in  der  I.  Abtheilting  ein.  Hierauf  fiel 
die  Mortalität  von  9,92°/,,  auf  1,27%,  obschon  jene  Waschungen  auf 
vielfachen  Widerstand  stiessen.  Indessen  ist  zu  bemerken,  dass  die 
Mortalität  noch  grösser  als  9,92%  war,  da  mehrere  hunderte  in  das 
allgemeine  Krankenhaus  befördert  wurden,  und  als  sie  hier  starben, 
da  wurden  sie  in  die  Totenliste  des  allgemeinen  Krankenhauses  und 
nicht  in  die  der  Gebärklinik  eingetragen.  Als  die  Chlorwaschungen 
nach  dem  Abgang  von  Dr.  Semmelweis  ganz  vern.u  liLissigt  wurden, 
stieg  die  Sterblichkeit  wieder  um  ein  namhaftes.  Ganz  ähnliche  und 
beweisende  Erfahrungen  macht«-  später  Semmelweis  als  Primararzt 
und  Professor  in  Pest;  auch  gelang  es  ihm  festzustellen,  dass  nicht 
bloss  das  Leichengift  die  Wöchnerinnen  erkranken  macht,  sondern 
dass  diese  von  jedem  zersetzten  thierischen  Stoff,  von  Geschwürs- 
secret.  verunreinigten  Utensilien  etc.  inficirt  werden  können. 

I  Vbertraguug  zersetzter  thieriseher  Steife  im  weitesten  Sinn  des 
Wortes  auf  resorptionsfähige  Stellen,  ebenso  die  Erzeugung  eines 
zersetzten  Stoffes  in  den  Wöchnerinnen  selbst  j 'Semmelweis  nennt  es 
8eIb8tinfeetion),  ruft  bei  Wöchnerinnen  das  Kindbettfieber  herror. 
Die  normale  Sterblichkeit  bei  Selbstinfection  beträgt  nicht  ganz  1 "  „. 
Direete  Beweise  von  dieser  Art  der  Uebertragung  des  Kindbettfiebers 
sind  von  Depaul,  Simpson,  Berton,  Campbell,  Stnve.  und  auch  von 
mehreren  Anwesenden  Daten  geliefert. 

Professor  Hugenberger  theilt  mehrere  Beitrage  ans  St.  Peters- 
burg mit.  denen  zu  Folge  der  Beginn  der  Endemien  stets  von  einer 
pathologischen  Geburt  ausging,  bei  der  brandige  Zerstörung  der  Ge- 
burtstheile  oder  Zersetzung  der  Secrete  die  Erzeuger  und  Träger 
der  Infectionsstoffe  wurden." 

Wenn  nun  auch  Dr.  Arnetn  der  Hauptsache  nach  mit  der  Ansicht 


522 


Seiumelweis'  Abbandlnusren  und  Werk  über  das  Kiudbettiieber. 


Professors  Semmelweis  übereinstimmt,  so  macht  er  ihm  doch  den  Vor- 
wurf der  Einseitigkeit,  insofern  er  ausser  dem  zersetzten  fcbierischen 
Stofl*  kein  anderes  ursächliches  Moment  anerkennt.  ...Schon  a  priori 
ist  es  wahrscheinlich,  dass  eine  Wöchnerin,  wenn  sie  durch  iea  Ein- 
fluss  irgend  einer  Schädlichkeit,  erkrankt,  eine  Erkrankung  in  der 
vorwiegend  activen  Lebenssphäre  darbieten  wird,  —  mit  derselben 
Wahrscheinlichkeit,  mit  der  Redner,  Sänger,  Läufer  und  Tänzer  an 
Pneumonien  oder  Kehlkopfleiden.  Reiter  an  Hernien  erkranken." 


Trotz  der  Ansicht  Dr.  Arneth's  bleibe  ich  bei  meiner  Ueber- 
zeugung,  dass  das  Resorptionsheber,  mit  anderen  Worten  Kindbett- 
fieher  —  welches  seit  den  Zeiten,  seit  das  Weib  gebärt,  exifttirt  hat 
und  existiren  wird,  solange  es  gebären  wird  —  mir  aus  einem  Grund, 
nämlich  durch  die  Resorption  zersetzter  fchierischer  Stoffe  enbleht. 
Dieser  zersetzte  Stoff  wird  in  (leih  meisten  Fällen  den  Individuen 
von  aussen  beigebracht;  in  andern  entsteht  er  im  Organismus  selbst. 

Das  Gebären  ist  die  Bestimmung  des  Weibes,  und  das  Resorptions- 
fieber ist  ihre  Berufskrankheit,  hervorgebracht  durch  Selbstinfection. 
Ein  Weib  gebärt;  die  Austreibungsperiode  verzögert  sich;  im  Kind- 
bett gangraenesciren  die  Genitalien;  das  Weib  stirbt  in  Folge  von 
durch  Selbstinfection  entstandenem  Puerperalfieber.  Wenn  das  Weih 
seinem  Berufe  nickt  entsprochen  hätte,  wenn  es  nicht  geboren  hatte, 
dann  wäre  es  an  Selbstinfection  keineswegs  zu  Grunde  gegangen. 
Während  der  Redner,  der  Sänger,  der  Läufer,  der  Tänzer  an  Pneumonie 
oder  Kehlkopfleiden,  der  Reiter  an  Hernie  erkrankt,  wird  das  v 
seinem  Berufe  entsprechend  von  durch  Selbstinfection  entstandenen) 
Resorptionsfieber  befallen.  Das  durch  Ausseninfection  entstandene 
Eteeorptionsfieber  gehört  nicht  zum  Berufe  des  Weibes,  sondern  wurde 
durch  denjenigen  verursacht,  der  den  zersetzten  Stoff  in  den  Orga- 
nismus des  Weibes  eingeführt  hat.  Dr.  Arneth  hat  wahrscheinlich 
aus  Vergesslichkeit  jene  Ursachen  ungenannt  gelassen,  die  noch 
ausser  den  zersetzten  t.hierischen  Stoffen  das  Puerperalfieber  hervor- 
zurufen im  Stande  sind. 

Dr.  Arneth.  „Die  von  den  Gegnern  der  Infectionstheorie  ange- 
führte Ansicht,  der  zu  Folge  Frauen  nicht  erkranken,  welche  mit 
dem  Infectionsstoff  in  Berührung-  kamen,  ist  vollständig  unbegründet 

Auch  darin  geht  Semmelweis  zu  weit,  dass  er  der  Ueberfüllung 
der  Gebäranstalten  und  den  Jahreszeiten  alle  aetiologische  Bedeutung 
abspricht.  Wenn  es  auch  feststeht,  dass  in  solchen  Anstalten  bei 
starker  Ueberfüllung  und  schlechter  Jahreszeit  die  Mortalität  eine 
geringere  sein  kann,  und  umgekehrt  bedeutend  bei  guter  Jahreszeit 
und  schwächerer  Frequenz  der  Geburten,  so  beweist  das  noch  nicht, 
dass  diese  Momente  ganz  ohne  Wirkung  sind.  Sie  erzeugen  das 
Puerperalfieber  gewiss  nicht,  aber  sie  begünstigen  seine  Entstehung 
und  Weiterverbreitung.  Die  Krankheit  kommt  häufiger  vor  im 
Winter  als  im  Sommer,  und  verbreitet,  sich  umsomehr.  je  weniger  die 
Kranken  von  den  Gesunden   abgesondert   werden.     Qebrigens  kommt 

inelweis   durch   das  Leugnen  der  schädlichen   Kolgen    der  l'< 
fiillung  mit  sich  selbst  in  Widerspruch,  da  er  ja  die  Möglichkeit  der 
Uebertragung  zersetzter  Stoffe  durch  die  Luft  keineswegs  verneint." 


Semmelweis'  AbhatuIIiimsreii  und  Werk  über  das  Kindbettfleber. 


■)2>1 


In  meinem  Werke  steht  auf  Seite  218*)  in  Bezug-  auf  die  Ueber- 
füllung  Folgendes:  ..Die  Ueberfüllung  der  Gebiirhsitiser  ist  nur  be- 
dingungsweise ein  endemisches  Moment  des  Kindbettfiebers,  indem  in 
einem  überfüllten  Gebärhause  es  schwieriger  ist,  den  nöthigen  Grad 
von  Keinlichkeit  zu  erhalten;  indem  in  einem  überfüllten  Gebärhanse  es 
schwieriger  ist,  diejenigen  Individuen,  welche  für  andere  gefährlich 
sind,  vollkommen  zu  isoiiren;  dadurch  kann  die  Ueberfüllung  Veran- 
lassung geben  zur  Erzeugung  eines  zersetzten  Stoffes,  dadurch  kann 
die  Ueberfüllung  Veranlassung  werden  zur  Uebertragung  des  zersetzten 
Stoffes  auf  andere  Individuen.  Aber  wenn  trotz  der  Ueberfüllung 
der  nöthige  Grad  der  Reinlichkeit  beobachtet  wird,  so  dass  sich  kein 
zersetzter  Stoff   erzeugen   kann,   wenn   trotz   der   Ueberfüllung   die 

lirlichen  Individuen  von  den  übrigen  hinreichend  isolirt  werden, 
oder  wenn  gerade  zur  Zeit  der  Ueberfüllung  keine  gefährlichen 
Individuen  sich  im  überfüllten  Gebärhause  befinden,  und  dadurch  die 
Uebertragung  zersetzter  Stoffe  auf  gesunde  Individuen  verhütet  wird: 
unter  solchen  Voraussetzungen  ist  es  für  die  im  Gebärhause  Ver- 
pflegten vollkommen  gleichgiltig,  ob  das  Gebärhaus  überfüllt  ist  oder 
nicht."  Dr.  Arneth  behauptet,  dass  durch  die  Ueberfüllung  die  Ent- 
stehung und  Weiterverhreitung  des  Puerperalfiebers  begünstigt  wird, 
und  ich  —  wie  der  Leser  sieht  —  behaupte  das  Nämliche:  und  doch  sagt 
Dr.  Arneth,  dass  ich  die  aetiologische  Bedeutung  der  Ueberfüllung 
für  das  Puerperalfieber  leugne.  Ich  habe  aber  mittelst  40  Tabelh  u 
bewiesen,  dass  die  Ueberfüllung  nicht  notwendigerweise  das  Puerperal- 
fieber hervorruft:  zu  dessen  Beweise  wird  es  genügen  die  XXXVI.  Ta- 
belle von  S.  215**)  vorführen: 


Jahr 

Monat 

Percent-AntheiJ 

Todte 

Geburten 

Wl'llil 

1S4S 

Mfirz 

— 

— 

876 

— 

i.NjS 

Anglist 

— 

— 

881 

— 

1842 

Deceiuber 

31.38 

75 

888 

37 

is.  12 

October 

29.33 

71 

242 

■M 

1842 

August 

25.46 

55 

816 

m 

1842 

November 

92.96 

4H 

209 

61 

L841 

November 

22.55 

63 

89ö 

41 

Ans  diesem  Ausweise  erhellt,  dass  die  grösste  Sterblichkeit  auf 
der  Wiener  ersten  Gebärabtheilung  zu  jener  Zeit  beobachtet  wurde, 
als  die  Ueberfüllung  die  geringste  war;  in  diesen  zwei  Monaten  aber 
.starb  keine  einzige  der  Wöchnerinnen.  Die  Ursache  einer  so  grossen 
Sterblichkeit  (während  welcher  ja  jede  3. — 4.  Wöchnerin  starb)  war  nicht 
die  Ueberfüllung,  sondern  der  von  Aussen  eingeführte  zersetzte  tuierische 
Stoff;  dies  wurde  im  Jahre  1848  durch  die  Chlorwaschungen  verhütet. 

Auf  Seite  60  meines  Werkes,  Zeile  1 1  ***)  ist  Folgendes  zu  lesen : 
,.Kine    neue    traurige    Erfahrung    überzeugte    uns,    d  i    Träger 

der  zersetzten  thierischen  Stoffe,  welche  das  Kindbettfieber  hervor- 
bringen, auch  die  atmosphärische  Luft  sein  könne:  im  Monate  November 
desselben  Jahres  wurde  ein  Individuum  mit  verjauchender  Caries 
des  linken  Kniegelenkes  aufgenommen;  in  ihren  Genitalien  war  dieses 
Individuum  vollkommen  gesund,  so  dass  der  Finger,  welcher  sie  unter- 
suchte, für  die  übrigen  Individuen  ungefährlich  blieb.  Aber  die 
jauchigen  Exhalationen  des  cariösen  Kniegelenkes  waren  80  bedeutend, 
dass  die  Luft  des  Wochenzimmers,  in  welchem  dieses  Individuum  das 


*)  [Seite  829.]  **)  [Seite  830 

*♦*)  [Seit«  134,  Zeile  3.1 


524 


Semmelweia'  Abhandlungen  und  Werk  über  daa  Kindbettfieber. 


Wochenbett  zugebracht,  in  hohem  Grade  von  denselben  geBehwan 
war,  ii3i<l  dailurcli  wurde  bei  ihren  Mitwochnerinnen  in  dem  Grade 
das  Kindbettfieber  hervorgerufen,  dass  beinahe  simmtliche  in  den 
Zimmern  befindliche  Wöchnerinnen  starben.  Die  Rapporte  der  er 
Gh -härklinik  weisen  im  Monate  November  11  und  im  Monate  December 
8  Todte  aus.  welche  grösstentheilfi  durch  die  jauchigen  Eskalationen 
obbenannten  Individuums  hervorgebracht  wurden. 

Die  mit  Jauchetheilen  geschwängerte  atmosphärische  Luft  des 
Woohenzimmers  drang  durch  die  nach  der  Geburt,  klaffenden  Genitalien 
in  die  Gebärmutterhöhle ,  dort  wurden  die  Jauchetheile  resorbirt, 
und  dadurch  das  Kindbettfieber  hervorgerufen.  In  Zukunft  wurde 
durch  Absonderung  solcher  Individuen  ein  ähnliches  Unglück  verhüte!. 

Auf  Seite  103,  Zeile  6  von  unten*)  steht  Folgendes:  „Der  Träger 
der  zersetzten  thierisch- organischen  Stoffe  ist  der  untersuchende 
Finger,  die  operirende  Hand,  Instrumente,  Bettwäsche,  die  atmosplvi  i 
Luft.  Schwämme,  die  Hände  der  Hebammen  und  Wärterinnen,  welche 
mit  den  decomponirten  Excrementen  schwer  erkrankter  Wöchnerinnen 
oder  anderer  Kranken  und  hierauf  wieder  mit  Kreissenden  und  Neu- 
entbundenen  in  Berührung  kommen  Mit  einem  Worte  Trümer  drs 
zersetzten  thierisch-organischen  Stoffes  ist  alles  das,  was  mit  einem 
sereetzten  thierisch-organischen  Stoffe  verunreinigt  ist,  und  mit  den 
Genitalien  der  Individuen  in  Berührung  kommt,"  —  Dr.  Arne th  Bagt: 
„Semmelweis  kommt  durch  ein  Läugnen  der  schädlichen  Folgen  der 
Ueberfüllung  mit  sich  selbst  in  Widerspruch,  da  er  ja  die  Möglichkeit 
der  Uebertragung  zersetzter  Stoffe  durch  die  Luft  keineswegs  verneint* 

Wenn  Arneth  sagt,  dass  ich  an  die  Bedeutung  der  aetiologischen 
Momente  der  Jahreszeiten   nicht  glaube,   dann  behauptet    er  etwas, 
was  auch   meine  eigene   Meinung  ist.    Ich   habe  in  meinem  Werke 
mit   der  Tabelle  Xo.  II,  Seite  9**)   und  mit  der  Tabelle    ' 
Seite  120***)  bewiesen,   dass  die  Sterblichkeit  an  der  ersten  Gebär- 
abtheilung in  dem   nämlichen  Monat,  eine  grössere  und  eine  mindere 
war.     E>  wurde  der  einfachen  Vernunft  widersprechen,  wenn  Jemand 
eine    Krankheit,    die    gerade    in    entgegensetzten    Jahreszeiten    v<  r 
kommt]    als  von    der    Jahreszeit    abhängig    hinstellen    würde.      Kin 
zersetzter  thierischer  Stoff  kann    in  jeder  Jahreszeit  den  Individuen 
von  aussen  beigebracht  werden  und  es  hängt  nicht  von  der  Witte: 
ab,  dass  zu  jeder  Jahreszeit   eine  grössere  und  eine  mindere  Sterb- 
lichkeit vorkommt. 

Dr.  Arneth  sagt,  dass  das  Puerperalfieber  häufiger  im  Winter 
als  im  Sommer  auftritt.  Ich  erkläre  diese  Thatsache  in  meinem  Werke, 
Seite  121-J-),  folgendermassen :  „Es  ist  die  vorherrschende  Ansicht,  dass 
der  Winter  diejenige  Jahreszeit  sei,  welche  vorzüglich  den  Ausbruch 
des  Endbettflebers  begünstige,  und  in  der  That,  wenn  wir  die  Tabellen 
No.  IX  und  X  (Seite  21  und  84ffj  betrachten,  so  zeigt  sich,  dass  in 
den  Wintermonaten  wirklich  häufiger  ein  ungünstiger  I U  sundheits- 
zustand  unter  den  Wöchnerinnen  herrschte  und  seltener  ein  günstiger, 
während  in  den  Sommermonaten  häufiger  ein  günstiger  und  seltener  ein 
ungünstiger  Gesundheitszustand  der  W  8(  lmerinnen  zu  beobachten  war 

Aber  diese  Erscheinung  ist  nicht  durch  atmosphärische  Einflüsse 


•l  [Seite  160.  Zeile  14  von  oben.) 

*»)  i  Seite  104.]  ***)  [Seite  171.] 


f)  jSeite  170.1  Seite  112  und  113.1 


Semmelwei.«'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettfleber. 


des  Winters  zu  erklären,  denn  sonst  könnte  ja  «las  Kindbettfieber  im 
Sommer  nie  in  gTiisserer  Ausdehnung:  vorkommen. 

Nach  den  grossen  Ferien  in  den  Monaten  August  und  September 
gehen  die  Schmer  mit  frischem  Eifer  an  ihre  Studien,  folglich  auch 
an  das  Studium  der  Geburtshilfe,  und  in  den  Wintermon&ten  Ist  dei 
Andrang  der  Schüler  in  das  Gebärhaus  so  gross,  dass  der  Einzelne 
Mit  Wochen  ja  Monate  lang  warten  muss,  bis  die  Reihe  der  AufnalniiM 
ihn  trifft,  während  in  den  Sommermonaten  oft  die  Hälfte,  ja  in  den 
Ferialmonaten  oft  zwei  Dritttlieile  der  Plätze  unbesetzt  sind:  in  den 
^^  intermonaten  werden  die  pathologischen  und  gerichtlichen  Sectionen, 
die  medieinischen  und  chirurgischen  Abtheilungen  des  k.  k.  allgemeinen 
Krankenhauses  auch  von  den  im  Gebärhause  Beschäftigten  sehr  fleissig 
besacht.  Im  Sommer  lisst  der  Fleiss  bedeutend  nach;  die  reizenden 
Umgebungen  Wiens  üben  eine  grössere  Anziehungskraft  aus,  als  die 
stinkende  Todtenkammer  oder  die  schwülen  Räume  des  Kranken- 
hauses. Im  Winter  hält  der  Assistent  der  Geburtshilfe  die  praktischen 
I  ipprationsübungen  am  Cadaver  vor  der  um  vier  Uhr  zu  haltenden 
Xacbmittagsvisite.  weil  Vormittag  die  Schüler  anderweitig  beschäftigt 
sind,  und  nach  der  Nachmittagsvisite  um  fünf  Uhr  es  schon  zu  finster 
ist.  Im  Sommer  ist  die  Hitze  vor  der  Xacbmittagsvisite  noch  zu 
drückend,  im  Sommer  werden  die  Operationsübungen  am  Cadaver  in 
den  Abendstunden  nach  der  Nachmittagsvisite  gemacht.  Ist  es  für 
die  zu  Untersuchenden  gleichgiltig,  ob  die  Schüler  sich  nach  der 
Visite  mit  Cadavern  beschäftigen  oder  ob  selbe  vom  Cadaver  her  zur 
Visite  kommen? 

Das  sind  zum  Theile  die  Einflüsse,  welche  durch  die  Jahreszeit 
bedingt  sind;  nur  in  diesen  Verhältnissen  liegt  die  Ursache,  warum 
im  Winter  häufiger  ein  ungünstiger  und  im  Sommer  häufiger  ein 
günstiger  Gesundheitszustand  unter  den  Wöchnerinnen  der  ersten 
Gebärabtheilung  zu  beobachten  war.  Wenn  es  wirklich  die  atmo- 
sphärischen Einflüsse  des  Winters  gewesen  wären,  welche  den  häufigen 
ungünstigen  Gesundheitszustand  der  Wöchnerinnen  im  Winter  hervor- 
gebracht haben,  so  erlaube  ich  mir  die  Frage,  ob  denn  Wien  durch 
25  Jahre  keinen  Winter  gehabt  hat?  indem  im  Wiener  Gebärhause 
durch  25  Jahre  keine  Epidemie  war,  weil  im  Wiener  Gebärhause 
durch  25  Jahre  nicht  eine  Wöchnerin  von  hundert  gestorben  ist. 
siehe  Tabelle  Xr    XVJI,  Seite  62*).) 

Haben  sich  die  atmosphärischen  Einflüsse  der  beiden  Winter  in 
Wien  der  .Jahre  1847  8  und  1848/9  in  Folge  der  Chlor  Waschungen 
geändert?  Weil  wir  in  Folge  der  Chlor  Waschungen  in  diesen  beiden 
Wintern  keine  Epidemie  hatten-  Haben  sich  die  atmosphärischen 
Einflüsse  der  vier  Winter  zu  Pest  geändert,  in  Folge  der  Chlor- 
waschungen,  welche  ich  durch  vier  Winter  an  der  Pester  medieini- 
schen Facultät  beaufsichtigte?  Weil  wir  durch  vier  Winter  kein 
epidemisches  Kindbettfieber  hatten.  Die  grössere  Sterblichkeit  zweier 
Winter  war  bedingt  durch  Leintücher,  welche  mit  zersetztem  Blute 
und  zersetztem  Lorhialflusse  verunreinigt  waren. 

Das  Gebärhaus  des  St.  Rochus-Spitals  war  nie  im  Winter  Gebär- 
haus, sondern  nur  durch  zwei  Monate  im  Jahre,  nämlich  in  den  Mo- 
naten August  und  September,   und  doch  war  es  alljährlich  in  hohem 


526 


Si .iiiiiiehvpis"  Abhandlungen  und  Werk  über  du  KnufbetTtieber. 


6rad6   vom  Kindbettfieber  heimgesucht,   so  lange  es  ein  A] 
einer  chirurgischen  Abtheilung  war." 


Dr.  Arneth  definirt  das  Puerperalfieber  folgendermaßen:  „Das 
Puerperalfieber  ist  eine  kurz  vor  oder  nach  der  Geburt  auftretende 
acute  und  langdauernde  fieberhatte  Krankheit,  bei  welcher  das  Fieber 
nicht  von  Erkrankungen  eines  andern,  mit  den  puerperalen  Vorgängen 
in  keinem  Zusammenhange  stehenden  Organes  bedingt  ist."  Dr.  Uueth 
tragt  die  Anwesenden,  ob  sie  die  von  ihm  gegebene  Definition  als 
erschöpfend  ansehen? 

Dr.  Tiauehfuss  hält  diese  Definition  des  Puerperalfiebers  für  zu 
allgemein,  indem  sie  auch  viele  Fälle  von  einfachem  traumatischen 
Fieber  in  sich  begreift,  die  bisweilen  einen  tiefer  eingreifenden 
Charakter  haben,  als  leichtere  Formen  des  wirklichen  Puerperal- 
Processi,  s.  Ferner  gibt  es  Fälle  puerperaler  Erkrankung,  welche  ihrer 
Natur  nach  aus  den  Grenzen  der  Arneth'sehen  Definition  ausge- 
schlossen bleiben.  So  z.  B.  kam  in  der  Charite  in  Berlin  vor  einigen 
Jahren  eine  Epidemie  unter  den  Wöchnerinnen  vor,  die  sich  durch 
häufige  Endocarditis  mit  fehlenden  andern  Idolen  Ki-scheinungen 
characterisirte.  —  Ein  solcher  Fall  lässt  sich  auch  nicht  unter  die 
von  Arneth  gegebene  Definition  einreiben. 

Dr.  Etlinger  schliesst  sich  der  Ansicht  des  Dr.  Rauchfuss  an. 
namentlich  in  Bezug  anf  jene  leichten  traumatischen  Fiebererregungen, 
die  von  den  Laien  gewöhnlich  Milchfieber  genannt  werden. 

Dr.  Arneth:  „Diese  leichteren  Fiebererreguiigen  passen  schon  ihrer 
kurzen  Dauer  wegen  nicht  in  die  Definition.  Bei  den  schwereren, 
sich  länger  hinziehenden  Fällen  wird  man  mit  wenigen  Ausnahmen 
Gangraenescenz  der  Sexualorgane  finden,  welche  die  Einreibung 
solcher  Fälle  in  die  Puerperalfieber  begründet.  Die  sogenannte 
Febric ula  rechnen  viele  Autoren  zum  Puerperalfieber  schon  aus  dem 
Grunde,  den  Prof.  Hugenberger  anführt,  dass  sie  mit  dem  B< 
schwerer  Puerperalfieber  übereinstimmt  und  von  diesem  nicht  zu 
sondern  ist.  Was  die  in  Berlin  beobachtete  Epidemie  anbetrifft,  so 
ist  der  Zusammenhang  zwischen  dem  endocarditischen  Proeess  und 
den  Vorgängen  in  der  Sexualsphäre  nicht  zu  lengnen.  Wenn  auch 
höchst  wahrscheinlich  andere  Umstände  als  die  Infection  seihst,  das 
Vorwiegen  einer  oder  der  anderen  F.rkrankungsform  bedingen,  'I 
sache  bleibt  es  doch  immer,  dass  zwischen  allen  diesen  und  den  puer- 
peralen Vorgängen  in  den  Nexnalor^anen  ein  anatomischer  Zusammen- 
hang besteht." 

Die  2,  Frage  Dr.  Arneth's  „ob  die  Anwesenden  den  häufigen  Ein- 
fluss  zersetzter  thierischei  Stoffe  auf  die  Erzengimg  des  Puerperal- 
fiebers anerkennen?"  wurde  einstimmig  mit  ja  beantwortet 


Auf  s.  in  102*)  meines  Werkes  definire  ich  den  Begriff  des  Kind- 
bettfiebers folgendermassen :  „Gestützt  auf  Erfahrungen,  welche  ich 
innerhalb  15  Jahren  an  drei  verschiedenen  Anstalten,  welche  säinmt- 
lich  vom  Kindbettfieber  in  hohem  Grade  heimgesucht  waren,  ge- 
sammelt   habe,    halte    ich    das    Kindbettfieber,   keinen    einzigen    Fall 


*)  [Seite  159.  | 


Semmelweia'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  KLudbettfieber. 


527 


ausgenommen,  für  ein  Resorptionsfieber,  bedingt  durch  die  Resorption 
eines  zersetzten  thierisch-organischen  Stoßes;  die  erste  Folge  der 
Resorption  ist  die  Blutentnrischung.  Folgen  der  Blutentmischung  sind 
die  Exsudationen".  Der  Leser  sieht,  welch'  klare  Auffassung  Dr.  Arneth 
yoa  «lein  Begriff  des  Kindbettfiebers  hat.  Dr.  Arneth  lässt  das  Kind- 
bettlieber  durch  einen  zersetzten  thierischen  Stoff  entstehen.  Die  zer- 
setzten Stoffe  müssen  behufs  Erzeugung  des  Kindbettfiebers  in  das 
»Blut  aufgenommen  werden;  in  das  Blut  gelangen  sie  aber  nur  durch 
Resorption  und  darum  ist  das  was  man  früher  Kimlbettfieber  nannte, 
ein  Resorptionstieber.  In  dem  durch  Arneth  auf  gestellten  Begriffe 
aber  kommt  das  Wort  „Resorption"  gar  nicht  vor, 

13.  Frage:  „Ist  die  Entstehung  und  Weiterverbreitung  des  Puer- 
ralfiebers  durch  epidemische  Einflüsse,  d.  h.  durch  Momente  von 
sogenanntem  cosmisrhen  und  tellurischen  Ursprünge  ausgeschlossen? 
oder  mit  anderen  Worten,  wird  der  Begriff  der  durch  cosmische  und 
tellurische  Einflüsse  erzeugten  Pnerperalepidemie  für  unhaltbar 
erklärt?" 

Dr.  Etlinger,  der  in  den  Hauptpunkten  vollständig  mit  den 
Schlüssen  übereinstimmt,  die  Professor  Hugenberger  aus  seinen  über- 
zeugenden Zusammenstellungen  zieht,  und  der  die  bei  weitem  grösste 
Zahl  der  Opfer  des  Puerperalprocesses  der  Iufectinn  und  endemischen 
Weiterverbreitung  der  Krankheit  zur  Last  legt,  hält  die  epidemischen 
Einflüsse  dieser  Krankheit  gegenüber  dennoch  nicht  für  indifferent. 
„A  priori  ist  anzunehmen,  wenn  gewisse  Momente  ein  häufiges,  mir 
wenige  Individuen  verschonendes  Erkranken,  wie  wir  es  z.  B.  bei 
der  epidemischen  Grippe  sehen,  hervorbringen,  es  andere  ähnliche 
Ursachen  geben  muss,  die  besonders  das  Gebärorgan  zu  Erkrankungen 
disponiren.  Die  Zahl  der  auf  diese  Weise  erzeugten  Krankheiten 
statistisch  nachzuweisen,  ist  zur  Zeit  noch  unmöglich,  und  auf  sie  aus 
den  sterbelisten  zu  schliessen  —  wie  Dr.  Hugenberger  gethau  —  kann 
kein  sicheres  Resultat  geben.''  Redner  hat  in  der  Privatpraxis  zu  den 
verschiedensten  Jahreszeiten  —  häufiger  im  Winter  und  Frühling  als 
im  Sommer  und  Herbst  —  die  Erfahrung  gemacht,  dass  sehr  viele 
Wöchnerinnen  krank  werden,  ohne  dass  von  irgendwoher  eine  mögliche 
KnfeCtJon  oder  Uebertragung  nachzuweisen  wäre.  Diese  Erkrankungen 
bleiben  fast  alle  leicht;  nur  wenige  Fälle  entwickeln  sich  zu  entschie- 
denem Puerperalfieber,  und  von  diesen  sterben  —  im  Vergleich  zur 
Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern  —  sehr  wenige.  Aus  den  städti- 
schen Sterbelisten,  sowie  aus  denen  der  Gebärhäuser  kann  man  keinen 
Schlnsa  auf  die  Erkrankungen  ziehen.  Sie  beweisen  aber,  dass  es 
atmosphärische  oder  epidemische  —  man  nenne  sie  wie  man  wolle  — 
Einflüsse  iriebi.  die  ein  häufigeres  Auftreten  des  Puerperalfiebers 
bedingen.  Machen  sie  sich  in  einer  Anstalt  geltend,  so  werden  die 
einzelnen  Fälle  sogleich  zum  Infectionsheerd  für  immer  neue  Indi- 
viduen, und  es  entsteht  eine  Endemie  mit  all  ihren  schlimmen  Con- 
siiuenzen.  In  der  Privatpraxis  fehlen  die  endemischen  Momente, 
daher  bleiben  die  Erkrankungen  dort  gutartiger. 

Dr.  Hartmann  pflichtet  diesen  Ansichten  bei:  denn  es  ist  keinem 
Zweifel  unterworfen,  dass  das  Puerperalfieber  zu  gewissen  Zeiten 
häufiger  vorkommt,  ohne  dass  eine  Uebertragung  oder  Infection  dabei 


528 


Semmelweis'  Abhuidliuigeri  und  Werk  über  das  Kindbettfieber. 


denkbar  wäre.  —   und  daher   sind  für  diese  Fälle  die  Ursachen  in 
epidemischen  Einflüssen  zu  suchen. 

Dr,  Kmirhfiiss:  ..Die  atmosphärischen  und  telliirisclien  Einflussr 
besitzen  unzweifelhaft  die  Fähigkeit,  die  Individuen  zu  Erkrankungen 
zu  disponiren:  insoferne  sie  sich  bei  Wöchnerinnen  auch  geltend 
DUM  heu,  werden  diese,  wenn  sie  erkranken,  mit  grösster  Walirx  i 
lichkeit  von  einem  Puerperalfieber  befallen,  und  eine  Beziehung  zwi- 
schen dieser  Krankheit  und  den  allgemeinen  Einflüssen  ist  unl äugbar. 
Die  Krankheitsursachen  sind  entweder  allgemein  (praedisponireni 
oder  occasionell  (individuell);  die  ersteren  liegen  in  jenen  erwähnten 
Verhältnissen,  und  ihr  Effect  auf  die  Wöchnerinnen  ist  in  der  M«-In- 
zahl  der  Fälle  ein  speeifischer,  bei  andern  Individuen  aber  anders  ge- 
arteter; die  Ursache  des  Puerperalfiebers  ist  die  Infection  und  Alles, 
was  sie  erzeugen  kann." 

Dr.  Grunewald:  „Der  Begriff  des  Pnerpernlfiebers  ist  vollkommen 
unhaltbar.  Die  allgemeinen  krankmachenden  Einflüsse,  die  dem 
Erdboden  und  dem  ihn  umgebenden  Dunstkreise  innewohnen,  machen 
sich  gewiss  auch  auf  die  Wöchnerin  geltend  und  erzengen  mehr  Ode* 
weniger  sporadische  Erkrankungen  derselben,  haben  aber  noch  nie 
eine  wirkliche  Epidemie  hervorgerufen.  Alles,  was  noch  zum  Beweise 
angeführt  werden  kann,  ist  bedeutungslos  im  Vergleich  zu  den  von 
Hugenberger  gegebenen  Belegen.  Die  Einflüsse,  welche  Dr.  Etlinger 
als  epidemische  bezeichnet  hat.  müssen  auf  einzelne  Umstände  zurück- 
geführt  weiden,  die  in  der  Jahreszeit  und  in  den  von  ihr  bedingten 
diaete tischen  Einflüssen  auf  die  Wöchnerin  liegen.  Diese  erzeugen 
nämlich  Krankheiten  vorzugsweise  iu  der  Jahreszeil,  wo  z.  B.  in 
unserem  Klima  eine  gehörige  Ventilation  unausführbar  ist  und  wo 
schon  deshalb  eine  Selbstinfection  dun  h  Benetzte  Absonderungsstoffe 
besonders  leicht  zu  Stande  kommen  muss.  Werden  solche  sporadische 
Erkrankungen  auch  in  grösserer  Zahl  als  gewöhnlich  beobachtet,  so 
reichen  sie  trotzdem  noch  lange  nicht  hin,  um  den  Begriff  einer 
Epidemie  festzustellen. 

Professor  Hugenberger  schliesst  sich  der  Ansicht  des  vorigen 
Redners  im  Wesentlichen  an.  Die  genannten  Einflüsse  sind  unaus- 
weichbar  und  sie  beeinflussen  ohne  Frage  auch  den  Gang  der  Puer- 
peralfiebers, können  aber  direct  kein  Puerperalfieber  erzeugen.  Nach 
den  sich  über  15  .fahre  erstreckenden  Berichten  kann  der  \>r 
schwindend  kleinen  Zahl  von  in  der  Privatpraxis  aufgetretenen  Pner- 
peralfieberfällen  keine  beweisende  Kraft  zugesprochen  werden ;  und 
die  Vergleiche  zwischen  dem  Auftreten  der  Krankheit  in  der  Privai- 
praxis  und  den  verschiedenen  Gebäranstalten  beweisen,  dass  es  nie- 
mals Epidemien  gegeben  hat.  Die  Einflüsse  der  Jahreszeit  erklären 
sich  leicht,  wie  schon  erwähnt  winde,  und  bestehen  darin,  dass  sie 
die  Entstehung  keines  einzelnen  Falles  begünstigen  und  dem  einzelnen 
Falle  ein  besonderes  Gepräge  aufdrücken.  In  dem  Sinn,  wie  es 
Cholera-  und  Pockenepidemien  giebt,  hat  es  in  St.  Petersburg  keine 
Puerperalepideinie  gegeben.  Wollte  man  selbst  die  grösste  Sterblich- 
keit, die  in  der  Stadt  beobachtet  wurde  (17  pro  mille)  auf  eine  Epi- 
demie beziehen,  so  wäre  dies  eine  Täuschung,  weil  diese  Sterblichkeit 
nur  in  einem  Monate  vorkam,  vor  und  nach  welchem  die  Gesundheits- 
verhältnisse eine  ganz  geringe  Mortalität  aufwiesen.  Eine  Epidemie 
kann  nie  in  einem  Monat  aufhören. 

Auf  den  Einwurf  Dr.  Etlinger's.  dass  die  Statistik  der  Mortalität 


SemnielvreU'  Abhaudlungen  und  Werk  über  das  Kiudbettnelur. 


529 


keinen  Massstab  für  die  Morbiditätsverhältnisse  abgebt,  ist  zu  ent- 
gegnen, dass  das  Puerperalfieber  eine  mörderische  Krankheit  ist,  bei 
der  immer  ein  bestimmtes  Verhältniss  zwischen  leichten,  schweren 
und  tödtlichen  Fällen  obwaltet,  das  in  der  grüssten  Zahl  der  Fälle 
im  wandelbar  gleich  bleiben  wird,  so  dass  aus  den  Sterbefällen  mit 
Sicherheit  Wh  die  Erkrankungsverhältnisse  geschlossen  werden  kann. 
Wenn  in  der  Prhratpraxis  trotz  gleichzeitiger  hoher  und  höchster 
Sterblichkeit  in  den  Gebärhäusern,  nur  ein  geringer  Procentbruch 
der  Krankheit  erlag,  so  ist  das  ein  stricter  Beweis  für  die  niedrige 
Erkrankungsziffer  in  den  Privathäusern. 

Dr.  Krick  ist  ebenfalls  gegen  den  Begriff  eines  epidemischen 
Puerperalfiebers;  er  beweist  dies  schon  durch  den  Umstand  allein, 
dass  die  Höhepunkte  der  Morbidität  und  der  Mortalität  in  den  ver- 
schiedenen Gebäranstalten  einer  und  derselben  Stadt  der  Zeit  nach 
durchaus  nicht  zusammenfallen. 

Dr.  Etlinger  und  Dr.  Rauchfuss  finden  hierin  keinen  Beweis 
gegen  das  epidemische  Vorkommen,  weil  in  den  Anstalten  die  ende- 
in is« 'heu  Momente  in  dem  Masse  vorwalten,  dass  vor  den  Endemien 
die  Epidemien  gar  nicht  zu  Stande  kommen.  In  der  Privatpraxis  ist 
dies  deutlicher  zu  beobachten. 


Die  endemischen  Momente  in  den  Gebärhäusern  sind  die  faulen 
thierischen  Stoffe,  welche  seltener  durch  Selbstinfection,  in  den  überaus 
meisten  Fällen  aber  von  Aussen  her  auf  die  Individuen  übertragen, 
die  grosse  Mortalität  daselbst  verursachen.  Wenn  Massregeln  ge- 
troffen werden,  wodurch  die  Uebertragung  des  faulen  thierischen 
Stoffes  in  die  Organismen  verhindert  wird,  dann  wird  auch  die  grosse 
Sterblichkeit  verhütbar  sein  und  es  werden  die  endemischen  und 
epidemischen  Momente  schwinden.  Wenn  sich  Etlinger  und  Rauchfuss 
auf  Epidemien  in  der  Privatpraxis  berufen,  weil  diese  sich  da  deut- 
licher beobachten  lassen,  .so  berufen  sie  sich  auf  etwas,  was  in  der 
Privatpraxis  gar  nicht  vorkommt. 

Bekanntlich  werden  die  Gebärhäuser  beim  Auftreten  grösserer 
Sterblichkeit  geschlossen.  In  Folge  dessen  bleiben  die  ausserhalb  der- 
selben Gebärenden  gesund,  und  zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil 
die  Individuen  in  der  Privatpraxis  nicht  als  Unterrichtsobjecte  dienen, 
wogegen  in  den  Gebärhäusern  durch  die  fortwährenden  Explorationen 
den  Wöchnerinnen  leicht  ein  fauler  thierisclier  Stoff  eingeflösst  wird. 


Dr.  Hugenberger.  „Giebtes  überhaupt  ein  epidemisches  Puerperal- 
fieber, so  muss  es  dort  am  meisten  vorkommen,  wo  die  meisten  Wöch- 
nerinnen zusammenliegen,  und  folgerichtig  muss  die  grösste  Sterblich- 
keit stets  in  den  Gebärhäusern  stattfinden.  Das  ist  constant  nicht 
geschehen,  und  darin  liegt  der  Beweis,  dass  nicht  allgemein  wirkende, 
sondern  nur  locale,  dem  Hause  oder  dem  Zimmer  anhaftende  Momente 
die  Erkrankung  erzeugten." 

Dr.  Wrangell  spricht  nur  von  den  Erfahrungen  in  der  Privat- 
praxis und  diese  haben  ihn  gelehrt,  dass  zu  gewissen  Zeiten,  ohne 
nachweisbare  Ursachen,  mehr  Wöchnerinnen  erkranken.  Er  sucht 
den  Grund  davon  in  allgemein  wirkenden  Verhältnissen,  ohne  angeben 

Semmelweis"  gesammelte  Werke.  &4 


.-,:>,<  i 


-'■iiii  Uüjtinclluiiijeii  uinl  Werk  über  du  Kindbettfieber 


zii  können,  worin  sie  bestehen,   und   ohne  aus  ihnen  auf  eine  ver- 
breitete Epidemie  schliessen  zu  wollen. 

Dr.   Arneth:   ..Die   Erfahrungen  der  Privatpraxis   lassen  den  in- 

tösen  oder  sporadischen  Ursprung  eines  Krankheitsfalles  im! 
Sieberhett  aufweisen,  als  die  Spitalpraxis  trotz  ihres  grösseren  Mate 
bei  welchem  die  endemischen  Einflüsse  eine  grosse  Roll«-  spielen.    Dei 
stricte  Beweis  für  die  Richtigkeit  einer  oder  der  anderen  besprochenen 
Ansicht  ist  vielleicht  überhaupt  nicht  zu  führen.    Die  von  Dr.  Kii 

■•neu  Fälle,  denen  er  epidemischen  Ursprung  zuspricht,  können 

i  schwerlich  als  beweisend  gelten,  denn  Eist  ausschliesslich  glück- 
lich endende,  nahezu  immer  leicht  verlautende  Fälle  dürfen  ante 
Rubrik  Puerperalprocess  keinen  Platz  finden." 

4te  Frage.  Wurde  von  den  Anwesenden  beobachtet,  dass  d&i 
Puerperalfieber  häutig  gleichzeitig  mit.  dem  Herrseben  von  Erysipelas 
und  Diphteritis  auftritt? 

Dr.  Etlinger  hat  das  nie.  in  auffallendem  Maasse  gesehen ;  das 
Puerperalfieber  eoineidirt  mit  allen  )  in  »glichen  herrschenden  Krank- 
heiten, scheint  aber  durchaus  an  keine  bestimmte  form  einer  solchen 
geknüpft.    Ist  der  Krankeitsgenius  im  Allgemeinen  gutartig,   u  rer- 

I  auch  das  Puerperalfieber  leichter,  und  umgekehrt  wird  ea 
artiger,  wenn  alle  herrschenden  Krankheiten  einen  schlimmen  Gharacter 
haben:  und  dieser  l'mstand  spricht  wieder  für  den  Einfluss  der  alt- 
genifiii.  n  cosmischen  Verhältnisse.  Dieser  Einflnss  kann  nicht  über- 
sehen und  gelSugnet  werden,  wenn  auch  zugegeben  werden  mnss.  daSi 
wirkliche,  verbreitete  und  tödtliche  Pnerperalfieber-E^ideanien 
jenen  nicht  erzengi  werden, 

Dr.  Arneth:  In  Wien  liegt  die  liebäranstalt  mitten  im  allgemeinen 
Krankenliause  und  giebt  daher  vorzügliche  Gelegenheit,  dass  das  Puer- 
peralfieber mit  Erysipelas  und  andern  Krankheiten  zu  gleicher  Zeil 
aul'tv. 

Die   Menge  der  Paerperalfleber-Erkranknngen    in    der   Wiener 
Gebäranstalt    hat  dem  Redner  die  I  eberzeugung  aufgedrängt, 
diese  Krankheit  nicht  epidemischen  Ursprunges  ist.  sondern  von 

len  abhängt,  welche  unschädlich  zu  machen  mehr  oder  wen 
in  unserer  Macht  steht.  In  einzelnen  Fällen  ist  es  bisweilen  unm«"g- 
lieh  nachzuweisen,  woher  die  Iniectioii  rührt,  da  sie  eine  Menge  an* 
controllirbarer  Wege  hat.  Die  L"eberwachung  der  .Schüler,  der  Schüle- 
rinnen, '\t>  Wärterpersonals  ist  unmöglich  vollkommen  durchzufahren, 
nichl  zu  gedenken  aller  anderen  Möglichkeiten  der  Intection.  Die  Er« 
fahrung,  die  Dr.  Martin  an  der  gut  eingerichteten  Münchener  Gebär- 
klinik Di  •  sich  als  Krankheitsursache  die  ohne  sein  W 
und  gegen  die  Ordnung  des  Eanses  in  den  Abort  geworfener  Placentea 
als  Kiankheitsursathe  offenbarten,  ist  eine  eindringliche  Lehre,  wie 
vorsichtig  wir  mit  dem  Namen  Epidemie  sein  müssen,  wenn  wir  die 
der  Krankheit  nicht  ermitteln  können.  Schliesslich  fordert 
Dr.  Arneth  die  Anwesenden  auf,  sich  der  Chlorwaschungen  zu  be- 
dienen; die  Befolgung  dieses  Vorschlags  wird  von  Allen  als  zweck- 
mässig anerkannt 


Erfahrungen  der  englischen   Aerzte  alter  das  durch  Ei 
verursachte  Kindbettfieber. 

dal  in  Sheffield  behandelte,  einen  jungen  Mann  an  einer  off 


Semmelweis*  Abhandlungen  nwi  Werk  ii Wr  das  Kindbetfcfietar, 


531 


Leisteagesebwulst,  mit  einer  bösartigen,  rosenartigen  Entzündung  des 
Hodensackes  und  der  Hinterbacken  Er  verband  den  Kranken  täglich 
selbst,  bis  dieser  endlich  starb.  Während  Reedal  dieses  Individuum 
behandelte,  vom  So.  October  bis  3.  November  1893.  erkrankten  fünf 
Wöchnerinnen,  welchen  er  bei  der  Geburt  beigestanden  am  Kindbett- 
Heber  und  starben.  Er  besuchte  diese  Unglücklichen  last  unmittelbar 
nach  dem  Verbinden  des  vorgenannten  jungen  Mannes.  Nach  dem 
Tode  dieser  fünf  Krauen  gab  er  seine  Besuche  bei  den  jungen  Manne 
auf,  weil  er  verrauthete,  dass  er  die  Infection  der  Frauen  \  i  i 

SleigAt  in  Hüll,  meldet,  dass  er  ein  Individuum  an  gangi 
Erysipel«  behandelte;  von  seinem  Krankenbette  wurde  er  einmal  zu 
einer  leichten  und  normalen  Geburt  geholt:  dir  Frau  erkrankte  nach 
20  Stunden  am  Kindbettfieber  und  starb   daran   nach  Ablauf  von  IN 
Stunden, 

Hardey,  gleichfalls  in  Hüll  wohnend,  behandelte  einen  Ansoess 
der  Brust,   hatte    im  leti    Monht  20  Geburtsi'älle,   wovon  7  mit 

tüdtlichem  Ausgang. 

Storrs  leistete  am  8.  Jänner  1H41  bei  einer  Geburt  Beistund;  am 
selben  Tage  war  er  auch   bei   einer   Frau  beschäftigt,  die  an 
graenescirendein  Rothlauf  litt:  beide  Frauen  bedienten  sich  derselben 
Wärterin;  die  Zuerstgenannte  starb  ;mi  Puerperalfieber. 

Zahlreiche  ähnliche  Fälle  könnte  ich  aufweisen;  diese  4  Fälle 
aber  geniigen  um  zu  beweisen,  dass  der  Rothlauf  und  das  Puerperal- 
fieber nur  dann  zur  nämlichen  Zeit  auftreten  können,  wenn  der  Ge- 
burtshelfer zur  nämlichen  Zeit  gangraeneseirendes  Erysipelas  behan- 
delt, durch  welch'  -  das  Puerperalfieber  in  Folge  von  Uebertragung 
des  zersetzten  Stoffes  entsteht. 

Wenn  \nn-rh  sagt  dass  das  Wiener  Gtebarbaus  mitten  im  allge- 
meinen Kraukenhause  liegt  und  er  trotzdem  niemals  normaler  Weise 
oder  auch  nur  öftere  Male  das  Herrschen  von  Rothlanf  und  Kind- 
bettheber zu  gleicher  Zeit,  beobachtete,  so  r  örund  davon  darin, 
dftflfl  im  allgemeinen  Krankenhause  und  auf  der  Gebärklinik  nicht  der- 
selbe Arzt  thätig  ist,  woraus  folgt,  dass  der  vom  hVithlauf  herrührende 
zersetzte  Stoff  auf  die  Wöchnerinnen  der  Gebärklinik  nicht  übertrafen 
werden  kann. 


In  der  Sitzung  vom  1.  Februar  1862  wurde  ein  von  Dr.  Tarnoffsky 
ausgearbeiteter  Entwurf  unter  dem  Titel:  „Regeln  für  die  Heb- 
ammen in  l.'ussland"  verlesen:  dieser  Entwurf  wurde  der 
für  Geburtshilfe  des  Vereins  St..  Petersburger  Aerzte  zur  Begutachtung 
übersendet,  und  zur  Prüf  not;  einer  < 'onmiission  von  .">  Mitgliedern  über- 
geben. Nach  Verlesung  und  Annahme  des  Protocolls  der  letzten 
Sitzung  fördert  der  Vorsitzende  diejenigen  Herren,  die  dieser  Sitzung 
nicht  beigewohnt  haben,  auf.  ihre  Ansichten  über  die  dort  besprochenen 
Fragen  zu  äussern. 

Dr.  Schmidt:  Die  endemischen  Einflüsse,  welche  sich  local  in  den 
0ebärb&usem  entwickeln,  spielen  in  der  WeiterverbreiUrng  des  Puer- 
peralfiebers unläugbar  eine  sehr  grosse  Bolle;  daneben  üb«  n  am  h  die 
atmosphärischen  und  cosmißehen  Momente  ihre  Einflüsse  ans,  die 
ohne  Frage  die  Praedisposition  zur  Erkrankung  geben.  Dies  bezeugen 
die  in  St.  Petersburg  und  München  vor  und  nach  Choleraeptdemien 
gemachten  Beobachtungen,  wonach  zu   solchen  Zeiten  das  Puerperal« 

34" 


682 


SeuiiiieU.'i-;"  Abtaadhmgen  uud  Werk  über  da*  KindbetGSfibef. 


lieber  besonders  heftig  und  häutig  auftrat.  Die  richtige  Deutung 
dieser  Thatsache  dürfte  die  sein,  das  dieselben  allgemeinen  Einfli 
welche  die  Cholera  erzeugen.  auch  das  Blut  der  AVüchnerinnen  n 
specifischer  Weise  verändern,  oder  eine  solche  Blutmischung  hervor- 
bringen, die  das  Individuum  zu  puerperalen  Erkrankungen  geneigt 
macht 

Dr.  Zimmermann:    Auch  der  Umstand,  dass  Cholera  und  Wechsel- 
fieberepidemien  zur  selben  Zeit  auftreten,  spricht  dafür,  dass  gewis- ED 
allgemeinen  Einflüssen  die  Kraft  innewohnt,  bestimmte  characterB 
Krankheitsformen  und  ihre  Writn  Verbreitung  in  grosser  Zahl  zu  er* 
zengm 

Dr.  Hugenberger:  Das  in  8t.  Petersburg,  München  und  Trier 
beobachtete  Factum,  dass  an  die  Clioleraepidemien  sich  häufige  Puer- 
peralerkrankungen  anschlössen,  ist  nicht  anzufechten;  es  mochte  aber 
doch  richtiger  sein,  demselben  eine  ander.'  Deutung  zu  «.■<  s  die 

von  Dr.  Schmidt  angeführte.  Die  an  Cholera  erkrankten  Schwange- 
ren wurden  in  grosser  Zahl  an  die  Gebärhäuser  überführt,  starben 
dort  fast  alle  und  ihre  Leichen  wurden  secirt.  Die  Ausleerungen  der 
Kranken,  die  vom  Leichenzimmer  aus  übertragenen  Infi  tonn  iu«-n  um] 
festen  Bestandteile  sind  die  Träger  des  Leichengiftes;  beide  siud 
deutlich  krankheiterzeugende  Momente,  die  den  mit  der  Cholera  in 
Verbindung  gebrachten  epidemischen  Momenten  gegenüber  erweislich 
viel  wirksamer  sind.  Die  mit  der  Cholera  zugleich  durch  cosmische 
Einflösse  erzeugte  Hlntentmisehung  bleibt  eine  durch  wenig  Gründe 
gestützte  Hypothese,  während  die  mit  den  Cholerafallen  zusammen- 
hangenden inficirenden  Momente  keines  Beweises  bedürfen.  Durch 
jene  kann  der  epidemische  Charakter  des  Puerperalfiebers  nicht  be- 
wiesen werden,  dnrch  letztere  aber  in  den  meisten  Fällen  der  infec- 
tiöse  Charakter  desselben. 

Dr.  Grunewald:  Am  entschiedensten  verliert  die  Ansieht. 
das  gleichzeitige  Auftreten  von  Cholera  und  Puerperalfieber  den  epi- 
demischen oder  von  atmosphärischen  Einflüssen  abhängigen  Charakter 
letzterer  Krankheit  beweist,  ihre  Stütze  durch  die  von  Pettenkofer 
und  Delbrück  (Niemeyer.  Lehrbuch  der  spec.  Pathologie  und  Therapie. 
IL  Bd.  2.  Abth.  Seite  628)  festgestellte  Thatsache,  wonach  die  Cholera 
eine  Infectionskrankheit  ist,  die  keineswegs  in  Folge  atmosphärischer 
Einflüsse  entsteht,  sondern  unbestreitbar  durch  die  Dejectionen  der 
Erkrankten  erzeugt  und  weiterverbreitet  wird.  In  vielen  Fällen 
wurde  nachgewiesen,  wie  die  Krankheit  sprungweise  in  einzelnen  an 
den  grossen  Yerkehrsstrassen  gelegenen  Orten  auftrat,  dazwischen 
liegende  verschonte,  sich  ausschliesslich  in  den  Städten  und  längs  der 
Landstrassen  zeigte,  in  denen  die  Aborte  von  Cholerakranken  benutzt 
wurden  u.  s.  w.  Dasselbe  muss  auch  von  den  anderen  Krankheit  so 
gelten,  die  wie  Typhus,  Pocken.  Scharlach  u.  s.  w.  in  dem  gebräuch- 
lichen Sinne  als  epidemische  bezeichnet  wurden,  uud  die  heute  zu- 
gleich als  Infectionskrankeiten  gelten. 

Dr.  Etlinger :  Es  kommt  vor  Allem  darauf  an,  was  Puerperalfieber 
genannt  werden  soll.  Hechnet  man  z.  B,  dazu  nur  die  schweren 
Formen,  so  gibt  die  Infection  das  Causalmoment,  sei  sie  endemisch 
oder  aber  Selbstintection,  und  dann  lässt  sich  gegen  Semmel  weis' 
Theorie  gar  kein  Einwand  erheben.  Sollen  aber  auch  die  leichten 
Formen  mit  dazu  gehören,  die  durch  Hinzutritt  endemische]-  Momente 
sofort  den  bösartigen  <  hai -akter  annehmen  können,  so  muss  die  Ent- 


Semmel  weis'  AMnndtaBgen  onä  Werk  über  Jus  Kbidbeuäeber. 


Ö33 


Stellung  dieser  leichteren  Formen  einer  herrschenden  Praedisposition 
zugeschrieben  werden,  die  von  den  gewöhnlich  epidemisch  benannten 
Verhältnissen  hervorgerufen  wird.  Wenn  im  Hebammeninstiture 
Leichtere  Formen  geherrscht  hatten,  so  folgten  sehr  oft  auf  sit-  BChwerere, 
wenn  nicht  durch  Einleitung  energischer  Schutzmassregeln,  Desin- 
feetion  der  Räume  und  Instrumente,  Absonderung  der  Krauken  u.  B.  W, 
den  leichteren  Fällen  ein  Damm  gesetzt  wurde.  Fast  innner  aber, 
wenn  in  der  Anstalt  schwere  Puerperalfieber  herrschten,  liess  sich 
nachweisen,  dass  sie  angekündigt  waren  durch  häufige  leichtere 
Sr-Uungen  des  Wochenbettverlaufs,  die  darin  bestanden,  dass  bei  den 
meisten  Entbundenen  einige  Tage  lang  ein  frequenter  und  erregter 
Puls  beobachtet  wurde.  Zu  günstigen  Zeiten,  wo  diese  Erscheinungen 
nicht  obwalteten,  verliefen  die  —  sogar  eingreifenden  —  Operationen 
zum  allergrössten  Theil  ohne  alle  folgende  Störungen  im  Wochenbett, 
während  bei  herrschender  Krankheitsdisposition  und  beim  heftigsten 
Auftreten  der  Krankheit  die  meisten  Operirten  den  schlimmsten  Folge- 
etsilieinungen  ausgesetzt  waren.  Schon  seit  dem  .lahre  1846  handelte 
der  Redner  als  Vorstand  der  Entbindungsanstalt  in  dem  Sinn,  in 
welchem  Dr.  Semmelweis'  erste  Veröffentlichungen,  die  1  oder  2  .lahre 
später  bekannt  wurden,  geschrieben  waren;  er  schloss  die  Anstalt, 
um  das  daselbst  endemische  Puerperalfieber  zu  bannen,  dessen  Ent- 
stehungsheerd  er  in  jeder  einzelnen  dort  liegenden  kranken  Wöclmerin 
erkannte.  Die  Krankheitsursache  der  gewöhnlich  leicht  verlaufenden 
Fälle  glaubt  er  in  atmosphärischen  und  tellurischen  Momenten  suchen 
zn  müssen. 

Dr.  Hugenberger:  Bei  der  Zusammenstellung  aller  von  1845  bis 
1860  im  Hebammen-Institute  beobachteten  puerperalen  Erkrankungen 
ist  für  jede  der  in  dieser  Zeit  vorgekommenen  10  Epidemien  genau 
nachgewiesen,  dass  sie  ihre  Entstehung  von  einem  bestimmten  Falle 
genommen  haben,  der  durch  pathologischen  Verlauf  der  Geburt  oder 
durch  schon  in  der  Schwangerschaft  entwickelte  krankhafte  Vorgänge 
inlicirende  Stoffe  in  das  Gebärhaus  geschleppt  hatte.  Allen  <iirs.ii 
10  Epidemien  waren  keine  leichteren  Erkrankungen  vorhergegangen. 
Andererseits  wurde  oft,  und  noch  gerade  in  der  jüngsten  Vergangen- 
heit beobachtet,  dass  nach  einer  pathologischen  Geburt  einzelne 
leichtere  oder  schwerere  Puerperalprocesse  sporadisch  auftraten,  die 
jedoch  keine  Epidemie  nach  sich  zogen,  wenn  die  gehörigen  Schutz- 
massregeln  angewendet  wurden.  Dort,  wo  zahlreiche  schwere  Puer- 
peralprocesse auftraten,  fällt  auf  sie  auch  immer  eine  gewisse  Quote 
Leichterer  uud  umgekehrt;  beide  gehören  derselben  Krankheit  an, 
und  so  ist  auch  die  Febricula  von  den  andern  Formen  nicht  zu 
trennen,  indem  sie  auf  den  nämlichen  Bluterkrankungen  beruht. 

her  Vorsitzende  wendet  sich  an  Dr.  Schmidt,  den  Vorstand  der 
Gebäranstalt  des  Erziehungshauses,  mit  der  Frage,  ob  auch  er  die 
Beobachtung  machte,  dass  schwere  Erkrankungen  von  zahlreich  auf- 
tretenden leichten  angekündigt  wurden? 

Dr.  Schmidt:  Das  wurde  beobachtet  und  spricht  ebenso  für  die 
epidemische  Entstehung  und  Verbreitung  der  Krankheit,  wie  der  I  in- 
stand, dass  das  Puerperalfieber  zu  verschiedenen  Malen  in  mehreren 
Ländern  gleichzeitig  wnthete.  Auch  die  Thatsache  gehört  her,  dass 
in  derselben  Anstalt  zuweilen  ohne  nachweisbaren  Grund  ein  Theil 
der  Wöchnerinnen  erkrankt,  ein  anderer  Theil  gesund  bleibt.  Wenn 
die  Infection  eine  so  grosse  Rolle  spielt,  wie  kommt  es,  dass  oft  von 


Ji  inraelweis'  Abhandlungen  und  Werl  über  das  Kindbetttieber. 

vielen,  der  Etlfection  in  gleichem  Maasse  ausgesetzten  Individuen  ein 
grosser  Theil  gesund  bleibt?  Der  Redner  führt  Ähnliche  merkwürdige 
Beispiele  aus  seiner  eigenen  Praxis  ;m. 

Dr.  Arneth:  Die  beiden  angeführten  Umstände  wurden  schon  in 
der  früheren  Sitzung  besprochen.  Die  epidemischen  Momente  dauern 
immer  durch  eine  Längere  Zeit  an  und  hören  nicht  plötzlich  auf  wirk- 
sam zu  sein.  Wenn  eine  gewisse,  nicht  grosse  Zahl  von  Wöchne- 
rinnen der  Reihe  nach  in  kurzer  Zeit  erkrankt,  und  dann  die  Er- 
krankungen plötzlich  aufhören,  so  spricht  das  allein  schon  gegen  den 
epidemischen  Ursprung  dieser  Fälle.  Viel  näher  liegt  die  Ursache, 
dass  im  Gebärzimmer  inficirende  Stoffe  vor  kurz« -r  Zeit  wirksam 
waren,  nach  deren  Entfernung  auch  ihre  Wirkung  aufhörte.  Betreffs 
der  Immunität  ist  zu  bemerken,  dass  sie  auch  gegenüber  sehr  conta- 
iii Ösen  Krankheiten  häufiger  beobachtet  wurde,  und  daher  Dichte 
gegen  die  Contagiosität.  resp.  Intectiosität  der  betreffenden  Krank- 
lieitstbrmen  beweist. 


Wenn  Dr.  Schmidt  darin,  dass  das  Puerperalfieber  in  mehreren 
Ländern  gleichzeitig  wiit.hete.  einen  genügenden  Beweis  dafür  erblickt. 
dass  diese  Krankheit  in  Folge  von  epidemischen  Einflüssen  entstellt  mni 
sich  weiter  verbreitet,  so  ist  dies  ein  Irrthum,  namentlich  wenn  er  damit 
die  Bevölkerung  der  verschiedenen  Länder  versteht.  Wenn  aber  da- 
mit die  Gebärhäuser  der  verschiedenen  Länder  gemeint  sind,  in  denen 
das  Puerperalfieber  wüthet,  iu  diesem  Falle  ist  die  Thatsache  wahr. 
und  die  Erklärung  hiefür  liegt  darin,  dass  in  den  Gebiirhäusern  der 
verschiedenen  Lander  zur  nämlichen  Zeit  ein  zersetzter  thiei-isch^r 
Stoff  auf  die  Iudividuen  übertragen  wird.  Dass  dies  nicht  einem  epi- 
demischen Einflüsse  zuzuschreiben  ist,  wird  dadurch  bewiesen,  dass 
wenn  zum  Zwecke  des  Niederschlagen»  der  Puerperalfieber-Epidemie 
die  Gebärhäuser  geschlossen  werden,  die  ausserhalb  derselben  im 
Lande  vorhandenen  epidemischen  Einflüsse  sich  nicht  auf  denjenigen 
Ort  erstrecken,  in  der  das  Gebärhaus  existirt.  Im  Gebärhause  \\ . 
die  Schüler  unterrichtet,  und  durch  diese  wird  der  zersetzte  t  Mensche 
Stutt'  auf  die  Wöchnerinnen  übertragen.  Wird  aber  das  Gebarhaas 
geschlossen,  so  gebären  die  Individuen  in  der  Stadt,  wo  keine 
träge  gehalten  werden,  und  so  geschieht  es,  dass  die  Wöchnerinnen 
gesund  bleiben. 


Prof.  Kieter  behält  sich  auf  Anfrage  des  Vorsitzenden  vor  seine 
Meinung  über  den  besprochenen  Gegenstand  in  der  nächsten  Sitzung 
zu  äussern. 

Prof.  Zdekauer:  Um  den  Begriff  einer  Epidemie  im  gewöhnlichen 
Sinne  festzustellen,  muss  eine  als  solche  auftretende  Krankheit  einen 
normalen  Verlauf  haben,  charakterisirt  durch  intensive  und  acute 
Zunahme  des  Krankheitsprocesses,  insoweit  dieser  eine  grosse  Mt 
von  Individuen  unter  den  verschiedensten  Lebensverhältnissen  ergriffen 
hat:  und  zweitens  muss  die  Epidemie  nicht  bloss  über  ein  Gebäude 
oder  Bitte  Stadt,  sondern  über  einen  grösseren  Territorialbezirk  Biet 
erstrecken.  Bei  jeder  Epidemie  kommen  schwerere  und  leichtere 
Fälle  vor.  Diese  Bedingungen  fehlen  bei  den  als  solche  qualifk 
Puerperalrieber'Epidemien.  Auch  fällt  der  Umstand  schwer  ins  Ge- 
wicht, dass  die  leichteren  Puerperalerkrankungen  mehr  in  der  Privat- 


Semnieliratf  AbhtmHnngcn  umi  Werk  ühtr  das  Kiwlben  lieber. 


536 


praxis  als  in  den  Gebäranstalten  vorkommen.     Wo   das   der  Fall  ist. 
kann  nie  von  einer  Epidemie  die  Rede  sein. 

In   der  Sitzung  vom   1.  März  1862   verlas  Dr.  Tamoftsky  Beinen 

der  Cunimission  diirchgeprttften  Entwurf  der  „Regeln  für  die  Heb- 
ammen in  Russland/'  Derselbe  wurde  von  der  Sectios  für  zweckmässig 
erkannt  und  der  Medicinalverwaltung  zur  Annahme  empfohlen.  Von 
allgemeinem  Interesse  ist  darin  ein  Punkt,  der  es  den  Hebammen  zur 
Pflicht  macht,  ihre  Hände  und  Instrumente  mit  Chlnrwasser  zu  des- 
infiriten.  wenn  sie  mit  Kranken  zu  thun  hatten,  die  einen  zersetzten 
thiet ischen  Stoff  prodnciren. 

in  derselben  Sitzung"  wurde  ausserdem  über  die  Prophylaxe 
Puerperalfiebers  verhandelt,   und    danach   die  Ventilation    besprochen. 

In  der  Sitzung  vom  6.  April  1862  wurden  die  Verhandlungen  über 
die  Prophylaxe  des  Puerperalfiebers  fortgesetzt 

Dr.  Arneth  führt  die  einzelnen  prophylactisch  gegen  das  Puer- 
peralfieber angewandten  Mittel  und  Massregeln  an  und  fordert  die 
Anwesenden  zur  Meinungsäusserung  auf.  Vor  Allem  ist  die  wichtigste 
Scbtttzmassregel  in  dem  Hau,  in  der  Einrichtung  und  der  Benutzung 
der  GebSrn&ttser  gelegen,  und  es  wäre  nun  die  Frage  zu  entscheiden, 
welche  Regeln  in  dieser  Beziehung  zu  befolgen  seien?  Ausserdem 
winden  und  werden  prophylactisch  in  Anwendung  gebracht:  die 
Waschungen  mit  Chlorwasser,  die  Ventilation  der  ßelegräume,  die 
fi.'Miiirriinn  derselben,  der  Wäsche  ini<l  Utensilien  mittelsl  inwendung 
hoher  Temperaturen ;  innerlich  wurden  gebraucht  und  empfohlen:  das 
Eisen.  Chinin.  Antimon;  endlich  glauben  einige  Aerzte  durch  Venae- 
se.  t innen  der  Entstehung  der  Krankheit  vorzubeugen. 

Prof.  Hugenberger  befürwortet  die  Theilung  des  Gebärhauses  in 
zwei  gesonderte  Stockwerke,  in  denen  so  viel  Platz  sein  soll,  dass  jeder 
belegt  gewesene  Raum  eine  gewisse  Zeit  lang  frei  bleiben  und  gründ- 
lich gereinigt  werden  kann,  bevor  neue  Wöchnerinnen  darin  gebettet 
wilden.  Ferner  soll  durch  diese  Theilung  eine  sorgfältige  Absonde- 
rung der  Kranken  von  den  Gesunden  ermöglicht  werden  und  zwar 
so,  dass  die  erstem!  einzeln  in  kleinere  Zimmer  Belagert  uvnlen 
können.  Auch  das  Wartepersonal  darf  ganz  ausschliesslich  nur  mit 
seinen  eigenen  Pflegebefohlenen  in  Berührung  kommen.  Gehörige 
Grösse  der  Räume  mit  der  zweckmässigsten  Ventilation  ist  uuerläss- 
liches  Erforderniss. 

Dr.  Arneth:  Seyfert  in  Prag  sondert  die  kranken  Wöchnerinnen 
nicht  ab,  sondern  lässt  sie  unter  den  Gesunden  liegen,  weil  die  Trans- 
ferirung  in  besondere  Zimmer  den  Kranken  in  Folge  des  moralischen 
Einflusses  einer  solchen  Massregel  schadet.  — Säinmtliche  Anwesende 
erklären  sich  gegen  ein  solches  Verfahren  und  sprechen  sich  dahin 
aus,  dass  alle  gegen  das  Puerperalfieber  gebrauchten  inneren  Mittel, 
sowie  auch  die  Venaesectionen  ganz  zwecklos  sind. 

Dr.  Schmidt:  Das  Wochenzimmer  soll  nicht  mehr  als  4  Betten 
enthalten,  weil  eine  grössere.  Anzahl  Wöchnerinnen  in  einem  Zimmer 
beisammen  gefährlich  ist 

Dr.  Arneth:  Dieser  Grundsatz  bewährt  sich  seit  einigen  Jahren 
im  Dubliner  Gebärhause,  in  welchem  nie  mehr  als  4—6  Wöchnerinnen 
in  einem  Zimmer  liegen;  zu  jedem  einzelnen  Säle  gehören  1—2  ge- 
sonderte Betten  behufs  der  Absonderung  der  Kranken.  Die  Sterblich- 
keit in  jener  Anstalt  beträgt  etwa  1  ",,. 


536 


Semmelweis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Kindbettrieh*-)-. 


Die  Sterblichkeit  im  Dubliner  Geb&rhwrae  war  vom   1   Jioner 
1757  bis  Ende  December  1854,  also  im  Verlaufe  von  98  Jahren,  die 

folgende : 


Während  Jahren 

..M 

10 
2 


Wöchnerinnen 
88,918 
B4JBB 
19,284 

3.121 


Todre 
«47  « 
826  „ 
484    , 
102    „ 


0.69 ' 
1.54 

3.26 


oder  1  Wüchueriu  von 
1  ja  toi 

»  *■■**      ui 

«•■foi 


98 


169,623 


2059  =  1.21 


827M/t( 


Die  Sterblichkeit  an  der  Wiener  Gebäranstalt  war  vom  16.  August 
1784  bis  Ende  December  1860,  also  während  77  Jahren,  die 
folgende : 


Während  Jahren     Prct.-Anth.     WöYhii.-riinien     Todte 


oder  1  Wüchnerin  von 


■2b 
11 

0 
1 

44,K38 
:i7.698 

273  —  0.60  % 

400    „    1. 

164 

so*«* 

11 
6 
4 
ö 
2 
4 

2 
3 
4 
5 
6 
7 

82,241 

17,935 
13,483 
16,233 
5,845 
ll,i?  IJ 

767    .    2.37  „ 

mn  .,   :;,;,.  .. 
619    „    4.00 
865   .   & 
463    ,    67.; 
85fi    „    7.61  „ 

42":,; 

»l*%i 
14«« 

13" 

4 

8 

11.170 

955    „    BJ 

3 

1 
1 

9 
11 
15 

10,1)47 
4.010 
3,287 

m  „  9.13  „ 

449   „VUR% 

„  15.79  .. 

glTI 

77 

199,033 

7783  -      .;  19 

25*u 

Prof.  Hugenberger  und  Dr.  Krick  halten  es  für  nöthig,  dass 
zwischen  diesen  kleineren  Zimmern  und  den  Wochenzimmern  gar  keine 
directe  Verbindung  bestehe. 

Prof.  Kieter  theilt  seine  Erfahrungen  über  9  Jahre  mit.  Er  hält 
die  Bezeichnung  Puerperalprocess  für  entsprechender  als  Puerperal- 
fieber (der  wirklich  entsprechende  Name  ist  Resorptionsfieber),  und 
legt  an  alle  hieher  gehörigen  Vorgänge  einen  weiten  Massstab. 
Ans  diesem  Grunde  vielleicht  hat  er  im  Vergleich  zu  Andern  mehr 
Erkrankungen.  Die  Zahl  der  Geburten  in  der  Klinik  ist  gering  und 
vertheilt  sich  auf  9  Jahre  wie  folgt: 

Im  Schuljahre        Geburten        Sterblichkeit 


1849-50 
1850—51 
1851-52 
1852-53 
1853-54 
1854-55 
1855—56 
1856-57 
1857-58 


66 
78 
53 
69 
65 
62 
78 
67 
67 


Percent- An  Lh'-il 

9.09 

3.84 

3.86 
11.69 

7.69 

9.67 

8.97 

7.46 
11.94 


also  es  starb 
1   Wiirbnenn   vnn: 
11 


IT, 

3 


605 


46 


7.60 


18% 


Von  diesen  46  Todesfällen  sind  25  die  Opfer  des  Poerperalpro- 
cesses  d.  i.  4,13%,  mithin  1  von  Mf*/Wj  21  Individuen  starben  an 
anderen  Krankheiten,  als  Pneumonie,  Pleuritis,  Typhus,  Cholera, 
Variola,  Ecclampsie,  Ruptura  uteri  u.  s.  w. 


Semmel  weis'  Abhandlungen  und  Werk  über  das  Ktndbettfieber. 


537 


Im  Ganzen  erkrankten  am  Puerperalprocess  (am  Resorptiunstieber) 
605  Wöchnerinnen  72,   d.  i.   11,90  %,  mithin  1  von  821/72;  von 

ihnen  starben  25,  d.  h.  4.13%,   mithin  1   von  2;V  , , ;   es   genasen  47. 

Hieraus  ergaben  sich  folgende  Procentverhältnisse  : 

Von  sämmtlichen  Wöchnerinnen  starben  7,60  "/,„  d.  i.  1  von  137/.„. 


!Es  erkrankten  am  Puerperalprocess  (Resorptiousfieber)  11,90  %,  d.  i. 
1  von  8*1/™ ;  es  starben  am  Puerperalprocess  4,13  "/„,  d.  i.  1  von  24%9. 


der  Vortragende  verschiedenen  Umständen  zu.  Er  führt  an,  dass 
1.  die  Localität  der  Gebärklinik  in  jeder  Beziehung  unzweckmäßig 
und  schlecht  gelegen  sei.  inmitten  eines  grossen  Krankenhauses,  mit 
Räumen,  in  denen  die  Ventilation  unzweckmässig  ist  n.  s.  w.;  2.  ist 
die  Anstalt  nur  im  Herbst  und  Winter  (vom  September  bis  Mai)  ge- 
öffnet; 3.  sie  wird  durch  eine  grosse  Anzahl  von  Studirenden  besucht 
und  hiedurch  wird  die  Luft  verdorben;  4.  die  Studirenden  kommen 
nus  den  anatomischen  Vorlesungen  und  vom  Secirtisch;  5.  die 
Schwangeren  werden  sehr  viel  untersucht;  6.  die  in  die  Anstalt  auf- 
genommenen Schwangeren  gehören  den  niedersten  Volksclassen  an, 
die  unter  den  ungünstigsten  hygienischen  Verhältnissen  leben; 
7.  werden  gerade  die  schlimmsten  uud  am  meisten  vernachlässigten 
Geburten  aus  der  Stadt  in  die  Klinik  gebracht;  oft  kommen  die  Ge- 
bärenden schon  sterbend  hin;  8.  werden  die  Verstorbenen  von  dem 
Professor  und  dem  Assistenten  secirt. 

Diesen  Umständen  ist  es  zuzuschreiben,  dass  kein  Jahr  verging, 
in  welchem  das  Puerperalfieber  nicht  geherrscht  hätte.  Epidemien 
indessen,  d.  h.  Erkrankungen  mehrerer  Wöchnerinnen  in  einem  ver- 
hältnissmässig  kurzen  Zeitraum,  kamen  nur  in  2  Jahren  vor  und 
machten  die  Schliessung  der  Anstalt  nothwendig.  Da  das  in  der 
strengsten  Winterkälte  geschah,  konnten  die  Räume  durch  Frost  des- 
inficirt    werden,    und   nach    ihrer   Wiedereröffnung    kamen    nur  ver- 

t einzelte  Erkrankungen  vor. 
* 
* 
Die  Ursache  der  Sterblichkeit  an  der  Gebärklinik  erhellt  bereits 
zur  Genüge  aus  dem  Umstand,  dass  die  Studirenden  aus  dem  Secir- 
saale  und  aus  den  anatomischen  Vorträgen  hinkamen  und  dass  der 
Professor  und   Assistent  selbst  die  Sectionen  machten.     Wenn  Pro- 
fessor Kieter  behauptet,   dass  nach  Wiedereröffnung   der  Gebärklinik 
—  nachdem  dieselbe  durch  Frost  desinficirt  war  —  nur  vereinzelte 
Krankheitsfälle  beobachtet  wurden,  so  ist  der  Beweis  für  diese  Be- 
hauptung, wenn  wir  die  Sterbefälie  der  Klinik  in  Betracht  ziehen, 
nicht  zu  erbringen.    Es  starben  6,  3,  3,  8,  5,  fiT  7,  5,  8.    Die  Sterb- 
lichkeit hat  sich  nicht  nur  nicht  vermindert;  sie  wurde  sogar  grösser. 


Semmelweis'  gynaeeologisehe  Aufsätze. 


Heber  einen  seltenen  Fall  von  sackartiger 
Ausbuchtung  des  schwangeren  Gebäriiiutterhalses. 

(1857.) 

Vortrag;,  gehalten  in  der  KiSnigl.  Gesellschaft  der  Aerzte  in  Pest. 

(Referat.) 


In  der  December-Sitznng  der  hiesigen  Gesellschaft  der  Aerzte 
berichtete  Herr  Prof.  Semmel  weis  über  einen  höchst  merkwürdigen 
geburtshilflichen  Fall,  der  wegen  der  gewiss  grossen  Seltenheit  einer 
sackartigen  Ausbuchtung  des  schwangeren  Gebärmutterhalses  auch 
in  weiteren  ärztlichen  Kreisen  Verbreitung  verdient.  Diese  Aus- 
buchtung war  nämlich  die  Veranlassung  zu  einem  Irrthume  in  der 
Diagnose,  welcher  leicht  tödtliche  Folgen  hätte  haben  können,  da  die 
wissenschaftlich  formulirte  Indication  zum  Kaiserschnitt  in  vivo  aus 
der  Diagnose  geflossen  war.     Hier  folgt  in  Kurzem  der  Thatbestand. 

N.  X.,  24  Jahre  alt,  Erstgebärende,  heirathete  den  8.  Jänner  1856, 
menstruirte  hierauf  vom  10.  bis  13.  Jänner,  war  angeblich  früher  und 
nachher  vollkommen  gesund  gewesen  und  bot  bei  ihrer  Aufnahme 
folgenden  St.  praesens  dar:  Aussehen  gesund,  die  Brüste  ergiessen 
beim  leisen  Druck  reichlich  Milch,  Unterleib  wenigstens  nochmal  so 
gross  als  bei  normaler  Schwangerschaft  zwei  Erhabenheiten  zeigend, 
wovon  die  grössere  die  ganze  obere  und  die  rechte  untere  Hälfte  — 
die  kleinere  die  linke  untere  Hälfte  des  Bauches  einnahm.  Dumpfer 
Percussionston  im  ganzen  Umfange.  In  der  kleinen  Geschwulst  nahe 
der  Medianlinie  des  Unterleibes  ein  grosser  harter  Körper  mit  zwei 
kleinen,  spitzen,  beweglichen  Theilen  (Steiss  und  FüsseJ.  An  dieser 
Stelle  deutliche  Kindesbewegungen.  Nach  aussen  in  der  Gegend  des 
vordem  obern  Stachels  des  Darmbeines  Foetalpuls  deutlich  hörbar. 
Die  innere  Untersuchung  zeigte  gänzlichen  Mangel  des  Scheidenge- 
Wtflbes;  Scheidentheil  bei  ll/a  Zoll  lang,  aufgelockert;  Muttermund 
für  die  Spitze  des  Zeigefingers  durchgängig;  kein  vorliegender  Kindes- 
theil.  Die  Sonde  21/«  Zoll  ohne  Widerstand  eingedrungen,  konnte 
auf  den  Spielraum  von  1  %  Zoll  frei  bewegt  werden.  Die  Unter- 
suchung durch  den  Mastdarm  zeigte  einen  dreieckigen  Körper  an 
der  Stelle  und  von  der  Grösse  eines  ungeschwängerten  Uterus,  in 
welchem  auch  die  Sonde  deutlich  vorhanden  und  im  Spatium  von  l1/* 
Zoll  beweglich  durchgefühlt  wurde.  Diese  Ergebnisse  der  Unter- 
suchung stellten  die  vorhandene  Schwangerschaft  ausser  Zweifel, 
Hessen  jedoch   in  Bezug  auf  den  Ort   derselben  4  Fälle  als  möglich 


EtenuBälwda'  gyua-jri  Luftltee. 


denken,  nämlich  1.  einfache  Uterinschwaugerschuft ;  2.  Schwangerschaft 
in  einem  Uterus  bilocularis  mit  ."Schwangerschaft  im  linken  loculus: 
3.  Uterus  bilocularis  mit  Schwangerschaft  im  linken  Hörne;  endlich 
4  eine  graviditas  extrauterina.  Die  Differential-Diairnose  lautete  nun 
folgender  Massen.  Ad  1.  Wäre  es  gewöhnliche  iTterinschwan 
schaftt  so  miisste  der  Uterus  in  die  abnorme  Lage  durch  eine  I 
schwillst  gedrängt  worden  sein,  welche  jedoch  weder  gegen- 
wärtig nachweisbar  war,  noch  in  der  Anamnese  nach  wiederholtem 
Beiragen  der  Patientin  sich  ergeben  hat.  Nebstdem  hätte  zwar 
die  Sonde  an  der  Knickungsstelle  ein  Hindernis«  gefunden,  und 
wäre  daselbst  fixhr  gewesen,  bei  veränderter  Richtung  hatte  selbe 
jedoch  über  diese  Stelle  hinaus  in  die  ganze  Länge  des  geschwängerten 
I Jterns  geführt  werden  können.  Ad  2.  Bei  Uterus  bilocularis  ver- 
grössert  sich  der  ungeschwängerte  loculus  beinahe  auf  die  Länge  dea 
geschwängerten,  folglich  konnte  der  durch  den  Mastdarm  fühlbare 
Zoll  lange  Körper  nicht  der  ungeschwängerte  loculus  sein. 
Arl  3.  Beim  Uterus  bicorais  stellt  das  ungeschwängerte  Hörn  keinen 
dreieckigen  Körper,  sondern  einen  Schlauch  von  mindesten.-«  5—6  Zoll 
Länge  dar.  Ad  4.  Es  konnte  demnach  nur  Extrauterinschwangei- 
sehaft  sein,  denn  nur  bei  dieser  involvirt  sich  der  in  den  ei 
Monaten  allerdings  consensuell  vergrösserte  angeschwän^  it.  i  tems 
in  den  letzten  Monaten  beinahe  auf  seine  vorige  Länge.  Da  mithin 
il<f  Uterus  bei  unzweifelhaft  constatirter  Schwangerschaft  und  in 
widerholten  Untersuchungen  mit  Finger  und  Sonde  nur  2  ' .,  Zoll  laug 
gefunden  wurde,  so  musste  die  Schwangerschaft  eine  extrauterine 
sein;  und  feiner,  da  9  Monate  derselben  abgelaufen  waren,  konnte 
es  nur  eine  graviditas  extra-nterina  abdominalis  sein,  weil  bekannt- 
lich die  andern  Alten  der  Extrauterin-Schwangerschaft  schon  weit 
früher  durch  Berstung  tödten. 

Die    Indication   zum    Kaiserschnitt   war  somit  vor- 
handen.    Aber  nach  24  stund igem  Aufenthalte  im  Gebärhause  stellte 
sich,    nachdem    leise    Contraktionen    in    der    Bauchgeschwul> 
vorausgegangen  waren,  der  stürmischeste  Geburtsdrang  ein,    weil 
Hunden  den  Kopf  des  früher   in   der  Steisslage  gewesi 
Kindes  auf  den  Beckeneingang  herabtrieb,  und  muh  abermals  einer 
stunde  das  Kind  todt  und  auch  die  Nachgeburt  sofort  zur  Welt  be- 
förderte.   Die  nach  der  Entbindung  zum  Zweck  der  Aufklärung 
rätselhaften  Falles  mit  der  ganzen  Hand  vurireiiommene  innere 
suchung  zeigte  den    U  litte rhals   in   der  Länge   von  2",  Zoll,   an 
seiner    hintern    Wand    eine    kupp  eiförmige    Ausbucht  11] 
welche  höher  hinaufstieg  als  der  Mutterhals  selbst,  so  dass  der  ins 
Muttermund   vor  und   zugleich  tiefer  als  die  höchste   Wölfoi 
Kuppel  zu  liegen  kam,  wodurch  es  geschehen,  dass  die  Sonde  ans 
iu  den  innen  M uttermund  einzudringen,  in  dieser  klippelförmigen  Aus- 
buchtung herumbewegt  werden  konnte,  welche  letztere  zugleich  durch 
den  Mastdarm  als  dreieckiger  Körper  gefühlt  und  als  ungeschwänger- 
ter  Uterus  gedeutet  wurde.    Als  Öommentar  zu  der  Umwandlung  der 
Steiss-  iu  eine  Kopflage  zeigte  die  Sectiou  des  todtgebomen  Bandet 
eine  blutige  Infiltration  der  Haut  und  Muskulatur  der  vordem  Fl 
des   Thorax   in   Folge  der  Quetschung,  welche  das  Kind  bei   dieser 
spontanen  Wendung  erlitten. 

Die  Entbundene  war  5  Tage  vollkommen  wohl,  am  7.  Tage  stellte 
sieh  heftiger  Unterleibschmerz  mit  Fieber  ein,  und  nach  einigen  hin- 


v  jnnielweis'  gynueuologieche  Att&MaS. 


543 


zugetretenen  ecclamptischen  Anfällen  erfolgte  der  Tod.  DieSection 
einen  rechtzeitigen  Hydrops  ovarii  als  Ursache  der  Verdrängung 
des  Dteros  nach,  der  in  einer  so  grossen  Menge  ascitischer  Flüssigkeit 
•  in gebettet  war,  dass  die  objective  Ermittelung  desselben  beim  Leben 
der  Patientin  dadurch  verhindert  wurde.  Herr  Prof.  Semmelw  eis 
demonstrirte  nach  diesem  hier  nur  skizzenhaft  mitgetheilten  Lehr- 
reichen Vortrage  den  Uterus,  welcher  als  ein  in  der  Literatur  bisher 
einzig  dastehendes  Präparat  dem  pathol.-anatomischen  Museum  ein- 
verleibt wird.  Die  Ausbuchtung  der  hintern  Wand  des  Mutterbfl 
welche  eigentlich  die  Veranlassung  zu  einem  so  wichtigen  Fehlschlüsse 
war,  aal  sich  natürlich  in  der  stattgehabten  siebentägigen  Involution 
des  Uterus  bedeutend  verkleinert,  aber  auch  bei  dieser  reducirten 
Grösse  ward  jedem  die  Rolle  klar,  welche  dieselbe  vor  der  Entbin- 
dung zur  Täuschung  des  Ä.ccoucheur8  gespielt  hatte. 


Exstirpntion  und  Neubildung  eines  Uterusfibrimls; 
SHiwanirerschaft  mit  noriiiulem  Verlauf, 

(1861.) 


Unlängst  wurde  ich  durch  den  Collegen  V.  ins  Consilium  zu  einer 
Kranken  gerufen,  die  gerade  plötzlich  entbunden  hatte  und  bei  dar 
nach  Entfernung  der  Plaeenta    eine  Geschwulst   von   beträchtlicher 

-se  vor  der  äusseren  Scham  heraushängend  blieb.  BUS  war  liier 
angeblich  eine  Placenta  praevia  lateralis  vorhanden  und  die  Leibes- 
frucht war  schein todt  geboren  worden.  In  der  Gebärenden  erkannte 
ich  eine,  meiner  Patientinnen,  die  in  meiner  Klinik  vor  zwei  .Jahren 
mit  fibrösem  Uteruspolyp  krank  gelegen  hatte.  Die  Neubildung,  die 
eine  hanrith'ichengrosse  Basis  und  die  Grösse  einer  Männeifaust  besass, 
wurde  dazumal  von  mir  operirr.  und  nachdem  sie  mittelst  eines  [nstru- 
mentes  von  ihrem  Grunde  abgelöst  worden  war.  im  Ganzen  entfernt. 
Die  Frau  hatte,  wie  ersichtlich,  seitdem  concipirt  und  trug  die  Frucht 
normal  aus,  der  Polyp  aber  bildete  sich  ebenfalls  neu  aus  —  was  bei 
iiluosen  Neugebilden  nicht  wahrgenommen  zu  werden 
pflegt  —  mnl  wndis  zugleich  mit  der  Frucht  aus, 

l>er  vor  der  Scham  heraushängende  und  deutlich  wahrnehmbare 
Theil  der  Neubildung  mochte  etwa  zwei  haust  gross  sein.  Dan 
Polyp  unmittelbar  nach  der  Geburt  ganz  herauszulösen,  hielt  ich  nicht 
für  rathsam;  ich  schnitt  deshalb  nur  den  herausstellenden  Theil  ab, 
und  wollte  die  Totalexstirpation  später  vornehmen.  Eine  Blutung 
erfolgte  aus  dem  consistenten  fibrösen  Gewebe  während  des  Entzwei- 
schneiden» selbstverständlich  kaum.  —  Des  andern  Tages  aber,  als 
Iah  die  Kranke  wieder  besuchte,  mnsste  ich  von  meiner  Absicht  ab- 
stehen, denn  der  zurückgebliebene  Theil  der  fibrösen  Geschwulst  hatte 
in  Folge  seines  Gewichtes  die  Gebärmutter  ganz  lierausgestülpt,  so 
dass    man   ihren   Anhaftnngspunkt    am    Grunde   des   Organa   deutlich 


544 


SmBt&mäa*  irynaec-ologische  Aufsätze. 


wahrnehmen  konnte.  Unter  solchen  Umständen  musste  ich  die  so- 
fortige Totalexstirpation  nicht  nur  für  rathsam,  sondern  geradezu  für 
unausweichlich  nothwendig  erachten.  Ich  löste  deshalb  den  Polyp 
sofort  heraus,  entfernte  ihn  und  reponirte  die  auf  diese  Weise  ihrer 
Last  entledigte  nnd  zuriiekgestülpte  Gebärmutter.  Die  Krankt?  genas 
ohne  jedes  bemerktiiswerthe  Nachleiden  innerhalb  des  gewöhnlichen 
Zeitraumes. 


Sieben-Moimts^ebiirt  nebst  Polypus  uteri  fibrosus  von 

enormer  Grösse. 

(1864.) 


1*57  hatte  mein  Freund  Prof.  Lummiczer  eine  an  Polypös  tis  uteri 
fibrosus  leidende  Frau  behufs  Operation  auf  meine  Klinik  gewi 
Die  Kranke  war  etwa  26 — 28  Jahre  alt,  und  zu  ihrer  Untersuchung 
gaben  die  sowohl  während  ihrer  Menstruation  als  auch  ausserhalb 
derselben  sich  erneuernden  Gebärmutterblutuugen  Anlass;  sie  führten 
auch  zur  Constatining  des  obengenannten  Uebels.  Die  tau 
mit  breitem  Grunde  an  der  Uterus  wand  sitzende,  durch  den  ausge- 
dehnte.li  Muttermund  hindurch  in  die  Scheide  sich  herabsenkeudi- 
Geschwulst  wurde  von  mir  weggeschnitten  und  exstirpirt;  wir  effl.fr 
Hessen  in  einigen  Tagen  die  Frau,  da  der  einfachen  Operation  keine 
Eeaction  folgte,  die  Wunde  rein  und  die  Körperkräfte,  trete  den 
Blutungen,  in  genügendem  Masse  vorhanden  waren. 

1860,  also  drei  Jahre  später,  wurde  ich  zu  einer  Gebärenden  ins 
I  iinsilium  gerufen,  welche  im  7.  Monat  ihrer  Schwangerschaft  geboren 
hatte  und  zwar  trotz  dem  schnellen  Geburtsverlauf  ein  scheintodtea 
Mädchen,  und  bei  der  sich  nach  Entfernung  der  Plaoenta  noch  eine 
kindskopfgrosse  Geschwulst  von  runder  Form  aus  der  .Schanispalte 
herausdrängte.  Ich  erkannte  in  der  Gebärenden  meine  vor  3  -lahren 
operirte  zuvor  erwähnte  Patientin.  Die  Geschwulst,  deren  fast 
ebenso  grosse  andere  Hälfte  sich  noch  in  der  Uterushöhle  befand, 
war  gleichfalls  ein  Polypus  uteri  fibrosus,  der  diese  abnorme  Gr 
erst  nach  der  Operation,  also  im  Verlaufe  einer  kurzen  Zeit,  erreichte; 
denn  ich  kann  nicht  annehmen,  dass  er  meiner  Aufmerksamkeit  bei 
der  ersten  Operation  schon  in  Folge  seines  beträchtlichen  Umfanges, 
ganz  entgangen  wäre. 

Dfl  ich  es  in  dem  wochenbettlichen  Zustand  der  Gebärmutter 
nicht  für  rathsam  hielt,  die  mit  einiger  Gewaltsamkeit  verbundene 
Totalexstirpation  auszuführen,  so  schnitt  ich  vorläufig  nur  jenen  Theil 
des  Polypen  ab,  der  vor  der  Schamspalte  lag  und  sparte  die  Ent- 
fernung der  anderen  Hälfte  für  später  auf.  Doch  wie  gross  war  mein 
Erstaunen,  als  ich  anderen  Tages  die  Kranke  besuchend  sah.  dass 
sich  die  Gebärmutter  in  Folge  des  grossen  Gewichtes  des  Polypen 
herausstülpte  und  sanimt  diesem  ans  Tnireslicht  kam.  Unter  diesen 
Verhältnissen    gelang  die   vollständige   Abtrennung   des   Neugebildes 


Semmelweis'  gynaecologische  Aufsätze. 


545 


vom  Grunde  des  Uterus,  aus   dem  sie  sich  heraus  entwickelt  hl 
ganz  leicht,  worauf  ich  den   Uterus  reponirte.     Die  Kranke  erholte 
sich  in  drei  Wochen  ohne  jedes  Nachübel. 

Bemerkenswert!)  ist  in  diesem  Falle  der  Umstand,  dass  die 
Schwangerschaft  bei  dieser  enorm  grossen  fibrösen  Geschwillst  voll- 
ständige sieben  Monate  dauerte  und  auch  die  Geburt  normal  verlief, 
wo  es  ja  doch  bekannt  ist,  dass  die  fibriisen  G ••schwülste,  namentlich 
die  grösseren,  einerseits  nicht  nur  die  Conception  verhindern,  sondern 
anderseits,  falls  diese  auch  erfolgt  ist,  eine  Frühgeburt  verursachen, 
und  die  Gebärende  auch  während  des  Geburtsactes  in  Lebensgefahr 
stürzen  können,  da  die  Gebärmutter  in  Folge  ihrer  unebemuässigen 
Dehnung  leicht  eine  Ruptur  erleidet. 


Aeltere  und  neuere  Theorien  über  die  Meiistrual- 

blutimg. 

(1864.) 


Eine  so  wichtige  und  mit  der  Existenz  des  Menschengeschlechtes 
gleich  alte  Function,  wie  es  die  Menstruation  ist,  deren  physiologische 
Bedeutung  schon  zu  manchen  Hypothesen  Veranlassung  gab  und  deren 
Störungen  im  weiblichen  Organismus  starke  Reactionen  hervorrufen, 
ist  selbstverständlich  auch  in  neuerer  Zeit  Gegenstand  von  Unter- 
suchungen geworden,  und  es  ist  diesen  letzteren  auch  gelungen,  ihr 
Wesen  zu  erklären.  —  Durch  sie  wurde  der  Begriff  der  Menstruation 
auf  physiologische  Grundlage  gelegt,  während  die  älteren  Autoren 
ihr  Hauptaugenmerk  nur  auf  das  aus  den  Genitalien  herausfliessende 
Blut  richteten  und  hierauf  die  wunderlichsten  Theorien  und  Hypo- 
thesen bauten;  und  da  ihre  Begriffe  über  die  Menstruation  nicht  über 
die  Blutung  der  Genitalien  hinausreichten,  so  bezeichneten  sie  eben 
nur  diese  mit  dem  Namen  Menstruation,  eine  Benennung,  die  in  den 
gewöhnlichen  Sprachgebrauch  überging  und  bis  heutzutage  aufrecht 
erhalten  blieb. 

Miese  Function  der  weiblichen  Genitalien  galt  von  Anfang  an 
als  eine  natürliche;  nur  Wenige  betrachteten  die  Menstruation  als 
eine  accidentelle  Erscheinung,  als  ein  in  Folge  der  Civilisation  er- 
erbtes Leiden,  als  einen  durch  sitzende  Lebensweise,  durch  über- 
mässigen Genuss  reizender  Speisen  und  Getränke  verursachten  schad- 
haften Folgezustand.  Oken  z.  B.  behauptet,  dass  bei  den  ersten 
Sprösslingen  des  Menschengeschlechtes  keine  Menstruation  auftrat, 
dass  bei  diesen  gerade  so  wie  bei  den  Thieren  nur  eine  Anschwellung 
der  Genitalien  erfolgte  und  dass  nur  nachher,  als  in  Folge  der 
häutigen  Cohabitation  das  den  Blutgefässen  der  Gebärmutter  zu- 
strömende grössere  Blutquantum  diese  erweitert  und  geschwächt 
hatte,  das  Blut  durchsickerte  und  die  Blutung  erblich  wurde. 


Semmelweia1  geiatnnielte  Werket. 


30 


546 


Semmelweis'  gynaecologische  Aufsätze. 


Wenn  nach  Moscati  die  Ursache  der  Menstruation  im 
reihten  Gang  läge,  dann  wäre  es  schwer  verständlich,  warum 
diese  gerade  so,  oft  sogar  noch  stärker  bei  solchen  Frauen  zeigt,  die 
ihr  Lebelang  an  das  Bett  gefesselt  sind,  als  bei  denen,  die  viel 
herumgehen;  und  warum  wäre  die  Wirkung  des  dabei  in  Fum  ti  n 
tretenden  physicalischen  Gesetzes  nur  an  bestimmte  Zeitintervalle 
gebunden? 

Die  veraltete,  aber  auch  heutzutage  noch  von  Vielen  für  w:ilir 
erachtete  Ansicht,  nach  welcher  das  Üenstrualblut  von  so  unreiner 
Natur  wäre,  dass  die  Nähe  der  menstruirenden  Weiber  einen  vn 
deii.ilirlirii  Emflusa  auf  gewisse  Speisen  und  Getränke  ausübte  und 
dass  die  Männer  durch  dessen  giftigen  Einfluss  auch  sterben  könnten, 
gab  wahrscheinlich  einigen  Autoren  den  Anstoss,  diese  Theorie  auf 
chemischer  Grundlage  auseinanderzulegen.  Hiernach  wird  der  Körper 
durch  die  Menstruation  von  unbrauchbaren  Stoffen  gereinigt,  wo- 
durch das  mütterliche  Blut  zur  Bildung  der  Frucht  und  zur  Er- 
haltung ihres  Lebens  geeignet  wird.  Ist  es  erklärlich,  warum  das 
Weib  zur  Beschmutzung  mit  einem  solchen  verunreinigten  Blute  auf 
immer  verdammt  sein  sollte?  In  die  Reihe  der  chemischen  Theorien 
gekört  noch  die  Anschauung,  dass  die  Gebärmutter  die  Rolle  einer 
Hilfslnnge  spiele,  die  überschüssige  Kohlensäure  ausscheide  und  zur 
Ausgleichung  der  kleineren  Lunge  der  Weiber  und  ihrer  schwächeren 
Function  diene. 

Unsere  gegenwärtigen  Kenntnisse  über  die  Bestandteile  den 
Menstrualblutes  beweisen,  dass  es  identisch  mit  dem  normalen  Blute 
ist  und  seine  mindere  Gerinnungsfähigkeit  nicht  in  dem  Mangel  an 
Fibrin,  sondern  vielmehr  in  der  saueren  Reaction  des  Vaginalsrltl« äms 
zu  soeben  ist.  Die  obige  Anschauung  kann  also  nicht  nur  vom 
chemischen  Standpunkte  betrachtet  nicht  bestehen,  sondern  sie  beweist 
gleichzeitig,  dass  ihre  Verkünder  jenem  wirklichen  pM'siologisehen 
Processe,  dem  zu  Folge  das  Blut  lediglich  durch  die  Xthmung 
seiner  Kohlensäure  gereinigt  wird,  die  gebührende  Aufmerksamkeit 
nicht  zugewendet  haben.  Wäre  diese  Anschauung  richtig,  was  wurde 
dann  mit  den  Weibern  vor  der  Geschlechtsreife  und  nach  .lein  Klimak- 
terium geschehen,  wenn  die  Hilfslnnge  ihre  Function  noch  nicht  be- 
gonnen, beziehungsweise  sie  bereits  eingestellt  hat? 

Im  Werke  des  Musitanus  über  die  Frauenkrankheiten  fii 
wir  eine  sehr  unterhaltende .Ansicht  über  den  Ursprung  der  Menstruation. 
Unsere  Mutter  Eva,  schreibt  er,  bekam  durch  den  Genuss  der  tot* 
linteiti-n  Frucht  einen  derartigen  Liebeskitzel,  dass  sie  ihren  Gemahl 
zum  Beischlaf  reizte,  der  dann  ihre  Begierde  auch  befriedigte;  hie- 
durch  drückte  das  Weib  der  menschlichen  Natur  einen  eklen  Schmutz- 
fleck auf  und  vererbte  diesen  für  ewiye  Zeiten  auf  alle  ihre  weib- 
lichen Nachkommen. 

Man  schrieb  die  Entstehung  der  Menstruation   gleichzeitig 
Einflüsse   des   Mundes,   d.    h.   seinen  4.    .7 -mal  jährlich  sich  wie 
Beienden  Phasen  zu,  da  man   eine  Verdünnung  und  Zertliessung  des 
Blutes  durch  Mondeseinfliiss  constatiren  zu  können  glaubte. 

Diese  Ansicht  aber  erwies  sich  schon  vor  Langet  /.'it   als  falsch, 
da  die  Weiber  zu  allen  Tagen  des  .Monats  menstruiren. 

Unter  den   alten  Anschauungen   hierüber  ist  noch  jene  Ansicht 
zu  nennen,   welche  sich  auf  die   bei   Frauen   normaler   Weise 
kommende  Vollblütigkeit  bezieht.    Demzufolge  wird  das  überschüssige 


Seiiiniehvtis"  gynnecologiscbe  Anfsätxe. 


547 


Blnt  mittelst  der  Menstruation  aus  dem  Körper  entleert,  wahrend 
dasselbe  bei  Thieren  zur  Bildung  gewisser  abfalliger  Körpertheile,  wie 
Schuppen,  Haut.  Federn.  Haare,  Hörn  verwendet  wird;  beim  Weib 
wird  das  Blut  bis  nur  Pubertätszeit  für  das  Wachsen  des  Köi  | 
aufgebraucht,  nach  der  Pubertät  aber  wird  es  durch  die  Innenfläche 
ies  I  'terns  ausgeschieden. 

Die  alltägliche  Erfahrung  widerspricht  der  Ansicht,  als  wäre 
die  Menstruation  eine  Folge  der  Vollblütigkeit;  strotzende,  stark 
gebaute  Weiber  menstruiren  für  gewöhnlich  weniger  wie  die  schwachen. 
Und  warum  müsste  denn  das  überschüssige  Blut  gerade  durch  die 
Genitalien  ausgeschieden  werden?  Ueberdies  ist  das  Quantum  des 
während  der  Menstruation  verlorenen  Blutes  in  den  normalen  Fällen 
viel  geringer»  als  dass  hiedurch  das  richtige  Verhältnis  hergestellt 
weiden  könnte.  Es  ist  zwar  Thatsache,  dass  die  Weiber  einen 
grösseren  Blutverlust  leichter  ertragen,  als  die  Männer:  doch  kann 
man  dies  nicht  mit  dem  Vorhandensein  einer  grösseren  Blutmenge 
erklären,  der  Grund  liegt  vielmehr  in  der  schnelleren  Regenerirung 
des  verlorenen  Blutes.  Der  bildungsfähige  Stoff  wird  bei  Weibern 
mein'  zur  Rassenerhaltung  und  zur  Regeneration  der  Blutmenge  auf- 
gebraucht, während  derselbe  bei  den  Männern  hauptsächlich  durch 
dir  Gehirn-  und  Muskelfunct innen  in  Anspruch  genommen  wird. 
Hierin  liegt  auch  die  Ursache  jenes  Uxnstandes,  dass  sich  die  auch 
ausser  der  Menstruationszeit  häufig  an  Blutungen  leidenden  Weiber, 
trotz  des  grossen  Blutverlustes,  sehr  schnell  erholen. 

Wenn  wir  auch  die  Menstrualblutungen  nicht  für  eine  Folge 
von  Vollblütigkeit  halten,  so  müssen  wir  dennoch  anerkennen,  dass 
bei  einzelnen  Weibern  in  Folge  verschiedener  Einflüsse,  wie  psychische 
Leiden.  imthätige  und  sitzende  Lebensweise,  übermässige  und  natur- 
widrige Befriedigung  des  Geschlechtstriebes,  ein  grösserer  Bfateaflfiss 
zu  den  Genitalien  stattfindet.  Zur  Zeit  der  Menstruation  kann  die 
zur  Rlutausscheidung  disponirte  Gebärmutter  gleichzeitig  leicht  als 
AiHseheidinigsorgan  pathologischer  Blutungen  dienen,  und  auf  diese 
Weise  melden  sich  auch  die  mit  der  geringen  normalen  M<jnstrnal- 
blntung  verbundenen  patliotnirisehrn  Blutungen  als  Menstruation. 
Demzufolge  kann  jede  zur  Zeit  der  normalen  Menstruation  auftretende 
abnorm  grössere  Menstrualblutung  physiologisch  und  zugleich  auch 
pathologisch  sein;  diese  Ansicht  scheint  auch  der  Umstand  zu  be- 
weisen, dass  bei  gesunden  Weibern  die  der  monatlichen  Reinigung 
entsprechende  Blutung  eine  geringe  ist. 

Dies  wären  die  hauptsächlicheren  Ansichten,  welche  die  Alten 
über  das  Wesen  der  Menstruation  hegten.  In  ihnen  ist  aber  nur  pob 
den  Blutungserscheinungen  die  Rede,  ohne  dass  man  versucht  hätte, 
diese  mit  der  geschlechtlichen  Function  des  Weibes  in  annähernden 
Einklang  zu  bringen.  Es  ist  ganz  sonderbar,  dass  die  vi>r  und 
während  der  Menstruation  im  Allgemeinbefinden  des  Weibes  auf- 
tretenden Erscheinungen  nicht  schon  lange  die  Aufmerksamkeit  auf 
jenen  inneren  Zusammenhang  sreleckt  haben,  in  welchen  dieselbe  TOD 
den  neueren  Forschern  gebracht  wurden,  wodurch  der  Sachverhalt 
von  inelin-ivn  Seiten  und  voneinander  unabhängig  auf  Grund  der 
Untersuchungen  bald  aufgedeckt  wurde. 

Indess  theilteu  sich  auch  die  neueren  Forscher  in  zwei  Parteien. 
Der  grössere  Theil  behauptete,  dass  die  Menstruation  keinen  EirrflWS 
auf  die  Conception  ausübe,  dass  die   Zeiigungstähb-krit    beim  Weibe 

86* 


;>4s 


Semmelweis'  gjnaecologiaclie  Aufsätze. 


fortwährend  bestehe,  und  sieh  zeitweise  durch  die  Menstruation  offen- 
bare, welche  periodische  Offenbarung  das  Fehlen  der  Cuncepthm  er- 
setzt*; zwischen  der  Brunst  der  Thiere  und  der  Menstruation  des 
Weibes  Bei  gar  keine  Analogie  vorhanden,  denn  bei  jenen  sei  die 
Ausscheidung  eine  schleimige,  bei  diesen  eine  blutige,  ferner  gehe  bei 
den  Thi<?ien  zur  Brunstzeil  die  erhöhte  Begierde  zur  Befriedigung 
des  Geschlechtstriebes  mit  der  gesteigerten  Conceptionsfähigkeit  Hand 
in  Hand,  während  bei  den  Weibern  der  Cohabitationstrieb  während 
der  Menstruation  aufhöre,  nach  ihrer  Beendigung  aber  in  erhalltem 
Grade  auftrete,  und  die  Weiber  dennoch  trete  des  normalen  Menstmi 
nicht  immer  concipiren.  —  Der  andere  Theil  kämpfte  für  die  Identität 
der  Brunst  und  der  Menstruation  und  schrieb  dieser  Function  einen 
unmittelbaren  Einfluss  auf  die  Conception  zu,  behauptend.  I 
sich  die  während  den  Meiisnuationsintervallen  vollauf  erschöpfte 
Conceptionsfähigkeit  durch  die  Menstruation  wieder  erneuere  und  Aaaa 
der  Eintritt  der  Blutung  der  kritische  Punkt  des  monatlichen  Processen 
sei:  wie  sich  bei  der  zum  ersten  Male  auftretenden  Menstruation 
auch  die  ( 'oncejrtionsfähigkeit  zuerst  einstellt,  so  sei  eine  jede 
Menstruation  jener  Zeitpunkt,  in  der  das  Weib  am  leichtesten  empfange. 

Auf  beiden  Seiten  kämpften  namhafte  Männer,  aber  beide  stimmten 
darin  überein,  dass  die  Erscheinung  der  Blutung  nur  ein  secnndirot 
und  accidentelles  Phänomen  ist. 

Damit  wir  über  den  Gegenstand  eine  bestimmte  Meinung  U 
können,  ist  es  nothwendig,  die  auseinandergehenden  Ansichten  näher 
zu  prüfen,  das  Verhältnis  des  Geschlechtstriebes  zur  Conceptionsf* 
keit  und  dessen   äussere  Erscheinungen  zu  untersuchen  und  dasselbe 
mit  dem  der  Menstruation  zu  vergleichen. 

Die  Brunst  ist  bei  einzelnen  Thierarten  an  bestimmte  Zeiten  des 
Jahres  gebunden  und  der  Paarungstrieb  äussert  sich  durch  die  An- 
schwellung der  äusseren  Genitalien  und  durch  die  Ausscheidung  eines 
mehr  oder  minder  schleimigen  oder  blutigen  Seeretes.  Dieser  Zustand 
ist  bei  einer  grossen  Anzahl  der  Thiere  zum  Gegenstand  der  Be- 
obachtung gemacht  worden,  und  man  fand,  dass  die  einzelnen  Ab- 
weichungen in  den  Symptomen,  was  z.  B.  den  Zeitpunkt  des  Eintritt-;. 
die  Dauer,  die  Qualität  und  (Quantität  des  Ausflusses  betrifft,  in  der 
minderen  oder  höheren  Entwicklung  der  Thiere,  in  ihrer  Lebens- 
weise, im  Klima,  in  der  Zähmung  u.  s.  w.  Wurzeln.  —  Die  vnii  den 
Autoren  angefühlten  Ergebnisse  stimmen  nicht  alle  überein;  den  Grund 
hievon  müssen  wir  in  den  Schwierigkeiten  suchen,  mit  denen  du-  l 
obachtungen  bei  den  Thieren  verbunden  sind.  Man  fand  Menstruation 
beim  Hirsch,  Hund,  Affen,  Sehwein.  Büffel,  Schaf,  bei  der  Stute  und 
der  Kuh.  In  der  Trächtigkeit  und  während  der  Stillung  zeigt  sich 
keine  Blutung.  Dass  bei  der  Kuh  die  Menstruation  nur  selten  be- 
obachtet wird,  kann  nur  dem  Umstände  zugeschrieben  werden,  dfifti 
die  Beobachtung  auf  der  Weide  schwer  durchführbar  ist  und  dass 
die  Trächtigkeit  oder  Lactation  fast  fortwährend  dauert 

Nicht  zu  gleicher  Zeit  mit  dem  Eintritte  der  Brunst,  sondern  um 
2—3  Tage  später  erscheint  die  Blutung  und  zwar  mit  ungestümem 
Geschlechtstrieb  gepaart.  Die  Quantität  des  Blutes  macht  2 — 3  Unzen 
aus  und  dieses  wird  in  längeren  Intervallen  stossweise  entleert.  Das 
Blut  ist  licht  und  mit  Schleim  gemischt.  Die  Steigerung  des  Triebes 
ist  ein  stetes  Zeichen  der  Brunst,  doch  auch  diese  tritt  nicht  sogleich 
im  Beginn  auf,  sondern  nur  nach  Aufboren  der  ersten  BrunÄterichei- 


Semmelweift'  gynnecolngische  Aufsätze. 


549 


nungen;  bei  der  Hündin  z.  B.  nach  Buffon's  Angabe  erst  am  6.  bis 
<.  Tag.  Als  abnorme  Symptome  erscheinen  während  der  Brunstzeit 
die  Trägheit,  die  Mattigkeit,  trübes  Auge,  veränderte  Stimme,  trüber 
Urin  u.  &  w. 

Ich  halte  es  für  überflüssig  vor  dem  fachgelehrten  Leser  sänunt- 
liehe  die  Menstruation  begleitenden  Symptome  aufzuzählen.  Bei  der 
unvoreingenommenen  Prüfung  wird  er  die  Analogie  nicht  leugnen 
kunnen.  die  zwischen  den  Erscheinungen  der  normalen  wie  auch  der 
durch  verschiedene  Einflüsse  veränderten,  aber  zwischen  den  Grenzen 
individueller  Gesundheit  liegenden  Menstruation  und  den  Erscheinungen 
der  Brunst  besteht. 

Wenn  Burdach  beim  Uebereinstimmen  der  allgemeinsten  Er- 
scheinungen, wie  die  periodisch  sieh  wiederholenden  Steigerungen  der 
Oenitalfunction,  das  der  Entzündung  ähnliche  Aussehen  der  Genitalien, 
dann  die  Säfteentleerung,  —  betreffs  des  Unterschiedes  zwischen  Brunst 
und  Menstruation  anführt,  dass  bei  der  Brunst  nur  mit  Blut  ver- 
mischter  Schleim  entleert  wird  und  dass  der  entzündliche  Zustand 
und  das  Seeret  sieh  nur  an  den  äusseren  Genitalien  bei  Thieren 
zeigt,  beim  Menschen  hingegen  die  Gebärmutter  der  Sitz  all  dii 
Processe  ist:  so  sind  wir  ganz  berechtigt  eine  solche  Anschauung  für 
eine  überstrenge  Abgrenzung  zu  betrachten,  da  es  der  Aufmerksam- 
keit einer  pünktlichen  Beobachtung  nicht  entgehen  kann,  dass  sowohl 
bei  der  Menstruation,  wie  bei  der  Brunst  die  Functionen  des  ganzen 
Genitalsystems  gesteigert  sind  und  dass  graduelle  Unterschiede  schon 
bei  den  einzelnen  Thierarten  vorkommen. 

Der  Einwand,  dass  die  Blutung  bei  Thieren  nur  aus  den  äusseren 
Genitalien  erfolgt,  wird  durch  N  u  in  a  n  ir s  Beobachtung  widerlegt. 
bei  der  Untersuchung  einer  während  der  Brunst  getödteten  Kuh  lau d, 
dass  die  äusseren  Tneile  und  die  Scheide  zwar  roth  waren,  doch  war 
von  einem  Blutaustritte  an  ihrer  Oberfläche  keine  Spur  zu  finden; 
hingegen  sah  man  das  Blut  aus  der  ganzen  Höhle  der  Gebärmutter 
heraussickern,  und  man  traf  es  sowohl  in  frischem,  als  in  geronnenem 
Zustande. 

Die  periodische  Wiederholung  der  Brunst,  welche  bei  einzelnen 
Thieren  sogar  den  vierwöchentlichen  Typus  beibehält  spricht  ebenfalls 
für  die  Analogie  der  beiden  Functionen. 

Nachdem  wir  die  obwaltende  Analogie  zwischen  den  äusseren  Er- 
scheinungen der  Brunst  und  der  Menstruation  dargelegt  haben,  wollen 
wir  nun  unsere  Aufmerksamkeit  jenen  causalen  Momenten  zuwenden, 
die  beiden  als  Grundlage  dienen,  sodann  auch  jenen  Entdeckungen 
der  neueren  Zeit,  wodurch  nicht  nur  die  Analogie  beider  Functionen 
bewiesen,  sondern  auch  die  richtige  Theorie  der  Menstruation  dar- 
gelegt wird. 

Besonders  Bischoff  gelang  es  in  dieser  Hinsicht  nachzuweisen, 
dass  das  Ei  während  der  Brunst  unabhängig  von  der  Einwirkung 
des  Sperma  reif  wird  und  sich  ablöst,  demzufolge  das  Naturgesetz, 
welches  schon  seit  langer  Zeit  für  die  wirbellosen  Thiere,  dann  liir 
die  Fische.  Kaltblüter  und  Vögel  seine  «Teilung  hatte,  nun  auch  für 
die  Säugethiere  als  giltig  erkannt  wurde.  Bischotf  stellte  Unter- 
suchungen bei  Hunden,  Schafen,  Schweinen  an,  und  er  fand  Eier  in 
den  Tuben,  sah  die  Graafschen  Follikel  geborsten,  die  Corpora  lutea 
gut  ausgebildet  und  die  sämmtiiehen  Genitalorgane  aufgedunsen.  Die 
diesbezüglichen  Beobachtungen  vermehrten  sich  von  Tag  zu  Tag  und 


550 


Si  nnuetweis"  g-jnaecolugische  Aufsätze. 


erhüben  die  Wahrheit  der  Behauptung  über  jeden  Zweifel,  ilaBfl  dftl 
in  il  en  Eierst  Jm  k  i  ii  sich  abspielende  Process —  nämlich 
die  Reifung  und  Ablösung:   des  Eies  —  die  einzige 


sämmtlichen   allgemeinen 


sache  der  Brunst   und  ihrer 
und  localen  Symptome  ist. 

Nach  der  Aufstellung  dieser  Theorie  konnte  man  mit  Recht 
voraussetzen,  das*  das  Gesetz  der  Reifung".  Ablösung  und  Abstossung 
des  Eies  aus  dem  Eierstock,  das  für  die  ganze  Thierwelt  (liltigk-iT 
hat,  auch  für  den  Menschen  bestellen  müsse. 

Lee,  Pnterson,  Gendrin,  Negrier,  Montgomery  u.  A. 
haben  sich  mit  diesem  Gegenstand  zur  selben  Zeit  und  von  einander 
unabhängig  beschäftigt,  und  gefunden,  dass  die  Menstruation  stet- 
mit  der  Zeit  der  Bildung  des  Corpus  luteum  zusammenfällt  Ver- 
schiedene Anatomen  und  Physiologen  haben  sich  ebenfalls  von  der 
Richtigkeit  dieser  Thatsache  überzeugt,  indem  sie  in  den  Leichen  von 
Frauen  und  Jungfrauen,  die  während  der  Menstruation  starben,  in 
vollständig  reife  und  geplatzte  Follikel  fanden. 

Ausserdem  gelangten  mir  noch  einige  pathologische  Fälle  zur 
Kenntnis»,  die  deutlieh  zeigen,  dass  die  Menstruation  vom  Eierstock 
aus  ihren  Beginn  nimmt.  Diesbezüglich  ist  jene  Beobachtung  Robert  s 
erwähnenswert  b.  derzufolge  bei  weiblichen  Cnstrirten  weder  die  Men- 
struation, noch  ein  ( 'ohabitationsbetrieb  vorhanden  ist.  Weiter 
Fall  Pott 's,  der  bei  einem  sonst  wohl  entwickelten  und  regelmäßig 
menstruirenden  23jährigen  Mädchen  den  in  einer  Inguinalhernii 
liegenden  Eierstock  exstirpirte.  worauf  sich  die  Brüste  zurück! >i II 
und  keine  Menstruation  mehr  eintrat. 

Für  die.  Analogie  zwischen  der  Brunst  und  der  Menstruation 
zeugt  ausser  dem  hier  geschilderten  Verhalten  der  Eierstöcke  and 
das  der  Uterusschleimhaut.  Wie  bei  den  Thieren  zur  Zeit  der  Brunst, 
so  wächst  in  ihrem  Umfange  und  schwillt  die  Uterusschleimliaut  auch 
beim  menschlichen  Geschlecht  in  Folge  von  Kongestion  während  dei 
Menstruation  an,  und  wird  hierdurch  zur  Aufnahme  und  zum  Anhatten 
des  Eies  geeignet  gemacht. 

In  welch  innigem  Zusammenhang  die  Menstruation  mit  dem  Vor- 
gang der  Zeugung  steht,  erhellt  auch  schon  aus  der  zu  allen  Zeiten 
beobachteten,  sich  auf  die  Erfahrung  stützenden  Thatsache,  dass  difi 
<  .in  r], nou  zumeist  während  oder  kurz  nach  der  Menstruation  erfolgt. 
Dies  ist  einzig  nur  so  erklärbar,  dass  das  Ei  zu  dieser  Zeil  nock 
frisch  und  leicht  befruchtbar  ist,  indess  dasselbe  später  diese  Eigen- 
schaft verliert  und  zu  Grunde  gebt 

Bise  hoff  leugnet  nicht,  dass  die  Zeitverhältnisse  des  Austrittes 
des  Eies  aus  dem  Eierstock,  dessen  Durchzug  durch  die  Tuben,  dann 
seine  Erhaltung,  sowie  die  wählend  dieser  Zeit  sich  vollziehenden 
Änderungen  der  Uterussealaimhaut,  den  verschiedensten  individuellen 
unterschieden  unterworfen  sind,  die  das  einemal  eine  kürzere,  das 
anderemal  eine  längere  Zeit  währende  Conceptionsfahigk*  it  zustande 
bringen.  Eine  solche  sehr  verspätete  Conception  ist  nach  Bischofl' 
auch  der  Dauerhaftigkeit  der  Befruchtungsfälligkeit  des  Sperma  zu- 
sehrefbbar,  derzufolge  dieses  in  intactem  Zustande  in  den  weiblichen 
Genitalien  zu  verharren  und  indem  es  das  nächste  Ei  abwartet. 
die  Befruchtung  kurz  vor  der  Menstruation  zu  vollziehen  vermag. 

Auf  Grund  all  des  Gesagten  besteht  das  Wesen  der  Menstruation 
in  der  Reifung.  Ablösung  und  Abstossung  des  Eies.    Die  Blutung  ist 


Seturaelweis'  ltvi ideologische  Aufsätze. 


eine  nebensächliche  Erscheinung,  welche  auch  gänzlich  fohlen  und 
durch  einen  Schleinifluss  ersetzt  werden  kann.  Die  Menstruation  steht 
mit  tor  (ieschlechtsvenuehrung  in  nothwendigrem  Zusammenhange; 
die  Brunst  und  die  Menstruation  sind  analoge  Lelvnsproeesse.  Jeder 
gegen  diese  neue  Lehre  gerichtete  Zweifel  und  Einwand  entspross 
der  Schwierigkeit,  die  sich  der  Untersuchung  dieses  Gegenstandes  ent- 
gegenstellte, ferner  der  Unkenntnis  der  Eutwickelungsgt  des 
gelben  Körpers,  und  endlich  daraus,  dass  man  vergass,  jedes  Gesetz 
habe  auch  seine  Ausnahmen,  und  dass  man  auf  Grund  abweichender 
Falle  die  neue  Lehre  umstossen  zu  können  vermeinte. 

Es  wurde  unter  Anderem  angefahrt,  dass  Eier  auch  ohne  Men- 
struation heraustraten.  Doch  gerade  durch  die  neue  Lehre  ist  BS  be- 
wkaen.  dass  die  Blutung  ein  nebensächliches  Symptom  der  Menstrua- 
tion ist.  dass  sie  auch  wegbleiben  und  —  wie  wir  schon  sagten  —  durch 
Schleimabsonderung  ersetzt  werden  kann,  ohne  dass  die  Reifung  und 
Abstossung  des  Eies  gestört  würde.  Es  giebt  Frauen,  die  schwanger 
wurden  und  geboren  haben,  ohne  dass  sie  je  menstrnirt  hätten. 
I'nnatns  erwähnt  eine  Frau,  die  zweimal,  B o u d o  1  e t  eine,  die  zwölf- 
mal und  auch  Jaubert  eine,  die  18  mal  gebar,  ohne  dass  sich  bei 
ihnen  je  eine  menstruelle  Blutung  gezeigt  hätte.  Peter  Frank 
behandelte  ebenfalls  eine  Frau  in  Pavia.  die  ohne  jede  Menstruation 
dreimal  Mutter  ward,  und  er  hatte  sogar  auch  solche  Mädchen  in 
seiner  Beobachtung,  die  vor  dem  Eintritt  der  Menstruation  in 
Schw  ;i i'i gerschaft  kamen. 

Die  Behauptung,  dass  eine  Menstruation  auch  ohne  Bersten  des 
Graafschen  Follikels  auftreten  könne,  wurde  durch  die  Erfahrung 
nicht  bestätigt.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  dabei  irrthümlich  aus 
verschiedensten  pathologischen  Ursachen  stammende  Blutungen  als 
Menstruation  angesehen  wurden. 

Die  Ansicht  MeckeUs,  dass  die  Menstrnation  selbständig  zu 
Stande  komme  und  dass  mit  ihr  nur  in  jedem  9. — 10.  Monate  ein  Ei 
abginge,  beruht  auf  der  irrthiim liehen  Voraussetzung,  dass  die  Rück- 
bildung des  gelben  Körpers  9  Monate  in  Anspruch  nehme.  Aus  den 
bezüglichen  Untersuchungen  geht  hervor,  dass  die  Rückbildung  eine 
verschiedene  ist,  je  nachdem  ihr  nur  eine  Menstruation  oder  auch 
eine  Schwangerschaft  vorausging.  Im  Beginne  ist  der  gelbe  Körper 
in  beiden  Fällen  in  gleichem  Masse  ausgebildet.  Wenn  sich  keine 
Schwangerschaft  einstellt,  dann  bleibt  der  gelbe  Körper  auf  einer 
niederem  Stufe  der  Entwickeluug  stehen,  erreicht  den  Höhepunkt  in 
drei  Wochen,  und  schrumpft  in  der  vierten  derart  zusammen,  dass 
er  kaum  mehr  zu  sehen  ist.  Wenn  aber  Schwangerschaft  erfolgt, 
so  dauert  sein  Wachsthum  & — 8  Monate  lang,  auch  die  Rückbildung 
währt  lange,  und  man  kann  seine  Spur  noch  nach  Jahren  auffinden.  — 
Bise  ho  ff  jedoch  fand  in  einer  Reihe  von  Untersuchungen  solcher  Jung- 
frauen, welche  vor,  während  oder  nach  der  Menstruation  starben,  bei 
einer  derselben,  dass  die  Menstruation  wirklich  vor  dem  Bersten  des 
Follikels  und  dem  Austritt  des  Eies  zu  Stande  kommen  kann,  doch 
geschieht  dies  nur  dann,  wenn  der  Follikel  in  das  Gewebe  des  Eier- 
Stockes  tief  eingebettet  ist  oder  wenn  die  Tunica  ovarii  propria  eine 
beträchtliche  Dicke  besitzt.  Diese  Umstände  vermögen  einen  Austritt 
des  reifen  Eies  zu  verhindern 

Wenn  wir  auch  zugeben  wollen,  dass  die  Menstruation  auch 
ohne   Bersten   des  Follikels  wirklich  vorkommen   kann,  so  bleibt   es 


552 


Stammelweis'  gynaecologißche  AtuV 


noch  immer  wahr,  dass  dies  nie  ohne  das  bis  zur  vollständigen  Reife 
gediehene  Ei  möglich  ist 

Wenn  aber  auch  die  Blutung  eine  nur  nebensächliche  Erscheinung 
der  Menstruation,  also  kein  wesentliches,  unter  allen  Umständen  notfl- 
wendiges  CoroDar  derselben  ist,  —  ihre  grosse  Bedeutung  Ifisaf  eich 
dennoch  nicht  verkennen,  da  wir  sehen,  dass  sie  die  Brunst  mit  seltenen 
Ausnahmen  stets  begleitet,  dass  ihr  Wegbleiben  pathologische  Störungen 
verursacht,  dass  sie  mit  der  Lactation  und  mit  der  Gravidität  in  engem 
Zusammenhange  steht,  und  endlich  dass  das  mit  der  Menstruation  aus- 
geschiedene Blut  die  gleichen  chemischen  Eigenschaften  besitzt  wie  das 
normale  Blut  des  Körpers.  Mit  Recht  dürfen  wir  auch  vorläufig  annehmen, 
dass  die  Natur  das  Weib  zum  Zwecke  seiner  Erhaltung  während  der 
Gravidität  und  Lactation  mit  der  Fähigkeit  einer  ausgiebigeren  Blm- 
bereitung  versehen  hat.  Dieses  Blut  wird  in  bestimmten  Zeiträumen 
ausgeschieden,  so  lange  das  Weib  es  in  dem  normalen  Processe  seines 
eigenen  Organismus  nicht  benöthigt;  und  es  wird  zurückbehalten,  so- 
bald die  höhere  Bestimmung  des  Weibes  Platz  greift. 


Die  Menstruation  und  ihre  Anomalien. 

(1864) 


In  unserer  vorigen  Mittheilung  haben  wir  die  in  älterer  und 
neuerer  Zeit  geäusserten  Ansichten  über  die  Menstruation  miteinander 
verglichen  und  dabei  constatirt.  dass  die  Menstruation  nur 
liches  Symptom  der  periodischen  Reifung  des  Eies  im  Eierstock  ist. 
Vom  physiologischen  Standpunkte  ist  also  die  Reifung  des  Eies  das 
wichtigste  Moment,  die  Blutung  hingegen  nnr  ein  nebensächlicher 
l  instand.  Dem  Gynaecologen  hingegen  ist  die  Reifung  des  Eies  der 
nebensächliche  Umstand,  da  deren  Veranlassung  ausserhalb  seines 
Wirkungskreises  liegt,  während  die  verschiedenen  Anomalien  der 
auxserliclieii  Blutung  dem  Frauenärzte  viele  Schwierigkeiten  bereiten. 

Die  Störungen  der  Menstruation  werden  für  gewöhnlich  in  drei 
Klassen  getheilt;  entweder  tritt  sie  nicht  zur  normalen  Lebenszeit 
ein;  oder  aber  bleibt  die  schon  vorhanden  gewesene  aus:  fehlende 
Menstruation  (Amenorrhoea);  oder  sie  erscheint  von  grossen  Sehmerzen 
begleitet:  schmerzhafte  Menstruation  (Dysmenorrhoea);  oder  sie  ist 
sehr  profus,  oder  oft  zurückkehrend:  verstärkte  Menstruation  (Me- 
noirhagia). 


I.   Fehlen  der  Menstruation  (Amenorrhoea). 

Es  ist  eine  weise  Einrichtung,  dass  die  Zeugungsfähigkeit  das 
letzte  Geschenk  der  .Natur  ist,  das  dem  Menschen  erst  dann  bescheert 
wird,  wenn  der  ganze  Organismus  im  Uebrigen  einen  gewissen  Grad 


Semmel  weis'  gynneculogische  Aufsätze. 


553 


der  Reife  und  Vollendung  erreicht  hat.  Beim  Weibe  ist  die  Men- 
struation das  Zeichen  und  die  Folge  dieser  neuen  Fähigkeit,  indem 
sie  zeigt,  dass  die  Eierstöcke  zur  Reifung1  der  Eier  fähig  geworden 
sind,  und  dass  sie  nunmehr  befruchtet  werden  müssen,  damit  sich  aus 
ihnen  neue  Wesen  entwickeln.  Der  erste  Eintritt  der  Menstruation 
in  unserem  Klima  fällt  auf  das  15.  bis  19.  Lebensjahr,  Die  zur  Zeit 
der  Geschlechtsreife  auftretenden  Veränderungen  im  Organismus  des 
Weibes  entstehen  aber,  wie  die  .Symptome  des  Zahnens,  nicht  auf 
einmal,  sondern  erstrecken  sich  auf  eine  Zeitdauer  von  mehreren 
Monaten.  Zu  dieser  Zeit  sind  bei  dem  weiblichen  Geschlecht  aiuti 
Erkrankungen  häufiger,  wie  lieim  männlichen,  und  laut  den  Todten- 
listen  ist  auch  die  Sterblichkeit  in  diesem  Zeitraum  bei  jenem  eine 
grössere,  als  in  den  vorhergehenden  Jahren.  Die  Sorge,  mit  der  die 
Eltern  das  Herannahen  dieses  Zeitabschnittes  erwarten,  ist  gerade 
deswegen  nicht  unbegründet,  und  nicht  ohne  Grund  wächst  auch  fort- 
während ihre  Angst,  wenn  sich  der  Eintritt  der  ersten  Menstruation 
verspätet,  denn  wenn  einmal  die  Blutung  zur  richtigen  Zeit  erschienen 
ist,  so  kann  man  die  Gefahren  der  Pubertät  zum  grössten  Theile  für 
überwunden  betrachten. 

Die  Gefahr,  welche  das  erste  Erscheinen  der  Menstruation  be- 
gleitet, ist  viel  grösser,  wenn  sich  diese  später  zeigt,  als  wenn  sie 
sich  früher  einstellt,  und  die  Erfahrung  lehrt,  dass  in  den  meisten 
Fällen,  wo  die  erste  Menstruation  nach  dem  20.  Lebensjahr  eintritt, 
entweder  eine  allgemeine  oder  eine  locale  Störung  den  Grund  dafür 
abgibt. 

Der  Umstand  allein,  dass  ein  Weib  in  seinem  Alter  über  die  Zeit 
hinwegge.sehritten  ist,  in  der  sich  die  Menstruation  gewöhnlich  zu 
/.eigen  pflegt.,  ist  noch  kein  hinreichender  Grund  für  eine  ärztliche  Be- 
handlung. Die  Zeit  des  Eintrittes  der  Pubertät  ist  sehr  verschieden, 
bei  Einer  tritt  die  Menstruation  im  10.  bei  der  Anderen  im  20.  Lebens- 
jahre auf,  ohne  dass  in  beiden  Fällen  die  Gesundheit  notwendiger- 
weise darunter  leiden  müsste.  l'ebrigens  ist  das  Nichteintreten  der 
Menstruation  bei  gesunden  Weibern  gewöhnlich  mit  dem  Fehlen  irgend 
eines  Pubertätszeichens  verbunden,  und  zeugt  davon,  dass  die  sexuelle 
Entwickelung  überhaupt  zurückgeblieben  ist.  Das  steht  aber  nicht 
für  einen  jeden  Fall;  denn  es  kommen  auch  Fälle  vor,  wo  sich  vor 
der  Menstruation  eine  Schwangerschaft  einstellt,  also  die  Zeugungs- 
fälligkeit  schon  früher  vorhanden  war,  ehe  sie  sich  durch  ihre  ge- 
wöhnlichen Zeichen  verrieth.  Die  alten  Aerzte  waren  bei  solchen 
Fällen  viel  mehr  betroffen  als  wir,  die  wir  wissen,  dass  das  Erscheinen 
des  Menstrualblutes  kein  wesentliches  Symptom  ist  und  dass  die 
Reifung  und  Äusstossung  des  Eies  unabhängig  hievon  geschehen  kann. 
Ein  ähnlicher  Fall  bildete  einst  den  Gegenstand  meiner  Untersuchung. 
Ein  Weib,  dass  noch  nie  menstruirt  hatte,  heirathete  in  seinem  20. 
Jahr,  wurde  bald  schwanger,  und  die  erste  Menstruation  trat  erst 
nach  der  Geburt  des  ersten  Kindes  in  regelmässigen  weiteren  Perioden 
auf:  sie  gebar  auch  später  noch  einige  Kinder,  hoch  ist  das  ein 
seltener  Fall,  und  wenn  die  Frau  vor  ihrer  Heirath  noch  nicht  men- 
struirt hat,  so  ist  unsere  Besorgniss,  dass  sie  steril  sei,  nicht  ganz 
grundlos. 

Die  Amenorrhoe,  welche  von  der  unvollständigen  Entwickelung 
der  Genitalien  abhängig  ist,  wird  entweder  durch  derartige  causale 
Umstände    verursacht,    die    eine    Menstrualfunction    überhaupt    un- 


554 


SeiuinelweLs'   ggUMOoldgWOlM   AllftHttWt 


möglich  machen,  oder  aber  von  solchen,  die  den  Abfluss  des  Men- 
strualblutes  hemmen.  Die  aus  der  ersten  Ursache  stammenden  Falle 
entziehen  sich  der  Möglichkeit  einer  ärztlichen  Behandlung,  während 
die  letzteren  eine  Hoffnung'  auf  Heilung  zumeist  zulassen.  Bei  tan 
ersteren  ist  der  sexuelle  <  liaracter  in  vereinzelten  Fällen  überhaupt 
nur  unvollkommen  ausgebildet  und  das  cyclische  Auftreten  der  die 
Menstruationen  begleitenden  Symptome  wurde  dabei  nie  beobaeh 
während  in  den  anderen  Fällen  die  Weiber  zu  gewissen  Zeiten  von 
Kreuz-  und  Rückenschmerzen  sowie  anderen  Leiden  geplagt  werden, 
welche  die  Menstruation  begleiten,  und  ihre  äusserliche  Entwi'k' luir_r 
trägt  jeden  Stempel  der  Weiblichkeit  an  sich. 

Es  kamen  auch  solche  Fälle  vor,  wo  beim  Vorhandensein  ganz 
normal  entwirke] ter  Genitalien  beide  Eierstöcke  gefehlt  haben.  Unter 
die  weniger  selteneren  Fälle  gehört  das  Fehlen  nur  eines  Eierstockes 
und  bei  diesen  pflegen  zumeist  auch  die  übrigen,  an  der  betreffenden 
Seite  Hegenden,  dem  Uterus  angehörigen  Organe  zu  fehlen;  es  wurde 
sogar  das  Fehlen  der  einen  Niere  beobachtet.  Die  Ursache  solcher 
Verhältnisse  ist  in  der  unvollkommenen  Entwickelung  des  Urogenital- 
>\ steins  zu  suchen.  Minder  selten  kommt  eine  mangelhafte,  dem 
Säuglings-  oder  Kiudesalter  entsprechende  Entwickelung  beider  Eier- 
stocke entweder  das  ganze  Leben  lang,  oder  während  dessen  grösstem 
Theile  vor;  da  können  selbst  die  Spuren  der  Graafschen  Follikel  im 
Gewebe  kaum  wahrgenommen  werden.  Das  Zurückbleiben  der  Eier- 
stöcke auf  dieser  Entwicklungsstufe  ist,  wenn  auch  nicht  immer, 
doch  zumeist,  mit  der  mangelhaften  Entwickelung  der  Gebärmutter 
und  der  übrigen  Genitalien  verbunden,  und  es  ist  unnöthig  zu  sagen, 
dass  solche  Weiber  immer  steril  sind. 

In  zwei  Fällen  hatte  ich  Gelegenheit  solche  Individuen  zu  !"■- 
obachten,  bei  denen  ich  auf  eine  mangelhafte  Entwicklung  der  Eier- 
stöcke schliessen  musste.  Das  eine  mal  war  es  eine  etwa  43 jäh  i 
Frau,  die  schon  seit  20  Jahren  in  der  Ehe  lebte,  doch  nie  menstru 
und  am  h  nie  schwanger  wurde.  Bei  dieser  Frau  waren  die  Genitalien 
wohl  entwickelt,  die  Gebärmutter  zwar  klein  aber  der  Geschlechts- 
trieb fehlte  nicht  Der  zweite  Fall  betraf  ein  20 jähriges  Mädchen, 
das  sich  über  derartige  allgemeine  Gesundheitsstörungen  beklagte, 
von  denen  wir  zu  hören  bekommen,  wenn  sich  das  Einstellen  der 
Menstruation  verspätet.  Die  Pubertätszeichen  waren  zwar  bei  ihr 
alle  schon  vorhanden,  doch  fand  ich  die  Scheide  klein  und  die  Gebär- 
mutter nur  so  gross,  wie  sie  im  Kindesalter  zu  sein  pflegt  Bri  die>er 
Person  ging  die  Entwicklung  der  Genitalien  erst  später  vor  sich,  und 
die  normale  Function  stellte  sich  hierauf  bald  ein.  Die  den  erwähnten 
ähnlichen  Fälle  interessiren  mehr  den  Physiologen,  weniger  den  prak- 
tischen Arzt;  er  vermuthet  ihr  Vorhandensein,  doch  trägt  er  zu  ihrer 
erfolgreichen  Heilung  mit  Nichts  bei. 

Zu  den  zwar  nicht  so  unklaren,  aber  was  ihre  Heilung  anlangt 
eben  so  hoffnungslosen  Complicationen  gehört  auch  das  Fehlen  der 
Qebänatttter,  oder,  was  noch  öfter  vorkommt,  der  Fall,  dass 
Gebärmutter  durch  ein  oder  zwei,  etwa  bohnengrosse  oder  noch  klein,  i. . 
aus  Uterusgewebe  bestehende  Körper  vertreten  ist.  Solch  eine  rudi- 
mentäre Gebärmutter  oder  ein  vollständiges  Fehlen  derselben  kann 
auch  bei  normaler  Entwickelung  der  äusseren  Organe  vorkommen; 
in  diesem  Fall  ist  die  Scheide  kürzer  als  bei  normaler  Entwicklung 
und  endet  sackartig.     Ich  habe  von  dieser  Art  fehlerhafter   Bildung 


JSemmelweiä'  gynaecologische  AuLsiiize 


555 


nur  einen  einzigen  Fall  bei  einer  20 jährigen,  seit  einigen  Monaten 
verheiratheteu  jungen  Frau  gesehen,  die  meinen  Rath  zur  Beseitigung 
ihres  bei  dem  Coitns  empfundenen  Hindernisses  erbat.  Diese  äusser- 
lich  trefflich  aussehende  Frau  hatte  normale  äussere  Genitalien,  aber 
die  Scheide  war  kaum  anderthalb  Zoll  lang1  und  lief  in  einen  Back  aus, 
bei  der  inneren  Untersuchung  war  der  Uterus  weder  durch  die  Scheide, 
noch  durch  den  Mastdarm  tastbar. 

Ausser  diesen  Fallen,  wo  das  Fehlen  der  Menstruation  von  I  I ■- 
saclien  abhängt,  die  ausserhalb  der  (Frenzen  ärztlicher  Behandlung 
liegen,  kommen  auch  derartige  vur,  wo  sowohl  der  Eierstock  da  ist 
und  normal  functiomrt,  als  auch  die  Gebärmutter  vorhanden  ist  und 
die  Menstrualblutung  aus  ihrer  Schleimhaut  erfolgt,  und  trotzdem  das 
Blut  wegen  angeborenen  Zusammengewachsenseins  oder  wegen  Ver- 
stopfung des  Muttermundes,  ebenso  wie  in  Folge  eines  Scheidenfehlers 
oder  Scheidenverschlusses  nicht  frei  abtliessen  kann.  Solche  Personen 
fragen  jedes  Zeichen  der  Geschlechtsreife  an  sich,  mit  Ausnahme  der 
Menstruation.  Solange  die  Menstruation  fehlt,  melden  sich  die  be- 
gleitenden Vorzeichen  oft  noch  in  stärkerem  Itaasse;  später  aber,  ohne 
dass  die  Menstruation  eintritt,  lassen  sie  wieder  nach,  um  ßicfl  nach 
dem  Ablauf  der  Menstruationszeit  wieder  einzustellen. 

Erst  nach  Monaten  wird  bei  solchen  Personen  eine  Umfangs- 
zunahme  des  Unterleibes  beobachtet T  die  unter  stets  wachsenden 
Leiden  immer  sich  mehr  vergrösscri. 

Die  Krankengeschichte  dieser  Weiber,  das  Fehlen  der  Menstrua- 
tion in  einem  Alter,  wo  sie  sich  schon  hätte  einstellen  müssen,  und 
trotz  ihrer  sich  in  den  normalen  Intervallen  stets  wiederholenden  Vor- 
zeichen dennoch  ausblieb,  gepaart  mit  dem  fortwährenden  Wachsen 
des  Unterleibes,  —  alle  diese  Erscheinungen  führen  mit  der  Zeit  zur 
Erkenntniss  der  Krankheitsursache  und  weisen  behufs  Beseitigung 
auf  die  erforderliche  chirurgische  Behandlung.  Doch  kommen  mit- 
unter Umstände  vor,  in  deren  Folge  der  vergrößerte  Umfang  des 
Unterleibes  nur  nm  Vieles  später  entdeckt  werden  kann,  als  man 
anzunehmen  geneigt  wäre.  Ueberall,  wo  der  Abfluss  des  Menstriuil- 
blutts  aus  mechanischen  Ursachen  verhindert  ist,  wird  auch  die  Aus- 
scheidung geringer;  wir  würden  uns  indess  täuschen,  wenn  wir  glaubten, 
dass  sich  das  in  die  Uterushöhle  ergossene  Blut  dort  einfach  anhäuft 
ohne  dem  vitalen  Einflüsse  des  Organismus  ausgesetzt  zu  sein.  Im 
Gegentheil,  die  aufsaugenden  Gefässe  fordern  das  ergossene  Blut  von 
hier  weiter,  und  die  mikroskopischen  Untersuchungen  bezeugen,  dass 
damit  eine  gleiche  Veränderung  vor  sich  geht,  wie  wir  sie  bei  Blut- 
eririissen  in  anderen  Theilen  des  Körpers  beobachten,  die  durch  einen 
analogen  Process  entfernt  werden. 

Seewerer  zu  erkennen  sind  jene  seltenen  Fälle,  wo  bei  einem 
Uterus  bicornis  oder  bilocularis  nur  dessen  eine  Hälfte  durch 
das  Zusammenwachsen  verschlossen  ist.  Das  Menstrualblut  fliegst  aus 
der  offenen  Hälfte  der  Gebärmutter  frei  ab.  während  es  sich  in  der 
anderen  Hälfte  anhäuft.  Einen  solchen  Fall  beobachtete  Kok i tan sky. 
Es  war  nämlich  bei  einem  Uterus  bicornis  die  linke  Hälfte  versperrt, 
und  die.  Ansammlung  des  Menstrualblutes  verursachte  eine  Entzündung 
und  Verjauchung  der  Gebärmutter  und  der  benachbarten  Theile.  Die 
angesammelte  Flüssigkeit  durchbohrte  auch  die  rechte  Hälfte  der 
Gebärmutter,  und  floss  von  hier  zeitweise  in  kleinerer  und  grösserer 
Menge  ab.     Die  Patientin  starb  an  jauchiger  Bauchfellentzündung. 


r,',i 


Semmel  weis'  gynaeculogische  Aufsätze. 


Für  solche  Fälle  müssen  wir  die  Prognose  berücksichtigen,  die  wir 
aufstellen,  wenn  wir  das  Resultat  der  zum  Zwecke  der  Heilung  er- 
wünschten Operation  in  Betracht  ziehen.  Wenn  auch  ihr  Ausgang 
meistens  günstig  ist.  dürfen  wir  dennoch  nicht  vergessen,  dass  —  ab- 
gesehen von  dem  Auftreten  einer  Entzündung  —  ein  tOdtlicber  Aiiv 
gang  selbst  bei  einer  so  einfachen  Operation,  wie  die  Durch  nvnnung 
des  Hymen  imperforatum.  erfolgen  kann;  ein  solcher  fand  in  einigen 
Fällen  in  Folge  eines  Blutergusses  durch  die  Ductus  Fallopii  in 
Bauchhöhle-  hinein  statt,  trotzdem  die  Oeffnung  der  Scheide  genügend 
gross  war  und  der  freie  Abiluss  des  Blutes  auf  natürlichem  Wege 
leicht  hätte  geschehen  können. 

Zu  den  Entzündungen  der  Genitalorgane  von  Frauen,  die  bereits 
menstruirt  und  geboren  haben,  gesellt  sich  nicht  selten  eine 
Amenorrhoe,  und  zwar  entweder  in  Folge  einer  latenten  Erkrankung 
der  Eierstocke  —  wodurch  das  Zustandekommen  der  Menstruation 
unmöglich  wird  —  oder  in  Folge  Zusammenwaehsens  der  Miu 
mnndslippen  oder  durch  das  Aneinandei  kleben  der  Wände  des  ( Servil 
oder  in  Folge  einer  Verletzung  der  Scheide  mit  Wundwerden  ihrer 
Wände  und  darauffolgendem  Verschluss.  In  diesen  Fälle«  kann  sieh 
das  Menstrualblut  gerade  so  wie  bei  fehlerhafter  Bildung  in  der 
bärmutter  ansammeln,  und  die  Entfernung  desselben  erheischt  einen 
chirurgischen  Eingriff. 

Bisweilen  kann  der  Abflugs  des  Menstrualblutes  in  Folge  Ver- 
schlusses iler  normalen  Oeffnung  nicht  erfolgen;  dies  bewirkt  eine 
totale  Amenorrhoe.  Ich  sah  sogar  Fälle,  wo  die  Menstruation  ft&efc 
schwerer  Geburt  in  Folge  Verstopfung  des  Muttermundes  und  Zusammen- 
wachsen der  Scheide  gänzlich  aufgehört  hatte,  obwohl  nicht  anzu- 
nehmen war.  dass  sich  t  in  l'.utzündungsprocess  in  der  Gebärmutter 
oder  in  den  Eierstöcken  abspiele. 

Wir  haben  vorstehend  die  Amenorrhoe -Fälle  behandelt,  die 
eine  Folge  der  angeführten  Causalverhältnisse  waren  und  chirurgischen 
Eingriff  erheischten.  Nunmehr  wollen  wir  die  Aufmerksamkeit  des 
Lesers  auf  jene  Fälle  lenken,  die  durch  Causalverhältnisse  bedingt 
sind,  welche  ärztliche  Behandlung  erfordern.  Bevor  ich  aber  in  die 
näheren  Einzelheiten  eingehe,  halte  ich  es  für  noth wendig,  noch  einmal 
auf  den  Umstand  hinzuweisen,  dass  die  einfache  Verspätung  in  dem 
Auftreten  der  Menstruation  zu  keiner  Besorgniss  Veranlassung  geben 
kann,  auch  keiner  ärztlichen  Behandlung  bedarf;  denn  wie  jeder 
Entwickelungsprocess.  so  kann  auch  der  des  Genitalsystems  erhebliche 
Schwankungen  zeigen,  ohne  dass  dadurch  die  Gesundheit  gefährdet 
wäre.  Das  erste  Zahnen  geschieht  bei  einem  Kinde  im  b\  Monat, 
beim  andern  im  ersten  Lebensjahr,  und  ebenso  stellt  sich  die 
Menstruation  bei  einem  Mädchen  im  14—15.,  beim  anderen  im 
17,  Jahr  ein,  ohne  dass  dieser  Zeitunterschied  sich  im  besondern  be- 
gründen Hesse.  Alle  oft  erheblichen  Leiden,  wovon  die  M&dc 
einige  Monate,  ja  sogar  einige  Jahre  vor  der  Pubertätszeit  betroffen 
werden,  vermögen  das  Erscheinen  der  Menstruation  um  lange  Zeit 
zu  verzögern.  Ich  behandelte  ein  20jähriges  Mädchen,  das  noch  nie 
menstruirte  und  vielleicht,  auch  in  Hinkunft  nie  menstruiren  wird. 
Diese  Person  erfreute  sich  bis  zu  ihrem  15.  Jahr,  wo  sie  an  einem 
schweren  Scharlach  erkrankte,  stets  der  besten  Gesundheit;  mit  ihrer 
Erholung  ging  es  sehr  langsam  und  sie  blieb  in  ihrer  körperlichen 
und  geistigen  Entwickelung  zurück,  in  Folge  dessen  der  schwache 


.n  mm t-1  weis'  gynaecologische  Aufsätze. 


557 


Organismus  auch  die  Entwickelung  der  geschlechtlichen  Fähigkeit 
nicht  am  Stande  brachte.  Bei  Cretins,  bei  denen  die  unvollkommene 
geistige  Fähigkeit  gewöhnlich  mit  einer  ebensolchen  körperlichen 
Entwickelung  verbunden  ist.  pflegt  die  Pubertät  gewöhnlich  sehr  spät 
einzutreten.  Aus  den  von  der  sardinischen  Regierung  im  .lahre  1849 
veranlassten  pünktlichen  Beobachtungen  geht  hervor,  dass  sich  bei 
den  höchsten  Graden  des  Cretinismus  die  Zeugungsfähigkeit  über- 
haupt nie  herausbildet  und  auch  bei  minderem  Grade  des  Gebrechens 
die  Menstruation,  wenn  Oberhaupt,  erst  spat,  und  durch  das  ganze  Leben 
hindurch  nur  in  geringem  Masse  und  unregelmässig  erscheint;  auch 
bei  dem  minimalsten  Grade  aber  stellt  sie  sich  erst  im  18.  Jahr  ein. 

Wir  dürfen  weiterhin  nicht  des  Umstandes  vergessen,  dass  auch 
wenn  keine  Krankheit  oder  keine  locale  Ursache  vorhanden  ist,  die 
die  Offenbarung  der  Geschlechtsthätigkeit  zur  richtigen  Zeit  ver- 
hindern würde,  diese  Thätigkeit  dennoch  öfters  ihre  volle  Entwickelung 
nicht  zu  jener  Zeit  erreicht,  wo  sie  sich  zum  ersten  Male  äussert. 
Es  ist  ja  eine  häufige  Erfahrung,  dass  nach  der  ersten  Menstruation 
nicht  selten  eine  Pause  von  einem,  zwei  ja  sogar  drei  Monaten  ein- 
tritt, bis  sie  sich  wieder  zeigt,  oder  dass  nach  den  ersten  normalen 
Vorzeichen  keine  blutige,  sondern  eine  schleimige  Ausscheidung 
beobachtet,  wird,  die  sogenannte  weisse  Menstruation  (menses  albae) 
der  Alten.  Wir  wissen,  dass  ein  solcher  Ausfluss  für  pathologisch 
gehalten  wurde,  während  er  heutzutage  nicht  für  einen  solchen  gilt. 
Wenn  die  der  Menstruation  vorangehende  und  sie  begleitende 
Congestion  im  Uterus  gering  ist,  so  wird  auch  die  durch  dieses  Organ 
ausgeschiedene  Blutmenge  gering  sein,  und  die  Hanptbestandtheile. 
des  Ausflusses  werden  aus  Schleim  und  Epithelzellen  bestehen.  In 
solchem  Falle  ist  dies  eine  ebenso  echte  Menstruation,  wie  sie  es 
bei  einem  Weibe  ist,  aus  deren  Genitalien  eine  ausgiebige  Blutung 
erfolgt;  eine  solche  Thätigkeit  des  Organismus  regelt  sich  in  einigen 
Monaten  gerade  so,  wie  man  es  bei  gesunden,  wohl  entwickelten 
Weibern  zu  sehen  gewohnt  ist. 

Jene  Fälle  abgerechnet,  in  denen  sich  die  Entwickelung  ver- 
spätet hat,  ferner  jene,  wo  die  vollständige  Heranreifung  der  ge- 
schlechtlichen Function  nur  langsam  zu  Stande  kommt,  oder  die 
normale  Zeugungsfähigkeit  in  Folge  vorausgegangener  Krankheiten 
eine  unbestimmte  Zeit  lang  zurückgeblieben  ist,  kommen  noch  der- 
artige Fälle  vor.  wo  der  Menstrualprocess  zu  einer  Zeit  ausbleibt, 
in  der  sich  die  Pubertätsveränderungen  für  gewöhnlich  schon  voll- 
zogen haben.  Das  auffälligste  Symptom  dieser  Fälle  ist  die  gest  i  tc 
Gteaondheit)  und  als  solche  muss  sie  als  causale  Hauptursache  jener 
verschiedensten  Krankheitsformen  betrachtet  werden,  mit  denen  sie 
zu  gleicher  Zeit  auftritt. 

Die  Erscheinungen,  die  das  Ausbleiben  der  Menstruation 
symptomatisch  begleiten,  zerfallen  in  zwei  verschiedene  Classen;  diese 
unterscheiden  sich  ihrem  äusseren  Oharacter  nach  ungemein,  während 
sie  in  ihrer  essentiellen  Ursache  wahrscheinlich  nur  in  ganz  Wenigem 
von  einander  abweichen.  Während  in  einem  Falle  eine  Plethora,  im 
andern  Anämie  sichtlich  vorherrscht,  besitzt  die  erstere  eine  Neigung 
zum  Uebergang  in  die  letztere,  welcher  Uebergang  nicht  selten  sehr 
schnell  einzutreten  pflegt. 

Das  sich  in  seiner  Kindheit  der  besten  Gesundheit  erfreuende 
Mädchen   macht,  sobald   als  es  sich  seiner  Pubertätszeit  nähert,   die 


558 


Semmel  weis'  gynaecologieche  Aufttttt. 


eigentümlichsten  Wandlungren  durch;  seine  Gestalt  entwickelt  siel 
vollBtAodig,  und  beim  Vorhandensein  fast  sämmtlicher  Veränderungen 
fehlt  Nichte  anderes  mehr  dazu,  dass  es  für  vollkommen  reif  gelte, 
als  das  Erscheinen  der  noch  nicht  eingetretenen  Menstruation.  Die 
Menstrualblutung  stellt  sich  jedoch  nicht  ein;  das  Mädchen  aber 
beklagt  sich  über  haiihVe  Kopfschmerzeu,  heisses  ücsieht.  Stnlih.-r- 
stopfung,  fortwährende  Rücken-  nnd  hypochondrische  Schmerzen;  die 
Zunge  ist  belegt,  der  Puls  voll;  all  diese  habituellen  Störungen 
nahmen  zur  Zeit  ihres  cyeJischen  (etwa  ^-wöchentlichen)  Auftn 
zu;  endlich  erscheint  die  mit  nicht  geringen  Schmerzen  einher» 
gehende  —  zumeist  geringe  Menstruation ;  und  von  da  an  [»liegt  steh 
nun  gewöhnlich  einige  Monate  lang  nicht  einmal  das  kleinste  Symptom 
einer  Menstruation  zu  zeigen,  —  Am  Anfange  leidet  das  allgemeine 
Wohlbefinden  wenigstens  nicht  erheblich  oder  die  Störung  beschränkt 
sich  nur  auf  ein  lebelbefinden  in  bestimmten  Zeiträumen;  allmählich 
wird  die  Kranke  indess  mehr  und  mehr  leidend,  der  Appetit  vergeht, 
der  Magen  verdaut  nicht  mehr,  die  schwache  Kraft  reicht  nicht  mehr 
zur  Ausführung  der  gewohnten  Beschäftigungen,  der  Puls  wird 
schneller  und  schwach,  das  Gesicht  nimmt  jenes  eigentümliche  fahle 
Aussehen  an,  von  dem  dieser  Zustand  die  richtige  Bezeichnung 
Chlorose  erhielt:  bei  der  Auscultatinn  hört  man  ein  Bpecifiscbea 
Geräusch,  das  die  Durchströmung  des  Blutes  durch  die  Herzhöhlen, 
grösseren  Arterien  und  Venen  begleitet,  als  offenbares  Symptom 
veränderten  Blutmischung,  hauptsächlich  aber  und  zumeist  der 
quantitativen  Verminderung  des  Blutes. 

In  anderen  Fällen  waren  die  Symptome  einer  Plethora  nie  voi- 
handen,  die  vorherige  gute  Gesundheit  aber  leidet  umsomehr.  je  mein 
rieh  die  Pubertätszeit  nähert:  der  schwache  Puls,  die  kalte  Haut,  die 
blutleeren  bleichen  Lippen,  der  Appetitmangel  und  die  Dyspepsie 
treten  stufenweise  auf.  wahrend  sich  die  äusserlichen  Zeichen  der 
Pubertät  langsam  und  unvollständig  entwickeln. 

Bei  der  Entwickelung  des  (leschlechtstriebes  ist  die  Blutbeschaffeu- 
Iieit  in  Betracht  zu  ziehen.  Wahrend  der  ganzen  Zeit  scheint 
unter  den  im  Organismus  auftretenden  verschiedenen  Entwickeln! 
Processen  keiner  auf  die  allgemeine  Ernährungsfliissigkeit  in  i 
Masse  zu  wirken,  wie  die  Veränderungen  in  den  Genitalorganen. 
Die  rothen  Blutkörperchen  nämlich  verringern  sich  an  Zahl,  während 
die  flüssigen  Bestand t hei h  fortwährend  zunehmen,  so  sehr,  dass  in  ein- 
zelnen Fällen  die  Veränderungen  so  erheblich  werden,  dass  sie  auf 
den  ganzen  Organismus  schädlich  rückwirken;  diese  Symptome  decken 
sich  vollständig  mit  denen  der  Chlorose.  Auf  diesen  Zustand  in  der 
Schwangerschaft  machte  zuerst  Kiwi  seh  aufmerksam.  Bei  solchen 
Individuen  wird  neben  der  Zunahme  der  Gebärmutter  auch  die  Ent- 
wiekelmig  des  Kies  zu  stände  kommen,  aber  nur  auf  Kosten  des  übrigen 
ganzen  Organismus  der  Frau,  die  dann  unfähig  ist.  ihr  Kind  seihst 
zu  säugen.  Der  Organismus  bedarf  zur  erstmaligen  Bethätigung 
bestimmter  Functionen  der  Entwickelung  von  viel  mehr  Energie, 
als  zur  Erhaltung  einer  bereits  im  Gange  befindlichen  functioneÜen 
Thatigkeir  nothwendig  ist.  Bei  einem  schwächlichen,  tuberculösen 
Kinde  wird  beim  Eintritt  der  Geschlechtsreife  die  Menstruation  nicht 
sobald  erfolgen,  sondern  es  werden  sieh  statt  ihrer  allmählich  die 
Symptome  der  Chlorose  einstellen,  während  erwachsene  weibliche 
Individuen    trotz   einer  vorausgeschrittenen  Tuberculose    sowohl   men- 


Sfemmelweis'  gjnaecologische  Auf-. 


659 


struiren.  als  gebäret).  Fast,  in  sämmtlichen  dieser  Fälle,  wiewohl  sie 
zui-  Ausnahme  gehören,  wurzelt  der  Hauptfactör  der  Krankheit  im 
Blut»',  und  während  ihres  Verlaufes  treten  erln  bliche  Störungen  auf, 
die  dahin  zu  wirken  scheinen,  dass  sie  die  Zeugungsfühigkeit  BtQlSO, 
abschwächen  oder  diese  sogar  gänzlich  aufheben.  —  An  Abzehrung 
leidende  Frauen  menstruiren  bis  zu  ihrem  Lebensende  nicht,  während 
wenn  wir  eine  mit  Carcinom  Behaftete  im  Verlauf  ihrer  Erkrankung 
aufmerksam  beobachten,  wir  uns  davon  überzeugen,  dass  sich  zwar 
gelagentticli  Blutungen  aus  der  kranken  Gebärmutter  einstellen,  aber 

periodische  Thätigkeit  der  (ienitalien  nichtsdestoweniger  aufhört, 
sobald  die  Entwicklung  der  Cacbexie  vorschreitet, 

El  gibt  noch  eine  mit  der  Gesehlechtsfunction  eng  zusammen- 
hängende Eigenthümlichkeit.  die  wir  nicht  ausser  Acht  lassen  dürfen, 
da  sie  der  Grund  dafür  sein  kann,  dass  die  verspätete  oder  mangel- 
hafte Ent Wickelung  derartige  Symptome  erzeugt,  zwischen  denen 
.voiist  gar  keine  Analogie  besteht.  Für  den  weiblichen  Organismus 
scheint  das  Gesetz  zu  bestehen,  dass,  falls  seine  Oeconomie  durch 
Sc hwai überschatten  und  deren  Folgen  nicht  gestört  wurde,  während 
30  und  einigen  Jahns  aus  dem  Organismus  zu  bestimmten  Zeiten 
eine  gewisse  Menge  Blutes  ausgeschieden  wird.  Diese  periodische 
Blutung  zog  schon  in  älteren  Zeiten  die  Aufmerksamkeit  auf  sich 
und  es  wurden  dJl  verschiedensten  Hypothesen  darüber  aufge- 
stellt ;  in  dem  Einen  aber  waren  —  wenn  auch  bei  I visehiedener 
Begründung  —  Alle  einig,  dass  die  Menstrualfunction  ein  „depura- 
tives  Agens-  sei,  und  man  fegte  sogar,  dass  sie  als  Mittel  zur 
Bminirung  der  überschüssigen  Kohlensäure  der  Lungen  aus  dem 
I  teganismna  diene. 

Nach  dem  heutigen  Stand  der  Physiologie  wissen  wir.  dass  die 
Blutausscheiiiung  aus  den  Genitalien  das  äusserliche  Zeichen  eines 
inneren  und  viel  wichtigeren  Processes  ist;  doch  dürfen  wir  nicht 
vergessen,  dass  das  monatliche  Eintreten  oder  Ausbleiben  dieser  Aus- 
Khetdang  tob  4—6  Unzen  Blutes  für  den  Organismus  durchaus  nicht 
gleichmütig  ist,  und  dass  das  \usbleibeii  dieser  Erscheinung  nicht 
ohne  Orund  zu  erheblichen  constitntionellen  Störungen  führen  kann. 
Die  Erfahrung  lehrt  sogar,  dass  auf  das  endgültige  Aufhören  dieser 
während  langer  Jahre  stets  eingetretenen  Ausscheidung  fast  immer 
solclie  Erscheinungen  folgen,  die  da   beweisen,  dass  das  Gleiehgewi-  In 

Blutkreislaufes  eine  solche  Störung  erlitten  hat,  zu  deren  Ueber- 
winduug  nicht  selten  mehrere  Monate  nothwendig  sein  werden.  Zu 
dieser  Zeit  wird  es  zur  besonderen  Aufgabe  der  Leber,  das  Blut 
gleichsam  zu  reinigen,  und  nun  werden  die  Störungen  in  diesem  Organ 
häutiger  als  sonst;  und  obwohl  sich  auch  zur  Erleichterung  des  Aber- 
bürdeten  Organs  nicht  selten  Blutungen  einstellen,  geschieht  das 
doch  auf  Kosten  der  Gesundheit,  und  kann  die  verschiedensten  Krank- 
lieitni,  ja  Bellst  eine  Lebensgefahr  nach  sich  ziehen. 

Die  das  Wegbleiben  der  Menstruation  begleitenden  Symptome 
können  auch  bei  ihrem  Eintritt  vorkommen.  Wenn  sich  die  Men- 
struellen über  die  normale  Zeit  hinaus  verzögert,  sa  ist  der  Organismus 
den  verschiedenen  Erkrankungen  gerade  so  freigesetzt,  wie  bei  ihrem 
normalen  Wegbleiben.  Die  obige  zweifache  Aufgabe  fällt  nun  auch 
bier  der  Leber  ES  und  in  Folge  dessen  besteht  auch  in  solchem 
Falle  dte  gleiche  N'eigurig  ta  ihrer  Erkrankung :  dieselbe  Anlage  tritt 
auch  in  den  Gedärmen  auf,  und  die  zu  dieser  Zeit  sich  einstellenden 


560 


Semmelwei9'  gynaecologische  Aufsätze, 


Blutungen  lindern  oft  diesen  Stanungszustand,  sicherlicli  aucb  hier  auf 
Kosten  der  Gesammtkörperkraft.  Jedermann,  der  die  Symptome  kennt, 
welche  die  Granular-Niere  begleiten,  wird  es  leicht  verstehen,  dass 
die  locale  Plethora  mit  der  Veränderung  des  Blutes  und  der  Ver- 
ringerung seiuer  Bestand theile  verbunden  sein  kann,  und  wird  es  ein- 
sehen müssen,  dass  Blutegel.  Abführmittel  und  Verordnung  von  Be- 
wegung oft  die  nämliche  Rolle  in  der  Behandlung  der  Amenorrh <•<• 
spielen,  wie  im  Allgemeinen  die  Ntimulantien,  die  Eisenpräparate  und 
der  Wein,  ja,  dass  sie  sogar  über  die  letzteren  einen  Vortheil  besitzen. 

Die  Art  und  Weise,  wie  diese  Principien  auf  solche  Fälle  anzu- 
wenden sind,  wo  sich  die  Menstruation  überhaupt  noch  nie  zeigte, 
wird  je  nach  der  Verschiedenheit  der  Fälle  zn  entscheiden  sein. 
Unsere  Hauptaufgabe  muss  stets  darin  bestehen,  diese  Function  mehr 
durch  eine  Einwirkung  auf  den  Gesanimtorganismus,  als  mit  Hilfe. 
derartiger  Medicamente  herzustellen,  die  eine  unmittelbare  Wirkung 
auf  die  Genitalien  haben  oder  auch  nur  von  einiger  Wirkung 
sein  könnten.  —  Nach  alledem  beansprucht  somit  die  Verzögern  Dg 
des  Pubertätsbeginnes,  falls  damit  keine  constitutionelleu  Störungen 
verbunden  sind,  gerade  so  wenig  eine  besondere  Behandlung,  wie 
das  verspätete  Zahnen  im  Kindesalter.  In  diesem  Falle  wäre  vor 
Allem  festzustellen,  ob  die  die  Menstruation  begleitenden  Symptome 
die  Folgen  einer  einfachen  Schwäche  oder  aber  jener  Art  von  Plethora 
sind,  die  mit  einer  Veränderung  und  Verderbniss  des  Blutes  im  Zu- 
sammenhange steht. 

Obwohl  wir  unsere  Aufmerksamkeit  zu  allererst  der  Lösung  dieser 
Aufgabe  zuwenden  sollten,  zumal  ja  von  ihr  die  Durchführung  eine] 
zweckmässigen  Behandlung  abhängt,  so  dürfen  wir  dennoch  einen 
andern  Umstand  nicht  ausser  Acht  lassen.  —  Wenn  sich  nämlich  das 
erste  Auftreten  der  Menstruation  lange  verzögert,  so  tritt  dann  diese 
Function  gewöhnlich  mit  Schmerzen  und  Beschwerlichkeiten  verbunden 
ein  und  erscheint  lange  Zeit  hindurch  nur  unvollkommen.  Wie  schon 
erwähnt,  kann  es  dann  geschehen,  dass  sich  das  Blut,  welches  durch 
die  Gebärmutter  nicht  ausgeschieden  wird,  einen  andern  Weg  sucht, 
und  diese  vicariirende  Menstruation  kann  sich  Monate  lang  verschleppen, 
was  nicht  nur  für  die  Gesundheit  schädlich  ist,  sondern  in  Folge  des 
geheimnissvollen  Einflusses  der  Angewöhnung  dem  Zustandekommen 
einer  normalen  Menstruation  schwere  Hindernisse  bereiten  kann.  Wie. 
und  warum  dies  so  geschieht,  hierüber  will  ich  mich  in  keine  näheren 
Erörterungen  einlassen.  Einige  führen  die  mangelhafte  Innervation 
der  Genitalien,  andere  eine  eigenartige  Dichtigkeit  des  Uterusgewebes, 
durch  die  der  Abfluss  des  Blutes  verhindert  wird,  als  Grund  an, 
nder  endlich  eine  eigenartige  Dickflüssigkeit  des  Blutes  selbst,  der 
zu  Folge,  es  nicht  so  leicht  durch  die  Poren  dringen  kann.  Solche 
Hypothesen  sind  aber  ganz  unfruchtbar,  da  sie  unsere  Wissensbegier 
nicht  zu  befriedigen,  geschweige  denn  klare  Begriffe  zu  schaffen  ver- 
mögen. Was  das  Wesen  der  Sache  betrifft,  so  ist  es  Thatsache,  dass 
bestimmte,  in  regelmässigen  Wiederholungen  sich  mehr  oder  minder 
deutlich  kundgebende  Perioden  bestehen,  die  auf  eine  Störung  in 
Nerven-  und  I  ieWisssystem  und  mehr  oder  minder  auf  Erkrankungen 
der  Gebärmutter  und  der  angrenzenden  Organe  hindeuten  und  sich 
als  mangelhafte  Menstruation  offenbaren  und  dass  zu  solchen  Zeiten 
die  auf  die  Gebärmutter  applicirten  Massnahmen  nicht  selten  iai 
Eintreten  der  Menstruation   bewirken,    während   zu  anderen  Zeiten 


Semmel  weis'  gyn: 


561 


dasselbe   >V i-fri lireu    vfdli  ''nisslos.    ja    sug;ir    flftchtheilig   wirken 

kann. 

Die  Behandlung  besteht  in  der  Hehnng  des  alldem  einen  Ge- 
sundheitszustandes und  in  einzelnen  Fallen  in  der  Tonisirung  der 
UternsfoTtction.  Doch  ist  dabei  zu  benierkeu,  dass  wenn  sich  keine 
auf  den  Eintritt  der  Menstruation  hindeutenden  Symptome  /.»'igen, 
die  Applicirung  localwirkender  Medicamente  contraindicirt  sein  \\ 
In  dem  Falle,  wenn  der  Zustand  der  Kranken  auf  einer  all  Li- 
nie inen  Srli  wache  beruht,  sind  Roborautien  im  weitesten  Sinne 
indicirt,  worunter  nicht  nur  die  tonisirenden  Mittel  und  Eisenpräparate 
zu  verstehen  sind,  die  fast  immer  zweckentsprechend  sind,  sondern 
die  k ruft  inende  reine  Luft,  eine  passende  Lebensweise,  freie  doch 
nicht  ermüdende  Bewegung.  Aber  eine  grosse.  Gefahr  ist  da  immer 
vorhanden,  die  wir  nicht  aus  den  Auum  lassei]  dürfen,  und  das  ist 
die  Phthisis.  —  Die  Disposition  zur  Stuhlverstopfung,  die  in  diesen 
Fällen  .Störungen  verursachen  kann,  ist  nicht  mittelst  krämpfever- 
nrsachenden  drastischen.  sondern  mit  geliudewirkenden  Abführmitteln 
zu  bekämpfen;  von  diesen  ist  es  vornehmlich  der  Aloe.-Extraet,  der 
unsere  Aufmerksamkeit  verdient.  In  einzelnen  Fällen  erhöhen  die 
Kisenpraeparate  die  Trägheit  des  Dannk.-mals.  ein  Uebelstand.  dem 
jedoch  dadurch  abzuhelfen  ist.  dass  man  das  betreffende  Praeparat 
mit  irgend  einem  löslichen  Salz  verbindet.  Manilinial  vermag  ein 
empfindlicher  Magen  selbst  das  schwächste  Eisenpräparat  nicht  zu 
Vortragen;  dann  sind  die  natürlichen  Mineralwässer  viel  wirksamer, 
als  man  es  von  der  minimalen  Menge  Eisens,  das  sie  enthalten,  er- 
warten würde.  Selbst  dann,  wenn  «-ine  scheinbare  Plethora  vor- 
handen ist,  bewährt  sich  diese  Medication  am  besten. 

Wahrend  man  den  allgemeinen  Gesundheitszustand  dinrh  die  er- 
\\  a  1 1  n  i  e 1 1  M  &8S] vgeln  zu  erhalten  bestrebt  ist,  beansprucht  der  Eintritt 
dar  Menstruation  eine  unmittelbare  Aenderung  in  der  Darreichung 
der  Medicamente,  Die  Kranke  inuss  die  grösste  Ruhe  pflegen;  falls 
ein  Uebelbefinden  oder  erheblichere  rirculatiunsstörmiiren  auftreten, 
ist  es  sehr  wünschenswert]!,  dass  sie  im  Bette  verbleibe;  die  früh 
und  Abends  gebrauchten  warmen  Bäder  mit  Zugabe  vmi  Senfmehl. 
wenn  auch  die  localen  Schmerzen  nicht  gross  sind,  fördern  sehr  oft 
die  Menstruation,  Ebenso  leisten  auch  die  reizenden  harntreibenden 
Mittel,  wie  Aether  nitricus,  Terpentin,  Spiritus  juniperi  gute  Dienste, 
indem  sie  eine  Congestion  in  den  Unterleibsorganen  und  als  Folge 
davon  eine  blutige  Ausscheidung  aus  dem  Uterus  bewirken,  wodurch 
sich  der  Zustand  der  Kranken  in  erheblicher  Weise  erleichtert.  Doch 
muss  man  bei  der  Verordnung  dieser  Mittel  sehr  vorsichtig  sein;  ein 
jedes  gewaltsame  Vorgehen,  wie  die  Verabreichung  von  grossen 
Dosen  (anthariden  oder  Sabinen-Oel,  Vaginaleinspritzungen  mit  stark 
wirkenden  localen  Mitteln,  z.  B.  dem  mit  Milch  vermischten  Liquor 
ammonii  caustici,  oder  die  Einführung  des  Höllensteins  in  den 
Uterus  —  sind  in  ihrer  Wirkung  zweifelhaft  und  nicht  rathsam.  In 
einzelnen  Fällen  erwies  sich  die  Anwendung  der  Electricität  als 
nützlich;  das  Mutterkorn  ist  ganz  wirkungslos.  Manchmal  ist  der 
lOCSie  Schmerz  in  der  Gegend  der  Gebärmutter  beim  Eintritt  der 
AUustruationszeit  sehr  heftig,  und  während  in  diesen  Fällen  die 
reizenden  Bäder  gar  nichts  nützen,  lindern  die  auf  die  Portio 
vaginalis  applicirten  Blutegel  nicht  nur  den  vor- 
handenen   Schmerz,     sondern     nehmen     auch    sehr    oft 


S.;> in m b] wein'  gifsamiupUe  Werke. 


36 


562 


Semmelweis'  ^ynaeecilogrisehe  Anfsätze. 


einen   kräftigen   Einfluss    auf   den    Eintritt   der   Men- 
struation. 

Die  Erklärung,  die  man  gewöhnlich  für  diese  Thatsache  auf- 
stellte, dass  nämlich  eine  starke  (ongestion  in  einem  Ausscheidungs- 
organ  auch  dessen  Function  einstelle,  ist  heutzutage  nicht  mehr  an- 
nehmbar, da  wir  wissen,  dass  die  Menstruation  keine  Ausscheidung, 
si  mdern  eine  einfache  Haemorrhagie  ist.  Die  Thatsache  aber  ist 
wahr  und  die  sich  hierauf  gründende  Behandlung  verdient  auf  alle 
Fälle  gebührende  Berücksichtigung. 

Wir  befassten  uns  bisher  mit  dem  Studium  jener  Fälle,  wo  die 
Menstruation  ausgeblieben  war.  Eine  andere  und  gerade  so  wichtige 
Art  der  Anomalie  möge  auch  Gegenstand  unserer  Untersuchungen 
sein,  nämlich  der  Fall,  wo  die  Menstruation  entweder  unterbrochen 
i.idei'  unterdrückt  wird.  Es  kann  liier  selbstverständlich  keine  Bede  von 
der  Erforschung  jener  Umstände  sein,  die  die  Unterdrückung  (Sup- 
pressioj  der  Menstruation  bewirken  können,  oder  zu  ihrem  dauernden 
Aufhören  führen;  denn  ein  erheblicher  Theil  der  constitutionellen 
Störungen  und  localen  Erkrankungen,  kann  einen  mittelbaren  Einfluß 
auf  ihr  Eintreten  nehmen.  Welchen  Einfluss  die  Phthisis  in  ihrem 
letzten  Stadium  auf  die  Unterdrückung  der  Menstruation  übt,  dies 
haben  wir  früher,  von  der  Phthisis  redend,  umfänglich  besprochen: 
doch  sind  ausserdem  auch  andere  zahlreiche  veraltete  Leiden  von 
dem  nämlichen  Einflüsse,  während  die  acute  Entzündung  der  Eier- 
stöcke und  der  Gebärmutter,  oder  die  verschiedenen  Arten  der  Eier- 
stock-Degenerationen, sowie  die  GebärmiittergeschwiUste  die  Men- 
struation auf  Monate,  sogar  auf  immer  einstellen  können  und  zwar 
um  Vieles  früher,  als  die  Zeugungsfähigkeit  unter  normalen  Verhält- 
nissen zu  erloschen  pflegt. 

Ausser  diesen  Fällen,  wo  die  Unterdrückung  oder  das  Aufhören 
der  Menstruation  von  bestimmten  Ursachen  abhängt,  kommen  manch- 
mal auch  solche  vor,  deren  Ursache  in  einer  frühzeitlichen  Alterung 
(Decrepiditas)  liegt,  gerade  so,  wie  wir  das  spate  Auftreten  als  eine 
Folge  der  spät  eingetretenen  Pubertät  erkannt  haben.  Während 
nach  durchschnittlicher  Rechnung  die  Dauer  des  Menstruirens  sich 
auf  30  Jahre  erstreckt,  und  der  Zeitpunkt  seines  Aufhörens 
zumeist  auf  das  45.  Jahr  oder  noch  später  fällt,  pflegt  sich  uuter 
normalen  Verhältnissen  das  Aufhören  der  Menstruation  nicht  länger 
als  10  Jahre  lang  hinzuziehen,  wie  denn  auch  nie  ein  Aufholen  der- 
sellM-n  vor  dem  30.  Jahre  beobachtet  wurde,  wenigstens  nicht  ohne 
dass  in  der  vorangegangenen  Lebensgeschichte  des  Weibes  irgend 
eine  bedingende  Ursache  für  eine  solche  bedeutende  Abweichung  WM 
der  Regel  aufzuweisen  gewesen  wäre. 

Bis  zu  einem  gewissen  Zeitpunkte  ist  das  Aufhören  der  Men- 
struation meiner  Meinung  nach  gleichgültig.  Gerade  so  wie  einzelnen 
männlichen  Individuen  die  sexuellen  Fähigkeiten  bis  zum  höchsten 
Alter  erhalten  bleiben,  während  sie  bei  Andern  schwach  und  träge 
werden,  ebenso  kann  bei  Frauen  die  Zeugungslähigkeit  lange  Zeit 
hindurch  fortbestehen,  oder  anch  vor  der  Zeit  verloren  gehen,  ohne 
dass  hiedurch  die  Gesundheit  in  einem  Falle  besser,  im  andern 
schlechter  würde. 

Es  kommen  bisweilen  anch  solche  Fälle  vor,  wo  das  endgültige 
Aufhören  der  Menstruatkm  bei  gleicher  Körperconstitution  mit  der 
gleichen    aligemeinen    Schwäche    verbunden    ist,    wie    hievon    schon 


Semmel  wei>T  gynaeco logische  Aufsätze.  563 

oben,  wo  wir  das  Ausbleiben  der  Menstruation  erörterten,  die  Rede 
war,  Fälle,  wo  das  Aufhören  dann  von  den  sämmtlichen  pathologischen 
Symptomen  der  Chlorose  begleitet  ist.  Unter  solchen  Umständen 
führt  ganz  die  nämliche  Behandlung  zum  Ziele;  die  nämlichen  Eisen- 
praeparate  werden  den  jungen,  wie  den  älteren  Patientinnen  verab- 
reicht  und  /.war  zumeist  mit  so  gutem  Erlbig,  dass  sich  nicht  nur 
iHe  Gesundheit  erheblich  bessert,  sondern  auch  die  Menstruation 
neuerdings  erscheint.  Freilich  kann  es  auch  geschehen,  dass  durch 
die  zweckmässige  Behandlung  wohl  die  Gesundheit  verbessert  wird, 
die  Zeugungsfähigkeit  aber  endgiltig  erlischt. 

Nicht  selten  sind  die  Fälle,  wo  die  Menstruation  zwar  nicht  ein- 
türallemal  aufhört,  doch  die  Geschlechtsfunction  für  längere  Zeil 
hemmt  ist;  diese  Eventualität  kann  mit  einer  constitntiouellen  Störung 
verschiedenen  Grades  in  Zusammenhang  stehen.  Im  Beginn  und  zu 
Ende  der  Zeugungsfähigkeit  ist  die  Menstruation  gewöhnlich  un regel- 
mässig; im  ersten  Falle,  weil  die  Organe  noch  nicht  ihre  vollständige 
Entwiekelung  erreicht  haben,  im  andern  aber,  weil  die  Zeugungs- 
fähigkeit allmählich  im  Verschwinden  begriffen  ist. 

Vor  dem  endgiltigen  Aufhören  sind  die  Menstrnations-Störungen 
so  häufig,  dass  die  Frauen  diese  Zeit  im  ungarischen  Sprachgebrauche 
gewöhnlich  die  ..ärgerliche  Zeit"  („bosszanlu  idöszak'4}  nennen. 

Was  die  ärztliche  Behandlung  betrifft,  so  muss  im  ersten  Falle 
die  gestörte  Function  mit  Aufmerksamkeit  verfolgt  werden,  und  man 
muss  bestrebt  sein,  sie  ins  normale  Geleise  zurückzuführen ;  während 
im  letzteren  Falle  die  ganze  Fürsorge  auf  das  Allgemeinbefinden  zu 
richten  ist.  Das  Anregen  der  in  ihrer  Function  bereits  beeinträchtigten 
Organe  zu  neuerlicher  Thätigkeit  ist  zu  vermeiden;  es  würde  ja  die 
in  Abnahme  begriffenen  Kräfte  nur  noch  mehr  verringern.  Die  Men- 
struationsstörung zur  Zeit  der  Zeugungsfähigkeitsabnahme  ist  lediglich 
ein  physiologisches  Phaenomen;  unter  anderen  Umständen  aber  ist 
die  Suppivssi od  der  Menstruation  von  verschiedenen  Ursachen  ab- 
hangig.  Sie  kann  von  der  Schwangerschaft,  ja  sogar  von  einer  vom 
Weibe  gar  nicht  vermutheteii  .Schwangerschaft  bedingt  sein.  In 
jenem  Falle  des  Aufhören«  der  Menstruation,  in  dem  die  bedingende 
Ursache  nicht  ermittelt  ist,  muss  man  vorerst  feststellen,  ob  sie  nicht 
von  Schwangerschaft  herrührt,  gerade  wie  eine  solche  Feststellung 
auch  beim  Vorkommen  von  den  Unter leibsgesehwiüsten  zu  erfolgen 
hat,  die  so  eil  in  Bebreff  der  Schwangerschaft  irreführen.  Unabhängig 
von  der  Schwangerschaft,  vermag  nicht  selten  der  Geschlechtsgenuss 
die  Menstruation  auf  eine  Zeit  lang  aufzuheben,  so  dass  bei  jugend- 
lichen verheiratheten  Frauen  oft  zwei,  drei  Monate  hindurch  das  Vor- 
handensein von  Schwangerschaft  vermuthet  wird,  dann  die  ungerne 
gesehene  Menstruation  wieder  eintritt  und  die  auf  ihr  Ausbleiben  ge- 
bauten Hoffnungen  zu  Nichte  macht  Die  übertriebenen  sexuellen 
Excease,  obwohl  sie  manchmal  die  entgegengesetzte  Wirkung  haben 
und  eine  Menorrhagie  verursachen,  können  in  vielen  Fällen  auch  die 
Menstruation  ganz  aufheben,  oder  Störungen  derselben  hervorrufen 
oder  aber  die  "Blutausscheidumr  sehr  beeinträchtigen. 

Eine  jede  plötzliche  heftige  Einwirkung  ist  im  Stande  die  Men- 
struation zu  unterbrechen,  wobei  jene  sowolü  auf  die  Gebärmutter 
local  —  wie  z.  B.  bei  Applicirnng  der  Kälte  auf  die  äusseren  Geni- 
talien —  als  auch  auf  den  ganzen  Organismus  wirken  kann,  wenn 
■f..  B,  die  Füsse  durchnässt  werden  oder  wenn  man  sich  zur  Zeit  der 

36« 


564 


Bommelwds'  gyneee«kigLsi-iu!  Aufsitze- 


Menstruation  dem  Wasser  oder  der  Kälte  aussetzt.  Dieses  plötz 
Aulhören  der  Menstruation  ist  mit  einer  hochgradigen  Empfindlichkeit 
dir  SebÄrmntter  und  mit  heftigen  Schmerzen  verbunden;  nicht  selten 
tritt  BOgar  die  heftigste  Congestiun  und  eine  förmliche  Entzündung 
auf.  Der  psychische  Zustand  ist  ;m«li  von  grossem  Eintluss  am 
Körper,  wie  wir  dies  tagtäglich  selbst  bei  solchen  Functionen  >•!- 
vii,  die  von  demselben  weniger  abhängig  sind,  und  nicht  selten 
kommen  auch  Fälle  vor,  in  denen  irgend  ein  momentanes  Unglück, 
Angst.  Zorn  die  Menstruation  verhindern. 

Obwohl   die  menstrnationhinderoden  Ursachen  ganz  verschieden 
sein  können,  ist   die  Behandlung  doch  sehr  einfach,  und   beruht   zu- 
meist   auf  denselben   Principien.     Zwei   Punkte   erheischen   hier  be- 
sondere Beachtung:  vor  Allem  ißl  die  Menstruation,  so  weit  es  d 
lieh,  wieder  in  Gang  zu  bringen;  ferner  ist,  wenn  die  Menstruation- 
sieh  wieder  nähert,  ihr  Eintritt  durch  geeignete  Mittel  sicherzustellen. 
Wenu  das   heisse   Sitzbad  oder  das  warme   Vollbad,   das   im    Bette 
Liegen,    die    Uarnüimtiva   oder    Diaphoretica    hierzu    nicht    genii^n 
sollten,  wenn   die  Menstruation  in  Folge   der  Einwirkung   von  I 
oder  aus  anderen  Ursachen  plötzlich  aufhören  sollte,  dann    ist   ruhig 
die    Zeit  der   nächsten    Menstruation    abzuwarten,    89   sei   denn.   daSS 
dringende  Symptome,  wie  eine  bedeutend«    Congestion  im  Uterus,  die 
Anwendung  unverzüglicher  localer  Blutentziehungen.   Aderlässe  und 
anderer  ausgiebiger  Mittel  indiciren  sollten. 

Mit  den  erwähnten  Mitteln  haben  wir  auch  zur  Zeit  des  nächsten 
Auftretens  der  Menstruation  für  das  gehörige  H«t  In  itVihren  und  die 
Aufrechthaltung  dieser  Function  zu  sorgen. 

Man  kann  die  Wichtigkeit  dieser  Massregeln  kaum  genügend 
genug  würdigen;  denn  die  habituelle  Dysmenorrhoe  hängt  aller  Wahr- 

inlichkeit  nach  von  dem  chronischen  Irritntionszustand  oder  der 
Entzündung  der  tJebärmutter  ab.  welche  wieder  von  der  eventuellen 
Suppresskm  der  Menstruation  herrührt,  wenn  zugleich  in  Folgfi 
Mangels  an  erforderlicher  Sorgfall  in  Betreff  des  Eintretens  der 
nächsten  Menstruation,  die  Erkrankung  sich  eingenistet  hat, 


II.   Die  vicariirende  Menstruation  (Menstruatio  vicaria). 

In  der  inedici irischen  Literatur  finden  sich  zahlreiche  Fälle 
zeichnet,  in  denen  bei  Weibern,  die  entweder  eine  vollständige  Ame- 
norrhoe oder  eine  nur  spärliche  Menstruation  hatten,  in  cyclischen 
Intervallen  aus  den  verschiedensten  Theilen  des  Körpers  —  wie 
Lungen,  Magen.  Darmtract.  Mund,  Nase,  Augen,  Ohren  und  ver- 
sehleienesn  stellen  der  HautHäche  —  wiederkehrende  Blutungen  auf- 
traten, die  eben  wegen  ihrer  Cvclicität  für  menstruelle  Blutungen 
gehalten  und  darum  mit  dem  Namen  vi  ca  ri  irende  Menstrua- 
tion bezeichnet  wurden. 

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daes  viele  auf  diesen  Gegenstand 
bezügliche  altere  Beobachtungen  eine  ganz  andere  Deutung  erfahren 
müssen  und  dass  es  auch  gegenwärtig  viele  Aerzte  gibt,  die  einest  heils 
wegen  Mangel  an  nöthigen  pathologisch-anatomischen  Kenntnissen, 
anderseits  aber  wegen  unvollkommener  Untersuchung  der  betreffenden 
Kranken  der  vicariirenden  Menstruation  eine  re  Bedeutung  zu- 

schreiben, als  ihr  zukommt. 


Semmel  weis"  gynaecologisclie  AufsiLtz>v. 


5G5 


In  Meissner'.*  Werk  „lieber  Frauenkrankheiten"  umfasst  die 
Aufzählung  der  vicariirenden  Menstruationsfälle  19  Selten,  Meissner 
beginnt  sie  mit  Hippokrates  nnd  wenn  man  auch  zugeben  muss,  (3as.s 
eine  beträchtliche  Zahl  der  angeführten  Fälle  auf  TftaschttSg  be- 
ruhen, so  linden  wir  deren  auch  manche,  von  glaubwürdigen  Leuten 
beschriebene,  so  dass  man  an  dem  Vorkommen  dieser  Anomalie  nicht 
weiter  zweitein  kann.  Diese  Blutungen,  welche  an  Stelle  der  Genital- 
blutungen auftreten,  pflegen  gewöhnlich  keinen  schädlichen  Einfluss 
auf  die  Gesundheit  der  davon  Betroffenen  auszuüben.  Dies  könnte 
nur  dann  statt  haben,  wenn  der  Blutverlust  sehr  gross  wäre,  wäh- 
rend ja  in  den  meisten  beobachteten  nnd  bekannten  Fällen  diese 
Anomalie  nach  längerem  oder  kürzerem  Bestehen  entweder  von  selbst 
oder  nach  Anwendung  einer  geeigneten  Arznei  aufhörte.  —  Der  Er- 
fahrung nach  schliesst  die  vicariirende  Menstruation  die  Concepti 
fälrigkeit  nicht  aus;  es  kamen  sogar  Fälle  vor.  wo  sie  gerade  in 
Folge  von  Schwangerschaft  und  Lactation  aufhörte. 

Was  die  Behandlung  der  vicariirenden  Menstruation  anbelangt, 
so  wird  man  in  jenen  Fällen,  wo  die  Gesundheit  der  Kranken  durch 
dieselbe  keinen  Schaden  erleidet,  am  zweckmässigsten  von  einer  jeden 
eingreifenden  Behandlung  absehen.  Wenn  aber  die  Blutung  aus  einer 
Wunde,  einem  Gteschwfir,  einer  an  Blutgefasserweiternng  leidenden 
Stelle  oder  ans  einer  Fistel  n.  s.  w.  erfolgt,  dann  kann  diese  Men- 
struations-Anomalie  dadurch  beseitigt  werden,  dass  man  die  ange- 
fühlten Erkrankungen  in  Behandlung  nimmt;  jedoch  muss  bemerki 
werden,  dass  die  Heilung  dieser  pathologischen  Processe  in  Folge  der 
cyclisch  von  Neuem  auftretenden  Blutungen  viel  Zeit  m  Anspruch 
nimmt,  zumal  wenn  der  kranke  Kürpertheil  schon  seit  lange  her  sitz 
der  vicariirenden  Blutungen  war.  — 

Wenn  die  vicariirende  Blutung  in  solchen  inneren  Organen  er- 
folgt, die  unseren  Instrumenten  nicht  so  zugänglich  sind,  wie  die 
Körperobei  fläche  und  wo  die  die  Ursache  der  Blutung  bedingenden 
Gewebs-Anomalien  sich  nicht  so  leicht  erforschen  lassen,  dann  möge 
das  Heilverfahren  sich  darauf  richten,  dass  der  Arzt  einestlieils  die 
Congestion  in  den  betreffenden  Organen  vermindere,  andemtheils  aber 
die  Bluc/.uströmung  zum  Uterus  erhöhe,  wozu  —  unter  den  vorsichtigsten 
Wahl  —  die  Emmenagoga  anzuwenden  sind.  Da  aber  diese  anomalen 
Blutungen  die  entsprechende  Menstrualblutmenge  um  Vieles  über- 
steigen, so  erzeugen  sie  gleichzeitig  in  Folge  des  grossen  Blutverlustes 
einen  anaemischen  Znstand,  in  dem  der  grössere  Wassergehalt  des 
Blutes  und  seine  hiedurch  entstandene  Dünnflüssigkeit  zu  profusen 
Gelassblutunir«!!  Veranlassung  geben  können.  In  diesem  Falle  ist  es 
Aufgabe  des  Arztes,  dass  er  t  iii«-«.theils  eine  zweckmässig  geregelte 
Diät  anordne,  anderseits  durch  Verordnung  von  Eisenpraeparaten 
einen  Einfluss  auf  das  Gefässsystem  und  auf  das  rdut  übe. 


III.  Excessive  Menstruation,  Uterusblutung  (Menorrhagie). 

Die  excessive  Menstruation  offenbart  sich  entweder  in  der  Grösse 
des  Blutverlustes  oder  in  der  langen  Dauer  der  Blutung,  oder  aber 
in  ihrer  häufigen  Wiederkehr.  —  Für  den  Arzt  ist  es  nicht  gleich- 
giltig  zu   wissen,  in  welcher  dieser  Formen  sich  dieselbe  gleich  zu 


566 


S'-timielweis'  gynaecoIogiBC-he  Aufsätze. 


Beginn  zeigt,  hauptsächlich  ob  sie  nicht  stark  ausarten  wird:  denn 
oft  kann  man  aus  der  Krkenntuiss  der  verschiedenen  Formen  9GV 
auf  die  Ursache  der  Erkrankung,  als  auch  auf  das  zu  wählende  Be- 
handhmgsniittel  wichtige  Folgerungen  ziehen.  Es  darf  aber  nicht 
vergessen  werden,  dass  die  Menstruation  nur  selten  für  längere  Zeil 
in  einer  Richtung  excessiv  auftritt,  dass  vielmehr  die  Kranke,  falls  dir 
Menorrhagie  nicht  schnell  zur  Heilung  gebracht  wird,  nicht  mir  in 
grosserer  Mei  dern  mit  längerer  Dauer  und  in  kürzeren  Inter- 

vallen,  wie  bei  normalem  Verlauf,   menstruiren  wird.  —  Die  Menor- 
rhagie kann  entweder  von  einer  im  ganzen  Organismus  liegenden  I  i 
Bache,  "der  von  einem  pathologischen  Zustande  der  Genitalien  abhängig 
sein.    Die  Unterscheidung  dieser  beiden  Fälle  darf  man  in  derPi; 
nie  aus  den  Augen  lassen,  obwohl  auch  Fälle  vorkommen  können,  wo 
mau  die  üntwscheldnngsgrenze  nicht  genug  klar  zu  finden  vani 
denn  nicht  eine  jede  Übermässige,   aus  dem   schwangerschaftsfreiefl 
Uterus  herrührende  Blutung  ist  eine  Menorrhagie,  während  die  .jahre- 
langdauernde Menstruation  in  jedem  Fall  eine  Menstruation  ist  —  Im 
Allgemeinen  sind  nicht  nur  die  Weiber  geneigt  jeden  in  den  mittleres 
Jahren    ihres    Lebens   auftretenden   Blutverlust    für    eine    excessive 
Menstruation  zu  halten,  selbst  praktische  Aerzte  befinden  sich   oft  in 
dieser  irrthümlichen  Meinung. 

Die  Menorrhagie  besteht  in  einer  profusen  Blutung,  hervorgerufen 
durch  einen  „Excess  der  menstrualen  Ausscheidung",  deren  Grundur- 
sache immer  in  einem  liyperaeniiseheu  Zustand  der  Gebärmutter  liegt, 
welcher  stets  die  Reifung  des  Eies  und  sein  Heraustreten  aus  dem 
Eierstocke  begleitet. 

Es  kommen  aber  auch  derartige  lalle  vor,  in  denen  —  obwohl 
die  Menstrualblutungen  schon  aufgehört  haben,  —  dennoch  Blutungen 
aus  der  Gebärmutter  erfolgen,  die  auf  den  Organismus  entweder 
lindernd  wirken,  oder  aber  durch  ihre  Anomalie  das  Wohlbefinden 
der  Kranken  gefährden ;  sie  stehen  übrigens  in  keinerlei  anderem  Ver- 
liältniss  y.u  jener  Function,  deren  äussere  Zeichen  die  monatliche 
Menstrualblutung  ist,  als  irgend  eine  andere  ans  dem  Darint rakt  oder 
ans  den  Haemorrhoidalvenen  herrührende  Blutung.  —  Auf  diese  Weise 
kann  sich  eine  Kranke  in  Folge  von  Gebärmntterkrebs,  Uteruspolyp 
oder  anderen  im  Uterus  sitzenden  üesiliwiilsten  bis  zu  Tode  verbluten, 
ohne  dass  sie  an  echter  Menorrhagie  gelitten  hatte. 

In  ähnlichen  Fällen  ist  die  Diagnose  nicht  immer  feststellbar, 
denn  ein  beginnendes  Gebärmutterleiden  verräth  sich  im  Anfangs- 
stadium nur  durch  die  erhöhte  Hyperaemie  der  Genitalien  und  durch 
den  zur  Zeit  der  Menstruation  derselben  folgenden  hochgradigen  Blut- 
fluss;  im  weiteren  Verlaufe  der  Krankheit  aber  können  Blutungen  zu 
jeder  Zeit  eintreten  und  ohne  dass  eine  besondere  Ursache  t'iir  den 
[rritatlonszustand  der  Gebärmutter  vorliegen  würde.  Nichtsdesto- 
weniger brauche  ich  nicht  zu  sagen,  dass  eine  Unterscheidung  darum 
noch  nicht  überflüssig  ist,  weil  sich  eine  praktische  Unterscheidung 
nicht  immer  durchfuhren  lässt, 

Kehren  wir  nach  dieser  Abschweifung  zu  unserem  Gagenstande 
zurück.  Wir  erwähnten,  dass  die  Menorrhagie,  von  Ursachen  ab- 
hängen kann,  die  ihr  der  ganze  Organismus  zu  vermitteln  vermag, 

Efl  kommen  bisweilen  Fälle  vor,  wo  neben  der  Menorrhagie  das  Blut 
in  einem  derartig  veränderten  Zustande  ist.  dass  er  sich  mittelst  che- 
mische] Analyse  constatiren  lässt  und  die  erzeugende  Ursache  der  Menor- 


Semmel  weis'  gynnecologisdie  Aufsätze. 


567 


rhagie  zu  sein  scheint.  —  Die  bei  der  Nieren-Tubeirulose  vorkommen- 
den Menorrhagien  sind  nicht  gerade  die  seltensten  und  es  scheint, 
dass  das  veränderte  und  dünnflüssige  Blut  mit  grösserer  Leichtigkeit 
als  bei  normaler  Zusammensetzung  durch  die  Gelasse  der  Gebärmutter 
durchtritt,  wenn  sich  diese  zur  Zeit  der  monatlichen  Menstruation 
im  hyperaemischen  Zustande  befindet-  Auch  ich  beobachtete  3  oder  4 
für  Gi  barm utterleiden  gehaltene  Fälle,  wo  ich  trotz  der  pünktlichsten 
Fniersuchung  nicht  im  Stande  war  eine  locale  Ursache  der  verstärkten 
Menstruation  zu  entdecken,  indess  der  Harn  eine  grosse  Quantität 
Eiweiss  enthielt.  Die  Nützlichkeit  der  Harnuntersuchung  erhellt 
auch  aus  diesem  Falle,  und  sie  verdient  auch  dann  eine  Berücksichti- 
gung, wenn  auf  das  Vorhandensein  eines  Nierenleidens  selbst  nicht 
das  geringste  Symptom  hinweist,  wo  aber  auch  die  Eprouvette  genagt, 
um  einen  fälschlicher  Weise  für  eine  Gebärmuttererkrankung  ge- 
haltenen zweifelhaften  Fall  klarzulegen.  Qaflz  ähnlicher  Natur  wie 
die  auf  Nierenerkrankungen  beruhenden  Menorrhagien,  sind  diejenigen, 
welche  meist  zur  Zeit  des  endgiltigen  Aufhörens  der  Menstruation 
auftreten,  wo  sich  eine  Diaposition  zu  l  nterleibsplethora,  träger 
heberfunction  und  Verstopfung  des  Darmcanals  einstellt.  —  Umstände, 
die  die  .Menstruation  oft  anomal,  öfters  früher  auftretend  und  häutig 
copiös  in  ihrer  Quantität  machen.  Solche  Menorrhagien  sind  nicht  mibe* 
dingte  Menstruationen,  wenn  sie  sich  auch  zur  Zeit  des  Eintritts  der 
letzteren  oder  um  diese  Zeit  herum  zeigen,  weil  in  Folge  der  vor- 
handenen Uterushyperaemie  viel  eher  aus  der  Gebärmutter,  als  aus 
einem  anderen  Organ  eine  Blutung  zu  erfolgen  vermag.  Die  Dis- 
position zum  Blutfluss  ist  eine  Folge  des  Seliwiuliezustandes,  und  des- 
halb suchen  wir  wühl  mit  vollem  Recht  nicht  nur  die  Ursache  des 
allgemeinen  Schwächezustandes,  sondern  auch  die  localen  Verände- 
rungen in  der  veränderten,  sich  verwandelten  Blutbeschaffenheit. 

Bei  solchen  Frauen,  die  in  ihren  Kräften  erschöpft  sind,  erfolgt 
die  Menstruation  sehr  häutig  in  ausserordentlich  copiöser  Qnantität, 
si  dass  Iiiechnclt  eine  wahre  Menorrhagie  entsteht,  während  in  einzelnen 
Fällen  die  lange  Dauer  des  Blutttusses  wenigstens  für  die  Krank» 
ebenso  ungelegen  wird,  wie  der  stürmische  Erguss.   womit  er  erfolgt 

Obwohl  in  solchen  Fallen  die  Genitalien  nicht  sofort  in  Mit- 
leidenschaft gezogen  werden,  so  kann  eine  derartige  Störung  ihrer 
Functionen,  namentlich  bei  öfterer  Wederholung  solcher  Unregel- 
mässigkeiten nicht  auftreten,  ohne  dass  sie  von  einem  Gebärmutter- 
leiden begleitet  würde.  Das  Gefühl  eines  abwärtsdrängenden  und 
lastenden  Körpers  im  Becken,  sowie  die  sympathischen  Rücken- 
schmerzen weisen  darauf,  dass  die  Gebärmutter  grösser  als  normal 
ist.  und  ihre  Gefässe  in  Folge  des  häufigen  hyperaemischen  Zustandes 
bluterfüllt  sind,  während  die  in  der  intermenstruellen  Epoche  sich 
«■instellende  schleimige  Ausscheidung  das  Fortbestehen  desselben  Zu- 
standes beweist,  der  unter  fortgesetztem  Wachsen  der  Irritation  des 
Eierstocks  endlich  den  heftigen  Bluterguss  verursacht,  —  Da  aber 
ferner  der  Trieb  zur  Menstruation  alle  28  Tage  sich  einstellt,  so 
gewinnt  die  fcyperä mische  Gebärmutter  in  den  inferinenstruellen 
Epochen  nicht  genügende  Zeit  zur  Rückbildung  in  den  normalen 
Zustand,  und  das  Blut  wird,  kaum  dass  es  aufhörte  zu  Hie 
Folge  der  neuerlichen  Eierstock-Erregung  zur  Gebärmutter  getrieben 
und  nun  befördern  die  theils  durch  die  aufgelockerten  Bindegewebe, 
theils   durch  die  auf  einander  folgenden  Erregungen   mehr  und  mehr 


568 


Semmelweis'  gynaeiologiache  Anfsiluc. 


erweiterten  Gefässe  die  Jeichtere  A  ussclieidungf  des  Blutes,  bifl  endlich 
keine  Ruhepause  mehr  bleibt,  der  Blut.fluss  fortwährend  anhält  und 
die  monat liehe  Menstruation  sich  zu  einem  ununterbrochenen  heftigen 
Blutfluss  umwandelt. 

Dies  wären  die  durch  die  COnstitutionelten  Störungen  verursachten 
Menorrhagien. 

In  die  zweite  Classe  der  letzteren  gehören   solche   Blutiu; 
deren  Quellen   in   direct  auf  die  Genitalien   wirkenden  Ursachen   zu 
suchen  sind. 

Wir  haben  manchmal  Gelegenheit  eine  eigeuthümliche  Empfind- 
lichkeit der  Genitalien  zu  beobachten ,  wobei  ein  jeder,  mit  der 
geschlechtlichen  Function  in  gar  keinem  Zusammenhang  stehende 
momentane  Reiz  eine  oft  Stunden,  Tage,  ja  sogar  länger  währende 
Blutung  hervorruft,  die  dann  nicht  selten  zu  einer  fortdauernden 
Menorrhagie  entartet;  diesem  Zustande  unterworfene  Kranke  pfl< 
s. -In'ii  ohnedies  sehr  profus  zu  menstruiren.  Die  direct  auf  das  ^enital- 
svstem  wirkenden  l'rsachen  bringen  das  gleiche  Resultat  hervor,  und 
während  die  Menstruation  in  einzelnen  Fällen  nach  dem  angewohnten 
Reiz  des  Beischlafs  aufholt,  so  sehen  wir  wieder  in  anderen  I  allen, 
dass  sie  in  Folge  derselben  Ursache  in  ungewöhnlichem  Grade  ans* 
artet.  In  Bolchen  Fällen  wiederholt  sich  die  Menstruation  zwar 
gewöhnlich  in  normalen  Zeitabschnitten,  doch  dauert  sie  bei  jeder 
Gelegenheit,  länger  als  normalerweise  Die  zeitweilige  Entlialtunjr 
vom  Geschlechtsgenuss  und  spater  die  massige  Hingabe  an  denselben 
bewirken  gewöhnlich,  dass  die  Menstruation  normal  wird. 

Schwieriger  ist  die  ärztliche  Behandlung  in  jenen  Fällen,  wo 
die  Ehe  aus  irgend  welcher  Ursache  steril  bleibt,  oder  wo  in  I 
grossen  Altersunterschiedes,  oder  wegen  constitutioneller  Schwäche 
seitens  des  Mannes  der  Coitus  nur  unvollständig  ausgeübt  werden 
kann.  Unter  solchen  Umständen  entwickelt  sich  ein  chronischer 
Erregungszustand  der  Eierstöcke  und  eine  chronisch«  Entzündmu: 
4er  Gebärmutter,  als  deren  Folge  eine  Hypertrophie  der  Gebärmu 
und  eine  profuse  Blutung  aus  den  Schleimhäuten  auftritt 

Die  die  Menorrhagie  bedingenden  localen  Ursachen  können  sehr 
verschieden  sein.  Alles,  was  in  den  Eierstöcken  und  in  der  Gebar« 
mntter  eine  abnormale  Erregung  hervorruft,  kann  anch  Gelegenheit 
zur  Hervorrufung  dieses  Zustandes  bieten,  während  alle  derartigen 
Umstände,  wodurch  sich  die  Substanz  der  Gebärmutter  vergröa 
ihr  Gewebe  gelockert  wird  und  ihre  Geffisse  sich  erweitern,  die 
Menorrhagie  in  noch  erhöhtem  Masse  hervorrufen  können.  Auch  die 
zu  früh  nach  einer  Sehnt  wiederaufgenommene  gewohnte  Bescliäfti . 
-riebt  Veranlassung  zur  Eutvvickelung  eines  solchen  Zustandes.  wenn 
eine  solche  Menorrhagie  nicht  sofort  zum  Aufhören  gebracht,  und 
ihrer  Wiederholung  kein  Damm  gesetzt  wird,  so  nimmt  sie  bald  den 
monatlichen  Typus  auf.  Ihre  Quantität  erhöht  sich  in  erheblichen] 
Masse  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  sie  von  einem  Organe  her- 
stammt, in  dem  der  Involutionsprocess  nicht  beendet  ist.  und  dem 
das  Blut  in  grösserer  Menge  zuströmt,  als  es  in  dem  Falle  geschehen 
Würde,  wenn  die  Menstruation  bis  zum  Ablauf  der  normalen  Zeit 
nach  der  Geburt  ausgeblieben  wäre.  Auf  ähnliche  Weise  erscheint 
die  Menorrhagie  beim  Eintritte  der  ersten  Menstruation  nach  einem 
Abortus;  iei  Arzt  versäume  hier  nie  seiner  Kranken  die  gr.v 
Vorsieht   zu   empfehlen.      Dieser   Zustand    der    Gebärmutter    dauert 


.-•L-iiiriiehveis'  gyjMLMOlogiMllfi  Aufsätze. 


569 


Ut 


n 

: 

V 

m 


ler  Geburt  oder  nach  dein  Abortus  zuweilen  längere  Z+-11 ;  er 
11  bei  schwächlichen  Constitutionen  ohne  jede  nachweisbare  1  rs&che 
fortbestehen  und  zwar  in  dein  Grade,  dass  bei  der  Sondirung  der 
Gebärmutter  die  Länge  der  rtenishfihle  einen  zollgroaaeu  I  nter- 
schied  aufweist.  Diese  Lockerung  des  Uterusgewebes  kommt  mnnch- 
mal  auch  bei  der  granulösen  oder  alcer&sen  Beschaffenheit  des  Gebär- 
10111  termnuuVs  vor,  und  diese  localen  Erkrankungen,  mögen  sie  selbst 
nz  geringfügig;  erscheinen,  können  eine  habituelle  Congestion  im 
terus  sanimt  allen  ihren  Foigezustanden  hervorrufen. 

Zu  den  weiteren  Ursachen  der  Menorrhagie  gehören  noch  die 
auf  die  Gebärmutter  zur  Menstrnatioaszeit  geübten  Kusserliolieo  Ein- 
Wirkungen,  die  Kulziindung  des  Uterus,  namentlicli  seiner  Schleim- 
häute,- in  einzelnen  Fällen  entsteht  hiedurch  nicht  allein  dieser  Zu- 
stand, «s  kann  dadurch  auch  die  Gelegenheit  zu  habitueller  Menorrhagie 
geboten  werden.  Die  Lageveränderungen  der  Gebärmutter,  wie  die 
Am-  ll(  xion  und  Retroflexiou  gesellen  sich  häufig  zu  jenem  Zustand; 
die  verschiedenen  organischen  Leiden,  z.  B.  Polyp,  Fibrom  oder 
Caroinom,  die  ohnediess  schon  dauernde  Menorrhagien  verursachen 
können,  äussern  sich  zumeist  zur  normalen  Menstruationszeil  durch 
verstärkte  Blutungen.  Endlich  sind  die  verschiedenen  Erkrankungen* 
Le^ Veränderungen,  Entzündung  und  Degeneration  der  Eierstöcke 
mit  sehr  oftmaliger  Menstruation  verbunden. 

Auf  die  ärztliche  Behandlung  der  Menorrhagie  übergehend, 
ist  es  überflüssig  vorauszuschicken,  dass  sie  nicht  in  jedem  Falb-  die 
nämliche  sein  kann,  sondern  sich  nach  der  Ursache  des  Leidens  zu 
ichten  hat. 

In  jedem  Falle  aber  sind  zwei  lndicationen  zu  befolgen,  wo- 
von bald  die  eine,  bald  die  andere  die  dringlichere  sein  wird:  es 
muss  die  vorhandene  Blutung  gestillt  und  die  sie  bedingende  Ur- 
sache entfernt  werden.  Die  Principien,  mittelst  denen  das  Letztere 
zu  geschehen  hat,  sind  so  klar,  dass  ihre  nähere  Auseinandersetzung 
überflüssig  erscheint.  Bei  solchen  Individuen  z.  B.,  hei  denen  die 
Menorrhagie  das  Zeichen  der  allgemeinen  Schwäche  ist,  sind  robo- 
riiende  Mittel  und  Eisenpraeparate  von  erfolgreicher  Wirkung,  da  sie 
die  Blutmischung  verbessert  und  die  starken  Ausscheidungen  während 
der  Menstruationszeit  verhindern.  In  manchen  Fällen  übersteigt  die 
Menstrualblntung  im  Verhältnisse  zu  den  Körperkr&ften  des  Indi- 
viduums relativ  jene  Blutmenge,  die  es  im  Allgemeinen  auch  Bongl 
wahrend  der  Menstruation  zu  verlieren  pflegt.  Dieser  Fall  kommt 
nicht  selten  bei  solchen  Weibern  vor,  bei  denen  die  Menstruation  zur 
Lactatioiisz.ii  erscheint ;  es  genügt  dann  zu  ihrer  Verhinderung  das  Kind 
von  der  Brust  zu  entwöhnen  und  ein  einfaches  roborirendes  Mittel 
zu  verschreiben.  Der  Medioation  widerstehen  selbstverständlich  mehr 
oder  wenige.]-  solche  Fälle,  wo  in  dem  Blute  von  tieferen  Gründen 
abhängige  Veränderungen  stattgefunden  haben ,  wie  z.  B.  bei  der 
Granularniere.  Hier  müssen  wir  unsere  Aufmerksamkeit  nicht  allein 
auf  die  .Stillung  der  vorhandenen  Gebärmutterblutung,  sondern  auch 
auf  weitere  Momente  lenken.  Bei  der  mit  allgemeiner  Hyperaemie 
der  Unterleibsgefässe  verbundenen  starken  Menorrhagie,  die  sich  durch 
eine  Disposition  zum  Haemorrhoidalleiden,  durch  träge  Leberfunction 
und  Obstipation  äussert,  und  zumeist  zur  Zeit  des  Niederganges  der 
sexuellen  Function  auftritt,  lässt  sich  durch  direct  auf  die  Unter- 
drückung der  Blutung  gerichteten  Mittel  nichts  ausrichten ;  hier  sind 


570 


Semmel  weis'  gynaecologische  AufsKtze. 


vielmehr  indirecte  Massregeln  zu  befolgen.  Bei  solchen  Individuen 
tritt  eine  Besserung  des  Gesundheitszustandes  unter  Vermeidung  aller 
reizenden  Mittel,  ausser  der  Regelung  der  Diaet  in  Folge  von  mehr- 
wöchentlichem  Gebrauch  kleiner  Dosen  von  salzigen  Abführmitteln, 
wie  Bittersalz,  Sal  Seignetti,  und  von  lösenden  Mineralwässern  ein. 
In  diesen  Fällen,  wie  auch  bei  solchen  jungen  Weibern,  bei  denen 
nebfit  der  allgemeinen  Plethora  und  der  trügen  I  >armftmction  die 
Menstruation  in  jedem  Monat  stärker  auftritt,  hat  ein  einige  Tage 
vor  Eintritt  der  Menstruation  verabreichtes  Abführmittel  erheblichen 
Einfluss  auf  die  Verhinderung  der  Menorrhagie.  In  vielen  Fällen 
aber  sind  die  unmittelbaren  Erreger  der  Menorrhagie  entweder  die 
Genitalorgane  selber,  oder  solche  Veränderungen  derselben,  die  gleich- 
zeitig eine  Disposition  zur  Wiedererzeugung  oder  zur  Verschleppung 
dieses  Zustaudes  besitzen.  Bei  den  schwereren  Arten  der  Geb&r- 
inutter-  und  Eierstockerkrankungen  ist  die  Menorrhagie  nur  eines 
der  verschiedenartig  auftretenden  Symptome,  deren  jedes  für  sich 
unsere  Aufmerksamkeit  erheischt  und  die  ärztliche  Behandlung  bean- 
sprucht. Es  kann  darum  hier  die  Anwendung  empirischer  U 
regeln  behufs  Stillung  der  Blutung  entweder  unrichtig  oder  wirku 
los  sein,  und  wir  weiden  unsere  Aufmerksamkeit  in  einem  Falle  auf 
die  eigenartige  Constitution  des  Organismus,  im  anderen  auf  den  ent- 
schiedenen Character  des  localen  Leidens  wenden  müssen. 

Es  gibt  bestimmte  Vorsichtsmassregeln,  die  bei  all  diesen 
schiedenen  Zuständen  durch  Individuen,  die  für  Menorrhagien  dispomrt 
sind,  bei  jedem  Auftreten  der  Menstruation  zu  berücksichtigen  sind. 
Die  erste  dieser  Regeln  ist,  dass  solche  Individuen  vom  Beginn  der 
Menstruation  angefangen,  solange  in  der  Rückenlage  verweilen  müssen, 
bis  die  Blutung  vollständig  aufgehört  hat.  Wenn  man  dabei  noch 
darauf  Acht  hat,  dass  der  Darmtract  nicht  obstipirt  werde  und  hie- 
durch  die  Unterleibsorgane  zu  Beginn  der  Menstruation  in  keinen 
Congestiouszustand  gerathen,  so  wird  man  mit  Ueberrasehung  erfahren. 
wie  sich  eine  solche  hartnäckige  Menorrhagie  in  Folge  dieses  Y.  r 
fahrens  in  kurzer  Zeit  zu  bessern  vermag;  die  Blutung  wird  in  enge 
Schranken  gebannt,  und  zwar  auch  daunt  wenn  schon  zuvor  durch 
längere    Zeit    andere    Mittel    vergeblich    angewendet    wurden.      Zur 

erung  des  erreichten  Resultates  ist  es  aber  nothwendig,  dass  die 
Vorsichtsmassregeln  eine  längere  Zeit  hindurch  wiederholt  werden 
und  dass  auch  noch  später  bei  jedesmaligem  Eintritt  der  Men- 
Btruation  grössere  Vorsicht  befolgt  werde,  als  dem  überwiegenden 
Tlieil  der  Patientinnen  not  big  erscheint.  Während  aber  diese  Vor- 
siclitsmassregeln  in  sammtlichen  Fällen  der  Menorrhagie  angewendet 
werden  müssen,  lial  die  Behandlung  der  einzelnen  Fälle  von  au  deren 
Gesichtspunkten  auszugehen  und  niuss  verschieden  sein,  je  nachdem 
die  Menorrhagie  einen  activen  oder  passiven  Character  hat.  Im 
letzteren  Falle  werden  wir  mit  guten  Erfolge  sowohl  innerlich  wie 
;iusserlii]i  zusammenziehende  Mittel  anwenden;  im  erstellen  Falle  aber 
führen  diese  Mitte]  nicht  zu  dem  erwünschten  Ziele.  Hier  wird  der 
Wichtigkeit  der  Symptome  entsprechend  ein  mehr  oder  minder 
energisches  Verfahren,  das  die  Entzündung  bekämpft,  besser  am 
Platze  sein 

l  s  gibt  eine  Art  der  Menorrhagie,  die  von  der  hochgradigen 
Congestion,  wonicht  vollkommenen  Entzündung  der  Gebärmutter  ab- 
hängt, und  bei  der  der  starke  Blutverlust  mit  allgemeiner  fieberiger 


Semmelweis'  gynaecokigisrlir  Aufsitze. 


571 


Alteration,  unbequemen  Druckgefühl  mit  Schnierzenipfindungen.  grosser 
Empfindlichkeit  der  Gebärmutter  und  des  Unterleibes  mit  periodisch 
auftretenden  Schmerzen,  wie  solche  bei  drohendem  Abortus  oder  in 
der  ersten  Periode  der  Geburt  vorzukommen  pflegen,  verbunden  tat. 
Dieser  Zustand  wird  M  e  t  r  i  t  i  s  h  a  e  m  o  r  r  h  a  g  i  c  a  genannt ;  zu  seiner 
Behebung,  wie  behufs  Bekämpfung  der  mit  demselben  auftretenden 
Blutung,  ist  die  Applicirung  zahlreicher  Egel  auf  die  Portio  vaginalis 
von  bestem  Erfolg;  sie  sind  entweder  kurz  vor  dem  Eintritt  der 
Menstruation  oder  aber  am  ersten  und  zweiten  Tage  nach  der  l'liii- 
ausscheidimg  anzulegen.  —  Bei  einer  zweiten  Art  der  Fälle  sind, 
obgleich  hier  die  Symptome  weniger  drängen,  zur  directen  Ver- 
hinderung der  Blutung  dennoch  keinerlei  Versuche  zu  empfehlen. 
Diese  gehören  zu  jenen  Fällen  der  Menorrhagie,  die.  mit  einer  allge- 
meinen Plethora  verbunden  sind,  und  in  denen  zu  Reginn  der  Men- 
gt i  uation  das  stark  geröthete  Gesicht,  der  volle  Puls  und  der  schmerzende 
Kopf  allmählich  sich  in  dem  Masse  bessern,  in  welchem  die  Blutung 
in  FLuss  kommt.  Hier  würde  die  Blutung  sogar  nützlich  erscheinen, 
wenn  sie  nicht  auch  die  Tendenz  hätte  stärker  zu  werden  und  auch 
dann  noch  fortzudauern,  nachdem  die  bedingende  Ursache  schon  auf- 
gehört hat  als  solche  zu  wirken.  In  diesem  Falle  wird  ein  massiges 
entzündungstillendes  Mittel,  am  besten  Bittersalz  mit  Schwefelsäure 
und  zwar  in  kleinen  Dosen,  bei  erheblicheren  Schmerzen  der  Gebär- 
mutter mit  Opiaten  oder  Kalium  nitricum  mit  Digitalistinctur  verab- 
reicht, die  sich  zur  Bekämpfung  der  Blutung  fast  immer  als  wirksam 
und  ausreichend  erweisen. 

In  den  meisten  Fällen  von  Menorrhagie  reichen  die  oben  em- 
pfohlenen Vorsichtsmassregeln  und  die  Anwendung  der  erwähnten  inner- 
lichen Mittel  zur  Stillung  der  Blutung  aus;  es  kommen  aber  äusserst 
selten  auch  solche  Fälle  vor,  in  denen  diese  Art  der  Behandlung  fast 
gar  Nichts  nützt  oder  die  vorhergegangene  Blutung  so  stark  war. 
oder  aber  sich  so  oft  wiederholte,  dass  eine  jede  Unze  verlorenen  Blutes 
bedenklich,  ja  sogar  lebensgefährlich  für  das  betreffende  Individuum 
wird.  In  diesem  letzteren  Falle  müssen  wir  zu  kalten  Umschlägen, 
kalten  Irrigationen,  kalten  Clystieren  greifen;  versagen  auch  diese 
Mittel,  dann  wird  nur  noch  die  Scheidentainponade  und  eiskalte  Ein- 
spritzungen in  die  Uterushöhle  das  Leben  erhalten  können. 


IV.  Die  schmerzhafte  Menstruation  (Dysmenorrhoe;. 

Meine  geehrten  Leser  werden  vielleicht  finden,  dass  ich  eine  all- 
tägliche Sache  erwähne,  wenn  ich  sage,  dass  eine  jede  Function  des 
Köriiers.  falls  sie  unvollkommen  vor  sich  geht,  mit  Schmerzen  ver- 
bunden zu  sein  pflegt.  Der  schwache  empfindliche  Magen,  wenn  er 
schwei  verdauliche  Speisen  enthält,  wird  schmerzhaft,  das  Auge  mit 
schlechtem  Sehvermögen  wird  in  Folge  der  Anstrengung  empfindlich; 
der  Kopf  der  Becniivulesrentin  fängt  schon  beim  ersten  Versuche  zur 
Aufnahme  der  gewohnten  Beschäftigung  an  zu  schmerzen.  Ebenso 
wird  auch  die  Menstrualfunction ,  sei  es  dass  sie  durch  Copiosität, 
oder  durch  Mangelhaftigkeit  von  der  Norm  abweicht,  vidi  Bolchen 
Leiden  begleitet,  die  den  auch  bei  gesunden  Frauen  häufig  vorhandenen 
Grad    unangenehmer  Empfindungen   um   Vieles   übersteigen.     Beide, 


572 


-cinimlweis'  grnaecologische  Aufsitze. 


sownlil  die  Amenorrhoe  wie  die  Menorrhagie,  sind  fast  immer  mit 
solchen    Empfindungen    verbunden   und    bei    den    mannigfaltigen 
krankungen    der  Genitalien   ist  der  zur  Zeit   der   Menstruation   auf- 
tretende Schmerz  ein  Symptom,  das  selten  fehlt.     Allein  ausser  di 
Füllen,   wo  der  Schmerz  nur  eines  jener  Leiden   i-i     wogegen  unsere 
Hilfe  in  Anspruch  genommen  wird,  gibt  es  noch  andere,  in  denen  die 
Menstrnalschmerzen   so  heftig  und  ob  ihrer  Langwierigkeit   so 
lästig  sind,  dass  sie.  in  Form  einer  bestimmten  Erkrankung  erscheinend, 
in  der  Pathologie  unter  dem  Namen  der  schmerzhaften  Menstruation 
(Dysmenorrhoe)  registrirt  werden. 

Min    pflegt    fiir    gewöhnlich   drei    verschiedene    Arten    der   Dys- 
menorrhoe, d.  li.  der  schmerzhaften  Menstruation  zu  unterscheiden 
zwar  die  neuralgische,  die  congestive  und  die  mechan 
Dysmenorrhoe.  —  Benennungen,  die  zweckentsnrerheiul  und  im 
Ganzen  auch  annehmbar  sind 

In  manchen  Fällen  ist  es  beim  Fehlen  jeder  andern  pathologischen 
Erscheinung  lediglich  der  Schmerz,  durch  den  die  Menstruation  van 
ihrer  Norm  abweicht.  Die  einfachste  Form  dieser  neuralgischen 
Dysmenorrhoe  kommt  am  häutigsten  bei  jungen  Mädchen  vor*  bei 
denen  sich  das  Genitalsystem  relativ  spat  entwickelt  hat.  die  daher 
über  den  normalen  Zeitpunkt  hinaus  noch  ein  oder  zwei  Jahre  lang 
nicht  menstruiren.  In  diesen  Fällen  tritt  der  Schmerz  um  ein  bis  zwei 
Tage  früher,  als  die  Menstruation  auf.  und  erreicht  seinen  höchsten 
Grad  in  den  ersten  36  Stunden,  wo  sich  seine  Heftigkeit  oft  so  Behf 
steigert,  dass  die  Kranken  in  ihrer  Qual  sich  am  Boden  wälzen; 
dann  mildert  er  sich  allmählich,  hört  aber  gewöhnlich  erst  mit  Be- 
endigung der  Menstruation  ganz  auf.  Obwohl  der  grösste  Schmerz 
in  der  Gegend  der  Gebärmutter  und  des  Beckens  empfunden  wird, 
so  ist  er  doch  nicht  an  diese  Stelle  gebunden,  sondern  erstreckt  sich 
auf  die  Kreuz-,  Lenden-  und  Schamgegend;  ja  er  breitet  sich  sogar 
bis  auf  die  Innenfläche  der  Schenkel  aus  Derselbe  wird  zeit 
heftiger,  gerade  so  wie  bei  Wehen  und  Kolik,  während  der  Bauch 
in  seinem  ganzem  Umfange  derart  empfindlich  ist.  dass  er  nicht  die 
leiseste  Berührung  verträgt.  Ausser  diesen  mehr  oder  minder  70D 
den  Genitalien  ausgehenden  Schmerzen  pflegen  zu  gleicher  Zeit  noch 
andere  Leiden  im  Organismus  aufzutreten.  Häufig  ist  der  heftige  — 
zumeist  auf  die  eine  Hälfte  des  Kopfes  sich  beschränkende,  oder  der 

nannte  Clavus  hvstericus-artige  Kopfschmerz;  in  anderen  F.illeii 
ist  der  Magen  der  Sitz  des  Leidens  und  die  Patientin  wird  von  fort- 
währender Uebelkeit.  ja  sogar  von  Erbrechen  gequält  Bei  Manchen 
treten  wieder  verschiedene  hysterische  Leiden  nicht  selten  mit  grosser 
Heftigkeit  auf;  ich  kannte  eine  Frau,  die  während  der  Menatruations- 
zeit.  nicht  selten  an  Anfällen  von  Hysteroinanie  zu  leiden  hatte.  Diese 
neuralgische  Dysmenorrhoe  ist  aber  nicht  immer  an  hysterische  An- 
lage gebunden;  es  giebt  sogar  Weiber,  die  während  der  Menstruation 
ungeheuere  Schmerzen  erleiden  und  bei  denen  nicht  ein  einsiges 
Symptom  der  Hysterie  nachweisbar  ist,  die  im  Gegentheil  eine  durchaus 
ruhige  Selbstbeherrschung  und  nicht  gewöhnliche  Seelenkraft  beknnden. 

Zuweilen  äussert  sich  die  Dysmenorrhoe  auf  die  Weise,  als  würde 
die  neuralgische  Störung  auf  den  ganzen  Organismus  einwirken, 
während  sie  sich  in  anderen  Fällen  lediglich  auf  die  Nerven  der 
Genitalorgane  beschrankt  diese  letztere  Art  dauert  gewöhnlich 
kürzere  Zeit,  obwohl  deswegen  die  Schmerzen  nicht  unbedingt  geria 


>i  in iitel weis'  gynaecologische  Aufsätze. 


573 


sein  müssen,  als  diejenigen,  die  im  Gefolge  der  sympathischen  Er- 
krankungen auftreten.  Wenn  der  Schmerz  nach  der  Menstruation 
sogar  sclmn  aufgehört  hat,  genügt  in  vielen  Fällen  noch  immer  die 
k  Erregung  des  Genitalsystems  um  ihn  wieder  zu  wecken.  Für 
die  an  dieser  Art  Menstrnationsaiiomalie  leidenden  Frauen  ist  derOoitus 
fast  immer  ungemein  schmerzhaft,  sie  leiden  wahrend  der  Schwanger* 
schalt  gewöhnlich  mehr,  und  bei  der  Geburt  werden  ihre  Schmerzen 
fast  unerträglich. 

T"s  wurde  oben  erwähnt,  dass  die  einfachere  Art  der  neural  irischen 
Menstruation  bei  solchen  jungen  Mädchen  vorkommt,  bei  denen  eine 
verzögerte  oder  wnhl  auch  unvollkommene  Entwicklung  des  Genital- 
Systems  vorhanden  ist.    Aber  nicht  nur  ausschliesslich  bei  diesen  ist 

EU  beobachten,  sondern  manchmal  auch  bei  solchen,  die  mehrere 
Jahre  hindurch  normal  und  schmerzlos  meustrnirtOL  Ich  habe  nicht 
selten  bei  Keconvalescenten  nach  schweren,  mit  der  Gtonitalfonction 
gar  nicht  zusammenhangenden  Krankheiten  gesehen,  dass  die  Menstrua- 
tion schmerzhaft  ward  und  auch  so  blieb  nachdem  ihre  Gesundheit 
im  (fahrigen  völlig  hergestellt  war.  In  anderen  Fällen  entstand  die 
hartnäckige  Dysmenorrhoe  nach  einer  momentanen  Suppression  der 
Menstruation  durch  Erkältung  oder  durch  eine  andere  zufällige  Ein- 
wirkung, ohne  dass  in  der  Gebärmutter  irgend  eine  Erkrankung  nach- 
zuweisen gewesen  wäre.  In  einem  Falle  trat  die  Dysmenorrhoe  in 
Folge  eines  Abortus  oder  einer  nach  der  Geburt  aufgetretenen  Metritis 
auf.  und  blieb  auch  bis  zum  endgiltigen  Schwinden  der  Entzündung 
durch  längere  Zeit  zurück. 

Die  zweite  Art  der  Dysmenorrhoe  nennt  man  die  congestive. 
wegen  der  eigenthümlichen  Verhältnisse,  unter  denen  sie  auftritt 
Sie  kommt  seltener  beim  Einsetzen  der  Geschlechtsfunction  vor.  wie 
die  rein  neuralgische  Dysmenorrhoe,  ist  vielmehr  ein  dem  späteren 
Lebensalter  eigener  Zustand.  Dabei  pflegt  zumeist  in  der  iiiTti men- 
struellen Epoche  ein  Gefühl  der  Schwere  in  der  Beckengegend  und 
ein  zu  Haemorrhuiden  disponirendes  Leiden  aufzutreten;  diese  Sym- 
ptome verschärfen  sich  in  einigen  Tagen  nach  der  blutigen  Ausscheidung 
in  erheblichem  Maasse.  Die  blutige  Ausscheidung  ist  während  der 
Menstruation  in  den  ersten  24  oder  36  Stunden  ganz  gerin?,  und 
der  Schmers  sehr  heftig;  nach  Ablauf  dieser  Zeit,  oft  sogar  noch 
früher  wird  die  Menstruation  sehr  Stark  un«l  je  mehr  sie  sich  noch  ver- 
stärkt, umso  mehr  lindert  sich  der  Schmerz,  bis  er  endlich  aufhört. 
Die  blutreiche  Gebärmutter  schmerzt  so  lange,  bis  die  Natur  selbst 
sie  des  Blutes  entledigt;  wie  ja  auch  unser  Kopf  bei  Congestionen 
H  lange  weh  thut .  Ins  die  Gehimgefässe  durch  Application  von 
Si-hroptköptVii  oder  Egeln  entlaste!  weiden.  In  manchen  Fällen  wird 
die  Menstrualhlutuiig  nie  stark,  und  dann  bleibt  die  natürliche  Er- 
leichterung durch  sie  auch  nur  eine  theil weise.  Dann  lässt  auch  der 
schmerz  und  die  Pulsation  in  der  Gebärmutter  während  des  ganzen 
Meiistruaiionszeitraumes  nicht  nach  und  auch  die  Empfindlichkeit  be- 
steht weiter:  im  entgegengesetzten  Falle  erfreut  sich  die  Patientin 
mit  dem  Aufhören  der  Menstruation  zumeist  eines  ziemlichen  Wohl- 
befindens. In  den  nächsten  8  bis  10  Tagen  fehlt  ihr  relativ  Nichts, 
aber  nach  dem  Verstreichet!  dieser  Zeit  kehren  die  Symptome  all- 
mählich wieder  und  erreichen  ihren  Höhepunkt  beim  Eintritt  der 
Diensten  Menstruation. 

In   einzelnen   Fällen  dieser  Dysmenorrhoe   genügt   die  während 


574 


Semmel  weis"  gynaecologisehe  Auf- 


der  Menstruationszeit  abtiiessende  Blutmenge  nicht  nur  nicht  zur  Er- 
leichterung der  Gebärmutter,  sondern  sie  ist  absolut  und  relativ 
gering.  Zuweilen  hört  die  Ausscheidung,  nachdem  sie  schon  einige 
Stunden  lang"  gedauert,  auf,  tritt  dann  wieder  ein,  und  ist  selbst 
bei  geringer  Quantität  des  ausgeschiedenen  Blutes  mit  kleinen  Blnt- 
geriunseln  vermischt,  was  wahrscheinlich  daher  rührt,  dass  das 
langsam  abmessende  Blut  in  der  Gebärmutter  Zeit  zur  Gerinnsel- 
bildnng  hat  Dies  kommt  bei  der  normalen  Menstruation  nicht  vnr, 
da  sich  das  Blut  relativ  schneller  in  die  Scheide  ergiesst,  wo  es  seine 
Gerinnungsfähigkeit  verliert,  indem  durch  die  Absonderungen  in  der- 
villini  das  Fibrin  gelöst  wird. 

In  anderen  Fällen  werden  mit  dem  Menstrualblut  gemischt  Haut- 
paxtÜE&L,  Striemen  und  gut  erkennbare  Membranen,  sogar  kleine 
häutige  Säckchen  entleert,  in  denen  wir  bei  genauer  Untersuchung 
den  Abdruck  der  l'terushiihle  erkennen.  Dies  geschieht  einmal, 
während  einer  längeren  Reihe  der  Menstruationen,  auch  öftere.  Das 
\ii-stossen  der  Membranen  erfolgt  zumeist  mit  einer  erheblichen 
Steigerung  der  Leiden  der  Patientin,  manchmal  entschieden  mir 
solchen  cyclischen  Schmerzen,  wie  beim  Abortus.  Wenn  sich  zu 
diesem  Zustand  noch  eine  Menorrhagie  gesellt,  was  zwar  nicht  inuit»  i, 
aber  immerhin  doch  häutu:  vorkommt,  so  kann  es  geschehen,  dass  die 
Schuldlosigkeit  einer  an  so  complicirten  Erscheinungen  leidenden  Frau 
grundlos  verdächtigt  wird. 

In  Folge  ungenauer  Kenntniss  des  die  l'terushöhle  bedeckenden 
Schleimhautgewebes  sah  man  ein  solches  Sackchen  noch  vor  kurzer 
Zeit  als  Product  eines  entzündlichen  oder  ähnlichen  Prozesses  an. 
Jetzt  aber  wissen  wir,  dass  sich  während  der  .Menstruation  die 
Epitbelschicht  der  Uterusschleimhaut  in  kleinerer  oder  grösserer 
Menge  ablöst  und  ausscheidet;  die  rutersnchuug  dieser  Schleimhaut 
genügt  zum  Beweise  dessen,  dass  zu  ihrer  Bildung  und  Elimiuirung 
nur  ein  höherer  Grad  jenes  Processes  erforderlich  ist,  der  ohnedies 
bei  jeder  Menstruation  vor  sich  geht.  Die  eine  Oberfläche  der  Mem- 
brane ist  glatt,  die  andere  rauh,  last  zottig,  und  an  der  letzteren 
lassen  sich  die  Ueberreste  zahlreicher  erweiterter  Schleimdrüsen  wahr- 
nehmen; dies  beweist.  .  1,-tss  sie  der  Decidua  ähnlich  ist,  die  unter 
dem  physiologischen  Reiz  der  Conception  behufs  Erreichung  be- 
stimmter Zwecke  eine  vollkommenere  Entwicklung  erhält.  —  Efl  ist 
überflüssig  zu  erwähnen,  dass  es  selbst  vom  praktischen  Standpunkte 
genommen  nicht  gleichgültig  ist,  ob  wir  richtige  Begriffe  von  diese] 
Membran  haben  oder  nicht,  wenn  diese  Membran  ein  plastisches 
Exsudat  wäre,  wie  es  z.  B.  bei  der  Angina  membranaeea  der  Fall 
ist,  so  würde  ihre  Entfernung  ein  energisches  antiphlogistisches  Ver- 
fahren erheischen,  was  aber  die  Erfahrung  auf  keine  Weise  recht- 
fertigen würde.  Bei  genauer  Erwägung  der  Sache  können  wir  selbst, 
abgesehen  von  der  oben  erwähnten  Beobachtung,  die  Irrigkeit  di> 
Meinung  erweisen.  Es  wäre  ganz  und  gar  uu fassbar,  wie  die  an 
einer  mit  Ablagerung  eines  so  starken  plastischen  Exsudat>  ver- 
bundenen Entzündung  erkrankte  Schleimhaut  nach  einigen  Tagen 
schon  ihre  Restitution  vollständig  zurückgewinnen  könnte  und  auf 
welche  Weise  sich  diese  heftige  und  mit  ähnlichem  Entzüudungs- 
produet  endende  Entzündung  zeitweise  erneuern  könnte  —  ohne  dass 
die  Thätigkeit  der  Schleimhaut  erheblich  gestört,  oder  irgend  eine 
dauernde  Veränderung  in  ihrem  Gewebe  eintreten  würde. 


Semmel  weis'  gjnaecoiogisctae  Aufsätze. 


575 


Hin  mit  dieser  congestiven  Dysmenorrhoe  verwandter  Zustand  ist 
jene  Art  derselben,  die  von  praedisponirenden  Ursachen,  namentlich 
von  der  Gicht  oder  vom  Rheuma  abhängig  ist.  obwohl  ich  es  nicht 
motiviren  kann,  warum  dieselben  bei  Frauen  viel  öfter  diese  eigen- 
artige Erkrankung  hervorbringen,  wie  jene  pathologischen  Formen, 
welche  bei  Männern  zu  beobachten  sind.  Solche  Fälle  aber  kommen  in 
jeder  Classe  vor  und  dort,  wo  sie  auftreten,  nehmen  sie  einen  ehroni- 
Beben  Verlauf  und  widerstehen  lange  Zeit  hindurch  der  Behandlung. 
Zuweilen  wird  eine  Erkältung  für  die  Ursache  der  Erkrankung  gehalten, 
während  sie  sich  in  anderen  Fällen  langsam  und  ohne  jede  bestimmte 
Ursache  entwickelt.  Die  Menstruation  ist  zu  Beginn  gewöhnlich 
schmerzhaft  und  gering,  und  jede  Menstruation  ist  von  einer  ab- 
normalen constitutionellen  Störung  begleitet,  wobei  der  Puls  sehr 
schnell,  die  Haut  heiss  aber  schweissig,  der  Harn  mit  bamsauren 
Salzen  gesättigt  ist  In  den  Intervallen  tritt  weisser  Fluss  auf,  die 
Schmerzen  lassen  zwar  etwas  nach,  sind  aber  doch  noch  bedeutend 
und  steigern  sich  bei  einer  jeden  äusserlichen  Einwirkung,  ja  sogar 
auch  ohne  nachweisbaren  Grund.  Sie  sind  bald  am  Rücken,  bald  in 
der  einen  oder  anderen  Lendengegend  heftiger,  und  ziehen  sich  einmal 
an  der  vorderen,  das  andere  Mal  auf  der  hinteren  Fläche  des 
Schenkels,  im  Verlaufe  des  Nervus  cruralis  oder  ischiadicus,  abwärts; 
inzwischen  hat  die  Kranke  schwache  Fieberanfälle,  weswegen  sie  das 
Bett  hüten  muss;  doch  sind  die  in  den  Extremitäten  herumziehenden 
Schmerzen  selten  von  Gelenksentzündnngen  oder  Anschwellungen 
begleitet. 

Der  Sitz  des  Schmerzes  liegt  in  diesen  Fällen  unzweifelhaft  in 
dem  Muskelgewebe  der  Gebärmutter,  wesshalb  dieses  Leiden  häutig 
jenen  ganzen  Lebensabschnitt  überdauert,  in  dem  die  Menstruation 
stattfindet,  obwohl  mit  dem  Aufhören  dieser  periodischen  Congestion 
des  Uterus  auch  das  Befinden  der  Kranken  sich  erheblich  bessert. 
In  den  schlimmsten  Füllen  ist  die  Gebärmutter,  trotzdem  sie  in  ihrem 
Gewebe  keine  besondere  Veränderung  aufweist,  so  sehr  empfindlich, 
dass  die  leiseste  Bewegung  die  quälendsten  Schmerzen  verursacht. 

Ausser  diesen  beiden  vornehmsten  Arten  der  Dysmenorrhoe  —  der 
neuralgischen  und  congestiven  —  kommen  nicht  selten  noch  solche 
vor,  die  einen  gemischten  Character  haben. 

Es  werden  ausserdem  noch  solche  Fälle  beobachtet,  in  denen  die 
Dysmenorrhoe  in  Folge  einer  organischen  Erkrankung  der 
Gebärmutter,  wie  z.B.  Fibrom,  Lageveräuderung  (Ante-  uder 
In  troHexioii!,  oder  eines  den  Blutabfluss  hemmenden  mechanischen 
Hindernisses,  wie  z.  B,  Verengung  des  Cervicalcanals  und  des  Mutter- 
mundes, auftritt 

Diejenigen  Fälle  der  mehrere  Monate  hindurch  bestehenden 
Dysmenorrhoe,  in  denen  eine  einsichtsvolle  Medication  ohne  Nutzen 
für  die  Krankheit  monatelang  fortgesetzt  wurde,  erheischen  eine  ge- 
naue innere  Untersuchung  um  festzustellen,  ob  die  vorhandene  schmerz- 
hafte Menstruation  nicht  etwa  das  Symptom  eines  localen  Leidens  ist, 
dessen  Liuderung  und  Heilung  in  unserer  Macht  steht 

Eine  Art  der  durch   eine  locale  Ursache  bedingten  Menstruation 
erweckte  in  den   letzten  Zeiten  grosse  Aufmerksamkeit,  nämlich  die, 
bei  der  die  Ursache  des  Leidens  von  der  Verengung  des  zum  Ab- 
flüsse  de*  Menstrualblutes    dienenden   Kanals  abhängt.    Diese    I 
der  mechanischen  Dysmenorrhoe  aussen  sich  nicht  nur  durch  Schmerzen, 


f>70  .SeiHiuelwfcis'  gyiiaecologische  Anfsätze. 

hie,  ist,  auch  durch  den  langsamen  Abfluss  und  durch  die  geringe 
Menge  des  ausgeschiedenen  Blutes  gekennzeichnet,  das  sich  über- 
dies noch  in  kleinen,  unvollkommenen  Gerinnsel-Stücken  entleert 
I)as  Hinderniss  der  Hlutentleerung  kann  sowohl  an  dem  äusseren 
Muttermund,  als  an  einer  begrenzten  Stelle  des  Cervix,  namentlich 
an  jenem  Theile  vorkommen,  wo  der  Corpus  uteri  in  den  Cervix  über- 
geht, also  in  der  Nähe  des  inneren  Muttermundes;  dasselbe  kann  sich 
aber  auch  auf  den  ganzen  Cervicalcanal  erstrecken.  Die  Ursache 
liiefür  kann  manchmal  die  Entzündung  des  Cervicalcanals  und  wahr- 
scheinlich auch  dessen  Kxulceration  sein,  wie  ich  Gelegenheit  hatte, 
dies  bei  einer  Kranken  zu  beobachten,  bei  der  der  Cervix  an  einer 
Stelle  derart  verstopft  war,  dass  die  Einführung  selbst  des  dünnsten 
Saiten- Bougies  nicht  gelang;  diese  Frau  behauptete,  ihr  Leiden  sei 
in  Folge  einer  Geburt  vor  12  Jahren  entstanden.  —  In  anderen 
Milien  ist  die  Menstruationsstörung  habituell  und  die  Verengung  des 
Cervix  ererbt  oder  in  der  fehlerhaften  Entwicklung  der  Gebärmutter 
zu  suchen;  ich  halte  dafür,  dass  gerade  diese  letztere  Form  des 
Leidens  die  häufigste  ist.  In  den  letzten  Jahren  herrschte  die  An- 
sicht, dass  diese  Form  der  Menstruationsstörungen  sehr  häutig  vor- 
kommt ;  deswegen  wurde  sehr  oft  eine  mechanische  Behandlung  ver- 
sucht und  die  interne  Medicatiou.  von  der  in  den  allermeisten  Fällen 
der  grösste  Erfolg  zu  erwarten  ist.  nicht  in  Anwendung  gebracht. 

l>ic  Verbreitung  dieser  Ansicht  ist  meiner  Auffassung  nach  auf 
den  Umstand  zurückzuführen,  dass  wir  bei  der  Einführung  der  Uterus- 
sonde sehr  häutig  am  inneren  Muttermunde  in  der  That  auf  ein 
Hinderniss  stosseu.  das  die  Einführung  in  die  Uterushöhle  erschwert. 
Hoch  erweist  sich  dieses  Hinderniss  bei  Versuchen  an  der  Leiche  als 
normal;  denn  bei  der  Sondirung  der  aus  dem  Körper  herausgenom- 
meneu Gebärmutter  trifft  die  Sonde,  die  durch  den  Cervicalcanal  leicht 
bis  in  die  Uterushöhle  vorgedrungen  ist.  an  der  erwähnten  Stelle  auf 
ein  Hinderniss,  das  ihr  weiteres  Einführen  nur  mit  Anwendung  einer 
erheblichen  Kraft  oder  vielleicht  auch  gar  nicht  erlaubt,  und  wenn 
wir  dann  den  Uterus  öffnen,  finden  wir  ihn  in  völlig  normalem  Zu- 
stande. Pie  Verengung  dieser  Stelle,  die  noch  in  den  Leichen  so 
stark  ist,  war  in  diesem  und  auch  in  anderen  Fällen  zu  Lebzeiten 
unbedingt  noch  stärker  und  trotzdem  berichten  die  Krankengeschichten 
der  betreffenden  Frauen  sehr  oft  nichts  von  beschwerlicher  und 
schmerzhaft  er  Menstruation. 

IMese  Thatsaehe  kann  uns  indess  kaum  Wunder  nehmen,  da  sich 
das  wahrend  der  Menstruation  ausgeschiedene  Blut  nicht  ununter- 
brochen, sondern  tropfenweise  durch  den  Cervicalcanal  entleert,  weil 
es  von  der  ganzen  Innenfläche  des  Uterus  ausgeschieden  wird.  Wenn 
die  Oeffnung  so  eng  ist.  dass  sich  durch  sie  nicht  einmal  diese 
gerinire  Menge  zu  entleeren  vermag,  so  kann  aus  dieser  Ursache  die 
Menstruation  unbedingt  zu  einer  schmerzhaften  werden.  Gerade  so 
wie  sich  bei  der  Harnrohren  verengune  die  Harnblase,  die  Uretern 
und  die  Nieren  in  einem  Reizzustande  befinden  und  in  ihrer  Thätür- 
keit  gehemmt  sind,  ebenso  ist  es  anzunehmen,  dass  bei  dem  aualosrem 
Zustande  des  Cervix  die  Thätigkeit  des  Uterus  auf  dieselbe  Weise 
leidet,  und  dass  dieser  Zustand  die  Menstruaiblutung  in  Folge  der 
Schwierigkeit  der  Ausscheidung  geringer  und  pathologisch  gestaltet 
Pie  nur  halbwegs  unvoreingenommene  Beobachtung  wird  auch  zu  dem 
F-rgebuiss  fuhren,   dass  eiue  solche  Verengerung  des  Muttermundes 


Seoiiaelweis'  gynaecolog-isoli.'  Aufsiiue. 


577 


oder  des  (.'ervicalcanals,  die  selbst  die  tropfenweise  Ausscheidung  des 
bleust rnalblutes  hindern  könnte,  sehr  selten  vorkommt,  und  dass  in 
den  meisten  Fällen,  wo  dies  thatsächlich  der  Fall  ist.  die  Verengung 
des  l'ervix  nur  einen  Theil  der  Erkrankung  bildet:  der  <Vmx  ist 
klein,  weil  der  Uterus  selbst  nur  mangelhaft  entwickelt  ist 

Die  Behandlung  der  Dysmenorrhoe  ist  je  nach  den  ver- 
schiedenen Formen,  in  denen  sie  auftritt,  auch  verschieden.  Bei  der 
Dysmenorrhoe  der  jungen  Mädchen,  die  noch  keine  vollkommene 
Mi ■nstruation  haben,  ist  unsere  Aufmerksamkeit  dahin  zu  richten,  dass 
diese  Function  je  eher  und  je  normaler  eintrete,  und  es  ist  wohl  an- 
zunehmen, dass  wenn  dies  stattfindet,  auch  die  Schmerzen  bald  nach- 
l,i--,n  weiden.  In  dem  Falle  aber,  wo  die  Erkrankung  so  heftig  ist, 
dass  sie  eine  sofortige  Behandlung  erheischt,  werden  die  nämlichen 
Mittel  zum  Ziele  fuhren,  die  bei  der  neuralgischen  Dysmenorrhoe  in- 
didrt  sind.  Eines  der  zweckmässigsten  ist  das  recht  warme  Sitzbad, 
dass  24— 345  Stunden  vor  dem  Erscheinen  der  Menstruation,  oder  so- 
fort beim  Einsetzen  der  ersten  Schmerzen  in  Anwendung  zu  bringen 
ist.  Um  eine  vollständige  Wirkung  zu  erzielen,  muss  die  Kranke  eine 
halbe  bis  dreiviertel  Stunden  im  Bade  bleiben  und  es  muss  dafür  ge- 
sorgt werde.!),  dass  der  Wärmegrad  desselben  wahrend  der  ganzen 
Zeit  gleich  bleibe;  zweckmässig  ist  es,  Senfmehl  in  das  Wasser  zu 
mischen.  Im  Falle  sich  die  Schmerzen  erneuem,  ist  das  Sitzbad  täg- 
lich drei-,  ja  viermal  zu  wiederholen;  in  der  Zwischenzeit  aber  hat 
die  Kranke  das  Bett  so  lange  zu  hüten,  bis  mit  dem  Erscheinen  der 
Menstruation  die  Schmerzen  aufhören.  Sind  die  Schmerzen  sehr 
heftig,  so  lassen  sich  die  lindernden  oder  betäubenden  Mittel  kaum 
vermeiden;  am  besten  wirken  sie,  wenn  sie  sogleich  nach  dem  Bade 
applicirt  werden.  Die  wirksamsten  sind  wohl  die  Opiate;  da  es  aber 
nicht  immer  rathsam  ist.  zu  diesen  zu  greifen,  müssen  vorerst  die 
schwächeren  Sedativmittel  angewendet  werden.  Die  Opiate  stören 
nämlich  häufig  die  Verdauungsthätigkeit,  und  verursachen  bei  manchen 
Individuen  nach  dem  Aufhören  der  ersten  schmerzstillenden  Wirkung 
sehr  heftige  und  langwährende  Kopfschmerzen.  Und  was  ihren  Qe- 
l'tauclt  oft  noch  mehr  eontraindicirt,  ist  der  Umstand,  dass  junge 
Patientinnen  sich  leicht  an  sie  gewöhnen,  und  sie  gleichsam  als  Haus- 
mittel zur  Betäubung  der  Menstruationsschmerzen  benützen.  Die 
Schmerzen  der  einfachen  neuralgischen  Dysmenorrhoe  lassen  sich  zu- 
meist durch  Anwendung  von  Aether  stillen.  Da  er  die  Verdauung 
nicht  stört  und  von  flüchtiger  Wirkung  ist,  verdient  er  den  Vorzug 
vor  den  direct  betäubenden  Mitteln;  eine  Mischung  bestehend  aus 
einer  halben  Drachme  Spiritus  aetheris  compositus  und  fünf- 
zehn Tropfen  Aether  muriaticus  wird  dem  Zwecke  zumeist  9Qt- 
BpFechen;  falls  aber  die  Kranke  sich  vor  dem  Geschmacke  des  Aethers 
ekelt  und  ihn  nicht  vertragen  kann,  dient  als  sehr  gutes  Ersatzmittel 
die  Tinctura  ammonii  composita.  Oft  genügt  die  einmalige 
Verabreichung  eines  dieser  Mittel,  im  entgegengesetzten  Falle  kann 
iii:m  es  öfters  in  kurzen  Intervallen  wiederholen.  Seit  einigen  .iahren 
wird  zur  Stillung  der  neuralgischen  Schmerzen  die  reiz-  und  schmerz- 
stillende Suni  bul-  Wurzel  verwendet:  ifne  Wirkung  ist  in  geringerem 
Örade  der  des  Aethers  analog. 

Wenn  keines  der  erwähnten  einfachen  Mittel  den  erwünschten 
Erfolg  hatte,  so  kann  versuchsweise  der  mehr  belangende,  doch  zu- 
gleich  minder  gefährliche   Hyosciamas  gegeben   werden.     Vierzig 

Semraclwej»' e^aiün,.  lt.-  Wpike  37 


578 


Summe!  weis1  gyaäecologische  Aufsätze. 


Tropfen  der  Tinctur  oder  fünf  Gran  vom  Extractum  Hyoecogfflj 
ist  die  mittlere  Dosis.  Die  sedative  Wirkung  dieses  Mittels  bei 
bärinutterkrämpfen  wird  durch  den  Kamp  her  erheblich  erhöht,  wo- 
von auf  eine  Dosis  5  Gran  genommen  werden.  Eine  andere,  sehr 
wirksame  Arznei  ist  die  Cannabis  indica,  doch  ist  ihre  Wirkung 
je  nach  der  individuellen  Empfänglichkeit  noch  mehr  verschieden,  wie 
die  des  Opiums  und  darum  auch  weniger  geeignet.  Tm  Beginne  soll 
dieses  Mittel  in  kleinen  Dosen  verabreicht  werden,  damit  man  sich 
von  seiner  Wirkungsweise  auf  die  Kranke  überzeugen  könne.  Die 
Einathmung  von  Aether  oder  ( -hloroform  hat  bisweilen,  trotzdem  ihre 
Wirkungen  fluchtig  sind,  eine  dauernde  Beruhigung  zur  Folge,  be- 
sonders bei  Gebärmut  terkränipfen.  Dieses  Mittel  ist  aber  zu  gefähr- 
lich, als  dass  seine  Handhabung  der  Kranken  oder  ihrer  Umgebim? 
überlassen  werden  dürfte;  hingegen  ist  die  locale  Application  des 
Chloroforms  auf  die  Unterleibs-  oder  Scluimgegend  nicht  gefährlich 
und  oft  von  bester  Wirkung.  Tritt  der  gewünschte  Erfolg  auf  keines 
dieser  Mittel  ein,  dann  bleibt  schliesslich  nur  die  Anwendung  der 
Opiate  übrig.  In  solchem  Falle  möge  statt  der  Tinctnra 
simplex  lieber  das  Dower'sche  Pulver,  das  Morphin,  die 
Solutio  opii  Sedativa  verabreicht  werden,  denn  diese  Mittel  ver- 
ursachen weniger  Magenüblichkeiten,  Kopfschmerzen  und  Verstopfungen. 
Zuweilen  stellt  sich  auf  die  innerlich  angewendeten  Mittel  kenn 
Wirkung  ein.  oder  es  zwingt  uns  die  Heftigkeit  der  Schmerzen  ein 
schnellerwirkendes  Mittel  zu  reichen;  in  diesen  Fällen  gewährt  ein 
opiumhaltiges  Suppositorium  oder  Clystir  schnelle  Erleichterung. 

Ich  halte  es  nicht  für  überflüssig  meine  Ueberzeugnng  dahin  aus- 
zusprechen, dass  bei  jungen  Weibern  jeder  Fall  von  Dysmenorrhoe 
trrösste  Aufmerksamkeit  erheischt;  dass  wir  uns  mit  allgemeinen  Ver- 
ordnungen oder  mit  einfachen  Receptverschreiben  nicht  begnügen 
dürfen,  wenn  die  Schmerzen,  gegen  die  wir  eingreifen,  auch  > 
blos  geringe  Heftigkeit  besitzen.  Denn  es  ist  stets  viel  eher  zu  be- 
liinhhn.  dass  die  Anfalle  habituell  werden,  und  somit  das  spätere 
Leben  der  Patientin  elend  machen,  als  zu  hoffen,  dass  sich  der  volks- 
tümliche Glaube  verwirkliche,  wonach  die  Leiden  des  Mädchens  von 
selbst  aufhören,  wenn  sie  völlig  zum  Weibe  herangereift  sei.  Die 
oben  angegebenen  Vorsichtsmassregeln  sind  alle  sehr  wichtig:  es  ist 
unumgänglich  nothwendig  dass  die  Kranke,  solange  die  Disposition 
zur  Dysmenorrhoe  besteht,  das  Zimmer  hüte,  sich  ruhig  verhalte  und 
Während  der  Menstruation  im  Bette  bleibe.  Meiner  Meinung  nach  ist 
all  dies  zur  endgültigen  Bekämpfung  des  Leidens  viel  nützlicher,  als 
die  gegen  die  einzelnen  Schmerzaufälle  gerichtete  Medication,  Mit 
dem  Aufhören  des  Anfalles  hat  unsere  Fürsorge  für  die  Kranke  noch 
nicht  ihr  Ende  erreicht;  in  den  intermenstruellen  Epochen  müssen 
wir  unsere  Aufmerksamkeit  darauf  wenden,  dass  jede  das  Allgemein- 
befinden hemmende  Störung  beseitigt  und  die  in  diesen  Fällen  ge- 
wöhnlich schwache  Constitution  gestärkt  werde.  Ich  schliesse  meine 
Ausfuhrungen  mit  einer  Mahnung.  Es  ist  ein  volkstümlicher 
Glaube,  dass  sobald  die  hauptsächlichen  Functionen  des  Genitalsvstems 
in  Thätigkeit  kommen,  viele  zuvor  bestandene  Symptome,  die  wohl 
auch  zu  Befürchtungen  Veranlassung  gegeben,  aufhören.  In  der  That 
führen  in  manchen  Fällen  die  Ehe.  die  Schwangerschaft  und  die  Ge- 
hurt dies  erwünschte  Resultat  herbei.  Allein  ich  befürchte,  dass  die 
Wahrscheinlichkeit  für  das  Gegentheil  spricht:    dass  das  an    Dygme- 


SemmelweiB'  gynaecologische  Aufsätze. 


579 


norrhoe  leidende  Mädchen  in  der  Ehe  noch  mehr  als  zuvor  leiden 
wird,  dass  die  übermässige  Empfindlichkeit  der  Uterusorgane  die  Ehe 
für  sie  in  jeder  Beziehung  qualvoll  gestalten  wird,  dass  sie  viel 
schwerer  wie  andere  concipiren  wird  und  dass  für  sie.  falls  die 
Schwangerschaft  tbatsächlich  erfolgt,  sowohl  diese,  wie  die  Geburt 
mit  mehr  Beschwerden  verbunden  sein  werden,  als  sie  der  normale 
Verlauf  dieser  Functionen  mit  sich  bringt.  Wir  können  bei  der  con- 
gestiven  Dysmenorrhoe  nicht  die  nämliche  schnelle  Linderung  der 
Symptome  von  den  narkotischen  Mitteln  erwarten,  die  sie  bei  der 
neuralgischen  Form  bewirkten.  Die  Gebärmutter  und  überhaupt  die 
Beckenorgane  sind  mit  Blut  überfällt  und  wir  vermögen  nur  mitteist 
Blutentziehung  den  Zustand  der  Patientin  zu  erleichtern.  Die  Mittel, 
die  wir  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  anwenden,  sind  Schröpfköpfe 
auf  die  Kretrzgegend  und  Blutegel  auf  den  unteren  Theil  des  Bauches, 
um  den  After  herum,  oder  auf  die  Portiu  vaginalis  uteri  selbst.  Im 
Allgemeinen  ist  es  nicht  nöthig,  auch  nicht  erwünscht  so  viel  Blut 
zu  entziehen,  als  durch  das  Schröpfen  entfernt  wird.  Die  am  Bauche 
oder  aber  auf  die  Lendengegend  applicirten  Blutegel  scheinen  dann 
am  besten  zu  wirken,  wenn  der  Schmerz  von  diesen  Gegenden 
und  wahrscheinlicher  Weise  von  den  Eierstöcken  ausgeht;  in 
anderen  Fällen  hingegen  ist  die  Anlegung  der  Blutegel  auf  das  Ge- 
sass  viel  zweckmässiger.  Auf  alle  diese  Stellen  können  die  Blut- 
egel wann  immer  angelegt  werden,  selbst  kurz  vor  Eintritt  der  Men- 
struation und  auch  während  ihrer  Dauer;  auf  die  Portio  vaginalis 
uteri  hingegen  sind  sie  nur  3 — 4  Tage  vor  der  Menstruation  appli- 
cirbar,  falls  wir  ihren  normalen  Eintritt  nicht  gefährden  wollen.  Nach 
der  Blutentziehung  wird  ein  laues  Bad  für  gewöhnlich  einige  Linde- 
rung mit  sich  bringen;  danach  muss  die  Kranke  im  Bette  verbleiben 
und  irgend  ein  salziges  Diaphoreticum  nehmen.  Zu  diesem  Zwecke 
verordnen  wir  den  Liquor  auimonii  acet.  mit  kleinen  Dosen 
Hyosciamus  oder  Opium,  deren  Wirkung  in  solchen  Fällen  der  B  r  e  c  h  - 
Weinstein  in  Nausea-erregenden  Dosen  —  dos.  refracta  —  zu  er- 
höhen vermag.  —  Manche  an  derartiger  Dysmenorrhoe  leidenden  Per- 
sonen vertragen  die  direct  narcotischen  Mittel  in  keinerlei  Form  und 
Verbindungen;  der  Schmerz  lässt  kaum  oder  überhaupt  nicht  nach. 
und  allgemeine  Störungen  folgen  ihrem  Gebrauch.  Unter  solchen 
Umständen  haben  kleine  Dosen  der  Ipecacuanha  —  l/t  bis  1  Gran 
stündlich  —  so  lange  bis  eine  Nausea  eintritt,  einen  guten  Erfolg; 
denn  sie  vermögen  nicht  nur  die  Schmerzen  in  erheblichem  Masse 
zu  lindern,  sie  massigen  auch  die  Blutausscheidung,  welche  am  3.  bis 
4.  Tage  der  Menstruation  öfter  übermässig  zu  sein  pflegt. 

Mit  der  Behandlung  der  Kranken  ist  aber  die  ärztliche  Behand- 
lung während  der  Menstruation  überhaupt  noch  nicht  beendigt.  In 
Folge  des  Blutfiusses  lassen  zwar  die  Erscheinungen  nach,  doch 
kehren  sie  allmählig  wieder,  bevor  noch  die  Zeit  der  nächstfolgenden 
Menstruation  da  ist.  Dasselbe  Resultat  können  wir  in  der  zwischen- 
liegenden Zeit  durch  die  künstliche  locale  Bluteutziehiin<.r  am  Uterus 
bewirken.  Das  Verfahren  ist  bei  diesem  Eingriff  zwar  einfach,  nichts- 
destoweniger sind  dazu  einige  Bemerkungen  nicht  überflüssig.  —  Die 
Blutegel  verursachen  an  der  Portio  vaginalis  eine  relativ  erheblichere 
Blutung,  als  an  anderen  Stellen  des  Körpers,  demzufolge  genügen  4 — 6. 
Ich  benütze  das  Fergusson'sche  liehtreflectirende  Glassp«dilinn,  mit 
dessen  Hilfe  jener  Theil  sehr  gut  isolirbar  ist,  auf  den  wir  die  Blut- 

37* 


580 


Semmelweis'  gynaecologiache  Aufsätze 


egel  applii-imi  wollen  Den  äussern  Muttermund,  falls  derselbe 
ist,  verstopft  man  mit  Charpie,  damit  der  Blutegel  nicht  in  den 
Cervix  kriechen  und  sich  dort  anhaften  könne,  was  stets  grossen 
Schmers  verursacht,  während  die  normal  gemachte  Operation  mit 
keinen  Unannehmlichkeiten  r<  rbunden  ist.  Nachdem  der  Spiegel 
eingeführt  ist .  setzen  wir  die  Blutegel  daselbst  hinein  und  ver- 
Bchuesaen  die  äussere  <  letfriurig  mit  Charpie.  Diese  wird  sodann  nach 
einer  halben  Stunde  entfernt  um  den  Blutegeln  den  Weg  zu  öffnen. 
Nach  Abnahme  der  Blutegel  ist  ein  laues  Sitzbad  von  guter  Wirkung 
für  die  Patientin;  durch  dasselbe  wird  au.li  die  Blutung  noch  auf- 
recht erhalten,  falls  dies  noch  nothwendig  ist,  wie  wir  dies  mit 
warmen  DmscblägeB  an  den  äusseren  Kürperparthien  zu  machen 
pflegen.  Der  zweckmässitrste  Zeitpunkt  für  die  Anlegung  der  Blut- 
egel auf  den  Uterus   ist   der  Abend,   da   sich   die  Patientin    während 

nächtlichen  Schlafes  am  leichtesten  und  für  ihre  Gesundheit  am 
vortln 'ilh.'iftesten  von  jene?-  Kiniüdimg  und  Entkräftung  erholt,  die 
ihr  die  Operation  verursacht. 

Es  sei  noch  erwähnt,  dass  behufs  schleunigerer  und  minder 
holigerer  Bewirkimg  einer  Blutentziehung  aus  dem  Uterus  die 
Sr;u  itiratioii  empfohlen  Wurde.  Auch  diese  geschieht  vermittelst  des 
rterusspeeulums  und  zwar  mit  Hilfe  von  Lancelten,  die  an  einem 
längeren  Stiel  angebracht  sind.  Eine  solche  Searification  ist  ebenfalls 
nicht  schmerzhaft  und  besonders  in  den  Fällen  von  Nutzen,  wo  die 
Si  hleimhaut,  welche  die  Muttermundlippen  bedeckt,  abnorm  gel 
reich  ist  und  sich  eigenthümlieh  granulirt  und  erodirt  zeigt.  Die 
Krnrification  hat  hier  den  nämlichen  Nutzen,  wie  bei  den  vielfachen. 

inders  chronischen,   BerophulÖsea   Kntzündnngen   der  Oonjunctivi 

ic.    Auf  diese  Weise  aber  vermögen  wir  niemals  eine  grossere 

Quantität  von  Blut  zu  entziehen;  ans  welchem  Grunde  die  Application 

von  Blutegeln   in  all  jenen  Fällen  den  Vorzug   verdient,  wo  in  dem 

ÜWusgeweb€  selbst  eine  erhebliche  Blutstauung  vuliunden  ist. 

Ausser  der  Blntent/.ielum-  müssen  wir  in  der  intermenstruelleB 
Epoche  auf  einen  regelmässigen  Stuhlgang,  auf  eine  zweckmässige, 
nicht    reizende,   wohl   aber  nährende  Diät  der  Kranken  bedacht  s 
mit    einem  Worte    :uif  die  sämnitlichen    mehr  oder  minder  wich! 
Momente,   die   wir   unter  dem  Ausdrucke   „Sorge  für  das  allgemeine 
Wohlbefinden"  so  verstehen  pflegen,     Die  Rückenschmerzen  und  sc 
die  in  den  Ovarialgegenden  im  Bauche  auftreten   und  die  congesl 
Dysmenorrhoe  begleiten, sind  mittelst  Senfteig  am  leichtesten  zu  dämpfen: 
in    hartnackigeren   Fäilen   mit   Vesicantien    oder   Einreibungen   mit 
•  rotonßl,    wobei    Wir   aber   Sorge   tragen   müssen,   dass   danach   keine 
unangenehmen  Furunkeln  auftreten. 

Bisweilen  ist  die  congestrve  Dysmenorrhoe  mit  den  Symptomen 
einer  arthritischen  und  rheumatischen  Diathese  verbunden;  diese  Fälle 
sind  ganz  besonders  schmerzhaft  und  schwer  zu  behandeln.  Das 
Colchicum  thut  hier  oft  gute  Dienste,  20—30  Tropfen  V'inum 
sem,  colchici  mit  ein  wenig  Opium,  während  des  Anfalles  gereicht, 
nutzen  oft  mehr  als  irgend  ein  anderes  Mittel,  besonders  dann,  wenn 
nur  eine  grössere  DöM  TOB  uarrotischen  Mitteln  dem  Zweck  ent- 
sprechen winde.  —  Die  Behandlung  während  der  intennenstriielleu 
Epoche  ist  bei  diesen  Formen  der  Dysmenorrhoe  von  grösster  Wichtig- 
keit, doch  sind  die  Symptome  derart  verschieden,  dass  es  unmöglich 
ist  eine  derartige  Behandlung  zu  statuiren,   die  für  alle  Fälle  pai 


Semmelweis'  gyuaeojlogische  Aiu.siiUe. 


581 


würde.  Solange  eine  Obstipation  vmhanden.  di<-  Zung«1  bi'leyt  ist, 
und  der  Harn  harnsauere  Salze  enthalt,  ist  Colebn-tun  /u  verabreichen, 
2— 3mal  täglich,  mit Bittersalz  oder  Magnesia;  ist  aber  der  Dänin 
frei  so  verbindet  man  das  Colchicum  mit  irgend  einem  Roborativ- 
mittei.  da  die  Disposition  zur  Iflealen  Blutstauung  und  Plethora 
gewöhnlich  durch  den  Kräftemangel  des  Gesammtorganismus  auf- 
rechterhalten wird.  Die  Zunahme  der  Schmerzen,  die  Verstärkung 
der  Empfindlichkeit  der  Blase,  oder  die  neuerliche  Vermehrung  der 
harnsaueren  Salze  erheischt  auch  wählend  der  tonischen  Behandlung 
stets  die  Verordnung  des  Colchicum^  und  sein  häutigeres  Verabreichen.  — 
Wenn  die  Krankheitssyniptome  fortdauern,  ein  starker  weisser  Fluss 
vorhanden  ist,  und  die  harnsaueren  Salze  habituell  in  grossen  Mengen 
erscheinen,  dann  ist  Jodkalium  indicirt,  welches  sich  oft  selbst 
dann  als  wirksam  erweist  wenn  uns  die  in  das  Colchicum  gesetzten 
Hoffnungen  im  Stich  lassen.  Die  in  diesen  Fällen  oft  auftretende 
Dysurie  weicht  häufig  dem  Gebrauch  von  citronensaueren  Eisen,  von 
den  wir  zweimal  täglich  2— 5  Gran  verabreichen.  —  Dauert  die  Krank- 
heit schon  seit  einer  Reihe  von  Jahren,  dann  ist  sie  meiner  Meinung 
nach  unheilbar  geworden.  Die  Karlsbader  Heilwässer  übten  zwar  in 
einzelnen  Fällen  einen  günstigen  Eintluss  auf  den  Zustand  der  Kranken 
aus.  es  kann  sein,  dass  sie  zuweilen  wirkliche  Heilung  bewirkten; 
doch  selbst  in  den  besten  Fällen  geschah  dies  nur  langsam,  unsicher 
und  eine  Disposition  zum  Rückfall  blieb  zurück.  Die  Bemittelten 
verlieren  ihre  Geduld  bei  einer  Behandlung,  die  nie  ein  Ende  nimmt, 
die  sie  alljährlich  wiederholen  müssen  und  du  zum  Zweck  einer  mini- 
malen Besserung  die  grftsste  Selbstverleugnung  und  eine  derartige 
Wirsicht  von  den  Kranken  erheischt,  dass  sie  sich  von  der  Gesellschaft 
ganz  abschliessen  müssen.  Die  Armen,  die  sich  mit  ihrer  Krankheit 
keinen  Luxus  erlauben  können,  sind  nicht  minder  unglücklich:  sie 
müssen  ein  Dasein  ertragen,  dessen  erschöpfende  Lernen  vielleicht 
gerade  desswegen  schwerer  auf  ihnen  lasten,  weil  die  Krankheit,  die 
sie  verursacht,  eigentlich  nicht  lebensgefährlich  ist,  das  Leben  auch 
nicht  zu  verkürzen  —  wohl  aber  elend  zu  gestalten  —  pliegt. 

Ueber  jene  Arten  der  Dysmenorrhoe,  die  von  einer  Steine  des 
Muttermundes  und  des  Cervicalcanales  und  von  dem  Behindertsein 
des  Abflusses  des  Menstrualblutes  bedingt  sind,  habe  ich  schon  früher 
meine  Meinung  dahin  ausgesprochen,  dass  sie  nur  selten  vorkommen. 
Li  einigen  Fällen,  wo  man  die  Menstruationsstörung  diesen  Umständen 
zuschrieb,  ergab  sich  bei  genauerer  Untersuchung,  dass  der  Cervix 
nur  aus  jenem  Grunde  klein  und  der  Canal  eng  war.  weil  die  Sexual- 
organe  überhaupt  in  ihrer  Entwicklung  zurückgeblieben  waren.  Es 
ist  überflüssig  zu  sagen,  dass  solchen  Fällen  der  Name  traumatische 
Dysmenorrhoe  nicht  zukommt,  und  dass  sie  durch  die  Dilatation 
des  Muttermundes  nicht  geheilt  werden  können.  Ebensowenig  darf 
dieses  Verfahren  so  zu  sagen  aus  Speculation  in  Anwendung  gebracht 
werden,  und  ohne  dass  wir  für  letztere  andere  Stützpunkte  besässen 
als  den  Befund,  dass  die  Menstruationsstörung  habituell  ist,  das 
seit  langem  besteht  und  anderen  dagegen  angewandten  Mitteln  nicht 
gewichen  ist 

Es  ist  wahr,  wenn  wir  die  Häufigkeit  dieses  Leidens  aus  der 
grossen  Anzahl  der  in  jüngster  Zeit  zur  Dilatation  des  Mutterhalses 
erfundeneu  Instrumente  beurtheilen  wollten,  so  müssten  wir  zu  einem 
ganz  entgegengesetzten  Resultat   gelangen,  als  zu  dem,   welches  ich 


582 


Semraelweifl'  gynaecologißdie  Aufsätze. 


für  wahr  halte,  und  wir  müssen  glauben,  dass  fiie  Stenose  des  Mutter- 
halses  se-hr  häufig  vorkomme.  Ausser  den  einfachen  Bougies  und  den 
aus  bi^gaBmen  BCetal]  oft  ganz  zweckmässig  hergestellten  Fäden. 
verfertigte  man  auch  solche  Metallstifte,  deren  kolbiges  Ende  in 
den  i-anal   eingeführt   wird    und    hier   einige   stunden   lang 

liegen  bleibt  Sie  werden  in  neuester  Zeit  aus  zweierlei  Metallen 
zusammen  gestellt,  um  auf  die  Gebärmutter  eine  galvanische  Wirkung 
auszuüben.  Diese  ingeniösen  Instrumente  sind  Erfindungen  des  Edin- 
burgher Professors  Simpson,  Ich  aber  befürchte,  dass  sie  sich  in  gar 
Nichts  von  jenen  galvanischen  Ketten  unterscheiden,  die  gegen  rhea* 
m.iiis«  li«-  und  neuralgische  Leiden  empfohlen  und  verkauft  wurden. 
Dir  lt;i Iranische  Wirkung  ist  eine  viel  zu  geringe,  als  dass  sie  von 
erwännenswerthem  Erfolg  begleitet  wäre.  Ueberdiess  ist  die  Ein- 
führung sehr  schwer,  namentlich  bei  enger  Scheide;  auch  ist  es  nicht 
denkbar,  dass  die  lÄngerw&hrende  Berfthrnng  eines  Fremdkörper 
mit  der  inneren  Wand  der  Gebärmutter  keine  beträchtliche  Störung 
verursachen  sollte. 

Nasser  dar  langsamen  und  gradweisen  Dilatation  des  Mutter- 
mundes und  des  Halses  wurde  auch  deren  gewaltsame  Dehnung  und 
förmliche  Quetschung  und  ihr  Aufschneiden  in  Vorschlag  gebracht, 
mittels!  Bistnuris,  uelelie  zu  diesem  Zwecke  mit  verborgener  Schneide 
ancrefertigl  Bind,  Ich  gestehe  offen,  dass  ich  mir  über  das  Princip 
nicht  m  Klarem  bin,  aufgrund  dessen  man  diese  Instrumente  empfohlen 
liii  Ist  dar  »ervix  derart  weit,  dass  er  sie  in  sich  aufzunehmen 
rennag;,  dann  sehe  ich  nicht  eint  wieso  die  Stenose  desselben  als 
Hinderniss  des  Blutabflusses  wirken  kann.  Das  aber  steht  klar  vor 
meinen  Augen,  dass  die  (iebärmutter  durch  solch'  ein  gewaltsames 
Verfahren  in  erheblicher  Weise  laedirt  werden  und  demzufolge  eine 
ige  Reaction  entstehen  kann,  wie  ich  dies  auch  wirklich  bei  einem 
derartigen  Falle  beobachten  konnte.  Dieses  Verfahren  wird  gegen- 
n  :iriii;  so  weit  ich  weiss  —  seltener  in  Anwendung  gebracht,  als 
\t-i  einigen  .lahren.  weil  seine  üblen  Folgen  bekannt  sind.  Ich  will 
bei  dieser  Gelegenheit  llicht  versäumen  hier  gerade  auf  solche  Irr- 
tliiiniiT  die  Aufmerksamkeit  zu  lenken,  in  die  wir  deshalb  Ieichl 
fallen   können .   weil  sie  sich    unter  unseren   Patienten  schnell   ver- 

en.  Die  Gründe,  welche  uns  zum  Betreten  dieses  oder  jenes 
Weges  bestimmen,  können  die  Niehtärzte  nicht  erwägen;  jene  popn- 
Äre  l'iithuloyie  hingegen  mögen  sie  wohl  begreifen,  die  ihnen  sagt, 
dass  sii>  desshalb  schwer  menstruiren .  weil  ihr  \  ervicalcanal  eng 
ist  Zu  der  Hoffnung  des  Genesens  unterwerten  sie  sich  dann  jeder 
Vit  m ■waltsamer  Beliandlung  und  stellen  vielleicht  nachträglich  einen 

Kuh  an  /wischen  dem  Arzt,  der  zu  ganz  überflüssigen  Proceduren 
grif,   und   jenem   der    gerade  nur    soviel   that   als   eben   nothwendig 
«rar,  nnd  fieser  Vergleich  fällt  selbstverständlich  zu  Ungunsten  des 
ivn  aus. 

i    wenn    wir   nach   gründlicher,   alle   Missgriffe    vermeidende! 

ttmg  wirklich  zur  Üeberzeuurunir  kamen,   dass    die  Djsmenor- 

rhoe  ler  »lieilw.ise  das  Kesultat  einer  Cervixstenose  ist,   dann 

Dilatation  indicin.    In  neuerer  Zeit  hat  die  Lami na ria 

>!  mit  ata  die  bisher   gebrauchten  Dilatationsmittel  ans  der  Praxis 

drängt. 


Seiumelweis'  gyuaecologi-iche  Aufsätze. 


583 


Die  operative  Behaiidliing  der  Ovnriencysteii. 

(1865.) 


I.  Die  Function. 

Bald  nachdem  die  Diagnosen  des  Hydrops  ascites  und  des 
Hydrops  ovarii  praeciser  begründet  worden  waren,  fiel  auch  das 
ungünstige  Resultat  auf.  das  die  entfache  Punction  der  Ovariencysten 
in  Gefolge  hat  Callisen  hatte  schon  1739  diese  Operation  für 
ganz  unnütz  erklärt,  Sabatier  aberhielt  sie  nur  im  äussersten  Not- 
fall anwendbar.  G.  A.  Richter  hatte  vollständig  Recht,  als  er 
sagte:  „wir  sehen,  dass  bei  der  ersten  Punction  gewöhnlich  reines 
Wasser  heransfliesst,  das  bei  den  späteren  Operationen  immer  trüber, 
blutig-eitriger  und  dickflüssiger  wird»  Je  Öfter  die  Operation  wieder- 
holt wird,  um  so  schneller  sammelt  sich  das  Wasser  von  Neuem  au. 
Die  Operation  scheint  also  nicht  nur  die  Kxulceration  der  Cyste  zu 
befördern,  sie  beschleunigt  auch  die  Kräfteerschöpfung  der  Patientinnen 
und  diese  sterben  schneller  als  dies  wahrscheinlich  geschehen  wäre, 
wenn  man  sie  nicht  operirt  hätte."  —  Diese  Behauptungen  winden 
neuerdings  durch  statistische  Daten  auf  sicherere  Basis  gestellt. 
Von  132  mit  einfacher  Punction  behandelten  Kranken  starben  103 
vor  dem  Ablauf  des  dritten  Jahres  nach  der  ersten  Operation,  oder 
pünktlicher:  von  103  Kranken  starben  25  einige  Stunden  oder  Tage 
nach  der  ersten  Operation.  24  im  ersten  halben  Jahr,  22  in  der 
zweiten  Hälfte  des  ersten  Jahres,  21  im  zweiten  und  11  im  dritten 
Jahr  nach  der  ersten  Punction.  Von  den  übrigen  33  Kranken  blieben 
13  noch  4 — 7  und  noch  mehrere  Jahre  lang  am  Leben,  3  starben  an 
anderweitigen  mit  dem  Eierstockleiden  in  gar  keinem  Zusammenhange 
stehenden  Krankheiten,  bei  7  ist  von  ihrem  weiteren  Schicksal  nichts 
bekannt,  3  sind  gebessert  und  3  anscheinend  geheilt  worden. 

Wir  müssen  demzufolge  zugeben,  dass  in  einigen  Fällen  die  ein- 
fache Punction  eine  Besserung  nach  sich  zog,  dass  sie  sogar  an- 
scheinend dauernde  Heilung  zu  Stande  brachte.  Das  nämliche  erfuhr 
Pitha  bei  einer  durch  ihn  pungirten  riesengrossen  Ovariencyste,  die 
ursprünglich  60  Pfund  Flüssigkeit  enthielt,  dann  derart  zusammen- 
schrumpfte, dass  die  Frau,  deren  Kräfte  tust  vollständig  erschöpft 
warent  nach  sechs  Jahren  fast  gar  keine  Unannehmlichkeit  in  Folge 
davon  empfand.  Thomson  beobachtete  dasselbe  Resultat  auch 
nach  der  14-ten  Punction.  Die  Heilung  pflegt  in  solchen  Fällen  unter 
den  Erscheinungen  einer  heftigen,  in  der  Cyste  entstandenen  Ent- 
zündung zu  erfolgen.  Ramsbotham  erwähnt  eine  Kranke,  bei  der 
sich  die  Cyste  in  Folge  einer  Wagenfahrt  auf  holperigem  Weg  ent- 
zündete, und  nun  wurde  das  Leiden  in  seinem  Weiterschreiten  auf- 
gehalten. Eine  Kranke  Ki  wisch 's  litt  nach  mehrmaliger  Punction 
der  Cyste  an  sämmtlichen  Symptomen  einer  Bauchfellentzündung, 
überwand  sie  alle  glücklich,  und  zur  Zeit  der  Reconvalescenz  wurde 
zum  grossen  Erstaunen  des  Arztes  der  Inhalt  der  Cyste  allmählich 


ÖS4 


Semmelweie'  gyuaecologiache  Aufsätze. 


so  weit  aufgesogen,  dass  man  die  Geschwnlst  gar  nicht  entdeek«B 
konnte.  Kiwisch  berichtet  gleichfalls,  dass  eine  an  Ovari-  n 
leidende  Frau,  die  nach  der  ersten  Punction  in  Schwangerschaft  kam. 
nachdem  sie  glücklich  entbunden  und  das  zweitemal  pungirt  wind.-, 
unter  Symptomen  einer  heftigen  Bauchfellentzündung:  erkrankt'-.  Als 
die  Erscheinungen  nachließen,  wurde  auch  die  Cyste  all 
kleiner,  bis  sie  endlich  ganz  verschwand. 

Auch  Cazaenx  erinnert  sich  einer  40jährigen  Frau,  bei  der  die 
Cyste  Bicb  nach  der  ersten  Punction  entzündete;  es  erfolgte  ein  netter 
Erguss.    hernach   aber   trat  Resorption    und   in  Folge   davon   Heilung 
ein.  —  Solche  gunstige  Resultate  der  einfachen  Punction  sind 
so  selten,   dass  wir  sie   bei  der  allgemeinen  Prüfung  der  Opera 
nicht  berücksichtigen  können,  sie  vielmehr  nur  als  Seltenheiten   an- 
fuhren dürfen.  —  Wir  wissen  weiterhin,  dass   die  Punction    in   ein- 
zelnen Fallen  unzähligmale  im  Verlaufe  der  J&AM  wiederholt  wurde, 
und  dass   die  Krauken  15.  20 — 30  Jahre   lang  mit  der  Cyste  w> 
lebten      So    wnrde   die    Punction    bei    einer  Kranken   41,    bei   e 
anderen  57 male  vorgenommen,   John  Hunter  erwähnt  eine  Kranke, 
welche  während   26  Jahren  80male  pungirt  wurde.     Eine  Patientin 
Prof.  Lorey's   in  Frankfurt   schleppte   die  Ovariej  0  Jahre 

lang  und  sie  wurde  etwa  hundertmal  pungirt.  Es  ist  wirklich  zum 
Staunen,  wie  oft  mau  in  einzelnen  Fällen  die  Pnnction  wieder!: 
konnte.  John  Latham  erzählt  von  einer  Kranken,  dass  sie  während 
einigen  Jahren  155mal  pungirt  wurde  und  Bamberger  erwähnt 
eine  40jährige  Frau,  bei  der  man  die  Punction  während  8  Jahren 
253  male  ausführte.  Die  Operation  war  ihr  derart  zum  Lebens- 
bedürfniss  gewordent  dass  sie  in  der  Folge  auch  ihr  Mann  erlernen 
musste  und  schliesslich  wurde  sie  wöchentlich  zweimal  pungirt. 

Wir  könnten  diese  Haritätensammlung  ganz  leicht  um  einige 
Fälle  vermehren,  in  denen  die  Operation  30— 60mal  glüi -kln  1<  auf- 
geführt worden  ist;  allein  welchen  Nutzen  bieten  diese  im  Grunde 
nur  wenigen  Beobachtungen,  die  man  für  die  Punction  anfühlen 
köunte?  Sie  haben  ja  doch  keinen  praktischen  Werth.  dem 
bilden  nur  Ausnahmen  von  jener  allgemeinen  Regel,  die  uns  die 
entgegengesetzten  100  Fälle  lehren.  Eine  Operation,  die  unter 
132  Fällen  25  Mal  entweder  direct  oder  indirect  den  Tod  verursacht, 
ist  an  und  für  sich  schon  viel  gefahrlicher,  al3  wofür  man  sie  ge- 
wöhnlich halr.  Doch  nicht  diese  Gefahr  ist  die  Hauptsache.  Viel 
betrübender  ist  das  Ergebniss,  dass  von  jenen  132  Kranken  nach 
Ablauf  des  ersten  Jahres  schon  71  starben.  Gegenüber  diesen  That- 
sachen  erscheint  die  Behauptung  Lee 's  viel  weniger  übertrieben, 
wenn  er  meint,  die  Punction  liefere  ein  ungünstigeres  Resultat,  als 
die  Exstirpation  des  Eierstockes.  Wir  können  die  Meinung  Ye  1  p  e  a  u '  s 
nicht  iheilen,  wenn  er  rätht  dass  man  den  Eierstock-Hydrops  nnr  mit 
innerlichen  Mitteln  und  mit  Pnnction  behandeln  kann.  Wir  sehen 
gerade  das  Gegentheil,  dass  die  Pnnction  im  Widerspruche  zu  ihrem 
Palliativzwecke  in  der  grössten  Zahl  der  Fälle  das  Fortschreiten  und 
den  tödtlichen  Ausgang  der  Krankheit  beschleunigt  Die  Indication 
der  Pnnction  mnss  daher  rationeller  Weise  in  möglichst  enge  Grenzen 
beschränkt  werden,  und  wir  erachten  sie  nur  dann  fiir  zweckent- 
sprechend, wenn  die  radicale  Operation  aus  den  später  zu  nennenden 
Gründen  ustuhrhar  ist.  somit  die  Entleerung  der  Flüssigkeit 

als  Indicatio  vitalis  erscheint. 


Semuielweis"  gJMU»l0fittlU   AuisiiUe. 


585 


IL  Function  mit  Liegenlassen  der  Metallcanule  oder  des 
elastischen  Katheters. 


Das  Liegenlassen  eiuer  Canule  in  der  Hydropshöhle.  damit  sich 
die  von  Neuem  ansammelnde  Flüssigkeit  entleeren  könne  und  durch 
die  permanente  Entleerung  eine  Heilung  erzielt  wende,  ist  bereits 
eine  alte  Idee.  Celsus  legte  nach  der  Punctum  des  Bauches  eine 
Bleiröhre  in  die  Wunde,  durch  die  er  in  den  Tagen  nach  dflr  Operation 
die  angesammelte  Fliissigk»  it  hinansn'iessen  Hess. 

Die  Anwendung  des  elastischen  Katheters  nach  Pimction  des 
Eierstockes  empfahl  zum  erstenmal  meines  Wissens  A.  J.  Richter. 
Er  erhoffte  von  diesem  Verfahren  ein  umso  besseres  Resultat  und  ich 
denke  mit  vollem  Recht,  je  kleiner  die  Cyste  ist;  darum  rieth  er.  dass 
das  Wasser  je  eher  entleert  und  gleich  danach  der  ('atheter  ange- 
wendet werde.  Er  täuschte  sich  aber,  als  er  sagte,  diese  Operation 
biete  grosse  Vortheile  und  gar  keine  Gefahr.  Die  Erfahrung  lehrt 
Anderes.  Auch  bei  diesem  Verfahren  können  gute  Resultate  erzielt 
werden,  doch  ist  deren  Zahl  nicht  gross;  es  wurde  auch  von  berühmten 
Aerzten  empfohlen,  die  jedoch  damit  nur  das  Eine  bewiesen,  dass  sie 
sich  gerade  so  irren  können,  wie  andere  gewühnli«  In    Leute. 

Mit  grossem  Enthusiasmus  hatte  diese  Operation  auch  der  Brum- 
berger  Medicinalrath  Ollenroth  im  Jahre  1843  empfohlen.  Als  er 
auf  Grund  einer  einzigen  Beobachtung  das  ganze  Gebäude  seiner 
übertriebenen  Hoffnungen  errichtete,  fiel  er  in  den  Fehler,  in  den  auch 
Andere  mit  ihren  verschiedenen  Modifikationen  fielen  und  noch  bis 
zum  heutigen  Tage  oft  fallen.  Von  nun  an,  so  dachte  Ollenroth,  wird 
man  bei  den  Ovariencysten  gar  keine  andere  Operation  anwenden 
dürfen  als  die  seinige.  nämlich  die  Punction  der  Cyste  durch  die 
Bauchwände,  unter  Liegenlassen  einer  mit  einem  Obturator  versehenen 
Silbercanule,  durch  die  der  Cysteninhalt  mehrere  Tage  hindurch  ent- 
leert werden  kann.  Dieses  Verfahren  empfahl  er  nicht  uur  beim 
einfachen  Hydrops  follicularis,  sondern  auch  für  complicirte  Geschwülste 
nnd  Colloidcysten;  ja  er  ging  so  weit1),  dass  er  hoffte,  „die  Scirrhosi- 
täten  und  die  übrigen  Entartungen  des  Eierstockes  würden  durch 
eine  mittelst  dieses  Verfahrens  erreichbare  vollständige  Vereiterung 
der  Eierstocke  gründlich  geheilt  werden  können-,  worauf  Buh  ring'-' i 
laconisch  erwiderte,  „der  Glaube  ist  eine  schöne  Sache*', 

Ollenroth's  geheilter  Fall  war  ohne  Zweifel  ein  solcher,  der 
in  ihm  die  weitgehendsten  Hoffnungen  wecken  konnte  und  auf  des 
Operateurs  Gemüth  umso  mehr  wirken  durfte,  da  die  gerettete  Kranke 
seine  eigene  geliebte  Schwester  war.  Er  hatte  sie  schon  siebenmale 
pnngirt,  nnd  die  Flüssigkeit  sammelte  sich  immer  wieder  an;  bei  den 
letzten  drei  Punctionen  war  selbe  auch  schon  in  hohem  Masse  mit 
Eiter  vermischt,  und  die  Kräfte  der  Kranken  waren  derart  erschöpft, 
dass  man  ihren  Tod  bald  erwarten  konnte.  Zu  dieser  Zeit  wendete 
Ollenroth  das  oben  angeführte  Operations  verfahren  an.  Die  Silin  i- 
canule  wurde  27  Tage  hindurch  in  der  Wunde  belassen;  die  Cyste 
ging  in  Eiterung  über  und  die  Operationswunde  gangraenescirte.  Der 
Ausfluss  verbreitete  in  der  Zimmerhifi  einen  so  gräulichen  Gestank. 
dass  es  Niemand  darin  längere  Zeit    aushalten   konnte.     Die   Kranke 


Die  Heilbarkeit  der  Eieratocks-Wrtsaeraucht.    Berlin  1843.    S.  74. 
Die  Heilang  der  Eierstockgeschwülste.    Berlin  1848.    S   278. 


586 


Semmehveis"  gJMtCologUClie  Autsätze. 


aber  überlebte,  trotz  ihrer  Erschöpfung,  die  Gefahren;  der  Ausriuss 
hörte  am  27.  Tag  nach  der  Operation  auf  und  4  Tage  später  top- 
narbte  auch  die  Wunde.  Die  Patientin  reconvalescirte  bald  darauf 
und  erhielt  ihre  vorherige  Gesundheit  in  vollem  Maase  wieder. 

Pagenstecher  erinnert  sich  einer  "26jährigen  Bäuerin,  die  an 
aucktem  Colloid-Cystoid  und  in  Folge  dessen  an  abzehrendem  Fieber 
litt.  Am  12.  Jänner  1847  wurde  mittelst  Punction  eine  br'iimliehrothe 
jauchige  Flüssigkeit  entleert,  und  die  Operation  nach  zwei  Tagen 
wiederholt.  Zugleich  wurde  der  permanente  Abfluss  der  Jauche  mittelst 
dickem  elastischen  Catheter  gesichert.  14  Tage  nach  der  Operation 
erreichte  das  auszehrende  Fieber  einen  Grad,  dass  man  die  Kranke 
schon  für  unrettbar  verloren  hielt.  Diese  aber  erholte  sich  gegen 
alles  Erwarten  neuerdings,  die  in  der  Geschwulst  fühlbaren 
härtungen  wurden  unter  Breiumschlägen  erweicht,  selbst  die  Scheide- 
wände der  einzelnen  Cysten  schienen  zu  zerfallen.  Der  Abflugs 
dauerte  während  dieses  Processes  in  wechselndem  Masse  mehrere 
Monate  lang;  im  Mai  wurde  er  geringer  und  mit  gutartigem  I 
gemischt,  und  die  Operationswunde  schloss  sich  Anfangs  Juni,  also 
5  Monate  nach  der  Operation.  Der  Ovarientumor  hatte  damals  nur 
ihm  h  die  Grösse  eines  Enteneies.  Pagenxteeher  sah  die  Kranke  nach 
einem  Jahre  wieder,  die  sich  zu  dieser  Zeit  einer  guten  Gesundheit 
erfreute,  ja  sie  war  sogar  schwanger  und  wurde  später  von  einem 
gesunden  Knaben  entbunden. 

Kiliau  verwirft  in  seiner,  der  Mittheilung  dieses  Falles  bei- 
gefügten Nachschritt  die  Punction  bei  dem  multiloculären  Eierst 
Hydrops  colloidalen  Ursprungs  und  wir  sin il  diesbezüglich  ganz  seiner 
Meinung,  obwohl  wir  gestehen  müssen,  dass  wir  von  der  durch  ihn 
spätere  empfohlenen  innerlichen  und  äusserlichen  Medication  auch 
nichts  Besonderes  erwarten.  Die  Erfahrung  beweist  dass  wir  die  in 
Rede  stehende  Krankheit  mittelst  therapeutischer  Behandlung  weder 
in  ihrer  Entwicklung  aufzuhalten,  noch  auch  ihre  Rückbildung  zu 
befördern  vermögen;  die  Punction  liefert  weiterhin  in  solchen  Fällen 
noch  viel  weniger  gute  Resultate,  wie  beim  einfachen  Hydrops  folli- 
cularis; endlich,  dass  es  uns  unter  solchen  Verhältnissen  durch  die 
Ovariotomie  viel  mehr  Kranke  zu  retten  gelingt,  als  durch  irgend- 
welche andere  bisher  angewendete  künstliche  Eingriffe.  Wenn  also 
die  Cystoidgeschwulst  so  beweglich  ist,  dass  die  Exstirpation  des  Eier- 
stockes ausführbar  erscheint,  so  geben  wir  dieser  Operation  den  Vorrang 
nicht  nur  vor  anderen  Verfahren,  sondern  auch  vor  allen  übrigen 
r.eliandlungsmethoden.  die,  seien  sie  von  welcher  Art  immer,  die  Kranke 
fast  sicher  nicht  zu  retten  vermögen.  Was  sollen  wir  aber  thun, 
wenn  die  Geschwulst  in  solchem  Masse  angewachsen  ist,  dass  die 
Ovariotomie  nicht  am  Platze  ist?  —  In  solchem  Falle  ist  die  Kranke 
in  der  That  nicht  zu  retten.  Nichtsdestoweniger  müssen  wir,  wenn 
wir  auch  bei  den  Cystoidgeschwülsten  des  Eierstockes  die  unter  Liegen- 
lassen der  Oanule  vorgenommene  Punction  verwerfen,  diese  in  dem 
einem  Falle  für  cansal  indicirt  anerkennen,  wenn  der  Inhalt  der 
Oyste  nicht  nur  erweicht  ist.  sondern  auch  seine  Zersetzung  begonnen 
hat  und  er  vereitert  ist. 

Auf  diesen  Znstand  können  wir  aus  der  hochgradigen  Umstimmung 
des  Gesammtbefindens.  aus  dem  mit  Schüttelfrösten  einhergehenden 
Fieber  u,  s.  w.  folgern.  Unter  solchen  Umständen  wird  die  erste 
Indication    selbstverständlich    die    Entleerung    der   Jauche    sein,    die 


Semmel  weis"  gynaecologi&che  Auf;- 


587 


zweit«:  die  Sicherung:  ihres  permanenten  Abflusses,  was  wir  mit  dem 
Appliciren  einer  Canule  erreichen.  In  dem  Falle  Pagenstecher's  war 
also  das  durch  ihn  befolgte  Verfahren  rationell. 

Der  Fall  Pagen  stech  erTs  und  die  von  Kilian  Ihm  beigefügten 
Bemerkungen  gaben  uns  Veranlassung,  unsere  Meinung  über  dieses 
Operationsverfahren  schon  in  voraus  auszusprechen;  kehren  wir  aber  jetzt 
zur  Besprechung  der  damit  erzielten  weiteren  guten  Resultate  zurück. 

Douglas  führte  bei  einer  30jährigen  Negerin,  die  seit  3  Jahren 
an  Hydrops  ovarii  litt,  im  Juni  1848  die  Punction  aus  und  Hess  die 
Canule  liegen.  Die  ersten  10—14  Tage  entleerte  sich  noch  eine 
milchartige  Flüssigkeit  welche,  sich  später  zu  einem  gutartigen  Eiter 
umwandelte,  und  am  1.  August  konnte  man  schon  die  Canule  ent- 
fernen. Bis  zum  December  sickerte  durch  den  Wnndcanal  noch  immer 
einige  Flüssigkeit,  dann  vernarbte  er.  Wieweit  das  Gesammtbefinden 
während  der  Behandlung  in  Mitleidenschaft  gezogen  war,  ist  nicht 
erwähnt 

Wir  sahen,  dass  in  den  bisher  aufgezählten  Fällen  die  Punction 
immer  durch  die  Bauchwände  geschah,  und  Ollenroth  hielt  sie 
überhaupt  nur  auf  diesem  Wege  ausführbar;  doch  fand  auch  die 
Punction  durch  die  Scheide  ihre  Fürsprecher.  Dieses  Verfahren 
wurde  als  palliative  Operation  bereits  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts, als  sie  zum  ersten  Male  J.  Fr.  Henckel  anwendete,  wieder- 
holt empfohlen  und  ausgeführt.  Wir  müssen  Henckel  sogar  als  den 
ersten  bezeichnen,  der  die  Punction  per  vaginam  mit  Application  der 
Canule  behufs  radicaler  Heilung  des  Leidens  in  Anwendung  gebracht 
hat.  Als  sich  nämlich  in  dem  von  ihm  beschriebenen  Falle  die 
Flüssigkeit  nach  der  Punction  baldigst  wieder  ansammelte,  da  sorgte 
er  mittelst  Application  eines  Frauen-Catheters  in  dem  Wundcanal  für 
den  permanenten  Abflugs  jeuer  und  dehnte  gleichzeitig  die  Wunde 
soweit,  dass  er  seinen  Zeigefinger  einführen  konnte. 

Henckel's  Versuch  fand  keine  Nachfolge  und  erst  hundert  Jahre 
später  machte  Karl  Schwabe  neuerdings  die  Punction  per  vaginam 
mit  Einführung  der  Canule.  Dies  geschah  im  Jahre  1886  bei  einer 
29jährigen  an  Hydrops  ovarii  leidenden  Frau,  als  ihre  Kräfte  schon 
erheblich  erschöpft  waren.  Die  durch  den  elastischen  Catheter  ent- 
lehrte Flüssigkeit  war  im  Beginne  grünlich,  "dann  in  der  ersten  Woche 
nach  der  Operation  gelblichweiss,  später  aber  wurde  sie  dickflüssiger 
und  eiterig.  Der  Catheter  wurde  am  14.  Tage  entfernt.  Unter  Ver- 
abreichung von  Eoborantien  genas  die  Kranke  soweit,  dass  sie  Seh. 
0  Jahre  später,  als  er  seine  Abhandlung  verfasste,  vollständig  gesund 
und  zur  schwersten  Arbeit  fähig  bezeichnen  konnte. 

Si  hwabe  hat  von  den  Vortheileu  der  Punction  per  vaginam  aus- 
führlich gehandelt)  dennoch  publieirte  4  Jahre  später  K  i  w  ieeh  dieses 
Verfahren  unter  seinem  eigenen  Namen.  Die  Modification.  die  von 
ihm  stammte,  bestand  in  der  Verwendung  des  Mutterrohrs,  das  er  zur 
Entleerung  der  Flüssigkeit  benützte;  aber  diese  Neuerung  kann  man 
in  der  T hat  nicht  gutheissen,  weil  man  behufs  Einführung  des  kolbigen 
Endes  des  Muttewohres  die  Stichwunde  mittelst  Bistouri  noch  dehnen, 
auf  diese  Weise  also  zur  Schnittwunde  umgestalten  musste.  Aber 
wenn  wir  auch  die  Priorität  dieser  Operation  nicht  Kiwisch  lassen 
können,  so  müssen  wir  in  ihm  doch  ihren  Hauptvertreter  erblicken, 
und  auch  unsere  Widerlegung  hauptsächlich  gegen  ihre  Empfehlung 
durch  ihn  richten. 


588 


Semmehveis'  gyuaecologische  Aufsätze. 


Ki  wisch  führt  folgenden  gelungenen  Fall  an.  Eine  30 jU 
Bäuerin  litt  an  einer  kopfgrossen  Ovariencjste ;  in  Folge  hartnäck 
Beschwerden  beim  Uriniren  war  die  radicale  Heilung  des  Leidens  indi- 
cirt.  Die  Cyste  lag  tief  in  dem  Becken,  und  »lamm  wurde  am 
20.  Juli  1844  eine  Explorativpunction  per  vaginam  in  Angriff  genommen, 
wi-irauf  sich  9  Pfund  einer  chocoladebraunen  Flüssigkeit  entleerten. 
I  tie  {  anule  blieb  20  Stunden  lang  liegen.  Nach  10  Tagen,  am  30.  Juli. 
als  sich  die  Cyste  wieder  füllte,  wurde  die  Radiealpumtion  vorge- 
nommen: bei  dieser  Gelegenheit  flössen  einige  Pfund  blutiger  stinkender 
Flüssigkeit  ab,  und  die  Stichwunde  wurde  so  weit  gedehnt,  dass  man 
luich  diese  den  Finger  und  sodann  ein  starkes  Mutterrohr  tief  in  die 
i  Syste  hineinfuhren  konnte.  Die  ersten  14  Tage  floss  durch  das- 
sti  ts  nur  Jauche  aus,  und  das  Fieber  war  stark.  Später  besserte 
sich  der  Gesammtzustand.  wie  denn  auch  die  Qualität  des  Secretes 
und  auch  seine  Quantität  abnahmen.  In  4  Wochen  entfernte  Eüwiscfe 
das  Rohr,  der  Eiterfluss  hörte  auf,  die  Wunde  vernarbte,  die  Kranke 
wurde  40  Tage  nach  der  Operation  entlassen,  und  erfreute  sich  auch 
nach  Verlauf  eines  Jahres  einer  guten  Gesundheit. 

Seh  netter  in  New- York  führte  die  Punction  am  30.  Sept.  1851 
bei  einer  25jährigen,  an  Ovariencystoid  leidenden  Fran  ebenfalls  per 
vatrinam  aus,  worauf  sich  einige  Unzen  eiterartiger  Flüssigkeit  ent- 
leerten; sodann  applicirte  er  eine  Canule.  Der  Ausfluss  war  gering; 
am  8.  Tage  trat  heftiges  Fieber  mit  Erbrechen  und  Kräfteverfall  auf. 
Nachdem  die  Canule  tiefer  in  die  Cyste  geführt  wurde,  flössen  4—5 
Pfund  stinkende  Jauche  ab,  worauf  sich  langsam  eine  Besserung  i *in- 
stellte,  Behufs  vollständiger  Entfernung  der  Geschwulst  musste  die 
Punction  noch  dreimal  wiederholt  werden,  im  November  1851,  am 
2.  Februar  und  5.  März  1852,  wto  dann  die  Cysten  alle  zu  Grunde 
gegangen  schienen;  die  letzte  Stichwunde  wurde  bis  zum  Juli  offen 
gehalten,  dann  vernarbte  sie  von  selbst,  in  einigen  Wochen  stellte 
sich  auch  die  Menstruation  ein  und  die  Frau  genas  angeblich  voll- 
ständig. Auf  Grund  dieses  Falles  meint  Schnetter,  dass  die  durah 
ihn  befolgte  ßehandlungsweise  auch  bei  solchen  raultiloctilärcn 
Ovariencysten  anzuwenden  sei.  deren  Inhalt  nicht  vollkommen  dünn- 
flüssig ist. 

Diese  Fälle  zeigen  die  Lichtseiten  des  in  Rede  stehenden  Ope- 
rations-Verfahrens; von  ihren  Schattenseiten  wollen  wir  ein  ander- 
mal reden. 


Nachdem  wir  die  guten  Resultate  der  Behandlung  der  Ovarien- 
evsten  mittelst  Punction  und  Anwendung  einer  den  Abnuss  sichernden 
Canule  besprochen  haben,  gehen  wir  über  zur  Erörterung  der  Schatten- 
seiten dieser  Operationsmethode  und  finden  hiebei,  dass  die  unglück- 
lich ausgehenden  Fälle  von  viel  grösserem  Gewichte  sindT  als  die, 
welehe  glücklich  enden. 

Henckel's  oben  erwähnte  Patientin ,  eine  40» Jahre  alte  Frau, 
die  seit  drei  Jahren  an  Hydrops  ovarii  litt,  ist  der  Operation  zum 
Opfer  gefallen,  als  am  vierten  Tage  ihrer  Ausführung  eine  Eiterung 
in  der  Cyste  auftrat.  —  Kiwi  seh  hat  auch  seine  /weite  Kranke,  bei 
der  er  die  Operation  vornahm,  in  Folge  von  Peritonitis  und  Pyaemie 
verloren.  —  Buk  ring  machte  die  nämliche  Erfahrung  im  Jahre  184a 


><  mioelweis"  grnaecologiscbe  Aufsätze. 


58Ü 


Als  er  die  Punction  bei  einer  47  Jahre  alten  Frau  ini  Verlaufe  von 
drei  Monaten  fünfmal  wiederholte,  und  die  Flüssigkeit  sich  stete  schneller 
und  schneller  ansammelte,  Hess  er  die  Canule  in  der  WundötFnung 
liegen.  Das  Seeret  wurde  stinkend  und  jauchig-  und  die  Kranke  ist 
h  drei  Wochen  in  Folge  Verjauchung  der  Cyste  gestorben. 

Die  sich  wiederholenden  Schutt  elfröste,  das  fortwährende  Er- 
brechen, wie  auch  die  allgemeine  Abzehrung'  sind  klare  Zeugnisse 
der  durch  den  zersetzten  Stoff  hervorgerufenen  Infection.  —  Martin 
erwähnt  zwei  Fälle,  wo  die  Operationsweise  Ollenroth's  versucht 
wurde,  und  beide  Fälle  verliefen  tödtlich;  die  eine  Kranke  starb  be- 
reits in  28  Stunden  nach  der  Operation  in  Foljre  vnn  Verblutung 
aus  einem  grösseren  Gefäss  der  Cyste,  —  die  andere  aber  an  Bauchfell- 
»m zündung.  nach  siebentägigen  (Jualeti. 

Langenbeck  führte  die  Pnnetion  am  1.  Nov.  1  sf)3  bei  einer 
28jährigen  Frau  —  die  vor  etwa  10  Monaten  an  Hydrops  ovarii  er- 
krankt war  und  einmal  schon  pungirt  wurde  —  per  vaginam  aus  und 
Hess  einen  elastischen  Catheter  im  Wundcanal.  Die  Ovariengeschwulst 
war  nur  wenig  beweglich,  der  Bauch  auf  Druck  nicht  empfindlich 
und  der  <Tesammtgesundheitszustand  befriedigend.  Die  entleerte 
gelblich- grüne,  trübe,  schleimige,  eiweisshallise  Flüssigkeit  belief  sicli 
auf  20  Pfund  und  in  den  ersten  Tagen  nach  der  Operation  sickerten 
noch  täglich  1 — 2  Unzen  der  nämlichen  Flüssigkeit  aus.  Am  vierten 
Tage  wann  mit  dem  Mikroskop  schon  Eiterkürperchen  darin  zu 
finden,  und  am  fünften  Tag  war  das  Aussehen  schon  ganz  eiterig. 
Täglich  wurde  laues  Wasser  in  die  Cyste  gespritzt.  14  Tage  lang 
kennte  man  -las  Alleemeinbefinden  der  Kranken  flir  befriedigend  er- 
klären. Symptome  einer  Bauchfellentzündung  traten  nicht  auf,  das 
Fieber  war  massig,  Pulszahl  96—100  in  einer  Minute.  In  der 
dritten  Woche  aber  trat  Appetitlosigkeit  und  übelriechendes  Aufstossen 
ein,  und  später  auch  wirkliches  Erbrechen,  das  lichtgrüne,  gallig- 
sch  leimige  Massen  ans  Licht  förderte.  Hiebei  wurde  die  Kranke 
fortwährend  schwächer  und  magerer  und  am  20ten  Tag  auch  der 
Eiter  dünn  und  stinkend.  Auf  Einspritzungen  von  Lapislösung  im 
Beginn  1  Gran  auf  1  Unze  Wasser)  und  von  «hamomillen  trat  eine 
kurze  Besserung  ein;  in  den  ersten  Tagen  Deeembers  entleerte  rieh 
wieder  ein  dicker,  gelber  Eiter,  in  dem  mit  dem  Mikroskop  keine 
Spur  eines  Detritus  zu  erkennen  war;  die  Pulszahl  schwankte  zwischen 
Bf  und  98.  Am  6.  December  auffallende  Verschlimmerung:  das  Er- 
brechen wiederholt  sich  immer  häufiger,  die  Kranke  verträgt  weder 
Medicin,  noch  die  leichtverdaulichsten  Sa  eisen,  nur  den  Kattee-  und 
Theelöffelweise  verabreichten  Madeirawein  behält  der  Magen.  Seit- 
dem verfallen  die  Kräfte  jählings,  die  Gesichtszüge  fallen  ein.  der 
Puls  ist  klein  und  schwach.  112— Uli  in  einer  Minute,  die  Abmage- 
rung steigert  sich  bis  aufs  Aeusserste,  es  entstehen  Decubitus*,  mit 
eitern  Werte  die  Kranke  bietet  das  Bild  des  grössten  Kräfteverfalls. 
nämliche  Verschlimmerung  wird  in  dem  <  ysteninhalt  wahrge- 
nommen: Eiter  dünn,  viel  und  übelriechend.  Aus  diesem  Gründe  wird 
die  Coneentraitiefl  der  Lapislftsroig  gesteigert  {10  Gran  auf  1  Unze 
WaflMr},  worauf  die  Eiterung  spärlicher  wird  und  endlich  ganz  auf- 
bort, Appetit  und  Schlaf  gehen  vollständig  ab;  der  Puls  wird 
immerfort  kleiner  und  häufiger.  124—130  in  einer  Minute;  auch  der 
Moschus  vermag  dem  Krank  hei  tsverlaufe  keine  andere  Wendung 
geben.     Am  13.  December  ist  das  Gesicht  ganz  verzerrt,  die  Extremi- 


oJO 


Semmel  weis'  gynaecologwhe  Avftltte, 


täten  kalt,  und  die  Kranke  starb  am   selben  Abend*   sechs  Wochen 
nach  der  Operation,  gänzlich  erschöpft 

Die  Ergebnisse  der  Leichenuntersuchung  beweisen  es  klar,   wie 
unsicher  der  Erfolg  in   Betreff  des  Zusammenwachsens  der   I  v 
wände   seil  »st  dann  ist.   wenn   wir  gerade  um  dies  hervorzubringen 
einen  Catheter  in  die  Cyste  einführen. 

Bei  der  Oeffnung  des  Bauches  wurde  vor  Allem  wahrgenommen, 
dass  die  vordere  Wund  der  <  yste  in  grosser  Ausdehnung  mit  den 
Bauchwänden  zusammengewachsen  war;  starke  Bindegewebsstränge 
zogen  von  ihrer  hinteren  Wand  zum  Omentum  maius,  von  ihrem 
oberen  Rande  zum  rechten  Leberlappen  und  von  ihrer  rechten  Seite 
zum  Blinddarm.  Die  letzteren  waren  in  jedem  Falle  ältere  Zu- 
sammenwaehsungen,  so  dass  man  die  Cyste  kaum  hätte  exstirpiren 
können,  was  allerdings  bei  der  Operationswahl  in  Betracht  ge- 
nommen wurde.  Hingegen  kam  die  Zusammenwachsung  der  Cyste 
mit   der   Bauchwand,   mit  Ausnahme   von   3—4   stärkeren   Gewebs- 

ngen.  nur  nach  der  Operation  zustande,  die  Zusammenklebnngen 
waren  locker  und  mit  zahlreichen  sehr  feinen,  neuen  Gefässen  durcha&et 
Um  die  Piinctionsdffnung  herum,  welche  das  Seli**ideiigewölbe  rech 
seits  1'.,  Linien  entfernt  von  der  Portio  vaginalis  uteri  dorcllbobite, 
war  die  Cyste  durch  ein  plastisches  Exsudat  ganz  fest  mit  dem  1 
t-oneal Überzug   zusammengewachsen.    Der  sonst  normale  Uterus,   das 
rechtseitige   gesunde   Ovarium   und   dessen   Salpynx   waren   mittelst 
Exsudates  miteinander  und  mit  dem  Blinddarm  zusammengewachsen; 
vom  Uterus  ein  wenig  links  und  rückwärts  zu  wurde  ein  apfelgroi 
abgekapselter   retroperitonealer  Abscess    gefunden,   welcher    dünnen, 
jauchigen  Eiter  enthielt,  jedoch  mit  den  Nachbarorganen  auf  keinerlei 
Weise  communieirte.    Andere  Symptome  einer  Peritonitis  waren  nicht 
vorhanden  und  die  Gedärme  waren  nirgends  mittelst  Exsudates   mit- 
einander verklebt. 

Das  erkrankte  Ovarium  war  das  linksseitige;  die  Cyste  war  ei- 
förmig, ihr  Längsdurchmesser  t>  V,  der  Querdureliniesscr  3  '.,": 
während  ihrer  Bildung  nahm  sie  die  Stellung  von  der  linken  Seite 
schief  ganz  nach  rechts,  so  dass  in  vivo  die  rechte  Seite  des  Bauches 
am  meisten  gespannt  erschien.  Die  Wand  der  Cyste  bestand  aoe 
Festem  Bindegewebe  und  stand  mit  einem  etwa  halben  Daumen  breiten 
Stiel  mit  dem  linken  und  oberen  Rand  des  Uterus  in  Zusammenhang. 
Der  ganzen  Länge  ihrer  hinteren  Wand  entlang  zog  sich  eine 
zolltiefe  Einstülpung,  von  deren  Grund  die  später  zu  erwähnende 
und  in  die  Cyste  frei  hineinragende  Geschwulst  ihren  Ausgang  nabln. 
Entlang  dieser  Einstülpung  der  Cyste,  gleichsam  in  sie  von  an 
eingebettet  zog  sich  die  linke  Tube,  die  man  frei  entfaltet  bis  zum 
Uterus  verfolgen  konnte. 

Was  die  Behandlung  des  Hydrops  ovarii  —  von  der  wir  eben 
sprechen  —  betrifft,  so  ist  die  Beschaffenheit  der  Innenwand  der 
Cyste  von  meistern  Interesse.  Diese  wurde  nämlich  rauh  und  etwas 
wellenförmig  befunden.  Von  einer  Zusammenwachsung  oder  Verklebung 
der  Wände  war  keine  spur  zu  linden,  hingegen  deckte  eine  J 
dicke  Exsudatschickt  die  ganze  Innenfläche,  die  man  leicht  abl 
konnte.  Dieses  Exsudat  erwies  sich  als  vollständig  analog  mit  dem 
bei  der  Rippenfellentzündung  auftretenden,  indem  die  unmittelbar  an 
der  Cystenwand  liegende  Schichte  stark  <refässig  befunden  wurde, 
während   die    ferneren  Schichten   gefässlos   waren   und   mehr  einem 


Semmel  weis'  gynaeoologische  Aufsätze. 


591 


geronnenen  Fibrin  ähnlich  sahen.  Von  der  Innenfläche  der  Cyste 
ragte  frei  in  deren  Höhle  hinein  eine  ziemlich  consistente.  3  Zoll 
lange  und  1  Zoll  dicke,  an  ihrer  Oberfläche  uiicheiimässigc  Neubildung, 
die  im  Querschnitt  ein  weissliches  festes  Bindegewebe  erkennen  liege, 
übrigens  aber  aus  röthlich-braunen  Colloidstoff  bestand.  An  der 
Innenfläche  der  Cyste  sassen  verstreut  kleinere,  linsen-  bis  ttUSSgTOBSe 
Colluidcysten.  An  den  übrigen  Eingeweiden  war  nichts  Besonderes 
zu  finden;  sämmtliche  waren  blass  und  blutarm  und  zeigten  keine 
Spnr  von  einer  Eitermetastase. 

Langenbeck  versuchte  zur  selben  Zeit  diese  Behandlungs- 
weise  bei  einer  anderen  Kranken  in  seiner  Privatpraxis,  Dadurch  ist 
der  Beweis  geliefert  worden»  dass  nicht  die  Spitalsluft  Schuld  an  dem 
bösen  Ausgang  hatte  (die  zuvor  erwähnte  Kranke  wurde  nämlich  im 
Spitale  behandelt).  Hier  erfolgte  nämlich  der  Tod  unter  denselben 
Erscheinungen.  Auch  liier  geschah  die  Punction  per  vaginam;  nach 
Ablauf  von  drei  Wochen  entfernte  Langenbeck  probeweise  den  I  a- 
theter,  da  sich  aber  hierauf  in  der  Cyste  Jauche  ansammelte,  so 
musste  die  Punction,  um  einer  Blutvergiftung  vorzubeugen,  wiederholt. 
und  der  Catheter  liegen  gelassen  werden.  Dennoch  starb  die  Kranke 
drei  Wochen  darauf,  nachdem  sie  gerade  so  wie  die  erste,  in  Folge 
vollständiger  Verdauungsuniahigkeit  und  fortwährenden  Erbrechens 
gftnz  erschöpft  und  abgemagert  war.  Ursache  des  tödtlicnen  Aus- 
ganges war  auch  hier  zweifellos  die  Verjauchung  der  Cyste  und  die 
durch  diese  verursachte  Pyaemie.    Eine  Section  wurde  nicht  zugelassen 

C  rede  versuchte  in  drei  Fällen  das  besprochene  Operationsver- 
fahren ;  zweie  davon  endeten  ebenfalls,  wie  die  zuvor  ei  wähnten,  mit 
dem  Tod 

Wir  hielten  es  für  nothwendig,  alle  diese  Thatsachen  aufzu- 
zählen, nm  uns  ein  Urtheil  hinsichtlich  der  Autorität  eines  Mannes 
bilden  können,  dessen  Wirken  auf  dem  gynaecolngisr.hen  Gebiete 
auch  nach  seinem  —  leider  zu  früh  eingetretenen  —  Tode  mit  allem 
!:  Itt  in  hohem  Ansehen  steht.  Ki wisch  irrte  sich,  als  er  die 
Punction  per  vaginam  mit  Liegenlassen  des  Catheters  oder  Mutter- 
roh  rs  als  das  beste  Verfahren  zur  radicalen  Heilung  massig  grosser 
nnd  einfacher  Ovariencysten  hinstellte.  Es  scheint  wirklich,  dass  er 
nur  eine  einzige  Kranke  auf  diesem  Wege  radical  heilte;  da  aber 
dieser  Fall  der  erste  war,  den  er  auf  diese  Weise  behandelte,  so  ist 
es  verständlich,  dass  er  sich  für  sein  Operationsverfahren  begeisterte 
und  es  auch  nach  sechsjähriger  Erfahrung  mit  gleichem  Eifer  ver- 
theidigte.  Wir  wollen  zugeben,  dass  einige  der  unglücklichen  Fälle 
schon  in  Folge  einer  anderartigen,  namentlich  colloidartigen  Ent- 
artung für  dieses  Operationsverfahren  nicht  geeignet  waren,  indess 
erscheinen  die  Resultate  bei  einfachem  Follicularhydrops  auch  nicht 
günstiger.  Die  Erfahrung  zeigt,  dass  der  grösste  Theil  der  nach 
dieser  Methode  operirten  Kranken  theils  an  Bauchfellentzündung, 
theils,  und  das  noch  häutiger,  an  Verjauchung  der  Cyste  und  an 
hiedurch  verursachter  Blutvergiftung  zu  Grunde  gingen  und  dass  die 
zufällig  Geheilten  während  der  Vereiterung  der  Cyste  in  grösster 
Gefahr  standen.  Diese  Gefahren  sind  fast  in  gt-rade  so  grossem 
Masse  vorhanden,  üb  die  Punction  durch  die  Baiichwände  oder  ob 
sie  per  vaginam  ausgeführt  wird.  All  diesem  nach  können  wir  nicht 
zugeben»  dass  die  Punction  der  Ovariencyste  mit  Liegenlassen  der 
Canule  das  beste  Operations  verfahren  Bei, 


502 


melwei**  irynaecologiscbe  Anfsätze. 


III.  Punction  mit  nachträglichem   systematischen  Drucke  und 
mit  innerlicher  Behandlung. 

Schon  Bell  behauptete,  dass  nach  der  Punction  ein  auf  den 
Unterleib  aasgeübter  starker  Druck  die  Nenansainmlung  der  Flüssig- 
keit verhindern  könne,  und  Hamilton  verband  mit  massigem  Drucke 
die  Percussion  der  <•  «■schwulst,  und  nahm  auch  noch  laue  Bäder  und 
harntreibende  Mittel  in  Anspruch.  Es  gelang  ihm  auf  diesem  Wege 
angeblich  in  7  Fällen  eine  radicale  Heilung  zu  bewirken;  andere 
aber,  die  Min  Verfahren  versuchten,  konnten  sich  eines  solchen  Glücks 
nicht  rühmen. 

In  den  fünfziger  Jahren  pries  Baker  Brown  den  guten  Erfolg, 
den  er  mittelst  Zusammen d rück ens  des  Bauches  mit  emem  Verbund 
nach  der  Punction  und  einer  gleichzeitig-  angewendeten  enertrischen 
Quecksilbercur  sowie  harntreibende]-  lütte]  erzielte,  namentlich 
bei  einfachen,  nicht  angewachsenen,  serösen  Cysten;  aber  auch  die 
multiloculären  angewachsenen  Cysten  wurden  dadurch  angeblich 
einigermaßen  in  ihrer  Entwickelung  aufgehalten,  Brown  publicirte 
5  solche  Radi<  illH-iliingen;  Lee  aber  demonstrirte  bei  2  Fällen,  dass 
die  Heilung  keine  radicale  war.  und  Brown  gestand  später  selbst, 
dass  er  sich  getäuscht  hatte  und  bei  einem  dieser  Fälle  eistirpirl 
später  den  Eierstock.  —  II 1 1  t  in  theilte  auch  einen  auf  diesem  Weg 
geheilten  Fall  mit  und  Brown  nachträglich  noch  2.  bei  denen,  nachdem 
sie  1847  und  1848  pungirt  wurden,  noch  im  April  und  Mai  1 
also  nach  «i1  ,  Jahren  sich  kein  Rückfall  zeigte.  Nach  Behau ptnng 
Brownes  publicirte  auch  Murphy  einen  Fall,  in  welchem  die  Kranke 
nach  seinem  Verfahren  vollständig  hergestellt  wurde. 

Aus  all  diesen  Thatsaehen  dürfen  wir  folgern,  dass  wenn  auch 
die  Zahl  der  mittelst  dieses  Heilverfahrens  genesenen  Kranken  eine 
geringe  ist,  dasselbe  doch  eine  gewisse  Berücksichtigung  verdient.  "Wir 
würden  dessen  Anwendung  in  solchen  Fällen  immer  versuchen,  wo 
sich  der  Hydrops  ovarii  relativ  schnell  und  in  Begleitung  von  Ent- 
zfiiidungserscheinungen  entwickelt  hat.  Unter  solchen  Umständen 
heilt  durch  die  einfache  Punction  und  zweckmässige  Behandlung 
häufig  auch  die  Hydrokele  radical.  Oft  schein!  bei  den  Ovariencystei 
ein  analoger  Process  zu  Stande  zu  kommen.  Unter  den  angeführten 
Fällen  linden  wir  wenigstens  einige  solche,  wo  sich  mittelst  der 
Punction  eine  eiterige  Flüssigkeit  entleerte,  —  Man  kann  weiterhin 
in  solchen  Fällen  dieses  Verfahren  versuchen,  wo  ein  energischere« 
OperatKmsrerf&hren  contraindirirt  ist.  Es  ist  selbstverständlich,  dass 
wir  bei  solchen  für  verloren  geltenden  Fällen  wahrscheinlich  nie  eine 
Heilung  werden  bewirken  können;  doch  unter  so  verzweifelten  Verhält- 
niss.il  ist  es  schon  nls  Gewinn  zu  betrachten,  wenn  wir  den  schnellen 
Verlauf  des  Leidens  zu  hemmen  im  Stande  sind.  —  Dieses  Verfahren 
hat  noch  einen  anderen  Vortheil  über  die  übrigen,  nämlich  da- 
nicht  gefährlich  ist.  Brown  übt  den  Druck  auf  die  Weis,  ans,  dass 
er  vorerst  mehrschichtige  Tampons  auf  den  Bauch  legt,  welche  er  so- 
dann mit  breiten  Heftpflaaterstreifen  befestigt  Der  Grund  (der 
mittlere  Theil)  der  Pflaslei>tndfeii  kommt  auf  die  Wirbelsäule  und 
die  beiden  Enden  werden  um  den  Körper  geführt,  so  dass  sie  sich 
auf  dem  B&tiohe  kreuzen  Dieser  Verband  wird  schliesslich  inil  einer 
Flanellbinde  oder  mit  einem  eigens  zu  diesem  Zwecke  verfertigten 
Bauchmieder    fest    niedergedrückt.    —    Die    übrigen    Verordnungen 


Semmel  weis'  g-ynaecolog-bche  Aufsätze. 


593 


Browns  müssen  wir  aufs  Knischiedenste  verwerfen.  Das  Qu 
silber  kann  nur  dort  indicirt  sein,  wo  sich  in  der  Cyste  acute  Ent- 
SBttnduii^sersdiehiungen  einstellen:  mehr  anznratlien  sind  die  .Jod- 
praeparate.  als  für  den  Öesammtorganisnms  vit-1  weniger  gefährlich. 
—  All  diesem  nach  müssen  wir  von  der  Methode  Browns  sagen, 
dass  was  Gutes  in  ihr  enthalten  ist  —  d,  h.  der  Druck  —  nicht  neu 
Ist,  und  was  in  ihr  Neues  ist  —  nämlich  die  bis  zum  Speichelflnss 
angewendete  Quecksilbercnr  —  nicht  gut  ist.  — 


IV.  Punction  mit  Jod-Einspritzung. 

Schon  im  Alterthum  wusste  man,  dass  man  die  Hydropsien  in 
geschlossenen  Höhlen  mittelst  Einspritzung  reizender  Flüssigkeiten 
heilen  kann.  Celsus  empfiehlt,  dass  man  bei  Hydrokele  die  Höhle  — 
nachdem  das  Wasser  entleert  wurde  —  mit  einer  Salz-  oder  Salpeter- 
Lösung  ausspüle.  Die  späteren  Autoren  haben  diese  Methode  nicht 
empfohlen,  und  nur  im  Jahre  1677  wurden  die  reizenden  Einspritzungen 
zur  radicalen  Heilung  der  Hydrokele  wieder  aufgenommen.  Der 
Mai seiller  Chirurg  Lambert  empfahl  zu  diesem  Zwecke  eine  aus 
Sublimat  und  Kalk  bestehende  starke  Lösung,  mit  der  er  aber  ebenso 
wenig  Gefallen  erntete,  wie  Sharp  mit  seinem  später  empfohlenen 
spnitus;  erst  dann,  als  Sabatier  den  Rothwein  und  Earle.  der 
eifrigste  Befürworter  der  Einspritzungen,  den  Portwein  im  Rosen- 
blätterinfus  angewendet  haben,  vermehrte  sich  die  Zahl  der  Freunde 
der  Einspritzungen.  Da  aber  Rückfälle  häufig  vorkamen,  so  fehlte  es 
auch  an  Gegnern  nicht,  solange,  bis  etwa  vor  30  Jahren  die  Ein- 
spritzung mit  Jod  nach  der  Function  der  Hydrokele  im  Allgemeinen 
als  die  beste.  Operation  zur  Behandlung  dieses  Leidens  anerkannt  wurde. 

Mit  der  Anwendung  der  Jodlösuug  beginnt  eine  neue  Aera  in 
der  Behandlung  der  Wassersucht  und  entschieden  hat  Velpeau 
das  meiste  Verdienst  um  die  Verbreitung  der  Jodeinspritznngen.  Die 
Priorität  in  der  Anwendung  kommt  aber  nicht  ihm.  sondern  Martin 
in  Calcutta  zu,  der  schon  1N42  Jodtinctur  behufs  Heilung  der  Hydro- 
kele injicirte  und  seine  diesbezüglichen  Beobachtungen  zwei  Jahre 
später  auch  publicirt  hat.  Velpeau  —  man  kann  sagen  —  wusste 
selbst  nicht,  wie  er  auf  die  Jodeinspritzungen  gekommen  ist.  Es 
wurde  ihm  im  Juli  1836  von  seinen  Schülern  berichtet,  dass  Prof. 
Ricord  die  Hydrokele  seiner  Kranken  mit  Jodtinctur  behandelt. 
Velpeau  wähnte  zu  verstehen,  dass  das  Jod  eingespritzt  wird  und 
machte  selbst  den  Versuch  damit  und  zwar  mit  gutem  Erfolge.  Erst 
später  stellte  es  sich  heraus,  dass  Ricord  durchaus  nicht  an  äk 
Einspritzung  des  Jods  dachte,  sondern  dass  er  bei  einer  in  Folge 
von  acuter  Hodenentznndung  entstandenen  Hydrokele  Umschläge  mir 
verdünnter  Jodtinctur  anwenden  liess.  So  gelangte  Velpeau  zum 
Rufe  der  Erfindung  des  neuen  Operationsverfahrens  und  dieses  Ver- 
fahren erwies  sich  seither  als  so  erfolgreich,  dass  heutzutage  —  30 
Jahre  später  —  kaum   eine  Höhle   im  Organismus  existirt,   in  die 

C behufs  Heilung  ihrer  hydropischen   Erkrankung  das  Jod  nicht  ein- 
gespritzt worden  wäre. 
Velpeau  wendete  später  die  bei  der  Hydrokele  als  erfolgnjirh 
befundene  neue  Methode  auch  zur  Heilung  der  verschiedenen  anderen 
Semmel  weis'  gesammelte  Werke,  38 


594 


Semmelweis'  gynaecologiscbe  Aufsätze. 


Cysten  an,  und  dabei  begünstigte  ihm  das  Glück  ebenso,  wie  zuvor. 
Denn  als  er  im  Jahre  1839  eine  an  der  Kiiieirelenksgegend  befindliche, 
fluctuirende  Geschwulst  untersuchte,  da  erklärte  er  seinen  Schülern, 
dass  er,  weil  sich  dieselbe  ausserhalb  des  Gelenkes  befinde  und  mit 
diesem  absolut  nicht  communicire,  bei  dieser  Geschwulst  noch  die 
Function  mit.  nachträglicher  Jodeinspritzung  versuchen  wolle.  Er 
wollte  in  der  That  nicht  in  das  Kniegelenk  Jod  einspritzen;  aber 
seine  Diagnose  war  zufällig  falsch  und  die  fluctuirende  Geschfl 
war  entweder  das  Gelenksband  selber  oder  sie  stand  wenigstens  in 
unmittelbarer  Coinmunieation  mit  demselben.  So  geschah  es,  dass 
Velpeau  gegen  jede  Absieht  in  ein  hydropisches  Kniegelenk  Jod- 
tftstmg  einspritzte.  —  und  das  Resultat  war  wieder  sehr  günstig. 

Der  erste  aber,  der  mit  bewusster  Absicht  eine  Jodlösung  in  das 
hydropische  Kniegelenk  einspritzte  war  1841  Bonnet  und  nach  einem 
Jahr  nahm  Velpeau  die  Operation  von  Neuem  vor.  —  Der  günstige 
Erfolg  steigerte  die  Kühnheit  der  französischen  Chirurgen  immer  mehr 
und  man  wandte  die  Jodeinspritzimgen  vn  Tag  zu  Tag  in  weiterem 
Umfang  an:  im  .Fahre  1841  Dieulafoye  in  Toulouse  bei  As<  i 
1847  Brainard  bei  Spina  bifida  und  1849  derselbe  bei  Hirin'Wlein; 
1854  versuchte  Jaubert  zur  radicalen  Heilung  einfacher  reponil 
Hernien  die  Jodeinspritzung.  Und  man  kann  sagen,  dass  seitdem 
im  Jahre  1855  Ar  an  das  Hydropericardium  und  Bonnet  ein 
livl topisches  Auge  pungirte  und  diese  Organe  der  Jodeinspritzung 
zum  Opfer  fielen,  es  kaum  einen  Weg  mehr  giebt,  auf  dem  in  Zu- 
kunft dieses  operative  Verfahren  noeli  versucht  werden  könnte. 

Wir  müssten  bei  der  grossen  Verbreitung  der  Jodeinspritzuug 
in  der  That  staunen,  wenn  man  sie  beim  Hydrops  ovarii  nicht 
angewendet  hätte.  Die  Kesultate  erwiesen  sich  bei  den  hydropiseben 
Ei  krankungen  anderer  Organe  als  so  günstig,  dass  es  ganz  natürlich 
schieu,  auch  liier  einen  Versuch  zu  machen,  in  der  gerechtfertigten 
Hutthung,  dass  die  Einspritzung  der  Jodlösung  nach  der  Pu.no  ti<>n 
nur  von  gutem  Erfolge  sein  könne. 

Versuche  mit  Einspritzungen  reizender  Flüssigkeiten  wurden 
schon  in  älteren  Zeiten  gemacht.  Um  die  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts war  der  Chirurg  Warrieh  der  erste,  der  in  einem  Falle 
von  Ascites  mit  Wasser  vermischten  Rothwem  nach  der  PunctioD  ein- 
spritzte und  zwar  mit  gutem  Erfolg.  Als  er  aber  diese  Operation 
bei  einer  anderen  hydropischen  Krauken  wiederholte,  bei  der  sich 
wahrend  der  Function  eine  röthliche  dicke  Flüssigkeit  entleerte,  da 
starb  die  Kranke;  bei  der  Leichenuntersuchung  fand  mau  selbst- 
verständlicher Weise  nicht  den  di&gnostlcirten  Ascites,  sondern  eine 
grosse  Cyste,  welche  mit.  dem  Fundus  uteri  im  Zusammenhang 
und  zweifellos  in  dem  Eierstock  ihren  Ursprung  hatte.  —  Es  scheint, 
dass  alle  weiteren  Versuche  sehr  ungünstigen  Ausgang  hatten,  und 
die  Autoren  stimmen  kaum  in  einem  anderen  Punkte  so  sehr  überein, 
als  in  der  Perhorrescirung  der  Einspritzungen  nach  der  Punction 
der  Ovariencysten ;  alle  erklären  sich  für  die  höchstgradige  Gefahr- 
lichkeit  dieser  Behandlung  und  verwerfen  auf  das  Hntscln- 
ihn-  Anwendung. 

I  Mcscni  Standpunkte  der  älteren  Aerzte  über  die  Jodewspritznn 
widersprechen  die  in  neuerer  Zeit  gemachten  Erfahrungen.     Die  ersten 
Beobachtungen  in  dieser  Richtung  publieirte  im  Jahre  1851  Thomas 


Sem  im? I  weit1  g  vna*'ro]ogische  AttfafttaBt, 


595 


er  erwähnt  3  Fälle  von  Robert,  je  einen  70B  Ailisou  und 
Ricord.  Es  ist  beklagenswerth,  dass  die  Krankengeschichten  mangel- 
haft sind. 

In  dem  ersten  Fall  Uobert's  wurde  die  Canule  liegen  getanen 
und  nur  am  16.  Tay,  als  der  Ablluss  schon  jaitelii-  geworden  war. 
wurde  die  Jodeinspritzung  gemacht  und  einen  ganzen  Monat  lang 
fortgesetzt  Die  Kranke,  die  sich  in  Folge  der  Verjauchung 
Cyste  bereits  in  .sehr  zweifelhaftem  Zustand  befand,  genas  zwar  auf 
die  Jodeinspritzung,  aber  es  blieb  eine  Fistel  zurück.  —  Die  zweite 
Kranke  wurde  in  47  Tagen  viermal  pnngirt:  die  Jodeinspritzung 
geschah  nach  der  zweiten  Punction,  worauf  die  Canule  3  Tage  lang 

u  gelassen  wurde.  Nach  den  zwei  letzten  Functionen  entfernte 
man  die  Canule;  die  Cyste  füllte  sich  am  13,  Tage  nach  der  letzter 
Punction  wieder  voll  an.  — Die  dritte  Kranke,  ein  lTjähriges  junges 
Mädchen  litt  an  einer  Ovariencyste,  welche  nur  etwa  *2  Maass  Flu 
keit  enthielt.  Wahrend  12  Woehoii  wurde  die  Punction  14— 15  mal 
wiederholt  und  nur  nach  der  letzten  Punction  Hess  man  die  ( 'annle 
liegen  und  spritzte  Jod  ein:  diese  Einspritzung  wurde  öfters  wieder- 
holt. Die  Cyste  verkleinerte  sich  schon  am  8.  Tage  soweit,  dass  sie 
kaum  einen  Löfiel  voll  Flüssigkeit  enthielt,  aber  die  Fistel-Oeftnung 
bestand  noch  immer.  Mehr  ist  von  dem  Falle  nicht  aufgezeichnet 
worden. 

In  einem  vierten  Fall,  bei  einer  21jährigen  Frau,  machte  Allison 
„une  large  ponetion".  d.  h.  wahrscheinlicher  Weise  eine  Incision,  da 
er  nachher  zm  AulYeehterhaltung  des  RüBsigkeitsabflttßsea  Cnarpie 
gebrauchte.  Als  der  Abtluss  jauchig  wurde  und  sich  ein  abzehrendes 
Fieber  einstellte,  wurde  Jod  eingespritzt.  Hierauf  ging  es  der  Frau 
besser  und  sie  erholte  sich  soweit,  dass  sie  sich  später  einer  guten 
Gesundheit  erfreuen  konnte,  obwohl  die  Wunde  sogar  nadb  zwei  Jahren 
noch  nicht  vollständig  vernarbt  war. 

Der  fünfte  Fall  kam  in  der  Praxis  Ricord's  vor.  Die  erste  Jod- 
eiusp  ritzung  hatte  keinen  Erfolg,  wesshalb  die  Operation  mit  einer 
concentrirteren  Lösung  —  '/,  Theil  Jod,  8/,  Tlieile  Wasser  —  wiederholt 
ward.  Die  Cyste  ging  hierauf  selbstverständlicher  Weise  in  eiterige 
Entzündung  über  und  per  vaginam  punetirt  schrumpfte  sie  Zusammen; 
die  Kranke  genas  vollständig. 

Zu  den  hier  aufgezählten  fünf  Beobachtungen  müssen  wir  bemerken, 
dass  weder  die  ersten  gegen  die  Jodeinspritzung,  noch  die  letztere 
für  dieselbe  spricht.  Die  Methode,  die  angewendet  wurde,  ist  nicht 
zweckmässig.  Wir  können  darin  mit  Thomas  keineswegs  iiliei ein- 
stimmen, dass  die  Canule  durch  lange  Zeit  —  ganze  3  Monate  lang  — 
liegen  bleiben  möge  und  das  Jod  erst  dann  injicirt  werde,  wein 
Secret  schon  eiterig  wird.  Die  Cyste  geht  bei  solcher  Behandlung 
immer  in  Verjauchung  über,  deren  Gefahren  wir  bereits  besprochen 
haben,  l'ebrigens  ersehen  wir  aus  diesen  Fällen,  dass  die  JodftbL* 
spritzung  unter  solchen  Verhältnissen  auf  die  Beeinflussung  der  .lanelie- 
produetion  von  sehr  günstiger  Wirkung  Ft. 

Im  Jahre  1852  empfahl  Boinet  die  Jodeinspritzung,  die  er  seit- 
her am  meisten  angewendet  und  befürwortet  hat.  Laut  Bericht  der 
vor  mir  liegenden  Schmidt'schen  Jahrbücher  empfahl  anfangs  auch 
Boinet  das  Liegeulassen  der  elastischen  Canule  nach  der  Punction. 
einerseits  desshalb.  damit  sich  das  Serret  permanent  entleeren  könne, 
anderseits,   damit    man   die  Jodeinspritzuug  im  Nothfalle  wiederholen 

38* 


Senunelweis'  gyn*« 


könne.    Neuerdings  aber  bellst  Boinet  die  Cannle  nur  in  dem  Falle 
in  der  Wnndöffnung,  wenn  lie  Cyste  entweder  eiterige  Flossigkeil 
hfllt,  oder  aber  die  Einspritzung  ohne  Liegenlassen  der  Cannle  keine 
Heilung  bewirkte. 

Martin  erwähnt  eines  22jährigen  Mädchens,  bei  dem  nach 
wiederholter  einfacher  Punctum  eine  Jodkalilösung  eingespritzt  wurde. 
Die  Kranke  starb  in  Folge  von  Peritonitis  and  bei  der  Sectios  Band 
man  in  beiden  Eierstöcken  eine  Colloiddegeneration. 

Simpson  dissertirte  1854  in  der  Edinburgher  gynaeeolorächen 
Gesellschaft  über  di<-  Heilung  der  Ovariencysten  mittelst  Jodein- 
apritenng.  Er  versackte  dieses  Operationsverfabren  in  7—8  Fällen. 
and  spritzte  für  gewöhnlich  2 — 3  Unzen  reine  Jodtinctur  ein.  In 
einigen    Fällen    Hess    er    einen  Theil   der   eingespritzten    Flüssigkeil 

[er  heraus,  das  andere  Mal  Hess  er  das  Ganze  darinnen,  Bei 
keinem  der  erwähnten  Fälle  fand  er  weder  eine  locale,  noch  eine  all- 
gemeine erheblichere  Keaction,  mit  Ausnahme  eines  Falles,  wo  die 
Pulszahl  auf  110  stieg.  Bei  diesem  Individuum  aber  verursachte  auch 
die  einfache  Function  ähnliche  Erscheinungen.  In  2—:»  Füllen  seinen 
die  Jodeinspritzung  radical  zu  hellen,  denn  die  Flüssigkeit  sammelte 
sieh  in  der  Cyste  auch  nach  mehreren  Monaten  nicht  wieder  an.  In 
den  Übrigen  Fällen  traten  Rückfälle  auf  und  die  Flüssigkeit  sammelte 
sich  bisweilen  eben  so  schnell  an.  wie  nach  der  einfachen  Function, 
Krankengeschichten  sind  keine  beigefügt. 

Boinet  spricht  in  seiner  im  Jahre  1855  erschienenen  ,.Jodo- 
therapie"  eingehend  über  die  Behandlung  des  Hydrops  ovarii  mittelst 
Jodeinspritzung  und  wir  werden  im  Laufe  unseres  gegenwärtigen 
Aufsatzes  noch  üfters  auf  dieses  Werk  zurückkommen. 

Das  in  Hede  stehenden  Operationsverfabren  verfolgt  zwei  Zwecke; 

1.  Di«  Entleerung  des  Cysteninhnltes. 

2.  Die  Unterdrückung  der  Seeret  ionsthätigkeit  der  Cyste,  damit, 
dieselbe  zusammenschrumpfe  und  verschwinde.  .Mein-  ist  von  diesem 
Opera!  innsverfahren  nicht  zu  erwarten. 

Boinet  empfiehlt  bei  conipln  irteieu  Fällen  auch  das  Liegenlassen 

elastischen  Oatheters  oder  der  Oanide;  indem  wir  aber  im  den 
permanenten  Abflass  des  Secretes  sorgen,  haben  wir  es  schon  mit 
jener  alteren  Methode  zu  thun.  die  schon  Henckel.  Schwatze. 
Ollenroth  und  Kiwi  seh  geübt  haben,  und  bei  der  die 
spritzung  nur  an  zweiter  Stelle  in  Betracht  kommt,  gleichwie  die 
Kinspritzungen  von  Wasser.  Wein  oder  anderen  reizenden  Flu.-- 
keiten.  — 

Sprechen  wir  nun  vor  Allein  Ober  die  zweckinässigste  und  ein- 
laclisie  Ausführung  der  Operation. 

Die  Entleerung  des  Cystentnhaltes  ist  durch  die  Bauchwände  oder 
per  vaginam  ausführbar;  per  vaginam  können  wir  es  thun.  wenn  die 
Fluctuation  an  dieser  Stelle  deutlich  fühlbar  ist;  sonst,  und  dies  ist 
der  häufigste  Fall,  geschieht  die  Punction  durch  die  Bauch  wand, 
und  zwar  um  die  Arteria  epigastrica  zu  vermeiden  in  der  Linea  alba. 
Die  Kranke  sitzt  oder  liegt.  —  Bei  der  Punction  per  vaginam  inuss 
zuvor  der  Mastdarm  mittelst  Clystar,  die  Harnblase  mit  Hilfe  eines 
Cathetera  ausgeleert  werden.  Zur  Function  bedarf  mau  eines  «re- 
krümmten  und  recht  langen  Troikarts.  Die  Kranke  wird  auf  die 
Uei  rt.  wie  beim  Blasenschuitt,  der  Catheter  wird  in  die 

Blase  geführt,  und  der  Operateur  überzeugt  sich  von  dessen  Richtung 


Semmelweis'  gyuaecologische  Aufsätze.  597 

durch  die  Untersuchung  per  vaginam.  Diese  Vorsicht  darf  man  nicht 
vernachlässigen,  damit  man  die  Blase  bei  irgend  einer  Lageverände- 
rung während  der  Operation  nicht  verletze.  Nun  bezeichnet  der 
Operateur  mit  seinem  linken  Finger  die  am  meisten  fluctuirende  Stelle 
des  Scheidengewölbes,  —  unterdessen  percutirt  der  eine  Assistent  die 
Bauchwände  —  und  fuhrt  mit  seiner  rechten  Hand  längs  seines  linken 
Zeigefingers  den  Troikart  mit  zurückgezogenem  Stilet  bis  zur  bezeich- 
neten Stelle  und  macht  die  Punction  dem  geraden  Durchmesser  des 
Beckens  entsprechend.  Das  Gefühl  des  überwundenen  Widerstandes 
dient  als  Zeichen  dafür,  dass  das  Instrument  in  die  Cyste  einge- 
drungen ist.  Sind  deren  Wände  dick,  so  bedarf  es  eines  festen  Stosses. 
Sodann  ziehen  wir  das  Stilet  zurück  und  spritzen  sofort  das  Jod  ein, 
ohne  Rücksicht  darauf  ob  die  Punction  durch  die  Bauchwand,  oder 
per  vaginam  gemacht  wurde. 

(Fortsetzung  folgt.)*) 


*)  [Nicht  erschienen.    Der  Herausgeber.] 


Biograpliischt'  Skizze. 


Ignnz  Philipp  Semmelweis  wurde  um  1.  Juli  1818  zu  Ofen,  d.  h.  iu  «lern  am 
rechtzeitigen  Donanufer  gelegenen  Theile  der  Hanptstadt  Budapest  geboren.  Da- 
selbst besachte  er  die  Elementarschulen  und  absolvirte  das  Gymnasium.  Seine 
medicinischeu  Studien  begann  er  im  Jahre  1838  in  Wien,  hörte  im  3ten  Mi 
Semester  die  Vorlesungen  10  te  Universität  zu  Pest,  und  kehrte  t'iir  das  viert« 
und  Fünfte  Studienjahr  nach  Wien  zurück,  wo  er  am  2.  April  1844  das  Doctor* 
Diplom  erwarb.  Seme  Inaugural-Dissertation  wählte  er  ans  der  Scientia  amahilis. 
Am  1.  August  1844  erlangte  er  das  Magister-Diplom  der  Geburtshilfe,  und  in  einigen 
Tagen  darauf  das  der  Chirurgie. 

Am   27,   Februar   1846   wurde   er   provisorisch,   am    L  Juli  desselben   Jahres 
definitiv  zum  Assistenten  der  ersten  Gebärklinik   am  allgemeinen  Krankenhause  zu 
Wien  ernannt,  wo  er  bis  zum  20.  October  wirkte.    Am  20,  März  1847  übernahm  er 
zum  zweiten   Male   die   Stelle   eines  Assistenten,   und   wirkte  als  solche« 
20.  März  1849. 

Seine  segensreiche  Entdeckung"  betreffend  die  wahre  Aetiologie  des  Kindbett- 
Hebera  machte  er  im  Jahre  1847.     Die   prophylaktischen  Chlorwasehungen    fühi  I 
im  Mai  desselben  Jahres  ein. 

Als  man  ihm  nach  Ablauf  von  zwei  Jahren  die  Assistentenstelle  nicht  wieder 
iiliei  trug,  ihn  dann  wegen  Veröffentlichung  der  klinischen  Rapporte  der  Gebäraus tall 
der  Denunciation  beschuldigte ,  ihm  die  venia  legendi  au  der  Wiener  Universität 
zuerst  ruud  verweigerte,  sodann  auf  sein  wiederholtes  Ansuchen  wohl  gewährte  aber 
an  die  erniedrigende  Bedingung  knüpfte,  blos  am  Phantom  demonstriren  zu  dürfen, 
verließs  er  fünf  Tage  nachdem  er  die  Klientur  erhalten,  Wien  und  kehrte  im 
October  1850  in  seine  Heimath  zunick,  wo  er  sodann  bis  zu  seinem  Lebensende 
wirkte. 

Im  Jahre  1851  erhielt  er  das  Primariat  im  Pester  Set.  Rochus-Spital,  nud  1855 
die  Bestallung  als  ordentlicher  lliiiversitätsprofeasor.  In  den  letzten  Tagen  Im  Juli 
1865  wnrde  er  plötzlich  von  einer  Gei.ate.*krankheit  befallen.  Man  überführte  ihn 
am  31.  Juli  in  die  niederoesterreiehische  Landes-lrreuanstalt,  wo  er  nach  14  Tagen, 
am  13  teil  August  1866  an  Pyaeraie  verschied,  die  er  sich  schon  vorher  bei  einer 
Operation  zugezogen  hatte. 

Seine  sterblichen  Ueberreste  wurden  ins  Vaterland  zurückgebracht ;  hier  im 
Bndapester  Friedhofe,  schläft  er  den  ewigen  Schlaf. 


-Nur  sehr  WtuSgtB  WU  M  vi-r^unt.    4©f  -Menschheit  wirkliche  nnd    dauernde 
Dienste  zu  erweisen,   und  mit  wenigen  Ausnahmen  hat  die  Welt  ihre  Wohlii 
gekreuzigt  und  verbrannt."    (Kugelmann's  Brief  an  Semmelweis.) 

.Seminehveis  gehört  zu  den  Begünstigten  des  Schicksals:  seine  Entdeckung  er- 
hebt  ihn  unter  die  ewigen  Wohlthiiter  des  Menschengeschlechtes.    Er  gehört 
anch  nnter  die  Gekreuzigten.    Tragisch  war  sein  Leben,  tragisch  sein  Ende. 

Möge  die  hier  der  Oeffentlichkeit  zuerst  dargebotene  vollständige  Sammlung 
seiner  Werke  als  erster  Lorbeerzweig  auf  das  iu  Bälde  zu  enthüllende  Denkmal 
Seminetweis'  niedergelegt  sein. 


Anmerkungen  des  Herausgebers. 


Tractatus  de  vita  plantarum.    (8.  1 .) 

Ich  möchte  in  dieser  Inangnral-Düsertatbiu  insl» -sondere  aul  die  Tbesis  defen- 
denda  No.  X  (8.  19)  die  Aufmerksamkeit  des  freundlichen  Lesers  lenken. 

Wie  diametral  entgegengesetzt  ist  deren  Inhalt  gegenüber  dem  grossen  Resultat-, 
wozu  Seminehveis  später  gelangte!  Gerade  in  dem  „vi-ncuum"  und  gerade  „in  manu 
raedici'1  liegt  ja  der  Archiniedespunkt  seiner  lebenrettenden  Lehre. 

Höchst  wichtige  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  an  Gehiiranstalten 
epidemischen  Puerperulllcber.    (S.  23.) 

Erschienen  in  der:  Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zn  Wien. 
Vierter  Jal.i-an-,  1847/48,  II.  Band.  Seite  242—244  (Deeembernrft  1847). 

Diese  Mittbeilnng  rührt  von  der  Rcdaetion  der  Zeitschrift,  n.  zw.  von  Prof. 
Ferdinand  Hebra  (nicht  gezeichnet). 

Fortsetzung  der  Erfahrungen  über  die  Aetiologie  der  in  Gcbaranntalton  epi- 
demischen Puerperalfieber.    (S.  84.) 

Erschienen  in  der:  Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien. 
Fünfter  Jahrgang,  1848/4»,  I.  Band,  Seite  64— 65  (Aprilheft  1848). 

TetfeMex  dea  (nicht  gezeichneten)  Artikels  ist  gleichfalls  Prof.  Hebra. 
|Im  Titeltext  auf  S.  24  ist  d*e  Wort:   .Erfahrung"  ein  Druckfehler,  soll   b>  ^.Liuagen".! 

C.  H.   F.   Uotith:    Ober  die  Ursachen   des  endemischen  Puerperalfieber«,   iu 
Wien.    (8.  24.) 
Uebereetzung  aus  dem  englischen  Original :  On  the  canses  of  the  Endemie 
Puerperal  Fever  oi  Vieuua. 

hienen  iu   den     Medico-chirnrgieai  Transactiojis.    PmbHshed  by  the  Royal 
Medical  aud  Chirurgical  Societv  of  London.    Volume  the  thin\-*eeond.    London  1849. 
27—40. 

Aerztlichcr  Bericht  über  das  k.  k,  allgemeine  Krankenhaus  in  Wien  und  die 
damit  vereinigten  Anstalten:  die  k,  k.  (4ebär>,  Irren-  und  Findel-Anslalt 
im  Solar-Jahre  1S4S  von  Dr.  Carl  Haller.    (g.  84.) 

Erschienen   in   der:   Zeitschrift  der  k.  k.   Gesellschaft   der   Aerzte   zu   Wien. 
Fünfter  Jahrgang,  1848/49,  IL  Bond,  Seite  536—688  (VIII.  lieft  1849), 
(Auszug  der  einschlägigen  Melle.) 

Ober  die  von  l>r.  Semmelweis  entdeckte  wahre  Ursache  der  in  der  Wiener 

Gfobtruftall     ungewöhnlich    häutig    vorkommenden    Erkrankungen    der 

*V<ieüuerinen  und   des  Mittels  zur  Verminderung    dieser   Erkrankungen 

bis  auf  die  gewöhnliche  Zahl.    tS.  36.) 

Vortrag,  gehalten  in  der  Sitzung  vom  18.  October  1849  der  kaiserl.  Akademie 

1 1 1  •  r  WiwemenefteD  iweb  daa  wirkliche  Mitglied  Prot  Josepli  Skoda. 

Erschienen  in:  „Sitzungsberichte  der  mathematisch -n.it  in  wissenschaftlichen 
Classe  der  kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschaften.  Dritter  Band,  8.  Heft,  Jahr- 
gang 1849.    Seite  168-Imi. 


600 


Anmerknngen  des  Herausgebers. 


Derselbe   Vortrag  wurde  in  der  „Zeitschrift   der   kais.   köu.  Gesellschaft  der 
Aerzte  in  Wien.    Sechster  Jahrgaug,  1850,  I.  Hand,  Seite  107—11? 
abgedruckt.    Als  Einleitung  Hieben  die  "Worte: 

„Indem  die  Redaktion  dieser  Zeitschrift  bereits  im  Deceinber  1847  und  April 
1848  das  medizinische  Publikum  mit  der  von  Dr.  Semmel  weis  gemachten  Ent- 
deckung der  Genesis  der  Puerperalfieber  bekannt  machte,  so  glaubt  de  SOWOM  ÜB 
Interesse  der  leidenden  Menschheit  als  auch  der  Wissenschaft  als  endlich  der  Ent- 
bindungsärzte selbst  zu  handeln,  wenn  sie  nachfolgende,  vom  Professor  Dr.  Joseph 
Skoda  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Wien  vorgelegte  Abhandlung 
diesen  Gegenstand  hiemit  ihren  Lesern  mittheilt." 

\ im  setzt  der  wörtliche  Text  ein,  hört  aber  vor  dem  Schluss  des  Artikel«  mir 

dem  Satze  _ dass  nocli  weitere  und  vielfältig  abgeänderte  Versuche  an  Thiereu 

gemaebt  werden"   auf;  f-tat»   dessen   stellen  die   Srhln.sswörte-: 

-ScbUeealieb  erlaubt  sieh  die  Redaktion  dieser  Zeitschrift  alle  Herren  Collegen 
nnd  Redakteure  wissenschaftlicher  Journale  nm  Aufnahme  dieser  Abhandlung  in 
deren  geschätzte  Blätter  zu  ersuchen,  um  dieser  so  wichtigen  Entdeckung  die  mög- 
üdhste  Ausbreitung  und  BakanntaiftQannfl  utgeddhen  na  lassen.- 

Semmelwels'  Vortrag  über  die  Genesis  des  Puerperalfiebers  in  der  k,  k.  Gesell- 
schaft der  Aerzte  zu  Wien  (1850).    (S.  47 

Die  pathologische  Section  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien  bes.M.!-- 
iu  ihrer  Sitzung  am  23.  Februar  1849  Semmelweis  zu  ersuchen,  ihr  seine  Erfahrungen 
in  einem  Vortrage  mifzutheilen  und  gab  ihrem  Beschluss  in  dem  Protokolle  diesex 
Strang,  weiches  WOB  Dt,  v.  Dnjnreieher  unterzeichnet  wurde,  Ausdruck.  Der? 
ist  in  der  Zeitschrift  der  Zeitschrift  der  k,  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien. 
Fünfter  Jahrgang,  1848/49,  I.  Band,  Vi.  Heft,  Seite  LV  mitgetheilt  nnd  lanM  ; 

„Protokoll 

der  Section  für  Pathologie  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wieu  von  der 
Sitzung  am  23.  Februar  1849. 

[Auszug.] 

Hr.  Prira.  Dr.  Haller  theilt  der  Versammlung  das  Resultat  einer  Berechnung 
des  Mortaliliiis-\ 'erhiiltnisses  der  Mütter  und  Kinder  au  der  I.  gebujlsliilt'ln  heu 
Klinik  in  AVien  im  Zeiträume  von  12  Jahren  mit.  ans  welchem  hervorgeht,,  dass  in 
den  beiden  letzten  Jahren  die  Sterblichkeit  der  Wöchnerinnen  nnd  Kinder  sich  so 
auffallend  vermindert  habe,  dass  in  den  letzten  Jahren,  im  Vergleiche  zu  den 
günstigsten  Verhältnissen  der  früheren  Jahre,  */,,— 6/a  Individuen  weniger  starben, 
obgleich  die  Zahl  der  Gebärenden  eine  grössere,  als  in  den  früheren  Jahren  war. 
Da  man  aus  dieser  Thatsacbe  berechtigt  ist,  den  Schluss  zu  ziehen,  dass  die  Reinigung 
der  Hände  von  Seite  der  Aerzte  und  Hebammen  vor  der  Untersuchung  der  Mutter 
mit  Chlorwasser,  welche  seit  der  Zeit  der  Verminderung  der  Sterblichkeit  von  Hrn. 
Dr.  Semmel  weis  auf  dieser  Klinik  eingeführt  wurde,  einen  bedeutenden  Einnusa 
günstige  Mortalitäts- Verhältnis«  geübt  habe,  beschloss  die  Versammlung, 
Herrn  Dr.  Semmelweis  zu  ersuchen,  derselben  seine  Erfahrungen  über  diesen 
Gegenstand  in  einem  Vortrage  mittheilen  zn  wollen."  — 

Das  Jahr  1849  verging,  ohne  dass  Seminelweia  der  Anforderung  nachkam. 
Erst  am  1.5.  Mai  185Ü  hielt  er  den  Vortrag. 

In  der  Sitzung  vom  18.  Juni  1860  unterzog  er  die  gegen  seine  Entdeckung 
gemachten  Einwürfe  einer  Besprechung. 

Am   15.  Juli  1850  Würde  zur  iJiscussion  ge-i  In  iiten 

Die  drei  Vorträge  erschienen  als  Protokolle  der  allgemeinen  Sitzungen  in  der 
Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien: 

1.  Sechster  Jahrgang.  1850.  IL  Band,  Heft  VTJI,  Seite  CXXXVTJ—  CXL 

Unterzeichnet:  Wien,  den  18.  Juni  1850.    Dr.  Herzfelder,  Sekretär. 

2.  Sechster  Jahrgang,  1850,  H.  Band,  Heft  XI.  Seite  CLXVI— CLXIX. 

Unterzeichnet:  Wien,  am  15.  Juli  I8ö0.     Dr.  Herzfelder,  Secretär. 

3.  Siebenter  Jahrgang,  1851,  I.  Band,  jieft  1.  Seite  IIT-X 

Unterzeichnet:  Dr.  Herzfelder,  Sekretär.    Dr.  Lackner,  Sekretär. 
Der  Vorträge  erwähnt  in  kurzen  doch  anerkennenden  Worten  auch  der  folgende 


Anmerkungen  des  Heransgeber.*. 


601 


„Bericht 

über  die  Leistungen  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien 
während  des  Jahres  L 86 
Vorgetragen  in  der  Haiiprsitzung  am  24.  März  1851.  vom  derzeitigen  eilten  Vkretar 

Dr.  Hei  ii  r  if  h   1!  Q  i zfe  lder. 
Auszug.] 

Viisrelangt    bei    der    allgemeinen    Pathologie    Begegnen    wir    hier    vor 
Allem    der,    wie  es   scheint,   auch    praktisch    gelungenen  Losung 
Aufgaben  in  der  Medizin:  es  ist  dies  die  Entsteliuiigsnrsnche  der  bisher  so  verheerend 

enen  Puerperal-Epidemien  durch  Dr.  Semmel  weis;  seiner  Ansicht  nach  wird 
das  Wochenbettneber  nur  dnrch  die  Aufsaugung  fanler  organischer  Stoffe  in  das  Blut 
der  Mutter  erzeugt  und  diese  Stoffe,  ohne  deren  Selbstentvrickliuig  im  eigenen  fUrfMa 
von  Placenta-Resten  und  anderen  Bedingungen  her  völlig  zu  ifingnen,  von  aussen 
nud  zwar  zum  grösstcn  Theile  von  in  Zersetzung-  begriffeneu  Leichen  her  in  den 
inüttc] liehen  Organismus  durch  die  Geburtshelfer  selbst  ein«efiihri  .  (rem 
Dr.  SemmelweiB  den  Letzteren  die  fleissige  Waschung  vor  jeder  K  n  r  b i  n d  u n  g 
mit  Cblorkalklüsnngen  angeordnet  hat  und  hiedurch  so  glücklich  wur.  die  weitere 
Entwicklung  stärkerer  Epidemien  bisher  hintan  zu  halten,  (tagen  die  M  gegebene 
Entstehungsweise  der  Krankheit  fanden  sich  kräftige  und  ehrenwerthe  Gegner  in 
den  Doktoren  Zipfel  und  Lumpe,  welche  am  statistischen  Daten  mehr  den  mias- 
matischen Ursprung  des  Uebels  vindicirt  wissen  ireUten,  in  den  AufkläfuHgen  jedoch 
des  Dr.  Semmel  weis,  eben  so  wie  die  Doktoren  Scanz"iii  und  Sayfert  zn  Prag 
eine  hinreichende  Widerlegung  fanden,  so  dass  die  in  bezeichneter  Wei -  autgei.Hste 
Krankheits-Idee,  welche  enen  in  deu  Doktoren  Arneth,  Chiari  und  den  provis. 
Direktor  Heins,  so  wie  vom  thierürztlithcii  Standpunkte  aus  in  Prof,  Hayne  ihn- 
wärmsten  Vertheidiger  fand,  als  wahrer  Triumph  medizinischer  Forschung  angesehen 
werden  kann.u 

Erschienen  in  der:  Zeitschrift  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Anrate  m  Wien. 
Siebenter  Jahrgang.  1.851,  I.  Band,  Beilage  zu  Heft  I,  pag.  VII. 

Die  Aetiologie  des  Kindbettfiebers.    iS.  61.) 

Uebersetzung  ans  dem  ungarischen  Original :  A  g  y  e  r  ra  e  k  ä  g  y  i  14l 
köroktan  .<.. 

Erschienen  im:  Orvosi  Hetilap  1858.    No.  1,  3.  1-5;   No.  S,  S.  17—21;  t 
S.  65-69;    Jo,  6,    &  81-84;    No.  21,    S.  321-326;    No.  22,    S.    337-342;    No.  23. 
S.  353—359. 

Seinmelweiä  hielt  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1850  drei  Vorträge  über 
diesen  Gegenstand  im  Budapester  fcOnlft  -Aerzteverein,  und  veröffentlichte  sie  in 
der  vorliegenden  Schrift,  worin  er  zuerst  Ober  seine  Entdeckung  die  Feder  ergreift. 

Der  MeinungKunterschled  zwischen  mir  und  den  englischen  Aerzten  über  das 
Kindbettfieber.    (S.  83.) 

Uebersetzung  aus  dem  ungarischen  Original:  A  gyermekägyi  laz  fölötti 
vi'-l  einen  vkülönbseg  köztem  s  az  angol  orvosok  küzt. 

Erschienen  im:  Orvosi  Hetilap  1800.  Ho,  44,  S.  849— 851 ;  No.  45,  S.  873— 876: 
No.  46,  S.  889-893;  No.  47   8.  913-915. 

Die  Seinmelweis'sche  Lehre  wurde  häutig  mir  der  iu  England  verbreiteten 
Lehre  der  Contagionisten  verwechselt.  Dieser  oberflär-h  liehe  Standpunkt  der  Beur- 
teilung zwang  Semmel  weis  endlich  dazu  den  Unterschied  beider  Lehren  klarzulegen. 

Die  Überwiegende  Zahl  selbst  der  in  den  jüngsten  Jahren  porfochteuen  Priorität«- 
-treite  entsprangen  aus  der  Oberflächlichkeit,  irgendwelehom  aus  Zufall  entdeckten 
I  Dntagiouiaten  die  Palme  der  Priorität  gegen  Semmelweis  zu  reichen.  Vor  Allem 
erweist  sich  die  Notwendigkeit  gerade  diesen  Keinungennterachied  zwischen  Semmel- 
weis und  den  englischen  Aerzten  (d.  h.  den  Oontogionisten]  Bfiei  iu  Kindbettfieber 
gründlich  zu  prüfen. 

Die  Aetlologie,  der  Begriff  und  die  Prophylaxis  des  Kindbettfleber». 

Das  Hauptwerk  von  Semmelweis,  in  das  er  9ein  ganzes  Wissen,  sein  ganzes 
Herz  hineinlegte.  — 

Er  veröffentlichte  es  13  Jahre  nach  seiner  Entdeckung,  um  seine  Lehren  in 
ihrem  vollständigen  Umfange  der  Welt  mitzutheilen.  Fühlte  er  sich  ja  vom  Sebiolual 
zum  Vertreter  der  Wahrheiten  erkoren,  die  in  seinem  Werke  niedergelegt  sind, 
und  hielt  es  nunmehr  für  seine  unabweisbare  Pflicht  für  sie  einzustellen. 

Man  machte  es  Semmelweis  öfters  zum  Vorwurf  —  selbst  Stimmen  der  Nach- 
welt Hessen  sich  in   dieser  Richtung  vernehmen  —  dass  er  seine  Lehren  zur  ge- 


602 


Anmerkungen  des  Herausgebers. 


höriges  Zeit  zu  publiciren  unterliess  und  meinte  damit  die  hartnäckige  Opposition 
jner  entschuldigen  zn  künuen.  Abgesehen  davon,  dass  ja  gleich  nach  seiner 
Entdeckung  Hoben,  bald  darauf  Skoda  dieselben  publieirte.  bezeugen  die  uaeh  der 
\ .  r.ii.ijtlirliiinir  dee  Hauptwerkes  erschienenen  ^Offenen  Briefe-  wohl  hinlänglich, 
dass  nicht  Semmelweia  Schweigen  Schuld  an  dieser  Opposition  war! 

Das  Werfe  ist  im  Buchhandel  ganz  vergriffen,  auch  antiquarisch  eine  Rarität. 
Die  vorliegende  Neuausgabe  war  eine  wissenschaftliche  Ehrenpflicht,  für  deren  Er- 
imiglicbung  der  Ungarischen  Akademie  unser  Dank  gebührt,  Sie  rares,  der  Semiuel- 
weis  sofort  MCE  1'in  Erscheinen  seines  Werkes  eines  der  ersten  Exemplare  am 
•27  November  lwifi  überreichte  in  Begleitung  eines  Schreibens,  das  wir  seiner  ur- 
kundlichen Bedeutung  wegen  hier  in  wörtlicher  l'ebersetzung  wiedergeben. 

rHochanßehniiche  Akademie ! 

T'if  unter  dem  Namen  „Kindbettfieber"  seit  den  ältesten  Zeiten  bekannte 
Kiiinklj'ii  überfiel  im  Laufe  dieses  Jahrhunderts  in  stets  zunehmendem  Masse  und 
Intensität  die  Gebäranstalten  und  die  Bevölkerung  Europas  —  und  auf  Tausende 
belauft  sich  die  Zahl  der  Mütter  und  Kinder,  die  sie  jährlich  dahinrafft. 

Die  Gnade  der  Vorsehung  gewährte  es  mir,  die  wahre  Natur  dieser  grässliehen 
nud  bisher  für  endemisch  gehaltenen  Krankheit  zu  enthüllen,  sowie  auf  Grund  dieser 
Entdeckung  (und  das  ist  dabei  die  Hauptsache)  das  Auftreten  der  Krankheit  in  ans- 
m  Masse  hiurtuzuhalten,  so  dass  wBorend  /..  B.  in  der  Wiener  Gebärklinik 
in  früheren  Zeiten  die  durch  das  Kiudbettfieber  verursachte  Sterblichkeit  mitunter 
Hl",,  betrag,  diese  überall,  wo  die  von  mir  vorgeschlagenen  Vorbeugungamassregeln 

t  werden,  nicht  einmal  mehr  lö*/0  arrefeht 

Mein  Schicksal  hat  es  so  gewollt,  dass  ich  mich  zur  Zeit,  als  ich  diese  Ent- 
deckung machte  (im  Jahre  1*4?)  als  Assistent  au  der  Wiener  Gebärklinik  lern  ron 
iie-iii.iii  Vit  rhunli  iiiiinii-li  —  Duher  kam  es,  dass  meine  Entdeckung  zuerst  dem 
deutschen   ETaehnublicatn  vorgelegt,  wurde. 

Nachdem  ich  in  mein  Vaterland  zurückgekehrt  war,  habe  ich  meine  Erfahrungen 
und  meine  Theorie  über  das  Kindhetttieber  aueh  meinen  ungarischen  Fachgemäßen 
in  dem  hier  erschein  ►•mb-n  ..Orvosi  Hetilaj)"  (äretliqhes  Wochenblatt)  mitgetheilt, 

Wahrend  aber  meiner  Lehre  bei  uns  kein  Widerspruch  begegnete,  war  sie  in 
Deutschland  mancherlei  Angriffen,  zum  Theile  auch  Entstellungen  ausgesetzt. 

I'flieht   der  -enitber  gebot  mir  nun  meine  Theorie  noch 

einmal  auseinanderzusetzen  und  die  Cnhaltbarkell  der  ihr  gegenüber  vorgebrachten 
Argumente  nachzuweisen,  was  ich  in  dem  beigeschlossenen  —  und  mit  Rücksicht 
auf  die  Fachkreise,  auf  die  Einiltw  7.11  nehmen  vor  allem  meine  Absicht  war  —  in 
deutscher  Sprache   verf'asstcn   Werke  auch  ausgeführt  habe. 

Als  Zeichen  meiner  aufrichtigsten  Hochachtung  üb  er  reiche  ich  es  hiemit  d<  r 
hochansehnliclien  Akademie,  mit  der  Bitte  es  in  ihre  Bibliothek  aufnehmen  zu  wollen. 

Ignaz  Semmelweis, 
L:uivfrsitätBprofessor." 


Die  nächste  öffentliche  Gelegenheit  sich  über  Semmelweis1  Lehren  zu  äussern, 
bot  sich  innerhalb  eines  Jahres  nach  Erscheinen  des  grossen  Werkes.  In  der 
86.  Versammlang  der  deutschen  Forscher  und  Aerzte  zu  Speyer  entspann  sich  eine 
Debatte  über  «eine  Lehren.  Dr.  Lange  aus  Heidelberg  alleiu  trat  für  sie  ein. 
Siimml  liehe  übrigen  Anwesenden   verhielten   sieh  ablehnen«, 

N\  1  1  ■  1  a  1 . —  1  •  -  Semmelweis  nach  Kenntnissnahme  dieser  Debatte  empfinden? 
Selbst  die  gründlichste  Darlegung  nnd  Publication  seiner  Lehren  sollte  also  nichts 
nützen,  sollte  Niemand  bekehren;1  Es  erwies  sich,  dass  nach  die  schriftliche  Klar- 
legUsg  seiner  Entdeckung  und  seiner  nrophyiactiscbeu  Massregeln  vergebens  war. 
Ist  es  daher  zu  verwundern,  wenn  Semmelweis  im  sicheren  Bewusstsein  der 
Richtigkeit  seiner  Lehre,  in  der  deprtinirenden  Ueberzeugung  davon,  dass  deren 
Nichtannahme  den  Tod  vieler  Tausende  bedeutet  —  endlich  in  der  schärfsten  Weise 
gegen  jene  Professoren  '1er  Geburtshilfe  auftrat,  die  sich  seiner  lebeusrettenden 
Lehre  widersetzten'/    Es  erschienen  nun  in  kurzer  Aufeinanderfolge  die  berühmten: 

„Offenen  Briefe"  au  Professoren  der  Geburtshilfe.    (S.  427.) 

rsebienen  selbständig,  doch  waren  sie  gleichzeitig  auch   als  Beilagen  zum 
„Orvosi  HetUap"  abgedruckt. 

Dfl  Semmelweu  mit  den  ersten  vier  offenen  Briefen   nicht  den   erwarteten  Er- 
folg erzielte,  liess  er  diesen  noch  einen  „au  sämmtliche  Professoren  der  Geburtshilfe" 
Es  sollten  „Fortsetzung  und  Schluss  folgen",  sie  erschienen  aber  nicht. 


Anmerkungen  des  Heraasgebers. 


803 


Oft  wurde  der  scharfe,  schonungslose  Ton  der  Offenen  Briefe  gerügt.  Allein,  dürfen 
wir  darum  gegen  ihren  Verfasser  einen  Vorwurf  erheben?  14  lange  Jahre  hindurch 
kämpfte  er  vergebens  für  die  Wahrheit.  Das»  seine  Lehren  aber  auch  nach  dein 
Erscheinen  seines  grossen  Werkes,  in  dem  er  mit  einem  überwältigenden  statistischen 
Material,  mit  den  triftigsten  Beweisgründen  seines  Wissens  und  mit  der  flehenden 
Stimme  seines  Herzens  um  Annahme,  nein!  oft  blos  um  Erprobung  seiner  leben?* 
i "tniiilen  Lehre  bittet,  —  dass  auch  dann  noch  seine  Lehre  nicht  angenommen. 
Bondern  weiter  augefeindet,  verdreht  mul  verhöhnt  wurde,  —  dies  steigerte  seinen 
Missnmth  bis  zur  Erbitterung.  In  dieser  durch  seine  Gegner  faenHUMBChwGrten 
psychischen  Verfassung  schrieb  er  seiue  „üffeuen  Briefe". 

Nur  wer  dessen  sicher  ist,  dass  er  nach  14  Jahre  lang  währender  Verhöhnung 
in  einem  anderen  Tone  schreiben  würde,  wo  es  Pflicht  ist  zu  schreiten,  —  nur  der 
hat  das  Recht  einen  Stein  auf  Semmelweis  zu  werfen. 

Der  Verein  St.  Petersburger   Aerzte   über   die  Aetiologie    and   die   propky- 
lactischc  Behandlung  des  Kiudbettflcbers.    (S.  612.) 

Uebersetzung  aus  dem  ungarischen  Original :  A  sz.  peterväri  orvosegylet 
a  gye  rm  ek  ägyi  läz  oktaijäröl  s  ve  d  kezelesCrßl. 

Erschienen" im  Oivosi  Hetilap.  No.  6,  8.  106-  110;  No,  7,  &  126— 130;  No.  y, 
S.  165—169;  No.  11,  8.  306—210;  No.  13,  S.  250 

Professor  Hugenberger  iu  St.  Petersbure  sendete  an  Semmelweis  einen  Separat- 
abdruck des  Sitznngsprotocolls,  in  dem  die  Verhandlungen  der  St.  Petersburger  Aerzte 
über  die  Eindbettfleberfrage  enthalten  sind.  Der  Originalartikel  erschien  in  exteuso 
in  der  Petersburger  medicinischen  Zeitschrift  1862,  II.  und  111.  Band. 

l»iese  Verhandlungen  bereiteten  Semmelweis  eine  Freude.  Er  erkannte  in 
ihnen  die  Wirkung,  die  sein  Werk  bereits  auf  die  St.  Petersburger  Aerzte  übte. 

In  seiuem  Aufsatze  aber  beschlftiirf  er  aieh  mit  der  Widerlegung  einzelner 
Stimmen,  die  sich  an  der  Debatte  betheifigten  und  in  geringfügigeren  Punkten  TOD 
seiner  Ansicht  abwichen. 


Die  bisherigen  Werke  und  Abhandlungen  Semmelweis'  beschäftigte  sich  alle 
mit  seinen  Lehren  über  das  Kjndbetttieber,  Sie  enthalten  sein  Lebenswerk.  Der 
Ausspruch,  den  Semmelweis  in  vollem  Bewusstsein  schon  1861  that:  „In  der  Aetio- 
logie, in  dem  Begriffe  und  in  der  Prophylaxis  des-  Kindbettfiebers  gibt  es  nicht« 
Geheimnissvolles  mehr;  über  die  Natur  des  Kindbetthebers  ist  ein  sonnenklares  Licht 
verbreitet;  kein  einziger  Punkt  ist  eine  Hypothese  und  die  Zukunft  hat  in  dlMflD 
Paukten  nichts  mehr  zu  lüsenu  —  dieser  Ausspruch  wurde  nunmehr  zur  Thatsache. 
„Die  glücklichen  Zeiten  für  "las  uebbeude  Geschlecht, u  die  Semmelweis  so  sehr 
berausehnte,  sie  sind  eingetroffen,  sie  sind  ihm  zu  verdanken! 


mit  Vorliebe  auf  den  ruhigeren  Gebieten  der  Gynaecologie.  Eine  Reihe  von  hier 
wiedergegebeneu  Abhandlungen  erschienen  im  „Örvosi  Hetilap"  (Aentliohe  Wochen- 
schrift), und  er  hegte  sogar  die  Absicht,  ein  vollständiges  Lehrbuch  der  Gynaecologie 
zu  schreiheu. 

Seine  gynaecologischen  Aufsätze  sind  die  Folgenden: 

IVber  einen   seltenen  Fall  von  gackartiger  Ausbuchtung    des  schwangeren 
Mutterhnlses.    |S.  541.) 

Erschii-iieii  in  der  Wiener  medizinischen  Wochenschrift.  VEI.  Jahrgang,  1857, 
No.  2,  S.  25-26. 

Retetat  über  einen  in  der  December-Sätznng  1856  der  kön.  Gesellschaft  der 
Aerzte  in  Budapest  von  ihm  gehaltenen  Vortrag. 

Im  AUKUg  erschien  das  Referat  auch  in  der  „Vierteljahrschrift  für  die  prak- 
tische Heilkunde",  herausgegeben  von  der  medicinischen  Facultät  in  Prag.  XV.  .Inhr- 
gang.  1858,  I.  Band,  Analekten  S.  57—58. 

Exstirpation  and  Neubildung  eines  l'terusflbrolds;  SchwungerscIniH  mit  nor- 
malem Verlauf,    (S.  543.) 

Uebersetzung  aus  dem  ungarischen  Original :  Mehrostdag  (uterusfibroid) 
kiirtäsa  4s  njra  term ödest;  r enden  lefolvn-ri  t  Grit  6**1 
Erschienen  im:  Orvosi  Hetilap  1861.    No.  15,  S.  286—387. 


604  Anmerknngen  des  Herausgeben. 

Sieben-Monatsgeburt  nebst  Polypös  uteri  flbrosns  Ton  enormer  Grösse.  (S.  544.) 

Uebersetzung aas  dem  Ungarischen :  Het  hönapos  terhesseg,  rendkiv&li 
nagysägu  rostos  uiehpüfeteg  mellett. 

Erschienen  im :  Orvosi  Hetilap,  1864,  Beilage :  Nö-es  gvermekgyögyiszat,  No.  2, 
S.  12—13. 

Aeltere  and  neuere  Theorien  über  die  Menstrnalblntnng.    (8.  545.) 

Ueber  setzung   aus   dem    Ungarischen:   Az    ivarverzes    kür  Uli    regibb   6s 

ujabh  elmeletek. 

Erschienen  im :  Orvosi  Hetilap,  1864,  Beilage :  Nö-es  gyermekgyögyäszat,  No.  2, 

S.  9—12;  No.  3,  S.  17-20. 

Die  Menstruation  und  ihre  Anomalien.    (S.  552.) 

Uebersetznng  aus  dem  Ungarischen:  Az  ivarverzes  es  ennek  rendel- 
lenessegei. 

Erschienen  im:  Orvosi  Hetilap.  1864,  Beilage:  Nö-es  gvermekevögyäszat. 
No.  5,  S.  41—43:  No.  6,  S.  49-52;  No.  7,  S.  57-59;  No.  8.  *S.  65—67;  No.  9. 
S.  73—76;  No.  10,  S.  81—83;  No.  11,  S.  89—94;  No.  12,  S.  102—106. 

Die  operative  Behandlung  der  Ovariencysten.    'S.  583.  i 

Uehersetzung  aus  dem  ungarischen  Origiual:  A  petefeszektömlük  mute- 
ten kezelese. 

Erschienen  im :  Orvosi  Hetilap,  1865,  Beilage:  Nö-es  gvermekgyögväszat.  No.  2, 
S.  9-10;  No.  3,  S.  17—20;  Xo.  4.  8.  25-28:  No.  5.  S.  33-35;  No.  6,'  S.  41—43. 

Der  Aufsatz  endigt  mit  den  "Worten:  ..Fortsetzung  folgt*  .  .  . 

Die  Fortsetzung  erschien  nicht,  da  nach  kaum  zwei  Monaten  der  Tod  der  un- 
ermüdlichen Thätigkeit  des  grossen  Gelehrten  ein  Ziel  setzte. 


Lippen  4  Co.  >:G.  Patz 'sehe  Bnchdr.i,  Naumburg  a.  S. 


»i**»*Ä-M   :. t* •?-"''- "~  .'."■-••*  Y'-.*.y**  sVji  8*»r*~--*  T«.«i  *-i-rxL*r  *»ri— •». 


A«|t*.r*   »;»-j   .-.-.»•.'»•  7 £.-'•.">.'.  r,'.*r  "li*-  M*-a»tr«.»!k':--*'.tr. 


!>!«•   M«;. •»/:. ,i'i mj   i»r»'l  inr«-    lM'm<iIi*ii.      •    '.'. 


Di*  «»[»'  r.i»i-.«    B<b«ui<Jiiinz  d«-r  0».tri>iict»tTi. 


V    :••:.      f    ••-*■•/.•...•  :.._♦• 


I.i|.|mii  A  i  •>    .1..  I'.it/  nr|ic  Hmhilr.     Nnuiiibur^  a.  S.